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ÖRA^Vt
■^
■^'fiRAB.V^'
PHILOLOGISCHE STUDIEN
FESTGABE
FÜR
EDUARD SIEVERS
ZUM 1. OKTOBEB 1896
HALLE A. S.
MAX NIEMEYER
1896
Vs7
■ 1
FESTGABE
EDUARD SIE VERS
BEI DEB VOLLENDUNG 25JAHBIGEB LEHBTHATIGKEIT
ALS PBOFESSOB DEB DEUTSCHEN PHILOLOGIE
IN DANKBARKEIT DARGEBRACHT VON SEINEN EHEMALIGEN SCHÜLERN
K. BOHNENBEBGEB, G. BuRCHARDI, A. CoOK,
E. Elster, E. Hale, G. Hempl, F. Holthausen, G. Kabsten,
F. Kauffmann, R. Kautzsch, K Kehbbach, H. Kebn, A. Leitzmann,
J. Meieb, W. Mettin, F. Panzeb, G. Rosenhagen, F. Saban,
A.Scheineb, 0. Schbadeb, H. Stickelbebgeb, C. Voretzsch,
E. Wechssleb, 0. Wittstock.
20354 j
INHALT.
Seit«
Etymologisch -kulturhistorisches. Von 0. Sehr ad er (Jena) 1
Wimmers mnenlehre. Von GeorgeHempl (Ann Arbor, Michigan, U. S. A.) 12
Bemerkungen zu Cynewulfs CJrist Von Albert S. Cook (Yale University,
Conn., U. S. A.) 21
Zur textkritik der York Plays. Von F. Holthausen (Göteborg) . . . ao
Ueber eine zweifelhafte ausnähme der frühme. dehnung von a, e, o in
offenen silben. Von Edward £. Haie (Union College, Schenectady,
New-York) 58
Das Merowingerepos und die fränkische heldensage. Von CarlVoretzsch
(Tübingen) 63
Der nominatiy pluralis der a-deklination im Althochdeutschen. Von
O. Burchardi (Friedenau bei Berlin) 112
Das Hildebrandslied. Von Fr. Kauffmann (Kiel) 124
Zur metrik Otfrids von Weissenburg. Von F. Sara n (Halle a. S.) . . 179
Personennamen aus dem höfischen epos in Baiem. Von Fr. Panzer
(München) 206
Zur spräche Veldekes. Von J. H. Kern (Botterdam) 221
Die episode vom raube der königin in Hartmanns Iwein. Von G. Rosen -
hagen (Hamburg) 231
Zur beantwortung der frage nach den quellen von Wolframs Parzival.
Von Eduard Wechssler (Halle a. S.) 237
Das Verhältnis des Lorengel zum Lohengrin. Von ErnstElster (Leipzig) 252
Die ältesten deutschen pilgerlieder. Von W. Mettin (Waidenburg i. Schi.) 277
Notiz über einige elsässische bilderhandschriften aus dem ersten viertel
des 15. Jahrhunderts. Von R. Kau tz seh (Halle a. S.) 287
Fauststudien. Von Gustav E. Karsten (Bloomington, Indiana, U. S. A.) 294
Die Widmung von Georg Forsters 'Ansichten vom Niederrhein*. Von
A. Leitzmann (Weimar) 314
Die deminutiva in der Bemer mundart. Von H. Stickelberger (Burg-
dorf in der Schweiz) 319
Die siebenbürgische vokalkürzung. Von A. Scheiner (Hermannstadt) . 336
VI INHALT
Seite
Ueber den schwerttanz der Siebenbürger Sachsen. Von 0. Wittstock
(Hermannstadt) 349
Zn den flnmamen. Von E. Bohnenb^rger (Tübingen) 359
Deutsche spräche und litteratur am Philanthropin zu Dessan (1775 bis
1793). Von Karl Kehrbach (Berlin) 374
Eine popnläre Synonymik des 16. jahrhnnderts. Von John Meier
(Halle a. S.) 401
ETYMOLOGISCH - KULTURHISTORISCHES.
Von 0. SCHRADER
(Jena).
1. Wels und walfisch.
Bei dem bekannten mangel etjinologiscli übereinstimmender
fischnamen in den idg. sprachen verdienen einige spezielle be-
rührungen der germanischen mit den litu-slavischen sprachen
auf diesem gebiet besondere beachtung. Zu den bereits er-
mittelten fällen dieser art wie altpr. lasasso, lit. lasziszä, russ.
lososi : ahd. lah^ ^lachs' oder altpr. Unis, lit. l^nas, öech. Un
: ahd. slio * Schleie' füge ich einen neuen in der, so viel ich
weiss, noch nicht beachteten gleichung:
altpr. Icalis * weis ', Silurus ghxnu (Nesselmann, Thes. s. 62)
= germ. "^hvalis-y mhd. weis
hinzu. Der stamm ^hvalis- *wels' aber kann, worauf schon
Kluge, Et. Wb. * unter walfiscih hinweist, nicht von ^hvala- (ahd.
wal, ags. hvüßly an. hvalr\ vgl. auch ehstn. valas) * walfisch'
getrennt werden, so dass sich, da nunmelir durch das altpreussische
für *hvalis', ^hvala- die ursprüngliche bedeutung * weis ' feststeht,
der schluss ergibt, dai«« die Germanen, in vorhistorischen Zeiten
mit dem weis bekannt, den namen dieses fisches auf den wal-
fisch übertragen haben, nachdem sie in berühi-ung mit dem
nordmeer und seiner tierweit gekommen waren. Eine solche
Übertragung lag nahe genug. Der weis ist der grösste der
europäischen flussflsche und erreicht in der Donau, wo er am
häufigsten vorkommt, *bei einer dicke, dass ihn kaum zwei
männer umspannen können, nicht selten eine länge von 3 m und ein
gewicht von 200 — 250 kg.' (Brehms Tierleben, fische, Leipzig 1892,
s. 236). Schon Plinius (hist. nat. 9, 45, ed. Detlefsen) ist erstaunt
Fettgab« fttr BieT«ii. |
2 SGHRADER
über die beträchtliche schwere des deutschen weises (silurtis):
prcecipue in Mceno Germanica amne protelis boum et in Danuvio
marris exträhitur porculo marino simillimus, und bereits Ausonius
in seiner Mosella hat den vergleich z\\ischen dem silums und
dem walflsch (balcena) gezogen: talis Atlantiaco quondam balcma
profunda cum vento tnotuve suo ielluris ad oras pellitur, exclusum
fundit mare, magnaque surgunt cequora vicinique timent decrescere
montes . hie tarnen, hie nostrce mitis balcena Mosellas
exitio procul est magnusque honor additus amni. Noch heute
aber hat der weis in zahlreichen gegenden Deutschlands namen
wie weller, wdller, Wallerfisch (vgl. C. Gesner, Hist. anim. lib. 4,
Tiguri 1558, s. 1050), die völlig identisch mit dem oben noch
nicht genannten ahd. welira (: *hvalis') * walflsch' sind. Bei
dieser form des Stammes ist also überhaupt eine differenzierung
wie zwischen weis und wal nicht eingetreten.
Je mehr aber der stamm ^hvala- im germanischen von dem
weis auf den walflsch übertragen wurde, um so mehr stellte sich
das bedürfnis heraus, neue namen für den weis zu schaffen.
Ein solcher ist das namentlich an der Donau herrschende schaid,
schaiden, ahd. sceida, vgl. auch engl, sheath-fish, wol der * scheiden-
fisch', a figura vaginos, priBsertim gladii equestris^ quce latior
initio, paulatim in angustum desinit (C. Gesner 1. c). Dunkel
ist mir das von Nemnich, Wörterb. d. naturg. s. v. silurus ge-
nannte schwedisch-dänische malle, mall *wels'.
Nicht unmöglich ist, dass sich die reihe altpr. kalis, germ.
*hvalis; *hvala' *wels', dann * walflsch' noch weiter und zwar
ins lateinische verfolgen lässt, wo s-quälu-s nach den Lexicis
angeblich den meersauflsch bezeichnet. Doch ist die Überlieferung
des Wortes (bei Varro, Ovid, Plinius) nach form und bedeutung
so ungewiss, dass nicht Aiel mit demselben anzufangen ist.
2. Scandinavia = *häringsau'.
Hat uns die bisherige betrachtung mit einer speziellen
Übereinstimmung des germanischen mit dem altpreussischen auf
dem gebiete der flschnamen bekannt gemacht, so wird die
folgende erörterung der terminologie des härings in die keltisch-
germanische weit führen. Ich sehe hierbei ab von den beiden be-
kannten gruppen in den germanischen benennungen dieses flsches,
der westlichen, ahd. häring, hering, ags. hcering und der östlichen.
ETYMOLOGISCH - KULTURHISTORISCHES. 3
an. süd (russ. seRd(, altpr. sylecke, lit. siike), über die ich nichts
neues zu sagen weiss, um auf eine reihe von namen hin-
zuweisen, die bis jetzt wenig beachtung gefunden hat: altir.
scaian (Corm.), sgadun gl. allec (bei Stokes, Irish gl. 967, vgl.
auch Zeuss, Gr. celt.* s. 776), nir. sgadan, manx skeddan, cjTur.
ysgadan ^herring', ags. sceadd, engl. sJiad, norw. siadd, nhd. (mund-
artl.) schade, sdiaden. Die feste bedeutung dieser Wörter in den
keltischen sprachen ist also häring, da auch allec im mittelalter-
lichen latein nichts anderes als diesen fisch bezeichnet. Ags. sceadd
kommt nach Bosworth (An Anglo-Sax. Dict. 2. aufl.) nur einmal
vor: Ic geann ^Ifhelme and Wulfäge bcera landa hetwux Ribbel
and Mcerse and an Wirhalum , . , an bcet geräd fSonne sceaddgenge
sp (oder sceadd genge sy?) Öcet heora dbgt^er sylle III püsend
sceadda intö t^cere stötae mt Byrttme. *I grant to Ae. and W.
the lands between the Ribble and the Mersey and in Wirral . . .
on the condition that, when shad are in season (*wenn der s.
zieht') each of them give III thousand shad to the convent at
Burton' (Chart. T. 544, 21 — 31). Ob hier sceadd auch, wie in
den keltischen sprachen, den häring bedeutet, lässt sich nicht
sagen. Engl, shad jedesfalls ist nicht der eigentliche häring
{Clupea harengus), sondern der diesem nah verwante, diesem
für den unkundigen zum verwechseln ähnliche und im englischen
(vgl. Nemnich s. v. Clupea alosa) geradezu motJier of herrings
genannte maifisch. Vgl. über denselben Brehms Tierleben,
fische, Leipzig 1892, s. 379 f. und die Encyklopaedia Britannica
(s. V. shad). Denselben fisch meint auch das deutsche, von
Niederdeutschland ausgehende schade, schaden (scharf von dem
oben genannten schaid, sdiaiden *wels' zu trennen), während
norw. slcadd nach dem Norsk Ordbog von Ivar Aasen (2. aufL
1873, s. 658: skadd m. en liden Sik [Fish] aus Hallingdal) für
einen kleinen der familie der lachse angehörigen fisch, Salmo
lavaretus gilt. Auch dieser (schwed. sik = an. sikr, russ.
sign u. s. w.), bei uns gewöhnlich schnäpel genannt, heisst aber nach
Brehm 1. c. s. 359 gelegentlich maifisch. Ungefähr von härings-
grösse, in der nord- und ostsee heimisch, mit weissem, zarten
und schmackhaften fleisch, gehört er * zu den im meere lebenden
und von hier aus während der laichzeit in den flüssen auf-
steigenden renken'. Vgl. auch die abbildungen von Clupea
harengus und Salmo lavaretus bei Brehm 1. c. s. 368 u. 359.
Dass die hier angezählten benennungen des härings oder
1*
4 SCHRADER
eines häringartigen fisches etymologisch zusammenhängen,
wird niemand bezweifeln, wie sie denn auch schon bei
Skeat ») (Et. dict. unter shad) wenigstens teilweise mit einander
verglichen werden. Sehr schwierig aber ist es, das historische
Verhältnis der einzelnen glieder dieser sippe zu einander fest-
zustellen, und ich wage nicht mit völliger Zuversicht etwas
hierüber auszusagen. Es scheint, dass ir. scatan : cymr. ysgadan
sich verhält wie ir. cretim : cymr. credu (vgl. K. Brugmann, Grund-
riss 1, 381, nach Thurneysen), also auf ein urkeltisches *scad^-,
idg. *scaddh- zurückgeht. Auf dieses könnten auch die germa-
nischen formen als urverwant zurückgeführt werden; doch stände
auch der annähme ihrer frühzeitigen entlehnung aus dem kel-
tischen nichts im wege. Möglich wäre endlich, dass wir es
überhaupt ursprünglich weder mit einem keltischen noch ger-
manischen Worte zu tun haben, sondern mit einer erborgung
aus dem Wortschätze einer vor-kelto-germanischen, dem härings-
fang obliegenden küstenbevölkerung, etwa jener wilden und bar-
barischen Vorläufer der heutigen holländischen häringsfischer an
der Rheinmündung, von denen Caesar, De hello gall. 4, 10 be-
richtet, dass sie piscihus (nur von häringen) atque ovis avium
vivere existimantur.
Wie sich nun dies auch immer verhalten möge, in hohem
grade walirscheinlich scheint es, dass jenes air. scatan, ags.
sceadd, resp. sceadda in dem zuerat von Plinius und zwar in
in einer doppelten Schreibung überlieferten landschaftsnamen
Scatin-avia (hist. nat. 4, 96) und Scadin-avia (8, 39; vgl.
Müllenhoff , D. A. 2, 359 f.) erhalten ist, die ich somit als
'häringsaue' deute. Dass die namen nördlicher eilande oft
hergenommen sind von den Produkten, welche sie erzeugen, be-
weisen die Faröem oder schafinseln, die Fabariae (Baunonia)
>) Dieser setzt als nominativ des ags. wortes sceadda an: ^ sceadda ^ a
kind of fish; Monasticnm Anglicanum 1, 266, 45 u. 46 (Bosworth)\ Ich hahe
hier (in Jena) nicht ermitteln können, oh die ftlr sceadda angeführte quelle
dieselbe ist wie die oben s. 3 aus der 2. ausgäbe des Bosworth'schen lexicons für
sceadd mitgeteilte. Auf den nominativ sceadda könnten hinweisen frühnen-
englisch a shadde (vgl. Gesner, I.e. 8.24: Fauconerus Anglus clupeam vel
chepam Venetis dictam anglice a shadde nominari me docuit) und nhd.
schade, schaden. Wäre ein ags. nom. sceadda sicher überliefert, so müsste in
der oben im text genannten Urkunde sceadda als sceadda{n) = acc. plur. oder
für sceaddena (vgl. Sievers , Ags. gr.* § 276 , anm. 2) gefasst werden. Aber
seeadd-genge?
ETYMOLOGISCH - KULTURHISTORISCHES. 5
oder bohneninseln, die Cassiteriden oder zinninseln. Neben der
irischen und schottischen küste aber gehört bekanntlich Nor-
wegen seit der ältesten zeit zu den ergiebigsten fangplätzen des
härings (vgl. Brehm 1. c. s. 369). Hier und in Schonen (altn.
SJcdney), das bis heute das alte '^Scadn-avia treu repräsentiert,
bildet der häring schon in altnordischer zeit (vgl. Weinhold,
Altn. leben s. 70) den bedeutendsten teil der volksnahrung. So
ergibt sich also mit der in diesen dingen überhaupt erreichbaren
Wahrscheinlichkeit, dass in Scatinavia, Scadinavia eine Nor-
wegen, Schonen und auch wol den gegenüberliegenden teilen
Dänemarks nach dem haupterzeugnisse ihrer küstenstriche ge-
gebene benennung keltisch -germanischer schiff er vorliegt, die
ihre fahrten bis dahin ausdehnen und die erste künde von den
genannten ländern auch den Römern vermitteln mochten.
Von Interesse in diesem Zusammenhang ist auch eine notiz
aus dem Germania-commentar von Althamer Brentius (1580), die
ich Kluge verdanke: Hie Codanus sinus (ostsee bei Plinius 4, 96)
nohis haleces largitur, ideo quidam hunc den Heringsee cogno-
minavenmt (s. 508).
Anders über Scadinavia Müllenhoff, D. A. 2, 367 ff. und
R. Much, Zs. fda. 26, 125 ff.
3. Laib und brot.
Durch die germanischen sprachen ziehen sich zwei reihen
zur bezeichnung des brotes, einmal ahd. leip (neben mhd. lebe-
kuoche), ags. hldf, an. hleifr, got. hlaifs, das andere mal ahd.
brot, ags. bredd, an. braute. Es gilt hier, das historische und
sachliche Verhältnis dieser beiden gruppen zu einander fest-
zustellen.
Da an dem auch ins finnisch-lappische (finn. leipä) in diesem
sinne übergegangenen stamme ^hlaiba- überall und seit der ältesten
zeit die bedeutung * brot ' haftet, so liegt kein vernünftiger gi-und
vor, dieselbe nicht schon für das urgermanische anzusetzen. In
der tat weist alles darauf hin, dass die bekanntschaft mit ge-
backenem brot bereits in die älteste germanische epoche zurück-
geht. Die namen der wichtigsten getreidearten, der gerste (got.
barijs-eins), des weizens (got. hvaiteis), des hafers (aschw.
hagre, ahd. habaro), des roggens (an. rugr) sind urgermanisch.
Die bekanntschaft der Germanen des 1. nachchristlichen Jahr-
hunderts mit gerste und weizen wird durch Tacitus' Ger-
6 SCHBADEB
mania 23 (potui umor ex hordeo aut frumento,^) in quandam »imili-
tudinem vini corruptus), die mit dem hafer schon früher durch
Plinius hist. nat. 18, 149 (avena — quippe cum Germanice
poptdi serant eam neque alia pulte vivant ^) ) be^^iesen. Nur für
den roggen fehlt ein ausdrückliches zeugnis aus dieser zeit, da
die nachrichten der alten hinsichtlich dieser getreideart sich auf
Thracien, Macedonien und das Alpengebiet (vgl. V. Helm, Kultur-
pflanzen ^ s. 537) beschränken.
Als urgermanisch oder schon vorgermanisch erweisen sich
auch eine ganze reihe von termini der brotbereitung in den
germanischen sprachen. So der teig (ahd. teicj ags. ddh, an.
deig), das kneten (ahd. Jcnetan, ags. cnedan, an. htof^a, asl.
gnetq, vgl. auch altpr. gnode * teigtrog, backtrog'), das backen
(ahd. bahlian, ags. bacan = griech. gicoyco * röste'), während ahd.
harst(j)an, ags. hyrstan 'rösten' sich auf das westgermanische
beschränkt und ahd. rost, rösta, wovon rösten (wie ich glaube
: an. raubt * eisen ', finn. rauta desgl. gehörig ; vgl. as. hröst : got.
hröt *dach') nur in dieser spräche überliefert ist. Ein gemein-
germanischer name einer art backwerk liegt auch in ahd. kuohho
(bei Graff immer = spätlat. torta v. torqueo, winden), engl, cdke
und ihrer sippe (vgl. dieselbe bei Kluge, Et. Wb.* s. v. kuchen\
st. **öA;-, *A:aÄ;- vor, für die es leider an jeder annehmbaren er-
klärung fehlt. ^)
*) Vgl. it. formentOf afr. frumentf iifrz. froment 'weizen', wie denn
auch die meisten nud beMen interpreten von Tacitns' Germania tibersetzen.
*) Alis dieser nachricht kann selbstverständlich nur gefolgert werden,
dass die Germanen die puls ansschliesslich ans hafer bereiteten, nicht aber,
dass sie ausser hafer kein anderes getreidc gekannt oder diesen nur zu pulSf
nicht auch zu brot verwendet hätten.
*) Bedenkt mau, dass im germanischen so oft die verschiedenen gattungen
des backwerks ihre namen von der gestalt haben, in der sie zuerst her-
gesteUt wurden, dass wecken der keil, krapfen der haken, kipfel die wagen-
runge (vgl. auch hömchen, bretzel und stoUen = Jf dem alten bergmanns-
zeichen für den bergwerkstoUen) ist, so liegt es nahe, ahd. kuohho mit ahd.
kuohha in slito-chöha ' schlitt^nschnaber, 'kufe' zu identificieren. Der stamm
*kak' (neben *k6k') läge dann in dem von Kluge verglichenen lit. zägre * gabel-
holz am pflüge' vor, und, wie so oft, hätte auch in dieser sippe eine spätere
übertragene bedeutung die alte und ursprüngliche überwuchert. Vielleicht,
dass man von dem mythologen aufschluss über die etwaige bedeutung eines
'kufenartig gewundenen gebäcks' erwarten dürfte; denn dass, wie im griechischen
und ri^mischen heidentum (vgl. Lobeck, De placentis sacris I u. ü, Regimonti
Borussonun 1828), so auch im germanischen heiliges backwerk in verschiedenen
ETYMOLOGISCH- KÜLTÜEHISTOBISCHES. 7
Endlich weist auch die prähistorie aiif ein sehr hohes alter
des brotes in Europa hin. In den schweizer pfahlbauten sind
verschiedene brotarten, und zwar schon in den ältesten Stationen
(Wangen, Robenhausen) zu tage getreten, die von 0. Heer (Die
pflanzen der pfahlbauten s. 9) ausführlich beschrieben werden.
Sie bestehen t^ils aus weizen, teils aus hirse: ^bei dem ge-
wöhnlichen Weizenbrot wurden die kömer stark gerieben, dann
mit wasser ein teig angemacht und dieser auf einen heissen stein
gelegt und wahrscheinlich mit asche zugedeckt ... Es waren
diese brote rundlich, aber ganz nieder; sie hatten nur eine
höhe von 15 — 25 mm., bekamen also mehr die form von kuchen
oder zelten, wie man in manchen gegenden solche flache brote
nennt '.
Von dieser oder ähnlicher beschaffenheit werden auch die
urgermanischen *hlaidös gewesen sein.
Was die weitere Verfolgung des germanischen Stammes
*hlaiba' in die verwanten sprachen anbetrifft, so will ich nur
kurz erwähnen, dass nach allem, was neuerdings von Kozlovsky,
Archiv f. slav..spr. 11, 3, 386, Lid6n, B. B. 15, 3, 514 und
Pedersen, IF. 5, 50 hierüber gesagt ist, mir die ansetzung eines
ureuropäischen Stammes *khhibho-, *Jchleibho-y '^khUbho- am wahr-
scheinlichsten erscheint, der historisch durch got. hlaifs, asl.
dUebu, lat. l(bum (*hlibum), mhd. lebe-kuoche repräsentiert würde.
Ist dies richtig, so würde die bekanntschaft der Germanen mit
kuchenförmigem brot in noch höhere zeit hinaufgerückt.
Wir sahen oben, dass eine charakteristische eigentümlich-
keit jener ältesten brote der schweizer pfahlbauten ihre niedrig-
gestalten gebacken wurde, ist bekannt. Ich brauche nur an das im Indiculus
superstitionum et paganiarum genannte simulacrum de consparsa farina oder
an den ags. solmönath (potest dici menais placentarumf quas in eo diis suis
offtrthant bei Beda) zu erinnern. Was dieser deutung im wege steht, ist,
dass man in historischer zeit wenigstens unter kuchen ein ganz rundes
flaches gebäck versteht. Uebrigens muss kuchen in der ältesten zeit nicht
wesentlich verschieden von got. hlaifs gewesen sein (vgl. auch die angaben im
Grimmischen wb. nnt€r kuchen). Die fertigkeit, mit hinzunahme von milch,
eiern und butter ein feineres back werk herzu8t«Uen, scheint bei den Germanen
erst von den Bomanen her eingang gefanden zu haben. Vgl. schon Plinius 18,
105: quiäam ex ovis avJt lade syängunt^ butyro vero gentes pacatas,
ad operis pistorii genera transeunte cura. Ich vermute, dass auf dem wege
der kuchenbäckerei das romanische butyrum zuerst in niederdeutschen, dann
in hochdeutschen mundarten sich verbreitet hat; denn zu anderen zwecken
war butter längst den Germanen eine bekannte sache.
^ SCHRADER
keit war, die schon J. Lubbock (Die vorgesch. zeit, 3. aufl., s. 207)
auf die Vermutung brachte, dass sieohnehefe hergestellt worden
sein möchten. Sicher sind die dem pfahlbau des Mondsees ent-
nommenen und im Privatbesitz des dr. M. Much (Wien) befind-
lichen brote ohne dieselbe angefertigt. In der tat hat sich die
kunst, dem teig durch zusatz von hefe oder Sauerteig leichtere Ver-
daulichkeit und grösseren wolgeschmack zu geben, in Europa ver-
hältnismässig spät verbreitet. Ueber die griechischen Verhältnisse
vgl. den lehrreichen aufsatz von 0. Benndorf, Altgriechisches brot
(sonderabdruck aus ' Eranos Vindobonensis ') s. 4. Benndorf nimmt
an, dass die bekanntschaft mit dem Sauerteig in Aegyi)ten aufkam
und erst in historischer zeit von dort zu den Griechen gelangte.
In Italien ward der Flamen Dialis angehalten, farinam fermento
ihbutam zu vermeiden (vgl. Heibig, Die Italiker in der Poebne
s. 72 nach Gellius und Festus), eine unzweifelhafte erinnerung
an eine zeit, in welcher es noch kein gesäuertes brot gab.
Nachdem dasselbe bekannt geworden war, bedienten sich Griechen
und Römer (vgl. Blümner, Terminologie und teclmologie 1, 58)
zur herstellung des Sauerteigs, wie es bei weinbauenden Völkern
zu erwarten ist, vorwiegend des mostes, der mit hirse zu-
sammengeknet^t wurde. Es musste daher den alten auffallen,
wenn sie es anders bei anderen Völkern fanden. Sehr wichtig
in diesem Zusammenhang ist nun folgende nachricht des Plinius
(Hist. nat. 18, 68): Gallice et Hispanice frumento in potum
resoluto (quibus diximus generibus) spuma ita concreta pro
fermento utuntur, qua de causa levior Ulis quam ceteris panis
est Aus diesen werten folgt, dass man sich in den bierbrauenden
ländem Gallien und Spanien der hefe des bieres zur anfertigung
des Sauerteiges bediente, eine kunst, die den ceteri, worunter nur
die übrigen barbaren des nordens, also auch die Germanen
verstanden werden können, damals noch nicht geläufig war.
Deren brot war demnach damals noch ungesäuert, schwer und
unverdaulich. Nichts anderes als diese spuma concreta frumetUi
in potum resoluti des Plinius, also * bier, bierhef e ', dann den mit
bierhefe bereiteten Sauerteig») hat nun nach meiner meinung
die gleichung ahd. brot, ags. bredd, an. braute = ßgovrog
^) Analoga: ags. beorma ^ banne, hefe' etc. : Iht. fermentum 'sanerteig'
(auch 'hier'), alb. brum 'Sauerteig', 'brotteig'; vgl. auch griech. ^vfjioq 'Sauer-
teig' : l^v^oq 'hier', lat. jus 'brtthe', lit.Jt^^ 'schlechte suppe von Sauerteig'.
ETYMOLOGISCH-KÜLTÜEHISTOBISCHES. 9
(Hesych.)* hc xQid^cov jrofia (ein offenbar nordeurop. wort) und
ßifvTov (der phrygisch-thrakische name des bieres) von ahd.
hriutcan 'brauen' ursprünglich bedeutet. Wol ist diese Zu-
sammenstellung nicht neu, aber man hat, wie dies auch Kluge,
Et. Wb.* s. 55 tut, darin geirrt, dass man für das germanische
die Wurzel bhrew, bhru in der bedeutung 'backen' oder dergl.
ansetzen zu müssen geglaubt hat, was von dem richtigen wege
der erklärung ablenken musste. Jedenfalls lässt sich eine solche
bedeutung für briuwan nirgends nachweisen ; auch wäre *braut$a-
als * gebackenes ' gegenüber dem doch nicht minder gebackenen
*Äfai8o- so unbezeichnend wie möglich.
Von Westen, dem gallisch -romanischen westen, ging dann
in der germanischen weit die festsetzung des Stammes *braubar
in der bedeutung *brot' aus. Das lässt sich noch an der band
der Überlieferung zeigen. Im althochdeutschen hat brdt von an-
fang derselben an die feste bedeutung von panis. Im angel-
sächsischen aber tritt bredd als besonderes wort (s. u.) und in
der bedeutung von brot (agrog) und bissen brot (tpcofilov) erst
im 10. jh. auf. Der gewöhnliche ausdruck ist durchaus hldf, wie
auch die zahlreichen und wichtigen composita mit diesem stamm
Mdford, hldefdige u. s. w. zeigen (vgl. Bosworth, An Anglo-Sax. dict.'
8. 121). In der altscandinavischen poesie endlich gilt ausschliess-
lich hleifr, und erst ganz spät tritt auch hier braute (dän. bröä)
* brot ' auf (vgl. Vigfusson, An Icelandic-English dict. s. 76).
Einer auseinandersetzung bedarf noch die gemeinsam west-
germanische Zusammensetzung ahd. (vgl. Graff, Ahd. Sprachschatz)
bia-bröt, mhd. Mebröt, ags. beö-bredd, welches letztere früher als
das Simplex bredd überliefert ist. Was ist nun die eigentliche
bedeutung dieses ausdrucks? Diese frage ist nicht so einfach
zu beantworten, da die schriftsteiler, welche die genannten
Wörter gebrauchen, offenbar verschiedenartige dinge in ihnen
zusammengeworfen haben. Unter 'bienenbrot' versteht der
heutige bienenzüchter den pollen oder das blumenmehl, eine
gelbliche, bitterlich süss schmeckende Substanz, welche die bienen
in ihre stocke eintragen. Aus diesem bereiten sie durch zutat
von honig und Speichel einen futterbrei für die lar\'en, der
sich als eine süsslich- säuerliche flüssigkeit darstellt. Mustert
man hiernach die belegstellen, welche Bosworth (1. c.) unter beö-
bredd aus dem angelsächsischen beigebracht hat, so ergibt sich,
dass der gebrauch unseres Wortes als gleichbedeutend mit honig,
10 SGHRADER
honigscheibe (honey-comb, favus), wie dies auch B. selbst hervor-
hebt, ein durchaus misbräuchlicher ist, aus der naturgeschicht-
lichen Unkenntnis der betreffenden Schriftsteller hervorgegangen.
Dasselbe gilt natürlich auch von ahd. btabröt = favus. *) Honig
und beö'breäd sind verschiedene dinge. Es bleiben demnach für
die feststellung der ursprünglichen bedeutung von beö-breäd
zwei möglichkeiten übrig; entweder heo-hredd ist = dem pollen
allein, oder es ist = dem zum futterbrei verarbeiteten pollen,
also pollen + honig und speichelsäure. Eine der Bosworth'schen
stellen (J am sweeter than if thou blendest bee-bread wifh Iwney)
scheint mehr für erst^re, alle übrigen stellen {they are sweeter
than honey or bee-bread; bee-bread seems sweeter, if he before hos
had a taste of bitter; it is better and sweeter than mach honey
and bee-bread) scheinen mehr für letztere zu sprechen. Denn
wer sich der mühe unterzieht oder unterzogen hat, sowol pollen
wie auch futterbrei selbst zu kosten, wird wol begreifen wie
der letztere, nicht aber wie der erstere auf gleiche stufe mit
dem honig gestellt werden kann. Nimmt man nun dem ent-
sprechend als ursprünglichste bedeutung von beo-bredd die von
futterbrei oder futtersaft, also von blumenmehl und honig nebst
speichelsäure an, so ist in dem zweiten teil jenes alten com-
positums die oben sprachlich und sachlich erschlossene Urbedeutung
des germanischen Stammes *brautiar = ßgovroq *bräu, brühe'
noch treu erhalten geblieben, beö-bredd wäre dann von hause
aus nichts anderes als ^bienenbräu oder -brühe'. Der vergleich
jenes sauersüssen bienenfuttersaftes aber mit * gebrautem ' musste
in alten zeiten um so näher liegen, als in einer epoche des Über-
gangs vom met zum biere dem letzteren honig ohne zweifei
zugebraut wurde, was folgende, bis jetzt in diesem zusammen-
hange wenig beachtete stellen beweisen: Strabo IV, 5, 5: {jcsqI
tijg &ovXf]Q) jtaQ* olg de olroq xa\ /iiXi ylyvexai, xal ro xo/ia
ivT6vd-ev ix^iv, Diodorus Siculus V, 26: öiojteQ rdip FaXaräv
ol xovtatv {xov olvov) xAv xagjtcov öxeQioxofieroi jtofia xaxa-
öxevd^ovciv ix x^g xgi&ijg x6 jtQoöayoQsvofievop ^H&og, xal rä
xfiQla xXvvopxeg x<p xovtmp dxoxXv/iaxi xQc^vxai, Athen.
IV, s. 152: (KeXxol) jtagd 6h xotg vjtoöeecxiQoig ^v&og xvQivov
') Aus dem mhd. kenne ich nur die steUe er az daz 8% heizent ptebrdt
(Hartmann, V. Glauben 1280 f.). Auch hier wird fälschlich an honig (favus
meUia) gedacht.
ETYMOLOGISCH -KÜLTÜRHISTOBISCHES. 1 1
liBxä iiiXixoq laxevao/iirov. Wenngleich diese nachrichten sich
ausschliesslich auf keltische stamme beziehen, so darf doch die
gleiche gewohnheit auch für die germanischen Völker mit Sicher-
heit vorausgesetzt werden. Dass aber auch bei letzteren die
bienenzucht in ein genügend hohes alter zurückgeht, um die be-
kanntschaft mit dingen wie dem futterbrei oder dem bienenbrot
zu ermöglichen, bedarf keiner beweisführung. Vgl. z. b. Anton,
Gesch. d. teutschen landwirtschaft s. 163 ff. (über die deutsche
bienenzucht in den Verordnungen der gesetzbücher bis auf Karl
d. grossen).
Wenn nach dem bisherigen der stamm *braubar in den
germanischen sprachen allmählich von der bedeutung 'bierhefe',
*mit bierhefe angemachter Sauerteig' zu der bedeutung von
*brot' sich entwickelt hat, so haben sich in denselben zwei
andere ausdrücke auf die bezeichnung des Sauerteigs fixiert. Es
sind dies einerseits got. beist, andererseits ahd. deismo, ags.
pcesma. Ersteres wird von Feist (Grundriss s. 18) und anderen
zu got. baitrs 'bitter' gestellt, während Kluge (PBB. 7, 524) es
mit ahd. un-gi-billöt bröt *azymus panis' (W. Ms) zusammen-
bringen möchte. Letzteres düi-fte zu urkelt. *toi5-to- (ir. tdiSy cjmr.
toes XL s. w.) * teig ' und ursl. Hes-to- (russ. testo u. s. w., aber lit.
teszlä, taselä?) 'teig' zu stellen sein, und demnach selbst ur-
sprünglich *teig' bedeutet haben.
Nachdem aber in germanischen landen gesäuertes brot die
regel geworden war, lag es nahe, das alte laib mehr und mehr
zur bezeichnung der gestalt des brotes (und ähnlicher dinge)
zu verwenden, für deren Substanz sich das wort bröt immer
fester setzte. Diese bedeutungsentwicklung lässt sich auf mehreren
germanischen Sprachgebieten nachweisen, was aber hier nicht
weiter verfolgt werden soll.
Ich bemerke zum schluss dieser auseinandersetzung, dass
V. Hehn auch hier bereits das richtige geahnt hat, indem er
Kulturpflanzen > s. 541 sagt: 'in dem deutschen brot liegt, wie
wir glauben, der begriff des gesäuerten brotes'. Freilich bietet
er nichts als diese bemerkung.
WIMMERS RUNENLEHRE.
Von George Hempl
(Ann Arbor, Michigan, U. S. A.).
W immer 8 behandlung der rnnen ist so umfassend und
übertrifft in so vielen beziehungen die darstellung anderer, die
über diesen gegenständ geschrieben haben — wie namentlich
Taylor und Stephens — , dass der eindruck \ielfach verbreitet
ist^ sie sei nahezu erschöpfend, und es könne jetzt füglich nichts
vorgebracht werden, was mit Wimmers Schlüssen in wesentlichen
punkten im Widerspruch stände. Ich weiss nicht, ob die zeit
für eine allgemeine genauere Untersuchung des gegenständes
schon gekommen ist; es finden sich aber in Wimmers buch ge-
wisse behauptungen, die im lichte des gegenwärtigen Standes
unseres Wissens der berichtigung bedürfen, und, was von noch
grösserer Wichtigkeit ist, es finden sich gewisse züge in Wimmers
behandlung der sache, die auf den ernstlichen beifall wissen-
schaftlicher forscher nicht rechnen können.
Er ist von vornherein von der ansieht eingenommen, dass
sich ehedem jemand mit vorbedacht hingesetzt und das dreilinige
aus 24 buchstaben bestehende Futhark aus dem lateinischen
aiphabet konstruiert und, wo sein material nicht zureichte, seine
Zuflucht zu mannigfachen besonderen lülfsmitteln genommen habe.
Diese abneigung Wimmers in dem fiiihesten gebrauch der runen
eine natürliche entwicklung zu erkennen, hat in vielen fällen
seiner behandlung des gegenständes die färbung des gekünstelten
und willkürlichen verliehen und ihn verleitet die tatsachen seiner
theorie gewaltsam anzupassen.
In folgendem will ich versuchen einige beispiele hervor-
zuheben, um diese behauptungen zu rechtfertigen. Wo ich selbst
erklärungen beibringe, möchte ich sie damit nicht als positiv
WIMMERS RUNENLEHBE. 13
sicher hinstellen; denn bei einem derartigen gegenstände, wo
zeit und räum so ausgedehnt, der stoff aber so spärlich ist, sind
oft verschiedene erklärungen gleich wahrscheinlich und berechtigt.
Wimmer behandelt die verschiedenen italischen dialekte
ziemlich erschöpfend, um zu zeigen, dass nur das lateinische die
grundlage des runischen Futhark bilden könne; aber gerade
jenes nicht lateinische aiphabet, das die auffallendste ähnlichkeit
mit dem runenalphabet hat, erfährt von Wimmer die geringste
beiiicksichtigung. Er sagt 1. c. s. 52: *Zu der jetzt besprochenen
gruppe von italischen alphabeten gehört auch das sabellische in
den beiden inschriften von Crecchio und Cupra maritima; aber
da es nicht vollständig bekannt ist, und die bedeutung einzelner
zeichen noch als zweifelhaft gelten muss, übergehen wir es hier.'
Und in einer f ussnote s. 95 fügt er hinzu : * Dasselbe ist der fall
mit dem zu dieser gruppe gehörigen sabellischen alphabete, das
dieselbe d-form wie das oskische gebraucht und wie dieses das
durch ein aus u gebildetes zeichen ausdrückt; für r und für
den Zischlaut finden sich die aus dem etruskischen bekannten
formen, und C ist w, während die eigentümlichen zeichen [J] und
H f auszudrücken scheinen. '
Offenbar war Wimmer nur mit den beiden inschriften von
Cupra maritima und Grecchio bekannt und war in bezug auf
den wert einiger zeichen völlig im irrtum. Das d ist nicht
gleich dem oskischen; das o ist nicht ein modificiertes u, sondern
O oder □, welches, punktiert, wahi-scheinlich das ist, was Wimmer
als ein zeichen für den Zischlaut ansieht; Q] ist sicherlich h,
und 13 oder ^ ist nicht f, sondern die fricativa, die Pauli (Alt-
italische Studien 3) mit s* umschreibt. Ausserdem hat nicht
niu' das lateinische (s. 96 oben) , sondern auch das sabellische, ^
und ^ ; und das sabellische ähnelt dem runenalphabet in hinsieht
der JEormen des s ebenso sehr wie das lateinische (s. 96 unten).
Ueberdies aber hat das sabellische (wie das venetische) f' für Z
und A für u, die, mit der fricativa M, für das runenalphabet
so schlagend charakteristische formen aufweisen, dass wir sie
nicht ignorieren können.
Dass l und u im runenalphabet unabhängig umgekehrt
sein könnten, ist natürlich möglich aber sehr unwahrscheinlich;
und wenn eine so auffallende ähnlichkeit z^^lschen den runen
und dem lateinischen aiphabet wie ^ : ^ und (\ : A hervor-
getreten wäre, würde Wimmer da wol die Wahrscheinlichkeit
14 HEMPL
unabhängiger entwickelung zugegeben haben? (vgl. mitte s. 123).
Ferner, wenn wir wissen, dass das sabellische und andere italische
alphabete ^ anwandten, um eine dentale fricativa darzustellen,
und dass das runenalphabet dasselbe zeichen füi* eine dentale
fricativa (wenn auch nicht genau dieselbe) gebrauchte, handeln
wir da wol ganz vernünftig, wenn wir die möglichkeit eines
Zusammenhanges leugnen und das runische ^ dadurch erklären,
dass wir auf zwei gegen einander gestellte ► zurückgehen?
Ich bin weit entfernt zu leugnen, dass manche runenzeichen
lateinischen buchstaben mehr ähneln, als denen irgend eines
anderen alphabets, mit dem wir die runen leicht in Verbindung
bringen können: dies gilt besonders von T F, R R, H H, wol
auch von H q und von < C; aber ich kann nicht finden, dass
nicht ebenso viel ähnlichkeit herrscht zwischen den runen und
einigen nicht lateinischen italischen alphabeten in bezug auf
r h N A, M M; während sicherlich die runen ► |^ + I K Y $
t ^ M M >^ ebenso leicht vom sabellischen |> A N I P IS
T ^ A A O wie von den entsprechenden lateinischen buchstaben
abgeleitet werden können.») Und wenn dies so ist, erscheint es
auch möglich, dass die runen von einer form des lateinischen
alphabets abgeleitet sind, die von einem dem sabellischen ähn-
lichen aiphabet beeinflusst wurde, oder umgekehrt, von einem
solchen aiphabet, das von dem lateinischen beeinflusst wurde,
was bekanntlich mit vielen italischen alphabeten der fall war.
Und wenn ein gelelirter wie Wimmer noch vor wenigen jähren
glaubte, dass es in Norditalien kein aiphabet gäbe, das so genaue
äquivalente für die runen ^ ► X $ (s. 95. 96) darböte wie das
lateinische, und keines, das bessere Vorbilder für irgend welche
der elf auf s. 110 böte als das lateinische — während wir
doch gesehen haben, dass das sabellische gerade so gute grund-
lagen für ^ ► >^ $ und bessere f ür f' \ ^ darbietet — ist es
da unmöglich, dass die zeit noch ein aiphabet enthüllen könnte,
das mit dem reinen lateinischen in betreff der T i^ H ^uid
anderer zeichen wetteifern würde?
S. 109 sagt Wimmer: *Ganz anders dagegen stellt sich die
Sache, wenn das germanische den d-laut gar nicht hatte, aber
sowol p wie cf, die beide von lat. d weit [Ist dies nicht doch zu
^) Bis der wert von ^ endgiltig anfjgfeklärt ist, kann es hierbei keine
rolle spielen. X P 'O* werden später betrachtet.
WIMMERS BÜNENLEHRE. 15
stark?] ablagen und zwei zeichen im nmenalphabet erforderten.
Es lag dann eben [?] so nahe, lat. D zur bezeichnung für /* wie
für cf zu wählen, und das hat das runenalphabet ja auch getan,
da es ausser allem zweifei steht, dass ^ formell das lateinische
D ist.'
Dies hat mich niemals befriedigt. Wenn es, wie Wimmer
annimmt, notwendig war, zwei zeichen zugleich für die beiden
laute > und cf zu schaffen, muss es doch seltsam scheinen, dass
die stimmlose fricativa durch das zeichen dargestellt sein sollte,
das für einen stimmhaften laut gebraucht wurde, während für
die stimmhafte fricativa auf andere weise gesorgt wurde. Es
ist mir viel wahrscheinlicher, dass man sowol ► (von D) als
M (ft^^ einem mit dem sabellischen vei*wanten aiphabet) ohne
unterschied für > und d gebrauchte, gerade so wie d, später Ö
(von lat. ä) und > (aus dem runenalphabet übernommen) im alt-
englischen verwandt wurden; und dass die differenzierung (► = >
und ^ = cf ) sich erst im laufe der zeit ent^^ickelte.
Aehnlich sagt Wimmer (s. 114): *Das Verhältnis zwischen
lat. g und germ. g war ja nämlich ganz dasselbe, wie zwischen
lat. d und germ. cf ; in beiden fällen lagen also die lateinischen
und germanischen laute weit [!] auseinander, und so wenig wie
man lat. D wählte, um den germ. Spiranten cf auszudrücken,
ebenso wenig konnte lat. q als zeichen für den Spiranten g ge-
braucht werden.'
Wo er aber über H spricht (s. 126), sagt er: ^Lateinisches q
wurde, wie früher erwähnt, wegen der ganz verschiedenen aus-
spräche nicht als zeichen für die germanische spirans ^ gebraucht.
Dagegen müssen lat. g und germanisches j in vielen fällen zu
der zeit, als das runenalphabet gebildet wurde, nahezu im laute
zusammengefallen sein, wenn wir, wofür alles spricht, diese nicht
weiter zurück verschieben als frühestens bis zum jähre 200
nach Chr.'
Mit andern worten. Wimmer meint, dass jemand, der mit
dem gebrauch von q für den gutturalen stimmhaften verschluss-
laut g und ebenso für die palatale stimmhafte spirans j vertraut
ist, während er es leicht genug findet, dies q zu verwenden um
sein eignes j darzustellen, es doch für unmöglich ansehen würde,
es für seine entsprechende gutturale spirans anzuwenden: also,
er gebrauchte es im lateinischen für zwei in der articulations-
art wie in der articulationsstellung verschiedene laute , aber er
16 HEMPL
konnte es nicht in seiner eignen spraclie für zwei nur in der
articulationsstelle verschiedene laute gebrauchen — laute, die
nicht mehr von einander abweichen als das ch in idh von dem
in ach. Dies scheint mir höchst unwahrscheinlich. Wenn die
nine, die in den vei-schiedenen formen jJ H )|C + f ^ ♦ er-
scheint, wie Wimmer und Henning behaupten, von dem spät-
lateinischen Q abgeleitet ist, so glaube ich es ebenso von X ; ^^
andern Worten, ich nehme an, dass lateinisches q gebraucht
wurde (wie später im altengl.), um sowol die palatale wie die
gutturale spirans widerzugeben, und dass X nur eine der ver-
schiedenen formen ist, die es annahm, und dass es mit der zeit
für nui' einen der beiden laute gebraucht wiu'de — gerade so wie
3 in neuerer zeit vom / differenziert wurde. Dies ist sicherlich
viel wahi-scheinlicher, als dass einer, der den gebrauch von q als
verschluss-^ kannte, es nicht für den genau entsprechenden
reibelaut dulden konnte und folgerichtiger zu handeln glaubte,
wenn er das zeichen für k verdoppelte, das sich vom g nicht
nur gerade so wie g (d. h. durch seine eigenschaft als verschluss-
laut) untei-scheidet, sondern sogar noch mehr, indem es stimmlos
ist, wälirend gf stimmhaft ist; und dass er bei diesem eigentüm-
lichen verfahren gewissermassen vom lateinischen X beeinflusst
gewesen sein soll (s. 115).
Bei der besprechung der S-rune sagt Wimmer indes
(s. 117): *In der labialreihe ist das Verhältnis vei-scliieden von
dem, das wir in der dental- und gutturalreihe angetroffen haben,
was uns auch nicht wundern kann, da lat. h sicherlich [!] in der
ausspräche nicht so stark vom germ. S entfernt war, wie g und
d von j[ und ä,'
Dass h sich weniger von S untei-scliieden haben soll als
d g von d ff, ist nui' eine annähme und kann keineswegs dazu
dienen, uns unsere verwundenmg über die augenscheinliche in-
consequenz bei der anwendung der römischen buchstaben zu be-
nehmen; in der tat, es würde einen phonetiker in verlegenlieit
bringen, zu begreifen, wie einer unparteiisch auf solch eine
idee kommen konnte. Es ist abei* keineswegs nötig anzunehmen,
dass man einen inconsequenten gebrauch von den zeichen
B D q gemacht habe: es ist das einfachste zu vermuten, dass diese
zeichen consequent für die entsprechenden stimmhaften Spiranten
t d g, (und f) angewandt Tviirden, wie oben nachgewiesen ist.
Zwei der entsprechenden stimmlosen Spiranten, f und h, fanden
WIMMERS RUNENLEHRE. 17
angemessene widergabe im lat. F und H; da es aber im latei-
nischen nichts besseres als D gab, um p darzustellen, so wurde
bald dies, bald das ^ des sabellischen und anderer italischer
dialekte angewandt (s. oben).
Das eigentümliche verfahren sich ^ h X dadurch entstanden
zu denken, dass man dieselbe form mit der vorder- oder mit der
hinterseite gegeneinander gekehrt verdoppelte, scheint mir einer
der schwächsten punkte in Wimmers buch, und er selbst hat diese
erklänmg zuerst für die j-rune und nachher (s. 118) für die^^-rune
aufgegeben. Ueberdies ist sie auf eine annähme gegründet,
mit der ich mich niemals habe befreunden können, nämlich, dass
das runenalphabet in seiner endgiltigen form von drei linien,
von je acht gliedern, in regelmässiger Ordnung, von einer person
mit bedacht sorgfältig ausgesonnen worden wäre. Dass Sievers
dies bezweifelt, schliesse ich aus seiner Vermutung (Pauls grundriss
1, 247), dass p eine Variante von pl sei, vgl. die differenzierung
von u und v\ und ich sehe, dass noch einer meiner lehrer
(Henning s. 153) sich dagegen auflehnt. Dass alphabete auf
diese weise entstanden sind, bezweifele ich nicht, und ich
glaube, wenn Wimmer es in bezug auf die runen annimmt,
so hat er sich von der allgemein angenommenen theorie stark
beeinflussen lassen, dass dies mit dem gotischen aiphabet in
der tat der fall sei. Wie es nun damit auch sein mag, so
kann ich nicht finden, dass wir berechtigt sind, dies in
betreff der runen als ausgemacht anzunehmen; sondern ich
glaube eher, wir sollten, wofern nicht ein positiver beweis füi'
das gegenteil vorliegt, annehmen, dass wenn jemand in einer
spräche schrieb, die noch keine schriftform hatte, er sich der
zeichen bediente, die er bereits aus einer oder mehreren andern
sprachen kannte, ohne sich um ihre anordnung zu einem aiphabet
zu kümmern, und dass neue zeichen für feinere Unterscheidung
späteren Ursprungs sind. Man vergleiche die weite Verbreitung
des lateinischen alphabets. Ein positiver beweis für die tat-
sache, dass die runen vor der festlegung des alphabets in der
Schrift gebraucht wurden, scheint mir durch die rune ^ geliefert
zu werden.
Wenn wir mit Wimmer das rtinische Futhark aus dem
lateinischen aiphabet ableiten, sollen wir da annehmen, dass ein
Schreiber, dem die widergabe der laute vg durch Nq geläufig
war, nicht die gleichen zeichen sollte angewandt haben, wenn
Festgabe fOr SieTen. 2
18 HEMPL
er in einer bisher ungeschriebenen spräche schrieb ? Ist es ver-
nünftiger weise anzunehmen, dass solch ein Schreiber sich
veranlasst fühlen sollte in einer barbarischen spräche feinere
unterschiede zu machen als in dem klassischen latein gemacht
wurden? Ist dies mit dem lateinischen aiphabet auf irgend einer
seiner Wanderungen geschehen? Im gegenteil, ich glaube, er
würde hier dieselben buchstaben anwenden, die er anderswo für
lat. n und g anwendete, nämlich Nq. Unabhängig entwickelten
sich diese beiden buchstaben zu verschiedenen runischen formen:
N erscheint als + + K während q, wie wir gesehen haben,
zahlreiche gestalten annahm: $ ^0^X4^9^^+- Da^
diese beiden in der im germanischen sc^ gewöhnlichen combination
eine vereinfachte und allmählich mehr oder weniger verschlungene
ligatur bildeten (vgl. DO für $ t im altenglischen), ist nicht
überraschend. Wir finden ^ (sehr früh aber selten ausser auf
eisen) <;> L7 ^'i <> i<, in England einmal 'J-, gewöhnlich aber
5. Ich denke mir die entwickelung so: mit weglassung der
zweimal gebrauchten striche wurde +H zu ll, welches beinahe
identisch ist mit L7 (auf den steinen von Sk&äng und Stenstad)
und ^ (auf der spange von Fonnäs), woraus auf eisen ^, auf
stein, elfenbein u. s. w. O ^ u. s. w. Aber auch aus dem
früheren + ^ oder dem späteren + X könnten sich die verschiedenen
formen leicht entwickelt haben; oder die vei'schiedenen formen
von ng gehen auf die verschiedenen formen von g zurück. Ehe
aber eine ligatur hinreichende Unabhängigkeit erlangte, um als
einfaches zeichen zu gelten und zum gliede eines alphabets zu
werden, muss einige zeit verflossen sein!
Wimmer nimmt überall ruhig an, dass ^ ursprünglich den
wert » hatte, was als nichts anderes als eine reine annähme
bezeichnet werden kann, denn Wimmer gibt selber zu, dass es
auf keiner der uns erhaltenen Inschriften diesen wert hat; er
sagt (s. 135 unten): 'Nun zeigen die inschriften, dass die rune <>
nicht bloss das zeichen für «, sondern auch für den nasal in
Verbindung mit der folgenden muta {vg) war, und diese letztere
bedeutung hat sie überall in den jetzt bekannten inschriften,
die kein beispiel für vk darbieten. ' 2) Mit anderen Worten, es
^) In yerschiedenen spät anfgeschriebenen nmenalpliabeteii kommt auch
häufig L^ vor, vgl. Stephens 1, 107 u.a.m.
*) An das <f«)( = vg auf dem Reidstader stein und das <f«)(< = vk auf
dem Tonriker stein hat er wol nicht gedacht; oder er betrachtet diese in-
WIMMERS RÜNENLEHRE. 19
wird von uns verlangt, dass wir » für den eigentlichen wert
von ^ ansehen, obgleich wii' nicht den geringsten beweis haben,
dass es je für v gebraucht wurde, während es beständig und
consequent für lag gebraucht wii-d!
Was den Ursprung der rune ^^ anbelangt, behauptet Wimmer,
man hätte sie wie X (und, wie Wimmer früher glaubte, auch H)
aus zwei < gebildet, nämlich O, gibt aber zu, dass diese form
höchst selten ist und *dass die offene form die ursprüngliche
gemeingermanische ist' (s. 115). Hält es denn Wimmer wirklich
für wahrscheinlich, dass der Schreiber, der sich nicht über-
winden konnte q für die entsprechende fricativa zu schreiben,
ein neues zeichen für den nasal v durch Verdoppelung des
Zeichens für den stimmlosen verschlusslaut k gebildet haben
sollte? Ausserdem muss jeder, der etwa leugnen wollte, dass ^^
eine ligatur ist, zwei fragen beantworten: 1. Wie geht es zu,
dass einzig dieser buchstabe von allen im Futhark zwei laute
widergibt? 2. Warum besteht nur dieser buchstabe allein aus
zwei getrennten teilen? Aber, wie oben gezeigt worden ist, die
anerkennung einer ligatur in dem aiphabet würde der theorie
einer ursprünglichen endgiltigen Schöpfung des Futhark den
garans machen.
In einem falle scheint mir Wimmer unbewusst inconsequent.
Er würde schwerlich behaupten, dass der gebrauch gebrochener
statt gekrümmter linien und die Vermeidung horizontaler linien
(was übrigens nichts dem runenalphabet eigenartiges, sondern
ebenso charakteristisch für das venetische und in ausgedehntem
masse für andere alphabete ist) eine der Verbesserungen des
angenommenen ursprünglichen erfinders der runen war, und dass
die lateinischen buchstaben nicht allmählich diese formen an-
nahmen, in anbequemung an das material, auf das sie geschrieben
wurden. Und doch behauptet er mehrmals, dass diese oder jene
rune diese oder jene form hätte annehmen müssen, weil die Ver-
meidung gekrümmter und horizontaler linien diese oder jene form
Schriften als zu spät. Doch glanbt er, sie seien von gleichem alter (s. 212)
und findet in dem p|^ = un{d) auf ersterem (ich halte mit Bugge das d für
verstummt) einen beweis dafür, ^dass ^ in den ältesten Inschriften wirklich
seichen für nd gewesen ist^ (s. 223), was doch sonderbar ist; denn, entweder
sind die Inschriften sehr alt, oder man schreibt einem späten ritzer eine höchst
seltene altertümlichkeit zn und findet es nicht auffallend, dass gerade der
ritzer, der ^)( für vg ritzt, nd durch ^ ausdrücken sollte.
2*
20 HEMPL, WIMMERS RÜNENLEHRE.
für eine andere rune notwendig gemacht hätte. So meint er z. b.
dass der erfinder des Futhark f^ anwandte als ersatz für lat. P,
weil lat. Q die form f angenommen hatte. Oder wird etwa von
uns die annähme verlangt, dass er voraussah, was für material
seine landsleute meist zum schreiben gebrauchen würden, und
dass er sich lange genug praktisch damit abgab, um zu wissen,
was für Schwierigkeiten sie begegnen würden, und demgemäss
Vorkehrungen dagegen traf?
Im vorstehenden habe ich zu beweisen versucht, 1. dass
die Schlüsse, die Wimmer in bezug auf das Verhältnis der runen
zu den italischen dialekten zog, im lichte unseres jetzigen Wissens
nicht stichhaltig sind; 2. dass, will man Wimmers erklärung
einiger runen billigen, man gezwungen ist mehrere grosse un-
wahrscheinlichkeiten anzunehmen, gewisse phonetische Verhält-
nisse zu entstellen, und einem zeichen wie ^ einen unberechtigten
wert beizulegen; 3. dass die altrunenmeistertheorie, auf der seine
lehre von dem Ursprung der runen fusst, durch verschiedenes
widerlegt wird. Ich habe femer die formen und den gebrauch
der runen M X ^'i als natürliche entwickelungen zu erklären
versucht, im gegensatz zu Wimmers mir künstlich erscheinendem
verfahren.
BEMERKUNGEN ZU CYNEWULFS CRIST.
Von Albert S. Cook
(Yale University, Conn., U. S. A.).
Noch verhältnismässig wenig ist ffir die aufdeckung der
quellen des ersten teils des Crist getan. Auf den folgenden
Seiten soll der versuch gemacht werden, nicht sowol die direkten
quellen aufzudecken, als einige parallelen aus der bibel und den
kirchenvätem (und gelegentlich auch aus altenglischen schrift-
steUem) beizubringen, mit denen die direkte quelle oder quellen
wenigstens übereinstimmen und auf welchen sie in gewissem
sinne beruhen müssen. Sollte nun das unmittelbare original
unseres gedichts nie gefunden werden, so werden diese wenigstens
die ideen erläutern, die in der kirche gang und gäbe waren,
als der Crist gedichtet wurde, und welche deshalb dem sinne seines
Verfassers vertraut gewesen sein müssen. Seit meiner aufflndung
der hauptquelle für den dritten teil des Crist (Modem Language
Notes, Juni 1889) wird es klar geworden sein, dass Cynewulf
etw^as mehr war als ein blosser umschreiber, dass er imstande
war die vorgefundenen mateiialien so zu assimilieren, dass er
von einem originaldichter kaum zu unterscheiden ist. In dieser
beziehung kann er fast einen vergleich mit Dante aushalten,
und braucht sicherlich nicht zu füi'chten in dem lichte der werke
beurteilt zu werden, die über denselben Stoff von irgend einem
seiner mittelalterlichen Vorgänger oder Zeitgenossen, besonders
im Westen, verfasst wurden.
Die hier gegebenen bemerkungen schliessen sich an die
reihenfolge der verse des Crist an. Der text ist der von
GoUanczs ausgäbe des Exeter Book, mit ergänzung der quantität
und interpunktion, unter Vernachlässigung der cursivschrift und
Verbindung der teile zusammengesetzter Wörter. Bei citaten
22 CX)OK
aus anderen altenglischen texten habe ich mir ähnliche änderungen,
aber keine anderen, erlaubt.
2 — 6. Christus als der eckstein. Dietrich (Zs. fda.
9, 196) vergleicht Matth. 21, 42, Eph. 2, 20—22; 4, 15 ff. Die heran-
ziehung von 4, 15 ff. verstehe ich nicht und sehe keinen be-
sonderen grund in der anführung von Matth. 21, 42. ^Ifric
(Homilies ed. Thorpe 1, 106) scheint sich geradezu auf Ps. 118, 22
zu beziehen. Er sagt: Söblice se sealmsceop ätcrät he Crtstey
pcBt he is se hymstän pe gefegb pü twegen weallas tögcedere,
farbanbe he gepeodde his gecorenan of ludeiscum folce and pa
geleaffullan of hcebenum, swilce twegen wagas tö änre gelabunge.
Dies dürfte, wie es scheint, eine etwaige beziehung ^Elfrics auf
Jes. 28, 16 ausschliessen; denn obwol er häufig witega sagt, wo
er * psalmist' meint, gebraucht er doch, soviel ich weiss, nicht
sealmscop für *prophet'. Anderseits ist er eben so deutlich in
seiner beziehung auf 1. Petri 2,4 — 6 in Hom. 2, 580ff., wo er
wirklich v. 4 und 5 anführt. Hier ändert er auch die an-
wendung des bildes. In der vorigen stelle repräsentieren die
beiden mauern die Juden und beiden. Hier ist keine rede mehr
von den beiden mauern, denn er sagt deutlich: Ne heo we tu wedllum
obbe tö wagum geworhte on pcere gästlican gebytlunge, ac wE
beot swäbeah Godes hüs gecügede. Ueberhaupt hat er hier die
'lebendigen steine' von 1. Petri 2, 5 im sinne und sagt dem-
gemäss: CrJst is se lybbenda stän pone äwurpon &a ungeleaf-
fuUan ludet. Cynewulf mag die worte des Petrus im sinne ge-
habt haben, obgleich ich bereit bin zuzugeben, dass Eph. 2, 20 — 22
mit gleicher Wahrscheinlichkeit als grundlage seiner verse gelten
kann. Andere bibelstellen im allgemeinen desselben Inhalts sind
Marc. 12, 10; Luc. 20, 17; Act. Apost. 4, 11. Etwas weiter ab
liegend, doch mit 1. Petri 2, 8 zusammenhängend, sind Rom. 9, 33;
Jes. 8, 14. Die patristischen commentatoren mögen hin und
wider ihre ideen aus Gen. 49, 24 abgeleitet haben.
Es ist wahrscheinlich, dass der earcnanstän (v. 1195) ge-
wissermassen etwas dem lapis pretiosus Jes. 28, 16; 1. Petri 2, 6
verdankt. Hier braucht er nicht mehr direkte beziehungen zu
dem 'eckstein' zu haben, sondern eher zu dem 'stein aus dem
f eisen gerissen ohne bände ', Dan. 2, 34. 35. 45. Denn dieser stein
wurde nach dem propheten ein grosser berg und füllte die ganze
erde und konnte in diesem sinne angesehen werden als gesetzt
BEMERKUNGEN ZU CYNEWÜLFS GEIST. 23
tö Meo and tö hröper hcdUpa cynne. Vielleicht aber sollte er
indes noch besser zugleich als der eckstein und der aus dem
felsen gerissene stein aufgefasst werden, denn diese scheinen bereits
im zweiten Jahrhundert identiflciert zu sein; vgl. Iren, contr.
haer. 1. 3. 21. 7 (s. 217) (angeführt von Salzer, Die Sinnbilder
und Beiworte Mariens, s. 113, anm. 7, SA. aus den Programmen
des k. k. ober-gymnasiums zu Seitenstetten, Linz 1888 ff.): Propter
hoc autem et Daniel, prcevidens eius adventum, lapidem sine
manibus abscissum advenisse in hunc mundum, significabat qmd
non operantibtis humanis manibtis , . . in hunc mundum eius ad-
ventus erat, . . . sed sola Maria cooperante disposüioni. Hie
enim lapis a terra ex virtute et arte constat Dei, Propter hoc
autem et Isaias didt (38 [sie!], 16: Sic dicit Dominus: Ucee ego
mitto in fundamentn Sion lapidem pretiosum, electum, summum
angularem, honorificum uti non ex voluntate viri sed ex voluntate
Dei adventum eius intellegamus.
So in dem rosenkranzhymnus (Mone 2, 268, nr. 507, str. 9;
angeführt von Salzer 1. c. s. 8):
Qnse per montem designaris,
Unde lapis angnlaris
Venit sine manibus.
Wie diese beiden citate zeigen — und die zahl liesse sich noch
vermehren — verstanden die mittelalterlichen symboliker unter
dem felsen der Weissagung des Daniel die Jungfrau Maria und
unter dem aus ihm gerissenen stein, der dann manchmal mit
dem eckstein anderer bibelstellen identiflciert wurde, Christus.
Dies lässt uns leichter verstehen, warum das bild in einer stelle
über den advent vorkommt und in direktem Zusammenhang mit
beziehungen auf Christi mutter.
50 — 70. Die Jungfrau Maria unter dem bilde von
Jerusalem. Im mittelalter wurde Jerusalem nicht nur als die
bezeichnung der zukünftigen wohnung der gerechten im himmel
angewandt oder als Sinnbild der triumphierenden kirche, sondern
auch als Sinnbild der Jungfrau Maria. Die biblischen stellen,
auf die sich diese erklärung gründet, sind solche wie Ps. 46, 5;
87, 3; 132, 13 f.; Cant. 6, 3; Jes. 12, 6; 60, 3. Als beispiele der
behandlung dieser stellen durch exegeten und dichter woUen wir
zwei herausgreifen. Das erste ist von Athanasius, Epist. ad
Marcellin. in Interpret. Psalm. § 1 (citiert von Livius, The
24 COOK
Blessed Virgin in the Fathei's of the first Six Centuries [London
1893], s. 79): ... Änd lest any one should \think (hat he came
only phantastically y he signifies that he will be very man hy
saying in the 86 th [87 th] Pscdm: ^Mother Sion shall say, a
man even a man is hörn in her, and the Most High Himself
hath founded her^ which is the same a^ though he said: ^And
die Word was God, all things were made hy Hirn, and the Word
was made fiesh.'' Wherefore, since he knew that he was to he
bom of the Virgin, he no way Tcept it silent, hut forthwith gave
indication thereof in (lie 44 th Psalm,
Das andere ist von (Pseudo-) Venantius Fortunatus (Opp. p. 1,
lib. 8, cap. 6), citiert bei Livius 1. c. s. 87 und gedruckt Mon.
germ. bist. auct. antiquiss. 4, 1, 371 f.:
Psalmographi plectro cantata est ista yirago,
cnm daret art« melos vox lyra chorda chorus:
'mater Sion dicet: homo et homo f actus in illa\
ipse hanc fundavit, factus in ipsa homo hie;
sie quoque: ^qui fondavit eam, est altissimns ipse\
haec Sion mater virgo Maria foit.
Weitere commentatoren , die das symbol angewandt haben,
sind Gregorius Thaumaturgus (Livius s. 87), Pseudo -Gregorius
Thaumaturgus (Livius s. 123; Salzer s. 118, anm. 3; Migne, Patr.
Gr. 10, 1173) = Pseudo -Chrysostomus In Annunt. ed. Mont-
faucon 2, 798 (so in einem briefe von prof . dr. von Lehner, datiert
vom 1. märz 1893), Ephraem Syrus (Livius s. 87; Salzer s. 118,
anm. 3), Methodius (Salzer s. 377), Augustinus (Livius s. 86; Salzer
s. 118, anm. 3), (Pseudo-) Augustinus (Livius s. 87), (Pseudo-)
Gregorius der grosse (Salzer s. 377), Fulgentius (Livius s. 87),
Johannes von Damascus (Salzer s. 377), Andreas von Greta
(Salzer s. 377), Germanus (Migne, Patr. Gr. 98, 372; die letzte
stelle gütigst mitgeteilt von Peter J. Dubbel, professor an der
Catholic University of America).
Im lichte dieser symbolisierung betrachtet wird Crist v. 61
bis 64 deutlich in seiner anwendung auf Maria. Ebenso wendet
(Pseudo-)Gregorius (Libr. Resp. 3, 817, e.) die worte des Psalms
132, 13 f. an: Ista est Sion, quam elegit Dominus in ha^editatem
sihi, hcec requies mea in sceculum sceculi, hie habitabo dicit Domi-
nus. Noch ein ähnliches bild findet sich v. 51: cynestöla cyst.
Dies beruht offenbar auf der stelle 1. Kön. 10, 18. 20, welche die
BEMERKUNGEN ZU CYNEWULFS CRIST. 25
grondlage wurde, das symbol von Salomons thron auf die Jung-
frau Maria anzuwenden; so bei Ephraem Syrus (Salzer s. 119,
anm. 3) und häufig in den lateinischen hymnen (Salzer s. 39).
So haben wir einen thront^s regius (Morel, Lat. hymnen 161, 25),
der natürlich identisch mit cynestöl ist.
In V. 50 ist sibbe gesihti offenbar das lat. visio pacis, wo-
durch das wort 'Jerusalem' im mittelalter so allgemein erklärt
wurde. Diese erklärung findet sich schon bei Origenes (Hom.
9, 2) und wird erläutert in dem anfangsvers eines wolbekannten
lateinischen hymnus (Mone 1, 319; Daniel 1, 239): Urbs beata
lerusalem dicta pacis visio.
In obigem möchte ich nicht so verstanden werden als
meinte ich, Jerusalem könnte in der in betracht gezogenen stelle
nicht auch als Sinnbild der kirche und der himmlischen Stadt
der heiligen gebraucht sein. In der tat ist es an vielen stellen
der kirchenväter in seiner bedeutung derartig wandelbar, dass
wir nicht erstaunt sein dürften es hier so zu finden; doch scheint
es mir nichtsdestoweniger auf Maria angewendet zu sein, ja
vieUeicht hauptsächlich auf sie.
104 — 118. Es kann, denke ich, kaum zweifelhaft sein, dass
die idee zu diesen versen von den morgenhymnen des regel-
mässigen kanonischen tageslaufs kam. Nicht nur die morgen-
hymnen, sondern alle diejenigen, welche bei oder während dem
schwinden des lichtes oder bei der widerkehr der sonne gesungen
wurden, enthalten anspielungen auf die von den mächten der finster-
nis ausgeübte herrschaft und auf den einzug Christi in die seele
als des lichtes des lebens; aber bei tagesanbruch und bei sonnen-
au^ang werden die hynmen naturgemäss lebhafter im ton, und
enthalten eine grössere anzahl bezeichnender ausdrücke für das
licht in seinen verschiedenen erscheinungsformen. Zu den besten
und frühesten dieser morgenhynmen gehört die mit dem anfang:
Splendor patemce glorice. Mit grosser bestimmtheit ynrd sie
dem Ambrosius zugeschrieben, und wurde unter seinem namen
der abendländischen kirche vertraut. Beda erwähnt diesen
hymnus in seiner schrift ^De Arte meirica\ und er ist in
wenigstens vier handschriften aus der altenglischen zeit ent-
halten. Mit seiner altenglischen glosse ist er veröffentlicht in
The Latin Hymns of the Anglo-Saxon Church, Surtees society
23 y 8. 15 f. Dieser kann wenigstens als der typus des morgen-
26 COOK
hymnus genommen werden, wie ihn Cynewulf bei der abfassung
unserer verse im sinne hatte. Ich führe die ersten beiden und
die letzte Strophe an:
Splendor patemse glorise,
De luce lacem proferens,
Lux lucis et fons luminis,
Dies diernm inlnminans,
Verusque sol illabere,
Micans nitore perpeti,
Jnbarqne Sancti Spiritus
Infunde nostris sensibns.
Aurora cursus provehit,
Aurora tota prodeat
In patre totus filius,
Et totus in Verbo Pater.
Zu dem vorstehenden füge ich noch zwei von den drei Strophen
eines anderen morgenhymnus, der mit geringerer Sicherheit dem
Ambrosius zugeschrieben wird und sich auf s. 30 desselben
bandes findet:
Aurora jam spargit polum,
Terris dies iUabitur»
Lucis resultat spiculum,
Discedat omne lubricum.
Fantasma noctis decidat»
Mentis reatus subruat,
Quicquid tenebris horridum
Nox attulit culpe cadat.
Es ist bemerkenswert, dass die 'Aurora' dieses hymnus
mit eorendel glossiert wird, und dasselbe gilt von dem zweiten
* Aurora ' des ersten hymnus. Diese tatsache wird vielleicht ent-
scheiden über Gk)llanczs ansieht (s. 159 seiner ausgäbe des Crist)
des Inhalts, dass in v. 103 'offenbar ein glänzender st^rn ge-
meint sei' und *dass Earendel wahrscheinlich = Orion sei'!
Ebenso ergeben sich andere beziehungen zwischen Cynewulfs
versen und diesen Strophen. God of Gode v. 109 klingt wie
eine bekannte Wendung des Nicäischen glaubensbekenntnisses
{Deum de Deo), wie auch De luce lucem proferens {lumen de
lumine). Man vergleiche ausserdem sunnan onsfnde, and pe sylf
cyme (v. 114) mit Verusque sol illabere . . . jubarque Sancti
Spiritus infunde nostris sensibus. So auch die verse 116 — 118
verglichen mit dem allgemeinen gedanken der zweiten Strophe
BEMERKUNGEN ZU CYNEWÜLFS CBIST. 27
des zweiten hymnus, eine Vorstellung indes, die, wie oben be-
merkt, unter einer grossen mannichfaltigkeit der formen in den
hymnen für diese kanonischen hören vorkommt.
206. Die Jungfrau Maria unter dem bilde eines
tempels. Dies beruht auf stellen wie 2. Chron. 3, 5 — 7. Unter
denen, die dies bild anwandten, mögen erwähnt werden Origenes
(LiAius s. 123), Ambrosius (ibid. 52; 105; 130; 132; 260), (Pseudo-)
Chrysostomus (ibid. 120), Ephraem (ibid. 90; 99; 116), Gregor
von Nazianz (ibid. 81), (Pseudo-)Epiphanius (ibid. 128), Maximus
(ibid. 224), Fortunatus (ibid. 82), Cyrill von Alexandria (ibid. 220)
und Hesychius (ibid. 99). Siehe auch Salzer s. 119, anm. 2, Lehner,
Die marienverehrung in den ersten Jahrhunderten (Stuttgart 1881)
s. 219 und Blickling Homilies s. 4.
280. Maria unter dem bild einer braut. Bibelstellen
wie Cant. 4, 8 — 12; 5, 1. Das bild ist gebraucht von Ephraem
(Livius 99; 383; 386; 419), Ambrosius (ibid. 270), ffieronymus
(ibid. 97), (Pseudo-) Augustinus (ibid. 276), Prudentius (ibid. 450),
Proclus (ibid. 98), Cyrill von Alexandria (ibid. 277), Chrysologus
(ibid. 137) und Isidor von Sevüla (ibid. 277). Vgl. Salzer s. 99 f.
284. Maria unter dem bilde einer herrin und
königin. So ist Maria verherrlicht von Athanasius (Livius
79; 80; 213), Ephraem (ibid. 96; 296; 298), Methodius (ibid. 153),
Chrysippus (ibid. 81), Fortunatus (ibid. 368), Hesychius (ibid. 81)
und Sophronius (ibid. 335). Vgl. auch Salzer s. 420 — 423.
328. Maria unter dem bilde des verschlossenen
thores. Dies gründet sich auf Ezech. 44, 1 f. Darauf spielen
an Gregorius Thaumaturgus (Livius 123), Ephraem (ibid. 116;
297; 412; 423), Gregor von Nyssa (ibid. 115), Ambrosius (ibid.
114; 115), Hieronymus (ibid. 97; 104; 114; vgl. Lehner s. 137),
Theodoret (ibid. 115), Sedulius (ibid. 444), Proclus (ibid. 115),
Chrysippus (ibid. 223), Ennodius (ibid. 454), Julianus Pomerius
(ibid. 116), Arator (ibid. 454), Fortunatus (ibid. 459), Hesychius
(ibid. 227), Rufinus (Lehner s. 141). Siehe auch ^Ifrics Ho-
miües 1, 194 und Salzer s. 117, anm. 7.
720 — 738. Die letzt« quelle dieser darstdlung findet sich,
80 weit ich im stände gewesen bin zu ermitteln, in den Schriften
28 COOK
des Ambrosius an zwei stellen. Die erste ist (de Isaac et Animo
cap. 4, 31; Mi^e, Patr. Lat. 14, 513): Saliens super montes,
et transiliens super colles (Cant. 2, 8). Super nmjoris gratice
animas sdlit, inferioris transilit Vel sie: saliens quomodo venit?
Saltu quodam venit in hunc mundum, Äpud Patrem erat, in
Virginem venit, et ex Virgine in prcesepe transilivit In prce-
sepi erat, et fulgebat in codo, descendit in Jordaneni, ascendit in
crucem, descendit in tumulum, surrexit e tumulo, et sedet ad
Patris dexteram. Die zweite ist (In Psalmum 113 Expositio,
Sermo 6, 6; Migne, Patr. Lat. 15, 1269 1): Vtdeamus salientem.
Salit de ccelo in Virginem, de utero in prcesepe, de prcesepio
in Jordanem, de Jord<me in crucem^ de cruce in tumulum, in
coßlum de sepulcro. Dem Ambrosius folgt (Pseudo-)Cassiodor in
seinem commentar des hohen liedes (Migne, Patr. Lat. 70, 1064):
Potest etiam hoc ad incamationem Christi referre, qui veniens
quosdam saltus dedit: quia de codo venit in uterum Virginis, de
utero Virginis in prcesepe, de prcesepi in baptismum, de baptismo
in crucem, de cruce ad sepulcrum, de sepulcro ad cmlum.
Zunächst steht Gregor der grosse (Hom. in Evang. 29, 10;
Migne 76, 1219), der ohne zweifei die direkte quelle fflr
Cynewulf ist: Veniendo quippe ad redemptionem nosiram quos-
dam, ut ita dixerim, saltus dedit, Vultis, fratres charissimi,
ipsos (jus saltus agnoscere? De ccelo venit in uterum, de utero
venit in prcesepe, de prassepe venit in crucem, de cruce venit in
sepulcrum, de sepulcro rediit in ccdum.
Endlich hat Alcuin denselben gedanken und drückt ihn
mit fast denselben Worten aus wie Gregor (Compendium in
Canticum Canticorum 2,8; Migne 100, 646 f.): Tales enim saltus
fßcit dilectus meus: de ccelo venit in uterum, de utero inprassepe,
de prcesepi in crucem, de cruce in sepulcrum, de sepulcro rediit
in coßlum. Vgl. auch Pseudo-Hieronymus Patr. Lat. 30, 379.
Es ist zu bemerken, dass Cynewulf den sprung in den
Jordan (die taufe) weglässt, wie Gregor und Alcuin. In dieser
beziehung und in der hinzufttgung der höllenfahrt herrscht eine
Übereinstimmung zwischen dem Crist und der mittelenglischen
homilie auf die himmelfahrt, jetzt abgedruckt in den Old English
Homilies of the Twelfth Century, second series, s. 111 — 113 (vgl.
Conybeares anmerkung in seinen Illustrations s. 202): Ecce
uenit saliens in montibus et transiliens colles. J^ere he ctim^d
stridende fro dune to dum . and ouer strit pe cnolles. Septem
BEMERKUNGEN ZU CYNEWÜLFS CRI8T. 29
igitur ut ita dicam scUtus dedit [D]c celo in uirginis uterum.
Inde in presepium, Inde in crucem, Inde in sepulcrum. Inde
in infemum, Inde in mundum. Et hinc in celum, Seuen strides
he mdkede. On of heuene into Pe niaidenes inneffe, OÖer penne
in to Pe stalle, Bridde in to pe holi rode, feoröe Panne in to
Pe sepulcre. fifte into helle, Sixte into pis Middenerd. Pe
seuede eft into heuene. Hier verrät das ut ita dicam Gregor
als die quelle der stelle im allgemeinen.
Beda in seinem commentar über das hohe lied hat nichts
über die Sprünge. Man könnte vermuten, der gedanke träte bei
Origenes auf, doch habe ich ihn dort nicht gefunden.
ZUR TEXTKRITIK DER YORK PLAYS.
Von F. HOLTHAUSEN
(Göteborg).
Dass die kritische arbeit an dem schwierigen, vor zehn jähren
zum ersten mal herausgegebenen texte der York Plays auch
nach der letzten dankenswerten leistung Kölbings^ noch nicht
abgeschlossen ist, mag folgende kleine auslese von neuen emen-
dationsversuchen beweisen. Ich füge die rhythmischen accente
bei, um meine scansion der verse zu zeigen, die in manchen
fällen offenbar von Kölbings auffassung abweicht.
8. 2, T. 13 ff. And therewith als w^U I hane wroght
Many d^aers döjnges be-d4ne,
Whilke wdrke sali m^kely cont^ne,
sagt gott beim beginn der weltschöpfung. K. will doynges in
pynges ändern, wodurch die alliteration verloren geht. Ich
hatte früher (Herr. arch. 85, 411) / nach sali in v. 15 ergänzt,
glaube aber jetzt, dass doynges ein Schreibfehler für dweUynges
ist und im nächsten verse my vor warke fehlt. Dazu stimmt
auch das folgende vorzüglich.
3) 50. pe bemes of my brighthode ar b^rnande so br^ghte.
Hier nimmt K. mit recht an dem doppelten bright anstoss. An
erster stelle ist deshalb wol brem- einzusetzen.
19, 34 f. FüU of m^rthe and sölys siughe,
Erbes and tr4es, früte on to hängh.
Meinen früheren besserungsversuch: foulys faughe * bunte vöger
und: on to laugh gebe ich gerne preis, ohne jedoch K.s Vorschlag:
solds ynough für v. 34 annehmen zu können. Am wenigsten
Engl. stud. 20, 179 ff., wo anch die ältere litteratnr verzeichnet ist.
K. hat jedoch meinen ^ nachtrag ' in Herrigs archiy 86, 280 ff. übersehen.
ZUR TEXTKEITIK DER YORK PLAYS. 31
von der Überlieferung entfernt sich die lesung: jolyf swoughe
' liebliches rauschen ', was für die Schilderung des paradieses sehr
gut passen dürfte. — Im zweiten verse ziehe ich des metrums
wegen vor: [and] frute on hough zu schreiben, statt mit K. früte
on the hough Vgl. dazu tmder böge Allit. Po. 2, 616 und lef on
bouh 0. E. Mise. s. 94, 48 u. ä. (Mätzner, Wb. 1, 310 b).
23, 24. And fönnde to f§yne a löwde les;^e,
sagt der Satan in der Verführung Adams und Evas. K. will
hwde in fowle ändern, näher liegt wol lewde (auch wegen der
allit. mit lesynge),
88, 100 f. pe voice of his blöode cr^eth yengeännce
Fro 6rthe to h^uen, with v6ice entere.
K. meint, nach Gen. 4, 10 die erste zeile so bessern zu dürfen:
pi broders bloode, it er. v., bemerkt jedoch richtig, dass auch in
fcith voice entere von v. 101 ein fehler stecken könnte. Da das
doppelt« voice jedenfalls auf eine Verderbnis weist, und mir jene
änderung zu gewaltsam dünkt, möchte ich in v. 101 voice durch
force ersetzen.
88, 103. That g6d is gr^yed with th^ greudonce,
heisst es in der strafrede des engeis an Kain. K. nimmt mit
recht an der hier geforderten bedeutung von greuaunce * frevel-
tat' anstoss, weiss aber keine besserung vorzuschlagen. Ich
lese hy (= ne. high) statt thy, wodurch der sinn der stelle
natürlich ein ganz anderer wird.
41, 29. Bot Nöe alön l^fe shal it noght,
nämlich die sündflut. K. misversteht die stelle durchaus, wenn
er übersetzt: *nur Noah allein soll sie nicht verlassen', denn sie
bedeutet natürlich: * ausser N. allein soll sie nichts übrig lassen '.
Deshalb ist auch die von ihm vorgeschlagene änderung von
lefe shcU it in lese shal I überflüssig.
56, 15. He Saide mj s^ede shnlde mültypl^e.
Diese worte Abrahams lassen den notwendigen reim auf tyde
und fvyde vermissen, weshalb K. He saide streicht und be vor
multyply[d\e ergänzt. Aber erst durch einfügung von it vor
shulde wird der vers korrekt!
04, 253. Sen t fro this sali passe for ay.
An dem this dieser worte Isaaks nimmt K. mit recht anstoss.
32 HOLTHAUSEN
Lies dafür hens (vgl. Mätzner 1, 474 b wegen dieses pleonasmus),
wozu fro whens 210^ 291 als parallele angeführt sein mag.
96, 103. And hir husband bath maistir and m6ke.
In dieser bezeichnung Josephs vermutet K. einen fehler, da
maistir als parallele zu meke nicht passe, und schlägt vor, milde
statt maistir zu schreiben. Nun erfordert aber der reim auf
lyke, slyhe, ryke offenbar mike statt meke, und dies ist dasselbe
wort, das Cursor mundi 2807 und Pearl 571 (hier im reim auf
hfkezy swykejs, strykez, pykez, slykez) vorkommt und 'arbeiter,
knecht, diener' bedeuten muss. Daher nehme ich auch jetzt
meine emendation zu Pearl 571 (Herr. arch. 90, 146 f.) zurück,
wo ich es zu m wykes ändern wollte.
99, 181 f. Loo, El^zab^th, "pi cösjne, ne m^ght
In 61de consdyue a cbllde for dlde.
Das Loo von v. 181 überfüllt den vers und ist deshalb mit K
zu streichen; K erklärt v. 182 mit fug für unverständlich und
schlägt fragend ful halde statt for aide vor. Ich bessere ein-
facher aide in das subst. [c]alde, vgl. The pricke of consc. v. 766 f.:
Bot als tyte als a man wazes aide,
Pan waxes bis kjnde wajke and calde.
112, 12. per is slike pr6es,
reimt auf bestes * tiere ', weshalb K per slike [a] prees es vor-
schlägt. Doch der reim pres : bistfs — so, nicht bestes, wie K
meint! — ist nicht schlechter als Sathanas : askis (183, 157 f.),
der noch durch die Schreibung as 293, 85 (von K wider in den
text eingesetzt) gestützt wird. Aehnlich ungenau reimt circum-
cicyd 57, 19 auf tvyde v. 17.
118, 6 ff. Botbe Ösy^ and tsa^e,
Prened p&t a prins withönten p4re
Sbnlde d^scende döone in d lad^,
And to mdke mank;^de clerl^.
K streicht Änd und schlägt zweifelnd marke statt make in v. 9
vor; ich glaube dagegen, dass take das richtige wort ist, denn
die alliteration wird hier nicht durch w, sondem dui*ch k ge-
bUdet!
121, 103. A baren broche b^ a b4Ue of t^nne
bietet einer der hirten dem Jesuskinde an. K. emendiert: Ä
bam-broche, by[ing] a . . . * eine kinderbroche, nämlich eine zinn-
ZÜE TEXTKRITIK DER YORK PLAYS. 33
glocke'. Ich sehe aber in by lieber eine entstellung aus boy
(hier natürlich vokativ).
188, 179. Fölowes fast, for m^ bus pas
to päynes strdng!
Mit diesen Worten verlässt der Versucher den herm in der
wüste. K. fragt, an wen sie gerichtet seien? Offenbar an die
Zuschauer, — kaum an die eben erscheinenden engel! — , vgl.
die ähnliche Situation in den ehester Plays ed. Deimling, s. 223,
157 ff.:
Therfore ia nowe myne intent,
or I goe, to make my testament:
to all that in this place be lent,
I bequeath the shitte.
Vor Folowes möchte ich übrigens des rhythmus wegen Nowe
ergänzen.
195, 56. I 14ne ^on h6re, lat« hpn allöne.
So sagt ein Jude zu den andern, als sie die ehebrecherin vor
Christus in den tempel gebracht haben. Wenn K. an diesem
verse anstoss nimmt, so beruht dies auf seiner Übersetzung von
allone durch *aUein', während es hier offenbar *in ruhe' be-
deutet !
196, 107 f. I 8Äie ^ou, )^t sekente
Is nöjt onl^e to dMe,
entspricht, wie K richtig bemerkt, nicht der biblischen stelle,
Joh. 11, 4: Infirmitas hcec non est ad mortem, weshalb er ein ur-
sprüngliches wholly in onlye vermutet. Ich bessere letzteres in
onye = ne. any.
197, 124. Pe düe i& n6w of üi oares lange,
erklärt K mit berufung auf Joh. 11, 9: Nonne XII sunt horm
diei? mit recht für sinnlos. Ich bessere: Is not pe ddie twelve
oures länge?
199, 199. Pat ptß has c6nered vs öf onre care.
Mit berufung auf Amadace str. 40 (Mätzner 1, 494 b) möchte ich
bessern: pat üs has couered out of care,
217, 509. Ha^U! hendfoll, with solas sere.
Schon früher habe ich liendfull in heldfull * huldvoll' gebessert;
ich möchte jetzt des rhythmus wegen jedoch lieber heldfull hend
schreiben, und sere, das auf das identische sere in v. 507 reimt,
in dere bessern.
FMtgaU lOr 8l»T«f». 3
84 HOLTHAÜSEN
271, 34 f. By my trönthe, he vntr^wly is stönyd,
pat agäynste yonre beh^tis hase höned,
sagt Percula zu ihrem gemahl Pilatus. Sinn und alliteration
verlangen im ersten vers: Jie is trewly untroned,
282, 302. And }>4rfore sermönes yon no m6re,
erwidert Pilatus auf die klagen des Annas. K. will make ge
statt you schreiben, wodurch aber der vers vier statt der ver-
langten drei hebungen erhält (v. 284 ist And sais zu streichen).
Ich teile bloss richtig ab: ser, mones you = *herr, beklagt euch'.
285, 368. Do möve of yonre mäister, for I shall melle it with m^^t.
Diese worte des büttels an Pilatus sind in der vorliegenden
form unverständlich. Ich lese mister *bedürfnis, anliegen' statt
maister und streiche des rhythmus wegen noch for: * bringt euer
anliegen vor'. — Mit berufung auf 288,456: [FJoure mdteres ye
m6ve pus emel you, könnte man auch mater einsetzen, was aber
graphisch weiter abliegt.
290, 507. Sir, fro Gdlely hidir and h6o
The gretteste agayne hym ganne goo.
Auch diese rede des Eaiphas ist so ganz und gar nicht zu
verstehen. Man braucht aber bloss on für and zu setzen, um
einen guten sinn zu erhalten: * hierher hinauf, vgl. on{e) hoo
19, 36.
889, 56 f. To tärie longe ns w§re fnU lathe,
Bnt W:^mond come, it is in wdthe
Bnt w4 be blamed all thr§.
So sagt der * Primus miles' bei der kreuzigung zu seinen ge-
nossen. K. verwirft Herttrichs Vorschlag, in v. 58 And für But
zu schreiben und will pat dafür einsetzen; da er ferner an dem
ausdruck it is in wathe anstoss nimmt, schlägt er vor, v. 57 zu
emendieren :
But W. come [sone], it is wathe.
Dies ergibt einen recht holprigen vers, abgesehen davon, dass
die änderung ziemlich willkürlich erscheint. Ich erblicke da-
gegen in dem in einen Schreibfehler für hi *hoch'.
861, 82 ff. pon säggard, pi s^lffe gan pon sdie,
pe t^mpill diströie fe to-daye
Be \>e thirde day wäre döne ilk-a-dele.
ZUR TEXTKRITIK DER YORK PLAYS. 35
So höhnt Annas den gekreuzigten nach Matth. 27, 40. K. will,
eine frühere besserung von mir verwerfend, v. 83 distroied he pe
lesen, was einen vierhebigen vers ergeben würde. Ich halte
jetzt für die nächstliegende Verbesserung: pe tempiU, distr6te[d
be] pi[s] ddye, d. h. * der tempel, an diesem tage zerstört, . . .'
364, 158. pat m6 were closed in cläy,
klagt Maria unter dem kreuze. K. emendiert: [/ wold] pat I
were u.s. w., wodurch der vers aber eine hebung zu viel erhält.
Ich möchte vorschlagen: pat m[y c6rs]e were closed in cldy, und
gewinne so auch die in den benachbarten (155 und 157 f.) versen
durchgeführte dreifache alliteration.
880, 135 ff. pe lad pB.t calles hym lörde in 14ede,
Hadde ndner ^it h^rberowe, honse, ne halle.
K. bemerkt hierzu, dass sich lad (hs. lady) in diesen Worten
Satans auf den vorhergehenden Sprecher, David, beziehe, und findet
daher diese behauptung * merk\\1irdig genug \ Sie sind aber auf
Christus zu beziehen, der v. 121 ff. mit dem citat aus Ps. 23,
7 und 9: Attollite portas, prindpes, [vestras] et elevamini, [portast]
cetemales, [et introibtt rex glorios] die höllenthore erbricht.
Die eingeklammerten worte fehlen zwar im York play, sind
aber im gleichlautenden Towneley play erhalten (vgl. auch
York PL 382, 181 ft). Entsprechend sagt auch Satan v. 125 f. :
VHiat pdge is p^re ]7at makes [swilk] pr^es,
And callis hym k^g of tis in f^re?
und David v. 128: He is a kyng of vertues clere. Dass Christus
weder * herberge, haus noch halle ' besessen habe, beruht offenbar
auf den woiten Matth. 8, 20 = Luk. 9, 58: *die fuchse haben
gruben, und die vögel unter dem himmel haben nester; aber
des menschen söhn hat nicht, da er sein haupt hinlege.' Vgl.
dazu auch noch York PI. 511, 3431: Hot^e ne herborow, helpe
ne holde Hadde I none of you, . . .
417, 398. I tröwe same fäile,
1. sanz faile, eine häufige franz. phrase.
424, 112 f. Thy wönndes hath made pi h6dy w4te
With blöode I>at was pe with-inne.
Im letzten verse ist wol pe in pi veines zu bessern, um die
nötigen vier hebungen herzustellen.
3*
86 HOLTHAUSEN
429, 79 f. Whenne J^sn of Näzai^ne
Was döolfally dight to pe dfing?
K. will im ersten verse Crist pe statt of lesen, wodurch derselbe
eine hebung zu viel erhält. Nach 432, 182 bessere ich dagegen:
Whenne J4bu, [I>e g^nte] Nazar^ne.
449, 23. And vanysshed ytiSj and w6 ne wote h6w.
K hat bereits richtig And in pat gebessert, der rhythmus ver-
langt ausserdem die kontrahierte form note für ne wotel
466, 20. So schall we säy mdkill r4de.
K weist darauf hin, dass der vers nicht in Ordnung ist: zwischen
say und mekill fehlt offenbar eine Senkung. Da rede im reim
mit rede *rat' v. 14 steht, steckt auch darin ein fehler. Nach
Layamon 1, 156: buie nwchelere ferde (angef. bei Mätzner unter
but bl) ergänze ich:
So schall we say [bat] mekill [d]r6de.
469, 125. We häne bewt^is to b4 onre b^lde.
Diese worte des apostels nach der herabkunft des heiligen geistes
sind in dieser form unverständlich. Ich vermute in bewteis einen
Schreibfehler füi' boldnes,
472, 215. Ther schäU none d4re you f6r to d6o.
K. schlägt vor: . . . you so to doo = *es wird euch niemand
übles zufügen, wenn ihr so tut'. Diese konstruktion kommt mii-
bedenklich vor und ich finde es der Situation — abschied
Mariens von den aposteln — angemessener, zu bessern: There
schall none döre you to fordoo *es wird niemand wagen euch
zu töten', vgl. 464, 263, wo K. den gleichen fehler: Vs for to do
richtig in Vs to forde korrigiert hat!
486, 185 f. And in sijtte of my sone )>er is sittand,
Shall I kn^le to }>at cömely with crönne.
Beide verse haben eine hebung zu wenig; die richtige ergänzung
dürfte, unter beachtung der alliteration, etwa sein:
And in sijte of my sone [)>at] ^r [s4mly] ist sittand,
Shall I kn^le to ]7at c^mely, [cövered] with cronne.
486, 187 f. Dat whät dispaire be däle or be döune
With pitevoos pläynte in perellis will präy me.
K. will den ersten vers so bessern: What [man\ pat [in] dispaire;
einen besseren rhythmus gewinnen wir jedoch durch die ein-
ZUR TEXTKRITIK DER YORK PLAYS. 37
fächere änderung: What [man] pat dtspaire[d] * jeder mann, der
verzweifelt . . . mich bitten will'.
497, 7. And man to gr6ae me gaffe he nöght.
Diese klage gottes vor dem anbruch des jüngsten gerichtes ist
sicher verderbt; K.s änderungsvorschlag: io plese statt to greue
schädigt, wie er selbst bemerkt, die alliteration. Durch die ein-
fachere besserung von to in bttt wird der vers richtig: Änd man:
but greue me gdf he noght ^Und der mensch: ausser kummer gab
er mir nichts!'
ÜBER EINE ZWEIFELHAFTE
AUSNAHME DER FRÜHME. DEHNUNG VON AEO
IN OFFENEN SILBEN.
Von Edwabd E. Halb
(Union College, Schenectady, New -York).
Es wird allgemein angenommen, dass ae. a 6 o in offenen
Silben frtthme. zu ö ^ ^ wird. Eine genaue und befriedigende
darlegung des gesetzes ist jedoch nirgends zu finden. Mit vor-
liegendem artikel kann ich nicht hoffen, diesem mangel ab-
zuhelfen, denn es fehlt an Vorstudien, die eine genaue formulierung
des gesetzes ermöglichen. So will ich zufrieden sein, wenn es
mir möglich ist die richtung zu bestimmen, in der eine Unter-
suchung von erfolg gekrönt sein kann. Ich hoffe diese er-
scheinung mit mehreren anderen quantitativen Veränderungen,
die uns in der engl, lautgeschichte begegnen, zu verknüpfen.
Obwol der allgemeine sinn des fraglichen gesetzes der oben
angegebene ist, so müssen wir doch einige modiflkationen ver-
zeichnen: 1. Es ist bekannt, dass diese Veränderung erst seit ca. 1250
vor sich gegangen ist. Kluge in Pauls Grundr. 1, 867 § 85 führt
dies aus und gibt die litteratur an. 2. Es ist nicht ausgeschlossen,
dass in einigen fällen die dehnung sich auch auf ae. i erstreckt
(Murray, Ne. dict. unter heetle, vgl. ten Brink, Chaucers spräche
und verskunst § 35). 3. Sweet (History of english sounds §§ 622,
625, 629, 680; Short historical engl, grammar § 798) behauptet,
dass unter gewissen umständen aeo kurz bleiben. Das ist auch
die meinung t^n Brinks (1. c. § 18, 19).
Dies sind die drei hauptpunkte. Der erste betrifft die
zeit, in der das gesetz gewirkt hat, der zweite seine aus-
dehnung, und der dritte die fälle, in denen seine Wirksamkeit
AUSNAHME VON ME. VOKALDEHNÜNG. 39
gehemmt wird. Wären wir über alle diese punkte genau unter-
richtet, so würden wir im stände sein, eine erschöpfende darstellung
zu liefern. Bei dem ersten punkte herscht kein zweifei über die
ungefähre zeit, in der das gesetz begonnen hat zu wirken, doch
sind wir in Verlegenheit in bezug auf die Zeitdauer, während
der es in kraft war. Dies ist von Wichtigkeit; denn bis man
darüber im reinen ist, kann man nicht sagen, ob z. b. Wörter,
die nach 1300 entlehnt sind, von dem gesetz berührt sein
können, oder nicht. Beim zweiten punkte handelt es sich nur
um bestimmte einzelfälle. Es existiert kein genügendes beweis-
material, um zu schliessen, dass die dehnung von ae. i die regel
und nicht die ausnähme ist. Die erörterung der ausnahmen
beeile, evtl u. s. w. gehört deshalb nicht zu unserer gegenwärtigen
aufgäbe.
Wenn wir jetzt unsere aufmerksamkeit hauptsächlich auf
den dritten punkt richten, so finden wir allgemein angenommen,
obwol nirgends gründlich dargestellt, dass die dehnung oder
nichtdehnung dieser vokale in gewisser beziehung zu der
natur des suffixes stehe. Es wird, glaube ich, manchmal in
Universitätsvorlesungen gelehrt, dass gewisse suffixe die dehnung
verhindern. Doch nie habe ich eine genauere bestimmung dar-
über gehört, was für suffixe dabei in betracht kommen, noch
einen grund, warum sie die dehnung verhindern sollten. Die
eingehendste darlegung findet sich bei Sweet (Hist. of e. s. § 625.
627.629): * Medial shortness before a Single consonant is pre-
served in IME. before certain endings ("back-shortening"), but
with many exceptions, and fluctuation in some words.' Im
folgenden werden angeführt die endungen -er, -el, -en (aus-
genommen das -en des inf. praes.), -ing, -i, Ten Brink, Chaucers
spr. u. versk. § 17. 18 erwähnt stammbildende suffixe mit r> n
und i
In Sweets New english grammar § 793 findet sich die regel,
dass 'Short vowels are often preserved in Late as well as in
Early ME. before a Single consonant followed by the füll vowel
i as in mani, peni, bodi, or weak e + a vowel -like consonant
(r, l, n, m) as in hamer, feter, coper; sadel, hovel; seven, troden.''
Noch ein anderer grund für die fehlende dehnung wii-d oft
angegeben, nämlich, dass der fragliche fall tatsächlich gar nicht
unter die rubrik eines vokals in offener silbe gehöre. So Sweet,
Hist. of e. 8. § 625: * Apparent exceptions to these laws are mainly
40 HALB
due to the ME. form being ta-ken not from the OE. base, but
from some oblique case or derivative.'
Keine von diesen erklärungen ist jedoch völlig befriedigend.
Sie sind offenbar nichts als annähernde bestimmungen. In der
tat, wenn wir irgend eine gruppe von Wörtern betrachten, deren
formen durch dies gesetz bestimmt werden sollen, so finden wir,
wie unzulänglich unsere mittel der erklärung sind. Da wir
einen fall erörtern, in dem der Charakter des suffixes eine
wichtige rolle spielen soll, so wird es angemessen sein, die
beispiele nach einzelnen Suffixen zu behandeln. Wir gehen von
der ne. form aus; denn dadurch sind wir im stände nicht nur die
ae., sondern auch die afrz. suffixe zu betrachten. Wenden wir
uns zu denen, die im ne. mit der endung -ish auftreten. Diese
würden durch Sweet und ten Brink nicht in die regel ein-
geschlossen sein, doch ist ein überblick über die beispiele recht
nützlich.
I. Das ne. suffix -ish.
1. Engl. Wörter:
a) Wörter auf -isc, wie patronymica gebildet, haben ent-
weder kurzen oder langen wurzelvokal: Danish, Polish, Bhenish,
ScoUish, Spanish. Es ist wahrscheinlich, dass nicht alle diese
Wörter alt genug sind, um der einwirkung unseres gesetzes zu
unterliegen. ScoUish (ae. Scyttisc) jedoch und Spanish (Spainisc
Lay 30703) existierten in derselben form schon 1200 und sehi'
wahrscheinlich auch Finnish (ae. Finnas) und Bhenish (ae. Bin),
Es fragt sich nun: warum sind einige lang und andere kurz?
Es scheint nicht, als sei die frage erledigt durch das Vor-
handensein einer offenen oder geschlossenen silbe, oder durch
die natur des suffixes.
b) Es gibt auch eine anzahl anderer Wörter: foolish, hrutish,
boffish (Hav. 1889), sheepish, mawkish, slavish, bookish, shittish,
reddish u. s. w.
In solchen Wörtern, ob alt oder nicht, folgt der wurzel-
vokal offenbar der Quantität des einfachen Wortes, Diese Wörter
scheinen ausserhalb der regeln zu stehen, die wir haben; die
meisten fälle dürften indessen durch die allgemeinen grundsätze
der analogie bestimmt sein.
Wenn wir uns nun zu den Wörtern französischer herkunft
wenden, können wir folgende verzeichnen:
AUSNAHME VON MK VOKALDEHNÜNG. 41
2. Wörter französischen Ursprungs: banish, burnish, cherish,
embellish, famish, finish, flourish, nourish, polish, relish, replenish,
vanish.
Diese verba stammen von den entsprechenden französischen
Verben auf -ir ab und sind durch das part. praes. auf -issant
beeinflusst. Sie unterscheiden sich aber von den Wörtern eng-
lischen Ursprungs dadurch, dass sie gleichmässig kurz sind und
durch die tatsache, dass es keine einfachen Wörter gibt, die sie
hätten beeinflussen können. Dazu dürfen wir vielleicht zur ver-
gleichung crawftsh (me. krevis), lamsh, parish, peevish anführen,
obwol diese nicht in gleicher weise im me. mit der endung -isse
oder 'ische existierten.
Betrachten wir die Wörter ae. wie afrz. herkunft, so können
wir jetzt entweder behaupten:
a) Die endung -ish verhindert dehnung. Fälle mit langem
vokal in einer offiien silbe vor -isc, -ische, -isse sind zurück-
zuführen auf analogiewirkung von selten der einfachen form, oder
b) Das streben nach dehnung in offenen silben hatte auf-
gehört wirksam zu sein in der zeit, da man die frz. Wörter
auf -^sse entlehnte, nämlich um 1350.
Jede dieser beiden annahmen würde uns eine wichtige
modifikation des gesetzes, wie wir es jetzt verstehen, liefern.
Es kann sein, dass beide richtig sind. Aber keine von beiden
wird durch die fraglichen Wörter sicher gestellt. In der tat
bietet jede gewisse Schwierigkeiten. Die erste erklärt nicht die
formen Spanish und Bhenisk Die zweite genügt nicht für die
Wörter nourish und polish, von denen das erste um 1300, das
zweite noch weit früher vorkommt.
n. Das ne. suffix -ie, -y.
Indem wir die eben erörterte frage für den augenblick bei
seit« lassen, wollen wir eine andere gruppe von Wörtern be-
trachten, und zwar eine, die in die kategorie der von Sweet und
ten Brink behandelten gehört. Auch hier werden wir von den
ne. formen ausgehen und jüngere Wörter ins äuge fassen mit
hinblick auf die Chronologie des gesetzes. Wii- werden fälle von
offenen tonsilben vor dem suffix -y einschliessen (sehen also ab
von unbetonten silben, wie z. b. in diary, theory u. s. w.), mag
der fragliche vokal a, e, o oder i, u sein. Zur bequemeren Über-
sicht sind die Wörter mit langen vokalen gesperrt gedruckt.
42 HALE
Wenn unsere vorläufig aufgestellten gesetze richtig sind,
dürfen wir dehnung vor der endung -y erwarten erst nach
a. 1300 oder in fällen, wo einfluss des grundwortes einwirkte.
a) Wörter, die in der englischen spräche nicht älter sind
als Shakespeare: caddie, coolie, cowry, curry, doily, dory,
giUy, gully, houri, levee (agger, amer.), lory, party,peri,pony,
query, racy, spinny, tabby, toddy, iory.
Es gibt sicher noch mehr solcher Wörter im neuenglischen,
doch werden diese genügen, zu zeigen, dass seit Skakespeare
keine ausgesprochene tendenz vorhanden gewesen ist, weder zur
dehnung noch zur Verkürzung. Die doppelkonsonanten sind
natürlich nur das zeichen eines vorhergehenden kui'zen vokals.
Phonetisch betrachtet sind sie einfache konsonanten.
b) Wörter, die zuerst in der zeit zwischen Shakespeare
und Chaucer auftreten: bevy, booby, brawny, bully, cadi, eddy,
eyrie, ßly, gaby, gravy, jelly, jetty, Jockey, jury, let^y, lobby,
moly, mummy, murrey, ninny,perry,puny,puppy,puUy, queasy,
rally, sally, sherry, tiny, trophy, tunny, wary, wherry, zany.
Diese Wörter zeigen ebenfalls weder eine tendenz zu kürzen
noch zu dehnen, noch einen unterschied zwischen a, e, o und i, u.
c) Spätme. Wörter, die in der tonsilbe zeigen
a: alley, haby^ carry, dally^ dairy, happy, knarry^ mary (marrow)^
navy, tawnyj vaüey, vary.
e: cherry, easy^ petty, semi-f 8 er i es.
/: ditty.
o: bonny, hooty, copy^ covy, hobby (-horse), hobby (falco), knotty,
lowlyy money, quarry.
u: curry, dutyj fury^ hurry, ruby, study.
andere vokale: beauty , batody, fairy, tally.
Die Verschiedenheit in der Quantität ist vielleicht aus der
zeit ihrer entlehnung zu erklären.
Von den Wörtern mit langem vokal folgen einige ihren
grundwörtern, wie baby, dairy, easy, booty, lowly, bawdy, fairy;
doch dieser grund genügt nicht für die erklärung von navy,
tawny, vary, series, fury, ruby, beauty. Diese beispiele könnten
dazu dienen unsere zeitgrenze zu bestätigen, namentlich aber,
dass die tendenz zu dehnen zur zeit ihrer entlehnung aufhörte.
d) Wörter, die zuerst im fi-ühmittelenglischen begegnen:
ally, city, cony, folly, glory, joUy, marry, pity, privy, story
(fabula), siory (tabulatum), tarry, tidy, very.
AUSNAHME VON ME. VOKALDEHNUNG. 48
Diese Wörter bieten keine absolute bestätigung einer
unserer hypothesen. Sie können alle zwischen 1250 und 1300
belegt werden, und doch haben wir vier fälle mit langen silben
ohne eine einfache form, durch die sie veranlasst sein könnten.
e) Ae. Wörter.
ö) y < ae. -ig. Wörter die in der tonsilbe zeigen:
9, a, ea: chary, daiBy, many, pretty.
d, d: any, foamy, greedy, holy, whoUy, lady, siüy, aorry,
e: beüy, berry, heavy, penny.
if 4c: dreary, ateady, weary.
/: ivy, giddy, withy,
/: dttfy, dizzy,
o: body, poppy.
6: bloody^ moody.
u: doughty; honey, ruddy.
ß) y < ae. -g. Wörter in der tonsilbe mit:
• : felly, harry, merry.
/: bury (verbum), bury (subst.), worry.
Diese Wörter können natürlich keine aufklärung über die
zeitgrenze bieten.
Wenn wir das fruhme. suffix -ie als grund der Verkürzung
(backshortening) ansehen wollen, so haben wir die folgenden
langsilbigen Wörter zu berücksichtigen: die fünf oben angeführten
fruhme. Wörter und diary, daisg, foamy^ greedy, holy, lady,
dreary, weary, ivy, moody, doughty. Jilit diesen ausnahmen
können wir sagen: *Das fruhme. suffix -ie verhindert die dehnung
in offenen silben (Sweet , Hist. of e. s. § 629) und verkürzt lange
Silben '. Einige der ausnahmen sind zurückzuführen auf den ein-
fluss der analogie: chary vgl. ae. cearu, daisy fruhme. dai, foamy
fruhme. ßm, greedy ae. grced, holy ae. hdl (sonst gleichlautend
mit tvholly), moody ae. mod, tidy ae. tid; lady fruhme. levedi
und doughty ae. dyhtig mit ersatzdehnung. Unerklärt bleiben
dreary, tceary, ivy, cony, glory, story (2).
Man kann sagen: von 1250 bis 1300 bestand eine tendenz
a, e, in offenen silben zu dehnen, was aber durch die endung
'ie verhindert wurde. Doch ist zu beachten, dass die ableitungen
von grundwörtem mit langem vokal gewöhnlich diesen folgen.
Es gibt neunzehn fälle (abgesehen von Wörtern mit ?*, u) und
zwei ausnahmen: cony und story (tabulatum) vom afrz. o.
Dies ist keine allgemeine regel für die Verkürzung; diese
44 HALE
liegt keineswegs so klar. Es stehen oben 24 fälle hei a, e, o
und sechs aasnahmen.
Es würde sich nun fragen: können wir diese erscheinung
(kurze vokale vor frfihme. -ie) auf andere weise erklären? Ein
oft gegebener hinweis ist der einfluss der obliquen kasus, worüber
später noch ein paar worte zu sagen sind.
ni. Das ne. sufflx -l
Unter diese rubrik stelle ich eine beträchtliche zahl von
Wörtern sehr verschiedenen Ursprungs, die jedoch darin überein-
stimmen, dass in allen fällen dem einfachen konsonanten nach
einem betonten vokal ein vokal oder ein vokalisches l folgt.
Ihre volksmässige ausspräche variiert jetzt und hat auch lange
zeit hindurch so gewechselt, dass wir sie füglich alle im Zu-
sammenhang betrachten können.
Zunächst mag bemerkt werden, dass es eine gruppe von
Wörtern gibt, aus denen hervorzugehen scheint, dass das sufflx - j
verkürzenden einfluss ausübt, sogar dann wenn die grundwörter
noch vorhanden sind. Ich meine die frequentativa und diminutiva
auf -2e, deren es eine grosse anzahl im neuenglischen gibt. Sie
haben fast immer einen kurzen vokal, auch wenn sie von Wörtern
mit langem vokal abgeleitet sind. Beispiele ohne rücksicht auf
die Chronologie sind: cuddle, dazzle, drizzle, huddU, ntusale, paddle,
prattte, scräbble, scribble, straddle, straggle, stmggle, fhroUle, irickle,
tussle, whistle (subst.). Mit länge habe ich nur towsk angemerkt.
Das sufflx 4 oder vokal + l tritt auf in folgenden fällen:
a) Wörter seit Shakespeare: boodle, caudal, civil^ coble,
copal, Cifcle, docile, dual, ducal, duffle, easel, fogle, foible,
fossile, fribble, frugal, fusil, futile, giggle, gunwhale, higgle,
model, naval, nicJcel, nipple, nodal, noodle, ogle, oval, oral,
petal, poodle, quibble, renal, riße, ripple, rouble, sidle, shuffle,
stipple, toddle, truffU, venal^ wheedle.
Hier zeigt sich keine spur von einer besonderen dehnung
bei a, e, o. Die betonten vokale sind unterschiedslos lang
oder kurz. Wenn kurz, schreiben wir das wort mit einem
doppelkonsonanten, und die silbe gilt als geschlossene. Das
letztere ist mehr eine Wirkung als ein grund ihrer kürze.
b) Wörter aus der zeit zwischen Shakespeare und Chaucer:
ba/fle, bitel, bevel, bezel, boggle, bügle, cannel, cavil, dial, dibble.
AUSNAHME VON ME. VOKALDEHNÜNG. 45
duel, flannel, gimmal, fffapple, gruel, guzzle, kennet (cloaca),
measles, medal, missal^ opal, pedal, penal, fiddle, puzzU, ravel,
refel, rival, rubble, scruple, sctittle, sybil, skitües, snaffle, sorrel
(oxalis), sorrel (spadix), squabble, sterile, stiße, trammel, tunnel,
virile (Stammsilbe entweder lang oder kurz).
Auch hier, obwol darunter verhältnismässig wenig lange
Silben sind, scheint keine besondere regel zu herrschen.
c) Spätme. Wörter in der tonsilbe mit
sirz. a: able^ baail, bauble, Channel, dappUy fable, gable, kennd
(stabulatnm), label, nasal, natal, papal, raffte, rabble, table, vaaaal.
ai: eagle, vessel.
e: beagle(^), beryl, bezzU, dishevel, enamel, meddle, quarrel, revel.
i: diaciple, level, libel, rifle, Utile, title, victuala, vital,
o: bottle (fascis feni), brothel, caral, mobile, novel, pommel, pottle,
trudele.
ff: bubble, muzzle, newel, plural.
oy: bottle (lagena), buckle, cobble, fuel, subtle.
Auch treacle und people.
Ob wir hier über dehnung oder Verkürzung etwas be-
stimmteres sagen können, wird weiter unten erörtert werden.
d) Frühme. Wörter in der Stammsilbe mit
afrz. a: barrel, bottle, cable, cackle (nicht afrz.), carol, cattle, chapel,
ehattd, sable, stable, staple, tackle, taasel, travaü,
ay: caudle.
e: feeble, griddle, metal, perü, rebd, special.
/: chisel, cripple,
Ol fumnel, noble,
y. eruel, trifle.
au: couple, supple, stubble, trouble.
e) Ae. Wörter mit dem Stammvokal:
a {os, ea): addle, apple, babble, camel, er adle, gavel (-kind), kachle,
hazel, ladle, maple, navel, pebble, rattle, riddle, saddle, shackle, staple,
vassail
d: needle, teasel,
e: fennd, kettle, nettle, settle (verb. imd subst.), weasel.
io: devü.
/: bnUle, fickle, fiddle, icicU, little, middU, riddU, strickU, wUtol, weevü.
/: bridle, idle, whittle.
o: skovei.
6: ouseL
u: cuttU (-fiBh).
ü: housel
f. brittle, beadle, evil, Shuttle.
f: beetle, bridal.
46 HALE
Wenn wir die langsilbigen Wörter betrachten, um die
T^irkung unseres gesetzes zu beobachten, können wir cable,
gable, staple ausschliessen; denn sie waren bereits lang, als
sie entlehnt wurden. In betreff der übrigen erwähne ich nur
noch, dass ladU vielleicht der analogie von lade gefolgt ist.
Ueber die beiden letzten klassen auf -y und -l können
wir also folgendes bemerken: nehmen wir dehnung von a, e, o
in offener silbe an, so haben wir 58 fälle von möglicher Ver-
kürzung mit neun ausnahmen, und 43 fälle, wo das gesetz der
dehnung verhindert ist, mit acht ausnahmen.
Eine Zusammenstellung der ae. und der frühme. Wörter auf
•y und 'l könnte uns bestimmen, eine der folgenden hypothesen
aufzustellen:
a) Lange vokale in offenen silben wurden verkürzt durch
die ein Wirkung verschiedener sufflxe: 83 mögliche fälle, von
denen 26 ausnahmen, also 32%.
b) Die dehnung von a, e, o in offenen silben wurde ver-
hindert durch die einwirkung dieser sufflxe: 63 mögliche fälle,
von denen 11 ausnahmen sind, 17<>/o.
Wir betrachten noch einige fälle aber dabei weniger ins
einzelne gehend.
IV. Das ne. suffix 99 (-er, -or, 'Otir, -or).
Ausgenommen sind natürlich alle fälle, in denen die ein-
fache form die ableitung beeinflusst, wie sleep, sleeper: spätme.
batter, choler, enamour, flatter, honour, leisure, measure, odour,
paper, ienor, tremour, vapour, Ueber diese mag bemerkt
werden, dass wahrscheinlich die kurze silbe davon herrührt, dass
der Stammvokal ursprünglich unbetont war.
Das kann der fall sein. Solche Wörter wie meager, eager
unter den frühme. Wörtern sind beispiele dafür. Denn sie müssen
immer paroxytona gewesen sein und mögen deshalb länge zeigen.
Aber wir können nicht sagen, ob ein wort gewöhnlich par-
oxjrtonon oder oxjrtonon war; z. b. honour erscheint im Troüus
(Kittredge, Observations on the language of Chaucer's Troilus
[London 1891] s. 91) 22 mal als paroxytonon, 15 mal als oxytonon;
labour 6 mal als paroxji:onon, 2 mal als oxjionon. Es kann
daraus gesclilossen werden, dass die Wörter gewöhnlich den
modernen accent hatten. Der veränderliche accent konnte viel-
leicht ktirzung verursacht haben, aber sicher nicht regelmässig
AUSNAHME VON ME. VOKALDEHNÜNG. 47
Es gibt hier mehr lange Stammsilben, als in ae. Wörtern, die
niemals oxytona waren. Ich bin deshalb keineswegs geneigt,
giosses gewicht auf solche wöi1;er zu legen.
Me. collar, colour, dolotir, eager, error, favour, labotir,
meagre, manner, mattet', pleasure, savour, tailor, traitor,
valour, aber nui* eager, meager, pleasure, tailor, traitor, sind von
Wichtigkeit im Zusammenhang mit der frage der Verkürzung.
Ae. Wörter: acre, adder, bladder, brotJier, etther, father,
heather, fetter, fodder, hamnier, heifer, lather, leath^, mother,
other, otter^ scatter, tether, treasiire, wither, whether.
Bei diesen wöi'tem scheint ganz dieselbe neigung zu
herrschen, wie bei den bereits behandelten sufflxen. Der ein-
fluss des Suffixes -er scheint die dehnung zu verhindern und
lange silben zu verkürzen.
V. Weitere ne. suffixe.
Die folgenden beispiele für verschiedene suffixe werden eine
noch treffendere illustration geben. Die beigefügten ziffem be-
zeichnen die Periode, in der das wort zuerst erscheint: 1 = ae.,
2 = frühme., 3 = spätme., 4 = frühne., 5 = nachshakespearisch.
-•/»: harren (2), baain (3), hatten (3), haton (5), heacon{\)y hracken (1),
eletfcn (1), haven(\)y heathen {l)j /eaven (3), 2e^ion(2), 2einn(3), oven(\)f
poüen (5), saknon (3), token (1).
Hier wiegen lange Stammsilben unter den ae. Wörtern vor.
-m: heaom (1), hosom (1), hottom (1), chasm (5), fathom (1), grue-
some (5), harem (5), oakum (1), solemn (3).
•ock: bannock (2), hassock (3), haddock (3), hommock (5), mattock (1),
paddock (3), paddock (1), poüocfc (2).
-/c: Comic (4), chronic (5), fanatic (5), frolic (4), panic (4), relic (2),
9alie (4), tropic (3), trafiic (4).
'ing: herring (1).
-op: collop (3), envelope (3), scallop (2?), shaüop (4), troüop (5).
-/f: closet (3), emmet (1), faucet (3), ^oW»e< (3), habit (2), molW (3),
merit (3), jHiZkt (5), j^aia/c (3), poppet (2), ro&W* (3), racket (3), renn«« (3),
jKXte« (4), vomit (3), tcalle« (3).
Diese aufzählung macht auf Vollständigkeit keinen an-
spruch. Sie ist beigefügt, um weiter die tendenz nachzuweisen.
Bei betrachtung dieses Verzeichnisses scheint es mir, dass wir
jedwede phonetische erwägungen in betreff des suffixes bei seite
lassen können. Was für eine Wirkung das antreten der suffix-
48 HALB ,
Silbe auch haben mag, sie scheint von ihrem phonetischen
Charakter ganz unabhängig zu sein. Die suffixe -ock oder -ic
sind allerdings wirksamer als die mit -n oder -r oder als das
suffix 'i (ten Brink, Chaucers spr. § 18, Sweet, Hist. of e. s.
§ 629).
Was das Verhältnis der ausnahmen betrifft, so ergibt sich
folgendes: Nehmen ^ir das gesetz (a) an, wonach ein suffix die
dehnung von a, e, o in offenen silben verhindert, so haben wir
unter den angeführten beispielen ungefähr 183 fälle, von denen
36 oder 20 »/o ausnahmen bilden. Nehmen wir das gesetz von
der Verkürzung an (b), so haben wir 248 fälle, von denen 65
oder 26ö/o ausnahmen bilden. Dies Verhältnis ist natürlich zu
bedeutend für uns, um anzunehmen, dass wir etwas mehr als
eine tendenz festgestellt hätten. In der me. granmiatik ist
es indess gerade jetzt schwierig, auf dem strengen Charakter der
lautgesetze zu bestehen, wol hauptsächlich aus dem gründe, weil
wir bei unseren anführungen alle dialekte vermischen, ohne die
punkte zu kennen, in denen die dialekte von einander abweichen.
Im ganzen aber ist das Verhältnis der ausnahmen bei a) nicht
sehr bedeutend; wenigstens nicht bedeutender, als das ausnahme-
verhältnis bei dem Verkürzungsgesetz.
Die bisherige Untersuchung hat einen gewissen grad von
Wahrscheinlichkeit für folgendes gesetz ergeben: *die dehnung
von a, e, o in offenen silben wird durch die einwirkung ge-
wisser suffixe verhindert, die zugleich die tendenz zeigen, an
sich lange vokale zu verkürzen. In diesem falle kann die
analogiewirkung des grundwortes die länge der Stammsilbe
wahren.'
Femer bin ich geneigt, zu behaupten, dass das dehnungs-
gesetz nur von 1250 bis 1350 in kraft war, obwol eine sorg-
fältigere Prüfung dartun könnte, dass, wenn wir unser ver-
kürzungsgesetz auf Wörter, die sich nach 1350 finden, anwendeten,
das ausnahmeverhältnis ebenso gering sein würde, wie bei den
älteren Wörtern. Auf diesen punkt werden wir später unsere
aufmerksamkeit richten.
Noch ein wort ist nötig, bevor wir zur erörterung des ge-
setzes, das wir zur betrachtung stellen, schreiten können. Einen
anderen grund der Verkürzung erblickte man für manche fälle
darin, dass die ausnahmen von dem dehnungsgesetz lediglich
durch die obliquen casus bedingt seien, in denen durch syn-
AUSNAHME VON ME. VOKALDEHNÜNG. 49
kopierungen der fragliche vokal vor zwei konsonanten zu
stehen kam.
Dies ist ein punkt, der schwer bewiesen oder in abrede
gestellt werden kann. Wenn die Verkürzung aus den obliquen
casus sich ergeben sollte, so müssten wir beweisen, dass oblique
casus mit zwei konsonanten nach dem vokal häufiger vorkämen
als nominative. Und dies, obwol oft angenommen, ist durchaus
nicht sicher. Es muss auch bemerkt werden, dass bei der an-
nähme einer Verkürzung durch den einfluss der obliquen casus
sich eine sehr grosse anzahl von ausnahmen zeigt, die alle dem
umstand zugeschrieben werden, dass wir nicht genau über die
zeit des Vorkommens eines einzelnen wortes unterrichtet sein
können. Bei dieser ausflucht ist es ganz unmöglich, die Wirkung
der obliquen casus zu leugnen. Bei gewissen Suffixen, wie bei
den Wörtern auf -otv, ist sie wahrscheinlicher als bei andern.
Im allgemeinen aber scheint es mir nach dem folgenden, dass das
oben erörterte princip das leichter begreifliche ist.
Ohne zu behaupten, dass wir ein gesetz aufgestellt haben,
wollen wir es vielmehr nur als eine hypothese betrachten und
sehen, ob es den anforderungen des einzelnen f alles entspricht.
Wir haben eine modifikation von Sweets und ten Brinks Stand-
punkt gegeben, und wollen nun sehen, ob sie die probe be-
stehen wird.
Wir nehmen an, dass eine tendenz zu dehnen durch gewisse
Suffixe verhindert wird. Zuerst wollen wir bemerken, dass einige
(z. b. ein deutlich als solches erkanntes suffix) diesen einfluss
nicht ausüben, d. h. in fällen, wo die analogie des grundwortes
das abgeleitete wort beeinflusste. Nur solche suffixe, die für das
gewöhnliche Sprachgefühl nicht als lebendige suffixe existierten,
verursachten oder wahrten die kürze.
Wenn wir den Wechsel in der quantität betrachten, der
das frühme. kennzeichnet, so finden wir die tendenz, kurze vokale
in einsilbigen Wörtern zu dehnen und lange vokale in zwei-
silbigen Wörtern zu verkürzen. Die Wörter mit langem vokal
in offner silbe neigten zur kürzung ausser vor flexionsendungen,
diejenigen mit langem vokal in geschlossener silbe strebten ihn
zu verkürzen ausser vor dauerlaut und verschlusslaut. Was
kurze vokale betrifft, so wurden / und u in offner silbe nur in
ansnahmefällen gelängt, und die dehnung von a, e, o wurde
Fvtgab« fttr Sieren. 4
50 HALE
durch das suffix verhindert. Kurze vokale in geschlossener silbe
wurden nur vor dauerlaut und verschlusslaut gelängt.
Lassen wir die flexionsendungen ausser betracht, die seit
1300 allmählich von sehr geringer bedeutung wurden, und sehen
wir ab von den Suffixen, die bei dem Vorhandensein eines grund-
wortes deutlich als solche erkannt wurden, so könnte es scheinen,
dass sich eine art normal -wortlänge im englischen festsetzte,
d. h. ein einsilbiges wort mit einem langen vokal oder ein zwei-
silbiges mit zwei kurzen vokalen. An dieser festsetzung ist
die dehnung von a, e, o in offenen silben, die gerade zu der
zeit eintrat, wo die flexionsendungen von immer geringerer be-
deutung wurden, beteiligt, und ebenso die Verhinderung des
dehnungsgesetzes bei suffixen, die im allgemeinen sprachbewusst-
sein durch das fehlen der grundwörter nicht als solche angesehen
wurden, und ebenso die Verkürzung.
Dies möchte ich als das grundprincip ansehen, um eine
rationelle erklärung für die verschiedenen quantitätsveränderungen
zu bieten.
Es bleibt noch übrig, diese hypothese im hinblick auf
andere bekannte quantitätserscheinungen zu betrachten.
Ein lautwandel wie der von urgerm. a vor nasalen > ae. 6,
oder beispiele der dehnung veranlasst durch kontraktion sind
fälle, die auf der Wirksamkeit eines allgemeinen phonetischen
princips beruhen, und lassen sich in vielen sprachen ausser der
englischen beobachten. Die dehnung von a vor gewissen kon-
sonantenverbindungen scheint ebensowenig eine spezielle beziehung
zu unserer hypothese zu haben. Die verschiedenen erscheinungen
bei Synkope und apokope sind indess von Interesse. Die synkope
von a, e, o nach langen silben, aber nicht nach kurzen, scheint
an der oben erwähnten tendenz teil zu haben.
Die Periode, während der die dehnung von a, c, o in offenen
silben vor flexionsendungen verhindert wurde, war die periode,
in der die flexionsendungen selbst mit grosser Schnelligkeit mehr
und mehr von ihrer bedeutung einbüssten. Obwol diese a. 1350
zweifeUos noch im metrum als unbetonte silben gezählt wurden,
galt für das Sprachgefühl eine silbe mit einem langen vokal,
auf die eine flexionssilbe folgte, kaum mehr als ein einsilbiges
wort mit einem langen vokal oder als ein zweisilbiges mit zwei
kurzen vokalen.
Femer wollen wir gewisse quantitätsverhältnisse im
AUSNAHME VON ME. VOKALDEHN ÜNG. 51
modernen englisch en^'ähnen, die, wenn auch noch nie sorgfältig
untersucht und erklärt, doch im allgemeinen bekannt sind.
1. Es gibt gewisse composita, die eine besondere bedeutung
angenommen haben und gleichsam selbständige Wörter geworden
sind. Ein solches ist husband, nicht man of the house (pater
familias), sondern der ehemann (maritus). Ferner shenff, nicht der
reeve of the shire, sondern ein gewisser beamter der grafschaft.
Bei solchen compositis, in denen der erste bestand teil ein
einsilbiges wort mit einem etymologisch langen vokal, ist dieser
vokal selbst dann verkürzt worden, wenn er den hauptton hatte;
z. b. husband, sheriff, woman, Christian, mneyard, groundsel, wis-
dofH, leftian.
Dies gesetz ist nicht aUgemein: ausnahmen begegnen einem
leicht, z. b. island, boatswain, friday, luJcewarm, bei denen der
sinn wenigstens des einen der glieder des compositums sicherlich
verdunkelt ist.
Mit einiger Wahrscheinlichkeit könnte man behaupten, dass
in einigen fällen die länge durch analogie gewahrt ist, obwol
es schwierig sein dürfte nachzuweisen, warum die analogie in
andern fällen nicht wirksam war. Worauf ich hier hinweisen
möchte, das ist eine tendenz nach derselben richtung hin, wie
bei der, welche ich im sinne habe. Diese Wörter sind verkürzt
mehr um den anforderungen eines dunkel gefühlten oder un-
bewussten triebes entgegenzukommen, dass die wortlänge gleich-
massig bleibe.
2. Sogar in den oben besprochenen ausnahmefällen und in
der grossen zahl von compositis, die deutlich als solche empfunden
werden, in denen der erste bestand teil noch lang bleibt, ist die
quantität bekanntlich etwas gekürzt. Der vokal im neuenglischen
kann sein, was wir in populärer spräche einen langen vokal
nennen (er ist in den meisten fällen ein fallender diphthong),
aber seine quantität ist merklich gekürzt; z. b. solche Wörter
wie bait baiibox, beet beetroot, brak^ brakeman, break breakup,
codi coalotl, coach coachoffice, down downfall, ice iceberg, pea
peacock, sea seashoi-e, type typewriter, in all diesen compositis
ist der vokal des ersten bestandteils merklich kürzer als in dem
einfachen wort. Diese Verkürzung betrachte ich als ne., weil
wir in beiden fällen die ne. diphthonge bisweilen lang, bisweilen
80 zu sagen halblang haben.
4*
52 HALE, AUSNAHME VON ME. VOKALDEHNUNG.
Weit interessanter als diese fälle ist die tatsache, dass
sogar in fällen, wo die gemeinsame silbe keinen etymologischen
Zusammenhang hat, der unterschied in der quantität deutlich
wahrnehmbar ist, z. b. ache acom, alc alien, hake bacon, bar
barley, heet beeile, bead beadle, dale daylight, dry driver, hay hey-
day, no noble, pile püot, toc token. Diese fälle scheinen darzu-
tun, dass ein langer vokal in einem zweisilbigen wort im eng-
lischen zu einer kürzeren ausspräche neigt, als in einem ein-
silbigen. Diese Verkürzung nimmt die stelle des me. back-
shortening Sweets (Hist. of e. s. § 629) ein. Wir können keine
genauen messungen geben, aber es ist sicherlich von wert, es
hier anzumerken.
Wie in dem falle der composita' zeigt sich hier ein streben
zweisilbige Wörter mit langen vokalen zu verkürzen. Es ist
eine ne. tendenz, und sie steht durchaus auf einer stufe mit der
hier erörterten tendenz, obwol sie nicht eine direkte fortsetzung
davon zu sein braucht
DAS MER0W1NGEREP08 .'^: //
UND DIE FRÄNKISCHE HELDENSAGE.
Von Carl Voretzsch
(Tübingen).
Im jähre 1877 überraschte Ars^ne Darmesteter die
romanistische weit mit seiner doktoratsthese über Floovent und
den Merowingercyclus, ') in welcher er den nachweis zu führen
suchte, dass in der blütezeit des französischen heldenepos ein
ausgedehnter cyclus von dichtungen über die Merowingerkönige
existiert habe. Er führt« diesen Merowingercyclus durch eine
beständige, lebendige tradition hindurch*) auf die zeiten der
Merowinger selbst zurück und gelangte so zur annähme einer
weit älteren Merowingerepik, deren helden vor allen Chlodovech
als erster christlicher könig und Dagobert als mächtigster herrscher
gewesen.
Den versuchen, für die blütezeit der altfranzösischen epik
einen ausgebildeten Merowingercyclus zu erweisen, kam das buch
von Pio Rajna über die anfange der französischen epik') ent-
gegen. Diese anfange zu ergründen wandte sich Rajna an die
alten geschichtlichen Überlieferungen der Merowingerzeit, hier
*) Andne Dannesteter, De Floovante vetnstiore gaUico poemate et de
Merowingo cyclo. Lutetiae Parisionun 1877 (vgl. bee. 8. 89—113).
*) Diese erkläning ist angefochten worden von Stengel (Zs. f. rom. phil.
2, 337 f.), der in den Oesta Dagobert! allerdings spuren epischer berknnft zu-
gibt, aber das spätere epos des 12. jhs. auf eine geschriebene quelle, eine
lateinische chronik, zurückführt. An Stengel hat sich dann, in ausführlicherer
darlegung, auch Friedrich Bangert (Die Flooyentsage. Progr. d. realschule I.
Ordnung zu Bockenheim, 1879, s. 18 ff.) angeschlossen.
') Le origini deU' epopea francese. Indagate da Pio Bigna. Firenze 1884.
/'^ tf
54 VORETZSCH
Zeugnisse für eine dichtung findend, welche der überlieferten
altfranzösischen vorausgegangen. Nach ihm waren nicht nur
Chlodovech und Dagobert, sondern auch Theodorich, Chlothar IL
und andere könige der Merowinger schon früh in epischen liedem
besungen worden, von denen die berichte der fränkischen Chro-
nisten blosse auszüge wären. Rajna war nicht der erste, welcher
hinter jenen sagenhaften Überlieferungen alte lieder vermutet
hatte — namentlich die historiker hatten hie und da ganz
übereinstimmende ansichten geäussert^) — aber er zuerst hat
die frage für die litteraturgeschichte nutzbar gemacht und von
diesem Standpunkte aus einmal einer eingehenden Untersuchung
unterworfen. Seine theorie fand nahezu ungeteilte Zustimmung.
Der Verfasser der ^Histoire poetique de Charlemagne' widmete
dem buch eine ausführliche besprechung, ^) welche zu allen haupt-
und vielen einzelfragen Stellung nimmt und eine wertvolle er-
gänzung dazu bildet. In den wichtigsten punkten war auch er
mit Rajna einig, und so schienen seitdem die akten über diesen
gegenständ geschlossen.
Von neuem in fluss gekommen ist dann die frage vor
wenigen jähren durch Godefroid Kurth,^) der — zunächst
ohne Rajnas werk zu kennen — als historiker in den mero-
wingischen Überlieferungen die rein geschichtlichen demente von
den ungeschichtlichen systematisch zu scheiden unternahm und
hierbei noch weit häufiger als Rajna reste und spuren von alten
liedern jener zeit entdeckte. Sein buch war dann widerum der
anstoss für eine reihe weiterer Untersuchungen,*) die, zumeist
an das sogenannte Farolied anknüpfend, die grundfragen über
*) So namentlich Wilhelm Junghans, Die geschichte der fränkischen
könige Childerich und Chlodovech, kritisch untersucht (Göttingen 1857) s. lOflf.
und an yerschiedenen anderen stellen. Im übrigen vgl. hierzu die einleitung
von Kurth zu seinem unten aufgeführten buche.
*) Gaston Paris, Romania 13, 598—627.
^) Godefroid Kurth, Histoire poetique des M^rovingiens. Paris 1893.
*) Hermann Suchier, Chlotars des U. Sachsenkrieg und die anfange des
französischen volksepos (Zs. f. rom. phil. 18, 175—94). — Ferdinand Lot, La
vie de saint Faron et la guerre de Saxe de Clotaire 11. (Eomania 23, 440 — 45)
(Lots recension des Kurth'schen buches im Moyen äge stand mir hier
nicht zu geböte). Hierzu eine ausführliche note von Gaston Paris. — Gustav
Körting, Das * Farolied' (Zs. f. franz. spräche u. lit. 16, 235—64). — Franz
Settegast, Die letzte tirade des Bolandsliedes und die beziehungen derselben
zum thüringischen kiiege vom j. 531 (Zs. f. rom. phil. 18, 417—24).
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 55
die anfange des altfranzösischen heldenepos von neuem zur er-
örterung brachten. Suchier zeigt«, dass nach dem Wortlaut
des textes das Farolied nicht das ihm bisher allgemein zu-
gesprochene alter beanspruchen dürfe, und setzte hiermit, da das
Farolied das erste Zeugnis für französischen heldensang über-
haupt sei, die anfange desselben in eine erheblich spätere zeit
als gewöhnlich angenommen wird, nämlich erst in das 9. Jahr-
hundert. Diesen Schlussfolgerungen ist von selten Ferdinand
Lots, und im anschluss daran auch von Gaston Paris, wider-
sprochen worden. Eine ausführliche betrachtung hat dem Faro-
lied gleichzeitig Gustav Körting gewidmet, welcher dasselbe
als chanson de geste nicht gelten lässt und ihm daher für die
geschichte der französischen litteratur eine wesentliche bedeutung
nicht zugestehen kann. Schliesslich gehört hierher auch noch
eine durch Eurths buch angeregte abhandlung von Settegast,
welcher in der schlusslaisse des Eolandsliedes inhaltlich die ge-
schichte des Thüringerkrieges von 531 widererkennt und dem-
gemäss hieiin die nachwirkung merowingischen heldensanges
erblickt.
Es sind eine ganze reihe fragen, welche sich an diese
neueren und neuesten Untersuchungen knüpfen. Unter diesen
fragen scheint mir die nach der Merowingerepik des 11. und
12. Jahrhunderts eine solche zweiter Ordnung zu sein: in der
hauptsache handelt es sich nur darum, was man ausser dem
Floovent als merowingisch anerkennen und wie weit man den
Inhalt dieser epik auf ältere epen, wie weit auf chi-oniken zurück-
leiten will. Hingegen führt das ältere Merowingerepos mitten
in die gmndfragen über den begfnn des französischen epos, ja
vielleicht der französischen litteratur überhaupt hinein. Lässt
es sich erweisen, dass in der Merowingerzeit solche epen bereits
vorhanden waren und dass sie sich gar noch ihrem Inhalte nach
aus den historischen berichten jener zeit rekonstruieren lassen,
so haben wir damit ausserordentlich viel gewonnen für die
kenntnis einer litteratur, deren älteste denkmäler dem 9. Jahr-
hundert angehören, und noch mehr einer dichtgattung, die uns
als solche in sichtbarer gestalt erst am ende des 12. Jahrhunderts
gegenübertritt.
In der debatte um dieses ältere Merowingerepos hat man
sich nun nicht damit begnügt, sich auf die existenz der späteren
dichtong und auf frühere Zeugnisse zu berufen, sondern man hat
56 VORETZSCH
sogar, wie wir gesehen, einen materiellen beweis gefunden in
den erzählungen der merowingisclien Chronisten, die somit in den
Vordergrund der ganzen frage gerückt sind. Es gilt heutzutage
als ausgemacht, dass wir hier Umschreibungen oder auszüge aus
alten liedern vor uns haben. Es ist nahezu ein dogma, dass
die heldenlieder am tage nach dem ereignis gedichtet und ge-
sungen werden. Nach dieser theorie gibt es überhaupt, um die
künde von den ereignissen im volksmunde fortzupflanzen, nur
die form des liedes. Ich habe an dieser herkömmlichen an-
schauungsweise einige zweifei zu äussern gewagt, und dem-
gegenüber das recht einer mündlichen Überlieferung in un-
gebundener rede, d. h. den begriff der heldensage betont, aber
damit gerade bei den hervorragendsten kennern unseres alt-
französischen epos wenig gegenliebe gefunden. Gaston Paris ist
im ganzen auf seinem negierenden, die existenz oder zum
mindesten die existenzfähigkeit der heldensage überhaupt leug-
nenden Standpunkt stehen geblieben. Pio Rajna hat die existenz
der sage überhaupt zwar nicht bestritten, aber ihre bedeutung
specieU für die Eomanen und die romanische epik so gering als
möglich angeschlagen. Wer hinter jenen alten berichten immer
sagen anstatt heldenlieder wittere, der verirre sich in fan-
tastereien und laufe gefahr, die blühende gestalt der epik zu
berauben und mit ihrem putz ein fantom, ein blosses skelett zu
bekleiden.
Es braucht nicht gesagt zu werden, dass solche anschauungen
anderwärts verbreiteten und für manchen forscher überhaupt
ausser diskussion stehenden begriffen direkt zuwiderlaufen. Gerade
deshalb aber heisst es vieUeicht nicht eulen nach Athen tragen,
wenn man einmal die frage im ganzen und im einzelnen genauer
untersucht und gerade die konkreten beweisstücke, auf welche
sich jene argumentation mit Vorliebe stützt, einmal von einer
anderen seite als bisher betrachtet.
I.
Sage und lied: AUgemeiiies.
Es sind zunächst gründe ganz allgemeinen Charakters,
welche gegen die existenz der Merowingersage und der helden-
>) Gaston Paris, Bomania 24, 490. — Pio Bigna, Literatorbl. f. germ.
u. rom. phil. 1895, s. 197—99.
MEEOWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 57
sage überhaupt vorgebracht werden: die mündliche Überlieferung
historischer ereignisse gehe nicht über die generation der Zeit-
genossen hinaus, *) ja eigentlich gäbe es eine mündliche historische
Überlieferung überhaupt nicht; *) ein fortleben der sage sei viel-
mehr ohne feste poetische form nicht denkbar,'*) ja zugleich mit
den ereignissen oder unmittelbar nach denselben sei die ent-
stehung dieser lieder anzunehmen.^) Auch könne die helden-
sage allein keine epik hervorrufen.^) Und wenn sie für die
Germanen allenfalls existenzberechtigung und bedeutung habe,
so sei es doch mit den Romanen ganz anders, welchen die Über-
lieferung nur durch lieder hätte übermittelt werden können.*)
So wird in verfolg dieser anschauungen schliesslich allen aus
populären quellen stammenden erzählungen a priori epische her-
kunft vindiciert. ^)
Die Untersuchungen über derartige fragen führen uns in
1) G. Paris : ' Cette theorie sontient en effet que la tradition historiqne
orale ne depasse gn^re la g^u^ration k laqneUe apartienuent les temoins d' an
fait* (Eomania 24, 410).
') G. Paris: 'A mon sens il n'y a pas de tradition historiqne orale'
(Rom. 13, 602).
') G. Paris: 'les faits les plns importants s'onblient en une on denx ge-
nerations, s'ils ne sont pas conserv^s par des recits po^tiqnes' (ebda.), t- Knrth:
' Et cette po^ie — e«t-il besoin de le dire — ne pent pas se passer longtempe
d*nne forme materielle ... Et ainsi stylis^e, c'est-ä-dire transfignr^e par
rimagin^tion popnlairc, et soulev^e snr len denx alles dn rythme et de la
m^lodie, Thistoire prend son toI ä trayers les mnltitudes sons la forme de
Chansons ^piqnes' (1. c. s. 2).
*) G. Paris: *je pense qne tont ce qui dans Tepopee est historiqne provient
n^ssairement de chants absolnment on presqne absolnment contemporains
des ^y^nements qni en sont le siget {k moins qn'il n'y ait empmnt fait par
les po^tes k des sonrces historiqnes proprement dites)' (1. c). — Knrth (s. 339):
'c'est an lendemain des ^y^nements qne naissent les chansons ^piqnes . . .*
*) Gaston Paris (Born. 24, 490): 'Cette theorie conteste qne la tradition
orale ä eUe tonte senle ait pn snsciter la po^sie epiqne\
*) Bfljna (Literatnrbl. f. germ. n. rom. phil. 1895, s. 198): 'B parlare dl
"Sage-* anzieht di poemi, k in nn bnon nnmero di casi per la filologia tedesca
nna necessitä imposta da qneUa medesima pmdenza, che alla sna consoreUa
C(nnanda precisamente il contrario . . . Ora, alP elemento romano, in qnanto
popolo, e popolo in non poca parte cittadino, anzieht schiatta, la ''Sage"
mal poteya accomnnarsi in altra forma che di canti'.
') So Knrth s. 130 (gelegentlich der Herknnftssage): 'nous sommes
antoris^ & conclnre k Torigine popnlaire, et partant 4piqne des recits . . .'
S. 282 (über Sigebert): 'Nons yoici de nonyean en pleins sonyenirs barbares,
c'est-ä-dire 4piqnes\
58 VORETZSCH
zelten zurück, aus denen uns zu wenig oder so gut wie gar kein
material zui* Verfügung steht, um eine definitive entscheidung
zu geben. Und die Verhältnisse der uns vor äugen liegenden
gegenwart sind so verschieden von jenen der älteren zeit, dass
man hieraus nur mit vorsieht Schlüsse ziehen kann. Es wird
daher in diesen allgemeinen fragen wol immer meinung gegen
meinung stehen, und so bezwecken die folgenden kurzen be-
merkungen weniger die eben skizzierten theorien im einzelnen
zu widerlegen, als meine eigene anschauung zu markieren und
hier und da zu rechtfertigen.
Wenn auf der anderen seite die existenzberechtigung der
sage überhaupt geleugnet wird, so liegt das, wie mir scheint,
zum teil wenigstens an einer irrtümlichen begriffsbestimmung
der sage. Dieselbe ist nicht einfach identisch mit mündlicher
Überlieferung historischer begebnisse, sondern es ist die besondere
gestaltung, welche die erinnerung an diese ereignisse im ge-
dächtnis und in der phantasie des Volkes annimmt. Es ist wahr,
was man gesagt hat, dass die mündliche Überlieferung gerade
begebnisse von hervorragendem politischen oder historischen
interesse vergessen kann^) und mit Vorliebe fakta von starkem
persönlichen interesse bewahrt. Aber man muss doch auch zu-
geben, dass die geschichte eines jeden Volkes eine nicht geringe
anzahl ereignisse der letzteren art bietet, und das umsomehr in
jener zeit, wo die geschichte der Völker fast ausschliesslich die
geschichte der könige war. Und es ist ferner nicht zu ver-
gessen, dass die phantasie des Volkes die einfachen fakta gern
mit dem reiz des persönlichen ausschmückt, indem sie die be-
weggründe der handlungen sowie die einzelheiten selbständig
erfindet, oder aus verwanten erzählungen oder begebnissen hinzu-
fügt. So wird das geschichtliche ereignis von Chlodovechs heirat
mit einer burgundischen prinzessin zu einer richtigen werbungs-
sage, so werden in verschiedene geschichtliche ereignisse eine
ganze anzahl züge aus den populären dichtgattungen des märchens,
der novelle oder des schwankes eingefügt.
Die folge dieser Vorgänge ist: einmal, dass sich diese Über-
lieferung je länger je mehr von der geschichtlichen Wahrheit
entfernt; zweitens aber auch, dass sie den eben genannten
Mehr als dies wird man aber nicht behaupten dürfen und dämm aui
einer möglichkeit kein unbedingtes mnss machen.
MEROTVINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 59
gattungen der mündlich überlieferten prosadichtung immer ähn-
licher wird. Es liegt auf der hand, dass hierdurch die existenz-
fähigkeit einer solchennassen gestalteten Überlieferung wesentlich
gehoben wird; sie appelliert nicht mehr an das historische
Interesse allein, sondern zugleich und mehr noch an dasselbe
Interesse, welches das volk seinen märchen entgegenbringt. Der
unterschied zwischen sage und märchen ist dann häufig nur noch
der, dass in diesem die besonderen namen fehlen, an welche jene
sich anknüpft. Und wenn märchen und schwanke fast aus-
schliesslich in ungebundener rede umgehen, so ist es doch zum
mindesten eine Übertreibung, für die so nahe verwante gattung
der sage die rhythmische form als conditio mie qua non zu fordern.
Derlei erwägungen lassen sich immerhin durch einige tat-
sachen stützen. Ich will nicht auf die sagen des klassischen
altei-tums exemplificieren, auch sie sind uns ja nur im gewande
der dichtung oder der geschichtsschreibung überliefert, und so
wäre auch hier erst zu entscheiden, was der tendenziösen er-
findung des historikers, was der schöpferischen Individualität des
dichters gehört und wieviel schliesslich der echten sage verbleibt.
Hingegen bietet uns die moderne zeit, trotz der Ungunst der
Verhältnisse, doch noch manche parallele dar, zumal wenn wir
die sagen fremder Völker nicht verschmähen, wo unter ursprüng-
licheren Verhältnissen auch die sagenbildung noch kräftiger ge-
deiht. Durchmustern wir z. b. die reichhaltige von Prym und
Socin herausgegebene Sammlung sjTischer sagen und märchen,
so finden wir hier eine menge wirklicher sagen: einige scheinen
beinahe rein geschichtlich, andere sind mehr novellenartig, und
eine grosse zahl endlich unterscheiden sich in ihrem allgemeinen
Charakter wenig oder gar nicht von den erzählungen, die uns
von den Chronisten des mittelalters aufgetischt werden. Sie sind
80 ausführlich, so 'episch' als nur möglich erzählt — namentlich
häufig dialoge — , sind an bestimmte und zum teil gewiss
historische personen angeknüpft, und das alles ohne das vehikel
der gebundenen rede. Auch die merkwürdige von Rey-Dusseuil
mitgeteilte arabische Napoleonsage i) sei hier nicht vergessen.
Und ganz und gar fehlen solche sagen dem abendlande doch
auch nicht. Die lokalsagen, die allerdings unter günstigeren
>) Siehe Barthel^my et M^ry, Napoleon en Egypte. Paris 1828. Anm.
xun 1. gesang.
60 VORETZSCH
bedingnngen leben, darf man doch nicht ganz ignorieren, znmal
gerade merowingische Chronisten offenbar auch lokalsagen ge-
kannt und verwertet haben. Femer sind hier unsere geschlechter-
und familiensagen *) zu nennen, die sich mit den Stammes- und
herkunftssagen der deutschen stamme in parallele stellen lassen
und von den Sammlern doch kaum alle aus liedem geschöpft
worden sind. Und schliesslich, die zahlreichen aus dem mittel-
alter und noch aus der neueren zeit tiberlieferten sagen, wie
von der erbauung der Wartburg, von der gefangenschaft Ludwigs
des Springers auf dem Giebichenstein, vom hartgeschmiedeten
landgrafen') oder noch aus neuerer zeit vom getreuen pagen
Leubelflng, der Gustav Adolf in der Schlacht bei Lützen mit
seinem leibe soll gedeckt haben: sollten sie wirklich entstehung
und fortleben nur dem liede danken?
Ich bin also der meinung, dass die sage, weit entfernt
ein irrealer begriff zu sein, vielmehr zu den einfachsten und ur-
sprünglichsten gattungen der volkspoesie gehört, so gut wie
märchen und lied, und dass wir keinen grund haben diesem
oder jenem volk diese dichtungsgattung von vornherein abzu-
sprechen. Und wenn gesagt worden ist, das einzige beispiel für
mündliche Überlieferung fränkisch -französischer sage seien die
erzählungen des Mönchs von St.-Gallen, bei dem dieselbe sich in
der tat nicht wol leugnen lässt, so beruht das doch widerum
auf einer vorgefassten meinung. Denn was hier bei den er-
zählungen des Mönchs anerkanntes faktum ist, muss doch anders-
wo wenigstens als möglich zugestanden worden. Dass wir nach-
her nicht mehr so viel von sagen zu hören bekommen, liegt
nicht zum geiingsten teil an den veränderten Verhältnissen:
wir haben seit den Karolingern vorwiegend annalistische ge-
schichtsschreibung, welche die tatsachen verzeichnet, ehe die
sage sich an sie gehängt haben konnte, und wo diese Chronisten
der späteren zeit in die vorzeit zurückgreifen wollten, fanden
sie schon so viele schriftliche quellen vor, dass sie nicht nötig
hatten der mundlichen Überlieferung nachzugehen. Was aber
die merowingischen Chronisten anlangt, so handelt es sich hier
Ich denke hier namentlich an sagen wie sie sich an den grafen von
Gleichen, an das geschlecht der Enlenborg n. a. knüpfen (siehe solche nament-
lich bei Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853).
*) Siehe diese und ähnliches in den Deutschen sagen der brüder Grimm,
2. teil, auch (aber ohne queUenangabe) in Bechsteins eben genanntem Sagenbuch.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 61
gerade darum, wieweit wir es denn mit wirklichen liedern, wie-
weit mit blossen sagen zu tun haben.
Inwiefern schliesslich das buch des Mönchs von St.-Gallen
für die gegenteilige ansieht beweisen soll, dass nämlich die
mündliche Überlieferung die generation der augenzeugen oder
Zeitgenossen nicht tiberschreite, vermag ich nicht einzusehen.
Mit dem Mönch, der seine geschichten von dem alten kriegs-
mann Adalbert gehört und so treu bewahrt hat, ist diese grenze
doch schon überschritten, und woher wissen wir, dass seine er-
zählungen mit ihm zu grabe gegangen sind? Im gegenteil,
damit dass er sie Karl dem Dicken erzählte, auf dessen ver-
anlassung er sie nachher schriftlich niederlegte, übertrugen sie
sich wider auf eine neue generation. Wenn der Mönch um 881
die sagen niederschreibt, die sich an Karls des Grossen Lango-
bardenkrieg u. s. w. geknüpft haben, so müssen wir der mündlichen
Überlieferung doch schon hiemach zum mindesten ein leben von
hundert jähren zugestehen. Dass nur so wenige dieser er-
zählungen im späteren französischen epos widerkehren, kann
nicht befremden, da des Mönchs buch offenbar vorwiegend eine
ostfränkische Überlieferung darstellt, während die wiege der
späteren epik in Neustrien steht.
Dass solche sagen keine unbeschränkte lebensdauer haben
und hierin mit den märchen nicht konkurrieren können ist schon
oft gesagt worden und braucht nicht geleugnet zu werden. Aber
wer das Volkslied, das ja nach der herkömmlichen anschauung
die stelle der sage inne gehabt haben soll, aufmerksam studiert
hat, wird finden, dass den auf historische ereignisse bezüglichen
Volksliedern auch keine längere dauer beschieden ist: sie werden
vergessen oder auf spätere ereignisse und personen umgedeutet.
Keines von den in neuerer zeit aus dem volksmunde auf-
gezeichneten liedern geht weiter als etwa bis auf die zeit des
siebenjährigen krieges oder höchstens des spanischen erbfolge-
krieges zurück, und die *Cantilenen' haben demnach, was ihre
lebensdauer anlangt, zum mindesten vor der sage nichts voraus.
Femer ist doch auch die möglichkeit gar nicht ausgeschlossen, dass
es schon vor den uns bekannten Chronisten aufzeichnungen der
sagen über einzelne merowingische könige — etwa Gesta Childerid,
wie später die Gesta Dagoberti — gegeben, und dass diese zur
besseren konservierung der alten sagen beigetragen haben. So
würde es sich auch erklären, dass der Verfasser des Liber historiae
62 VORETZSCH
zuweilen ursprünglichere darstellungen gibt als Fredegar, in
dessen berichten wir freilich zugleich auch die speziell burgundische
form der Überlieferung zu erkennen haben, sodass sich nicht ohne
weiteres entscheiden lässt, was der Verschiedenheit der zeit und
was der des ortes gehört.
Somit finde ich weder im wesen noch in der beschränkten
lebensdauer der sage hinreichende gründe, um dieselbe aus der
geschichte der französischen epik völlig auszuschliessen. Ja, es
scheint mir im gegenteil auch hier die mündliche Überlieferung
sogar notwendig, um die zahlreichen ohne individuelle absieht
sich vollziehenden Umformungen des Stoffes — motivierung, Ver-
mischung mit märchenhaften elementen u. a. m. — zu erklären. *)
Aus diesen . allgemeinen erwägungen folgt noch nicht ohne
weiteres, dass wir hinter den berichten der merowingischen
Chroniken lediglich sagen in dem angegebenen sinne zu suchen
hätten, sondern zunächst nui', dass die liedertheorie eine einseitige
erklärung ist und neben dieser die annähme von sagen als
theoretisch gleichberechtigte möglichkeit gelten darf. Wie weit
aber das eine, wie weit das andere zutrifft, kann nur eine ins
einzelne gehende Untersuchung leliren.
Die bisher übliche betrachtungsweise hat sich meist damit
begnügt, einzelne erzählungen als stark poetisch oder episch zu
erweisen und dann diese, und auf grund jener oben erörterten
allgemeinen theorieen auch noch eine reihe anderer erzählungen,
für reflexe von liedern zu erklären. Gibt man aber die beiden
eben hervorgehobenen möglichkeiten der erklärung zu, so kann
man ein lied, das doch immer, mag es nun eine romanze oder
ein kleines epos gewesen sein, der prosaischen Überlieferung
gegenüber eine höhere stufe der kunst bedeutet, nur da mit
Sicherheit konstatieren, wo besondere kriterien dafür sprechen.
*) Dieser ansieht ist anch Snchier, wenn er da, wo er Chlothars ü.
Sachsenkrieg mit dem zu gründe liegenden historischen ereignis vergleicht,
hmznfügt: ^Sicher haben einige generationen vergehen müssen, ehe die sage
sich so weit von der historischen Wahrheit entfernen konnte* (Zs. f. rom. phil.
18, 191). — Die meinung von G. Paris, welcher den entwickelungsgeschicht-
lichen Zusammenhang zwischen geschichte und epos durch lyrisch-epische
lieder hersteUt, begreife ich, trotzdem ich selbst abweichender ansieht bin,
voUkommen. Hingegen ist mir unklar, wie sich Pio R^'na, der die Cantilenen-
theorie als überflüssig und schädlich bezeichnet, die entstehung des helden-
epos ohne mitwirken der mündlichen Überlieferung denkt. SoUen denn sogar
aUe epen unmittelbar nach dem historischen ereignis entstanden sein?
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 63
Die kriterien, welche man für diese Untersuchung verwenden
kann, sind von sehr verschiedenem wert. Man könnte sie allen-
falls in objektive und subjektive kriterien einteilen. Die ersteren
bedürfen weiter keiner genaueren erörterung. Ich verstehe
darunter die fälle, wo der berichterstatter selbst angibt, p-us
einem liede oder aus liedem geschöpft zu haben, und vielleicht
gar noch eine probe oder ein citat aus dem liede beifügt. Ein
solches beispiel haben wir in Helgars Vita Faronis in seiner
notiz über Chlothars TL, Sachsenkrieg. Hier bedarf es weiter keines
beweises, soweit nicht der berichteretatter sonst etwa in seiner
glaubwürdigkeit verdächtig ist. Es verdient hervorgehoben zu
werden, dass von den drei grossen fränkischen Chronisten uns
nirgends ein solches zeugnis geboten wird. Auch die mögliche er-
klärung, dass Gregor — und ebenso seine nachfolger — absichtlich
gerade diese quellen verschwiegen hätte, um die glaubwürdigkeit
seiner berichte nicht zu kompromittieren,») kann an der tatsache
selbst nichts ändern und jedenfalls für die annähme von liedem
nichts beweisen.
Wir sind daher in der hauptsache auf die subjektiven
kriterien angewiesen: Zeugnisse ausserhalb unserer Chroniken,
spuren poetischer (metrischer) form in den überlieferten (latei-
nischen) berichten, spätere bearbeitung desselben gegenständes
im epos, epischer Inhalt, epische darstellung, epische form.
Ausserhalb liegende Zeugnisse sind in der tat kein ob-
jektives, sondern ein subjektives kriterium, wie die willkürliche
anwendung desselben deutlich zeigt. Was Tacitus von den
Germanen des ersten Jahrhunderts erzählt, hat er allem anschein
nach auch für alle einzelnen Völkerstämme des folgenden Jahr-
tausends gesagt, so oft wird sein wort von den canninibus
antiquis, quod unum apud illos menwriae et annalium genus
wiederholt und angewendet.*^) Weil Paulus Diaconus sich bei
Albo'in auf lieder beruft, gelten auch seine übrigen erzählungen
Gregor scheut sich übrigens gar nicht, die provenienz einzelner er-
zählungen ans der mündlichen Überlieferung durch ein dicuntf ferutU etc.
einzugestehen.
*) Hingegen werden Zeugnisse, welche nicht direkt von liedem sprechen,
umgedeutet oder ignoriert. Hierher rechne ich z. b. des Jordanes (c. 24) ut refert
anHquUas Über die abstammung der Hunnen, Widukinds (1, 2) solam pene
famam aequens, die bemerkung des Liber historiae (c. 42) über Dagobert: In
mUUis gentibua rwnor eius peraonuU u. a. m.
64 VORETZSCH
Sämtlich als epischer herkunft. Für die merowingische epik
haben wir ein wichtiges zeugnis in den angaben Einhards über
die liedersammlung Karls des Grossen sowie in den bekannten
Versen des Poeta Saxo.^ Die gewöhnliche Schlussfolgerung ist
die: wenn es noch im 9. Jahrhundert lieder auf Chlodovech und
Theodorich gab, wie viele muss es da erst bei ihren lebzeiten
gegeben haben. Und wo anders sollen wir diese lieder suchen,
wenn nicht bei den Chronisten jener zeit?
Ich glaube, wir können bei der Verwertung solcher Zeug-
nisse nicht vorsichtig genug sein. Aus dem des Poeta Saxo folgt
zunächst nur die tatsache, dass im 9. Jahrhunderte die Merowinger
in liedem gefeiert wurden. 2) Vielleicht hat gerade der rühm
der Karolinger, die hier als die nachkommen des Merowinger-
geschlechts gelten, einen neuen anstoss für die Verherrlichung
der ruhmvollen vorfahren im liede gegeben. Wie lange vorher
solche lieder schon existiert haben, wissen wir nicht ;^) wahr-
scheinlich ist es allerdings nicht, dass sie alle erst im 9. Jahr-
hundert entstanden seien. Aber ebenso wenig ist es wahr-
*) £st quoqne jam notum: vnlgaria carmina magnis
Landibns ejus avos et proavos celebrant.
Pippinos CaroloB Hlndoyicos et Theodricos
Et Carlomannos Hlotariosqae cannnt.
Pertz, Mon. germ. SS. 1, 268 f.
*) Die authentische bedentang des zeQg:nis8es ist neuerdings, yieUeicht
nicht mit nnrecht, angezweifelt worden Ton KOgel (Geschichte der deutschen
litt€ratnr bis zum ansgange des mitt«lalters. 1, 1 [Strassbnrg 1894], 122),
welcher vermutet, dass die yerse einfach eine freie phantasie über Einhards
steUe von den barbara et antiquisaima carmina seien. An der sache selbst
wird hierdurch nichts geändert, da die nach Einhard in liedem besungenen
veterum regum actu8 et beüa jedenfalls nicht blos auf Karls vater Pipin,
sondern auch auf dessen Vorgänger in der königswürde bezogen werden
müssen, und das sind eben die Merowinger, von denen der sächsische poet die
bekanntesten aufzählt.
') Aus früheren Zeugnissen ist nicht viel zu gewinnen. Was die von
A@tius Überfallenen Franken beim hochzeitsfeste sangen (Sidonius Apollinaris
5, 218 f. s. MG. Auct. ant. 8, 193) werden eher liebeslieder u. dergl. als
epische lieder gewesen sein. Venantius Fortunatus (Cannina 7, 8. v. 69.
s. MG. Auct. ant. 4, 1, 163) bezeugt ganz allgemein barbara carmina im
sinne von preisliedem. Von könig Guntram von Bnrgund, Chlodovechs enkel,
sagt Fredegar (4, 1): tante prosperetatia regnum tenuitj ut omnea etiam vicinas
gentea ad plinitudinem de ipso latuUa canerent. Ob die steUe wörtlich zu
nehmen ist, mag dahingesteUt bleiben. Jedenfalls ist hier ausdrücklich von
einem durch friedliches handeln erworbenen rühm die rede.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 65
scheinlich, dass sie schon zu Gregoi-s zeiten dagewesen. Wenn
es auch zu dessen zeit wirklich schon lieder auf Chlodovech und
seine nachkommen gab, so liegt es doch auf der hand, dass es
nicht dieselben lieder gewesen sein können, die uns drei Jahr-
hunderte später bezeugt werden. Weiter ist es selbstverständlich,
dass auch nach dem entstehen solcher lieder die mündliche Über-
lieferung fortlebte, und wahrscheinlich, dass sich die Chronisten
lieber an diese als an die sich schon äusserlich als dichtung
gebenden epischen lieder wandten. Meines erachtens kann man
sich auf dieses zeugnis nicht berufen, um die in rede stehenden chro-
nistischen berichte als dichtungen oder deren ausflüsse zu erweisen.
Ein Wahrscheinlichkeitsbeweis für zu gründe liegende epische
dichtung ist es, wenn sich in dem berichte spuren metrischer
behandlung finden. Man wird selten fehlgehen mit dem schluss,
dass ursprünglich das ganze in versen abgefasst war. Aber
weitere Schlussfolgerungen sind nur mit vorsieht zu machen.
Die spräche, in der uns solche stücke überliefert werden, ist wie
überall in der älteren geschichtsschreibung die lateinische. Wir
werden also zunächst überall auf lateinische — gewöhnlich
hexametrische — dichtungen geführt. Ob diese ihrerseits auf
epische dichtungen der vulgärsprache zuiückgehen oder lateinische
Originaldichtungen sind, bleibt in jedem einzelnen falle zu ent-
scheiden. Das erstere wird äusserst wahrscheinlich bei dem so-
genannten Haager fragment,») wo Inhalt und stil intime ver-
wantschaft mit altfranzösischer epik zeigen.^) Wo dies jedoch
nicht der fall, wo der Inhalt vielmehr gelehrten oder geistlichen
Charakters ist, wii*d man mit dieser annähme zurückhalten müssen.
Anders verhält es sich, wenn ein rein prosaischer, chro-
nistischer bericht sein pendant in einem späteren epos findet.
Hier spricht zunächst nichts für eine gemeinsame poetische quelle
wie dort. Es kann der fall sein, dass die dichtung ihrerseits
auf die lateinische chronik zurückgeht, wie z. b. von Stengel und
Bangert bezüglich des Floovent behauptet wird. Oder der prosa-
bericht bezeichnet den anfangspunkt der entwickelung, welche
in der späteren dichtung endigt: dort die sage, hier das ent-
>) Vgl. Gaston Paris, Histoire po^tique de Charlemag:ne, Paris 1865, s. 50 f.
*) Dieselbe erwägong gilt selbstverständlich auch für vollständige latei-
nische dichtungen (Carmen de proditione Guenonis, MeteUos von Tegemsee
in seinem 'Qoirinalia' über die Stifter dieses klosters), ein faU, der für die
fHbüdschen Chronisten nicht in betracht kommt.
V«ttgftbe tax SWftn. 5
66 VORETZSCH
wickelte epos; dieses Verhältnis mag zwischen Pipins löwenkampf,
wie er beim Mönch von St. -Gallen erzählt wird, und Adenets
gedieht bestehen. Auf eine gemeinsame poetische quelle dürfen
wir schliessen, wenn prosabericht und epos zeitlich nicht zu weit
auseinander liegen und jener mit diesem bei aller Selbständigkeit
im einzelnen erhebliche Übereinstimmungen des inhalts und
vielleicht noch der form zeigt. So führen Rolandslied und
Turpins Chronik auf ein älteres Rolandsepos als gemeinsame
quelle zurück. Welche von den verschiedenen möglichkeiten
jeweils zutrifft, muss im einzelnen fall entschieden werden. Wo
aber die Übereinstimmung sich lediglich auf namen und person
beschränkt, wie etwa bei der geschichte des austrasischen
Theodorich und dem mittelhochdeutschen gedieht von Hugdietrich,
da vermag das letztere für die epische behandlung der älteren
erzählungen, hier speziell des Thttringerkrieges, gar nichts zu
beweisen.
Die beliebteste argumentierung besteht darin, den inhalt
einer chronistischen erzählung als poetisch, als episch nachzu-
weisen und daraus auf liedform zu schliessen. ^) Wer den begriff
der sage in der oben gegebenen Charakteristik anerkennt, sieht
sogleich, wie heikel das kriterium ist. Die sage ist, was ihren
inhalt anlangt, nicht minder poetisch, nicht minder episch als
das epische lied. Man lese die erzählungen des Mönchs von
St. -Gallen, der ja anerkanntermassen mündliche Überlieferung
reproduziert, man lese spätere deutsche sagen oder die sagen
fremder Völker, und definiere dann den unterschied zwischen
diesen und dem inlialt epischer lieder! Hier wie dort die mischung
von geschichtlichen und poetischen elementen, hier wie doit die
ausführliche, oft bis ins einzelne gehende darstellung, kurz, um
mich eines beliebten ausdnickes zu bedienen, die 'epische Stili-
sierung'. Wo nicht andere momente hinzutreten, ist aus diesem
argument nichts zu gewinnen.
Ebensowenig wie das epische kolorit im allgemeinen kann
das Vorhandensein einzelner epischer motive in einer erzählung
beweisen, mögen sie nun im späteren Karlsepos wider auftauchen
>) So Rig'na Ton Childerichs geschichte (Origini s. 52): 'Qua dentro il
poema si tocca, per cosi dire, con mano/ — Kurth von dem am nfer sitzenden
nnd die ausfahrt der flotte erwartenden Chochilaich (Hist. po^t. d. M^r., s. 345):
<D'oü si non d'nne narration po^tiqne, serait tir^ ce detail si pittoresque et
yivant\ — Aehnlich auch Kögel (Gesch. d. d. lit. 1, 1, 123 f.).
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 67
oder nicht: der wandernde wald, die den weg durchs wasser
zeigende weisse hirschkuh, die von selbst einstürzenden mauern
einer belagerten Stadt, der symbolisch nur zur hälfte gedeckte
tisch, ein bfischel haare als zeichen der not gesandt u. a. m.
Zum teil sind es motive, welche in der märchen- und sagenlitteratur
verschiedener Völker heimisch sind und von hier aus ihren weg
so gut wie in die merowingischen erzählungen auch in das Earls-
epos finden konnten. Sie bedurften nicht der vermittelung durch
das Merowingerepos, die umsoweniger wahrscheinlich ist, als
gerade nicht wenige der im späteren epos wider begegnenden
motive — wegweisende hirschkuh, einfallende mauern — sich
bei Gregor in erzählungen finden, für welche bisher noch niemand
ernsthaft epische provenienz in anspruch genommen hatJ) Zum
anderen teil beruhen solche züge auf alten sitten und gebrauchen,
die noch in späterer zeit geltung haben und bezeugt werden. *)
Wenn Kurth gleichwohl auch in diesen zügen beweise für epische
herkunft finden will, so beruht das nur auf dem Vorurteil, dass
mündUche Überlieferung und epos identisch sind.») Den richtigen
Standpunkt vertritt meines erachtens hier Gaston Paris, wenn er
gelegentlich des angeblichen liedes von Chlodovechs königsmorden*)
bemerkt: *D ne faut pas oublier que l'^popfee ä Torigine n'est que
le reflet exact des moeurs du peuple qui la produit, et si dans
ITiistoire de ce peuple nous rencontrons des traits qui se retrouvent
dans son 6pop6e, ü ne faut nullement en conclure que ces traits
ne sont pas historiques'.
Dass schliesslich die form der epischen Originaldichtung sich
in der prosaischen widergabe noch erkennen lässt, ist ein voraus-
sichtlich seltener fall, der aber doch auch in betracht gezogen
werden muss. Aus späterer zeit haben wir ausführlichere chro-
nistische darstellungen, die stellenweise beinahe als Umschreibungen
des zu gründe liegenden epischen gedichtes gelten können. So
^) Die hier erwähnten motive gehören in die erzählnng vom Westgoten-
krieg Chlodovechs. Vgl. Knrth s. 265 ff.
*) Zorn geteilten tafeltnch vgl. Knrth s. 359 f. , znm übersenden eines
haarbüschels lUgna s. 116.
*) 'Une fois qn^il sera bien stabil, comme c'est ici le cas, qu'aucnne
sonrce ^rite n^a transmis an chroniqnenr nn r4cit si d^taille, il fandra bien
admettre qn41 Ini a 6t^ fonmi par la memoire popalaire et d^s lors, la con-
formit^ de ses d^tails anx nsages de la yie franqne sera nne prenve de plns
de sa prorenance ^ique* (Knrth 1. c. s. 361).
*) In der recension von Bi^fnas bnch, Rom. 13, 605.
5*
68
VORETZSCH
findet sich in dem sogenannten Pseudophilomena eine stelle,»)
welche an eine formale, resp. stilistische eigentttmlichkeit des
altfranzösischen epos gemahnt. Die Situation ist die, dass Karl
der Grosse und die seinen vor Narbonne liegen, in dem sich die
Sarrazenen mit ihren königen Borel und Matrand und des letzteren
gemahlin befinden, die den Christen und unter diesen speziell
Roland wol gewogen ist. Am morgen führt Borel die seinen
heraus, es folgen eine anzahl einzelkämpfe, schliesslich müssen
sich die Sarrazenen zurückziehen, die königin schilt sie und rät
ihnen lieber die Stadt zu übergeben als den tod zu leiden. Am
folgenden tag wird der kämpf erneuert, abermals einzelkämpfe,
Matrandus, durch abt Elias aus dem sattel geworfen, kehrt
zurück und zerschlägt im zom ein bildnis Mahomet^ die königin
schilt wider und gibt den gleichen rat wie tags vorher.
Matrandus fühil die seinen von neuem zum kämpfe, der diesmal
unentschieden bleibt, aber die Sarrazenen haben weit mehr ver-
loren als die Christen, die königin widerholt nochmals ihre
scheltrede und ihren rat zur Übergabe der Stadt. Die parallele
ist schlagend, selbst formelle Übereinstimmungen fehlen nicht, ^)
^) Gesta Caroli Mag^ni ad Carcanonam et Narbonam et de aedificatione
monasterii Crassensis edita . . . a Sebastiano Ciampi (Florentiae 1823) b. 75—79.
•) Man vergleiche:
S. 75 f. S. 77 f.
PoBtea crastina die circa Crastina die mane arma-
tertiam, exivit Borellus vit se Torpinns cum suis
armatus cnm suis apud et multi alii ; et per qna-
Brolinm, et projecit de : tnor partes fecerunt in-
eqno Vasconem Engcleri- I sultum; et Matrandus et
um, et ibi fait maximnm j Borellus cum tota eomm
tomeamentum, sed tnnc ! gente armati exierunt.
BoreUos occidit V milites 1 Et Tnrpinns coram om-
ChristianoB in uno impetn.
Postea fnerunt omnes
Christiani armati, et Sa-
lomon de Britania pro-
jecit BoreUum de equo . . .
Et Begina eos incre-
pans ait: melins esset
nibns interfecit qnemdam
militem Borelli, et eum et
eqnum prostravit in terra
mortuum, et fnit maxi-
mum tomeamentnm . . .
Sed Matrandus plenus
verecundia et rubore, ira
et tristicia instigante, in-
travit civitatem per por-
tam regiam . . .
Et Begina ait: rex
eversus a sella per mo-
S. 78 f.
et cum mille militibus
discessit (Matrandus) ad
tomeamentum , quoniam
Rotolandus multos inter-
fecerat ; et erant ita mixti,
quod rix partes discemi
poterant juxta villam . . .
et BoreUus iratus plenus-
que verecundia intravit
Narbonam . . .
Et dum Matrandus et
Borellus fuerunt in Pa-
MEROWINGEREPOS UND FRANKISCHE HELDENSAGE.
69
und ich halte es für möglich, dass wir es hier mit einem bei-
spiel jener art von widerholungslaissen zu tun haben, wo (wie
bei Rolands versuch sein schwert am marmor zu zerschlagen)
eine dreimal widerholte handlung unter gewissen Variationen
des inhalts und der form in drei aufeinander folgenden laissen
erzählt wird, — wenn die Vermutung richtig, noch ein beweis
mehr für die bereits genügend dargelegte epische provenienz
bestimmter teile des PhilomenaJ) Aber um solche formelle
eigentümlichkeiten noch durchschimmern zu lassen, bedarf es so
ausführlicher widergabe, wie sie hier gerade vorliegt. Solche
finden wir bei den merowingischen Chronisten nirgends, sodass
schon aus diesem gründe die erhaltung eines refrains oder dergl.
— an widerholungslaissen ist hier natürlich gar nicht zu denken —
von vornherein unwahrscheinlich ist. Und schliesslich muss das,
was als refrain in anspruch genommen wird, als solcher im Zu-
sammenhang der erzählung auch eine gewisse Wahrscheinlich-
keit haben.
Ueberblicken wir noch einmal diese gesamten kriterien, so
ergibt es sich, dass nur wenige ohne weiteres für epische her-
kimft eines prosaischen berichtes beweisend sind (selbstzeugnis,
selbstcitat des berichterstatters, form der vulgären epischen
Tobis Nftrbonam Karolo
reddere, quam mori, et
tanta yitnperia sustinere ;
praeterea dixit specialit^r
BoreUo, qni male apnd
Narbonam venit, et minae
qnas in introitn fecerat,
in ejns detrimentnm et
obrobrinm snnt revenae
nachum non debet . . .
regali nomine nnncnpari.
Sed aliqnocomqne , qaae
contigerint vobis sponte
mei Narbonam Karolo
reddatis; sin autem coti-
die mutabitur vestrom
Status in deterios.
et Matrandus hoc au- Et Matrandns iratns ab
diens iratns discessit ab ea discessit.
ea, et stetenmt illa nocte.
>) Siehe Eduard Schneegans, Die quellen des
m^ia und des Officiums von Gerona zu ehren Karls
diBB. 1801.
latio Regina dixit eis:
qui et quales sitis, uterque
vestrum seit. Monachi si
eos cognoscitis, ex quo
ipsi tales sunt, alii qui
sint, nullatenus dubitetis.
Quare esset nobis ho-
nestius ut Narbonam Ka-
rolo redderetis antequam
vosmet et alios vinculo
mortis traderetis. Et
minae Borelli quae tarn
crudeles et nephandae in
principio yidebantur, mo-
do apparent quasi in ni-
hilum sint redactae,
et itA ipsi irati et moesti
ab ca recesserunt.
sogenannten Pseudo-Philo-
des Grossen. Strassburger
70 VOEETZSCH
dichtung), dass einigen anderen überhaupt jegliche beweiskraft
mangelt (epischer Inhalt und darstellnng), und dass von den
übrigen jedes einzelne nur für eine möglichkeit sprechen kann
(äussere Zeugnisse, spätere vulgärdichtung, spuren lateinischer
dichtung). Zur Wahrscheinlichkeit wird diese möglichkeit da,
wo sich mehrere solcher kriterien vereinigen.
Nach diesen gesichtspunkten gedenke ich die frage vor-
urteilsfrei zu prüfen. Es kommt mir gar nicht darauf an zu
beweisen, dass jene Chronisten keine lieder auf die Merowinger
gekannt oder dass zu ihrer zeit überhaupt keine solchen lieder,
sondern nur sagen existiert hätten; sondern darauf, zu unter-
suchen, wieweit wir im einzelnen falle berechtigt sind, die
existenz eines liedes positiv zu behaupten. Was wirklich hinter
den chronistenerzählungen steckt, wird sich nur selten mit Sicher-
heit ausmachen lassen. Wo aber sichere kennzeichen des liedes
fehlen, wird man die annähme eines solchen als unerwiesepe
hypothese bezeichnen dürfen.
Genau betrachtet hat die frage, ob sage oder lied, vielleicht
überhaupt nicht die weitgehende bedeutung, die ihr gewöhnlich
beigelegt wird. Wer die litteratur nicht erst mit der berufe-
mässigen dichtung beginnen, sondern auch sagen und märchen
als poetische erzeugnisse gelten lässt, wird die frage, ob eine
solche poetische prosaerzählung die form des liedes angenommen
hat, schliesslich als eine rein technische betrachten. Und ebenso
ist am ende der unterschied zwischen Volksliedern epischen In-
halts und zwischen wahrhaften epen eine frage zweiten ranges.
Der poetische geist eines volkes offenbart sich in allen drei
gattungen, und darum hat man kein recht, eine derselben aus der
geschichte der dichtung auszuschliessen. Auf der anderen seite
bedingt freilich die entwickelung dieser verschiedenen formen
einen fortschritt der technik, der gross genug ist, um auch dem,
welcher die litteratur in weiterem sinne fasst, die frage als der
Untersuchung wert erscheinen zu lassen.
n.
Sage und lied bei den merowin^schen Chronisten.
Wenn ich nunmehr dazu übergehe, die chronistischen Über-
lieferungen über die Merowinger im einzelnen zu prüfen, so darf
ich wol davon absehen, alles und jedes nach dem gleichen
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 71
Schema ausführlich zu behandeln. Lässt man einmal die dort
bezeichneten gesichtspunkte gelten, so lässt sich manches mit
wenigen werten erledigen.
Was uns Gregor von Tours über die herkunf t der Franken
und die ältesten Merowinger berichtet, ist im 9. kap. des
2. buches seiner fränkischen geschichte enthalten. Wenn wir
beiseite lassen, was aus annalen stammt oder, wie die^ angaben
über die Wohnsitze der verschiedenen Völker in Gallien, seines
inhalts wegen hier nicht in betracht kommt, so verbleiben als
wirklich von belang noch folgende angab^i: Tradunt enitn mülti,
eosdem de Pannonia fuisse degressuSj et pritnutn quidem litora
£hem e tnmts meolwisse, dehinc transacto lUieno, Thoringiam Irans-
measse ibique iuxta pagus vel civüates regis crinitos super se
creavisse de prima et, ut ita dicani, nobiliore suorum familia . . .
. . . Ferunt etiam, tunc Chlogionem utilem ac nobilissimum in
gente stm regem fuisse Francorum qui apud Dispargum castrum
habiiabat, quod est in terminum Thoringorum . . . Chlogio autem,
missis exploratoribus ad urhem Camaracum, perlustrata omnia,
ipse secutus, Bomanus proteret, civitatem adpraehendit, in qua
paucum tempus resedens usque Summanam fluvium occupavit
De huius stirpe quidam Merovechum regem fuisse adserunt, cuius
fuit filius Childericus,
Was Fredegar und Liber historiae zu diesem alten bericht
hinzufügen, ist meist von geringem belang. Wichtig erscheint
nur Fredegars mitteilung (3,9) über die abstammung des Merowech:
Fertur, super litore cestatis tempore CModeo cum uxore resedens,
meridim uxor ad mare lahandum vadens, bistea Neptuni Quino-
iauri similis eam adpetisset Cumque in continuo aut a bistea
out a viro fuisset concepta, peperit filium nomen Meroveum, per
CO regis Francorum post vocantur Merohingii *)
Die hier erzählten ereignisse liegen um 100 — 150 jähre
vor Gregors zeit und können ihm kaum anders als auf münd-
lichem wege zugekommen sein. Schon das widerholte tradunt,
ferunt, adserunt weist auf diese quelle. Und dass auf diesem
wege übermittelte berichte nicht ganz intakt geblieben sind,
versteht sich von selbst, ganz abgesehen von den beweisen, die
sich noch aus dem texte ergeben. Aber in welcher form
>) GregoriüB Turonensis, Hist. Franc, in Mon. Germ. SS. remm Mero-
▼ingicanim, Buid 1 ; Fredegar and Liber historiae ebda. Band 2.
72 VORETZSCH
war diese Überlieferung fortgepflanzt worden und an Gregor
gelangt?
Kurth, kühner als Rajna,*) konstatiert drei epische lieder:
eins auf die herkunft der Franken, eins auf Chlodion, eins auf
Meroveus. Wir haben hier kein zeugnis für die liedform, kein
späteres epos, und, wenn man den text unbefangen betrachtet,
nicht einmal epischen stil. Die beweisführung stützt sich also ganz
und gar auf den inhalt. Und der ist so dürftig als nur möglich.
Kurth verweist auf die analogen Stammessagen der Goten,
Langobarden, Sachsen. Einen solchen ausführlichen bericht müsse
auch Gregor gekannt haben, der ihn aber, als Romane, nur ge-
kürzt mitgeteilt habe. Es wird dabei, scheint es, stillschweigends
vorausgesetzt, dass die erzählungen des Jordanes, Paulus Dia-
conus und Widukind auf epische lieder zurückgehen, und daraus
gefolgert, dass auch die zu supponierende ausführlichere quelle
Gregors ein solches lied gewesen sei. Episch-poetische elemente
schliesslich, die sich in den beiden prologen der Lex salica sowie
im 4. kapitel des Liber historiae finden, seien erinnerungen, die
nur ein *chant 6pique' bewahrt haben könne. 2)
Hierauf lässt sich nur erwidern: ob Gregor mehr gewusst
hat als er widerzugeben für gut findet, wissen wir nicht. Dass
die Stammessagen der Langobarden und anderer deutschen stamme
in liedform überliefert worden seien, wird nirgends gesagt und
ist nirgends nachgewiesen, und auch wenn es bei einem der ge-
nannten Völker tatsache wäre, so könnte dies doch noch kein
beweis für die übrigen sein, und am wenigsten für die Franken,
deren Überlieferungen in sich selbst nicht den geringsten anhält
für diese annähme bieten. Vielmehr weist der im ganzen mehr
historische als poetische Charakter dieser berichte sowie die
analogie mit modernen geschlechter- und familiensagen eher auf
prosaische denn poetische Überlieferung.
Nun Chlodio und die eroberung von Cambrai! Es liegt
kein grund vor, die von Gregor gemachten angaben in ihrer
historischen glaubwürdigkeit anzuzweifeln. Auch Kurth selbst
muss zugeben: 'U n'est pas facile, 6tant donn^e la forme succincte
') Vgl. R^jna, Origini 8. 50 ff. — Kurth, Hist. po^t. M6r. 8. 101—169.
') So Kurth s. 124. £s handelt sich nm die namen der gesetzgeber:
Wiaogast, Bodegast, Sälegast, Windogtut, und der orte: Salaghem, BodUghem,
Windoghem. Uebngens erklärt Knrth selbst auf s. 131, dass die ganze
tradition wahrscheinlich nur in einigen gedächtnisversen bestand.
MEROWINGEREPOS UND FRANKISCHE HELDENSAGE. 73
sous laquelle Grtgoire de Tours nous a conserv^ Thistoire de
Clodion, de dire la part qui y revient ä la r6alit6 et ä la legende.
Un fait cependant est certain, c'est que Clodion a en effet guidfe
les Francs k la conquete de la Gaule Belgique'. Um so über-
raschender ist dann das Schlussresultat: 'La chanson de Clodion
raconte avec quelques exagferations fepiques les conquetes de ce
roi, laisse de c6t6 tous les d6tails peu pofetiques ou peu glorieux
pour les Francs, et groupe en un seul rfecit une s6rie d'6v6ne-
ments qui s'^parpillferent peut-ßtre sur plusieurs ann6es. Prise
dans son ensemble cependant, eile est historique, ainsi que celä
rfeulte du r6marquable accord entre la tradition populaire re-
cueillie par Grfegoire, et le pofeme de Sidoine dont il ne parait
pas avoir eu connaissance '.
Wo sind hier auch nur die spuren poetischer d^tails, die sich
an das historische ereignis geknüpft hätten? Sind es nicht
gerade die * wenig poetischen' ereignisse, deren künde uns hier
überliefert wird? Und wenn man die von Sidonius Apollinaris
erwähnte fränkische schlappe abrechnet, die nach Kurth selbst
keinen platz in der 'chanson' hatte,») wo bleibt dann die *s6rie
d'6v6nements ', die dort erzählt worden wäre? 'Epische Über-
treibungen ' vermag ich in dem bericht nicht zu entdecken. Die
Überlieferung, wie sie uns gegeben ist, weist somit nicht einmal
sagenhafte züge auf. Wer den bericht nicht für historische
Wahrheit nehmen will, mag denselben allenfalls als eine getrübte
historische Überlieferung betrachten. Mehr als das aber ist er
nicht, keine sage und noch weniger ein lied.
Hingegen befinden wir uns mit Fredegars erzählung von
der geburt des Merovech auf durchaus sagenhaftem boden. Die
ausführungen Müllenhoffs ^) scheinen mir auch nach Eurths
neuen darlegungen noch in allen hauptpunkten das richtige zu
treffen. Kurth möchte Merovech als den tatsächlichen heros
eponymos des Merowingergeschlechtes retten und demgemäss
Mer&vingi als zusammenziehung aus älterem Meravechingi be-
>) Zu Korths ansieht, dass das lied gerade diese niederlage als 'wenig
rohmToir für die Franken weggelassen habe, stimmt schlecht, was er ander-
wärts — nnd mit recht — über die bedeutnng der niederlage für den epischen
g^esang sagt: 'jamais nne d^faite n'a laiss^e Timagination populaire passive;
toi^ours eile s'est evertn^e k la paUier ou k l'expliquer' (s. 383, vgl. dazu
noch 8. 339 f.).
*) Die merowingische stammsage. Zs. fda. 6, 430 — 35.
74 V0EETZ8CH
trachten. Aber diese letztere form begegnet uns, wie schon
Müllenhoff betont, nirgends in den fränkischen quellen. Und
wahrscheinlich ist doch, dass auch Chlodion, der Vorgänger des
Merovech, zum Merowingergeschlecht gehörte, zu welchem ihn
schon sein name stellt, und dass somit, wie schon Müllenhoff
annahm, die sage hier bei Merovech deplaciert ist, die von haus
aus vielmehr das geschlecht der Merowinger von einem zu
supponierenden Meru oder Mero (gen. Merwes) ^ herleitete. Da
die sage noch entschieden heidnischen Ursprung ven'ät, wird sie
in der tat nicht wol erst nach Gregors zeit entstanden sein.
Aber «s ist 2a weit gegangen, wenn man behauptet, Gregor
habe sie aus religiOiKn rinnpidii unterdrückt. Er hat sie viel-
leicht tatsächlich nicht gekannt. Unsere drei ämmneten *waa^m
sämtlich Romanen, welche diese alten fränkischen Überlieferungen
aus zweiter und dritter hand sammelten; es ist daher wenig
wahrscheinlich, dass einem jeden der ganze reichtum der münd-
lich weitergetragenen fiänkischen Überlieferungen zu geböte
stand, und recht wol möglich, dass dem Gregor des 6. Jahr-
hunderts in Tours dies oder jenes entging, was im folgenden
Jahrhundert zu den ohi-en des Burgunders Fredegar gelangte.
Auch hier neigt Kurth zur annähme eines 'chant'. Der
Charakter solcher Stammes- und geschlechtssagen, die eine be-
rühmte familie auf göttlichen oder dämonischen Ursprung zurück-
führen wollen, verlangt nicht notwendig die gebundene form der
rede für seine fortpflanzung. Wir werden uns daran genügen
lassen, das Vorhandensein einer echten und rechten 'sage' zu
konstatieren.
Aehnlich wie mit diesen ältesten Überlieferungen verhält
es sich mit einer reihe späterer, für welche gleichfalls herkunft
aus epischen liedem behauptet worden ist. So soll nach Eurth
ein lied existiert haben auf den fürsten Chlodericus, söhn des
Sigibert Claudius, speziell auf seine teilnähme an der schlacht
von Vouill6. Wie wenig diese annähme begründet ist, zeigt
sich, wenn man die von Eurth gegebene motivierung liest und
hiermit die trockene notiz von Gregor vergleicht. 2) Auch die
MüUenhoff denkt an den fluss Merwe (Vereinigung von Waal nnd
Maas), als dessen Personifikation dieser wasserg^tt Mem aufienfassen wäre.
*) Gregor 2, 37: Habebai auJtem (ChladovechuB) in a^jutorium auum
ßium Sigiberti Claudi nomine Chlodericwn. Hie Sigibertus pugnans contra
Akanannos apud TMiacensim ojppidum percussua in genuculmn claudieabat
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 75
gescUdite von Fredegunde wie die von ßrunhilde liefert dem
kritiker der Verowingergescliichte stoff für seine anschauungen.
Gregor, Zeitgenosse der beiden königinnen, die ihn zudem beide
überlebt haben, weiss natürlich nichts dergleichen, einzelne züge
finden sich schon bei Fredegar, das meiste «rat im Liber historiae.
Aber nirgends weist meines erachtens form oder inhali auf zu
gründe liegende epische dichtung. Was Fredegunde anlangt, »
begnügt sich hier Kurth selbst, von ^fiction', von Imagination
populaire' u.s. w. zu reden: 'Deux histoires d'alcöve dontonn'o-
serait pas garantir l'origine populaire, et une legende locale dont
le parfum 6pique est des plus prononc6s'. In der tat handelt
es sich lediglich um solche motive, die weit eher der mündlichen
Überlieferung als der epik gehören. In der erzählung vom krieg
der Fredegunde gegen Childebert erscheint — als kriegslist an-
gewandt — der wandelnde wald, der in der Macbethsage und
sonst,*) u.a. auch bei Saxo Grammaticus, widerkehrt und ein
echtes sagenelement bildet. Die geschichte von Fredegundens
verbotenen beziehungen zu Landerich und namentlich die art,
wie dieselben von Chilperich durch zufall entdeckt werden, ge-
hört in die gattung der schwanke, wie sie zu allen zeiten im
Volke umliefen und später in den schwank- und novellenbüchem
widererscheinen. Die erzählung schliesslich, wie Fredegunde
aus niederem stände mit list die rechte königin Audovera ver-
drängt und sich selbst an ihre stelle bringt, ist ein wirkliches
märchenmotiv, dass hier nur den vorliegenden Verhältnissen an-
gepasst ist und darum auch den ursprünglichen schluss — die
wideraufnahme der verstossenen königin und die bestrafung der
betrügerin — vermissen lässt.^) Man sieht: lauter geschichten
Hierin Knrth (8. 282): 'Nons voici de nouvean en pleins souTeniis barbares,
c'est-ä-dire ^pique« . . . D'aiUenrs, les Francs seuls ont pu porter nn int^t
assez yif k Chloderic pour le mentionner, et, s'ils Tont fait, ce ne peut ayoir
M qne dans nn Qhant\ Auch anf Sigibert wird nachher (s. 295) anf gnmd
dieser steUe ein lied vermntet.
') Siehe die steUen bei Knrth s. 358 f. Vgl. hierzu noch die sage yom
kdnig Grunewald bei Ludwig Bechstein, Deutsches sagenbnch s. 321 f. und Brttder
Grimm, Deutsche sagen, nr. 92.
*) Ich meine das märchen von der königstochter, die anf der fahrt zum
brftntigam von ihrer kammeijnngfer nm namen nnd rang gebracht wird and
dann als gänsemagd dienen mnss, bis ihre abknnft entdeckt wird (Grimm,
KHM nr. 89). Aach das epos von 'Berte as grans pies' ist ein aosläofer
einer solchen Überlieferung.
76 VOBETZSCH
und motive, die sich mit den gattungen der populären prosa-
dichtung berühren und nicht darum sogleich poetische form an-
genommen haben müssen, weil sie hier zufällig auf eine ge-
schichtliche persönlichkeit übertragen wurden. — Etwas andere
momente kommen bei der geschichte der Brunhilde in betracht.
Lassen wir bei seite, was nach Kurth selbst auf populären Ur-
sprung oder liedform keinen anspruch machen kann, so bleibt
nur der bruderkrieg zwischen Brunhildens beiden enkeln Theode-
bert und Theodorich übrig. Wenn auch nicht Fredegars bericht,
der nur einzelne epische züge aufweist, so gilt für Kurth doch
die erzählung des Liber historiae als 'un v^ritable poeme dans
lequel, du commencement ä la fin, un seul caract6re engendre
toute la trame du recit, imprime sur tous les 6v6nements sa
marque personelle, et, en lutte avec toutes les forces morales et
physiques, finit par succomber 6cras6 sous le poids des crimes
qu'il a accumul6s , . . Le type de Brunehaut est congu ici, d'un
bout k l'autre, selon les lois de l'esprit pofetique, qui exige un
caractire fid^le ä lui-meme, qui attribue k un seul personnage
la responsabilit^ de tous les 6v6nements, et qui proportionne
d'une mani^re trfes consciencieuse Texpiation subie k la grandeur
des forfaits commis. II ne semble pas douteux qu'ä la base
d'une legende aussi organique se trouve un chant populaire'.^)
Diese deduction leidet teils an Übertreibungen, teils an falschen
Voraussetzungen. Wenn Brunhilde in diesem 'lied' die ge-
bührende strafe für ihre frevel empfängt, so war das doch auch
in der wirklichen geschichte der fall: bei Fredegar, in dessen
bericht Kurth selbst ausser zwei nebensächlichen elementen
nichts episches findet, i^ird Brunhilde darum auf so grausame
weise zum tode gebracht, weil durch ihre schuld, wie ihr Chlothar
vorwirft, zehn könige gemordet worden seien. Unter diesen
zehn werden auch Theodebert und Theoderich mit ihren söhnen
genannt: also schon die ältere — beinahe zeitgenössische —
Überlieferung, und nicht erst das spätere * lied ', schob der Brun-
hilde die schuld an diesen ereignissen zu. Der Charakter Brun-
hildens sowie der rahmen der erzählung sind im Liber historiae
im ganzen dieselben wie in Fredegars bericht geblieben. Hinzu-
gekommen ist die ganz neue erzählung, wie Theodorich sich in
die schöne tochter des ermordeten bruders verliebt, seine gross-
>) S. Kurth 8. 417 n. 420.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 77
matter Bnmhilde, die ihm darüber vorwürfe macht, mit dem
Schwerte bedroht und dafür von ihr vergiftet wird; ferner das
der biblischen erzählung von Jesabel nachgebildete motiv der
sich für Chlothar in eitler hoffnung schmückenden Brunhilde.
Hingegen sind — wol die folge der gedächtnismässigen Über-
lieferung — zahlreiche einzelne momente verloren gegangen: die
früheren, mit abtretung des Elsasses an Theodebert endigenden
Streitigkeiten zwischen den beiden brüdem, die einnähme von
Toul und die darauf hier stattfindende erste Schlacht zwischen
Theodorich und Theodebert, der krieg zwischen Chlothar und
Theodorich, die ganze tätigkeit Brunhildens nach Theodorichs
tod — ihr söhn Sigebert soll könig werden, er geht in ihrem
auftrag nach Thüringen um ein beer zu sammeln — , der verrat
des Thüringers Warnacher, die gefangennähme und auslieferung
der Brunhilde durch ihre eigenen grossen. Nimmt man alles
dies zusammen und noch das dazu, was beide Überlieferungen
gemeinsames haben, so sieht man wol: die geschichte bot des
epischen nicht weniger als das spätere ' lied \ ') und die Schilderung
des Liber historiae setzt ein episches lied so wenig voraus als
der ältere bericht in Fredegars chronik.
Nach meinem dafürhalten liegt hier überall für das un-
befangene äuge der Sachverhalt ziemlich klar zu tage, und so
wende ich mich, ohne diesen und ähnlichen fällen noch ausführ-
lichere erörterungen zu widmen, zu jenen personen und er-
zählungen, bei denen sich die frage schwieriger gestaltet und
die darum eine genauere betrachtung erfordern: es sind dieselben
persönlichkeiten, deren Verherrlichung im liede schon vor Kurth
Pio Rajna vertreten hat.
Von dem, was uns von Childerich, dem söhne des Mero-
vech, berichtet wird, geht ein teil auf annalistische quellen zurück
und fällt somit aus unserem rahmen heraus,^) der andere teil
aber ist anerkanntermassen aus einer unhistorischen Überlieferung
geschöpft : nämlich die geschichte seiner Vertreibung, seines exils
und seiner rückkehr und schliesslich seine beziehungen zur
Thüringerkönigin Basina. Alles das ist von ungeschichtlichen,
sagenhaften oder auch 'poetischen' elementen durchsetzt: das
>) Kurth selbst bemerkt (auf s. 410) zu den geschichtlichen ereignissen:
*il 7 a dans cette s^rie d'^v^nements une source d'^motions dramatiques comme
on les rencontrerait difftcilement aiUeurs au m§me degr6\
') Tgl. darüber Wilhelm Junghans, 1. c. s. 12—20.
78 VORETZSCH
fränkische königtum des Egidius, der getreue Wiomad, welcher
dem verbannten könig die herzen der Franken widergewinnt, die
geteilte münze als erkennungszeichen, die haus und gatten ver-
lassende und ihren buhlen Childerich in der weiten ferne auf-
suchende königin. In allen hauptzügen stimmen die drei frän-
kischen Chronisten überein : am kürzesten ist Gregor, etwas aus-
führlicher der Liber historiae, am längsten der zeitlich zwischen
diesen beiden liegende bericht Fredegars, der jedoch Überlieferungen
anderer herkunft hinzufügt.») Nur bei letzterem findet sich die
anspielung auf den Hunnenkrieg, 2) welche Kurth gelegenheit zu
einem kapitel über das gedieht von den *Enfances Childerich'
gibt, das unzweifelhaft schon zu Gregors zeiten bestanden habe. 3)
Ich bemerke hierzu niu-, dass diese bezeichnung wenig glücklich
gewählt ist, da derartige gedichte von den jugendtaten eines
beiden relativ und absolut betrachtet zu den jüngeren erzeug-
nissen der epischen dichtung gehören und selten wirklich tradi-
tionelle elemente enthalten. Im übrigen vnri sich von der
wesenhaftigkeit dieses poems nur der überzeugen lassen, der mit
Kurth auch alle übrigen berichte von gefangenschaft eines
menschen durch die Hunnen oder gar die von Gregor wider-
gegebene familientradition von der flucht des Attalus aus Trier
für gedichte ansieht und dem analogien und Vermutungen für
beweise gelten.
Speziell fredegarisch ist dann ferner die vision, welche
Childerich in der hochzeitsnacht seine nachkommen unter dem
bilde von tieren zeigt und ihm dann von ßasina gedeutet wird:
zuerst ein löwe (Chlodovech), dann leoparden und einhömer
») Gregor, Hist. Franc. 2, 12 (Mon. Germ. SS. rer. Mer. 1, 79 f.) —
Fredegar, Chronicamm etc. 3, 1 1 (SS. rer. Mer. 2, 95—97) — Lib. hist. (Gesta
regum Francorum) c. 6 u. 7 (ebd. s. 247—50).
') Wiomadus Francus fiddissimus ceteria Childerico qui eum cum a
Chunia cwm matre captivus duceretwr^ fugaciter liberaverat, Kurth spricht
Ton Childerichs gefangenschaft und vergleicht Wiomad mit dem koch Leo,
dem befreier des Attalus in der oben erwähnten erzählung. Das nächstliegende
ist aber doch, das relativ auf den zunächst stehenden Childerich zu beziehen:
Wiomad war der gefangene, Childerich der befreier, und hierdurch wird die
treue ergebenheit des Wiomad motiviert. So fasst auch Rigna (Origini 8. 57)
die Sache auf, hingegen wie Kurth auch W. Junghans (1. c. s. 140).
') Kurth bemerkt, das ' gedieht ' sei dem anschein nach bisher ganz un-
beachtet geblieben. Ein gedieht hat in der tat noch niemand dahinter ge-
sucht. Aber dass wir uns hier 'sopra un terreno epico^ befinden, hat schon
B^jna bemerkt, der auch schon die Walthersage zum vergleich heranzieht.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 79
(dessen söhne), weiterhin baren und wölfe (die dritte generation)
und schliesslich hunde und kleinere tiere. Tertio que vidisti ad
discessum, so schliesst Basina, columpna *) regni hujus ertmt, que
regnaverint ad instar canibus et minoribus histeis; eorum con-
similis erit fortitudo. Die Prophezeiung wird um die wende des
6. und 7. Jahrhunderts entstanden sein: d. h. mindestens erst
nachdem die vierte generation seit Childerich wirklich da war,
und bevor Fredegar schrieb. Ob man der Prophezeiung die
form des liedes zusprechen darf, hängt davon ab, wie weit man
in Fredegars bericht überhaupt ein lied erkennen will.
So bleibt noch die erzählung von Childerichs flucht, liebe
und rückkehr, die schon längst für sagenhaft erkannt und zu-
meist als ausfluss eines alten liedes betrachtet worden ist.')
Was zunächst die eigentümliche darstellung Fredegars betrifft
— Childerichs auf enthalt in Constantinopel u. s. w. — , so stimme
ich hier Rajna und Kurth gern darin bei, dass sich hier mit
der sage von Childerich die Schicksale des unglücklichen Gundo-
bald, angeblichen sohnes von Chlothar I., vermischt haben, der,
von seinen verwanten verleugnet, sich nach Italien und von da
nach Constantinopel begeben hatte und um 582 oder 583 nach
Südfrankreich kam, sein erbe in besitz zu nehmen, nach an-
fänglichen erfolgen jedoch seinen versuch mit dem leben be-
Die columpna regni hat viel Schwierigkeiten gemacht. Giesebrecht
(Geschichtsschreiber der deutschen yorzeit, 6. jahrh. 5. band, s. 273) übersetzt:
'die da sahst als dn zum drittenmal hinausgingst, werden die letzten dieses
reiches sein\ Pio Rigna (Origini s. 61 f.) denkt an die aufstrebende leudea
und ehrgeizigen bischöfe oder auch an Fredegunde und Brunhilde. Aber es
ist doch klar, dass hier nur von nachkommen Childerichs die rede ist. — Kurth
fibersetzt w{(rtlich mit colonnes und erklärt, dass in der tat diese generation,
speziell fttr Austrasien und Burgund Childerich ü. (Chlodoyechs urenkel) die
Säule des reiches war und dass auf seinen tod nur unruhe und Unordnung
folgte. Aber das widerspricht doch direkt der ganzen tendenz der Prophezeiung,
die offen darauf hinausläuft, die allmähliche degeneration des Merowinger-
geschlechtes zu bezeichnen und somit eine gradatio ad minus darstellt und
nicht in einem atem dieselben männer ^ hunde' und ' reichssäulen ' nennen
kann. Ich möchte daher anstatt columpna (columna) lesen: calumnia 'der
schimpf des reiches'. Der ausdruck ist für menschen, die einem löwen von
ahnherren als hunde gegenübergestellt werden, nicht zu stark. Da in allen
hsB. columpna zu stehen scheint, so müsste der fehler schon auf rechnung
des Verfassers kommen: das würde darauf deuten, dass Fredegar hier einer
geschriebenen queUe folgte.
') S. die citate bei lUgna, s. 52, anm. 4.
80 VORETZSCH
zahlen musste.^) Fredegar stellt die alte und jüngere 2) Über-
lieferung nur notdürftig verknüpft nebeneinander.') Nur möchte
ich hinzufügen, dass aus dieser zweiten Überlieferung jedenfalls
auch stammt, was Fredegar von bedrückung der Franken durch
steuern weiss, die Egidius auf den rat des Wiomad jenen auf-
legt. Weder Gregor noch Liber historiae wissen etw^as davon,
des letzteren kurze angäbe (hortabatur Egidio aliquos Francos
dolose oppremere) wird zur genüge durch den bei Fredegar er-
zählten befehl des Egidius, 100 Franken zu töten, erläutert. Zu-
dem ist die Steuergeschichte ganz in demselben Stile gehalten
wie die list, welche Wiomad mit dem angeblichen tribut des
kaisers zu Constantinopel an Egidius und der Steuer des letzteren
an den kaiser erfindet, sie gehört also entweder von hause aus
in die Gundobaldsage oder, was wahrscheinlicher, ist nach dem
Vorbild dieses auf einer historischen tatsache *) beruhenden zuges
nach der Verschmelzung der sagen von Gundobald und Childerich
gebildet worden.
Nach allen diesen Subtraktionen bleibt eine zusammen-
hängende klare erzählung übrig, welche in den drei Über-
lieferungen, in denen sie vorliegt, wenig abweichungen zeigt.
Liber historiae und Fredegar schreiben beiderseits Gregor aus,
müssen aber beide noch die alte Überlieferung gekannt haben,
da sie den bei Gregor fehlenden namen des getreuen kennen.
Diese alte überlief einmg war nun nach Rajna ein lied,*) nach
Kurth waren es gar zwei lieder: nämlich die Vertreibung
Childerichs und die davon ursprünglich unabhängige heirats-
geschichte. Nach meiner ansieht ist für die annähme eines
liedes nicht der geringste anhält gegeben. Und zweitens bilden
exil und heirat eine innerlich zusammenhängende erzählung: es
ist die sage von dem wegen seiner Üppigkeit vertriebenen und
aus der Verbannung mit dem weibe seines gastfreundes heim-
>) Gregor 6, 24; 7, 10. 26—38.
') Resp. landschaftlich begrenzte Überlieferung, denn der im folgenden
Jahrhundert schreibende Verfasser des Liber historiae kennt sie nicht.
*) Childerich flieht auch hier wie bei Gregor nach Thüringen, als es
aber zeit ist und Wiomad ihm die andere hälfte des ringes senden will,
so schickt dieser nach Constantinopel : Comperto jam Childerico Constantino-
pole esse.
«) Siehe hierüber Kurth s. 192.
*) Für Fredegar nimmt R^jna yermittelung der Überlieferung durch
eine geschriebene chronik an.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE.
81
kehrenden fürsten, wie sie z. b. im lande der Kurden ^) in über-
raschender Übereinstimmung mit unserer sage erzählt wird. Ich
stelle beide erzählungen mit weglassung der nebenmotive zu-
sammen.
Childerich (Chregar).
(Childericns vero filins Meroheo, cnm
snccessit patri in regno — Frede-
gar.)
Childericiis vero cnm esset uimia
luxuria dissolntns et regnaret snper
Franconun gentem, coepit filias
eornm stnpore detrahere.
niiqne ab hoc indignantes de reg-
nnm eum eiecinnt. (Tili cnm grande
ftirore hoc indignantes, volnernnt
occidere eum et eicere de regno —
Lib. hist)
Deniqne Franci hnnc eiectnm, Egi-
dinm sibi . . . unanimiter regem ad-
sciscunt.
Abiens ergo in Thoringiam,
apnd regem Bysinnm uxoremqne eins
Basinam latnit.
(Intime beziehungen zwischen gast
und wirtin werden auch hier voraus-
gesetzt, wie unten die worte der
Basina zeigen.)
Färhat Aga.
Nach Kuliks to<le übernahm Färhat
Aga die regiening; seine Untertanen
fürchteten sich vor ihm.
Er Hess eine bekanntmachnng im
lande ergehen, dass wenn irgend jemand
ein müdchen freie, er selber bei diesem
mädchen an dem tage, wo man es heim-
führe, die erste nacht schlafen und es
dann dem manne geben werde; die jung-
frauschaft der mädchen sei für ihn.
Infolgedessen kamen die Untertanen
zusammen und hielten unter sich be-
sonders rat. Sie erklärten: ^das lassen
wir uns nicht gefallen, wir wollen zum
sultan gehen und über ihn klage führen*.
Der sultan gibt ihnen erlaubnis Färhat
Aga zu verbannen, aber nicht ihn zu
töten.
Als sie nach hause kamen, stellten
sie einen anderen fürsten gegen ihn auf
und trieben ihn aus dem lande.*)
Er ging in die weite weit und ver-
schwor sich, nicht unter der herrschaft
des Sultans zu bleiben. [Er bleibt darum
nicht im lande der löwen, sondern geht
weiter zu einem volke, das bei tag die
kleidung der flöhe trägt und bei nacht
menschengestalt annimmt.')]
Dort angelangt Hess er sich bei dem
sultan — dessen name Mir Sosan war —
als diener nieder. Die frau des sultans
der flöhe hiess Sittia-Sin. Diese gewann
den Färhat Aga lieb, und er gab sich
heimlich mit ihr ab, ohne dass jemand
es merkte.
>) Prym und Socin, Kurdische Sammlungen, 1. Erzählungen und lieder
im dialekte des Tür 'Abdln. b. üebersetzung s. 1 ff. (Petersburg-Leipzig 1887).
*) Dieser erste teil der erzählung kehrt z. t. wörtlich, im ganzen aber
kürzer, in einer anderen geschichte (no. 7) wider.
•) Diese eigentümlichen Schilderungen hängen wol mit dem weitver-
breiteten brauche wilder Völker zusammen, sich namen von tieren beizulegen.
Vettgibe für Bier«». 6
82
VORETZSCH
Childerich.
Färhat Aga.
(Entdeckt wird F. A. zwei jähre im
geföngnis gehalten, aber yon Mir Sosan
ans furcht vor Sittia-Sin wider frei-
gelassen. Er kommt wider in gnnst
bei Mir Sosan, der ihm seine tochter
geben will, aber Sittia-Sin ist dagegen.
F. A. macht weiter schlechte streiche,
doch die klagen des yolkes dringen beim
snltan nicht durch).
Eines nachts holte er zwei pferde aus
dem stalle, setzte Sittia-Sin auf das eine
und bestieg selbst das andere. So ent-
führte er Sittia-Sin bei nachtzeit.
(Hier wird eine neue episode ein-
gefügt: die königin des landes, durch
das sie kommen, geht gleichfalls mit
ihnen. Sie passieren weiter das land
der löwen.)
nie vero certa cognoscens inditia Endlich gelangte er nach hause in
quod a Francis desideratur, ipse etiam seine heimat . . . Man übertrug ihm
rogantibus, a Thoringia regressus aufs neue die regienmg.
in regno suo est restitutus.
(Hie ergo regnantibus simul) Ba-
sina . . . relicto viro suo, ad Childe-
ricum venit. Cui cum sollicite inter-
rogaret qua de causa de tanta regione
yenisset, respondisse fertur: *Novi',
inquit, 'utilitatem tuam quod sis
yalde strinuus, ideoque yeni, ut
habitem tecum . . .' At ille gaudens . . . Dort liess er den geistlichen kommen
eam sibi in coi^'ugium copulayit. und sich yon diesem die beiden nach-
Quae concipiens peperit filium yoca- träglich antrauen. Die beiden un-
yitque nomen eins Chlodovechum. yergleichlich schönen frauen, welche er
mitgebracht hatte, wurden zu gleicher
zeit guter hoffiiung, und gott gab ihm
zwei knaben. Im folgenden jähre gab
ihm gott zwei mädchen . . .
Jede von den beiden erzählungen hat ihre besonderen
eigen ttinilichkeiten, was bei zwei nach zeit und ort soweit von
einander entfernten Versionen nicht auffallen kann. Die kurdische
ist in einzelheiten ausführlicher, sie ist ganz orientalischen zu-
ständen und anschauungen angepasst, sie enthält verschiedene
Zusätze, doppelmotive u. dgl. mehr, wie sie sich im laufe der
zeit an ein von haus aus einfaches thema leicht anhängen. Um-
gekehrt hat auch die fränkische Überlieferung eine Weiterbildung
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 83
erfahren, indem die flgur des treuen dieners und in Zusammen-
hang hiermit die zerbrochene goldmünze als erkennungszeichen
eingeführt worden ist: beides alte märchen- und sagenmotive,
wie sie in der mündlichen Überlieferung heimisch sind,*) bald
aus diesem in jenes märchen übergehen und nur jeweils den
besonderen umständen entsprechend geformt werden, und die
sozusagen zu dem technischen material der volkspoesie gehören.
Alles das sind aber unterschiede geringfügiger art, und
um so sonderbarer ist die genaue Übereinstimmung, welche sich
in allen hauptpunkten der handlung, in der reihenfolge und
Verknüpfung derselben, in den personen und Charakteren zeigt.
Der wollüstige fürst, seine Vertreibung und die wähl eines neuen
fürsten, seine flucht an den hof eines fremden herrschers, seine
liebe zu dessen lüsterner gemahlin, seine heimkehr und seine
hochzeit mit jener, alles findet sich hier und dort wider. Ein
unterschied ist nur insofern vorhanden, als Färhat Aga die frau
bei seiner heimkehr gleich mit sich nimmt, während sie in der
sage von Childerich erst nachkommt, als dieser wider im sicheren
besitz seiner herrschaft ist — auf welcher Seite hier die neuerung
liegt, wird sich freilich schwer entscheiden lassen, ist aber für
uns auch gleichgiltig.
Jedenfalls sind die Übereinstimmungen in den beiden er-
zählungen der art, dass ein enger Zusammenhang zwischen den-
selben bestehen muss, der kaum anders gedeutet werden kann,
als dass wir es hier mit einem alten internationalen erzählungs-
stoffe zu tun haben, der schon in alt^r zeit auch im abendlande
bekannt war und hier auf könig Childerich übertragen wurde.
*) Für den treuen diener lassen sich als parallelen der diener des Adelgis
(Grimm ; D. S. nr. 449), der * getreue Johannes' (Grimm, KHM nr. 6) u.a. an-
führen. Anch auf fignren wie den getrenen Eckhard, den alten Hildebrand kann
man verweisen. — Die goldmünze als erkennungszeichen vertritt hier offenbar
den sonst üblichen goldring, der in zahlreichen märchen und sagen eine roUe
spielt: so in der sage von Heinrich dem Löwen und der ganzen sagengmppe,
welche hierher gehört (vgl. Georg Schambach und Wilhelm Müller, Niedersäch-
sische sagen nnd märchen [Göttingen 1854] s. 389 ff.). Fast überaU ist es hier
der geteilte ring, der das widererkennen zwischen mann nnd fran vermittelt.
In einem finnischen märchen (Emmy Schreck, Finn. märch., mit einl. von Gustav
Meyer [Weimar 1887] s. 165 ff.) verlangt der liebhaber von der königstochter ein
nnterp&nd, zerbricht den ring den sie ihm gibt ' und jeder behielt eine hälfte
davon zum zeichen, dass die königstochter keinen andern mann nehmen wolle,
als den, dessen ringhälfte genau zn der von ihr aufbewahrten passen würde'.
6*
84 VORETZSCH
Daraus folgt meines erachtens zweierlei: einmal, dass auch die
erzählung von Ohilderich durchaus einheitlich und nicht erst
aus zwei ursprünglich selbständigen sagen — Verbannung, heirat
— zusammengeschweisst ist; und zweitens, was wichtiger, dass
diese erzählung, welche noch heute bei den Kui'den als märchen
oder richtiger, weil auf eine bestimmte person bezogen, als sage,
d. h. als mündliche prosaische Überlieferung umgeht, von sich
aus auch in der fränkischen Überlieferung keine poetische form
verlangt. Andere giünde aber, ausser dem sagenhaften Inhalt,
sind für die annähme eines epischen gedichts bisher nicht geltend
gemacht worden, und werden sich auch schwerlich auffinden
lassen, wenn man sie nicht in jenen oben besprochenen aprio-
ristischen theorien erkennen will.
Weshalb nun gerade diese erzählung auf Childerich über-
tragen wurde, lässt sich nur vermuten. Man kann zunächst
denken, dass die Üppigkeit das tertium comparationis war,
die uns ja in den historischen berichten von Childerich nicht
ausdrücklich bezeugt wird, aber bei einem Merowing jedenfalls
nichts ungewöhnliche« war. Wichtiger aber wird ein spezieller
umstand gewesen sein. Schon Junghans hat von der ganzen
Überlieferung doch das gelten lassen, dass Childerichs gattin
wirklich Basina hiess;») und auch Kurth greift zu dieser an-
nähme, um durch die Übereinstimmung der namen — eine Basina
gattin Childerichs, eine ebensolche gattin des Bisino von Thüringen
— das zusammenwerfen der beiden in der mündlichen über-
liefening und somit die beziehungen Childerichs zur Thüringer-
königin zu erklären: eine hypothese, die alles für und nichts
wider sich hat und sich einem beim Studium der texte von selbst
aufdrängt. Ich denke, dass diese Identifikation der beiden
königinnen in die zeit des Thüringerkrieges von 531 fällt, in die
zeit, wo Thüringen und seine hen-scherfamilie in aller munde war,
wo der enkel der fränkischen Basina (Chlothar I.) die enkelin
der thüringischen Basina (Eadegunde, die tochter des ermordeten
Berthar) nach Frankreich brachte und zum weibe nahm. Da
lag die zeit Childerichs, der 481 starb, weit genug zurück,
Jnnghans s. 12: ^ . . dass die Basina, von welcher das lied spricht,
wirklich Chlodovechs mntter ist, bezweifeln wir nicht; es ist undenkbar, dass,
wenn der name einmal überliefert ward, ein falscher name eindrang, nnd
ebenso undenkbar, dass man schon zu Gregors zeit den namen von Chlodovechs
mutter nicht mehr gewusst haben sollte/
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 85
um die wahre herkunft seiner gattin in der erinnerung vergessen
und eine andere an ihre stelle treten zu lassen. War nun diese
identifikation einmal vollzogen, so lag nunmehr eine ehe zwischen
Childerich und dem angetrauten weib eines fremden königs vor,
die es zu erklären galt. So wurde auf ihn jene längst im volke
lebendige erzählung übertragen, welche ihm ausser der heirats-
geschichte auch noch Vertreibung und exil andichtete. Man
sieht, wie wenig geschichtliches von dem ganzen übrig bleibt
und wie unnötig es ist, sich über einzelfragen, wie das fränkische
königtum des Aegidius, den köpf zu zerbrechen.
Childerichs söhn und nachf olger ist Chlodovech, der taten-
reichste und für die geschichte des Frankenreiches weitaus be-
deutendste Merowing. Es konnte nicht fehlen, dass seine taten
und erlebnisse mit dem Schleier der sage umwoben wurden;
schon bei unserem ältesten Chronisten, der kaum ein menschen-
alter nach Chlodovechs tode das licht der weit erblickte, sind
die sagenhaften züge, welche uns bei den späteren zum teil in
breiter ausführung wider begegnen, in der hauptsache ausge-
bildet. Solche Züge finden sich in der erzählung von seiner
brautwerbung und seiner bekehrung, von beinahe allen seinen
kriegen und seinen verwanten- und königsmorden. Neu ist hier
das religiöse element, welches bei diesem ersten Frankenkönig
besonders stark hervortritt und einer reihe von erzählungs-
momenten ihr stark christliches gepräge verleiht: man denke an
die plötzliche bekehrung in der Alemannenschlacht , an den
kirchenkrug von Soissons (im krieg des Syagrius), an die
wunder, die sich (im Westgotenkrieg) an die namen des heiligen
Hilarius und Maxentius knüpfen, an den einsturz der mauern
von Angouleme u. a. m. Man braucht derlei züge nicht alle auf
geistliche erfindnng zurückzuführen, manche von ihnen konnten
in einer christlichen bevölkerung spontan entstehen, und so
werden wir ihre herkunft vennutUch bei den christlichen Gallo-
romanen zu suchen haben. Für epische behandlung des er-
zählten ereignisses aber beweisen solche züge nichts, und auch
die eifrigsten Vertreter der merowingischen epik sind hier bei
Chlodovechs kriegen weniger apodiktisch. So können wir den
krieg gegen Sya^us, sowie den gegen die Alemannen ganz bei
Seite lassen. Auch die kriege gegen die Burgunder und gegen
die Westgoten enthalten nichts durchschlagendes: was im ersteren
über die belagerung von Avignon und von Gundobads getreuem
86 VORETZSCH
Aridius erzählt wird, ist zwar durchaus sagenhaft, weist aber
nach Kurth selbst nicht eigentlich auf ein episches lied; im
Westgotenkrieg begegnen neben den wundergeschichten auch
einige * barbarische, also epische erinnerungen ', aber diese ver-
einzelten Züge*) zwingen ebensowenig zur annähme eines liedes
als früher besprochene erzählungen. Wir dürfen uns demnach
auf die erörterung der heiratsgeschichte und der königsmorde
beschränken.
Wie sich Chlodovech mehr durch treulosigkeit und mord
als durch Waffengewalt zum herrn Ripuariens und der noch be-
stehenden salischen gaukönigtümer macht, wird von Gregor am
schluss von Chlodovechs leben in drei kapiteln — kap. 40 — 42
des 2. buches — erzählt. Die späteren tragen zu diesem bericht
nichts neues bei: Fredegar bringt ihn stark gekürzt, im Liber
historiae fehlen sogar die Schicksale der ripuarischen f ürsten und
des salischen Chararich völlig, und was hier im einzelnen zu
der geschichte Eagnachars hinzugefügt wird, beruht jedenfalls
nicht auf der Überlieferung. Man muss sich also an den bericht
Gregors halten. Dieser wird nun in der tat gewöhnlich für
Umschreibung oder reflex alter lieder oder eines alten liedes er-
klärt, jedoch, wie ich glaube, mit unrecht. 2) Sagenliafte züge, wie
z. b. die ermordung Chloderichs beim vorzeigen seines Schatzes, ^)
finden sich auch hier, und diese sowie die ganze von den aus
annalen geschöpften partien stark abstechende art zu erzählen,
lassen keinen zweifei übrig, dass Gregor hier einer mündlichen
Überlieferung folgt. Nur ist alles dies, wie mir scheint, weder
ein anlass die geschichtlichkeit der fakta an sich anzuzweifeln.
^) Ueber Chlodericus, der an diesem krieg teilnahm, vgl. oben s. 74.
«) Vgl. Rajna s. 86—91 , Kurth 8. 293—317. Ich bin so glücklich hier
Gaston Paris auf meiner seite zu haben, der, wenn auch teilweis aus anderen
gründen, epische provenienz ablehnt und die erzählung im ganzen für historisch
hält: ^Le fond des r^cits de Gr^goire est admis par M. R. comme historique;
dans la forme je ne vois rien d'^pique . . . on peut sans hisiter faire remonter
ces r^cits aux Souvenirs de quelque compagnon de Clovis, transmis plus ou
moins directement k T^y^ue de Tours, familier de la cour m^rowingienne'
(Bom. 13, 605).
') Eine ähnliche scene spielt sich bei der ermordung Theodeberts ü.
(Lib. bist. c. 38) ab, nach Kurths yermutung eine nachahmung der oben er-
wähnten episode. Mit beiden lässt sich die erzählung der Thidreksage ver-
gleichen, wonach Attila und Grimhild beim hört im berge den hungertod
durch Hagens söhn finden.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 87
noch für die Überlieferung ein lied als quelle zu postulieren.
Man hat sogar noch spuren der liedform erkennen wollen in
den jeweiligen Schlussworten der drei episoden, die 'eine art
refrain' darstellen sollen.») Mir scheint es im gegenteil nicht
einmal sicher, dass es eine zusammenhängende Überlieferung war,
die Gregor vorlag. Es ist doch nicht ohne bedeutung, dass
Gregor jedes ereignis in einem besonderen kapitel erzählt. Ver-
bunden sind die drei berichte unter einander innerlich gar nicht,
und chronologisch so unbestinmit, dass man darauf gar nichts
bauen kann: nur der zweite (Chararichs ermordung) wird an
den ersten (Sigebert und Chloderich) mit ^post hwc' angeknüpft,
der dritte (Ra^achars ende) beginnt mit dem vieldeutigen erat
auiem tunc Wenn Gregor, wie anzunehmen, aus der mündlichen
überlieferupg schöpfte, so fand er für diese ereignisse keine
chronolog^chen angaben vor: er setzte daher Chloderichs tod
zunächst richtig, wie er aus der ihm bekannten teilnähme
Chloderichs am Westgotenkrieg (507) schliessen konnte, hinter
den Westgotenkrieg und fügte dieser erzählung die beiden un-
datierten berichte an, welche in ähnlicher weise von eroberungen
Chlodovechs *) in fränkischen landen redeten. Nach allem haben
wir es hier in der hauptsache mit historischen, jedoch durch die
mündliche Überlieferung gegangenen und deren spuren tragenden
berichten zu tun, aber weder mit liedern noch mit einem lied
*von Chlodovechs mordtaten'.
Mit Chlodovechs heiratsgeschichte *) haben die freunde der
liedertheorie leichtes spiel: es ist eine germanische werbungs-
sage, wie wir deren in den gedichten von könig Itother, Hug-
dietrich, Gudrun u. a. widerfinden, es muss also ein gedieht von
Chlodovechs Werbung existiert haben, aus dem Gregor und seine
nachf olger schöpften.«) Hierauf ist zu erwidern, dass neben
Regntumque Sigiberti acceptwn cum thesauris, ipsos quoque suce
ditioni adseivit — QuUms mortuis regnwn eorum cum thesauris et popuUs
adquesivit — Quibus mortuis , omnem regnum et thesaurua Chlodovechu8 ac-
ccjpU (vgl. hierin Korth s. 311). Für eine solche art refrain dürfte man wol
▼exgeblich nach analogien suchen.
*) Dass diese zeitlich vor der ripnarischen erwerbnng, d. h. vor 507, und
zwar bald nach dem krieg mit Sjagrins anzusetzen sind, halte ich auch mit
Jonghans (s. 117) trotz Knrths einspräche (s. 313 f.) für wahrscheinlich.
») Gregor 2, 28; Fredegar 3, 17—20; Lib. bist. c. 11—13.
*) So B^jna (8.83): 'La leggenda delle nozze di Clodoveo spetta in-
negabilmente alla famiglia deUe leggende nnziali che son venuto ennmerando.
88 VOREl^SCH
diesen epischen gedichten eine ganze anzalil erzälilungen und
märchen über dasselbe thema existieren, welche der mündlichen
Überlieferung verscliiedener Völker angehören und die poetische
form nicht angenommen haben J) Die angeführten epen sind
femer relativ, jedenfalls aber im Verhältnis zu unseren fränkischen
Chronisten, ziemlich jung: nehmen wir auch ältere dichtungen
als Vorläufer jener epen an, so wissen wir doch nicht, seit wann
die darin enthaltenen stoffe poetische form gehabt haben und
ob sie von anfang an in solcher form überliefert worden sind.
Auf solche fragen müsste doch zum mindesten ein *non liquet'
die antwort sein. Und speziell bei Chlodovech kommt noch
etwas anderes hinzu: wir haben es hier nach den hauptphasen
der darstellung allerdings mit einer parallelerzählung zu den
brautfahi-tsgedichten zu tun, aber das darf man doch nicht ver-
gessen, dass die grundlage durch die geschichte gegeben ist,
dass also dasjenige, was anderwärts, wie z. b. bei Hugdietrich
(Theodorich von Austrasien), als eine Schöpfung der phantasie
erscheint, liier in den hauptpunkten historische Wirklichkeit ge-
wesen ist. An der tatsache einer Verbindung zwischen Chlodo-
vech und der burgundischen Chrotechilde zweifelt niemand.
Hieraus ergibt sich weiter die Werbung Chlodovechs durch
seine gesandten, das abholen der braut, erste begegnung zwischen
ihr und dem könig und die darauf folgende hochzeit. An diesen
geschichtlichen grundstock haben sich nun einzelne züge aus
sogenannten werbungssagen ankristallisiert: die erstrebte braut
vdrd von iliren angehörigen — wie Aschenbrödel im märchen —
verborgen gehalten, der brautwerber naht sich ilir daher zuerst
als pilger verkleidet u. s. w. Den äusseren anlass, Clirotechilde so
als eine von lieblosen vei-^^anten feindselig behandelt« und ver-
borgen gehaltene prinzessin darzustellen, werden wol, wie man
mit recht vermutet hat, die kriege Chlodovechs und seiner söhne
gegen die Burgunder geboten haben,') welche bei der nahen
E come qneste noi abbiamo da poemi o da risoluzioni di poemi, ragion yuole
che anche neU' altra non s* abbia, per qnanto ci ^ lecito di gindicare, da
riconoBcere altra cosa'.
^) Siehe eine znsammenstellnng verwanter formen nnd stoffe bei Wolfs-
kehl, Germanische werbungssagen. 1. Hagdietrich. Jarl ApoUonins. Giessener
diss. Darmstadt 1893. S. 1 ff.
') Kurth (s. 245) denkt vorzngsweise an den zweiten Burgonderkrieg,
an die Zerstörung des reiches unter Sigismund durch Cbrotechildeus söhne, die
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 89
verwantscliaft beider lieiTscherfamilien schwer zu erklären waren
und am ehesten als rachekriege Chrotechildens gegen feindselige
veii^^ante gedeutet werden konnten.
Der Vorgang ist also wesentlich anders als bei Childerich,
wo eine fertige erzählung auf den beiden übertragen wird.
Hier handelt es sich nur um beeinflussung eines historischen
ereignisses in einigen einzelheiten dui-ch eine analogien bietende
Sagengeschichte, und wir haben daher um so weniger grund, die
existenz eines ^liedes' zu supponieren. Es kann sich höchstens
darum handeln, ob schon Gregor die ausgebildete sage gekannt
hat und wie sich die späteren Überlieferungen dazu verhalten.
Gregor erzählt kurz und nüchtern, ohne unwahrscheinlichkeiten,
so dass Junghans keinen anstand nimmt, diesen bericht im
ganzen für bare geschichte zu nehmen.*) Fredegar und Liber
historiae fügen zu dem, was sie aus Gregor entnehmen, zahl-
reiche d^tails liinzu, welche durch ihre Verschiedenheiten zeigen,
dass sich die sage nach zeit und ort differenziert hat. Anfänge
der Sagenbildung waren jedenfalls zu Gregors zeiten auch schon
vorhanden, wie allein die auch bei ihm erwähnte — unhistorische '^)
— ermordung von Chrotechildens eitern zeigt. Aber man wird
sich hüten müssen, alles, was die späteren berichten, nun auch
schon für Gregor vorauszusetzen, der alles das als unwahrschein-
lich weggelassen habe. So glaube ich, dass in Gregors quelle
der weise, aus Constantinopel zurückkehrende Aiidius, welcher
die heirat aus politischen gründen nachträglich rückgängig
machen will und Chrotechilden ein beer nachsendet sie zurück-
zubringen, noch keine stelle hatte: der nach Fredegar widerum
aus der Überlieferung schöpfende Verfasser des Liber historiae
kennt ihn auch nicht, und so haben wir liier in Fredegars be-
richt widenmi — wie in der sage von Childerich — die speziell
hier in der tat schon bei Gregor als anstifterin des krieges erscheint. Ich glanbe,
die vorsteUnng von räche seitens Chrotechildens hervorzumfen, war der erste
Biirgnnderkrieg viel eher geeignet, welcher ihren eigenen gatten in den kämpf
ftUirte und ihm als gegner gerade den Gnndobad gegenüberstellt, der in der
sage als mOrder ihrer eitern gilt.
* Zu seiner zeit scheint sich noch nicht die dichtnng dieses ereignisses
bemächtigt gehabt zu haben . . ., wir dürfen seinen bericht unbedenklich in
die beglaubigte geschichte auj&iehmen. Was er indess von den greueltaten
Gundobads gegen die famiUe seines bruders berichtet, mag mit etwas zu
schwarzen färben gemalt sein ^ (s. 52).
') Siehe hierüber Kurth s. 242 ff.
90 VORETZSCH
burgundisclie gestaltung der sage vor uns. Es ist dereelbe
Aridius, welcher bei der belagerung von Avignon als getreuer
des Gundobad seine rolle spielt und Chlodovech mit list dazu
bringt, von der belagerung abzustehen: vermutlich ist er aus
dieser sage, wo er auch schon an der seite Gundobads als Wider-
part von Clilodovech erscheint, in die erzählung von dessen
brautwerbung fibertragen worden. Somit entfällt aller grund,
Gregors worte von der schleunigen reise der braut zu Clilodovech >)
mit Rajna und Kurth durch die von Fredegar berichteten er-
eignisse zu interpretieren. Das bestreben der gesandten, dem
könig die ihm bisher nur durch Schilderungen bekannte braut
so rasch als möglich vor äugen zu bringen, ist nach meinem
dafürhalten eine völlig hinreichende erklärung für Gregors Zu-
satz. — Zieht man ab, was, wie dieser zug in Fredegars Über-
lieferung, oder wie das verstecken von Chlodovechs ring in
Gundobads schätz im Liber historiae, als neuerung gegenüber
der alten sage zu betrachten ist, so verbleibt von sagenhaften
dementen für die urform in der hauptsache nur die der offiziellen
Werbung bei Gundobad vorausgehende geheime Sendung Chlodo-
vechs an die in abgeschiedenheit lebende Chrotechilde, was auch
bei Gregor angedeutet 2) und zudem durch die hier schon er-
wähnte ermordung Chilperichs und seiner gemahlin vorausgesetzt
wird. Das ist alles, was sich für Gregors quelle mit Sicherheit
erschliessen lässt.
Von Chlodovechs söhnen ist es vor allen anderen Theo-
dor ich, an den sich die sage geknüpft hat — aus der deutschen
heldensage bekannt als Hugdietrich. 3) Neben ihm steht sein
söhn Theodebert, der schon in jungen jähren sich rühm er-
warb. Die Zerstörung des Thüringerreiches und der einfall der
Dänen im Hattuariergau sind die ereignisse, mit welchen die
Nee moratns ille ad Gundobadnm legationem mittit, eam sibi m
matrimonio petens. Qnod iUe recnsare metnens, tradidit eam viris; Uleqne
accipientes paeUam, regi velotins repraesentant. Qua visa, rex valde ga-
visuB, sno eam coningio sociavit.
*) HainB (d. i. des ermordeten Chilperich) duas filias exilio condemnavit
(sc. Gundobad); quamm senior mutata yeste Clirona, iunior Chrotchildis yoca-
batur. Porro ChlodoTechus dum legationem in Burgundiam saepius mittit,
Chrotchildis puelia reperitur a legatis eins. Qni cum ea vidissent elegantem
atque sapientem et cognovissent, quod de regio esset genere, nuntiaverunt
haec Chlodoyecho regi.
>) Vgl. K. Müllenhoff, Die austrasiscbe Dieüichsage (Zs. fda 6, 435—59).
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 91
namen der beiden eng verbunden sind. Ich beginne mit dem
zeitlich voraus liegenden Dänenkampf, der uns von Gregor im
3. kapitel des 3. buches, und darnach vom Liber historiae kap. 1 9
und ganz kurz, nur mit wenigen Zeilen, von Fredegar 3, 30 u. 31,
berichtet wird.
Es ist seit langem bekannt, dass dies ereignis sich in
einzelnen teilen des Beowulfepos widerspiegelt, wo es die histo-
rischen elemente für die pei-son des helden und den namen seines
Oheims Hygelac — bei Gregor Cochilaicus — geliefert hat.»)
Das ereignis war also auf selten der besiegten in die sage, und
vermutlich bald auch in das lied übergegangen. Wenn das
schon bei den besiegten der fall war, wird nun weiter argu-
mentiert,'^) so müssen die Franken erst recht lieder auf sieg und
Sieger gehabt haben. Man kann die naöglichkeit dieser annähme
zugeben. Aber wenn es nun weiter heisst: wir haben dieses
alte lied oder wenigstens einen auszug daraus, nämlich den
bericht Gregors, nur durch den volksmund, d. h. durch ein lied
könne dieser künde von dem ereignis gehabt und nur aus einem
lied könne dieser *das pittoreske und lebendige bild von dem
könig, der am uf er das auslaufen der beladenen flotte abwartet ',
geschöpft haben u. s. w., so verlieren wir, scheint mir, mit solchen
aufstellungen allen boden unter den füssen. Ich verzichte darauf,
eine Widerlegung im einzelnen zu geben,*) und begnüge mich
damit, Gregors erzählung zur prüfung der aufgestellten be-
hauptungen hier anzuführen: His ita gestis^ Dani cum rege suo
nomine Chlochilaichum evectu navdk per mare Gallias appetunt,
Egressique ad terras, pagum unum <) de regno Theuderici devastant
atque captivant, oneratisque navibus tarn de captivis quam de
reliquis spoliiSy reverti ad patriam cupiunt; sed rex eorum in litus
resedebat, donec navis cUto mare conprcehenderent, ipse deinceps
secuturus, Quod cum Theudorico nuntiatum fuisset, quod scilicet
^) Siehe die litteratnr hierüber bei Symons, Heldensage s. 22 (Pauls
gnmdriss d. germ. phil. 2, 1).
>) Rajna s. 106 ff.; Knrth s. 337 ff.
*) Auch die bekannte, in einer lateinischen handschrift des 10. jähr-
hnnderts sich findende stelle yon den riesengebeinen des königs Huiglancns
auf einer Rheiuinsel, kann natürlich nichts für das Vorhandensein eines liedes
beweisen. Es ist vielmehr eine echte und rechte lokalsage, die uns gerade
seigen kann, wie lange sich historische erinnemngen — in diesem faUe der
name des GeatenfÜhrers — - ohne poetische form im volksmnnde erhalten können,
*) jxty^o Attoarios sagt der Verfasser des Lib. bist.
92 VORETZSCH
regio cin^ fucrit ah extranels dcvastata, Thetidohcrtum , filiitm
suum in Ulis partibu^ cum valido exercitu ac nuigno armorum
apparatu dircxit Qui, interfectu rege, hostibns narali pnelio
superatis opprwmit omncmque rapinam ierrce restittni.
Noch in viel höherem masse als diese erzählung gilt der
bericht über den Thüringerkrieg als beweis für die existenz eines
liedes.») Die für uns wichtigste nachricht darüber findet sich
bei Gregor (3, 4; 7; 8), die beiden späteren Chroniken ziehen nur
Gregor aus und fügen kaum nennenswertes hinzu, ^) der niit
Gregor gleichzeitige, von der thüringischen prinzessin Ea,degunde
protegierte dichter Fortunatus bringt in seinem gedieht *De
excidio Thuringiae' nui' wenig tatsächliches. Hingegen haben
wir eine sehr ausführliche darstellung in Widukinds Sachsen-
chronik, neben welcher spätere, in der regel aus den genannten
berichten schöpfende deutsche Überlieferungen, wie die Quedlin-
bui'ger Chronik oder die *Origo Suevorum', keine wesentliche
bedeutung für uns haben. Es handelt sich in der hauptsache
also nur um Gregor und Widukind. Man pflegt nun schon in
Gregors erzählung epische elemente zu finden, welche auf ein
von unserem Chronisten benutztes lied hinweisen sollen. Hierzu
kommt der durchaus sagenhafte bericht Widukinds und das
widerauftauchen der gescliichtlichen personen im mittelhoch-
deutschen epos: alles momente, welche die existenz eines alten
liedes zur gewissheit zu machen scheinen.
Diese Sicherheit der Überzeugung kann ich selbst in diesem
falle nicht teilen. Zunächst muss man zwischen der fi'änkischen
und der sächsischen Überlieferung strenger scheiden, als man
bisher getan. Wenn es wirklich ein lied gegeben hat, das quelle
für unsere Chronisten gewesen, war es denn ein sächsisches oder
ein fränkisches? Soviel liegt doch auf der hand, dass Widukind
seine kenntnisse nicht aus einem fi*änkischen liede, und um-
gekehrt Gregor die seinen nicht aus einem sächsischen geschöpft
hat. Es müssen sich vielmehr von haus aus zwei verscliiedene
Überlieferungen gebildet haben, und das geht auch aus einer
nur flüchtigen vergleichung der beiden texte ohne weiteres
hervor: Gregor erwähnt nicht einmal die Sachsen, welche gerade
») lUgna 8. 95 ff., Kurth s. 346 ff.
*) Fredegar sagt (3, 32), Irminfried sei vou Theodebert, Tlieodorichs söhn,
getötet worden. Der Liber bist, fügt hinzu (c. 22), Theodorich habe nach
Irminfrieds tod auch dessen kinder noch ermorden lassen.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 93
bei Widukind in den Vordergrund treten, er kennt weder namen
noch person Irincs, welcher als ratgeber des thüringischen königs
auftritt, die friedensverhandlungen zwischen diesem und Theo-
dorich leitet und schliesslich zum meuchelmörder an seinem
eigenen herm wird; umgekehrt fehlt bei Widukind völlig die
Vorgeschichte, die ermordung Baderichs, der gemeinsame krieg
Theodorichs und Irminfrieds gegen Berthar, wie überhaupt die
erwähnung von Irminfrieds brüdem, die teilnähme Chlothars am
kriege — im gegenteil, nach Widukind ist Theodorich der einzige
söhn des verstorbenen Frankenkönigs. Xm* die hauptpunkte
stimmen bei unseren beiden gewährsmännem überein und er-
weisen sich gerade dadurch als historisch. Im übrigen aber
gehen die beiden Überlieferungen so weit auseinander, dass man
wol sieht: das gemeinsame liegt lediglich in den geschichtlichen
ereignissen, nicht in einer auf diese sich gründenden, litterarischen
oder mündlichen Überlieferung. Die vergleichung zeigt weiter,
dass die sächsische version nicht nur äusserlich — Widukind
schrieb drei Jahrhunderte nach Gregor — , sondern auch innerlich
die jüngere von beiden ist. Ueberall wo wir im stände sind
genau zu kontrolieren, erweisen sich die dieser Überlieferung
eigentümlichen angaben als unhistorisch: Theodorich war nicht
der einzige solin seines vaters, dieser hiess nicht Huga, Amala-
berga war die nichte des ostgotischen Theodorich, nicht die
tochter eines fränkischen königs u. s. w. Man hat also hier nicht
einmal den schein des rechtes zu sagen, dass Gregor die einzel-
heiten vei-schwiegen habe, die uns erst ein späterer bericht über-
liefert, und wenn man beispielsweise behauptet hat, Gregor
würde uns gewiss auch von Irinc erzählt haben, wenn er nur
etwas ausführlicher hätte schildern wollen, so ist das weiter
nichts als eine petitio principii. Ob nun Widukinds bericht auf
ein lied zurückgeht, wissen wir nicht. Möglich ist es immerhin,
wenn ich auch die frage nicht so entscliieden bejahen möchte,
als es gewöhnlich geschieht. Jedenfalls aber steht diese säch-
sische Überlieferung ganz für sich und darf nicht als beweis für
die existenz eines fränkischen liedes verwendet werden.
Wir sind also durchaus auf Gregors bericht angewiesen,
und was man in diesem an poetischen elementen hat finden
woUen, scheint mir von geringem belang. Zumeist sind es züge,
welche recht wol historisch sein können: hierher rechne ich die
kriegslist der Thüringer, verdeckte graben herzustellen, in welche
94 VORETZSCH
die fränkischen reiter hineinstürzen; hierher auch die episode
von dem nur zur hälfte gedeckten tisch, was, wie Kurth selbst
ausführt, einer nachweislichen, häufig angewendeten sitte ent-
spricht, und was man in dem fall doch nicht deshalb ohne
weiteres für ungeschichtlich erklären darf, weil Gregors bericht
aus mündlicher Überlieferung geschöpft ist; nicht einmal an der
leichenbrücke, die sich von den erschlagenen Thüringern in der
Unstrut gebildet haben soll, möchte ich allzu sehr anstoss nehmen,
schlimmsten falls wäre es eine kleine Übertreibung, wie sich
solche beim erzählen und widererzählen von selbst einstellen.*)
Von dem in Theodorichs rede erwähnten früheren einfall der
Thüringer ins Frankenreich wissen wir sonst fi*eilich nichts, aber
auch dies kann doch kein grund sein, hier in Gregors quelle
ein lied zu erkennen. Schliesslich, Theodorichs anschlag auf
Chlothar und die daraus folgende komische scene ist eine anekdote,
welche Theodorichs *calliditas' illustriert und die form des liedes
nicht dringender verlangt, als moderne, von geschichtlichen
Personen der neueren zeit erzählte und diese charakterisierende
anekdoten; zudem ist die ganze episode so lose an die haupt-
erzählung angefügt, dass man sie keinesfalls als argument für
die liedform der letzteren verwenden kann.
Es wird wol immer geschmackssache bleiben, ob man der-
artige argumente als massgebend anerkennen will oder nicht,
aber eine erwägung kommt meines erachtens hier noch hinzu,
welche nicht übersehen werden sollte. Die ereignisse, um welche
es sich hier handelt, haben sich etwa zehn jähre vor Gregors
geburt zugetragen: zur zeit, wo er seine chronik niederschrieb,
lebten also gewiss noch zahlreiche Zeitgenossen, ja augenzeugen
>) Die stelle lautet bei Gregor (3, 7): Ihique tarda ccedes ex Thoringis
facta estj %U alveua fiuminis a cadaverum congetüe repleretur et Franci
tanquam per pontem aliquod super eos in littis uUeriore transirent. Merk-
würdigerweise betrachtet Kögel (Lit. gesch. s. 126) diesen in den Quedlinburger
annalen widerkehrenden zug daselbst als 'eine hyperbel im Stile der spiel-
mannspoesie, die erkennen lässt, welcher art das gedieht war, das dem Ver-
fasser der Quedlinburger annalen direkt vorlag \ Die stelle stammt aber
notorisch, wie viele andere cinzelheiten , aus dem Liber historiae, den der
Quedlinburger annalist benutzt (Pertz, MG. SS. 3, 20; Rigna, Origini s. 103,
anm. 1) und der seinerseits widerum seine Weisheit direkt von Gregor be-
zieht. — Dass übrigens solche und ähnliche züge auch sonst in der mero-
wingischen geschichte und ausserhalb derselben (schon in den berichten über
die Schlacht von Cannä) vorkommen, hat Kurth (1. c. s. 366 ff.) gezeigt.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 95
jener begebenheiten, er selbst hat doch ohne zweifei schon als
knabe genug von dem nur kurze zeit zurückliegenden, hoch-
bedeutsamen, die geschicke eines mächtigen nachbarreiches be-
siegelnden ereignis reden hören. Hatte er es da nötig, seine
Zuflucht zu epischen liedern zu nehmen? Musste er, falls wirk-
lich solche lieder existierten, diese quelle nicht vielmehr ver-
schmähen, wo ihm der ström zeitgenössischer erinnerungen noch
so reichlich floss? Kurth lässt wenigstens die heilige Radegunde
als Zeugin für Gregor gelten, aber auch nur diese. Sie habe
ihm die personalnachrichten über die thüringische königsfamilie
geliefert, aber alles weitere über den verlauf des krieges ver-
danke er epischen liedern. Hiemach muss es wol den anschein
gewinnen, als hätte ausser Radegunde jeder, den Gregor etwa über
den Thfiringerkrieg befragt habe, flugs sein liedlein angestimmt.
Nach diesen erörterungen halte ich die herkömmliche an-
nähme, Gregors erzählung vom Thüringerkrieg gehe auf ein lied
zurück, nicht nur für unerwiesen, sondern für in höchstem
grade unwahrscheinlich. Ich meine vielmehr, gerade dieser dem
anschein nach so 'epische', in Wirklichkeit aber auf zeit-
genössische und vermutlich nur leichtgetrübte erinnerung zurück-
gehende bericht sollte eine wamung sein, auf grund sogenannter
epischer elemente allzu eilfertig lieder zu konstruieren.*)
Wir kommen zu dem interessantesten stück der ganzen
frage, zu der erzählung von Chlothars Sachsenkrieg im Liber
historiae (kap. 44) und dem sogenannten Farolied, aus dem uns
Einen Wahrscheinlichkeitsbeweis fUr die existenz eines alten liedes
würden wir in der schlusslaisse des Rolandsliedes haben, wenn die von Sette-
gast gegebenen ansführangen über die beziehnug derselben zum Thüringer-
krieg (Zs. f. rom. phil. 18, 417 ff.) stichhaltig wären. Aber die hypothese,
80 scharfeinnig sie anch ausgedacht ist, beruht doch litterarhistorisch und ety-
mologisch auf so gekünstelten Voraussetzungen, dass sie wol wenige anhänger
finden wird. Jedenfalls durfte hierbei die dänische Karlskranike nicht ignoriert
werden, welche ja den dort angedeuteten krieg kurz im auszug berichtet
(siehe C. J. Brandt, Roman tisk Digtning fra Middelalderen 3 [Kjabenhavn 1877]
8. 175 f.). Hiemach hat schon Grautier Roland v. 3005 Libie für das hand-
schriftliche Bire lesen wollen. Noch besser würde die form lAbe passen,
welche z. b. im AnseYs (v. 5208) sich findet, und am besten BtUf das in dem-
selben gedieht mehreremal (t. 4030. 5763. 5770) als sarrazenisches land er-
scheint und Ton haus aus vielleicht weiter nichts als eine Verdrehung aus
lÄbe ist. Aus Bile, gleichbedeutend mit dem Lihia der dänischen chronik,
würde sich die lesart des Rolandsliedes Bire um so leichter erklären, als
gerade zwei assonanzreime mit r (dire—empire) unmittelbar vorausgehen.
96 VORETZSCH
bischof Hildegard von Meaux (gest. 875) in seiner biographie
des heil. Faro einige zeilen mitteilt. Hierüber ist in der letzten
zeit soviel geschrieben worden, i) dass ich für manche einzel-
heiten nur auf die früheren Untersuchungen zu verweisen brauche
und mich auf die darlegung der hier in betracht kommenden
hauptpunkte beschränken kann. Für uns handelt es sich liier
nur um die fragen: Was ist von dem sogenannten Farolied zu
halten? In welcher beziehung steht es zu der erzählung des
Liber hl^ttoriae? Geht auch diese auf ein lied zurück, und, wenn
dies der fall, war es dasselbe lied, von dem uns in der VitA
Faronis eine probe gegeben wird? Zur beantwortung dieser
letzteren fragen ist auch ein wort von dem zu gründe liegenden
geschichtlichen ereignis nötig.
Was zunächst das Farolied anlangt, so liegt liier die haupt-
frage völlig klar: der autor berichtet uns, dass infolge eines
Sieges Chlothars über die Sachsen ein lied gesungen worden^ aus
dem er selbst einige verse mitteilt. Wir haben somit hier zum
erstenmal ein einwandfreies, objektives zeugnis für die liedform
eines epischen Stoffes. Aber in welche zeit gehört dieses lied?
Ich schliesse mich, wenigstens was die negative seite der kritik
anlangt, Suchiers ausführungen an: der Verfasser der Vita
(Hildegar) sagt nicht — wie man seit Kajna angenommen — ,
dass er diese verse der Vita Chilleni entnommen, und es ist
auch gar nicht einmal wahrscheinlich, dass er sie hier gefunden.^)
Zudem wissen wir über die abfassungszeit der Vita Chilleni so
wenig, dass sich auch im anderen fall keine sicheren schluss-
folgerungen darauf bauen Hessen. 3) Schwieriger ist es, eine
positive ansieht über die entstehung des liedes zu geben und zu
begründen. Dasselbe wird — aus verschiedenen gründen —
nicht erst kurz vor der abfassung der Vita Faronis (der zweiten
hälfte des 9. Jahrhunderts) entstanden sein, jedenfalls aber auch
nicht unmittelbar nach den historischen ereignissen, denn was
hier erzählt wird, ist gar nicht historisch. *) Da der im jähre 672
verstorbene bischof Faro von Meaux darin eine rolle spielt, so
') Siehe ausser Itajna, G. Paris, Knrth die oben s. 54, anm. 4 verzeichnete
litteratnr. AUe sonstigen bibliographischen angaben bei Körting 1. c. s. 235 f.
«) Suchier, Zs. f. rom. phil. 18, 178 ff.
') Auf diesen bisher kaum beachteten gesichtsponkt hat neuerdings
Körting aufmerksam gemacht (Zs. f. franz. spr. u. lit. 14, 245 f.).
*) Dass Hildegar selbst die entstehung des liedes unmittelbar auf das
rri -EIL <akriruini '^•a uir-
dtski» hsit» tu: iii:::ir Jar-«. ?wiiiiit!n. fSL«
7mi
frikfr »ckäi;<Bbei Jk«c uf öta. itsnL Tkn ^w±ih:± T.CkiCtiL^'l
p^trVr -rar«:'. üC'vi«' '&lä^ ck^iita. *^TirkTifyy:r;^a. xi;: £>; V-
i*a»b^ \*sw^!!:i*Ä. t!n»t? rA^^ifcHrrJac^^-x jus
LiüEiin- tue ths^ sie ml iöt- rrs v.qcvcto
die -reUaBekilu- aakiMtinii?'. dk- ii rifirm Vv^lks^HsJ «in
solche» war na^th ErraBe:^ uskLi diis FArt>ät>i — !mver^j^TK:holi
i^t. Aber ein lied. das nMcit der meinnnir des bi\>$!T;jipbon tx
ridoria CkUdoHi xon miiDd m miiDd £iiur und n\vb djiiu im
ersten rets CliloduLr als seinen beiden nannte. )\^^r unter Allen
nmsÜLnden dn lied dt ricfona CUotarit. IVr verf^^^T der
Tita Faronis hob daraus nnr einige stellen aus, in welchen
von diesem, seinem heiligen, die rede war. Die bt^jteioluuu\^
*Farolied' kommt also dem liede, saohlith betrachtet, gnr nicht
zu, sondern nur insofern, als nns die einzigen erhalteneu vei^e
gerade in einer Farobiographie überliefert sind und itwt^i mxf
Faro bezügliche stellen daraus widergeben.
bifltorisdie ereignis folgen läast — worauf G. F^arü» wert loirt ^Rom. 14. 44)^
bum nmtflilidi Ar mis aidits beweisen.
F«lgabt fax 8i«T«n. T
98 VORETZSCH
Die zu gründe liegenden historischen ereignisse sind daher
nicht mit Körting im leben des heil. Faro — der ja in dem
liede nur eine nebenrolle spielte und dessen eingreifen nur eine
episode in dem gesamtinhalte bedeutete — sondern in der ge-
schichte der Frankenkönige zu suchen. Und hier handelt es sich
nur*) um die zuerst von Rajna aujfeestellte und fast allgemein
gebilligte ansieht, wonach ein historischer Sachsenkrieg Chlothars I.
auf seinen enkel Chlothar 11. übertragen worden sei, und um die
neuerdings von Suchier verfochtene anschauung, welcher, eine von
Ferdinand Lot gemachte und von diesem selbst wider bezweifelte
Vermutung aufnehmend, die von Fredegar (4, 24 — 26) erzählten
innerfränkischen kämpfe des jahres 604 zwischen Chlothar II.
und Theodorich von Burgund als historischen hintergrund be-
trachtet, für einzelheiten aber auch den Sachsenkrieg Chlothars I.
gelten lässt. Es spricht schon von vornherein wenig für Rajnas
hypothese, dass die bei Gregor erzählten Sachsenkriege Chlothars I.
(3, 10; 14) sich inhaltlich mit dem angeblichen Sachsenkrieg
Chlothars IL fast gar nicht berühren. Hingegen sind die von
Suchier hervorgehobenen Übereinstimmungen so schlagend, dass
ein Zufall ausgeschlossen erscheint und nach meinem dafürhalten
der ausgangspunkt tatsächlich in jenen ereignissen zu suchen
ist.') Wie nun die künde hiervon sich zu einer erzählung von
Ich sehe von der möglichkeit ab, dass der Sachsenkrieg Chlothars IT.
historisch sein könne. Von einem solchen ist bekanntlich in der hier allein
als authentisch in betracht kommenden chronik Fredegars nichts überliefert.
F. Lot (Rom. 23, 444) sieht in Fredegars schweigen keinen beweis für die an-
geschichtlichkeit eines Sachsenkriegs Chlothars IL, da der chronist für diesen
jBeitraum nur burgundische und austrasische, aber keine neustrischen quellen
zur Verfügung gehabt habe. Hierauf ist zu bemerken, dass Fredegar nicht
nur nichts über einen krieg mit den Sachsen berichtet, sondern ausdrücklich
das gegenteil versichert : Firmatum est omnem regnum Francorum . . . qtu>d feHi-
citer po8t annit sedecem tenuit, pacem habens cum universaa gentes vicinas (Fred.
Chr. 4, 42). Femer ist der Liber historiae für diesen Zeitraum eine notorisch
so wenig zuverlässige quelle, und speziell ist die erzählung von Chlothars
und Dagoberts Sachsenkrieg so sehr von sagenhaften dementen durchsetzt,
dass man die bloss von dieser seite überlieferten tatsachen nur mit grOsstem
mistrauen aufnehmen und in Fredegars schweigen jedenfalls keine bestätigung
suchen kann.
*) Nur so kann es sich erklären, dass sich in den späteren chansons de
geste, welche auf die Überlieferung von Chlothars Sachsenkrieg zurückgehen
(s. u.), Züge erhalten haben, welche ursprünglich in den krieg zwischen
Chlothar ü. und dem burgundischen hausmeier Bertoald gehören, in der er-
*■-
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 99
einem Sachsenkrieg umgestalten konnte, ist leicht einzusehen.
Chlothar n. hat seit langer zeit zum erstenmal wider das ge-
samte merowingische reich in einer hand vereinigt und zum
erstenmal seit Chlodovech längere zeit hindurch — Chlothar I.
herrschte nur 3 jähre lang über das ganze reich — als gesamt-
herrscher regiert, so dass er in der mündlichen Überlieferung wol
vor allem in dieser eigenschaft fortleben mochte. Unter diesen
Verhältnissen war für innere kämpfe kein Verständnis mehr in
der vulgären Vorstellung, und so ergab es sich ganz von selbst,
dass dieselben nun in der sage zu kriegen gegen äussere feinde
wurden. Bei dieser umdeutung lag es nahe, an die Sachsen^ die
erbfeinde der Franken, zu denken. Speziell aber musste die er-
innerung an Chlothars I. Sachsenkriege dazu beitragen, die
feinde zu Sachsen und den burgundischen hausmeier Bertoald zum
Sachsenfürsten zu machen, i) Dass Chlothar 11. — in Widerspruch
mit der geschichte — schliesslich als sieger erscheint, mag damit
zusammenhängen, dass Chlothar I. in dem einen seiner beiden
Sachsenkriege wirklich siegreich war, kann aber auch eine rein
psychologische Ursache haben. 2) So kennzeichnet sich unsere
zfthlimg des Liber historiae von Chlothars ü. Sachsenkrieg aber fehlen. In
dem gedieht von Ogier dem Dänen wird der Sachsen- und Sarrazenenkönig
Brehier — der hier dem Bertoald entspricht — von Ogier, als dieser ihn auf-
sucht, um mit ihm zu kämpfen, beim Vogelfang angetroffen (Chevalerie Ogier
p. p. Barrois, v. 11147 ff.). Ist es nun zufall, dass auch der historische Bertoald
von dem neustrischen feind überrascht wird, während er sich dem waidwerk
hingibt? Dass auch in Jean Bodels Sachsenkrieg die durch den Bhein vom
feind getrennten ritter sich die zeit vor dem kämpfe mit der falkenbeize
vertreiben, soU nicht zu stark betont werden. Aber im Ogier scheint mir
das zusammentreffen um so wesentlicher, als Brehiers Vogelfang ganz un-
motiviert ist und wie ein aus versehen stehen gebliebenes unverstandenes
Btflck alter Überlieferung dasteht. Dass die erzählung des Liber historiae,
die doch nur ein ausläufer der Überlieferung ist, den kleinen zng nicht be-
richtet, wäre nicht verwunderlich. Wir hätten dann einen weiteren beweis
dafür, dass die dichtungen vom Sachsenkrieg durch die sage des 8. Jahrhunderts
hindurch auf die ereignisse des Jahres 604 zurückgehen.
^) Es ist vieUeicht nicht unwesentlich, dass der Lib. bist., genauer als
Gregor, schon den kämpf zwischen Chlothar I. und den Sachsen an der Weser
stattfinden lässt — , ebenda wo nachher Chlothar 11. und Bertoald zusammen-
treffen.
') ' Fredegara erzählung verrät deutlich Parteinahme für die burgundische
partei, für Theoderich und Bertoald, während unsere sage vom Sachsenkrieg
vielmehr die neustrische auffassung derselben begebenheiten zur grundlage
hat und sich daher für Chlothar begeistert* (Suchier 1. c. s. 191).
7*
100 VORETZSCH
Überlieferung schliesslich als eine mischung verschiedener histo-
rischer ereignisse, wobei das ältere (Chlothars I. Sachsenkrieg
von 555) die allgemeine idee, das jüngere (krieg zwischen
Neustrien und Burgund von 604) die eigentliche grundlage und
die einzelheiten hergegeben hat.
Rajna ist der meinung, dass die erzählung des Liber
historiae auf die gleiche chanson zurückgeht wie die bruchstücke
des sogenannten Faroliedes. Die beiden Versionen bieten in der
tat viele Übereinstimmungen, und es ist sicher, dass sie der-
selben tradition angehören. Und doch lassen sich meines er-
acht^ns unterschiede konstatieren, welche zeigen, dass wir es
hier mit zwei verschiedenen entwickelungen der alten Über-
lieferung zu tun haben. Schon dass Bertoald im Lib. bist, dux,
bei Hildegar rex heisst, ist nicht ohne belang: damit stellt sich
das 'Farolied' auf die seite der späteren chansons de geste, wo
die könige der Sachsen (und Sarrazenen) eine stehende figur
sind. Weiter aber ist die ganze Voraussetzung, auf der die hand-
lung beruht, eine durchaus verschiedene. In der Farobiographie
schickt Bertoald gesandte an Chlothar, dessen land als sein
eigentum beanspruchend, woran sich dann die bekehrung der-
selben durch Faro schliesst. Von dieser gesandtschaft ist im
Lib. bist, gar nicht die rede. Das lässt sich nicht einfach damit
erklären, dass der letztere die einleitung weggelassen, was schon
darum unwahrscheinlich ist, weil der Lib. bist, im ganzen aus-
führlicher widererzählt als der Farobiograph. Vor allem aber
widerspricht die herausfordernde botschaft an Chlothar direkt
der auffassung, welche der erzählung des Lib. bist, zu gründe
liegt: dass Chlothar tot sei und dass Bertoald gerade diese
günstige gelegenheit zu seinem au&tande benutzt habe. Das
Farolied hat auch hier wider ein neues episches motiv, das der
herausfordernd auftretenden gesandten, eingeführt.
Diese Zweiteilung der Überlieferung lässt sich auch in der
späteren entwickelung noch verfolgen. Es ist bekannt, dass
zahlreiche motive der erzählung von Chlothars Sachsenkrieg in
späteren epen (Jean Bodels Saisnes, Aspremont, Schlussteil der
Chevalerie Ogier) nachgeahmt worden sind.*) Ich glaube, dass
es sich hier nicht nur um entlehnung von einzelnen motiven,
sondern um direkte nachahmung alter dichtungen von Chlothai*s
^) Vgl. Rigna, Origini s. 256 ff.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 101
Sachsenkrieg handelt, wobei die nachdicliter natürlich möglichst
viel aus ihrer eigenen erflndung hinzufügten.») Vielleicht ge-
hört auch noch der Floovent hierher, wo freilich der abenteurer-
roman die ursprünglichen elemente fast ganz überwuchert hat.
Rahmen, entwickelung der handlung und katastrophe, die ein-
ander gegenübergestellten Charaktere sind überall die gleichen.
Aber die einleitung ist verschieden. In den * Saisnes ' vernehmen
die Sachsen, dass die zwölf pairs, mit ihnen auch Roland, bei Ron-
cesval gefallen, das ist für sie der willkommene anlass, in das
seines besten Vorkämpfers beraubte Frankenreich einzubrechen.
Im Ogier verbreitet sich zu den Sarrazenen (Sachsen) die künde,
dass Ogier gestorben, und nun hält nichts mehr den könig
Brehier ab, das wehrlose Frankenland mit seinen beeren zu
überschwemmen. Sie werden enttäuscht, hier wie dort: der tot-
geglaubte Ogier erscheint und streckt Brehier nieder; Roland
steht zwar nicht wider vom tode auf, aber an seine statt tritt
sein bmder Baldouin, der den Justamont besiegt. Man sieht
deutlich, wie sich hier die im Lib. bist, widergegebene Über-
lieferung von dem totgeglaubten Chlothar spiegelt. Anders aber
in Aspremont: hier ist weder Karl noch Roland noch Ogier tot-
geglaubt, sondern der Sarrazenenkönig Agolant schickt seinen
gesandten Balant an Karl, mit der aufforderung sein land ab-
zutreten; nur durch Naimes wird der kaiser davon abgehalten,
dem gesandten für seine herausforderung den tod zu geben, er
wird mit der kriegserklärung an Agolant entlassen. Hier haben
wir nun wider ganz die Version der Farobiographie. Daraus
geht hervor, dass es zwei verschiedene epische Überlieferungen
') So liebt es Jean Bodel, die motive zu verdoppelu. Während in der
alten überlieferang niederlage der Franken (Dagobert), nener zazng (Chlothar),
Zweikampf (Chlothar -Bertoald), entecheidung aufeinander folgen, finden wir
bei Jean Bodel (abgesehen von ganz neuen episoden wie jener der Hempois):
erste niederlage (einnähme von Köln), anrücken des hauptheeres (Karl), erste
Schlacht, Sendung um zuzug (an die Hempois), kämpf bei nacht, ankunft der
Hempois, kämpf und sieg derselben, ersten Zweikampf (Baudouin und Justa-
mont), hauptschlacht , abermals Zweikampf (Karl und Guiteclin). Der dichter
Ton Aspremont überträgt den hauptt«il am siege von Karl auf Roland, weil
er ein 'Enfances* Roland schaffen wiU, worin ihn wider der dichter der '£n-
fances Ogier' nachahmt. Jean Bodel und der dichter des Floovent haben
das liebesmotiv eingeführt, wozu auch die Enfances Ogier im ganzen und im
einzelnen paraUelen bieten, worüber ich ausführlicher bei anderer gelegenheit
zu handeln gedenke.
102
VORETZSCH
waren, aus denen die späteren dichter schöpften: eine — um sie
kurz zu bezeichnen — Liberversion und eine Faro Version, die
aber beide auf dieselbe Originaltradition zurückgingen. Es ergibt
sich also, um das Verhältnis im bilde *) darzustellen, etwa folgende
entwickelung:
Chlothars I. Sachsenkrieg von 555
Clothare ü. krieg mit Bertoald 604
Sage von Chlothars II. Sachsenkrieg
(etwa im 7. jh. ansgehildet).
Liherversion
Erzählung des Liber
(vor 727)
Faroversion
^Farolied (S.jh.)
Epos von Chlothars
Sachflentaieg
Saisnes Ogier Aspremont.
Aus dieser Übersicht geht zugleich hervor, wie schwierig es ist,
über die hauptfrage: geht die erzählung des Liber historiae auf
Zur erläutemng bemerke ich noch: die 'Liberversion' ist möglicher-
weise (falls sie noch nicht liedform hatte, s. u.) mit der sage des 7. Jahrhunderts
identisch. Mit * Faroversion ' soll nicht gesagt werden, dass der heil. Faro schon
eine roUe darin spielte, sondern nur der vorhin beschriebene erzählungstypns
(vermeintlicher tod des Frankenhelden, herausfordernde botschaft) bezeichnet
sein. Denn darüber kann kaum ein zweifei sein, dass es sich ursprtLnglich nicht
um eine bekehrung, sondern, wie in Aspremont oder auch im Boland (Ganelou
vor Marsilie), um eine rettung des fremden gesandten durch einen grossen
des beleidigten königs handelt, und dass die bekehrung sowie die hiermit er-
sichtlich in Zusammenhang stehende per8($nlichkeit Faros speziell der in Meanx
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 103
eine epische dichtung zurück? eine bestimmte entscheidung zu
geben. Für eine bejahende antwort spricht, dass es später tat-
sächlich ein auf diese Überlieferung sich gründendes epos von
Chlothars Sachsenkrieg gab, dessen existenz uns, wie es scheint,
sogar noch von Alberich von Trois-Fontaines (gegen mitte des
13. Jahrhunderts) bezeugt wird: Qui Pipinus misit Chrodegangum,
sororis sue filium, prius abbatem, post Metensem episcopum, et
Äuctarium ducem, qui in cantilefia vocatur Lotharius superbt/is,
ut papam adducerent in Franciam, *) Es lässt sich ferner geltend
machen, dass auch die parallele Überlieferung (die Faroversion)
schon im 8. Jahrhundert zur liedform gelangt ist, und schliesslich,
dass verschiedene einzelheiten der Libererzählung eine sehr
genaue entsprechung in den späteren dichtungen finden. Wir
haben hier also mehr kriterien für die liedform als — abgesehen
vom Farolied — in irgend einem der vorher besprochenen fälle.
Gleichwol kann man auch hier kein unbedingtes ja aussprechen.
Es lässt sich nicht leugnen, dass alle diese kriterien subjektiver
art sind, dass auch die andere möglichkeit daneben die gleiche
berechtigung hat: das spätere epos beweist nicht, dass die Über-
lieferung schon zui* abfassungszeit des Lib. bist, die form der
epischen dichtung angenommen hatte; es beweist ebensowenig
wie das Farolied, das ja nur die» bedeutung einer analogie hat;
die genaue inhaltliche Übereinstimmung zv^schen chronik und
epos kann sich auch dadurch erklären, dass ein epos auf grund
der im Liber widergegebenen sage einige zeit nach abfassung
der Chronik entstand. So wird, wer vorsichtig ist, hier mit
einem 'non liquet' abschliessen müssen.
Nach Chlothar 11. ist von sagen und liedern über die Mero-
winger wenig mehr zu berichten. 2) Nur Dagobert, der schon
in der zuletzt besprochenen Überlieferung eine rolle spielte, ver-
langt noch einige worte. In seine regierung fällt ein kriegszug
gegen die Basken, welcher, wie zuerst von Paulin Paris bemerkt
heimischen form der überliefernng eignet. Ob die beiden ' Versionen' schon epische
form hatten oder nicht, ist in dem stanmibaum absichtlich nicht ausgedrückt.
Schliesslich lasse ich es anch dahingestellt, ob in der qneUe von Aspremont
Faro selbst oder ein anderer grosser als retter der gesandten auftrat, d. h.
ob Aspremont wirklich das Farolied oder dessen epische vorläge benutzt hat.
») S. Mon. Germ. SS. 23, 708 f. Ueber die deutung dieser steUe vgl. verf.,
Ueber die sage von Ogier dem Dänen (HaUe 1891) s. 109.
>) Vgl. auch Kurth, L c. s. 451 ff.
104 VORETZSCH
und seitdem oft hen'orgehoben worden ist, interessante parallelen
mit der (geschichtlichen) niederlage von Karls nachhut im
spanischen feldzuge zeigt.*) Der Chronist erzählt hier ein zeit-
genössisches ereignis. Die Übereinstimmung beweist also zunächst
nur, dass auch die geschickte selbst sich mderholen kann und
man nicht immer gleich mit litterarischer entlehnung zu operieren
braucht. Was den Baskenkrieg von 636—7 angeht, so verknüpft
ihn speziell mit dem Rolandslied nur der umstand, dass auch
hier zwölf ftthrer, nämlich ein Oberbefehlshaber (Chadoind) und
elf dfAces auftreten, und so hat man vermutet, dass ein lied über
diesen feldzug existiert habe, das später, nach Rolands tod, auf
das neue ereignis umgedeutet worden sei — daher also die zwölf
pairs im Roland. Die Übereinstimmung kann jedoch blosser za-
fall sein: die zwölfzahlj resp. elfzahl der 'gesellen' eines fürsten
ist ein altes episches, aus dem germanischen epos genügend be-
kanntes motiv, das im Rolandsliede keiner besonderen erklärung
bedarf; in dem zeitgenössischen berichte über Dagoberts Basken-
krieg aber ist die elfzahl ohne allen zweifei rein geschiclitlich.
Möglich ist es immerhin, dass die erinnerung an jenen älteren
Baskenkrieg sich mit der Überlieferung von Karls spanischem
feldzug gemischt hat, aber für die annähme eines liedes lässt
sich wenig geltend machen.
Es ist eigentümlich, dass der Verfasser des Liber liistoriae
so wenig von Dagobert und seinen späteren taten zu berichten
weiss. Nur ein kurzes kapitel widmet er ihm, und charakterisiert
ihn u. a. mit den Worten: Ipse pacifictis velut Salomon quietu^
regnum obtenuit Francorum.^) Auch die besondere im ersten
drittel des 9. Jahrhunderts verfasste chronik, die der darstellung
seines lebens gewidmet ist, bringt nicht \iel ergiebiges, da sie
zumeist aus geschriebenen quellen schöpft.*) Für uns kommt
hier nur die in kap. 6—11 erzählte geschichte in betracht, wie
Dagobert seinen lehrer durch abschneiden des hartes entehrt.
Die episode findet sich später im Floovant wider, wo sie, etwas
verändert, des beiden Verbannung und aufenthalt bei könig Flore
motiviert. Die einen erklären, der Floovant und die chronik
>) Paiüin Paris, Hist. litt, de la France 22, 731. Die erzählong selbst
findet sich in Fredegara chronik 4, 78. Hiermit zu yergleichen Eginhards
bericht in der Vita Karoli Magni cap. 9.
*) Lib. hist. cap. 42.
^) Gesta Dagoberti ed. Kmsch, Mon. Germ. SS. rer. Mer. 2, 396.
MEBOWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 105
gingen auf eine gemeinsame quelle, d. h. ein episches gedieht
zurück, andere betrachten die chronijc als quelle der Floovant-
episode. Die entscheidung ist schwierig, zumal hier die ge-
samten Floovantfragen hereinspielen. Ich begnüge mich, zu er-
klären, dass es weder in diesem*) noch in jenem falle nötig ist,
als quelle der chronik ein episches lied vorauszusetzen. Der
Inhalt selbst ist zu wenig episch, um als gegenständ eines selb-
ständigen epischen gedichtes gelten zu dürfen, in der chronik
aber erscheint die episode ganz isoliert, der fast unmittelbar
darauf folgende Sachsenkrieg ist nach dem Liber historiae er-
zählt Das spätere auftauchen- im epos kann allein nichts be-
weisen.
m.
Fränkisch and französisch.
Die vorausgehende Untersuchung hat nicht überall zu
positiven resultaten führen können, aber sie hat, denke ich, ge-
zeigt, dass die gründe für epische provenienz der chronistischen
Überlieferungen über die Merowinger nicht so stichhaltig sind,
als gemeinhin angenommen i^^ird. Nur in einem falle darf mit
Sicherheit ein lied als grundlage vorausgesetzt werden. Zuw^eilen
muss die entscheidung zweifelhaft bleiben, in zahlreichen fällen
jedoch hat sich die Wahrscheinlichkeit ergeben, dass wii* es mit
blossen sagen in prosaischer form zu tun haben, und ich hätte,
scheint mir, nicht Übeln grund, den mir gemachten Vorwurf
'spogliare una persona viva e florida, per vestire ciö che molte
volte non 6 che un fantasma, e quasi sempre poi non piü che
uno scheletro' denen, welche hier nichts als fertige epen ge-
sehen haben, zurückzugeben.
Aber eine andere wichtige fi'age ist von uns noch gar nicht
berührt worden: nämlich wie weit wir hier germanische (frän-
kische) und wie weit romanische (französische) Überlieferung vor
uns haben. Die frage ist von eminenter Wichtigkeit da, wo wir
1) Wenn ich hiennit die mdglichkeit zugebe, dass die bartepisode ans
der chronik stamme, so wiU ich damit nicht gesagt haben, dass der Floovant
überhaupt auf die chronik zurückgeht. Ich glaube vielmehr, dass der eigent-
liche kern — die kriegerischen ereignisse — ein älteres epos als Vorstufe
voraussetzt, das in eine gleich hohe zeit wie das epos von Chlothars Sachsen-
krieg hinaufreichen kann, ja vielleicht mit diesem in Zusammenhang steht
(vgl. oben s. 101).
...N
i
106 VORETZSCH
mit Wahrscheinlichkeit lieder annehmen düi-fen — hier handelt
es sich direkt um die anfange des französischen heldenepos; sie
ist aber auch nicht ohne bedeutung für jene Überlieferungen,
welche noch nicht zu epischer form gelangt waren. Das material
zur beantwortung dieser frage ist dürftig genug, und das muss
uns vor allzu weitgehenden Schlüssen warnen. Ich beabsichtige
daher in den folgenden zeilen weniger eine Untersuchung als
eine Zusammenstellung der wichtigsten in betracht kommenden
tatsachen zu geben.
Zweierlei ist hierbei jedenfalls zu scheiden: der entstehungs-
ort und das Verbreitungsgebiet einer Überlieferung. Von haus
aus fränkische sagen konnten sich auch über romanischen boden
verbreiten und hier aus romanischem munde aufgefasst und auf-
gezeichnet werden. Unsere drei Chronisten sind sämtlich Romanen,
die vielleicht nicht einmal fränkisch verstanden») und jedenfalls
mitten in romanischem lande lebten und schrieben. Wenn somit
die mündliche Überlieferung, aus der sie schöpften, veimutlich
romanischer zunge war, so bleibt doch im einzelnen fall immer
noch die frage offen, ob die Überlieferung germanischem oder
romanischem boden entstammte. Eine solche Wanderung aus
einer spräche in die andere macht bei prosaischer Überlieferung
ja keine Schwierigkeiten, wie die Verbreitung der märchen
genugsam lehrt. Und mit dem einbruch der Franken in Gallien
gingen jedenfalls auch deren alte Überlieferungen mit hinüber
in das von ihnen besetzte land und mochten sich von hier aus
auch noch weiter in rein romanisches gebiet verbreiten.
Die ältesten sagen waren jedenfalls fränkischen Ursprungs:
vor Chlodovechs zeiten hatten die Romanen Galliens wenig an-
las«, die taten der Merowinger in ihrem gedächtnis zu bewahren.
Selbst eine für den beiden anscheinend so wenig schmeichelhafte
erzählung wie die von Childerichs flucht und heirat ist nicht
auf romanische erfindung zurückzuführen. Andere sagen, wie
die von Merovechs geburt, tragen noch entschieden heidnisches
gepräge. So bleibt in dieser zeit für romanische sagenbildung
wenig übrig. Das schliesst natürlich nicht aus, dass mit der
eroberung Galliens auch diese ältesten sagen in romanischem
gebiet wurzel fassten und populär wurden.
Auch in der späteren zeit wird der hauptanteil an der
Vgl. Kurth 8. n f.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 107
sagenbildung über die Merowinger auf die seile des Franken-
volkes fallen, was ja nur der natürlichen Ordnung der dinge
entspricht. Aber ganz unbeteiligt sind die Romanen doch nicht
mehr geblieben. Nachdem einige zeit über die eroberung hin-
gegangen und zumal nachdem Chlodovech sich hatte taufen
lassen und den athanasianischen glauben angenommen hatte,
mussten sich allmählich doch auch die Romanen als glieder dieses
neuen reiches fühlen und die Merowinger als ihre rechtmässigen
herrscher betrachten lernen. Wir haben oben gesehen, wie sich
an Chlodovechs Westgotenkrieg verschiedene einzelne züge an-
gehängt haben, deren entstehung nur in einem christlichen volke
zu denken und daher vermutlich den Romanen (nicht den eben
erst und jedenfalls zur zeit dieses krieges nur teilweise bekehrten
Franken) zuzuschreiben ist. Wir können dann femer verweisen
auf die fälle, wo Fredegar mit seiner burgundischen Überlieferung
den übrigen Chronisten gegenübertritt: man denke an die sage von
Childerich (Gundobald), an Chlodovechs brautwerbung, an seinen
Burgunderkrieg. Zwar kann man hier in zweifei sein, ob nicht,
wenn auch nicht fi*änkische, so doch germanische (burgundische)
elemente im spiele sind. Aber es ist doch nicht ohne be-
deutung, dass hier bei der belagerung Avignons, bei den Vor-
gängen nach der abreise der Chrotechilde es gerade der Romane
Aridius^) ist, der im Vordergründe der handlung steht. Mög-
licherweise gehört hierher auch die episode von dem Mainzer
bischof Leodegar, welcher in dem bruderkrieg zwischen Theo-
dorich und Theodebert auftritt und jenem die fabel vom wolf
und seinen söhnen erzählt 2): die namensform Lesio, unter welcher
er hier erscheint, beweist nicht nur für die populäre, sondern
zugleich auch für die romanische quelle Fredegars — wobei
freilich germanische entstehung immer noch denkbar ist. So
mögen noch manche sagen romanischer herkunft in unseren
Chroniken enthalten sein, hier war nur das zu nennen, was sich
äusserlich als solches verrät.
Wichtiger ist die frage nach der spräche der Überlieferung
da, wo es sich um wirkliche lieder handelt. Soviel ist zunächst
sicher, dass die Priorität auch hier den Franken gehört und dass
*) Zwar ist er nicht aiuidrücklich als solcher bezeichnet, aber der name
weist wol mit Sicherheit darauf hin.
*) Fredegar 4, 38.
108 V0RETZ8CH
ihre epik noch im 9. Jahrhundert lebensfähig war. Die Zeugnisse
Eginhards und des sächsischen poeten werden, mit recht, all-
seitig auf fränkische lieder bezogen. Aber die von der ger-
manischen so abhängige französische epik ist darum nicht erst
erstanden, als jene in Gallien bereits erloschen war. Die ge-
nauere frage jedoch nach dem wann ihres entstehens ist schwer
zu beantworten. Der angelpunkt der diskussion ist immer wider
das Farolied, das unzweifelhaft als französisch zu betrachten ist.
Wenn wir dasselbe entsprechend der vorhin gegebenen ent-
wickelung in das 8. Jahrhundert setzen , so haben wir damit ein
unzweifelhaftes zeugnis für die existenz epischer dichtung in
französischer spräche schon im 8. Jahrhundert. Aber damit ist
die eigentliche frage nicht gelöst. Die verse des Faroliedes sind
ein zufällig erhaltenes bruchstück. Dasselbe bleibt auf lange
zeit hinaus das einzige denkmal einer ganzen dichtungsgattung.
Unter diesen umständen wäre es doch nun ein merkwürdiger
Zufall, wenn uns, wo so vieles verloren gegangen, gerade das
erste, älteste stück der gattung erhalten geblieben wäre. Wo
sonst dürfen wir mit solchen zufallen rechnen? Ich glaube also,
dass vnr die fianzösische epik nicht erst mit dem Farolied be-
ginnen la^en können.
Wie weit wir aber in der zeit zurückgehen dürfen, lässt
sich nur mutmassen. Gaston Paris hat die ansieht ausgesprochen,^)
dass Clilodovechs taufe die romanische epopöe habe wachrufen
müssen, ja dass in der geschichte von Chlodovechs bekehrung
ein epos nicht zu verkennen sei, das dann wol romanisch ge-
wesen sein müsse: 4a premiöre chanson de geste, nte chez les
Bomani sous Tinfluence germanique, gräce k Tinterveution du
christianisme.' Die taufe Chlodovechs war gewiss ein eminent
politisches ereignis und in seinen folgen auch geeignet, die
fränkischen sieger und das merowingische herrscherhaus den
*) Unter deu neueren nimmt — ausser Thumeysen^ der in den citierten
Zeilen rhythmische hexameter widererkennt (Zs. f. rom. phil. 11, 319 ff.) — nur
Kögel (Pauls Grundriss 2, 1, 191) eine ausnahmesteUung ein: ^da der eigent-
liche held des liedes ein geistlicher ist, nämlich eben jener Faro, so hat die
annähme ursprünglich lateinischer abfassung doch einiges für sich \ Faro war
aber gar nicht der held des liedes, wie oben (s. 97) gezeigt worden ist. Was
ausserdem noch alles gegen jene auffassung geltend zu machen ist, hat
Körting 1. c. s. 246 f. ausführlich dargelegt.
*) Romania 13, 604 f.; 612 ff. — La litt^rature fran^se au moyen äge
(Manuel d'ancien fran^ais 1), Paris 1888, s. 25 f.
MEROWINGEREPOS UND FRANKISCHE HELDENSAGE. 109
Galloromanen geistig näher zu bringen, wie vorhin gelegentlich
der romanischen sagenbildung bemerkt worden ist. Aber von
sagen und legenden zum epos ist noch ein weiter schritt, und
es lässt sich nicht wahrscheinlich machen, dass die Romanen
Gralliens diesen schritt schon damals getan. Wenn sie * unter
germanischem einfluss ' ein solches epos zustande gebracht haben
sollen, so ist doch die zeit, welche die fränkische epik brauchte,
um im romanischen Gallien bekannt, populär und vorbildlich zu
werden, von der eroberung des Syagriusreiches (486) bis zur be-
kehrung Chlodovechs (496) etwas kurz bemessen. Auch ist der
inhalt der bekehrungs- und taufgeschichte zu sehr legendarisch
und zu wenig episch, als dass er gegenständ einer ^chanson de
geste ' hätte werden können. Dass die spätere französische epik
von durchaus christlichem geiste durchdrungen ist, hat hiermit
nichts zu tun: der inhalt dieser christlichen epik ist doch nichts-
destoweniger kriegerischer natur. Wenn wir also in Gregors
erzählung noch spuren von hexametem finden, so kann das nur
für ein geistliches lateinisches gedieht sprechen, das eine dichtung
in der Vulgärsprache nicht voraussetzt — eine erklärung, die
übrigens Gaston Paris selbst als möglich zugibt.
Bei diesem stand der dinge führt es auch nicht weit, über
die poetische kunstform der alten Merowingerepik zu diskutieren.
Schon das Farolied lässt hier nur zweifei und meinungsgegen-
sätze zurück. Die worte des biographen scheinen freilich klar
genug auf ein wirkliches Volkslied (cantilene, romanze) zu deuten:
Carmen publicum juxta rustidUUem per omnium pame volitdbixt ora
iia canentium feminceque choros inde plaudendo componebant Aber
man wird Bajnas mistrauen gegen die angaben dieses autors
gerechtfertigt finden und dann Suchiers ausführungen gern gelten
lassen, welcher in den Worten et in fine huius ca/rminis das
letzt« wort als Strophe oder laisse erklärt. *) Dass vorher Carmen
in dem sinne ' lied ' gebraucht wird, kann nicht ernstlich dagegen
sprechen, denn wenn man die überlieferten verse mit unbefangenem
äuge liest, kann man unmöglich die letzten vier verse für den
schluss des ganzen gedichts erklären. Ein gedieht, das mit
einer herausfordernden gesandtschaft des Sachsenköniga an
Chlothar beginnt und mit einem siege des letzteren und der
grausamen Vernichtung der Sachsen schliesst, kann doch un-
Rajna, Origini s. 473 f. >- Snchier 1. c. b. 184.
110 VORETZSCH
möglich in seinen letzten versen erzählen, dass die sächsischen
gesandten nach Frankreich und nach Meaux kommen. Eben
weil sich diese verse ihrem Inhalte nach als ein teil der ein-
leitung zu erkennen geben, kann carmen an dieser stelle nicht
Mied, dichtung' bedeuten.*) Dann aber wird es deutlich, dass
die Übereinstimmung zwischen anfang und schluss in den bei
der rttckttbersetzung sich ergebenden und noch in der latei-
nischen Umschreibung durchschimmernden assonanzen nicht zu-
fällig ist: es ist eben die form der einreimigen (assonierenden)
laisse, welche die strophenform des späteren epos bildet, und so
fügt sich zu den gründen, welche sich aus dem Inhalt ergeben,
die dichtung als chanson de geste aufzufassen, auch noch die
dieser eigentümliche epische form.
Und liiermit sind wii' meines erachtens wider am ende.
Welche form die dem Farolied vorausgehenden epischen dich-
tungen gehabt haben, wissen wir nicht. Jedenfalls war das
Farolied auch nicht die erste chanson de geste. Solche chansons
de geste, d. h. wirkliche epen, muss es schon bald nach ent-
stehen der epischen dichtung überhaupt gegeben haben, denn
der wirklich epische Inhalt kann sich nicht in * lyrisch -epischen
Volksliedern', sondern nur in der form des epos fortgepflanzt
haben. Dabei ist es immerhin möglich, dass auch Volkslieder
existiert haben, welche historische begebenheiten zum hinter-
grunde hatten. Aber zwingend ist die annähme nicht. Neue
dichtgattungen entstehen auf zweierlei art: aus der bisher schon
vorhandenen poesie, resp. poetischen anschauung des Volkes
^) Den rnngekehrten schluss macht Körting: Carmen darf hier nicht
Strophe bedeuten, weil es kurz vorher im sinne von *lied' gebraucht wird.
Sind uns aber hier anfang und schluss des ganzen liedes gegeben, so kann
dieses nicht gross gewesen sein, weil schluss wie anfang ungeföhr denselben
gedanken ausspricht. Aus den Worten des biographen geht auch hervor, dass es
ein lyrisches Volkslied war, keine chanson de geste. War es aber keine
chanson de geste, so kann auch Chlothar und sein Sachsenkrieg nicht gegen-
ständ der dichtung gewesen sein, sondern nur der heil. Faro. Wenn dem
aber so ist, so wird die frage, ob dem gedieht ein sachsenkrieg Chlothars I.
oder die ereignisse von 604 zu gründe liegen, gegenstandslos, und den ge-
schichtlichen hintergrund bildet lediglich das leben Faros, resp. eine episode
aus demselben. — Diese schlussreihe klammert sich an das wort carmen und
an die unzuverlässigen angaben des biographen über den vertrag des liedes
(volitabat per ora u. s. w.) und baut darauf alles übrige auf. Sie wird hinfällig,
sobald man seine Schlüsse auf das authentische material, auf den Inhalt der
chanson und auf die citierten verse gründet. Vgl auch oben s. 97 ff.
MEROWINGEREPOS UND FRÄNKISCHE HELDENSAGE. 111
heraus, oder durch nachahmung fremder muster. Wenn wir
beim entstehen des französischen volksepos ausschliesslich mit
der ersteren möglichkeit zu rechnen hätten, so wäre die Wahr-
scheinlichkeit gegeben, dass Volkslieder erzählenden Inhalts den
anfang gemacht und diese dann den boden für das emporblähen
des wirklichen epos gebildet hätten. Aber das entstehen des
französischen heldensanges ist eng mit dem germanischen (frän-
kischen) verkettet. Und wenn dieser, was zu vermuten, sich
bereits zum epos erhoben hatte, so entfällt auch beim fran-
zösischen heldenepos die nötigung, cantilenen oder romanzen als
dessen Vorgänger anzunehmen.
Hiermit will ich meine Untersuchung schliessen. Sie hat
an positiven resultaten vielleicht weniger gebracht, als das thema
erwarten Hess. Aber es schien mir nicht tiberflüssig, einmal
festzustellen, was wir ü^irklich wissen, und dieses von dem hypo-
thetischen und unwahrscheinlichen zu scheiden. Vielleicht ge-
langen andere nach diesen mehr negativen zu erfreulicheren
positiven resultaten.
DER NOMINATIV PLURALIS
DER A-DEKLINATION IM ALTHOCHDEUTSCHEN.
Von G. BüRCHABDI
(Friedenan bei Berlin).
Zu der folgenden arbeit habe ich mich nur nach einigen
bedenken entschliessen können. Einen aufsatz ans meinem Spezial-
gebiete, dem armenischen, einem germanisten von fach zu
widmen, widerstrebte mir, um so mehr, als ich bei den vielen
Unklarheiten auf diesem gebiete weiter hätte ausholen müssen,
als es für den umfang eines solchen beitrages zu einer fest-
schrift angänglich ist. Ein thema aus dem gebiete des hoch-
verehrten Jubilars zu wählen, lag am nächsten, aber eins zu
finden, das sich auf den knappen räum eines bogens behandeln
liess, hatte seine Schwierigkeiten. Nach langem vergeblichen
suchen bin ich auf das vorliegende thema verfallen, bemerke
aber gleich, dass ich leider darauf verzichten muss, es so voll-
ständig zu behandeln, wie ich es selber wünschte. Ich müsste
zu dem zwecke meine ganze accenttheorie, die von den bis-
herigen gänzlich abweicht, entwickeln, was an dieser stelle
natürlich unmöglich ist. Ich muss mich in der folgenden arbeit
also hauptsächlich auf das germanische selbst zu beschränken
suchen. Neu ist der gedanke, den ich hier ausführen will,
keineswegs; wenn ich ihn dennoch hier noch einmal widerhole,
so geschieht es, weil ich neben dem historischen beweise für die
richtigkeit der behaupteten tatsachen auch noch den sprach-
wissenschaftlichen beibringen möchte, da der erstere beweis noch
nicht genügend und nicht allseitig anerkannt zu sein scheint.
Braune bemerkt noch in der zweiten aufläge seiner ahd.
grammatik (Halle 1891) § 193, anm. 4: 'Für den N. A. plui\ masc.
NOM. PLUR. DER A-DEKL. IM AHD. 113
(der a-deklination) ist die länge der endung ä nicht sicher be-
zeugt, für die ältere zeit wol aber anzunehmen'. Damit wider-
holt er nur, was er schon PBBeitr. 2, 151 ausgeführt hat. Die
annähme stützt sich darauf, dass in Notkers Boethius allerdings
einige a des nom. plur. masc. der a-deklination mit circum-
flektiertem ä erscheinen. Diese ä sind schon im jähre 1885 von
Kelle (Wiener sitzungsber., hist.-philol. kl, bd. 109, 280) als irr-
tümliche Schreibung bezeichnet worden und neuerdings hat auch
Hirt (PBBeitr. 18 [1894], 529) gegen den ansatz des langen d im
nom. acc. plur. der a-deklination einspruch erhoben. Mit recht.
Braunes ansatz verstösst gegen seinen eigenen methodischen
grundsatz (PBBeitr. 2, 132): *Dass zuweilen auf einem worte
ein falscher accent vorkommt, kann gar nichts schaden, sobald
dasselbe noch oft genug mit der richtigen bezeichnung vorkommt '.
Nun stehen den 8 falschen nom. plur. auf d 18 nom. plur. mit a
gegenüber und 2 fälschlich circumflektierten acc. auf d — der
acc. ist im westgerm. bekanntlich durch den nom. ersetzt (Pauls
Grundr. 1 , 306 i) — 19 acc. mit a, unter diesen sogar einmal a,
einmal d in demselben worte, nämlich in fettacha (Kelle 1. c).
Diesen tatsachen gegenüber kann es keinem zweifei unterliegen,
dass die nom. acc. mit ä und nicht, auch nicht für die älteste
zeit, mit d anzusetzen sind. Woher die falsche accentuierung
zum teil wenigstens stammt, lehrt ein blick auf die übrigen
fälle falscher circumflektierung in PBBeitr. 2, 135. Neben leicht
begreiflichen dittographien des circumflexes (z. b. 1. c. s. 135, nr. 2)
b^^egnen falsche circumflexe namentlich auf solchen wortformen,
die ohne den unterscheidenden circumflex anderen casus, bezw.
andern verbalformen vollkommen gleich oder ähnlich sehen, wie
sich denn z. b. acc. sg. und dat. plur. des adj. und pron. im masc.
unter einander und auch vom dat. plur. des neutr. für das äuge
ohne den accent nicht unterscheiden, desgleichen die 3. plur.
praet. und die 3. plur. praes. des starken verbums; auch das part.
des starken verbums fiel fürs äuge mit der 3. plur. praes. eines
starken verbums mit den Vorsilben ge- und he- äusserlich zu-
sammen. Infolgedessen hat sich der Schreiber öfters vergriffen
in der Setzung der accente. Das ist übrigens beiläufig bemerkt,
auch ein beweis dafür, dass der Schreiber nach einer vorläge
abgeschrieben und die accente erst gesetzt hat, wenn er das
wort, vielleicht auch die ganze zeile ausgeschrieben hatte. So
erklärt es sich wenigstens vielleicht am einfachsten, dass der
114 BURCHABDI
Schreiber oft absichtlich den circumflex weggelassen hat, 'wenn
dieselbe endong oder gar dasselbe wort accentniert unmittelbar
vorausgeht, oder wenigstens nicht weit davon entfernt vorkommt '
(Kelle 1. c. s. 234). Auf einem verhören kann die einsetzung
ganz falscher formen, die in der spräche überhaupt niemals be-
standen haben, selbstverständlich nicht beruhen. Andere fehler,
wie nom. plur. unsinnige, korrigiert aus dem dat. plur. aber ohne
tilgung des circumflexes (Kelle s. 236), sind von Kelle in seiner
vortrefflichen abhandlung besprochen worden: manche erklären
sich, wie er richtig bemerkt, einfach daraus, 'dass des Schreibers
aufmerksamkeit mitunter auch hinsichtlich der accente erlahmte '
(s. 236). In den nom. plur. masc. auf ä nun vermag ich auch
nichts weiter zu sehen, als Schreibfehler, die durch die fem. nom.
plur. der a-deklination veranlasst sind, denen sie ohne den cir-
cumflex völlig gleichsehen. Mit dieser erklärung und durch die
tatsache, dass 18 + 19 = 37 a ohne circumflex nur 8 + 2 = 10
fälle mit circumflex gegenüberstehen, sollte der beweis, dass das
a des nom. plur. masc. kurz war, eigentlich als erbracht gelten,
denn historische beweise gehören mit zu den sichersten; dennoch
scheint die tatsache noch nicht genügend anerkannt und ich
will deshalb versuchen, sie noch des weiteren durch den sprach-
wissenschaftlichen nachweis zu stützen.
Ich muss hier, um den beweis zu erbringen, ziemlich weit
ausholen. Im althochdeutschen fallen bekanntlich im sg. des
fem. bei subst. sowol wie bei adj. der genetiv und dativ häufig
zusammen und zwar gewöhnlich in der weise, dass die form des
dat. für den gen. eintritt, seltener umgekehrt. Braune in seiner
Ahd. gramm.^ § 207, anm. 5 und § 248, anm. 7 bemerkt dazu:
' Es besteht eine neigung, den gen. und dat. sg. auszugleichen '.
Das ist eine sonderbare auiSassung dieser sprachlichen erscheinung.
Wenn zwei verschiedene formen zusammenfallen, so besteht nicht
die neigung, sie zusammenzuwerfen, sondern die Unmöglichkeit,
sie auseinander zu halten. Das hätte Braune unter andern auch
aus Leskien, Die deklination im slavisch- litauischen und ger-
manischen s. 35 und aus Joh. Schmidt, Die pluralbildungen der
indogerm. neutra s. 260 ff. ersehen können, wenn es ihm nicht die
eigene Überlegung schon sagte. Für das althochdeutsche haben
wir für die zeit der uns überlieferten quellen drei verschiedene
ö sorgfältig auseinander zu halten, was bisher nicht genügend
geschehen ist. Die ausätze dazu vgl. bei Braune (PBBeitr. 2, 152).
NOM. PLÜR. DER A-DEKL. IM AHD. 115
1. ö das vielfach durch alle dialekte hindurch; ausser dem
gotischen, mit u wechselt. Dieses ist entstanden aus gemein-
germanischem, aus ö verkürzten a, das im gotischen noch vor-
liegt. Die entwicklung im althochdeutschen war {a)> o>u> o.
Zunächst einige beispiele: got. nom. sg. fem. giba, an. gjgf, ags.
^efu, ahd. blintiu nom. sg. feuL, vgl. as. dat. sg. fem. geiu = an.
gjgf, ahd. gebu. Im ahd. und as. ist im fem. des subst. der nom.
durch den acc. ersetzt, wenigstens in den meisten fällen, und im
as. ist die endung des nom. sg. fem. im adj. apokopiert. Es
mögen hier noch einige nom. plur. neutr. platz finden, die dieselbe
endung haben. Got. juka, an. bgm zu sg. barn, ags. hofu und
hofo, as. nettiu, ahd. johcho gl. K. (Braune in PBBeitr. 2, 160).
Dieses ö war also geschlossenes o (später ist o geschwunden).
2. ö, dem im got. ö, urgerm. a in geschlossener silbe ent-
spricht, ausser wo auf das urgerm. ä ein nasal folgte. Dieses
wird reflektiert im an. durch a, im ags. durch ce, später c, im
as. durch o, Beispiele: nom. plur. fem. der adj. der ä-deklination
got. bUndos, an. spakar, ags. unofercumence indigestae (Sievers,
PBBeitr. 8, 326, C, 2), die entsprechende form vom fem. des adj.
fehlt as. (darüber s. s. 121), ahd. blinto,
3. ö das aus urgerm. öm hervorgegangen ist. Diesem ent-
spricht an. a, ags. a, as. o (got. dage) = urwestgerm. dogdm =
an. d<iga = ags. ddma, as. dago, ahd. tago, Dass dieses ö von
dem unter 2 erwähnten noch verschieden gewesen sein muss, ist
auf 8. 122 nachgewiesen.
Neben der gewöhnlichen endung ä des nom. plur. der subst.
der d-deklination begegnet in alten quellen, namentlich ale-
mannischen, doch auch in andern, ein o: kebo, firino, sunto u. a. H;
neben S in B, gl. Jun., Voc, im fränk. Isidor einmal miltnisso
(Braune, Aid. gramm. * § 207, anm. 6). Dass wir hierin dasselbe
zu erblicken haben, wie in dem o des nom. plur. fem. der adj.,
bedarf wol kdnes beweises. Es fragt sich nur, wie dieser
Wechsel von ä und ö aufzufassen ist. Dass man ihn nicht mit
der Silbenzahl des wortes in Zusammenhang bringen darf, wie
das für andere fälle wol versucht ist, lehrt die regelmässigkeit,
mit der o im adj. fast ganz allein auftritt; also bleibt nur eine
möglichkeit, den Wechsel des vokals im subst. zu erklären: die
annähme alten accentwechsels. Dann würde also die endung ä
ursprünglich nur den oxytona zukommen, o hingegen den bary-
tona. DasB die erstere annähme richtig ist, beweist ahd. jnoä^
116 BUBCHARDI
neben dem das alem. zwo hat, ebenfalls mit bewahrung der
alten länge (got. tvos)-^ dass aber auch die zweite annähme richtig
ist, lässt sich auf folgende art beweisen. Die adv. werden im
got. auf ö gebildet, z. b. galeiJcö, piubjo u. s. w. 'Die gleiche
adverbialendung auch in aufto etwa, sprauto schnell, misso
wechselseitig, ufarö darüber, undarö unten, aftarö hinten', be-
merkt Braune in seiner Got. grammatik» § 211 anm. Und genau
die gleiche endung haben wir auch in Jvaprö woher, paprö da-
her, jainprö dorther, aljajyrö anderswoher, dälapro von unten,
iupdpro von oben, ütaprö von aussen, innaprd von innen, dllaprö
von allen selten, fairrapro von ferne. Diese formen von den
ad j.- adv. zu trennen, haben wir gar keinen grund und kein
recht, das widerhole ich hier nachdrücklich noch einmal. Leider
hat Mahlow (Die langen vokale s. 131 und s. 57) diese formen
übersehen : sie werfen Osthoffe phantasievolle annähme (K. Z.
23, 90 ff.), dass man hierin sozusagen Mn gedanken stehen ge-
bliebne' acc. fem. zu erblicken hätte, vollends über den häufen
und bringen Scherers ansieht (Zur gesch. der d. spr.^ 1, 461 ff.)
wider zu ehren, dass diese formen alte abl. seien. Kluge in
Pauls Grundr. 1 , 401 , § 59 hat diese alte Scherersche ansieht
überhaupt gar nicht zu erwähnen für nötig gefunden, sondern
die Osthoff sehe meinung, die allen lautgesetzen höhn spricht
und schon von Mahlow (1. c. s. 57 und 131) gründlich abgefertigt
ist, wider aufgenommen. Dass aber adv., die zur bezeichnung
der richtung 'woher?' dienen, am ehesten abl. sein können,
aber am allerwenigsten acc, wird Osthoff hoffentlich selber ein-
sehen. Durch das Vemersche gesetz wird für alle diese adv.
ohne ausnähme betonung der paenultima erwiesen, und hierzu
stimmt aufe haar die regel, dass die gen. sg. der o-deklination
im lit. ohne ausnähme barytonieren (vgl. Kurschat, Gramm, der
Ut spr. § 496), denn diese formen sind als die alten abl. auf
ad zu den o- stammen längst erkannt worden (Leskien, Die
deklination im slav.-lit. und germ. s. 34 ff.), und ebendaselbst
s. 36 ist auch die Zusammenstellung mit den germ. adv. auf ö
widerum zweifelnd versucht worden. Ein bedenken dagegen
bildet nach Leskiens ansieht freilich das germ. auslautsgesetz,
'wenigstens in seiner bisher anerkannten fassung'. Es ist jeden-
falls sehr vorsichtig gehandelt von Leskien, dass er dies gleich
hinzugesetzt hat, denn die bisherige fassung dieser germ. aus-
lautsgesetze ist allerdings falsch, \^ie ich an anderer stelle zu
NOM. PLÜB. DER A-DEKL. IM AHD. 117
zeigen gedenke. Nach ausweis der lit. gen. jö und tö, die
übrigens neubildungen sind, waren diese abl. auf der ultima
circumflektiert und mussten daher im urgerm. und auch noch im
got. ihre volle länge bewahren. Hansens, Bezzenbergers und Hirts
versuche, acuierende und circumflektierende betonung auch für
das germ. zu erweisen, enthalten einen durchaus richtigen ge-
danken und sind nur in der methode der Untersuchung, hier
jedoch gründlich, verfehlt. Wenn das griech. diese abl. auf ad
auch auf der ultima betont, wie dor. xQvq)ä, afiä, öixä, TQixa^
att. ijovxfi : ijovxog, so ist dies bei der Übereinstimmung von germ.
und lit. als das unursprüngliche anzusehen, um so mehr als
formen wie ravx?] lehren, dass die Griechen diese abl. ebenso-
wenig mehr verstanden, wie manche unserer heutigen forscher,
und sie ebenfalls als casus vom fem.-stamme betrachtet haben
(Mahlow, Die langen vok. s. 131 u. 133). Eben jene Überein-
stimmung zwischen dem lit. und germ. weist von vornherein
einen einwand zurück, den man mii- etwa machen könnte, dass
nämlich unter jenen adv. von adj. auch alte abl. auf öd stecken
könnten, denn öd ad mussten im urgerm. gleichmässig in dt zu-
sammenfallen, freilich nur fürs äuge, denn in der ausspräche
waren beide laute wol unterschieden. Die möglichkeit ist zu-
zugeben und die abl. auf idg. öd, die übrigens nicht, wie Mahlow
(Die langen vok. s. 135) meint, erst lat. neubildung sind, sondern
nach ausweis von av. paskat u. s.w. bereits idg., aber freilich
auch dort schon sekundär, sind wirklich im germ. ebenfalls vor-
handen. Idg. öd = got. 0, sonst gemeingerm. a, got. unweniggo
unverhofft, ags. dnunga, eallunga, deamunga u. s. w. (vgl. Pauls
Grundr. 1, 401, § 59). Dass aber die gewöhnlichen ahd. adv. auf
ö den idg. abl. auf äd entsprachen, wird durch die folgende ei-
wägung im höchsten grade wahrscheinlich. Auf s. 116 habe ich
nachgewiesen, dass die got. ortsadv. auf J>r6 stets barytonieren
und dies durch die Übereinstimmung mit dem lit. als idg. er-
wiesen wird.^)
Als gegenstück dazu d. h. als oxytonierende abl. darf
man solche auf Sd erwarten, und diese hat widerum das got.
genau so, wie es die theorie fordert, erhalten: got. jaindre dort-
>) Im skr. fehlen, meines wissens wenigstens, die abl. auf äd leider
gänzlich. Sie mussten dort auf td ausgehen und sind daher erklärlicher weise
%n gründe gegangen.
118 BÜRCHABDI
hin, hidrS hierhin und hadre wohin. Hier beweist widerum
das Vernersche gesetz die oxytoniening, und dazu stimmt genau
skr. pagcAt Es bleiben nun noch die ablative auf idg. öd.
Diese erscheinen sowol oxytonierend wie barytonierend und
zwar im lit. dialekte von Velüna, wie Bezzenberger (B. B.
9, 248 ff.) nachgewiesen hat: tä, Icatrü, dem. Dieser umstand
erweist sie schon gegenüber der consequenten durchführung der
barytonierung und oxytoniening in haprö, aber hadre als jünger,
und dafür lässt sich in der tat auch der beweis erbringen, was
ich an andrer stelle nachholen werde.
Wie haprö nun ist auch ubaro gebildet und wie uharo die
adv. der adj. im got. ubarö aber entspricht ags. o/ere, und mit
ofere sind gleichgebildet alle adv. von adj. im ags., und mit
diesen ags. adv. der adj. haben die ahd. und as. adv. auf o
widerum das gemein, dass das j der ja -stamme vor dem o,
bezw. e (alt as) schwindet, im ags. freilich nicht regelmässig, und
das adv. somit, wo j schwindet, niemals den umlaut hat. Also
gehören die adv. von adj. auf got. 6 ahd. und as. o ags. cb zu-
sammen. Die altn. adv. auf a gehören ebenfalls hierher; freilich
ist das an. a stets doppeldeutig, und kann ahd. a und ö auch a
entsprechen. *)
Um nun noch einmal alles zusammen zu fassen: 1. got. ös
im nom. plur. fem., das nachweislich auf idg. äs zurückgeht, ent-
spricht ahd. a bei oxytonierender, ö bei barytonierender betonung.
Also weist auch das 6 der got. adv. = ahd. as. o ags. as (an. a)
auf a(0 zurück und nicht auf öd, 2. Die stete barytonierung
der got. Ortsadverbien auf pro gegenüber der steten oxytoniening
der Ortsadverbien auf dre stimmt zu der barytonierung der
lit. gen. auf ö gegenüber der wechselnden betonung der lit.
gen. auf ü. Gehen aber die lit. gen. auf ö auf idg. äd zurück,
so weisen auch die got. ortsadverbien auf pro und die damit
gleichgebildeten adverbien auf o, sowie deren sämtliche ent-
sprechungen in den übrigen germanischen dialekten auf idg. äd.
Die Schlüsse 1 und 2 stützen sich gegenseitig und erheben
es zur gewissheit, dass diejenigen ahd. as. ö, die auf got. ö
zurückgehen, barytoniert waren.
>) Der § 59 in Pauls Gnuidr. 1, 401 ist gänzlich verfehlt. Die ahd. as.
adv. auf o von denen der übrigen germ. dial. trennen und aus vorgerm. ftl
herleiten zu wollen, ist durchaus haltlos.
NOM. PLUR. DER A-DEKL. IM AHD. 119
Der nom. plur. der (?- stamme lautet im gotischen mit
dem gen. sg. vöUig gleich, nämlich gibos. Wir können daher
a priori erwarten, dass wenn im nom. plur. der got. form zwei
ahd. formen entsprechen, nämlich gebä und gebo, dass dies auch
im gen. der fall sein kann. Wenn das litauische hier Ver-
schiedenheiten der betonung aufweist und zwar in der weise,
dass der nom. plur. stets barytoniert, der gen. sg. dagegen bald
oxytoniert, bald barytoniert (Kurschat, Gramm, d. lit. spr. §582
und § 775), so braucht das nicht ohne weiteres für das ur-
germanische zu gelten; vielmehr ist erst zu untersuchen, ob wir
diese Unterscheidung auch hier anzunehmen berechtigt sind. An-
genommen also, gotischem ös entspräche auch im gen. sg. ge-
legentlich ein neben gewöhnlichem a, so konnte diese form des
genetivs in einer gewissen zeit im althochdeutschen mit der form
des dativs gleichlautend werden, als nämlich das a des dativs
(= urgerm. ö idg. a) zu o wurde. Dieses o müssen wir unter
allen umständen als durchgangsstufe zu u annehmen, selbst wenn
man die fälle, in denen es als o erhalten ist, nicht gelten lassen
und in diesem o die ersten spuren des späteren Übergangs von
u> sehen will, was für die gl. K (stimno) immerhin eine sehr
gewagte annähme sein würde, für die Benedictinerregel dagegen
vielleicht schon zutreffen mag (vgl. Braune in PBBeitr. 2, 161
und 1, 434; 444). Konnte aber gen. und dat. sg. auf diese
weise zusammenfallen, und sind beide casus zusammengefallen,
so mnss wirklich ein genetiv auf o neben dem gewöhnlichen auf
a bestanden haben, und im alemannischen war er der allein
herrschende und ist so auch noch bei Notker vorhanden im
Substantiv und adjektiv (Kelle 1. c. s. 289 nr. 3 und 303 nr. 2).
Da das u des dat. aber schon die Schwächung zu o erfahren
hatte, so sind beide casus bei Notker nicht mehr zu unter-
scheiden. Nachdem so auf lautlichem wege beide casus zu-
sammengefallen waren, begegnet es öfters auch, dass die neben-
form des gen. auf a in den dativ dringt; meist aber herrscht
die umgekehrte neigung vor, auch für den gen. die dativform zu
verwenden, ein beweis, dass die o-form des genetivs bei weitem
die gewöhnlichere war und die a-form die seltenere. Es
bleibt noch die frage zu erörtern, ob das a des genetivs lang
war wie im plur. Ist das o des nom. plur. auf barytonierung
der endung zurückzuführen und das o des gen. sg. ebenfalls,
80 müsste ein kurzes a des genetivs gänzlich rätselhaft bleiben,
120 BÜRCBARDI
und die länge des a auch im genetiv ist mir für die ältere zeit
jedesfalls im höchsten grade walirscheinlich. Darin schliesse ich
mich völlig Braune an (Ahd. gramm.^ § 20 anm. 3). Im as. aber
ist es sicher kurz gewesen, da es auch mit e wechselt und dies
nur bei kurzem a der fall ist (Paul in PBBeitr. 4, 343; z. b. frofre,
bede), üeber e in nom. acc. plur. s. unten. Ein direkter beweis
für die kürze des a im ahd. ist dies natürlich keineswegs; war
aber das a kurz, so weiss ich es für das ahd. sowol, wie für
das as. nicht anders zu erklären, als durch ausgleichung, indem
einerseits die kürze des a im nom. acc. sg. mit zur kürzung
auch des genetiv -a beitrug, andrerseits das ä des nom. plur.
als zeichen des plural empfunden und dadurch das ä aus dem
Singular verdrängt wurde. Vielleicht ist aber gerade dieser
letzte grund ein indirektes zeugnis für die länge des genetivischen
a im ahd. Nahm man an dieser länge anstoss, so bot sich
ausser der kürzung, die das as. vollzogen hat, noch ein anderer
ausweg, der, dass man die form ganz aufgab und nur die kurz-
form auf ö beibehielt. Im ags. ist im gen. sg. die form auf ce,
später e = ahd. o (vgl. s. 118) dui'chaus die gewöhnliche, nur in
den abstrakten auf ung herrscht im ws. kent. a im dat. sg., aber
auch im gen. und selbst acc. sg. (Sievers, Ags. gramm.^ § 255, 1).
Dass hier ausgleichungen vorliegen, liegt auf der band; es fragt
sich nur, von welchem casus sie ausgegangen sind. Dass gerade
der dativ die veranlassung zu dem a gegeben habe, ist unwahr-
scheinlich, denn dass a als die Vorstufe von ce sich gelegentlich
in alten quellen oder in gewissen dialekten erhalten konnte, ist
weiter nicht auffallend, dass aber ein (b aus ursprünglichem ai
(dat. ^iefce = got. gibai [Sievers, PBBeitr. 8, 326 C. 3]) zu a
geworden sein sollte, ist schon auffallender, und es bedarf noch
der Untersuchung, ob dieser fall überhaupt eintritt und wie oft.
Dagegen setzen der genetiv auf (b = ahd. und as. o und der
accusativ auf cp = ahd., as. a älteres a voraus, das sich hier
erhalten haben könnte ; vgl. accusativ timbrunga, eacnunga
(Zupitza, Zs. fda. 21, 15).
Ob diese auffassung richtig ist, wird sich schwer ent-
scheiden lassen. Ein Wechsel von a und e findet sich auch im
nom. plur., und den will ich hier zuerst untersuchen. Wenn ahd.
gebä in der endung sich mit ztcä deckt und der gleiche Über-
gang von d zu a in as. twä (daneben twö = ahd. jnvo, iswuOy
vgl. W. van Helten, PBBeitr. 1 7, 275), ags. ttvd, ags. bd und da = got.
NOM. PLÜR. DER A-DEKL. IM AHD. 121
bös und pös sich findet, so könnte man anch für das as. gebä und
für das ags. ^iefä erwarten, gebä ist nun im as. die herrschende
form; nur in den Oxf. gl. begegnen nach Gall6e (As. gramm. § 161,
anm. 4) einige c, auf die aber schwerlich grosses gewicht zu
legen sein wird, um so mehr, als auch im adj. a allein herrscht.
Dieses a wird also wahrscheinlich als lang anzusehen und mit
ahd. d gleichzusetzen sein. Es fragt sich nun, ob dieses d auch
im ags. nax^hzuweisen ist. Zu entscheiden wage ich die frage
nicht; eine ausführliche Untersuchung darüber kann ich hier
natürlich nicht vornehmen, auf eins aber möchte ich aufmerksam
machen. Der Wechsel von e und a findet sich innerhalb des-
selben dialektes, nämlich des westsächs. 1. bei den abstrakten
auf 'Ung durch alle casus des Singular ausser dem nominativ.
Hier ist also, wie oben schon ausgeführt, gar keine Sicherheit
zu gewinnen. 2. in eben diesen abstrakten im nom. acc. plur.
und 3. im nom. acc. plur. auch aller übrigen o- stamme. Dass
die form nicht überall belegt ist, tut natürlich nichts zur sache.
Warum tritt er nun niemals auf im gen. sg. der übrigen o-stämme,
abgesehen von den abstrakten (vgl. Cosijn, Altwestsächs. gramm.,
flexionslehre § 111)? Hier ist jedesfalls der gedanke, dass
wir denselben Wechsel haben wie im ahd., und dass ce ahd. o,
a aber ahd. ä entspricht, nicht ohne weiteres von der band zu
weisen.
Braune sagt in seiner Ahd. gramm. ^ § 58 anm. 1: 'Im 8. jh.
treffen wir noch deutlich die mrkungen eines lautgesetzes an,
dass ja (ja) in den endsilben e ergibt'. Was es mit diesem ge-
setze auf sich hat, will ich hier so kurz wie möglich unter-
suchen. Zunächst ist auch im ahd. wie im got. zwischen
Substantiven mit langer und solchen mit kurzer Wurzelsilbe
reinlich zu scheiden, wie dies bei Braune (Ahd. gramm.^ § 202)
geschehen ist. Bei den kurzsilbigen ist das j noch lange, ja
in einigen Wörtern bekanntlich noch heute erhalten, z. b. scherge.
Hier will ich nur die Wörter mit langer Wurzelsilbe betrachten, in
denen die kontraktion des e (aus i) mit folgendem vokale
eingetreten ist. Dass hier wirklich kontraktion vorliegt, der
natürlich eine angleichung des zweiten vokals an das vorauf-
gehende e vorhergeht, beweisen die fälle, wo das j vor einem
vokale, der sich dem o nicht assimilieren konnte, erhalten ist.
Diese formen aber sind im fem. der dat. sg. suntiu, der gen. plur.
sunieöno, der dat. plur. sunteonij im masc. und neutr. der dat
122 BURCHABDI
hirtie und der instr. hirtiu, im plur. der gen. hirteo. Im dat.
plur. kommen fonnen auf -tum vor, wie herium. Bei den
langsilbigen wechseln formen auf um und im mit einander ab.
üeber die letzteren s. PBBeitr. 14, 189. Sieht man die nicht
kontrahierten formen durch, so ergeben sich von selbst zwei
klassen. j bleibt erhalten 1. vor kurzen geschlossenen vokalen:
hirtiu, 2. vor längen und zwar a) vor solchen, die noch in histo-
rischer zeit lang waren und b)*vor solchen, die in historischer
zeit schon kurz, zur zeit des eintritts der kontraktion aber
noch lang waren; letzteres gilt vom dat. sing, hirtie, hunnie
und vom gen. plur. hirteo, der durch den ursprünglich dahinter
stehenden nasal die länge fester bewahrt hat. Aus diesen historisch
gegebenen kontraktionsprodukten und der einfachen Überlegung,
dass ein kurzer vokal (c) nicht durch kontraktion von j mit
einer folgenden länge entstehen konnte, ergibt sich, dass alle
e nur aus j + kurzem vokal kontrahiert sein können. Da aber
suntiu und hirtiu bleiben, so folgt daraus, dass dieser folgende
vokal ein kurzer offener sein musste. Also sind der nom. acc.
sg. sunte aus suntH kontrahiert, der gen. sg. aber und der
nom. plur. sunte aus sunteo. Das setzt allerdings voraus, dass
diese endungen barytoniert waren, und diese Voraussetzung be-
stätigen die formen sio und dio (vgl. auch dno), bei Notker mit
circumflex auf dem i geschrieben, = ved. siäh, tidh\ d. h. der
accent ist auf das i zurückgezogen, das schon an sich mehr
schallfülle hatte; auch kann die barytonierung des nom. hier mit-
gewirkt haben. Finden wir nun auch im nom. plur. des masc.
ein hirte, so kann dieses nur aus hirteä entstanden sein: da aber
diese kontraktion im 11. jh. bereits vollzogen ist, so bleibt für
die annähme eines a überhaupt kein räum, und 6 muss direkt
zu ä verkürzt worden sein. Nunmehr werden hoffentlich die
a im nom. plur. masc. bei Notker als Schreibfehler anerkannt
werden, und diese formen aus unseren ahd. grammatiken für
immer verschwinden.
Zum Schlüsse aber möchte ich hier noch einmal ausdrück-
lich widerholen, was ich am anfange schon hervorgehoben habe.
Es bleibt vieles in dieser arbeit noch zweifelhaft. Manche frage
habe ich nur anregen, aber nicht lösen können, manche der
hier angeregten fragen ist mir selber noch zweifelhaft, über
manche aber, die ich hier nur kurz andeuten konnte, habe
ich bereits grösseres material in der band. Von den ahd. end-
NOM. PLUR DER A-DEKL. IM AHD. 123
Silben ans schltLsse auf nrgerm. nnd damit idg. accentverschieden-
heiten der endnngen machen zu wollen, mag gewagt erscheinen,
und ich selber würde es auch nicht gewagt haben, wenn nicht
das germ. gerade hier ein reichliches material böte, das bisher
noch gar nicht ausgenutzt ist und gar nicht ausgebeutet werden
konnte. In welcher weise dies geschehen kann, hoffe ich in
nicht allzufemer zeit zu zeigen.
DAS HILDEBRANDSLIED.
Handschrift. Sprache. Inhalt. Geschichte and sage.
Kunst, zeit and heimat des dichters.
Von Fr. Kaupfmann #
(Kiel).
L
Der cod. theol. 54 fol. der landesbibliothek zu Cassel stammt
aus dem kloster Fulda (vgl. Zs. des Vereins für hessische ge-
schichte und landeskunde, n. f. bd. 8, 143 ff.). Er enthält auf
bl. 2 — 4 a die vorreden zu den salomonischen büchem und die
kapitelüberschriften zum Liber Sapientiae des alten testaments
von einer angelsächsischen hand geschrieben; es folgt von einem
andern (nicht ags.) Schreiber ein teil der 23. homilie des Origenes
in Numeros auf bl. 4b — 8b; mit bl.9a beginnt eine zweite angel-
sächsische hand: Incipit liber sapientice. Dieser und der Eccle-
siasticus füllen den codex bis bl. 76 a. Das erste blatt vom war
ursprünglich leer gelassen, desgleichen die letzte seite des cod.
(bl. 76b). Eine den bänden, welchen wir das Hildebrandslied
verdanken, ungefähr gleichzeitige oder etwas ältere hand, hat
auf bl. 1 b orationes et preces contra obloqtientes eingetragen.
Schliesslich ist auf der Innenseite des schlussdeckels ein blatt
eingeklebt, welches von einer dritten angelsächsischen hand ge-
schriebene stücke aus lesaias, Matthäus, und aus den briefen an
Titus und an die Römer enthält (les. 62, 2—4; Matth. 1, 18—21;
Tit. 2, 11—13; Rom. 1,1— 6). Die angelsächsischen Schreiber,
denen wir fast den ganzen codex verdanken (Eccard, Comment.
1,867 f.), fallen in die zweite hälfte des 8. jh., gehören also
einer periode an, da das schreibwesen im kloster Fulda fast
ausschliesslich in bänden von Angelsachsen lag. Ich erinnere
beispielsweise an die glossen zum Codex Fuldensis (ed. Ranke
DAS HILDEBRANDSLIED. 125
s. Xn ft) oder an die Wiener handschrift der Annales Fuldenses
antiquissimi (Th. Sickel in den Forschungen zur deutschen ge-
schichte 4, 454 ff.) oder auch noch an das auf dem Mar-
burger Staatsarchiv befindliche Fulder Chartular; weiteres ver-
zeichnet Die Trierer Adahandschrift s. 106. Näher liegen uns
die alten taufgelöbnisse , und Zacher hat (Zs. fdph. 4, 469)
mit recht hervorgehoben, dass auch unsere auf Zeichnung des
Hildebrandsliedes die nachwii'kungen der ags. schreibschule ver-
rate. Leider vermag ich über die herkunft des alttestamentlichen
teiles der Cassel- Fulder hs. nichts bestimmteres auszumachen.
Nachdem S. Berger, in seiner Histoire de la Vulgate (Paris 1893),
uns gezeigt hat, wie weit zurück die kenntnis der lateinischen
Übersetzungen des alten testamentes steht, wird es auf lange
zeit hinaus unmöglich sein, völlig befriedigendes über die text-
gestalt des Liber Sapientiae und des Ecclesiasticus zu sagen.
Von interesse ist jedoch, dass sie Varianten mit dem cod.
Amiatinus gemein haben, vermutlich also ihre angelsächsische
herkunft auch von dieser seite her bestätigt werden wird (vgl.
hierzu Berger 1. c. s. 37 f.).
Die reste ags. schriftwesens, welche sich noch in unserer zu
anfang des 9. jh. angefertigten kopie des Hildebrandsliedes er-
halten haben, sind nicht bloss die p'-runen und d^- zeichen; auf
eine vorläge ags. Charakters führt der Schreibfehler min für mir
und das rein ags. f in fehta (zeile 22 des facsimiles). Der palaeo-
graphische zustand der Casseler hs. ist aber aus einer ags. vor-
läge nicht zu erklären. Denn in einer solchen müssten wir z. b.
die i>'-nme auch nach konsonanten erwarten, wir finden jedoch
nur hu; 8U', tu-', gleicher herkunft mit diesen ist das schon für
die vorläge vorauszusetzende uu = p sowie vielleicht cc (offenes
a) in uuas z. 6, scal z. 41 des facsimiles. Eine mischung palaeo-
graphischer merkmale wird aber nur so befriedigend zu er-
klären sein, dass die unserer aufzeichnung zu grund liegende rein-
schrift von einem einer anderen schreibschule angehörenden
kopisten herrührt als das dieser reinschrift vorausliegende koncept,
für welches nach der geschichte des deutschen schreibwesens im
8. jh. ebenso wahrscheinlich merowingische schrift zu vermuten
ist, als für die reinschrift angelsächsische. Das letztere hat
Möller (Zur ahd. alliterationspoesie s. 77) mit recht angenommen.
Nur kann zunächst bloss von einem Schreiber der vorläge, nicht
von einem aufzeichner des liedes die rede sein. Beide müssen als
126 KAUFFMANN
zwei verschiedene personen auseinander gehalten werden in dem
sinne, wie schon Mttllenhoff (zu v. 43) die Verschiedenheit von
koncept und reinschrift angedeutet hat.
n.
Beowulf, Heliand, Hildebrandslied sind im lauf der jähre
aus der heimat ihrer spräche ausgewiesen worden. Kögel (Pauls
Grundr. 2a, 174 ff.; Gesch. d. d. litt. 1, 211 ff.) hat nach dem vor-
gange früherer forscher auf das älteste deutsche lied ein ver-
fahren angewendet, welches bei Beowulf und Heliand als auf
einer flüchtigen verirrung beruhend, abgewiesen worden ist.
Sievers hatte mit glücklichem äuge und sicherem Stilgefühl die
altniederdeutsche grundlage der ags. Genesis erkannt und alles
vorbereitet, um die tünche zu beseitigen und das alte bild in
ursprünglicher gestalt erscheinen zu lassen. Da kam der schöne
fund Zangemeisters und brachte die glänzendste bestätigung des
textkritischen Verfahrens. Dieses wird infolgedessen für alle
analogen fälle massgebend bleiben. Sievers hat nachgewiesen,
dass Stil, metrum und spräche in der betreffenden nicht-ags.
partie der Genesis wesentlich von der sonstigen ags. gepflogen-
heit verschieden sind. Einige der merkmale sind ags. und as. litte-
ratur gemeinsam, einige sind von alters her überkommenes erb-
gut: ihnen steht aber eine fülle von einzelheiten gegenüber, welche
nur im Heliand widerkehren. Das ist's, worauf es ankam, das
ist es, was Sievers' Sammlungen ihr Schwergewicht verliehen hat:
der reichtum an Übereinstimmungen nur zwischen dem äusserlich
ags. stück und dem and. Heliand. Nur bei solchem Sachverhalt
war es möglich, diese arbeit des Angelsachsen, der die and.
dichtung übernommen hatte, so scharf zu charakterisieren, wie
es geschehen ist. Nichts von alledem bei den Untersuchungen
nach der herkunft des Hildebrandsliedes. Sievers hat es ver-
mieden, mit einzelbelegen zu operieren, denn bei vereinzelten
erscheinungen hätte der zufall nicht eliminiert werden können.
Um das Hildebrandslied an den Heliand anznschliessen, hätte
Eögel zu zeigen gehabt, dass eine in sich gleichartige reihe von
spezifisch altniederdeutschen merkmalen im Hildebrandsliede unter
althochdeutscher hülle versteckt vorliege. Die althochdeutschen
bestandteile (vgl z. b. Socin, Schriftsprache und dialekte s. 55)
DAS HILDEBRANDSLIED. 127
als einen selbständigen litterarhistorischen faktor geschichtlich
zu erklären, an diese aufgäbe ist von ihm gar nicht gedacht
worden: bei der ags. Genesis war sie vollkommen befriedigend
gelöst. Sobald Kögel sich vollends die freiheit nahm, ags.,
anord., got belege gegen die hd. herkunft des liedes ins feld zu
führen, überschritt er die kompetenz und begab sich des be-
weises.
Nun hat aber Eögel tatsächlich nicht ein einziges motiv,
nicht eine einzige formel als dem Hildebrandslied und dem
Heiland gemeinschaftlich erwiesen, in der art, dass alle andern
Überlieferungen ausgeschlossen wären. Auf Hild. 64
(= Hei. 5136 a) hat er selbst kein gewicht gelegt (vgl. auch
Sievers, Heliand s. 445, anm. 4. 5). Wer die liste Kögels mustert,
wird so zahlreiche, höchst auffallende Übereinstimmungen mit
der ags. dichtersprache gewahr, dass dem unbefangenen die Ver-
mutung sich aufdrängt, es handle sich darum, beweismaterial für
englische nicht für sächsische herkunft des liedes zu liefern.
Eögel hat in seiner materialiensammlung 19 einzelmomente nam-
haft gemacht, welche ags., und 19 einzelmomente, welche ags.
oder as. herkunft sein könnten. Consequenter weise musste er
bei objektiver beurteilung der statistischen tatsachen schliessen,
dass nur ein Angelsachse das lied verfasst haben könne, denn
unter den belegen ist keiner zu finden, der spezifisch as. und
nicht zugleich auch ags. wäre. Was er beigebracht hat, lässt
sich auf 2 gruppen bringen, von denen die eine ags. typus, die
andere as.-ags. typus trägt.
Zum ags. typus gehören: Zum as.-ags. typus gehören:
1. orhettim 1. seggen
2. td 2. mnotin
3. h§remo 3. gimahalta
4. Bceotantero 4. §rhma
5. gurton snert 5. giweit
& Hiltibrant gimahalta Heribrantes sonn 6. sehstic
7. ferahes frötoro 7. darba gistontun
8. barn unwahsan 8. irri
9. seolidante, wentilseo 9. iuwit
10. wie fümam 10. ti banin werdan
11. breton billiu 11. warne
12. eUen taoc 12. üsere, ödre n. s. w.
13. chdraiing 13. föhem wortom
14. «Bckiiiiy lintun 14. wnntane bouga
15. degano fila 15. waltant got
128 KAUFFMANN
16. bür 16. ninse de motti
17. fateres 17. wel
18. friuntlaos 18. scarpem scürim
19. banun gifasta 19. wambnmn.
In seiner Gesch. d. d. litt. 1, 216 f. führt Kögel einen fall auf,
der as. sein müsste und nicht zugleich ags. sein könnt«: luttila,
arbeo laosa seien starke neutralplurale auf -a nach art von ge-
limida im zw eiten Merseburger spruch und as. lärea ward u. ähnl.
Dass diese as. endung formell nicht die des neutrum, sondern
die des masc. ist, die wie im jüngeren ags. für masc, fem., neutr.
zugleich gebraucht worden, ist bekannt. Dies hebt aber die
Kögeische behauptung auf, ganz abgesehen davon, dass Kögel
(Anz. fda. 19, 35) nur belege für ;a- stamme beigebracht hat, es
sich im Hildebrandslied aber um a- stamme handelt, für welche
nur die jüngste hs. der Cottonianus -a (für -t*) kennt. Die form
des Merseburger Spruches hat so lange noch als nom. plur. masc.
zu gelten, bis Kögel gezeigt haben wird, wo etwa sonst noch
zu einem pronomen masc. plur. {se) das zugehörige prädikat im
neutrum erscheint. ^
Ich bemerke, die vorstehende liste bildet einen vollständigen
auszug aus Kögels darlegungen. Dass sie für as. herkunft des
liedes gar nichts beweist, zeigt der augenschein. Kögel hätte
das wort Lachmanns (Kl. sehr. 1 , 433) beherzigen sollen, dass
die Übereinstimmungen mit sächsischem Sprachgebrauch begreif-
lich erscheinen, wenn man berücksichtige, dass uns aus den
südlichen deutschen landschaften so wenig zusammenhängende
Schriften erhalten sind. Nun gibt Kögel selbst zu, dass belege
wie gimahalta, fumam, hiltiu, fireo der dichtersprache angehören,
und für die herkunft des liedes nichts beweisen. Dieses Zu-
geständnis kann nur den sinn haben, dass die harmonie zwischen
ahd., as., ags. dichtersprache eine feste stilform der westgerm.
alliterationspoesie erschliessen lasse, und dass ihr in erster linie
ein typischer Wortschatz zukomme. Wollte jemand den versuch
machen, diese dichtersprache zu rekonstruieren, so gäbe es für-
wahr kein anderes hil&mittel als die den ahd., ags. und as. denk-
mälem gemeinsamen merkmale zu vereinigen: dann sind aber
alle in der vorstehenden liste unter as.-ags. typus verzeichneten
luttüa (über dessen bedentung nach luttilo v. 67 kein zweifei bestehen
kann) nnd laosa habe ich ausführlicher im Zusammenhang der steUe Zs. fdph.
26, 460 f. besprochen.
DAS HILDEBRANDSLIED. 129
bestandteile unseres liedes weder as. noch ags., sondern gemein-
gut einer westgerm. dichtersprache.
Ich gebe zu, beweiskräftig wäre gewesen, wenn Kögel die-
jenigen stellen des liedes, für welche weder in England noch in
Oberdeutschland noch in Jlitteldeutschland anschluss sich bietet,
als ausschliesslich in Niederdeutschland heimatsberechtigt er-
wiesen hätte. Ich greife ein beispiel heraus, guöhamun ist dem
Hildebrandslied eigentümlich. Das ags. besitzt wol die einzelnen
compositionsglieder, aber nicht in dieser Vereinigung, es ist also
möglich, dass wir das compositum nur zufällig im ags. Sprach-
schätze nicht antreffen. Nun besitzt aber auch das ahd. die
einzelnen compositionsglieder und das compositum an unserer
stelle. Wenn die bedingungen für die ags. existenz des Wortes an-
erkannt werden, genügen sie vollauf auch für das ahd. Damit nun
dieses für England und Hochdeutschland als möglich erwiesene
wort, als niederdeutsch in anspruch genommen werden könnte,
müssten die fürs ags. und ahd. vorliegenden bedingungen in ge-
steigertem grade für jenes gebiet gelten. Nun liegt aber be-
kanntlich die Sache so, dass im nd. der erste component guö
(sowenig als sarö) gar nicht existiert (gutfana Ahd. gl. 2, 718, 4
kommt selbstverständlich nicht in betracht). Einen andern ähn-
lichen fall hat Jellinek (Zs. fda. 37, 21 ff.) besprochen. Es kommt
aber zu dem vorigen hinzu, dass gen. sg. gudea weder im and.
noch im ags. unterzubringen ist, dass diese flexionsweise allein
mit der anord. im einklang steht, d. h. echt ahd. sein muss
(Sievers, Beitr. 5, 113). Freilich wird niemand behaupten wollen,
termini wie guÖ, saro hätten dem and. von alters her gefehlt;
nur hat dann auch Kögel kein recht, Wörter wie muotin, giweit
dem ahd. Wörterbuch abzusprechen.
An der stelle, an welcher mtwtin erscheint, bedarf ein
anderes kleines wörtchen der erklärung, was Kögel nicht be-
achtet zu haben scheint. Ueber das reflexivum sih haben sich
schon Wackemagel (Zs. fdph. 1, 298) und Möller (1. c. s. 72) ge-
äussert. Ich bemerke nui', dass es ganz unerklärbar bleibt,
wenn eine as. fassung die grundlage unserer Überlieferung bildet.
sih muotin könnte dann nämlich nur im muotin gelautet haben.
Es lag für die abschreiber gar kein grund vor, diese konstruktion
zu ändern, wenn sie sie gar nicht verstanden haben, wenn das
verbum muotten ihnen ganz unbekannt gewesen ist. Falls dem
aufzeichner die Wendung nicht geläufig gewesen wäre, hätte er
F«tg»b6 fbr StoTOM. 9
ISO KAUFFMANN
doch nicht Veranlassung gehabt^ die nd. konstruktion motHan
c. dat. in die hd. konstruktion muoten c. acc. umzusetzen. Schon
diese tatsache der rektionsverschiedenheit beweist, dass zur zeit,
da das lied gedichtet worden, eine von der nd. konstruktion
verschiedene in Mitteldeutschland heimisch gewesen ist. Auf
die frage, wo dieselbe geherrscht hat, gibt das reflexivum sih
eine unzweideutige antwort: 8ih muotin gehört also gleichfalls
einer hd. dichtersprache an. Aehnlich liegt die sache bei gurtun
sih iro suert ana, Grimm, Gramm. 4, 861; der dritte beleg eines
hd. sih ist die Verbindung sih rümen, die nur noch Otfrid kennt,
die weder im as. noch im ags. parallelen findet.
Eögel sagt weiter, das simplex skehan komme in späterer zeit
nur in quellen vor, die nach dem nd. hinneigen. Es ist das für
md. texte ein etwas altfränkischer ausdruck. Schlimmer ist, dass
er dazu bairische texte rechnet wie Wiener Genesis und Rolands-
lied, und dass er das in der ahd. litteratur übliche verbal-
substantivum skiht vergessen hat. Dem steht eine absolute Ificke
auf nd. gebiet gegenüber.
Soll ich noch das rein hd. unti nennen, oder die rein hd.
konstruktion ni waniu ih iu Hb halbe, oder das rein hd. pron.
her? Wenn es geschieht, ist es nur um denjenigen, welche der
Eögelschen arbeit ihr vertrauen geschenkt haben, die äugen
darüber zu öffnen, wie einseitig ihr gewährsmann verfahren
ist, indem er sich bemühte, einiges scheinbar sächsische zu deuten,
das entschieden hd. aber unerklärt bei seite liess.
Es wäre mit dem Wortschätze nicht viel auszulichten, wenn
nicht die grammatische form desjenigen, was stilistisch den
Westgermanen gemeinsam gewesen ist, den ausschlag gäbe.
Zwitter wie giweit, seggen, usere sind nur halb, d. h. gar nicht
erklärt, wenn man sie für nd. ausgibt. Für giweit wäre giwet,
für seggen: seggian, für usere: use, für inwit: inwid, für warne:
wemie zu erwarten, wenn wir es mit as. formen zu tun hätten.
Es ist keineswegs ausgemacht, dass der inf. zu giweit: "^giwuian
und nicht *giwUan zu lauten hätte. Das verbum ist ja durch
eine zahlreiche familie als hd. erbwort verbürgt: ich erinnere
an das part. wit, mhd. weide (reise), weidec u. a. Danach könnte
ags. as. giwttan zu ahd. giwttan sich verhalten wie ags. wastpn
: mhd. wäpen, d. h. das alte *gawiänan (> *giwitian) wird zur
klasse der nasalpräsentien gehört haben, dann wäre das perf.
giweit so rein hd. wie das perl raet Bei warne wird der erb-
DAS HILDEBRANDSLIED. 131
wortliche Charakter sicher gestellt durch das fehlen des umlauts
(wie in arbeo). Das wort ist durch das synonyme, auch etymo-
logisch zugehörige werian verdrängt worden, welches offenbar
zu ^warnen in einem analogen Verhältnis steht, me *gatvtänan
(> ags. as. getvitan) : "^gawiöan (> ahd. gewitan). Ebenso halte
ich Seggen für rein ahd.; es ist eine analogieform zu segis, segit,
segita, gisegii und diese analogieform ist als hd. bezeugt durch
mhd. segeny das in Alemanien so gut wie in Mittelfranken und
Thüringen belegt ist (z. b. Beitr. 3, 511; Zs. fdph. 10, 175; Grerm.
6, 57; 273).
Die konsonantischen auslautsverhältnisse erscheinen im denk-
mal folgendermaßen: suert : suertu, -hrant : -brantes, ort: orte,
gistuont : gistuontun, want : tvuntane, friuntlaos : aodlihho, ckind,
nid, quad d. h. gerade so wie im Tatian: friunt, tot, gotn.s,w. :
cund, quad, odmuotl Verhärtung etymologischer media zur tenuis
im auslaut ist in der dentalreihe nicht üblich. Infolgedessen
kann inwit nicht aus *inwid der vorläge hergeleitet werden.
Auslautendes -d erscheint im as. ags. bekanntlich häufig genug
als -t In dem nd. original haben doch ganz zweifellos formen
wie quiid, aodlico, friundlaos, död u. s. w. gestanden. Wie ist
denn der vermeintliche hd. Schreiber, der nd. nicht zu schreiben
verstand, auf die reinliche Scheidung dieser Wörter verfallen,
wenn es ihm darum zu tun war, nicht hd. sondern nd. zu
schreiben, obwol er in nd. Orthographie völlig unbewandert war?
Wie kommt es denn, dass -d (für hd. -t) in keinem falle bewahrt
ist, und das in Niederdeutschland übliche -t (für hd. -d) gleich-
falls fehlt? inwit kann nur auf einem inwit der vorläge beruhen,
das ist aber bekanntlich nicht die as. sondern die ags. wortform.
Also doch ein fremdwoil im Hildebrandslied? Ja. Es gibt
noch mehr; z. b. tö als präposition. Kögel glaubte tö deru hiltiu
und tö samane durch den hinweis auf Hei. 5952 C erledigen zu
können; in seiner Litteraturgeschichte hat er selbst diesen aus-
weg als irrig aufgegeben. Was sollten auch die worte Kögels
bedeuten: ^to sei dem sächsischen von alter zeit her eigen und
im ags. gewöhnliche gestalt der präposition'? Ist es denn richtig,
dass dem sächs. to von alters eigen gewesen? Ist nicht viel-
mehr im Heliand wie in der Genesis te, ü die allein gültige
form der präposition, tö die des präpositionaladverbs? Die be-
lege für to aus der Freckenhorster heberoUe kommen selbst-
verständlich nicht in betracht. Was bedeutet der vereinzelte
9*
v *
132 KAÜFFMANN
beleg aus dem Cottonianus (zu dem v. 3665 zu fügen wäre), in
welchem so und so viele anglosaxonismen stehen, anderes, als
dass auch an jenen stellen (z. b. gegen 1103 MC u. a.) eine ags.,
nicht eine as. präposition vorliegt? Wir stehen vom as. aus
einer Verbindung to samane gerade so ratlos gegenüber wie vom
ahd. Wie intmt so ist die präposition tö ein ags. fremdwort in
unserem liede; dasselbe gilt von dem opt. habbe, sowie von ödre,
wel, sceotanterOf vielleicht auch von üsere (northumbr.), sehstic.
Dass nun aber derlei fremde bestandteile für die herkunft
des liedes nicht ausschlaggebend sind, geht daraus hervor, dass
ihnen eine überwiegende majorität einheimisch deutscher ent-
gegensteht. Ich erinnere kurz an die spezifisch hochdeutsche
Verhärtung auslautender labial- und gutturalmedia (gap : gibu,
wie : wtges), an alter : suusat, an wäniu, an den acc. hringa im
gegensatz zu dem nom. helidos, die beide hd. sein müssen, weil nur
in Hochdeutschland eine Scheidung der casus besteht und hringa,
bouga in einem nd. lied unerklärlich wären. Ganz und gar hd. sind
muotin und (nach Eögels auffassung) gileiios mit -t für -tt, und auch
diese formen müssen dem original angehört haben. Ich schweige
von dem fehlen des % in formen wie urhettun, sippan u. s. w.,
und gehe von der polemik zu positiven ausführungen über.
Was zunächst die Orthographie betrifft, so darf ich als fest-
stehendes resultat meiner Germ. 37, 243 ff. veröffentlichten Unter-
suchung betrachten, dass die belege für ik nicht dem original
angehört haben können. Dass in der vorläge nicht h, sondern
e geschrieben war, wird bewiesen durch die interessante misch-
foim asckim, welche nui- so erklärt werden kann, dass der
Schreiber ein ascim zu kopieren hatte, im augenblick versäumte,
das ihm geläufige sk einzusetzen, nachträglich k zufügte, aber
vergass c zu tilgen (genau wie ckmdo Sievers, Tatian' s. 17 anm.).
sceotantero ist bekanntlich eine form der vorläge, desgleichen
seerita, dagegen skihit, ik sind formen der jüngeren Schreiber.
Nun liegt aber die sache so, dass ik nui- in der anfangspartie
des liedes steht, später ih: hat in der vorläge ie (nicht ik) ge-
standen, so fällt jeder grund weg, der schieibung ie einen andern
lautwert beizulegen als der Schreibung ih. Dass derjenige, dem
wir die erste aufzeichnung des liedes verdanken, silbenauslautendes
-c im lautwert von -h gebrauchte — eine bekanntlich sehr ver-
breitete erscheinung — lässt sich auch auf ganz anderem wege
zeigen.
DAS HILDEBRANDSLIED. 133
Das V. 16 überlieferte wort dechisto hat mehrfache deutungen
erfahren. Es ist kein zweifei, dass Kögels scharfsinnige Ver-
mutung dehtisto (ein spezifisch hd. wort!) das richtige getroffen
hat. Diese schlagende konjektiir schien nur die hs. gegen sich
zu haben. Meines erachtens deckt sie sich aber vollkommen
mit ihr, wenn wir nur annehmen, dass dechisto für dethüto ver-
lesen ist. Ueber die Variante th = ht brauche ich kein wort zu
verlieren, ebensowenig über die Verlesung von t als c. Den
ganz analogen fall der Samariterin v. 28 kann ich jedoch nicht
unerwähnt lassen: das handschriftliche utiigii steht für uxiigic,
und ic muss genau so als rein graphische Variante von ih ge-
nommen werden wie im Hildebrandslied. Hier hat an einer
stelle der Schreiber sich selbst verbessert. Z. 28 (des facsimiles)
ist deutlich statt ih ein nur aus ic der vorläge begreifliches it
geschrieben gewesen: weiterer Zeugnisse für ic der Original-
aufzeichnung bedarf es nicht, und doch bietet uns das lied noch-
mals einen beleg dafür in hurmlicco als wechselform neben
aodlihho. Es kann demnach für ausgemacht gelten, dass dem
ersten aufzeichner -c im lautwert von -/* durchaus geläufig war.
Berücksichtigen wir die verhältnismässig zalilreichen lesefehler,
welche die kopisten verschuldet haben, berücksichtigen wir, dass
darunter jedenfalls auch die Verlesung von c als t gehört, dann
werden wir keine Ursache mehr haben, mit Müllenhoff zu lesen:
na Bcal mih snasat chmd snertn hanwan
breton sinn bUliu;
wir werden vielmehr bei dem handschriftlichen mit sinn billiu
verbleiben, mit als für mic (= mih) verlesen betrachten, und wir
haben die stelle in alter Schönheit wider (vgl. die parallelstelle
spenis mih : wili mih 39. 40). Ich vermute, dass dem kopisten
trili mih dinu speru werpan vorgelegen habe, dagegen spenis
mic dinem tcortum, vne breton mic sinu billiu: die Verlesung von
mic konnte entweder einen zusatz des Schreibers oder eine
graphische änderung veranlassen, und so ist durch dieses ein-
fache mittel eine bedenkliche Inkonsequenz des Sprachgebrauches
im liede beseitigt. Auf grund des vorstehenden darf es als
sicher gelten, dass die originalaufzeiclmung des liedes den buch-
staben k nicht kannte, dass im silbenauslaut -c promiscue mit
'h gebraucht wurde, dass folglich ik ebensowenig nd. ist als
harmlicco (wozu man nd. -likio MSD. 1, 238, 44 verglichen hat!).
Diese belege für eine nd. herkunft des liedes geltend zu machen,
134 KAUFFMANN
war nur möglich, so lange man nicht bedachte, dass die Ortho-
graphie ihre von den lauten gänzlich unabhängige geschichte
hat. Man hätte es aber auch deswegen vermeiden sollen, weil
überhaupt der stand der gutturale nd. heimat völlig ausscliliesst.
Wie hätten denn die Schreiber, wenn sie eine nd. vorläge
mechanisch kopiert haben, auf chind, chuning u. s. w verfallen
können? Die bezeichnung der gutturale stimmt bis in alle
einzelheiten mit dem aus Fulda und nachbarschaft bekannten usus
überein: chind, riche, folc, wie chtrichun, werc im Taufgelöbnis;
zu Otachre, reccheo, folche verweise ich auf die archaischen
achre, uuecchit, folche im Fulder Tatian, ebenda sowie in andern
Fulder denkmälem burc, salic u. s. w. und zu ic, harmlicco er-
innere ich an elicor, rect, unrecie, unrocaft (inexcusabilis) der
Frankfurter glossen (Ahd. gl. 2, 144 ff.), an -lico (Beitr. 9, 327)
oder ähnliches in den Murbacher Hymnen.
Dass das lied hd. ist, glaube ich damit bewiesen zu haben,
desgleichen, dass es im kloster Fulda durch die bände eines
Angelsachsen gegangen ist. Diesem gehören nun offenbar auch
guähanmn, gudea, chud, odre (die abschreiber haben versäumt d
zu durchstreichen), usere im gegensatz zu den formen des dichters
chind, gistontun (ags. siödon), stont (ags. stöd) u. a. Es wäre ja
nicht unmöglich, dass in der hs. güähamun, chüd u. s. w. ge-
standen, und dass der abschreiber das nasalzeichen übersehen
hätte (vgl. z. b. die fehlenden nasale in den Murbacher Hymnen
bei Sievers s. 19; Ahd. gl. 3, 14 ff.; Muspilli u.a.). Aber der
abschreiber hat doch an andern stellen das nasalzeichen sorgfältig
berücksichtigt, so sorgfältig, dass er es gelegentlich sogar falsch
aufgelöst hat. Für odre würde diese annähme doch nichts
nützen: odre ist und bleibt ags. (as. wäre in so alter zeit nur
odre denkbar). Dem ags. Schreiber verdanken wir jedesfalls
werpan und ^ für ^, tt für ^^. Freilich stehen im lied einige
formen, von denen sich nicht beweisen lässt, dass sie nicht dem
dichter gehören, das sind dat it stuisat, mikotin, heiitu, hcetti. dat
it suasat haben füi* ein md. original nichts auffälliges. Falsch
wäre es geradezu, wollte man muotin in *muojsin umsetzen, denn
muottn steht für *muottin (aus *mtiotdin) mit regelrecht unver-
schobenem t wie bei mhd. gröte (grüsste), satte (setzte). Analog
entspricht heittu bekanntlich got. haitada (= ags. hdtte\ braucht
also nicht auf heizzu zurückgeführt zu werden.
Silbenanlautendes z-, intervokal, -zz-, auslautendes -z hat
DAS HILDEBRANDSLIED. 135
der ags. Schreiber, weil ihm der buchsta.be z ganz unbekannt
war (Sievers, Ags. gramm.* § 205), nach seiner heimischen weise
durch t, bezw. it widergegeben. Es ist nicht unwahrscheinlich,
dass er hierzu durch das ihm zur reinschrift übergebene koncept
der dichtung veranlasst worden ist. Wir haben eine alte, tief
ins spätere mittelalter sich fortsetzende tradition, wonach für
den, dem lat. und älteren ags. aiphabet fremden buchstaben z
das zeichen c gebraucht worden ist (ich denke an belege wie
cweincug, luccil, kurc u. ähnl), und zwar in viel grösserem um-
fang, als meist angenommen wird (vgl. z. b. Haendcke, Die mund-
artlichen demente in den elsäss. Urkunden s. 35). Da wir nun
gesehen haben, wie leicht c als t verlesen werden kann, wäre
möglich, dass ein dac auf dat, urheccun auf urhettun, cuem auf
tuem geführt hätte. Ich behaupte nicht, t, bezw. tt beruhen ein-
fach auf Verlesung von c, cc (wie etwa das aus t verlesene r
in Bertholds Demantin), sondern möchte nur glauben, dass wie
der buchstabe Ic so auch der buchstabe z der ersten aufzeichnung
gefehlt habe, dass für z der buchstabe c gebraucht gewesen
sei, und dass die ähnlichkeit dieses buchstaben mit t den ags.
Schreiber ermutigt haben könnte, die ihm geläufige Orthographie
der betr. Wörter durchzuführen unter Währung der hd. besonder-
heiten. Zum vergleich verweise ich auf die ganz anders ge-
arteten Verhältnisse in der Hamburger hs. der Braunschweig-
ischen Reimchronik (ed. Weiland).
Wenn Möller ^ für -gr damit erklären zu können glaubte,
dass er annahm, sie stellten bewahrte älteste hd. Schreibung dar,
so kann ich ihm hierin nicht folgen. Von anderem abgesehen,
fehlt jeder anhaltspunkt dafür, dass intervokal. -^ durch die
affricata hindurch zum reibelaut verschoben worden sei. Ein
spezielles lautgesetz für die entwicklung einiger affricaten zu
Spiranten, ist ein unding, und dessen bedurfte Möller um zu er-
klären, dass *m6tzi zu mözi aber nicht zugleich auch *grötzen
zu grözen (grüssen) geworden ist. Schon daran scheitert Möllers
hypothese. Damit ist auch der einfall beseitigt werpan stehe für
*werpfan, wie scarpem für scarpfem; wenn ein *werpfan jemals
neben scarpfem existiert hätte, bliebe unerklärt, weshalb jenes zu
wcrfan geworden, dieses bis auf die gegenwart geblieben ist. Wir
wissen genau, womit diese Verschiedenheit zusammenhängt. Nir-
gends in unserer ahd. Überlieferung ist eine spur vorhanden, welche
darauf führte, dass p über pf zu ff, i über iz zu sz geworden wäre.
136 KAÜFFMANN
Die ersten anfzeichnungen des liedes (koncept und rein-
schrift) fallen in die zeit, da die buchst aben k und z in der
deutschen schrift noch nicht recipiert waren (beachte hiezu
Otfrids auslassung über diese beiden buchstaben), also spätestens
um 780. Die diphthonge ai und ao werden uns nötigen mit
koncept und reinschrift etwa bis 760 hinaufzugehen. Die uns
erhaltene abschrift ist, wie die ihrer zeit angehörenden sprach-
formen bekunden, um melirere decennien jünger, genauerem über
die zeit derselben ist leicht festzustellen. Dazu helfen uns näm-
lich die vielbesprochenen doppelnamen Hütibrant : Hütibraht,
Haduhrant : Hadubraht Kögel meinte, dieses schwanken sei um-
so zu erklären, dass in der vorläge a durch ligatur mit dem
folgenden n in der weise verbunden gewesen, da«s jenes *ein
wenig' über die zeile erhöht und das äuge verleitet worden sei,
ein h zu sehen. Erst müssten belege für eine solche ligatur in
unserer scliriftgattung beigebracht werden, ehe diese ansieht
ernst genommen werden könnte. Die aufklärung ist denn auch
in ganz anderer richtung zu suchen. Allerdings handelt es sich
um eine abgekürzte Schreibung in der vorläge, aber welcher
beschaffenheit diese gewesen sein möchte, kann deswegen nicht
zweifelhaft sein, weil noch unsere kopie ein beispiel erhalten
hat: heribies steht v. 45. Dass diese abkürzung in der ursclirift
häufiger war, das wird durch das schwanken der namenformen
nahegelegt. Zweifellos hat an den stellen, wo wir jetzt -bräht
lesen, -bt gestanden. Wanim ist denn nun aber diese abkürzung
nicht in -brant aufgelöst worden?
Wir besitzen ein Necrologium aus Fulda, ausgezeichnet,
wie schon Leibniz sagte, durch eine immensa nominum anti-
quorum germaniconim varietas (MG. 13, 161 ff.). Diese Annales
Necrologici Fuldenses beginnen mit dem jähr 778 und liegen in
einem vom 9. bis 11. jh. zu eintragungen benützten cod. Vati-
canus vor, ausserdem in einem Fuldensis des 10. und einem
Monacensis des 15. jh. Schon Eccard (Comment. 1, 869) hat darauf
aufmerksam gemacht, dass die Heribrant und Hadubrant u. s. w.
des Vatic, im Fuld. und Monac. Heribraht und Hadubraht u. s. w.
geschrieben sind. Es kommt aber allein auf den cod. Vatic. an.
In diesem sind namen auf -brant und -braht ausserordentlich
häufig (vgl. auch Hiltiberaht der Würzburger markbeschreibung).
Es lautet dieses aber erst seit a. 809 braht; vor a. 809 können
also die -braht unseres liedes nicht geschrieben sein. In den
DAS HILDEBRANDSLIED. 137
nächstfolgenden jähren bis a. 817 ist aber -braht allein üblich
'brant nicht mehr. Wenn also die Urschrift unseres liedes namen
auf -dt enthalten hat und a. 809 bis 817 kopiert worden ist, —
an spätere jähre ist des paläographischen Charakters wegen nicht
zu denken — konnten sie bei der für tt damals im kloster ge-
läufigen bedeutung nicht anders denn als -braJit aufgelöst werden.
Die niederschrift der uns erhaltenen fassung des Hildebrands-
liedes führt also in das zweite decennium des 9. jh. Im übrigen
ist zu bemerken, dass doubletten wie Hütibrant : Hiltibraht bei ein
und derselben person füi' das mittelalter gar nichts auffälliges
haben (vgl. Schröder, Zwei rittermären s. XLV. LEE; Bemheim,
Neues archiv 20, 85). Beachtenswert dürfte sein, das nunmehr
über die herkunft unserer handschrift aus Fulda auch nicht der
leiseste zweifei mehr bestehen kann.
Setzen wir die Urschrift des liedes (koncept und reinschrift)
um 760, die kopie um 815, so steht in Übereinstimmung mit
dieser annähme, dass das lied durch drei (bezw. vier) verschiedene
bände gegangen ist, die tatsache, dass wir in Orthographie und
spräche drei scliichten an der uns vorliegenden abschrift unter-
scheiden. Der diphthong ci erscheint in dreifacher gestalt:
staimhort, raet, heittu, desgleichen der diphthong au: rauha, Uwe,
houga (ou steht in der hs.). Bei den konsonanten erkennen wir
die drei bände an: -liccoy Uhho, -richhe; t«u{w (koncept), p'as (ags.
reinschrift), puas (abschreiber). Aber der hauptsache nach zerfällt
das material in zwei gruppen, entsprechend der ersten auf-
zeichnung und der kopie; es kommt hier nicht darauf an, dass je
zwei Personen bei erster aufzeichnung wie bei kopie beteiligt
gewesen sind. Um das verfahren der kopisten zu übersehen,
dürften folgende rubriken dienlich sein, die leicht erkennen lassen,
wo alte, wo junge und wo mischformen aus zwei verschiedenen
Orthographiesystemen vorliegen:
um 760
um 815
ic, -licco : ih, lihlio
ik, ih, lihho, -chh-
Bciltim
skihit, asckim
folche
folc
chnning
cnnosles
sunn, banon, enan
sono, herron, goten
gistouton
gistnontim
laos
oBtar
anti
enti
nnortnin, '^porturn
pnortun
138
KAUJbTMANN
theotrihhe
deotrichhe (det- vgl. Tatian)
raet
gihaeit
laet hsetti
lettan
XII lante
ar anne
hrosti
ringa hmmen
hoitte
pelihhes, gihaeit
arbeo
linto n. a.
Möller hat also recht mit der behanptung, dass das lied
nicht altsächsisch, sondern fuldisch- ostfränkisch sei. Seine dar-
legungen hätten überhaupt viel mehr beachtung verdient, als
ihnen zu teil geworden ist. Möller hat auch recht mit der be-
hanptung, dass ein ags. Schreiber am liede tätig gewesen sei —
anderes allerdings in Möllers aufsatz ist nicht zu verteidigen.
Was er von rheinfränkischen bestandteilen zu finden meinte, ist
nicht vorhanden. Mit Karl dem Grossen hat das lied nichts zu
tun, es war schon aufgezeichnet, ehe er zur regierung kam, und
die beiden kopisten können schon ihres ductus wegen nicht erst
in der zweiten hälfte des 9. jh. tätig gewesen sein. Der erste
Schreiber ist etwas selbständiger verfahren als der zweite, der
wenige reihen unserer hs. geschrieben hat; bei der rekonstruktion
der Originalfassung wird dieser leise unterschied zu beachten sein.
Möller war bei seiner rekonstruktion davon ausgegangen, dass
die Urschrift nach völlig einheitlichem Orthographiesystem ge-
schrieben gewesen sei (er behauptet z. b. sie habe in allen fällen
die i>'-rune für w gehabt u. a.), damit ist aber, wie ich gezeigt
zu haben glaube, nicht auszukommen. Die reinschrift bewahrte
eigentümlichkeiten des ihr gegenüberliegenden koncepts, brachte
ags. demente neu hinzu: sehr mechanisch sind die kopisten des
9. jh. verfahren, aber in den gewohnheiten ihrer tage sind auch
sie befangen gewesen.
III.
Die für die erklärung schwierigst« stelle des Hildebrands-
liedes sind die verse 18 — 26. Es ist ihr Inhalt noch nicht fest-
gestellt. Kögel übersetzt: *Vor langer zeit ging er nach osten,
er entfloh dem hasse des Odoaker mit Dietrich und vielen seiner
helden. Er liess im lande trauernd zurück seüie junge frau im
gemache und ein unerwachsenes kind, des besitzes beraubt: er ritt
dennoch ostwärts. Später leistete mein vater Dietrich grosse
DAS HILDEBRANDSLIED. 139
dienste, denn das war ein so freundeloser mann. Er (Hildebrand)
war auf Odoaker über die massen zornig, der treueste der
beiden bei Dietrich. Er war immer an der spitze des kriegs-
volkes, ihm war immer der kämpf das liebste: bekannt war er
unter kUhnen männern. Er ist wol nicht mehr am leben'. In
dieser erzählung ist vieles dunkel, sie gibt mehr fragen auf, als
sie löst. Richtig verstanden sind die worte arbeo laosa als des
besitzes, des von den vorfahren ererbten eigentums beraubt. Für
die ganze Situation heisst das so viel, als Hildebrand war geächtet
von haus und hof gejagt worden; arbeo laos bedeutet ungefähr
so viel wie ags. ^rundleas, ist aber auch synonym mit friuntlaos
= ags. freondUas (z. b. Elene 925), es sind epitheta für den fried-
losen. Denn davon, dass wir unter arhi den viehstand zu ver-
stehen hätten, hat mich SieA^ers (Beitr. 12, 176) nicht überzeugt.
arhi ist das edeleigen (DWb. 3, 709 f.). Wol bedeutet ags. yrfe
vieh, aber dass wir es bei dieser bedeutung mit einer einschränkung
zu tun haben, lehren die belege der übrigen germ. sprachen,
welche in ihrer Übereinstimmung bessere gewähr des ursprüng-
lichen bieten. Dass arhi in der alten spräche überall von dem
in der familie forterbenden, ihr als sondereigen gehörenden
grund und boden galt, stellt altnord. arfr (erbgut), stallen die
gotischen Zeugnisse ausser zweifei (z. b. Luc. 20, 14. 5, 5), und mit
ihnen steht der ahd. Sprachgebrauch im einklang {Franchono erhi
MSD. 1,226, 17 u, a.). Besondern wert lege ich auf die alt-
epische formel in eigan joh in erhi Otfrid 2, 2, 22 = egan endi
erhi Hei. 3309 (vgl. hobos endi hiwiski Hei. 3310). ArU und
odal bezeichnen dasselbe (J.Grimm, Rechtsalt, s.492): den ererbten
grundbesitz freigeborener geschlechter. So verstehen wir, dass
Hei. 4495 Christus den himmel nennt seines vaters ödil, bei
Otfrid 1, 22, 54 den tempel seines vaters erhi. Unter erhi sind
wie unter odal die inmiobilien einer aristokratenfamilie zu ver-
stehen. Die stelle des Hildebrandsliedes kann folglich nur den
sinn haben, dass Hildebrands eigentum konfisciert, er selbst aus
seinem familien verbände vertrieben worden sei, dass sein söhn
und sein weib nicht länger unter dem eigenen dach, sondern in
lante, d. h. irgendwo im reich Unterkunft gefunden, haus und
hof haben räumen und den vater dem Schicksal des geächteten
überlassen müssen. Dass Hildebrand in die acht getan worden,
liegt nicht bloss in den Worten arbeo laosa, die sich zunächst
nur auf seine familie beziehen, sondern auch mit direkter per-
140 KAUFFMANN
sönlicher beziehung auf Hildebrand selbst in den Worten: dai
was so friuntlaos nian, Kögel erklärt wie Rieger (Germ. 9, 304):
Dietrich sei geächtet ins exil gezogen, Hildebrand sei seinem
herrn ins exil gefolgt, aber nur \\iderstrebend habe er haus und
liof, weib und kind verlassen, und bitterer groll habe ihn erfüllt
gegen Odoaker, den Urheber des Unheils, dat schliesst sich un-
mittelbar als deiktisches pronomen an fateres an, und kann sich un-
möglich auf ein hinter fateres zurückliegendes von diesem noch
dazu durch eine pause getrenntes nomen zurückbeziehen. Wir
erfahren auch nicht, was denn bei solcher auffassimg das kleine,
aber wichtige wörtchen so zu bedeuten habe. Kögel interpretiert,
als ob so nicht im text stände, so ist vergleichungspartikel an
unserer stelle wie v. 59 u. ö. : folglich können sich die worte über-
haupt nicht auf Dietrich, sondern müssen sich auf Hildebrand be-
ziehen, friuntlaos kann nach deutschem Sprachgebrauch nur heissen,
dass seine sippe, seine verwantschaft ihn preisgegeben, dass er
auch von ihr schütz und schirm nicht zu erwarten hatte; wenn
es sich auf Dietrich, der ohne seinen freund Hildebrand war, be-
zöge, müssten wir ein dem von Heinzel verglichenen ags. wineleas
entsprechendes prädikat erwarten.
Die ganze stelle v. 15 — 29 ist nach einem bekannten stil-
gesetz unserer alten dichtung so aufgebaut, dass der dichter den
Hadubrand seine erzählung mit demjenigen beginnen lässt, was
er zuletzt von seinem vater in erfahrung gebracht hat, um von
der gegenwart in die A^ergangenlieit seines lebens aufzusteigen.
Hildebrand hatte vor dem hass des Otacher fliehen müssen — das
ist die causa prima, die als solche parenthetisch eingeschaltet
werden konnte. Die ereignisse folgen auf einander in der erzählung
so, dass für den dichter das prius bildet, was in der geschichte
das posterius gewesen ist. Ehe Hildebrand nach dem osten ge-
wandert, hatte er sich mit Dietrich und dessen schar A'ereinigt,
nachdem er weib und kind schutzlos und heimatlos hatte zui*ück-
lassen müssen, weil er in die acht getan worden war. Was der
zeit nach vorausgeht, ist jedesmal die begründung für das in
der erzählung vorweggenommene: der dichter gibt zuerst die
Wirkungen und geht von ihnen zu den Ursachen. Wir müssen
umgekehrt verfahren, wenn wir den dichter genau A^erstehen
wollen. So heisst es denn am Schlüsse der rede Hadubrands,
sein vater sei ein streitbarer, gefeierter kriegsmann gewesen,
der ergebenste unter den um Dietrich sich sammelnden männern,
DAS HILDEBRANDSLIED. 141
aber feindselig gesinnt dem Otacher, und deswegen geächtet, von
haus und hof vertrieben; genötigt ausser lands zu gehen, habe er
sich zu dem nach ihm verlangenden Dietrich geschlagen und
sei mit diesem zu den Hunnen gegangen, — und all das, weil er
mit Otacher verfeindet war. Mit Heinzel setze ich nach arbeo
laosa punkt und beginne mit he raet einen neuen satz, an den
sich zur begründung v. 23, 24 anschliessen: er ist aus dem lande
weg nach dem osten geritten — was ja für einen friedlosen
keineswegs notwendig war — weil Dietrich ihn brauchte; sid ist
nicht adverbium, sondern konjunktion.
Heinzel hat gelegentlich hervorgehoben, dass unsere sage
von Hildebrand vor dem exil fast nichts zu berichten weiss.
Seine person ist mehr und mehr mit Dietrich verschmolzen. Das
Hildebrandslied ist der wichtigste zeuge dafür, dass er vormals eine
selbständige oder wenigstens selbständigere sagenfigur gewesen ist.
Die zur erörterung stehenden verse werden aber erst deutlich,
wenn wir diesen gesichtspunkt festhalten. Sie sagen uns, dass
Hildebrand geächtet worden; dass Dietrich dasselbe widerfahren
sei, ist nirgends angedeutet. Sie sagen uns, dass Hildebrand
mit Otacher in offene feindschaft geraten sei;«) von Dietrichs
Verhältnis zu Otacher schweigt das lied. Das Schicksal Hilde-
brands verkettete sich mit dem Dietrichs erst, nachdem Dietrich
eine Vereinigung mit Hildebrand herbeigeführt hatte. Hadubrand
scheint zu sagen, Hildebrand wäre im land geblieben, wenn
Dietrich ihn nicht hätte haben müssen: die Vorgeschichte seiner
reise nach dem osten ist also eine ganz andere als die Dietiichs.
Das persönliche erlebnis Hildebrands ist im liede deutlich genug
von dem Dietrichs gesondert. Es ist ja wahrscheinlich, dass
Hildebrand um Dietrichs willen in so widrige Verhältnisse ge-
kommen, in tätliche feindschaft mit Otacher geraten ist: aber
dass Dietrich irgend gegen Otacher sich aujfeelehnt habe, infolge-
dessen geächtet worden wäre, deswegen das reich hätte verlassen
müssen, davon finde ich nicht die leiseste spur, das haben zur
Verwirrung des fadens die erklärer in den text hineingetragen
(wie z. b. auch die annähme, der Huneo truhtin sei Attila). In der
tat handelt es sich zunächst um einen persönlichen konflikt zwischen
Hildebrand und Otacher, wie widerum Heinzel zuerst gesehen hat.
1) irrt gehört zu orrostüf emust^ wie Per Persson gesehen hat (Wunel-
erweitenmg s. 153 f.).
142 KAUFFMANN
Es ist ohne tatsächliche unterläge, wenn Kögel behauptet,
für Otacher als Dietrichs gegner gebe das lied das früheste
Zeugnis ab: gibt es denn dafür überhaupt ein.zeugnis ausser
dem geschichtlichen, wonach Dietrich über Odoaker triumphierend
von Italien besitz genommen hat? Und mit diesem zeugnis ist
das des liedes unter allen umständen unvereinbar. Vorschnell
hat man eine unerhörte Verwirrung der Überlieferungen an-
genommen. Ich lehne diese annähme, die über alle massen kühn
und gewagt ist, a limine ab und halte alle hypothesen zur er-
klärung dieser vermeintlichen geschichtsentstellung für über-
flüssig und für deplaciert. Man hat kein recht, dem liede die
ansieht aufzubürden, Dietrich habe — zum trotz gegen den
geschichtlichen verlauf — vor Odoaker aus Italien fliehen
müssen. Das steht nirgends im liede und ist nirgends voraus-
gesetzt
Der weg Dietrichs fülirte den alten Hildebrand an den hof
des Hunnenkönigs. Er hatte sich daselbst reicher ehrungen von
Seiten des hen-schers zu erfreuen und in dreissigjährigem kriegs-
dienst, der ihn an der spitze der beere von Stadt zu Stadt geführt
hatte, neuen rühm geemtet. In die gegen abend gelegene heimat
war aus den landen jenseits des oceans sage der männer gedrungen,
dass Hildebrand in den Hunnenkämpfen gefallen sei. Er aber hatte
siegreich allen stürmen stand gehalten. Seiner erscheinung nach
ein mit byzantinischer pracht {cheisuringu) geschmückter feldherr
hat er jetzt die vaterländische mark wider erreicht. Er marschiert
mit Dietrich zusammen und bringt ein hunnisches beer mit. Der
anmarsch desselben war von der gotischen grenzwache beobachtet,
der gotische heerbann war aujfeeboten und der hunnischen macht
entgegen geschickt worden. Aus beiden lagern gingen kundschafter
ab: Hildebrand von den Hunnen, Hadubrand von den Goten; sie
reiten üf die wart (nach mhd. Sprachgebrauch), und wenn man
vergleichen will, wird man nicht an Glaukos und Diomedes,
sondern an Alphart und Witege erinnern, für die genau wie in
unserem fall das beer Dietrichs und das beer des kaisers von
Rom den Untergrund bilden. Das sind die Voraussetzungen,
unter denen das Hildebrandslied beginnt. Alphart bindet sich
den heim fest, als er Witege anreiten sieht, als der ältere fragt
Witege den partner nach seinem namen, die Unterredung spitzt
sich immer feindseliger zu bis diu vräge nam ein ende, der vride
wart üfgegeben — es ist von nutzen, an diesen verlauf der dinge
DAS HILDEBRANDSUED. 143
im Alpbartlied zu erinnern, nm der typischen anläge solcher
scenen inne zu werden. Das alte lied beginnt:
Ik g^ihorta dat seggen dat sih urhettnn senon muotin
Hiltibraht enti Hadubrant untar herinn tuem
sannfataningo.
Der erste in seinem umfang keineswegs auffällige halbvers (Beitr.
12, 329) ist der unserer hs., welche ihn durch ihre Interpunktion
ausdrücklich markiert hat. Zu irgend welchen änderungen des
überlieferten liegt kein grund vor. Das dualische sunufatarungo
(MGller s. 87) schliesst die einführungsworte des dichters ab, kann
unmöglich zum folgenden gehören, dessen Subjekt der pluralis
helidos bildet, während der dualis an dem dualischen HilUbraht
enti Hadubrant seine natürliche anlehnung findet.
Für die erklärung des woii^es sunufatarungo sind neuerdings
durch Delbrück interessante parallelen beigebracht worden (Fest-
schrift für R. V. Roth s. 15 ff.). Seine deutung von an. feägar ist
zwar insofern nicht ganz richtig, als er übersehen hat, dass feägar
stets von einem pronomen begleitet ist. Nicht feägar, sondern
Peir feägar, viä feägar u. s. w. lautet der ausdruck. Delbrück hat
aber vollkommen recht damit, dass sunufatarungo wie peir feägar
nichts anderes heissen kann als vater undsohn. Sehr treffend
verweist er jetzt nach dem Vorgang von Justi auf die ' elliptischen '
duale des altindischen: miträ = Mitra und Varuna, dyävä = himmel
und erde. Wie nun aber dyävä altertümlicher ist als dyävä-
Pfrihivi, so wird der dualis *fatarungo (= plural. feägar) unserer
jüngeren bildung sunufatarungo vorausliegen. Ich kann mich nur
nicht entschliessen, -ung als ein suffix aufzufassen, welches wie
seinerzeit der dual die bedeutung von vater und söhn in-
volviere. *fatarungo (= feägar) hat mit bildungen wie got. brö-
Prahans nichts zu schaffen, hat nicht ^ durch das anders woher
entlehnte suffix den ausdruck der Zusammengehörigkeit wider
erhalten, der einstmals in dem dualis enthalten gewesen war'.
Das ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil *fatarungo die
alte dualendung bewahrt hat. *faärung : *faärtng kann über-
haupt nichts anderes bedeuten als abkömmling des vaters d. h.
söhn, fatarungo entspräche nicht einem aind. ptYar« (das * vater
und mutter' bedeutet), sondern hiesse als * elliptischer' dualis
* vater und söhn': nicht *sohn', sondern * vater' ist zu supplieren.
Dass nun aber die uralte bildung in später zeit volksetymologisch
umgedeutet und umgebildet worden ist, dass dabei irrtümlich
144 KAUFFMANN
fatar als staminwoi*t gefasst und sunu ergänzt worden ist, liegt
an sich so nahe, dass ich nicht erst in dem Untergang der alten
konstruktion (pronomen + fatarungo) den anstoss zu der Um-
bildung anzudeuten brauche.
Einfacher ist die aufwickelung der bei urliettun von Martin
verschuldeten Verwirrungen. Martin hat ahd. urheizzo arg mis-
verstanden. Im keron. glossar steht ^u^rpen^u^ : urA^jerjero. suspendere
heisst nun aber bekanntlich nicht bloss 'hängen', sondern auch
* unentschieden lassen, versprechen', und dass an der betr. stelle
diese letztere bedeutung gemeint ist, liegt auf der band, wenn wir
berücksichtigen, was vorausgeht und was nachfolgt. Wir finden
Ahd. gl. 1, 251 :
snspendit piheizit
poUicetnr piheizit
fatitur gihit
snspensns wrheizzo
dnbins zuuifalari
incertus unkhu/nt.
suspenstf^ ist auch in der guten latinität mit duhius synonym.
Wie nun aber an unserer stelle piheizit {suspendit) und urheizzo
(sf/ispensus) in ihrer bedeutung sich decken, so deckt sich in
anderer richtung got. bihaitja (kämpf er) mit urhetto des Hildebrands-
liedes (analoge bildungen sind got. dulgahaitja\ ahd. antheizzo,
schuldhaizzo), Got. bihaitja hat das subst. bihait (streit) neben
sich wie ahd. urheizzo das subst. urheiz (streit): so weit erstreckt
sich die Identität der beiden gruppen. Ahd. biheiz heisst jedoch
nicht streit (wie got. bihait), sondern gelöbnis; got. bihait : ahd.
biheiz verhalten sich also genau wie ahd. urhetto (kämpfer) : ahd.
urheizzo (dubius, suspensus). Mit hilfe von got. ushaitan (heraus-
fordern, reizen) lässt sich noch deutlich erkennen, wie die be-
deutungswandlungen verlaufen sind. Die grundbedeutung von
haitan ist bekanntlich 'einem etwas zurufen', und so heisst got
gahaitan entweder 'zusammenrufen' oder 'versprechen', und so
deckt sich got. ushaitan au& beste mit seinem griechischen korrelat
xQoxaXtlöd^ai, welches des Zusatzes fiaxioaad^ai nicht mehr bedarf,
um die bedeutung von 'zum kämpfe herausrufen' anzunehmen.
So gehen auch im ahd. urhetto reale und modale bedeutung neben
einander her, und die bedeutung 'dubius, suspensus' gibt keinen
anlass, Studentensitte auf altgermanisches reckenleben zurück-
zufahren.
In den folgenden versen wiixl man die präterita der haupt-
DAS HILDEBRANDSLIED. 145
s&tze als plusquamperfecta zu nehmen haben: die beiden männer
hatten sich schon fertig gerüstet, als sie zu dem nach dem äugen-
schein unvermeidlichen kämpf angeritten kamen. So fasse
ich die bedeutung von to dero hütiu. Das demonstrativum hat
deiktische bedeutung und verweist die hörer unmittelbar auf den
aogenschein. Die beiden späher reiten zunächst auf die übliche,
uns in ihren massen nicht bekannte aber zweifellos genau fest-
gelegte (und, wie v. 36 ausweist, für das Verständnis des liedes
wichtige) entfemung zu einander heran. Diese begegnung enthielt
für den mit dem äuge schauenden dichter wie für die mit aug
und ohr lauschenden hörer die wichtigste Vorbereitung auf das
folgende. Einem in der haltung des Hadubrand anreitenden
kundschafter war anzusehen, was für absiebten er verfolgen
werde, wenn er auf einen feind stossen sollte. Das ceremonielle
war ja im altertum so streng bindend wie im mittelalter. Es
konnte niemand im zweifei darüber sein, was geschehen werde,
nachdem die beiden des liedes die erwähnte Stellung eingenommen
hatten: alles ist auf die erscheinung berechnet, der dichter gibt
nur andeutungen. Hildebrand spricht. Schon sein anblick legte
dem Hadubrand schweigen auf, denn durch die hofsitte gebunden,
musste er dem älteren das erste wort lassen. Der dichter hebt
sogar die formalität des ersten gesprächs hervor. Es ist in der
kürze gehalten, welche bei ceremoniellen anlassen obligat ist.
Viel wird also von den Worten Hildebrands nicht verloren sein,
vermutlich nur der eine zweite und eine erste halbzeile füllende
korrelatsatz, der mit eddo begann, von welchem das äuge des
abschreibers auf das zweite eddo abgeirrt ist; wenn Kögels an-
nähme berechtigt wäre, müssten wir nach deutschem Sprach-
gebrauch nicht eddo, sondern enti erwarten (Zs. fda. 39, 333 anm.).
In die frage nach dem namen, vatemamen und der familie Hadu-
brands verflicht Hildebrand allgemeinere andeutungen über seine
eigene person. Den landsmann, der vor ihm steht, hat er sofort
als einen aristokraten des landes (fireo in folche) erkannt, und
kaum wird von einem wie von Hildebrand beim Gotenvolk die
sage verbreitet gewesen sein, dass er allüberall im königreich
bescheid gewusst habe; der vielerfahrene mann besass in be-
sonderem grade die kenntnis der personalien, mit denen er als
beamter seinem fürsten zu dienen hatte. So steht gleich nach
den ersten worten der vater fertig vor den äugen der hörer: der
alte, gewandte mann mit der weisen vorbedächtigkeit. Aber die
r«tgabt Ar SieTen. 10
146 KAüFFMANK
eine figor lockt ihre kontrastfigur. Reflexmässig stellt sich neben
ihn der jugendlich übereilte heissspom. Das ist das erste spannungs-
moment der handlung. Hadubrand verkennt von anfang an das
Verhältnis, von welchem Hildebrand als gegebenem ausgegangen
war, lässt sich vom äuge verführen, dass er nach rüstung
und gebahren einen Hunnen vor sich habe, und hält an diesem
auf augenschein gegründeten urteil mit leidenschaftlicher Zähig-
keit fest. Er hat ja gewisse Voraussetzungen, in die er sich seit
jähren eingelebt hat, für sich. Er hat es nie anders gehört, als
dass sein vater tot sei oder tot sein werde, dass er jedenfalls
verschollen sei. So gibt er pünktlich nach höfischer sitte auf
Hildebrands fragen antwort, aber seine gedanken weilen mit
Wehmut bei dem traurigen geschick des tapferen mannes, den er
nie mit wachem äuge geschaut hat. In die wehmut mischt sich
das feuer des ahnenstolzes, das der junker hell auflodern lässt,
um den vor ihm stehenden gegner einzuschüchtern und abzu-
schrecken. Die rede Hadubrands ist au& beste begründet, wie
schon Schröder (s. 16) gesehen hat. Aber sie ist am schluss
lückenhaft. Auf den ersten halbvers chud was her chonnem mannum
hatte ein zweiter zu folgen, danach eine auf l alliterierende
halbzeile, zu welcher nt tvaniu ih iu Üb habbe den hauptstab
bringt. Unmittelbar daran knüpft Hildebrand seine antwort, die
gleichfalls trümmerhaft auf uns gekommen ist. Aber eins ist
deutlich. Hildebrand hat sich als vater zu erkennen gegeben.
Das liegt schon in den werten des stillen gebetes, insbesondere
in dem ausdruck mit sus sippan man, der mit einer gegen das
eigene haupt gerichteten geste gesprochen worden ist (genau
wie in sus heremo man). ^ Tue kund, grosser gott, durch ein vom
himmel herab leuchtendes zeichen, dass du ebensowenig jemals
mit einem vater wie ich ein gericht einleiten wirst . . .', der ver-
gleichungssatz fehlt, wie der eigentliche inhalt der rede. Wettu
nehme ich als imperativ wet (= ahd. tveiaai tue kund) mit an-
gehängtem pronomen du. Die imperative der langsilbigen jan-
verba sind bekanntlich ursprünglich endungslos (vgl. ags. sec)j -i
beruht auf Übertragung von den kurzsilbigen: in einem denkmal
mit so altertümlichen sprachformen, wie das Hildebrandslied sie
noch bietet, wird die annähme der älteren form unbedenklich sein.
mit c. acc. ist sonst im liede nicht belegt, aber ohne anstoss
(vgl. MSD. 2, 6); dinc ni gileitos ist wörtlich zu nehmen: 'ein ge-
richtsverf ahren herbeiführen , einleiten wirst ' (W. Luft, Die ent-
DAS HILDEBRANDSLIED. 147
Wicklung des dialogs im alten Hildebrandsliede s. 27 f.): die
stelle ist wichtig für die auch sonst im lied hervortretende auf-
fassung, dass dem dichter der unvermeidliche kämpf als gottes-
gericht gegolten hat und dafür, dass wir es mit einer ganz
spezifisch christlichen formulierung zu tun haben. Als ausweis
seiner person und als treuezeichen (huldi) überreicht Hildebrand,
nach herkömmlicher sitte, auf der spitze seiner lanze goldene
armspangen mit eingelegter, das miniaturbild des kaisers als
prägung tragender byzantinischer goldmünze. Dass cheisuringu
giian heisst: *mit einer kaisergoldmünze versehen' wird voll-
kommen deutlich aus einer stelle in des Saxo Grammaticus
Historia Danica s. 185: rex precio opvs agnoscens, aureo torque
prolatOy legacianis premium pollicetur. Habebat namque torques
nexüia bullarum celamina intersitaque regum simulacra que ad
interioris fUi ductum nunc contraJii nunc dirimi possent, ornor
mentum luxui potius quam usui preparatum (vgl. P. E. Müllers
anmerkung). Hadubrand verspüi-t nichts von der treuen gesinnung,
die in den Worten und handlungen seines vaters liegt. Er ist
schon so mistrauisch geworden, dass eine allgemein übliche sitte,
dass ein treuesymbol ihm nicht zur besänftigung, sondern zum
Zeugnis dient, dass er tatsächlich einen Hunnen vor sich habe.
Die armspangen sind für ihn authentische dokumente der
hunnischen herkunft Hildebrands. Es ist von entscheidendem
wert für Hadubrand, diese dokumente in der hand zu haben.
Nun fruchtet nichts mehr.
Nach der anläge des gedichts war es absolut notwendig,
dass wir aus Hadubrands mund die Schicksale seines vaters
hGren und namentlich auch den Zeitpunkt festgelegt bekommen,
in dem Hildebrand nach dem osten weggeritten ist. Hadubrand
hat eine datierung für den ausmarsch gegeben, und zwar nach
seinem eigenen lebensalter. Jetzt auf der höhe der ent-
Wicklung gibt auch der alte Hildebrand eine datierung.
Es sollte der letzte schlagende ausweis seiner person sein.
Hadubrand ist aber längst mit seinem gegner fertig. Er wird
nicht einmal nachdenklich darüber, dass der vor ihm stehende
alte mann mit den dreissig jähren so genau richtig seine,
Hadubrands, eigene lebens jähre anzugeben wusste. Diese co-
incidenz der Chronologie wiegt schwerer, als die aussage alter
m&nner, die ihm erzählt hatten, dass Hildebrand nicht mehr am
leben sei Aber das bild eines leibhaftigen Hunnen, das er vor
10*
148 KAÜPFMANN
äugen hat — die dreissig jähre werden an Hildebrand nicht
spurlos vorübergegangen sein — , eines menschen, der meuchel-
mörderische absiebten durch prahlerei maskiert, der ebenso nichts-
nutzig und hinterlistig, als sein vater ehrlich und geradeaus ge-
wesen ist, der durch sein gebahren verrät, dass er zeitlebens ein
Schurke gewesen ist, mit seinem edlen vater also nicht das
mindeste gemeinsam haben kann — all das beherrscht die seele
Hadubrands und lässt die ruhige arbeit des kopfes nicht auf-
kommen. Ehe er einem Hunnen glaubt, glaubt er seinen ge-
währsmännern und fertigt den alten mit der bestimmten aussage
ab, dass sein vater tot sei. Die Situation von v. 29 ist also eine
ganz andere äIs v. 44. Das ist Hadubrands letztes wort. Er
ist empört über die Schändlichkeit des Hunnen, der das andenken
an seinen vater ihm trüben will und würdigt seinen gegner
keines Wortes mehr. Hadubrand hat sich mit seiner zweiten
rede vollständig ausgegeben. Es bleibt ihm nichts mehr zu sagen
übrig. Der dichter hat ihn auch nicht wider das wort nehmen
lassen: er redet nicht länger, handelt dagegen mit umso rück-
sichtsloserer entschlossenheit. Er macht sich kampfbereit, zeigt
durch seine bewegungen, dass der worte nun genug gewechselt
und legt aus. In dieses stumme spiel Hadubrands fällt die
letzte grosse rede Hildebrands, die in doppelter Steigerung das
zum einhauen losbrechende verhalten Hadubrands begleitet und
es dem hörer zur anschauung bringt, indem sie deiktisch darauf
verweist.
Im liede steht nicht bloss, Hildebrand habe die spangen
gereicht, sondern auch Hadubrand habe sie angenommen (infähan).
Es kann gar keine rede davon sein, dass Hadubrand die gäbe
zurückgewiesen hätte, die von so grossem wert für ihn sein
musste (s. 147). Der eingang der schlussrede Hildebrands nimmt
auch nicht bezug darauf. Sie ist vielmehr gegenstück zu
Hadubrands erster rede, genau so lang wie diese, und gibt uns
von den Schicksalen künde, die wir bereits in der beleuchtung
des Sohnes kennen. Worin Hadubrand falsch berichtet worden
war, das berichtigt der vater, dass er nicht tot sei, wenn er auch
den gefahren des krieges genau so lange ausgesetzt gewesen, als
er, der söhn, jetzt jähre zähle. Die Schilderung seines bewegten
lebens hebt den nekrolog, den Hadubrand dem vater gewidmet
hatte, auf. Als gegenstück zu dem, was Hadubrand von der
familie erzählt hat, dienen die worte Hildebrands:
DAS HILDEBBANDSLIED. 149
wela gidhn ih in dinem hrustim
dat du habes heme herron goten
dat du noh bi desemo riche reccheo ni wnrti.
Er muss sein vaterherz mit dem zufrieden stellen, was der
prächtige, im glänz der waffen und der kraft vor ihm stehende
Jüngling mit seiner erscheinung verkündigt: hell bricht die vater-
freude vor in wirksamem kontrast zu der düstem todeskunde,
an welche Hadubrand glaubt. Aber offenbar stehen wela v. 46
und welaga v. 49 in korrelation. Hildebrand sieht, dass der
gegenwärtige herrscher seinem söhne (una patemi mra animt)
wolgesinnt ist, dass er in wichtiger Vertrauensstellung bei ihm
steht, dass er ihn zum kundschafter gewählt hat. So winkt nun
auch ihm, dem alten, weitgewanderten der friede und die ruhe der
heimat. Gerade jetzt stellt ihn das Schicksal in wehevollen
konflikt, dem der vater mit der Schilderung seines ruhelosen
und friedlosen abenteurerlebens ausdruck gibt. Mit dieser Schil-
derung beabsichtigt er aber nicht bloss die schwere des konflikts
seinem söhn zu gemüt zu führen, sondern ihn auch davon zu
überzeugen, dass er tatsächlich seinen landesflüchtigen vater vor
sich habe, dass es leicht begreiflich sei, wie das gerücht von
seinem tod habe entstehen können. Mir ist unfasslich, wie man
den inneren Zusammenhang zwischen reccheo v. 48 und ih wallota
V. 50 zerreissen konnte. Auf der folie des landesflüchtigen hebt
sich die in der heimat zu ehren gekommene kraft des sohnes ab,
um gleich danach durch dunkle schatten überdeckt zu werden.
Die unmittelbare (prosaische) fortsetzung der worte Hadubrands:
tot ist Hiltibrant Heribrantes suno würden die worte Hildebrands
bilden: welaga nu waltant got wewurt skihit Aber der dichter
verstärkt diese inhaltschwere zeile, indem er den vater nicht
davon ausgehen lässt, wie es jetzt ist, sondern wie es jetzt
sein könnte. Man wird daher die Interpunktion nach wurti
V. 48 zu ändern und wurti: statt wurti. zu lesen haben. Kon-
trastierend ist die ganze rede Hildebrands gehalten. Dem heimats-
glück des sohnes stellt er das eigene ruhelose dasein, dem
siegerglück in der Vergangenheit den drohenden Untergang des
eigenen blutes, der blühenden kraft des Jünglings das verfallende
alter des greises gegenüber: so wirksam prägt der dichter in
dieser dreifachen kontrastfolge die furchtbare schwere des kon-
fliktes in Worten aus. Er entlässt uns aber nicht, ohne die
lösung dieses konfliktes in die ahnungsvollen worte zu kleiden:
150 KAÜFFMANN
ibu du dar enic reht hohes, Sie beziehen sich nicht auf das un-
mittelbar vorausgehende einzelne wort, sondern auf die ganze
Periode. Sie enthalten einen letzten appell an Hadubrand und
knüpfen an die ersten worte an, die Hildebrand gesprochen
hat (v. 30): *wenn alle meine worte nichts fruchten', will der
vater sagen, * so erinnere ich dich daran, dass du mit dem kämpf,
den du mir aufdrängst, in ein gottesgericht eintrittst, dass der,
welcher fällt, von der hand eines mächtigeren niedergestreckt
werden wird'.
Dieser glaube, den zuerst Heinzel in den Worten gefunden
hat, sichert den alten vor dem Vorwurf der nachweit, dass er ein
niäingsverk vollbracht, dass er das eigne kind eigenwillig um-
gebracht habe. Das ist der germanische fatalismus, der die
katastrophe des liedes für uns moderne in aristotelischem sinne
künstlerisch auslöst, aber in seiner realität der lebensauffassung
unseres heldenalters eigen gewesen ist, denn sehr treffend hat
Heinzel auf Waldere B v. 25 1 verwiesen :
)76ah msej ^^Z^ syUan se pe symie byO
reccend and nedend- ryhta jehwilces.
Auch an parallelstellen wie Alpharts tod 227. 266 dürfte zu erinnern
sein. Die letzte frage des vaters an den söhn, ob der kämpf
irgendwie ein rechtmässiger, erlaubter sein werde, ob er ihm
wol von vornherein zum heil ausschlagen könne, auch diese
fragen prallen ab, und so tritt jetzt der vater aktiv in den
kämpf, mit dem Schlachtruf, der die entscheidung darüber, wem
die Siegestrophäen verloren gehen, wem sie anheim fallen werden,
in die hand gottes legt. Deutlicher kann fürwahr die idee des
gottesgerichts vom dichter nicht formuliert werden. Folglich
sind alle erklärungen, welche dieser idee nicht gerecht werden,
zu verwerfen.
Eödiger nimmt (Zs. fda. 33, 413) nach v. 45 den ausfall
einer rede Hildebrands an, sieht aber wie andere eine lücke
hinter v. 48. Damit ist auch Steinmeyer einverstanden, nur will
er nicht v. 55 — 57 dem Hadubrand geben, sondern dem Hildebrand
belassen, will aber im einverstHndnis mit Rödiger ibu du dar
enic reht habes v. 57 als A'ariation zu ibu dir din eilen taoc v. 55
gefasst sehen. Das ist schon stilistisch ausgeschlossen, denn
Variation hört auf, wo das variierende erst nach langem Zwischen-
raum das variierte aufnimmt. Die ansieht Rödigers kann un-
DAS HILDEBRANDSLIED. 151
möglich bestehen, wie schon Martin gezeigt hat. Bödiger hat
1. nicht erklärt, wie der ausfall einer rede Hildebrands möglich
oder auch nur zn denken wäre bei einer versfolge:
tot ist Hiltibrant Heribrantes snno
Hiltibrant gimahalta Heribrantes suno
Hadubrant gimahalta Hiltibrantes snno,
2. nicht erklärt, wie Hadubrand v. 51 und Hildebrand v. 58 ein-
setzen konnten, ohne vom dichter mit den obligaten formein ein-
geführt zu werden, 3. nicht erklärt, wieso ibu du dar enic reht
hohes bedeute: *das recht auf die beute, welches der stärkere
besitzt". Mir ist auch nicht die entfernteste parallele dafür zur
band, dass reht jemals irgendwo so viel wie physische kraft
heissen, dass mit anderen Worten eilen und reht in der allitera-
tionspoesie variieren könnten.
Ich mache aber noch auf den Widerspruch aufmerksam,
wenn Hadubrant, der soeben von Hildebrand die goldenen arm-
ringe bekommen hat, mit einer rede beginnt, die nach Rödiger-
Eögel auf die waffenrüstung des mannes, statt auf seinen reichtum
verweist, und die, wenn Rödiger recht hätte, nicht von einem
herron goten, sondern von einem herron muten handeln müsste.
Was aber im munde Hadubrands die worte:
dat du noh bi desemo riebe reccheo ni wnrti
bedeuten sollen, wird Rödiger selbst nicht wissen. Denn wenn
er als sinn dieser zeile angibt: 'dass du in der heimat einen
guten herrn hast (präsens), und so lange er herrschte (Präteritum)
noch nicht vertrieben wurdest ' — so ist dies wertlos, aber aller-
dings an sich noch nicht so sinnlos wie die von Kögel gegebene
Übersetzung. Im munde Hadubrands kann heme nur aufs Hunnen-
land, bi desemo riche dagegen muss sich auf den herrscher Hadu-
brands beziehen, mit dem Hildebrand nach Hadubrands Über-
zeugung nie etwas zu schaffen gehabt hat.
Alle diese Schlimmbesserungen unserer hs. sind vom übel,
wenn es möglich ist mit dem texte der hs. fertig zu werden.
Es ist nichts zu ändern als in v. 51 die prosaische Wortfolge in
die poetische des Originals zu bringen. Der abschreiber hat
offenbar vergessen die Versetzungszeichen anzubringen (wie v. 61).
Es ist ebenso sicher sceotantero in fok zu lesen, wie die hs. fireo
in folche, folcJies at ente, pruti in hure bietet; der genetiv steht
immer voraus: iro saro, Hiltibrantes sunu, Otachres nid, degano
152 KAÜFFMANN
fUu, arbeo laosa, Huneo truhtin, wintro sehstic: bei solchem Sach-
verhalt würde in folc sceotantero nicht verteidijg^ werden können.
In der Schlusspartie des liedes nehme ich breton (ags.
breodwian) als ein denominativum, das sich zu mord verhält
wie mhd. hrehen : morgen; scritan setze ich gleich got. skreitan,
weil der Sprachgebrauch des liedes nicht mit hilfe des höfisch-
ritterlichen erklärt werden kann; stopiun wird aus staptun (mit
offenem a) verlesen und = ahd. staptun, staftun sein (vgl. Otfrids
intslupta), einen Schreibfehler vermute ich auch bei chludun und
lese mit Wackernagel chlubun. Von v. 63 bis zu den letzten
Worten unserer hs. ist nur von der Vernichtung der schutzwaffen
die rede: die lanzen in scharfem fing bohren löcher in die
Schilde, bleiben stecken und müssen abgeschüttelt werden. Die
kampfschilde {stmmhort) werden mit schwerthieben gespalten,
bis nur noch trümmer von ihnen übrig sind. Nach der aus-
dehnung dieser Schilderung dürfen wir annehmen, dass die fort-
setzung des waffenganges mit derselben epischen breite gegeben
worden ist, und dass vermutlich dem sagenumwobenen seh wert,
unter dessen streichen Hadubrand sein blut verlor, eine reihe
von Versen gewidmet waren.
IV.
Die frage, wie viel von dem stoff und von seiner ein-
kleidung der dichter seiner quelle entlehnt hat, ist ausser-
ordentlich schwer zu beantworten. Wir entziehen uns den
Schwierigkeiten, wenn wir einfach behaupten, dass volkstümliche
sage den bom bilde, aus dem der alte dichter geschöpft habe.
Es tritt bei unserem lied die freude an geschichtlichem
Stil so auffallend zu tage, me man sie bei einem märchen nicht
wird voraussetzen dürfen. Ein märchen schreitet nicht so ruhig
von tatsache zu tatsache wie unser gedieht. Es ist uns, wenn wir
uns in die erzählung vertiefen, als spürten wir festen historischen
boden unter uns. Dieses gefühl wird namentlich dadurch verstärkt,
dass wie zu eingang so in der mitte und gegen das ende rein
sachliche geschichtserzählung geboten wird. Dieses entschiedene
vorwiegen historischer Stilisierung eines bekannten, weitver-
breiteten märchenstoffes ist sonst nicht der volkssage eigen. Aber
bleiben wir bei diesem terminus, wenn wir uns nur bewusst sind,
DAS HILDE6RANDSLI£D. 153
dass er wie eine Scheidemünze ohne wert, so ohne inhalt ist.
Es sind zwei probleme, mit denen wir nns zu beschäftigen haben:
1. die geschichtserzählung, 2. das in den rahmen der geschichts-
erzählung gestellte märchen von einem vater, der den eigenen
söhn erschlagen hat — ein märchen, das nicht auf gotischer
Scholle gewachsen, nicht an gotische heimat gebunden, sondern
als Wandermärchen, als fliegendes novellenmotiv bei vielen Völkern
verbreitet gewesen ist. Uns interessiert die spezifische Ver-
arbeitung, welche dieses fliegende motiv in unserem lied ge-
funden hat.
Versetzen wir uns in den Zusammenhang volkstümlicher
geschichtsüberlieferung, wie sie neuerdings Ernst Bernheim ge-
schildert hat (Die sagenhafte sächsische Kaiserchronik aus dem
12. jh. Neues Archiv 20, 51 ff., Preuss. Jahrb. 81, 347 ff.). Ist's
geschichte oder sage, wenn alle byzantinischen historiker den
vater Theoderichs Walamer nennen, während doch ganz zweifel-
los Cassiodor und Jordanes recht haben, wenn er bei ihnen Theo-
demir und Dietrichs bruder Theodemund heisst. Es ist äusserst
schmerig, die begriffe geschichte und sage abzugrenzen, äusserst
schwierig, den für die menschen des frühen mittelalters geläufigen
inhalt und umfang derselben zu bestimmen. Gerade bei der ge-
schichte Theoderichs drängt sich diese erwägung in den Vorder-
grund, denn die Überlieferung über ihn und sein volk schillert in
zwei ganz verschiedenen färben. Die nationalgotische Überlieferung
finden wir vielleicht bei dem Anonymus Valesianus, die objektive
darstellung vielleicht am reinsten bei dem ausgezeichnet unter-
richteten Johannes von Antiochia (Mommsen, Hermes 6, 332 ff.).
Wollen wir uns vergegenwärtigen, was das Hildebrandslied
biingt, so werden in erster linie seine geographischen angaben
zu verwerten sein. Dabei kann aber nur ein einziges verfahren
gelten: die geographischen angaben lassen sich nicht von unserem
wissen aus bestimmen, sondern allein nach dem wissen der zeit,
welcher der dichter angehört hat.
Das wichtigste ist die nennung der Hunnen (vgl. über sie
Zeuss s. 595. 706, Müllenhoff, DA. 2, 379). Nach dem Sprach-
gebrauch des frühen mittelalters hat man darunter nicht bloss die
leute des Attila verstanden — dessen figur stark und schnell
verblasste — sondern insgemein die bis an die Baiemgrenze (die
Ens) heranreichenden auf der Balkanhalbinsel eingenisteten Avaren
und Bulgaren (Hermes 6, 349). Wenn unser dichter von einem
154 KAÜPFMANN
Huneo truhtin redet (wie die Lateiner von einem princ^s Hu-
norum), so hat man sich daran gewöhnt, danmter Attila zn ver-
stehen, ist aber allein dadurch in die grössten Schwierigkeiten
verwickelt worden. Sehen wir davon ab, wie wir uns der
deutung der kämpfe Hildebrands auf das Nibelungenlied endlich
entschlagen haben, und nehmen wir den bericht von dem auf enthalt
Dietrichs bei dem Hunnenfürsten zunächst rein geographisch, so
ist damit ausgesagt, dass Dietrich und Hildebrand in der südost-
ecke unseres Weltteils, auf dem Balkan und in den über die
Donau hinaus liegenden strichen seine militärischen erfolge erzielt
habe (nach Rabenschlacht 1029 grenzt Istrien ans Hunnenland).
Das ist nun insofern befriedigend, als tatsächlich Dietrichs an
rühm und ehren wie an kämpfen reiche abenteurerlaufbahn sich
auf dem Balkan abgespielt, als er sich tatsächlich mit Griechen
und Bulgaren herumgeschlagen, in der zeit da er seine strei&üge
von Epirus bis nach Pannonien ausgedehnt hat (vgl. auch Heinzel
s. 35 ff.). Als heimat Dietrichs und Hildebrands hat folglich
Italien zu gelten, der ocean (wentüseo Ahd. gl. 3, 14, 34) ist das
adriatische meer, über welches die seeleute gekommen sind, von
denen Hadubrand die irrige nachricht vom tode seines vatera
erhalten hat. Unser lied spricht von der Wanderung Dietrichs
aus Italien nach dem Balkan genau so als von einer ostwärts
gerichteten, wie gelegentlich ein Chronist den in Italien er-
scheinenden Theoderich als regem de Oriente venientem bezeichnet
(Hermes 6, 334).
Von den geschichtlichen angaben des liedes hebe ich die
bekannten 30 jähre hervor. Andere quellen setzen 32 jähre an.
Das sind genau die 32 (rund 30) jähre von 462, da Theoderich
nach Konstantinopel vergeiselt wurde, bis 493, als er den Odoaker
überwand und in Ravenna einzog. Die epische Überlieferung
hat diesen Zeitraum festgehalten. Das sind die lehrjahre, die
reckenjahre, die jähre der vergeiselung, der abhängigkeit von dem
Balkanfürsten, dem byzantinischen kaiser (vgl. cheisuringu v. 34).
Der Byzantiner war allmählich vergessen worden (Heinzel s. 56),
was aber der Anonymus Valesianus meldet, ist geblieben: Zeno
iiaque recompensans benefidis Theodericum quem fedt pairicium
et consulem, donans ei multum et mittens eum ad Italiam pro
merito laborum suorum (c. 49). Geblieben ist der sage der auf ent-
halt auf dem Balkan, und so konnte nach dem frühmittelalter-
lichen Sprachgebrauch für den kaiser von Byzanz der Balkan-
DAS HILDEBRANDSLIED. 155
herrscher, d. i. Huneo truhtin (= Zeno, nicht = Attila), für die
Byzantiner das Balkanvolk, d. i. die Hunnen eintreten, nm so
eher, als vielfache beziehungen der Got^n wie zu den Byzantinern,
so zu den Hunnen bestanden. Es sei nur an Theoderichs vater
erinnert. Erst in der zeit der Quedlinburger annalen (auch die
ags. quellen und der Bökstein wissen noch nichts davon) hat man
unter den Hunnen die des Attila verstanden, den namen des
Attila zugleich mit dem des Ermanarich ins leben gerufen. Um
dies zu verstehen, bedenke man, welche Veränderungen inzwischen
das deutsche geistesleben erfahren, in welchem umfang sich das
wissen und insbesondere die kenntnis der geschieht^ belebt
und ausgebreitet hatte. Im Hildebrandslied liegt noch kein
Zeugnis dafür vor, dass schon im 8. jh., in dem man von Attila
herzlich wenig wusste, Dietrich und Attila Zeitgenossen ge-
wesen wären.
Schwieriger ist die frage zu beantworten, welche Vor-
stellungen unser dichter von der geschichte Italiens gehabt
habe. Er nennt es ein königreich, bewohnt von den weithin
verbreiteten gotischen adelsgeschlechtem, die heimat Dietrichs,
Hildebrands und ihrer angehörigen. Das finden wir auch bei
den historikem, dass angehörige Dietrichs schon zu Odoakers
Zeiten in Italien gewesen sind. Nach Johannes von Antiochia
hat Dietrich den Odoaker mit den Worten niedergestossen: rovro
iativ o xai ov rovc ifdovg idQaöag und Ennodius gibt als Ursache
des krieges an: dum perduelles aninws in propinquorum tuorum
(d. L Theoderichs) necem Bomana prosperitas incitavit Aber un-
abhängig davon waren unserem dichter wie die Hunnen auf dem
Balkan, so die Goten in Italien zu hause (vgl. hierzu, was jetzt
Bemheim 1. c. für die an parallelen zur Dietrichsage so reiche
Herzog - Emstsage beigebracht hat). Von dem geschichtlichen
Odoaker weiss das Ued so wenig als von Attila oder Ermanarich.
Wäre der Odoaker der geschichte von der volkstümlichen ge-
schichtsüberlieferung festgehalten worden, so müsste wenigstens
von der feindschaft zwischen Dietrich und Odoaker die rede sein.
Davon weiss aber das lied nichts. Es weiss nur von einer feind-
schaft zwischen Otacher und Hildebrand. Erst in den Quedlin-
burger annalen taucht der historische Söldnerführer zugleich mit
Ermanarich, Attila, Bletla, Aetius wider aul Was unser altes
lied enthält, muss sorgfältig von den jüngeren durch gelehrte
geschichtskenntnis entstellten sprossformen fem gehalten werden.
156 KAÜFFMANN
Es geht nicht an, ein denkmal der Merowingerzeit an dem
massstab der karolingischen oder gar ottonischen renaissance
zu messen.
In das dunkel, welches Dietrichs Jugend dem äuge des
forschers verhüllt, vermag ich nicht einzudringen. Für meinen
nächsten zweck ist dies auch nicht erforderlich. Es genfigt zu
wissen, dass Italien für die volkstümliche geschichtsüberHeferung
als heimatland der Goten gegolten und die ahnen Dietrichs auf
dem thron gesehen hat. Selbstverständlich hat dann auch
Dietrichs Vorgänger, sein vater Theodemir, der Dietmar der sage,
in Italien residiert, und selbstverständlich ist er es, den Hilde-
brand mit den Worten rühmt:
wela gisihn ih in dinem hrnstim
dat dn habes heme herron goten
dat dn noh bi desemo riebe reccheo ni wnrti.
Das ist ungefähr der geschichtliche und geographische
rahmen, in welchem das wandermärchen von dem sohnesmord
erscheint. In welcher form mag dieses dem dichter unseres
liedes zur Verfügung gewesen sein?
Seine spezifisch germanischen züge hat der stoff durch die
flgur Hildebrands bekommen. Ueber sie müssen wir klarheit zu
gewinnen streben. Sie gehört vermutlich ebenso in die Ermen-
rich- als in die Dietrichsage und ist offenbar das bindegUed
bei der Verschmelzung der Ermenrich- und Dietrichsage ge-
wesen. Hildebrand ist dem namen nach nicht aus der geschichte
bekannt. Dass aber auch die wurzeln seiner persönlichkeit tief
ins leben und in die geschichte des Gotenvolkes hinabreichen^
ist auf den ersten blick klar. Nur dann begreift sich die be-
vorzugte Stellung, welche er bei dem gotischen fürstensohn ein-
nimmt. Welcher art mag nun wol der beruf des alten tapferen
ehrwürdigen landes- und volkskundigen vornehmen mannes ge-
wesen sein? Dietrich stand noch nicht im mittag seines lebens.
Welches amt führte den aristokratischen greis auf die bahn des
jungen thronfolgers, als dieser ihn zu sich berief?
Man hat längst bemerkt, dass die erscheinung des alten Hilde-
brand nicht ohne beispiel in der Gotengeschichte ist Man hat mit
recht an Gensimund erinnert, von dem Cassiodor (ed. Mommsen
s. 239) sagt: Extat gentis goticcB huius probitatis exemplum: Gensi-
mundiis iUe toto orbe cantabüis, solum annis filius factus, iania sc
Hamalis devoiiane coniunxii, ut heredibtis eorum curiosum exhibuerU
DAS HILDEBRANDSLIED. 157
famulatufn. Quamvis ipse peteretur ad regnum impendebat aliis
meritum suum et moderatissimus omnium quod ipsi conferH po-
ierat ille parvuUs exhibebat. Atque ideo cum nostrorum fama
cancelebrat: vtvit semper relationibus qui quandoque moritura
contempsit Sic quamdiu nomen superest Gotorum, fertur eins
eundorum adtestatione prceconium. Müllenhoff hat diesen Gensi-
mand als historischen voriäufer des mjrthischen Hildebrand er-
klärt (Zs. fda. 12, 254), ein wort, auf das ich mich nicht verpflichten
könnte, weil ich bei Hildebrand nichts mythisches finde, und weil
es solcher * Vorläufer' noch viele gibt. Es sind die majores
domus regice, von denen uns Cassiodor so leuchtende beispiele
hinterlassen hat (vgl. auch Mommsen, Neues Archiv 14, 514; Dahn,
Könige 7, 2, 187). Ich erinnere an den ostgotischen major domus
Wacca, von dem Theodahadus rex bezeugt (Cassiodor ed. Mommsen
s. 309): his etiam prcefecimus maiorem domus nostrce Waccenem
qui pro sua/rum qualitate virtutum bellatoribus esset iure reverendus,
cuius exemplo et excessu^ vitarent et fortitudinis instrumenta per-
quirerent Wie nahe steht dem, was wir von Hildebrand und
Gensimund hören, der bericht des Athalarich über seinen major
domus Tuluin (Cassiodor p. 240): egit de Hunnis inter alios tri-
umphwn et emeritam laudem primis congressibu^s auspicatus neci
dedit Bulgares toto orbe terribiles. Tales mittunt nostra cunabula
beüatores: sie paratos sunt manus, ubi exercetur animus, Nutritus
in otioso seruitio laboriosos subegit, et quod exercitatione non
didicit, virtus prona complevit Bediit subito ad principem vete-
ranus egressus primcevus ut non pacatis obsequiis, sed armis
semper studuisse crederetur. Hoc rimator ille actuum et bonorum
remunerator inspiciens vigorem Uli regice domtis virtutis con-
iemplatione commisit, ut quem ingeniosum bella probaverant, for-
tissimi regis consiliis misceretur ad invenienda subtilis, ad im-
plenda robustus, ad celanda cautissimus u. s. w. Hunc itaque
virum bellis eocerdtatum, felicitate darum, prudentia comprobatum
ad patridatus prcesentalis culmen eveximus. Hierher gehört der
bekannte Ptolomeus, den der sogen. Fredegar (c. 57) mit der
person Dietrichs so eng verknüpft wie die epische Überlieferung
den Hildebrand, wenn er meldet: quidam ex senatoribus vehe-
menter cum Theuderico amicida^ inians quo u^que die ovetus
custudivit; er hatte sitz und stimme im rate seines herm, Sprüche
voll lebensweisheit sind ihm in den mund gelegt, und seine
klugheit hat widerholt dem Dietrich das leben gerettet. Die
158 KAÜFFMANN
Gesta Theoderici nennen ihn mehrfach: unus senatorum nomine
Ptolomeus Theodorico amicissimus oder Piholomeus vir senatoris
ardinis providus consiliis, qui fidissimus amicorum Theodorici dum
esset et ab adolescentia viri amicittce foederatus nulla poterat in
eins odium calliditate defteeti Der name Hildebrand könnte
wol von einem Byzantiner mit Ptolemeus übersetzt sein; an
ihn würde man ihn jedesfalls zuerst anzulehnen haben.
Männer solcher art sind jedoch nicht bloss bei den Gk)ten
zu finden^ schon weil diesem volk das amt des major domus nicht
eigentümlich ist. Sie dürfen so wenig isoliert betrachtet werden
als ein denkmal unserer alten poesie, zu deren stehenden figuren
der major domus gehört (R. M. Meyer, Altgermanische poesie s. 3).
Der dragoman fällt freilich nicht hierher (MSD. 2, 306), auch der
spielmann nicht (Neidhart 93, 17). Wir haben es vielmehr mit
bevorzugten hofbeamten zu tun (wie z. b. Ruodlieb 2, 9 ff.), die
nicht bloss dem fürsten persönlich am nächsten stehen, bei denen
auch die entscheidung in diplomatischen Verwicklungen liegt. Sie
vereinigen, wenn moderne termini erlaubt sind, die funktionen
eines ministerpräsidenten mit denen eines generalstabschefs; am
zweckmässigsten betrachten wir den major domus als den obmann
der gefolgschaft sowol in diplomatischen als in militärischen an-
gelegenheiten. Insofern ist der übliche name dieser hofbeamten
durchaus zutreffend, wenn wir sie als hofmeister oder kurz als
meister bezeichnen. Da sie bekanntlich auch für die erziehung
der fürstenkinder, namentlich des thronf olgers verantwortlich
waren (Waitz, Verfassungsgeschichte 2, 2, 69 ff.), verkörperte sich
in ihnen die gute alte tradition der ahnen, waren sie die hüter
edler zucht und Ordnung. Fredegar rühmt z. b. von dem major
domus Beitoaldns (gener e Franctis, major domus palacii Teuderici):
erat morebus mensuratus, sapiens et cautus, in prüio fortis, fidem
cum Omnibus servans; und von Sigivaldus: cui rex omnia tractatus
sui prcedpua arcana pandebat, qui ipse summus inter proceres
cunctos suo ingenio pra>ecellebat, qui tunc primus habebatur,
familiaris et carissimus. Der major domus Aega war es cui
Dagobertus moriens filium Chlodoveum cum regno commendaverat.
So sagt Hildebrand zu Dietrich:
inwer vater gap inwer hant
dnrch trinwe in die mine
deich lach und aUe die sine
in miner pflege solte han (Biterolf 7988 ff.),
DAS HILDEBRANDSLIED. 159
und ein andermal hören wir:
na ist der künec Dietmar tot . . .
Dietheren unde Dietrich
die zoch ein herzöge rieh
Hildehrant der alte (Dietrichs fincht 2533 ff.).
Wie Hildebrand, so ist der Wate des Gudrunliedes als meister
gedacht:
er zoch in (Hetele) vliziclichen
er lerte in alle tngende, er liez in nz der hnot« niht entwichen (str. 205).
So ist denn auch Wate schimimeister (str. 363. 365, vgl. Biterolf
2134), und der Hagen des Nibelungenliedes scJharmeister im felde,
diplomat am hofe und als solcher mit der alten formel cha-
rakterisiert: dem sint kunt diu riche und auch diu vremden laut,
womit man vergleiche Virginal 750:
des antwurte ime her Hiltehrant:
mir sint der lande vil erkant
mit zühten und mit eren
ich han onch strite vil get&n n. s. w.
oder Virginal 910:
im warn die strazen alle hekant
dar zno die stigen dnrch daz lant,
vornehmlich jedoch das selbstzeugnis im alten liede: chud ist mir
al innindeot
Wate, Hagen, Hildebrand wurzeln gleichmässig in dem hof-
meisteramt des deutschen altertums. Das ist das wesentlichste
f&r das Verständnis ihrer epischen rollen. Es ist dieses amt für
alle Germanen bezeugt, für die Groten, Burgunder, Wandalen^
wie für die Langobarden, Franken, Angelsachsen und Skandi-
navier. In unserer epischen Überlieferung ist es bevorzugt. Schon
Müllenhoff hat gesehen (Zs. fda. 11, 280, DA. 5, 289), dass von den
gewiss vielfach variierenden epischen benennungen dieses hof-
amtes uns jedenfalls eine einzige aus dem altertum behalten ist:
ags. Pyle, anord. Jmh (vgl. den Goten TuJmn). Der scop, der
gleoman ist im Beowulf scharf vom Pyle unterschieden. Unferö,
der PyU HroJ>2ars, der dem Beowulf das schwert Hunting ge-
liehen hat, dieses kleinod aus alten zeiten, ist der erste am hof
gewesen, denn er war eifersüchtig darauf:
pflet senij oöer man
sefre mseröa )>on ma middanjeardes
jehMde ander heofenom ponne he sylfa (v. 503 ff.).
160 KAUFFMANN
Er ist im voraus genau über Beowulf orientiert: edlfela eald-
sesegena worn ^emunde; vermöge seines Verstandes ist er der
eigentliche Vertrauensmann des königs und der königin: ^ehwyU
hiora his ferhöe ireowde. Man denke an das Verhältnis des
WidsiJ> zu seiner königin, an dessen ausserordentliche kenntnis
der lande, der fttrsten und der Völker, und man wird nicht
länger ihn als spielmann, sondern als hofmeister (d. i. pyle) be-
trachten. Zweifellos haben wir in Pyle eine der amtsbezeichnungen
des alten hofmeisters und zwar diejenige, welche von der für seine
amtsführung besonders wichtigen redegabe hergenommen ist
(vgl. die kentische glosse rheihoncsi : pelecrceft). Dass diese dem
hofmeister eigene fertigkeit und kunst der rede vornehmlich als
herrschaft über die poetische technik verstanden wurde, ist bei
der beschaffenheit unserer ältesten poesie selbstverständlich und
geht aus dem gebrauch von anord. puh schlagend hervor. So
lange das amt des *J>ulü im germanischen altertum bestand —
die jüngeren entwickelungen desselben kommen nicht in betracht
— wüsste ich die leistung desselben nicht treffender zu definieren
als mit der treffendsten Übersetzung des wertes *pulie, d. i. Sprecher
(vgl. auch Jönsson, Den oldnorske og oldislandske litteraturs
historie 1, 78 ff.), und wenn Oj>inn als fimbuipulr bezeichnet worden
ist, so verstehe ich dies so, dass analog dem irdischen hofamt auch
in Asgarör das sprecheramt vergeben war, und in diesem amt
liegt Oj>ins rolle als freund der Skalden und als gott der dicht-
kunst beschlossen. Sehr gut hat Müllenhoff hervorgehoben, dass
die Zuhörerschaft des pulr als das kriegerische gef olge eines f ürsten
gedacht war. Mit dem aristokratischen Charakter des hofamts
ist aber Müllenhoffs ansieht, dass der ]>ulr zu den besitzlosen
fahrenden gehört haben könne, ganz unvereinbar. Der ^ulr ist so
wenig als fahrender spielmann aufzufassen, als der ßulr Starkapr
(vates) etwas mit dem histrio gemein hat (Saxo Grammaticus
s. 279 f.; 302). Nichts in unserer Überlieferung berechtigt oder er-
laubt uns, den pulr irgendwo anders als unter der vornehmsten hof-
geseUschaft zu suchen. Nur in diesem sinne vermag ich Müllenhoff
recht zu geben, wenn er behauptet, dass Aiepulir ehedem die träger
und pfleger der gesamten poetischen Überlieferung gewesen seien.
Mit freuden trete ich dieser behauptung bei und begrüsse sie
als den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis unserer gesamten
altgermanischen epischen Überlieferung. Von selten dieser Über-
lieferung liegt bekanntlich nichts, rein gar nichts vor, was uns
DAS HILDEBRANDSLI£D. 161
veranlassen könnte, diese poesie ausserhalb der aristoki-atie des
hofes zn suchen, die im *p^diz als dem ducum vates (Saxo Gram-
maticus p. 312) ihren obmann und ihren Sprecher gesehen hat.
Das Urbild ist Starka)?r {piilr im Vikarsbalkr, vates bei Saxo);
er gehört in eine reihe mit Wate, Hagen, Hildebrand. Sein
epitheton omans ist 'senex'; ob incredibileni corporis animique
prestantiam war er in die gefolgschaft des Frotho gekommen
(exercens animum cum corpore) und dessen contubdalis geworden,
und der dänische geschichtschreiber rühmt ihn, wie die Goten und
Franken die hofmeister ihrer fürsten, mit der formel: ut nulli
mortalium mrtute cedere putaretur, cunis tarn late patens claritas
fuit, ut adimc quoque celeherrinia factorum eins ac nominis opinio
perseveret. Saxo hebt als typisch hervor quam remotum a lascivia
animum habuerit, cuius plerisque formidolosa virtus exstabat
Er hat am hof ampliss'imum dignitatis gradum, Frothonis cultum
inextricabilis amicicie hamis cofnplexus, und als Frotho starb,
übernahm Starka)?r bei dem thronfolger Ingellus das amt des
tutor (hunc sibi olim a patre iutoi'em datum, infancie sue indulgeth
tissimum extitisse custodem, sagt Ingellus). Was brauche ich an
Hildebrand zu erinnern? Der typischen formelhaftigkeit wegen
führe ich noch die prädikate auf: nimquam bellorum exercido
abstitit; summus vite periculis impUcatus; viator . . . extimos orbis
populos lacessens; adversarios prlus dictis quam armis cotUetnnendos
putabat; als dichter tätig und gefeiert, kleidet er seine spruch-
weisheit gern in kernige formein u. s. w. Als disertissimus ist er
ein genösse des Ericus disertus {Eirikr htnnmulspaki), dessen
mund weiser Sprüche voll gewesen ist, dessen beiname ihn schon
als ]>ulr kennzeichnet, dessen Stellung am hof sein amt als
meister betätigt. Er ist der zweite namhafte Vertreter des
hofmeisteramtes in Saxos dänischer geschichte: ad summum
humane sapiencie pondus evasit, heerführer und ratgeber seines
jungen königs, hat er als kundschafter (wie Hildebrand) über
den feind aufzuklären, und gerade in dieser Vertrauensstellung
kennen wir auch denjenigen hofmeister, den in typischer prägung
die sagalitteratur aufweist. Ich meine den alten Gizurr der
Hervararsaga, den föstri des königs Heiörekr und seines solines
Angantyr, dessen berater er ist wie Ericus der des Frotho.
In der hirö des Angantyr hat GizuiT den ersten posten, auch er
ein meister des Wortes und des Schwertes, der es im hohen alter
dem jüngsten gleich tut. Von Vertretern des amtes in der mhd.
FMigBbe für Sieven. H
162 KAÜFFMANN
epik sei nur der alte Berhtunc genannt, aus der sage Iring der
ratgeber des Irminfrid. Von Sabene im Wolfdietrich meinte
Heinzel (Wiener Sitzungsber. 119, 68), er entspreche einem mero-
wingischen major domus, und nicht zu vergessen wäre der gute
meister Athelbrus in Hornkind und Maid Rimenild (J. Grimm,
KL Sehr. 6, 51. QF. 45, 12. 16, 67). Vielleicht ist in diesem Zu-
sammenhang auch mengl. stiward von bedeutung. <) Eine weitere
benennung des hofmeisters wird uns jedenfalls in siniscalcus, ver-
mutlich in anord. trausti, mhd. trdst bewahrt geblieben sein.
Denn wenn einer, so hat der Qrlunga-, Aumlungatrausti Eckehart,
der getreue mann, der hofmeister der Harlunge die alten züge
bewahrt. So war auch Hagen den Nibelungen ein helfeliclier
tröst Wir werden mit diesem wort widerum in die alt-
germanische hofhaltung geführt mit ihrer truMis und ihren an-
trustiones, deren oberster, deren meister ein ^trausta- gewesen
sein wird.
Das wesentlichste für das Verständnis der rolle des alten
Hildebrand dürfte mit dem nachweis erbracht sein, dass er seiner
amtlichen Stellung nach als historisch, seinen persönlichen eigen-
schaften nach als poetisch, d.h. als typische figur der alten poesie
angezeigt worden ist. Es handelt sich nunmehr darum, fest-
zustellen, welch weitere typische oder individuelle züge in seinem
bild erscheinen, und hierzu muss in erster linie die Verbreitung
des um ihn sich rankenden Stoffes festgestellt werden.
Für Hildebrand und Hadubrand fehlen Zeugnisse aus England
vollständig (Beitr. 20, 214), denn Hyldebrant und Herebrant, mit
denen Hom drei tage lang zu kämpfen hat, deren bruder Gode-
brant heisst, haben offenbar mit den personen unseres liedes nichts
gemein, so wenig als die Wyliinsas des WidsiJ^ und des Beowulf
oder die Ylfingar der nordischen genealogien. Sind diese doch
schon geographisch nicht auf eine ostgotische familie zu deuten
(Beitr. 4, 176). Beachtenswert ist jedoch, dass sowol in England
als in Skandinavien die ostgotische Ermanarichsage sehr frühzeitig
bekannt geworden ist.
Wichtiges zeugnis für das märchen von Hildebrand und
Hadubrand liegt in der isländischen Asmundai*saga Kappabana
vor. Die prosa ist für unsere zwecke wertlos. Alte Über-
lieferung steckt dagegen in den visur, nach denen die prosa-
^) Gehört auch langobard. wanteporo, ags. toödbara hierher (QF. 75, 45)?
DAS HILDEBRANDSLIED. 163
erzählung gearbeitet ist. Diese visur haben wir aber be-
kanntlich in doppelter fassung: 1. in der zu anfang des 14. jh.
auf Island geschriebenen Stockholmer hs. der saga, 2. in des
Saxo Grammaticus Historia danica (s. 356 ff.). Bei Saxo sind sie
verflochten in seine Halfdanarsaga bjargrama, die, wie es scheint,
norrv'egischer herkunft ist, aber nach Olriks annähme dänische
bestandteile enthält (Olrik, Sakses oldhistorie s. 81 ff.). Gerade
die Hildebrandsage gehört nach Olrik dänischem Sagenkreis an.
Der name Hildegerus, den Hildebrand bei Saxo führt, erinnert
zunächst an den Deutschen Hildigisleus {claro Teutonum loco
ortus s. 338): das sind, von Haraldus Hyldetan abgesehen, die
beiden einzigen namen mit Uildi- als erstem glied, welche in des
Saxo Grammaticus geschichtswerk vorkommen, und den einen
der träger bezeichnet der autor selbst als Deutschen. Olrik hat
in seinem Forseg pä en tvedeling af kilderne til Sakses old-
historie p. 93 mit recht hervorgehoben, dass der deutsche name
für einheimisch dänische sage charakteristisch ist. Es ist aber
äusserst wahrscheinlich, dass der name HildigeriLs für Saxo
gleichfalls ein fremder gewesen ist. Es liegt nahe anzunehmen,
dass er eine danisierung von Hildibrandr (beachte die Umsetzung
von Hiliihrant zu Hütibraht in unserer hs.) sein soll, denn namen
auf -gerus sind dem Saxo ganz geläufig (und -ger für -geirr spräche
für Dänemark, wenn auch darauf kein gewicht zu legen ist, s.
Olrik, Kilderne 1, 79), den namen Brand kennt Saxo aus noiTönen
quellen (vgl. Brander s. 250), vollnamen auf -brand sind ihm
ganz unbekannt; die dem 11. jh. angehörenden bischöf e Gerbrandus
und Rimbrandus (d.i. Reinbrandus), von Saxo im 10. buch behandelt,
aus Adam von Bremen gleichfalls bekannt, sind wie ihre kollegen
Henricus, Lefdagus u. a. selbstverständlich Deutsche gewesen.
So spricht alles dagegen, dass von Hildebrand dänische
sage umgegangen sei, es spricht alles dafür, dass Saxo die norröne
erzählung vorgelegen (vgl. auch Olrik, Kilderne 2, 246) und er
den ihm fremden namen Hildibrandr zu Hildigerus danisiert
habe; der beispiele, in denen seine namen von denen seiner quelle
abweichen, sind ja viele; wir wissen jetzt durch Ohik, dass da-
hinter nicht volkstümlich dänische Überlieferung gewitteit
werden darf.
Charakteristisch für die nordische Überlieferung ist allezeit
und in allen fällen die reiche Verästelung des stilistisch-formalen.
So auch bei Hildebrand. Die märchenhafte färbung des Stoffes
164 KAÜFFMANN
ist satter geworden. Bei Saxo gibt ein schwertraärchen anlass
auf Hildiger zu sprechen zu kommen, von dem er weiss, dass
er ccedium semper appetens omne cetatis teinpus armis exegit
und so hat sich auch in der isländischen saga das berserkmotiv
ankristallisiert. Haidan, der gegner des Hildiger, hat, so erzählt
Saxo, von seiner mutter zwei uralte Schwerter bekommen (avitos
a matre gladios recepit, quorum alter Lyasingus alter Hwytingus
oh colliniati acuminis nitorem vocabulum habuit). Hildiger weiss,
dass Haidan, der diese zauberschwerter führt, sein eigener bruder
ist und will nicht gegen ihn fechten. Er verstand sich zwar
auf Schwertzauber (hebetandi carminihus ferri peritus), scheute
aber davor zurück, in einen verwantenmord (parricidium), das
schwerste aller verbrechen, verstrickt zu werden {maximo im-
plicari scelere). Schliesslich entscheidet er sich aber doch zum
waffengang, fällt durch das zauberschwert des bruders und er-
zählt sterbend seine Schicksale, darunter den durch ihn ver-
schuldeten tod seines leiblichen sohnes.
Auch in der isländischen saga spielen die beiden zauber-
schwerter die hauptroUe. Jeder der brüder ist mit einem der-
selben versehen. Da wir nichts davon zu hören bekommen, was
in der band des Haldanus die beiden Schwerter zu leisten hätten,
wird die saga der urform getreuer geblieben sein, wenn sie so-
wol dem einen wie dem andern bruder eins der wunderschwerter
in die faust gibt.
Nun fällt aber der in diesen nordischen berichten im mittel-
punkt der erzählung stehende brudermord für uns ganz weg.
Vermutlich ist der brudermord eine spezifisch nordische aus-
gestaltung des märchens vom sohnesmord, denn es ist bekannt,
wie geläufig den sagamännern der brudermord, wie fremd der
nordischen Überlieferung der sohnesmord gewesen ist (Detter,
Beitr. 18, 83, Olrik, Küderne 2, 56. 84 u. ö.).
Von bedeutung ist für unser problem nur die frage, ob
die novellistische rahmenerzählung, das schwertmärchen, — nicht
in seinen einzelnen vielen berichten gemeinsamen motiven, sondern
in seiner totalität — erbgut der sage gewesen ist oder nicht.
Hat die sage unter den Ostgoten und den Franken auch etwa
so gelautet, dass Hildebrand mit seinem von den ahnen ererbten
zauberschwert den söhn getötet habe? Ganz müssig und ganz
verkehrt ist es, mit Vigfusson, Detter u. a. zu vermuten, Hal-
danus -Asmundr vertrete den Hadubrand des deutschen liedes.
DAS HILDEBRANDSLIED. 165
Das ist sicher falsch. Der kämpf mit dem söhn ist ja als eine von
dem brudermord gänzlich unabhängige Überlieferung in unseren
nordischen quellen festgehalten. Wir haben es nicht mit dem füi-
den norden typischen motiv des brudermordes, sondern mit dem
offenbar aus Deutschland eingewanderten märchen vom sohnes-
mord zu tun. Dieses wandeimärchen hat sich im norden ver-
ästelt wie die eisblumen und mit diesem Wachstum der sage im
norden haben wir uns nur zu beschäftigen, soweit die schwert-
sage in betracht kommt. Der dem norden fremdartige sohnes-
mord ist verkümmert, also sicher entlehnung aus der fremde,
aus Deutschland.
Hildigerus ist als söhn des Gunnarus in die erzälilungen des
Saxo verflochten, welche den Untergang des alten heldengeschlechts
zum gegenständ haben. Wie Olrik (Zs. d. ver. für volksk. 2, 367)
wahrscheinlich gemacht hat, ist die geschichte von Gunnarus und
Drötta, den eitern Hildigers, ein in ganz Skandinavien heimisches
märchen, anderes hat Saxo aus isländischer, anderes aus dänischer
quelle. So schiessen aus allen himmelsrichtungen die atome zu-
sammen und erzeugen die eigenartigen, seltsamen gebilde, die
wir in des Saxo Grammaticus geschichtswerk lesen. Wie er
Hildibrandr in Hildiger danisiert hat, so Asmundr in Haldanus
(vgl. Olrik, Kilderne 2, 84). Allerdings sind die namen der saga
verdächtig, weil bekanntlich in ihrer prosa die mutter der brüder
Hildr, in den alten visur dagegen, wie bei Saxo, Drött heisst.
Sie, die tochter des Regnaldus, hatte zuerst den Gunnarus zum
mann. Aus dieser ehe stammt Hildigerus. Später heiratete
Drota den Borcarus, den freund des Alf, den vater von Haraldr
Hilde tann (dessen mutter Gr6 heisst) und von Haldanus (dessen
mutter Drota). So ist also Haldanus, der bruder des Hildigerus,
in die genealogie von Häraldr verflochten, und dieser hat be-
kanntlich auf Island eine ganz andere genealogie (Hyndlolj. 29).
3Iit dieser tiefergehenden und weiterreichenden differenz wird
also die Verschiedenheit der namen Haldanus- Asmundr zusammen-
hängen. Daraus dürfen wir aber wol eine bestätigung dafür
entnehmen, dass von Saxo die isländische erzählung in den
rahmen dänischer tradition gestellt ist. Auch die geographischen
namen sind in der saga andere als bei Saxo. In der saga findet
der kämpf zwischen Hildibrandr und Asmundr am Ehein statt,
nach Saxo liegt der kampfplatz in Russland. Man zerbreche
sich darüber den köpf nicht. Das eine ist so belanglos als das
166 KAÜFFMANN
andere: die lokalisienmg am Bhein weist auf andere stilmuster
als die lokalisierung in Kussland: jene deutet auf romantische,
diese auf wikingische stilform. Es wäre ganz verkehrt, die betr.
angaben als erzählungstatsachen statt als erzälilungsformen
zu betrachten. Das ist der oberste gesichtspunkt bei jedweder
Sagenforschung: die Verschiedenheit der dekoration ist bedingt
durch die Verschiedenheit der stilformen und der litterarischen
muster.
Es ist absolut sicher, dass der dänische historiker die nsur
der Asmundarsaga ins lateinische übersetzt, aus den ihm zu-
gänglichen florilegien die anklänge an die lateinische dichter-
sprache gesanmielt (Stephanius, Notae uberiores s. 161 f.), und so
allerdings einen überschuss über die visur der saga erzielt hat.
Dem Hunakappi entspricht ein miles, der Euthenorum pug^iles
ad secum dimkandum herausfordert, denn Rutheni und Huni
gebraucht Saxo in seinem geschichtswerk promiscue (z.b. s. 231 ff.).
Diese kämpfe Hildebrands im Hunnenland kennt das alte deutsche
lied ebenso, die Übereinstimmung ist ebenso vollkommen, wie in
den angaben der Nordländer über Hildebrands familie. Unklar
sind nur die worte der saga: liggr at hgföi, nachdem voraus-
gegangen war: stendr mer at ligföi hlif in hrotna. An sich ist
es recht unwahrscheinlich, dass Hildebrand sich zu häupten den
Schild auf der leiche des sohnes so aufgestellt habe, dass die
auf dem schild angebrachten bildlichen darstellungen sichtbar
blieben. Die worte bedeuten vielmehr, dass Hildebrand die
Schild trümmer so aufgestellt habe, dass sie als lehne für den
köpf dienen konnten: für die leiche des sohnes ist kein platz zu
häupten des vaters, wol aber auf dem zu häupten des vaters
lehnenden schild. Was die prosa der isländischen saga bringt,
ist völlig wertlos, und ich verstehe nicht, wie Detter von mis-
verständnissen Saxos reden konnte, während sie doch offenkundig
dem sagamann mit unterlaufen sind.
Die wichtigste abweichung der visur und Saxos von dem
ahd. lied bilden die zauberschwerter und der scliild. In unserem
denkmal ist weder vom einen noch vom andern in bedeutsamer
weise die rede. Saxo und visur dagegen stimmen sehr genau
überein: tveir vöro Buöla tMutar svd hgföu dvergar smidat = gladios
exquisita fabrorum opera decussaii {quorum alter Lynsingus alter
Uwytingtis oh coüimati aeuminis nitorem vocabulum habuit) und
vom schild heisst es: eru par tuldir tigar ins dtta manna }>eirra
DAS HILDEBRANDSLIED. 167
er ek at morjn varß = septuaginta . . . confectos proceres pugi-
lesque subactos, bella quoque et nostras facinus spectabile dextrcB
multicolor pictura notat.
Was nun das von Hildebrand gefülirte zauberschwert be-
trifft, so möcht« ich vermuten, dass er es auch in der deutschen
Urform der sage zu eigen gehabt haben werde, weil er doch
wol nicht zufällig den namen Hilde br and trägt und weil
brafid nichts anderes als schwertklinge bedeuten kann. Zur
bestätigung dient nicht bloss, dass auch unsere deutsche Über-
lieferung noch beispiele von schwertmärchen in reicher zahl
kennt (z. b. Rolandslied 3301 ff.. Rother 4160 ff.. Heimlich von
Veldeke 5726 ff., Wolfram Parzival 253, 24 ff. u. a.; ich erinnere
an Balmunc, Welsunc, Nagelrinc, Mimminc, dag alte sah^ im
Biterolf, an Hrotti der V(jlsungasaga und Hnmting des Beo-
wulf U.S. w.; an Uiiiand, Schriften 1, 289 ff.). Für Hildebrand haben
wir aber noch ein weiteres unabhängiges zeugnis darin, dass,
i^ie sonst die zauberschwerter namen führen, die klinge des
alten Hildebrand in Alpharts Tod Brinnig heisst (in auffallendem
anklang an -brand), in der piörekss. Lagulf, ^) in jüngeren
deutschen quellen Freise, Aus solcher Übereinstimmung der
nachricht^n werden wir schliessen müssen, dass in der tat das
märchen von Hildebrand und Hadubrand ein schwertmärchen
gewesen ist.
Schildsagen sind in Deutschland nicht geläufig. So oft
von Hildebrand und seinen waffen in deutschen quellen die rede
ist, hören wir nie etwas von besonderen eigenschaften des von
ihm getragenen Schildes. So ist also von vornherein äusserst
unwahrscheinlich, dass auch des Hildebrand schild, nicht bloss
seine klinge, sagenmässiger bestandteil alter Überlieferung ge-
wesen sei. Heinzel und Detter haben sich auf die Hrolfssaga
Gautrekssonar bezogen. In dieser saga soll porir Jamskj^ldr
= Hildebrand sein (ein wunderschwert des pörir ist im S^rla-
J>4ttr c. 9 erwähnt). Das älteste zeugnis für die Identität der
figuren soll Hyndlolj. v. 25 vorliegen, wonach pörir Jarnskj^ldr
zur hirö des Hrölfr in gamli gehöre, von J^rmunrekr abstamme:
also (Ätgotischer sagenheld sei Mit Jönsson (Den oldnorske og
oldislandske litteraturs historie 1 , 200) muss ich es in anbetracht
Diese saga weiss noch genaueres über seine leistnngen mit dem
Schwert c. 187.
168 KAÜFFMANN
der beschaff enheit unseres textes ablehnen, in eine diskussion
über Hyndlolj. v. 25 einzutreten. Die stelle lässt sich noch nicht
wissenschaftlich verwerten. Ehe wir den weiteren folgerungen
der beiden gelehi'ten beistimmen könnten, müsste fenier erwiesen
sein, dass die deutsche Virginal auf altsagenmässigem grund
ruhe. Was wollen denn überhaupt die von Heinzel hervor-
gehobenen * Übereinstimmungen ' zwischen Virginal und Gautreks-
saga bedeuten? Hrölfr wird in den kerker geworfen, Dietrich
desgleichen; die königstochter wirkt für die befreiung des einen
wie des andern, getreue mannen befreien die gefangenen in
beiden romanen. Das sind die ^ziemlich genauen parallelen',
aus denen doch in der tat nichts anderes geschlossen werden
darf, als dass dieselben romanmotive hier wie dort dem Ver-
fasser gedient haben (Heinzel hat sich übrigens in demselben
sinne s. 91 ausgesprochen). Nun wird in str. 108 der Virginal
Hildebrands streitross Lewe und sein wunderschwert Preise er-
wähnt; von einem ausserge wohnlichen schild ist nichts gesagt.
Wol aber findet sich str. 354 eine auslassung über den schild,
dessen eigenart darin besteht, dass ein zwerg unter seinem ge-
wicht zusammenbricht, oder dass (str. 593) zwei ritter ihn nicht
zu heben vermögen — farbloseres hätte sich wol kaum finden
lassen. Mit keiner silbe ist der schild erwähnt, wo er, wenn
von besonderen leistungen die rede gewesen wäre, hätte erwähnt
werden müssen: bei dem kämpfe, in den Hildebrand für seinen
herm eintritt und der nach Heinzel und Detter mit dem des
p6rir identisch sein soll. Nirgends ist der * ungeheuer gi'osse
und schwere' schild für die handlung von bedeutung geworden.
Zu einem epitheton wie jamskJQldr ist in dem reichen aben-
teurerleben des alten Hildebrand nirgends anlass (auch in der
Virginal nicht), und das wäre doch das erste erfordernis, ehe
an eine vergleichung oder gar identificierung mit p6rir Jarn-
skj^ldr gedacht werden könnte. Die Hrölfssaga Gautrekssonar
bezieht sich sowenig auf Hildebrand als etwa die Anssaga.
Nordische Zeugnisse für ihn bringen allein die visur der Asmundar-
saga und des Saxo Grammaticus und vielleicht die, für unsere
zwecke allerdings unergiebige genealogie: Hildir rar inn fimti
son Dags, kann var fadir Hildibrands, fgöur Vigbrands, foSur
Hildis ok Herhrands (Fas. 2, 10). Es ist aber ebenso gut mög-
lich, dass diese linie ganz anderem Sagenkreis angehört.
Das wertvollst« von dem, was wir aus Skandinavien über
DAS HILDEBRANDSLIED. 169
Hildebrand erfahren, ist die tatsache, dass er ausser Verbindung
mit Dietrich von Bern ist. Das tiifft, wie ich gezeigt zu haben
glaube, auch für das alte Hildebrandslied zu, für welches der name
Dietrich kaum mehr bedeutung hat als die eines geschichtlichen
Untergrundes für die bühne, auf der die scene sich abspielt.
Was erfahien wir nun aus Deutschland über Hildebrand,
das geeignet wäre, licht über das alte fragment zu verbreiten?
Was es bringt, ist so tief in den Schacht der vergessenlieit ge-
sunken, dass nicht einmal mehr der name des sohnes im ge-
dächtnis der geschlechter geblieben ist. Denn dass Alebrand
nicht eine 'Verderbnis' aus Hadubrand, sondern aus Hildebrand,
liegt für jeden, der nach belegen sich umtut, am tage (vgl.
übrigens Beitr. 9, 499); der söhn heisst ja auch im jüngeren
Hildebrandslied einfach der junge Hildebrand = der jung her
Alebrant Fester ist die erinnerung an den alten Hüdebrand.
Das jüngere lied weiss noch von ihm, dass er ein Wülfinc, dass
reisen und fechten sein lebenselement und dass er zweiund-
dreissig jähre von weib und Idnd weggewesen als er vom eigenen
söhn angerannt wurde. Aber für die hauptschwierigkeit, für die
frage, weshalb denn Hildebrand weib und kind verlassen habe,
leistet das jüngere lied gar nichts: das war längst vergessen
wie der name des sohnes imd des feindes.
Die ereignisse, welche das zu Alpharts Tod verarbeitete
* alte lied ' behandelt, fallen in die zeit, da die f eindschaf t zwischen
Dietrich und Ermenrich anhebt. Ganz seltsam ist es in diesem
gedieht um Hildebrand bestellt. Dietrich ist ganz allein, als
der konflikt mit Ermemich ausbricht. In Dietrichs Flucht heisst
es gar, Hildebrand sei um diese zeit als gefangener in der ge-
walt Ermenrichs gewesen (v. 3683 ff.). Die verlegene, un-
geschickte nennung des namens in str. 65. 72 des Alphart dient
nur zur bestätigung. Nicht einmal im rate der männer hat
Hildebrand etwas zu sagen, und so dürftig und nutzlos wie
Str. 101 hat er niemals gesprochen. In dem alten liede, das der
Alphartdichter bearbeitet hat, kann von Hildebrand gar nicht
die rede gewesen sein, denn auch was wir str. 121 ff. lesen, trägt
alle Züge der jüngeren Spielmannsdichtung. Erst mit str. 306 ff.
tritt der alte Hildebrand bedeutsamer hervor. Als selbständiger
truppenführer schlägt er sich mit dem feind imd vollbringt mit
seinem Schwerte Brinnic wunder der tapferkeit. Von Dietrich
hören wir nichts, oder vielmehr so wenig wie von Hildebrand
170 KAÜFFMANN
in der ersten hälfte des gedichtes. Hildebrand erscheint nicht
vor Bern wie ein nach erledigung seines anftrags heimkehrender
böte, sondern als ein unvermutet anrückender verbündeter.
Dietrich kennt ja nicht einmal die truppen, die vor den mauern
seiner Stadt sich lagern. Die von Hildebrand ins werk gesetzte
kriegslist hat keinen andern sinn, als das unerwartet über-
raschende seiner Unterstützung zu motivieren. Er kommt auch
nicht allein zu Dietrich. Eckehart von Brisach ist bei ihm.
Wir finden ihn sonst nie mit Hildebrand zusammen. Nirgends
greift die Hildebrandsage in die Harlungensage über. Wol aber
ist bekannt, dass die Harlungensage wichtige berührungspunkte
mit der Ermenrichsage hat, und insofern könnte immerhin Ecke-
hart in Alpharts Tod einen alten posten behaupten.
Das merkwürdigste in diesem lied ist aber die rolle, welche
Heime spielt. Was hat er alles in der ersten hälfte desselben bei
Ermenrich zu bedeuten! In der zweiten erscheint er ganz un-
selbständig, als der schatten des Witege: das ist mit seinem auf-
treten in den vorderen partien der dichtung ganz unvereinbar.
Witege bedarf des doppelgängers gar nicht, figuriert ja auch
(str. 449. 450) ganz allein: das lässt mich vermuten, dass im
'alten lied' bei diesem akt der erzählung nur noch Witege bei
Ermenrich sich befunden habe, Heime nicht mehr. Heime gehört
bekanntlich zu den mannen Dietrichs. Im Alphartlied treffen
wir ihn im beer des Ermenrich und Dietrich macht ihm vorhält
(vgl. Beitr. 16, 173ff.):
l0 Du Btractest mir din hende und wurde min man
do ich dir vor manegem recken, helt, gesigte an.
ich hegienc an dir min ^re guot nnde lant.
ich nam dich ze schiltgesellen. hat des gedienet mir diu hant?
18,2 dö sprach der helt Heime: vürste lohesam
d& twanc mich mit gewalte der keiser Ermenrich
der wil onch mich behalten daz wizzent sicherlich.
19 Do sprach der vogt von Beme: daz tnot dir onnot.
ich behielte dich gerne biz in minen t6t.
ich gap dir harte gerne min silber und ouch daz golt.
daz wizze, degen küene, ich was dir ie mit trinwcn holt.
25 Alsd redt dö Heime, als im von vorhte gezam:
ir Bolt wizzen, herre, dö ich nrloup nam
und dö ich schiet von dannen dö stuont ez, kttener degen,
in güete und in liebe daz ich solt iuwer nimm^re phlegen.
26 An triuwen welnts nt wenken, edel herre Dietrich,
dar an solt ir gedenken h der schade werde ze rieh.
DAS HILDEBRANDSLIED. 171
also redt d6 Heime: got l&z inch mit vrenden leben!
d6 ich nrlonp gert«, do gemocht ir mir den selbe geben.
27 D6 sprach der vogt von Beme: des gest^n ich dir,
dö du orloup nseme, du geloptest mir,
daz du nimm^re weitest, du ^reldser mau
tf mlnen schaden riten: da soltü, helt, gedenken au.
Vormals hatte Dietrich in 'pflege' Heimes gestanden. Aus un-
bekannten gründen ist Heime, mit willen Dietrichs, aus dem
dienst getreten und hat sich auf einflüsterungen Sibeches hin (41)
von Ermenrich in sold nehmen lassen (32). Die hauptperson ist
also offenbar Sibeche gewesen; an interpolation ist hier nicht
zu denken (Beitr. 16, 176). Er hat den konflikt zwischen Er-
menrich und Dietrich eingeleitet und geschürt (71); ihm war es
auch gelungen, dem Bemer den vertrauten Heime abspenstig zu
machen und in das eigene lager zu bringen. Aber es tritt ein
Umschwung in der gesinnung Heimes ein. Er durchschaut das
ränkevolle spiel (63. 66) : so wird ihm nichts übrig geblieben
sein als zu Dietrich zurückzukehren und die waffen gegen
Eimenrich zu tragen. Anders kann nach den gegebenen Voraus-
setzungen der gang der dinge nicht gewesen sein. Beim kämpf
gegen Alphart ist Heime nach der urform der sage gar nicht
beteiligt (vgl. auch Rosengarten D str. 624).
Besonders bedeutsam erscheint in diesem Zusammenhang
die bisher ganz unverständlich gebliebene notiz der piörekssaga,
dass Heime das land des Ermenrich verwüstet habe. Die saga
weiss auch davon, dass Heimir und Viöga bei Erminrekr ge-
wesen sind. Sie erzählt von ihrer rückkehr zu piörekr wegen
der Schandtaten Sifkas. Fortgefahren wird: Viöga und Heimir
hätten dem Erminrekr vorwürfe über seine verbrechen gemacht
und als den hauptschuldigen Sifka angeklagt. Heimir habe sich
tätlich an Sifka vergriffen, sei darauf hin flüchtig geworden (vgl.
dazu Alphart str. 176, 4) und habe sich in einem nahegelegenen
wald versteckt gehalten: rij)r üt d skog oc allt par sem eru hü
eda eignir Erminriks Iconungs eöa Sifka ]}d brennir kann oc
drepr menn oc eigi lettir kann fyrr en kann Iwfir brennt .d. bopa
(s. 256). piörekr reitet nordwärts über das gebirge zu Attila
(c 289); von Heimir erfahren wir erst c. 429, dass er sich in den
wilden wäldem (als geächteter) aufgehalten habe. Nachdem
Dietrich zwanzig oder dreissig jähre ausser lands gewesen, sei
Heimir in ein kloster gegangen, aber von Dietrich wider geholt
172 KAUFFMANN
und zum obersten an seinem hof gemacht worden: doch sagt
schon c. 188 piörekr zu Heimir: skal ec gcra pic mestan mann oc
mer ncestan mit dem seltsamen nachsatz: pa er fra er fehinn
Hüdibrandr meistari. Schliesslich nimmt ja Heimir doch die
stelle Hildebrands ein, dessen tod c. 415 erwähnt wird.
So drängt sich der gedanke auf, dass Heime und Hildebrand
nur verschiedene namen für ein und dieselbe figur sind (vgl.
Aldrian-Hagatliie, Criemhilt- Gudrun, Gemot-Guttormr u. s. w.).
Nun wissen wir aber, dass Heime nicht mit Ermenrich, sondern
mit Sibeche in konfiikt geraten ist. Es hat den anschein, als
ob in dem fortleben der sage der allmächtige Ermenrich all-
mählich auch die funktionen seines allmächtigen ratgebei-s Sibeche
übernommen habe, als ob die sage nicht länger von einem leitenden
Sibeche und dem geleiteten Ermenrich berichten wollt«, sondern
einen mit den talenten des Sibeche begabten Ermenrich vor-
gezogen habe. Nach älterer deutscher sage hat Eckehart an
Sibeche das Strafgericht vollzogen (EÄbenschl. 864); im anhang
des heldenbuchs haben wir die jüngere lesart, dass der treue
Eckehart den kaiser Ermenrich totgeschlagen habe (Helden-
sage' s. 326, vgl. zur sache Eödiger, Zs. d. ver. f. volksk. 1, 243).
Stufenweise ist das ineinanderwachsen erfolgt: Jordanes weiss
noch nichts von den üblen eigenschaften des grossen Got^nfürsten
und schiebt alle Verantwortung auf eine ihm dienstbare yetis infidiL
Von Sibeche ist bei ihm schon nicht mehr die rede; auch bei
Flodoard ist der ruchlose consiliarins ohne namen, und im Chro-
nicon Quedlinburgense fehlt die ganze rolle: was ihr zur last
fiel, ist auf den beratenen könig übertragen, nur noch die Ver-
bannung Dietrichs ist einem patruelis namens Odoaker zu-
geschrieben. Das ist ein sonst für den ungetreuen ratgeber un-
bekannter name. Wie die zweite erwähnung im chronicon beweist,
ist der anonyme intrigant mit dem namen des geschichtlichen
gegners des Theoderich belegt worden, weil für jenen ein name
fehlte, für diesen wol ein name aber keine aktion vorhanden
war. Allerdings wäre diese contÄinination des Sibeche mit dem
historischen Odoaker noch leichter erklärlich, wenn für jenen
derselbe name wie für diesen sagenmässig, wenn wie Hildebrand-
Heime so Odoaker - Sibeche als doppelnamen geläufig gewesen
wären. Ich glaube in der tat, dass der satz der Quedlinburger
Annalen : Ermanaricus TJieodoricum patriielem suum instimulante
Odoacro patrueU suo de Verona puUum apud Attilam extUare
DAS HILDEBRANDSLIED. 173
coegit eine zum teil noch altertümliche form der sage uns über-
liefert hat. Auf grund dieser tradition ist der Chronist darauf
verfallen, an der zweiten stelle, wo er von der besiegung des
Odoaker bei Ravenna spricht, auch diesen, den geschichtlichen
Heruler, als patruelis des Theoderich zu bezeichnen. Dann
hätten wir unter dem Odoaker der ersterwähnten Annalenstelle
Sibeche zu verstehen, und es stände nichts im wege, den Odoaker
des alten Hildebrandsliedes ebenso zu deuten.
Die drei brüder, die nach nordischer Überlieferung SQrli,
Kamp^r und Erpr, nach den Quedlinburger Annalen Serila,
Hemideus und Odoacarus (hs. Ada- mit 5 für ö als umgekehrter
Schreibung) geheissen haben, waren durch ihre Schwester Suni-
hild mit Ermanarich verwant. Sie gehörten der gens infida
an, welche Jordanes hervorhebt, deren mitglied nach überein-
stimmender annähme aller forscher auch Sibeche gewesen ist.
Kennen wii^ nun also einen verwanten des Ermanarich, der Odo-
aker heisst, so ist entweder der Sibeche der sage mit dem Erpr-
Odoaker identisch oder wenigstens mit einem auch sonst in seiner
familie sich vererbenden namen belegt. Dann ist kein grund
mehr vorhanden, bei dem namen Odoaker gleich und aus-
schliesslich an den Widersacher des Theoderich zu denken. So
trete ich also der alten Grimmschen auffassung bei, wonach wir
unter dem Otacher des alten liedes den Sibeche der jüngeren
Überlieferung zu verstehen haben: mit diesem doppelnamen des
ungetreuen Otacher - Sibeche hängt vermutlich organisch der
doppelname des getreuen Hildebrand - Heime zusammen.
In der piörekssage finde ich den alten stand der dinge
am treffendsten damit gekennzeichnet, dass Hildebrand den
Viöga als vdrr Jceri vin, den Sifka als vdrr hinn mesti üvinr
bezeichnet (c. 326). Und in der tat ist das Verständnis
\ielfach erleichtert, wenn wir die dem germanischen altertum
so geläufige polyonymie auch in unserem fall zur anwendung
bringen. In der piöreksaga ist c. 18 ausdrücklich gesagt,
dass Heimir ein name der vceringjar sei wie c. 186, dass
Sifka bei den vcermgjar Bruni oder Bikki heisse. Sehr häufig,
wenn piörekr auftritt, sind entweder beide, Heimir und Hildi-
brandr bei ihm, oder Heimir als vertrauter begleiter allein oder
Hildibrandr allein, und man weiss nicht, warum jeweils der eine,
jeweils der andere genannt, bezw. vergessen ist. Wo wie so oft
von Hildibrandr und Viöga die rede ist, erwartet man nach
174 KAÜFFMANN
allem, was wir über die kameradschaft der beiden wissen, dass
Heimir, nicht Hildibrandr, den partner bilde. Beide, Hildibrandr
und Heimir, sind in diensten des alten königs petmar gedacht
(c. 96), Hildibrandr gibt den Heimir als söhn des Heiibrandr
aus (c. 82) ; Hildibrandr erzählt, er sei dabei gewesen, als piöreki'
dem Alfrekr das schwert Naglring abnahm, trotzdem erhält nicht
Hildibrandr, sondern Heimir diese waffe, obwol Heimir schon
ein namhaftes schwert (Blodgangr) besitzt, das nunmehr aller-
dings erst zerspringen muss, ehe Heimir den Naglring erhält
(c. 20. 108), der nach Biterolf 12928 ff. dem Hildebrand zufällt.
Ist aber Hildedrand -Heime ui-sprünglich ein und dieselbe
sagenflgur, dann löst sich auch der fast unbegreiflich erscheinende
umstand, dass in England, wo Ermanarich so wol bekannt war,
Hildebrand fehlen sollte. Nun kennen aber schon Beowulf und
Widsil> den Häma als wrcecca bei Eormenric. Die genaueren
angaben des Beowulf (1 197 ff.) decken sich mit denen der
piörekssaga ; speziell erfahren wir aber, das Hama das Biosinga-
mene dem Eormenric geraubt habe, und nach Dietrichs flucht
ist es gerade Hildebrand, welcher den goldschatz (der Harlunge?)
dem Dietrich zuführt (3621 ff.); ich erinnere an die auffällige
Verbindung Hildebrands und Eckeharts in Alpharts tod. Nun
habe ich kein bedenken mehr, die formel searoniöas fleah
Eomienrices Beow. 1200 == floh her Ofachres nid Hildebrandsl. 18
auf ein und dasselbe ereignis zu beziehen (vgl. Bugge, Beitr. 12, 69).
Damit sind die Voraussetzungen für das alte Hildebrands-
lied gegeben. Die fabel, me ich sie als quelle des dichters be-
trachte, könnte nach heutiger weise etwa die folgende gewesen
sein. Spiel und gegenspiel liegt in den rollen des Otacher
(Sibeche) und Hildebrand (Heime). Hildebrand übernimmt es,
die gegen seinen brotherrn Dietrich eingeleiteten ranke des
Otacher zu zerstören und den ungetreuen ratgeber zu be-
seitigen. Der anschlag mislingt, den attentäter trifft die
strafe des gesetzes, er wird geächtet, muss weib und kind,
haus und hof verlassen, setzt aber von seinem versteck aus
einen kleinkrieg gegen seinen feind ins werk. Inz\^ischen war
Dietrich der hofkabale zum opfer gefallen, musste die heimat
räumen und flüchtete aus Italien nach dem Balkan. Nachdem
für Hildebrand alle hoffnung auf ausgiebigen erfolg gescheitert
und die not Dietrichs aufe höchste gestiegen war, hatte der
treue meister, einem ruf seines herrn folgend, diesem auf der
DAS HILDEBRANDSLIED. 175
flucht sich angeschlossen. In hohen ehren haben sie gemeinsam ein
dreissigjähriges kriegerleben auf dem Balkan geführt, bis der von
Otacher übel beratene machthaber starb, der vater Dietrichs ihm
auf dem thi'on folgte, der söhn Hildebrands zu würden und ehren
kam, der rückkehr der vertriebenen nichts mehr im wege stand.
Von den truppen des Balkanfürsten geleitet, trafen sie in Italien
ein. Das anrücken der fremden heerhaufen war beobachtet, der
gotische heerbann angeboten und Hadubrand als kundschafter
abgesandt worden. Der gegner hatte den alten Hildebrand auf
erkundigung ausgeschickt. Beide trafen zwischen den lagern
zusammen. Es kam zur entscheidung mit der waffe, und unter
der nie versagenden schneide des vaters verblutete der söhn, der
verblendet genug gewesen war, die väterlichen züge an dem
fremdling nicht zu erkennen.
V.
Die fülle der handlung ist vom dichter in die knappen
formein des alliterationsstils gebracht worden. Individuelle auf-
fassung verrät sich in der umdeutung der schwertsage zur
katastrophe des gottesgerichts: es steht dies im schönsten ein-
klang mit der ausgesprochen christlichen art, wie der dichter er-
zählt. Aber vornehmlich steht auch er unter der herrschaft des
Stils seiner kunst, und dieser stil regierte viel tyrannischer, als
wir das aus neueren zeiten gewohnt sind. Es ist als arbeitete
der dichter mit einem Stempel, der die Stilmuster en haut
relief zur erscheinung brachte. Keines der stilgesetze ist
aber so typisch wie das der regressiven Charakteristik. Der
dichter und seine hörer gehen aus von der letzten, der deutlichsten
anschauung: das ist in unserem fall die begegnung Hildebrands
und Hadubrands. Vor- und rückläufig wird die handlung ent-
wickelt, und ich preise die kunst der alten, mit der sie die rück-
läufige bewegung in den fortschritt der dinge zu verknoten
wussten. Zweimal setzt der dichter zu einem rückblick an. Beide-
mal wird von der unmittelbaren gegenwart der kreis der ver-
gangenen dinge gezogen, bis er in die gegenwait wider einmündet.
Die seele der altgermanischen poesie aber war das ge-
spräch. Lebendige rede erschien den alten als der eigentliche
höhepunkt dichterischer leistung; nachbildung leidenschaftlichen
176 KAÜFFMANN
Wechselgesprächs ergi'iff die hörer am tiefsten und galt als
schwierigste angäbe, die der dichter zu lösen hatte. So
besteht denn auch das Hildebrandslied ausser dem formelhaften
eingang und der in formein sich auslösenden katastrophe aus
lebendiger rede, wie die wallung des blutes sie hervortreibt. Es
war ceremoniell geregelt, wie der dialog geführt werden musste.
Das dichterische können bemass ich nach der auswahl dessen,
was in den dialog an Stoffelementen aufzunehmen war. Nun hat
unser dichter auffallenderweise in das wechselgespräch die ex-
position der ganzen handlung verlegt. Ihre entwicklung wird
nur so weit angedeutet, als diese andeutungen sich in die ex-
positionsmittel fügen Hessen : jäh bricht die katastrophe über den
vater und über den söhn herein. Das hängt nun gerade mit
dem wesen dieser poesie, die nachbildung lebendiger rede ist,
zusammen. Schilderungen haben für sie bloss dekorativen wert
Der alte künstler arbeitete nicht en bas relief. Die männer,
deren gespräche zu beleben der gipfel der kunst war, mussten
wie körper sichtbar werden. Die bewegung von hand und fuss
musste aus der fülirung des dialogs ebenso deutlich werden wie
die bewegung des herzens und die bewegung des geistes: daher
die bedeutsame rolle, welche in der altgermanischen poesie ge-
bärde und stummes spiel haben. Ich betrachte es aber als
entschiedenen mangel an kunst vermögen, dass der dichter des
Hildebrandsliedes den dialog so ganz und gar von seinen ex-
positionspflichten hat beherrschen lassen, dass die aktuelle
handlung zu kurz gekommen, dass mit anderen Worten das
stumme spiel seiner beiden nicht scharf genug geraten ist. Nur
deswegen konnte man so lange zweifelhaft sein, wie das lied
möchte geendet haben. Von Seiten der kunstleistung betrachtet,
gehört das lied also einem sinkenden Zeitalter, dem ausgang
des alliterationsstils an.
Zu demselben resultat führt die betrachtung der äusseren
technik. Es ist schon entartung, wenn mehrere verse hinter
einander denselben Stabreim führen.
Auch die metrische beschaffenheit des liedes ist eine andere
als die des Beowulf oder des Heliand. Die alten formen liegen auch
seinen rhythmen zu grund, aber sie sind durch sprachliche Ver-
änderungen, von denen das rhjthmizomenon betroffen worden ist,
gesprengt. Namentlich ist die Wirkung der ahd. svarabhakti
hervorzuheben: giinahalia steht für gimaJüia, wuntane für
DAS HILDEBRANDSLIED. 177
icuntne u. s. w. Dadui'ch sind 1. Störungen der quantität, 2. er-
weiterungen des typus herbeigeführt worden. Rhythmisch aus-
gedrückt: sowol ^xx als -XX sind Vertreter für -x, d.h.
die Quantitäten sind indifferent geworden, wenn ^.'XX =^ -xx
gilt. Es ist nicht möglich, altgermanische typen yne ihn du mir
enan sages : ik mi de odre wet oder wetvurt skihit zu verkennen;
aber über dieser schiebt lagert eine jüngere, vertreten durch
verse wie ih heittu Hdduhrdnt; so imo se der chüning gdp, die
ich für B- verse einer späten kunstpeiiode halte.
Die durch aufhebung der synkope herbeigeführte erweiterung
der typen hat verse geschaffen wie Hütihrant gimahalta, die im
liede genau vde Haduhrant gtmaJialta gemessen sind, desgleichen
Heribrantes mnu wie Uiltibrantes sunu.
Kögel behauptet nun, im Hildebrandslied herrschten die
schönsten vierhebigen verse. Ich halte an der meinung fest,
dass wii' es nicht mit vier-, sondern mit zweihebigen versen zu
tun haben. Die von Kögel u. a. vertretene theorie setzt sich in
konflikt mit den alliterationsgesetzen und muss deswegen falsch
seiiL Sie vermag nicht zu erklären, weshalb verse von der be-
schaff enheit Ix-x stets doppelalliteration zeigen. Kögel erkennt
dieses gesetz ausdrücklich an, hat aber nicht bemerkt, dass er
dadurch sich selbst das urteil gesprochen hat. An versen,
welchen er den rhythmus -x-x <^hne doppelalliteration zulegt,
hat das Hildebrandslied mindestens 15. So lange ein so funda-
mentaler einwand nicht gehoben ist, kann die vierhebungstheorie
auf ernste beachtung einen anspruch nicht erheben, den sie sich
schon durch eine ausserordentliche inkonsequenz in der formu-
lierung der rhythmischen erscheinungen verscherzt.
Das Hildebrandslied teilt nun femer (im gegensatz zu
Heliand und Beowulf), als letztes Zeugnis ahd. herkunft, mit den
übrigen ahd. allit^rationsdenkmälern diejenige neuerung, die der
zeit eigen war, da die neue kunstform des endreims sich bahn
brach. Es liegen endreimverse unter die Stabreim verse eingestreut:
dat sagetim mi nsere liuti
dat du neo dana halt mit sus sippan man
wela gieihu ih in dinem hrustim.
Hierher gehört wol auch gudea gimeini *) (so statt gimeinun?) niase
de motu. Es ist bekannt, dass wie in der älteren lateinischen,
>) Vgl. im Tatian: fons aquse salientis hrwnno wazzarea ufspringanH
87, 4, gntte sangninis decnrrentis tropf o bluotes rinnenti 182, 3.
Fastgab« Ar Sicvvn. 12
178 KAÜFFMANN, DAS HILDEBRANDSLIED.
SO in der ältesten deutschen endreimpoesie der endreim noch
nicht obligat gewasen ist; erst Otfrid hat darauf gedrungen;
so wäre eventuell auch gimeinun zu rechtfertigen.
Ich kann nicht finden, dass die von Sievers (Altgerm,
metrik s. 165) angefochtenen verse dem westgermanischen usus
widerstreiten, oder dass prosasätze in das lied eingeflickt seien.
chud was her chonnem mannutn ist ein vollkommen korrekter
erster, wie m waniu ih tu Hb habhe ein vollkommen korrekter
zweiter halbvers. Gerade die gesteigerten typen liebte der
dichter, und zwar sowol im ersten wie im zweiten halbvers:
dat HÜtibrant hsbtti min fäter
80 du 6win Inwit f&ortos
dero hr^gfilo rümen mötti.
Es liegen nicht Verstösse gegen die alliterationsregel vor, wenn
der dichter das verbum auszeichnete in versen wie
gürtnn sih iro suert ana
sp^nis mih dinem wortum,
denn im satzanfang hat das verbum den ictus (Pauls Grundr. 1, 349).
Sind aber die bisherigen aufstellungen irgend begründet,
so ist der volkstümliche Ursprung des Hildebrandsliedes aus-
geschlossen. Den dichter werden wir vielmehr unter den vor-
nehmen geistlichen männern zu suchen haben, die im kloster zu
Fulda eingesessen waren. Er wird das lied im dritten viertel
des 8. jh. verfasst haben auf grund der ihm geläufigen, im volk
verbreiteten aber von ihm selbständig umgedeuteten sage. Wie
es christliche Goten zu beiden hat, so gibt es christliche gebete
und die christliche form des gottesgerichtsglaubens. Aelter als
744, in welchem jähr Fulda gegründet worden, kann das lied unter
keinen umständen sein. Formen wie reccheo, fateres stehen so
altertümlichen wie helidos, sunufatarungo gegenüber und ge-
statten nicht, das gedieht später als ca. 760 zu datieren. Metrisch
ist die technik noch fester gefügt als im Muspilli; in anbetracht
des interesses für die alte epische Überlieferung erscheint das
Hildebrandslied altertümlicher als das um 770 entstandene Wesso-
brunner gebet, das zwar auch noch vom formelschatz des alten stils
manches bewahrt, aber sich schon vollkommen von den mächtig
vorbrechenden theologischen Interessen beherrscht zeigt. >)
>) Zu 8. 126 ff. vgl. C. Kraus, Zs. f. oesterr. Gymn. 20, 316 ff., dessen be-
merkungen sich mehrfach mit den meinigen decken; ich habe sie grade bei
abschluss des druckes durch die gute des yerf.'s erhalten.
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBURG.
Von F. Saran
(HaUe a. S.).
Seit Lachmanns bahnbrechenden Untersuchungen über
althochdeutsche betonung und verskunst*) ist das Evangelien-
buch Otfrids von Weissenburg stets als eine hauptquelle für die
ältere deutsche metrik geschätzt worden, und mit recht. Denn
die vortrefflichkeit der Überlieferung, die theoretische bildung
des Verfassers (Otfrid war schüler des auch als metriker be-
kannten Hrabanus Maurus) und die vorausgeschickten er-
läuterungen über zweck und technik des Werkes geben einen
so festen grund und boden für die Untersuchung ab, wie er
sonst nicht leicht zu finden ist.
Lachmanns interesse richtete sich freilich weniger auf die
rhythmische seite jenes denkmals, als auf die sprachliche. In
der oben angeführten arbeit tut er darum das metrische ver-
hältnismässig schnell ab, um sich sofoii, zur imtersuchung der
betonungsverhältnlsse zu wenden. Damit hat er die foi'schung
fast ganz in die bahnen grammatischer analyse gelenkt, in wel-
chen sie lange zeit beinahe ausschliesslich verblieben ist. Erst
in dem letzten Jahrzehnt ist die rhythmische behandlung etwas
mehr in den Vordergrund getreten. Aber man verlegte dabei
den Schwerpunkt der Untersuchung von dem hauptproblem weg.
Man erörterte die vermutliche entstehung des Otfridmetrums:
sein wesen und rhythmischer wert kam wenig in frage. Nur
gelegentlich wdrd eine wirkliche rhythmisierung versucht, doch
ohne dass man besonderes gewicht auf sie legt oder sich die
prinzipielle bedeutung einer solchen konstruktion zum bewusst-
sein bringt.
>) Kl. sehr. 1, 358.
12*
180 SARAN
So bedürfen die bisherigen arbeiten über das metrum Otfrids
sehr einer ergänzung nach der spezifisch rhythmischen seite hin.
Ich mll versuchen, sie in kürze zu geben.
Seitdem die auch für die allgemeine rhythmik epoche-
machenden Untersuchungen von Sievers über altgermanische
alliterationsmetrik den tiefgreifenden unterschied zwischen musi-
kalischen und poetischen, gesungenen und gesagten formen fest-
gestellt und vor allem gelehrt haben, dass für die wissen-
schaftliche bearbeitung dieser zwei gattungen auch
zwei grundsätzlich verschiedene methoden zu verwenden
sind, muss jede metrische Untersuchung eines litterarischen denk-
mals zunächst die beantwortimg der frage ins äuge fassen: hat
der dichter sein werk für gesang oder Sprechvortrag bestimmt, ist
es ein text (im sinne der musik) oder ein rein poetisches gedieht?
Im ersteren falle sind für die rhythmisierung die formen der
musikalischen, im andern die der poetischen rhythmik heranzu-
ziehen; im ersteren falle hat man sich weiterhin zur graphischen
darstellung des bekannten griechischen, im andern des Sievers-
schen Schematismus zu bedienen.
An einem andern ort') ist von mir ausführlich nach-
gewiesen worden, dass der Verfasser des Evangelienbuches
niemals daran gedacht hat, sein gedieht singen zu lassen. Er
hat mit vollem bewusstsein und ausschliesslich für lesevortrag
gearbeitet. Danach sind natüi-lich die rhy thmen, die er braucht,
poetische und nicht musikalische. Von melodie, musikali-
schem takt unter einhaltung der bekannten rhythmischen Pro-
portionen, zusammenziehung rhythmischer werte (d. i. nach West-
phal * Synkope der Senkung') u. s. w. kann also keine rede sein.
Andererseits wird man sich nicht T\iindern dürfen, wenn Otfrids
Sprech verse auch die eigentümlichkeiten aufweisen, welche sich
in poetischen rhythmen einzustellen pflegen und zwar um so
mehr, je weiter ihre entwickelung vorgeschritten ist. Das auf-
zeigen solcher eigenheiten würde übrigens dazu dienen, die
ergebnisse meiner früheren Untersuchung von einer anderen seite
her zu stützen.
^) lieber Yortragsweiae und zweck des Eyangelienbuches Otfrieds Yon
WeiBsenbnrg. Einladongsschrift zu meiner antrittSYorlesnng. Halle 1896.
ZÜE METRIK OTFEIDS VON WEISSENBÜRG. 181
I.
Ich habe die theorie aufgestellt, dass alle poetischen metra
in letzter instanz auf musikalische zurückführen, dass also die
gesagten rhythmen historisch aus gesungenen abgeleitet werden
müssen*) und nicht als 'gehobene und dann rhythmisch geformte
prosa' aufgefasst werden dürfen, eine ansieht, die fast noch all-
gemein herrscht.^) Danach erhebt sich für die vorliegende Unter-
suchung die erste hauptfrage: welches musikalische metrum
liegt dem sprechvers des Evangelienbuches historisch
zu gründe? Denn als gesagte rhythmen scheiden Otfrids verse
aus der reihe der musikalischen formen aus und müssen genau
so bearbeitet werden, wie z. b. die alliterationsverse.^)
Ueber die allgemeine beschaffenheit dieser zu konstruierenden
grundform können erhebliche zweifei nicht bestehen. Denn dass
man für sie vier gute taktteile oder thesen anzusetzen hat,
wii'd niemand leugnen, der den Otfridvers vierhebig skandiert.
Welche silben des t€xtes sodann als die ursprünglichen träger
dieser thesen anzusehen sind, ist aus den überlieferten accenten
zu entnehmen und im übrigen durch M'^ilmanns gründliche Unter-
suchungen festgestellt. Da sich femer einer takteinteilung in
dem doch nur zum vorlesen bestimmten text selten Schwierig-
keiten entgegenstellen, Schwierigkeiten, die im alliterationsvers
unüberwindlich sind, so ist auch klar, dass der Otfridvers
dem als sein ui-sprung vorauszusetzenden musikalischen ui'kolon
im bau des textes noch sehr nahe steht, ganz im gegensatz
zum alliterationsvers, der sich auch in dieser beziehung von dem
zugehörigen urmetrum schon sehr weit entfernt hat.
Das musikalische urmetrum der Otfridzeile wird man aus
diesem giiinde am einfachsten finden, wenn man den vers, wie
er ist, vorerst schlechtweg nach den prinzipien der musikalischen
rhythmik behandelt. Die Widersprüche und fehler, zu welchen
diese an sich unberechtigte konstruktion ohne zweifei führen
wird, zeigen dann sogleich die eigenheiten auf, durch welche
sich der vers als sprechvers zu erkennen gibt. Bei der erörte-
>) Vgl. Sieyers, Altgermanische metrik kap. 7, mid meine recensionen
von Westphalfl Vergleichender metrik und Fuhrs Metrik des westgerm. allite-
rationsverses in den IF. 5 (1895) Anz. s. 19 ff., 85 ff.
«) Wilmanns, Ahd. reimYers, § 112, Becq de Fouqiii^res, Trait^ g^n^ral
de Tenification frangaise c. 1.
*) SieTen L c. kap. 7.
182 SARAN
rung dieses punktes stütze ich mich auf die überaus sorgfältige
und übersichtlich geordnete arbeit von Wilmanns, Der altdeutsche
reimvers (Bonn 1887).
Da das gesuchte metrum vier thesen haben muss, so kann
es nur eine von den folgenden reihen sein:
1. — J-_^ — J- — i. anapästo-Bpondeische
2. v^ — w — w — w— iambische
3. L^L - — L-. daktylo-spondeiBche
4. —w — ^^ — w — w trochäische
Das ist in noten:
1- 'A J I JJ I JJ I JJ I j
2. ^'8 / I J/ 1 JJ* I JJ* 1 J
3. Va I jj UJ I JJ I JJ
4. V« I J/ I JJ* I J/ 1 J/
tetrapodie.
Nun ist festgesteUt, dass Otfrids reimvers stets auf eine
'hebung' ausgeht — ausgenommen 6 verse (Wilmanns s. 30), wo
hinter der * gehobenen' silbe noch eine folgt. Femer geht in
weitaus den meisten halbzeilen der ersten hebung ein *auftakt'
voraus. Beide beobachtungen verbunden ergeben mit notwendigkeit
das resultat: der reimvers Otfrids geht entweder auf die anapästo-
spondeische (nr. 1) oder iambische (nr. 2) reihe zurück; daktylen
und trochäen sind ausgeschlossen. Das urmetrum ist also
entweder —L — L — L^L oder ^ — w — w — w -i, das ist
V« JIJJI JJI JJI Joder »/sJ^IJ/l J/IJJ^IJ.
Die 6 verse mit überschlagender silbe hinter der, welche die
letzte * hebung' trägt, widersprechen nicht, denn in allen diesen
fällen ist die vorletzte, gehobene silbe kurz, d. i. nicht dehnbar.
Die Silbenfolge vL x kann also ohne weiteres als auflösung der letzten
thetischen länge in ihre zwei kürzen (masszeiten) gedeutet wer-
den, ein Vorgang, der auf der 1. — 3. thesis ganz üblich ist. Das
gote (1,5,3»), queme (2,12,31») u.s.w. wäre daher im urvei-s
einfach als ^ ^ = J^ J^ zu messen und stört das Schema in keiner
weise. Fehlt dagegen im anfang der auftakt, so tritt eine er-
gänzende pause ein.
Es handelt sich jetzt darum, zwischen der anapästo-spondei-
schen und der iambischen tetrapodie, zwischen geradem und un-
geradem takt für das zu rekonstruierende musikalische urmetrum
9
ZÜB METRIK 0TFRID8 VON WEISSENBÜRG. 183
ZU entscheiden. Nun ist bekannt, dass jede rhythmische länge
in zwei kttrzen zerlegt, d. i. aufgelöst werden darf. Der spondeus
_i (JIJ) kann also in folgenden vier artformen auftreten:
-^ ji j
Für den Jambus sind dagegen anter denselben bedingongen nur
zwei formen möglich: , s , ,
In der antiken metrik war die rhythmische kürze (^ J^ d. i.
die hälfte einer reinen, musikalischen thesis 1, J) die kleinste über-
haupt mögliche zeit. Sie durfte ihrerseits nicht mehr au^elöst
werden. In der antiken Vokalmusik enthält also der anapäst
höchstens vier, der jambus höchstens drei Sprachsilben. Als kleinste
rhythmische zeit hiess die kürze darum xQovoq jtgäroq (mora,
masszeit). Die moderne musik erlaubt sich aber die Unterteilung
auch dieses wertes, sie kennt halbkürzen (^= vv, J^=:^^)
und noch kleinere Zeiten. Während darum in einer antiken
rhythmopöie kein teil des rhythmizomenons kleiner werden
durfte, als die hälfte einer reinen thesis betrug (^), so gibt es
jetzt Zeiten = V4 (v), ja = Vs thesis. Das gesetz von der Un-
teilbarkeit der masszeit gilt für die moderne Vokalmusik also
nicht mehr. Gleichwol wird in dieser gattung der musik, vor
allem im liede, auch heute noch die masszeit (mz.) relativ selten
geteilt. Denn anapästen wie (v^v^-L=)vvvvJL und jamben wie
(w- =) vvl sind nicht häufig; ganz vereinzelt sind sie jedenfalls
in der form, dass auf jede halbkürze ( v ) eine volle sprachsilbe ent-
fällt. Westphal, der die Ungültigkeit des antiken gesetzes für die
moderne musik nachgewiesen hat, hat zugleich gezeigt, dass
diese weitergehende Spaltung der masszeit eine verhältnismässig
junge neubildung ist. Man darf sie daher ohne zwingende
gründe der älteren germanischen kunst nicht zuschreiben.
Aus diesen tatsachen der allgemeinen rhythmik lässt sich
durch umkehrung für die althochdeutsche und mhd. Vokalmusik
folgende regel ableiten: wenn in einem altdeutschen vokaltext.
>) Vgl. HeuBler, Zur geschichte der altdeutschen TerskuiiBt s. 41,
Westphal, Allgememe metrik s. 88 £f.
184 SARAN
in welchem der regel nach hebung und Senkung wechselt, takte
von vier silben neben ein- bis dreisilbigen angenommen werden
müssen oder zweisilbige Senkungen nachweisbar sind, so hat das
zugehörige kolon notwendig spondeischen rhythmus.
2
Takte von { . > silben sind dann = ' ^^ ' ' ^^
11
zu messen.
Nun prüfe man den Otfridtext auf die sprachliche füllung
der takte hin.
Ich schliesse mich im folgenden genau an die Statistik von
Wilmanns s. 52ff. an. Die wenigen verse (s. 53anm.2), welche
er ausgeschieden hat, scheide ich der Übersicht wegen auch aus.
Ihr fehlen beeinträchtigt das allgemeine resultat, wie man leicht
sehen wird, in keiner weise. Einige Veränderungen in der rhyth-
mischen auffassung werden besonders angemerkt.
Bezeichnet man eine kurze, betonte sprachsilbe mit v^,
eine lange, betonte mit 1, eine unbetonte, indifferente mit x und
zeigt man durch bindebogen die Verteilung der silben auf ein
oder mehrere worte an, so kommen in dem versschema Otfrids
13 3
X I -X I —X I —X I —
folgende taktbildungen ^) vor (ein- und zweisilbige formen werden
ausgeschlossen):
Takt 1 : >lf^ therera 110 (§ 37) + 6«)
v!o< X namen sia 246 (§ 38)
ioTx minera 72 (§ 39) + 6«)
-Q X eigut ir 54 (§ 40)
— X X io zi thes 41 (§41)
v!o<xx ßulichero 4 (§ 42, 1)
-Ir'^rxx wimtorota 2? (§ 42, 1), 1 ? (vgl. Wilm. z. stelle)
w'x^ X hab^tnn sie 7 (§ 42, 2)
s^ X X habat er in 3 (§ 42, 3)
-1 XX ein thero . . . . 16 + 9 (§ 47, Ib + 48, 2b)
Wilmanns nennt die ^ takte ^ inkorrekt 'ftt88e\
*) Wilmanns s. 67, z. 21 — 25 scheint ein versehen vorznliegen. Die dort
stehenden silbengranpen müssen zwei thesen bekommen. Also sind davon je 6
zu dem Schema sL x X iind ■i'^Tx und zwar unter takt 1 zu stellen.
ZUB METRIE OTFRIDS VON WEISSENBUBG. 185
viQxx fora theru 3 + 2 (§ 47, Ib + 48, 2b)
-!o< XX nuzzun tbera ... 1 (s. 68, e. 5).
Takt 2: ^lf^ therera 45 (§ 43, 1 A)
v!Qx wilit ther .... 49 (§ 43, IB)
-'^ iungoron .... 2 (§ 44, 2 A)
^Qx eigun ni- 2 (§44,2B)
-XX er es ni .... 3 (§44,2C)
— XX in theru 41 (§ 47, 1 a)
%!o< XX fora theru 1 (§ 47, 1 a)
Takt 3: w'xx thanana 5 (§ 45, A)
w"xx hab§t thiz .... 49 (§45B)
[ n!o< X X imo 80 er ... 1 (§ 45 C) ].
Auftakt: x x tbera, inti 150 (§ 49) meist ) . « • i
• *u «i /ß in\ I ^T^ 2. reimvers!
X X X in thero — 14 (§ 49) nur J
X X X X inti thu ni — 1 (§ 49) im 1. reimvers.
Gegen die auffassung von Wilmanns könnte man hier und
da bedenken erheben. So könnte man in § 41, c takte wie er er
im(o), er ir ni, vielleicht auch gab er im(o) nicht als - x x, son-
dern als vLxx nehmen, weil die an zweiter stelle stehenden
wörtchen sehr enklitisch sind. Der umlaut in meg ih hi- (s. 60)
weist darauf hin. Eine analogie bietet die aisl. metrik, z. b. ^ard
= vL X und - X (Sievers, Altgerm, metrik s. 58 f.). Da aber sicheres
im einzelnen nicht auszumachen ist, so folge ich der Statistik von
Wilmanns auch im detail.
Es ergibt sich aus den oben zusammengestellten formen,
dass in takt 1 — 3 folgende sprachgruppen in folgender Vertei-
lung zur ffillung dienen:
1. 2. 3.
w4-2 356 94 54
- + 2 198 48
v!.4-3 19 1
-1 + 3 3(2?) 0.
Es kommen also überhaupt vor von
w + 2 504
-1 + 2 246
w4-3 20
1 + 3 3 (2?).
Das heisst: takt 1—3 enthält nie mehr als vier Silben. Sind vier
Silben vorhanden, so ist in allen (20) mit ausnähme von 3 (2?)
186 SARAN
fällen die erste betonte kurz, sind drei vorhanden, so verhalten
sich die fälle
v!. + 2 : i. 4- 2 = 504 : 246 = 2 : 1.
Der auftakt, welcher im verlauf der musikalischen rhythmo-
pöie natürlich mit der letzten thesis der vorangehenden reihe
zum takt 4 verbunden würde, hat
2 Silben 150 mal,
3 « 14 «
«
d. h. takt 4 ist 150 mal drei-, 14 mal vier-, 1 mal fänfsilbig. Im
ganzen Evangelienbuch gibt es also nur einen takt von fünf
Silben, eine ganze reihe von viersilbigen und viele dreisilbige.
Wie sind nun diese zahlen rhythmisch zu deuten? Man
sieht auf den ersten blick, dass die silbengruppe ^ x viel häu-
figer ist als N^'xx (wie 2 : 1):
Takt 1 246 : 116
„ 2 49 : 45
„ 3 49 : 5
Sa. 344 : 166.
{XX
^ Öfter vor als ^xxx (wie 2 : 1):
Takt 18:4
» 2 1:0
„ 3 0:0
Sa. 9 : 4.
Die zwischen beiden stehende bildung v^'xx findet sich 7 mal, also
"^^ { XX • ^'><><X ' ^^xxy =9:7:4.
Femer verhält sich L l ><^ : ^x - -o<x ^
Aki
b 1 = 66 : 54 : 78
n
2 44 : 2 : 2
n
3 fehlt
Sa. 110 : 56 : 80.
In diesen mehrsilbigen takten zeigt sich ganz unverkennbar
das bestreben, die gi'uppe ^x von dem rest (1 — 2 unbetonten
Silben) sprachlich abzutrennen. Musikalisch angesehen müssen
die takte von mehr als zwei silben eine auflösung enthalten. Wenn
nun in dem Schema v^xx schon der sprachtext eine engere
Zusammengehörigkeit der kürze und nächsten schwachen silbe
anzeigt, so liegt ohne zweifei sehr nahe >^x als auflösung der
ZÜE METRIK OTFRIDS VON WEISSENBÜBG. 187
thetischen länge zu konstruieren und die dritte silbe dann als
dazu gehörige arsis zu nehmen, also ^^xx = -x. Dann ist
in analoger weise wxxx = ~xx- ^^ fällen der ersten art
hätte man eine einsilbige arsis (Senkung), in solchen der letzteren
eine zweisilbige für das urkolon anzusetzen, weil ^x ^^ ^^
thesis (hebung) entfällt. Aber auch in der form Ixx ^^^ ^^^
tendenz vorhanden, die beiden schwachen silben von der betonten
abzulösen. Demnach wäre hier zweisilbige Senkung anzunehmen.
Nun sind die taktformen ^^xx ^^^ -xx ^©i Otfrid sehr
häufig, wxxx freilich selten, aber leicht aus jenen abzuleiten.
Otfrids vers kann sich femer (vgl. oben s. 181) in seinem bau
erst wenig vom urmetrum entfernt haben. Man darf daher mit
Sicherheit jene bildungen mrklich schon dem letzteren zuschreiben,
um so mehr als sie rhythmisch durchaus üblich sind. Das ur-
kolon kann dann nur die anapästo-spondeische tetra-
podie gewesen sein:
_i_i_i_i = »A j I jj I jj I jj I j.
Obige taktfoimen wären demnach musikalisch so zu konstruieren:
.:xx = ^- i;; J I
-XXX = wj^ww I J^J^J^J^ I
lxx = -w- I J ;;i
Ebenso sind die zweisilbigen auftakte xx natürlich = v^w (J> J^).
Keine Schwierigkeit machen die dreisilbigen. Sie finden sich
nur im zweiten halbverse. Nun gehören ja, wie bekannt, zwei
reimzeilen (tetrapodien) zu einer zweigliedrigen periode zusammen:
Sie bilden musikalisch genommen einen tetrameter. Am schluss
der periode hat in der musik eine kleine (tote) pause, eventuell
irrationale dehnung der endthesis statt. Eine solche ist zwar
(freilich erheblich kürzer) auch nach dem Vorderglied der periode
vorhanden (atemabsatz!), aber die Verbindung von vorderglied
und nachglied ist viel enger als die Verbindung der einen periode
mit der folgenden. Es kann darum im fall einer auflösung der
schlussthe^is des Vordergliedes und der anfangsarsis des nach-
gliedes — _>L^ | ^w~ die cäsur gleichsam um eine mass-
zeit nach rückwärts geschoben werden
t 9
80 dass nun das vorderglied vor dem komma d. i. um eine mass-
188 SARAN
zeit zu früh schliesst und die zweite masszeit der schlussthesis yom
ersten kolon abgespalten und zum 'auftakt' des zweiten gezogen
wird. Als schlusssilbe vor der cäsur ist i, anceps, kann daher auch
durch eine lange sprachsilbe besetzt werden. So entstehen die
dreisilbigen auftakte auf kosten der vorausgehenden thesis.
Der Vorgang ist im modernen liede ausserordentlich beliebt *)
und auch in der antiken metrik zu belegen, denn z. b. die cäsur
xata xqIxov zQoxalov im homerischen hexameter, der bekanntlich
eine periode von zwei tripodien ist, erklärt sich eben dadurch
folgendermassen:
^ 9 9 t j / f f
2. I_-l_l
3.1-1-'
Die penthemimeres dadurch, dass in der ersten form die endarsis
zum folgenden kolon gezogen wird:
t t t \ t f f
Ich will hier gleich auf einen punkt in der metrik der minne-
sänger aufmerksam machen. Die cäsur nach dem vorderglied
kann auch nach vorwärts geschoben werden, also
la. _1-1-1_1 ; -, L_1.1_A oder
— > —
f
Ib. __-i-_JL-l.
Auf diese art entstehen die im minnesang beliebten reihen, die
nicht katalektisch (4^!,), sondern hyperkatalektiscb (4^) sind.
Man leitet sie allgemein aus dem romanischen ab (Paul, Grdr.
2, 1, 936). Nötig ist das keineswegs, da sie sich in jeder metrik
von selbst entwickeln. Ich komme später auf die rhythmik der
minnesänger im Zusammenhang zurück, üebrigens ist dieser
punkt auch für die romanische metrik von bedeutung, die noch
immer alle überschlagenden silben zusammenwirft. Der gleiche
Vorgang findet dann auch zwischen zwei perioden statt.
Aus den bisher gemachten beobachtungen würden sich für
das urmetrum des Otfridverses folgende spezielleren regeln
ohne weiteres ergeben:
1. Eine au^elöste thesis (hebung) {L = ^^^ ^^) wird nur
durch die sprachsilbengiuppe ^^x, niemals durch -x vertreten.
Die form 1 x x hat also stets das Schema L^^ mit zweisilbiger
arsis (Senkung) zur grundlage.
>) Z. b. seile 1 : 2 der Marseillaise.
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBÜRG. 189
2. In dem urmetrum des Otfiidverses wurde die masszeit,
genau wie in der antiken metrik, nie aufgelöst.
Aber es findet sich durch Verwendung von x x x x als auf -
takt einmal ein fünfsilbiger takt!
n.
Dieser einwand leitet über zu der zweiten hauptfrage
dieser Untersuchung: wie weit ist das Schema der musika-
lischen Urform im Otfridtext noch bewahrt?
Jener nicht anzufechtende vers würde das gesetz von der
Unteilbarkeit der masszeit unfehlbar umstossen — wenn Otfrids
werk für gesang bestimmt wäre. Denn fünf Silben sind nicht
anders in einen spondeus einzufügen als dadurch, dass von den
vier masszeiten desselben eine noch einmal geteilt wird. Da
aber Otfrid sprechverse dichtete, so ist jener takt nichts anderes
als eine metrische konsequenz dieser technik. Denn Überladung
des fusses ist eins der von mir IF. 5 (1895) anz. s. 23 abgeleiteten
kriterien für recitationsvortrag (nr. 1). Die grosse Seltenheit
dieser erscheinung bestätigt andererseits, dass sich der text des
Otfridverses noch nicht allzu lange von den fesseln der melodie
entledigt und noch nicht weit vom urmetrum entfernt hat.
Diese en\'ägung erklärt auch die andern zwei oder drei
Verstösse gegen die eben abgeleiteten gesetze. Denn da die
grosse masse der beispiele keine andere annähme duldet als
Vertretung von ^^ ^ ausschliesslich durch v^ x, nie - x, so würden
die drei takte nach dem Schema ~ x x x ebenfalls zerteilung eines
amschen y in v v fordern, wenn sie in sicher gesungenen dich-
tungen aufträten. So aber zeugen auch sie für Sprechvortrag.
Diese beobachtungen lehren übrigens, dass Lachmanns aus-
druck * verschleif ung auf der hebung' auf einem sehr richtigen ge-
fühl beruht. Sowol bei musikalischer konstruktion, wie bei rein
poetisch-rhythmischer betrachtung ergibt sich die notwendigkeit
in formen wie n^^- : wxx, ^^^^ • ^xxx die beiden ersten
werte zu einer gruppe (der thetischen, bezw. hebungsgruppe) zu-
sammenzufassen und dem, was folgt, entgegenzustellen.^ Selbst-
verständlich bleibt die zweisilbigkeit trotzdem bestehen.
1) Pauls polemik gegen diese yert^ilimg (Grdr. 2, 1, 918) ist also nicht
ganz gerechtfertigt.
190 SARAN
Obgleich nun dem urmetrum sowol zweisilbige arsis (Senkung)
wie dreisilbiger auftakt ohne jegliche bedenken zugeschrieben
werden können, so machen doch gewisse beobachtungen über die
entwickelung der technik Otfrids zweifelhaft, ob jenes urkolon
auch procentualiter so viel mehrsilbige arsen, und vor allem
dreisilbige auftakte gehabt hat. Denn wenn es auch nicht an-
geht, ihm jene beiden musikalisch durchaus möglichen und ein-
fachen erscheinungen abzustreiten, so könnte doch das ohr des
dichters, welches durch den klang der gesprochenen hexameter
und Pentameter an zweisilbige Senkung gewöhnt war, daran ge-
fallen gefunden und ihren gebrauch im freien sprechvers weiter
ausgedehnt haben, als seine deutschen muster das erlaubten.
Dies scheint in der tat der fall gewesen zu sein, denn einerseits
werden die mehrsilbigen Senkungen, je länger Otfrid dichtet, um
so häufiger ») und andererseits gehören die schweren zweisilbigen,
femer die drei- und viersilbigen auftakte ei'st dem fünften,
wesentlich aber dem zweiten bis vierten buch an (Wilmanns
s. 71), die, wie man annimmt, zuletzt gedichtet sind (vgl. femer
Wilmanns § 123).
Für die beurteilung des Verhältnisses, in welchem der Otfrid-
vers zum urkolon steht, war also die überfüUung der Senkung
zuerst von bedeutung. Denn es war dies der erste punkt, wo
die musikalische behandlung des Otfridverses auf Schwierigkeiten
stiess. Doch gibt es deren noch mehr.
Es ist klar, dass die Urform des Otfridschen reimverses
starke zusammenziehungen von thesis und folgender arsis (nach
Westphal *synkope der Senkung') ertrug. Dieselben sind beson-
ders in dem ersten und ältesten buch beliebt, müssen also jenem
urreimvers mehr eignen als durchschnittlich dem Otfridvers.
Eine solche zusammenziehung in der anapästischen reihe ist
selbstverständlich vierzeitig (uLi, J):
Jl^l JJIIJIJ: Jl J IJJU IJ-
Nun ist bekannt, dass eine solche musikalisch vierzeitige
länge nur durch eine lange (d. i. dehnbare) silbe vertreten
werden kann. Wäre also Otfrids vers für den gesang bestimmt,
so dürfte dies in der natur der spräche begründete gesetz nie
verletzt werden. Denn eine kurze silbe kann nicht vierzeitig
>) V^ihnanns b. 129.
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBÜRG. 191
gebraucht werden, weil sie eben nicht dehnbar ist So kommt
auch in Des Minnesangs Frühling nie ein Verstoss gegen diese
regel vor, weil ja die rhythmen dieser sammlang sicher gesungen
worden sind.
Aber Otfrid hat in einer ganzen kategorie von Wörtern da
eine kurze silbe, wo das urmetrum notwendig eine vierzeitige
länge haben müsste. Wilmanns hat s. 99 f. nachgewiesen, dass
Otfrid Wörter der form --^x und ^x^x auch 'dreitaktig misst'
oder, richtiger ausgedrückt, dass er solche formen auch da braucht,
wo das metrum vom Standpunkt der musikalischen rhythmik
aus betrachtet notwendig die zeiten ^^|ulii.d. i. |JJ|J|J
fordert Während also sonst das gesetz gilt: einer vierzeitigen
länge muss eine sprachliche länge entsprechen, würde in bei-
spielen wie zeüerö, mänegerö, wenn man sie musikalisch rhyth-
misierte, an stelle der letzten überlänge eine sprachliche kürze
angetroffen werden. Die zahl der fälle (23 ! vgl. Wilmanns 1. c.
s. 100) zeigt, dass wir es mit einer zwai* seltenen, aber nicht an-
zuzweifelnden tatsache zu tun haben. Hier liegt offenbar eine
erscheinung vor, die ich IF. als zweite eigentümlichkeit der
Sprechverse nachgewiesen habe. Da der sprechvers den gesetzen
der poetischen rhythmik folgt, da sein metrum sich also in erster
linie auf das gewicht der silben in der spräche, nicht aber auf
einhalten fester zeitpropoi-tionen (1 : 1, 1 : 2 u. a.) zwischen den
f üssen und deren teilen gründet, so kann leicht einmal eine kurze
Silbe da eintreten, wo das musikalische urmetrum nur eine länge
vertrug. Denn während diese freiheit im gesangvers sofort eine
Störung der fusspropoi-tion nach sich ziehen würde, geht sie im
sprechvers entweder unbemerkt vorüber oder hat womöglich noch
besondere ästhetische Wirkungen. Da Otfrid, wie Wilmanns nach-
weist, Schlüsse wie dntwürti, mezhäfto, thionbnne (d.i. --X, musi-
kalisch uli lIj 1) sehr liebt, so bot ihm jene freiheit der poetischen
rhythmik willkommenen anlass, die ähnlich abgestuften worte
eeizero u. a., die sonst vom vers ausgeschlossen gewesen wären,
doch darin zu benutzen (vgl. Homers aB^avaxoci). Uebrigens
findet sich die erscheinung besonders (19 mal) im ersten buch,
nur einmal im fünften, zweimal im vierten, einmal in Hart-
muat. Daraus wird man folgern dürfen, dass sie in der sprech-
poesie, welche Otfrid als muster gebrauchte, häufiger war als in
buch 2 — 5; wenn der dichter sie später vermeidet, so hat das
individuelle gründe. Diese beschränkung beweist aber wider,
192 SARAN
dass sich der Otfridvers schwerlich weit von dem musikalischen
urmetrum entfernt haben kann. Andernfalls würde die erschei-
nung wie im alliterationsvers wol \del beliebter sein.
Das dritte der IF. angestellten kennzeichen für sprech-
vortrag: zu kurze arais (bei Homer -^ für --) ist bei Otfrid
nicht vei-wendbar. Vielleicht liesse sich aber ersatz schaffen. In
germanischen vokaltexten kann zwar neben -x auch ^x zur
sprachlichen füllung eines taktes hinreichen, doch hat Wilmanns
für den minnesang das bestreben nachgewiesen, takte der form
^x = --, JJzu meiden. Es wäre \ielleicht möglich, aus dem
Verhältnis der zahlen für die häuflgkeit von -x und ^^x bei
Otfrid noch ein krit^rium zu gewinnen.
Ein viertes ist schon oben berührt. Otfrid legt offenbar
eine Strophe von zwei perioden, jede zu zwei gliedern (zusammen
also vier reimzeilen, versus) zu gründe. Manche kapitel scheiden
auch die Strophen durchweg, wenigstens äusserlich durch starke
Interpunktion. In den meisten aber sehen wir die alte strophische
Urform in vollster auflösung begriffen. Mehrere Strophen werden
durch den inhalt zusammengefasst und selbst der satz greift von
einer in die andere über. Im gründe ist von einer wii'klichen
abrundung und inneren geschlossenheit der Strophe, ohne welche
die liedkomposition nicht denkbar ist, nirgends mehr die rede.*)
Diese tatsachen sind einfach zu deuten. Die musikalische
Urform der Strophe befindet sich bei Otfrid im Übergang zur
stichischen komposition, die einheit derselben zerfällt zu-
nächst in die langzeilen oder perioden. Aber der Übergang von
strenger gebundenheit zu stichischer fi-eiheit, der sich hier unter
den äugen des betrachters vollzieht (vgl. eine ähnliche tendenz
im Nibelungenlied), zeigt ebenfalls, dass Otfrids poetische formen
den musikalischen urmetren noch relativ nahe stehen. Denn es
finden sich am ende der zweiten langzeilen immer noch zahl-
reiche starke interpunktionen, welche zwar keine wirklich künst-
lerisch in sich geschlossenen Strophen mehr von einander scheiden,
aber doch die erinnerung an das ursprüngliche Verhältnis noch
deutlich bewahren.
Aus diesen betrachtungen ergibt sich übrigens, was der
Auch hier ist Otfrids technik wol von der gelehrten metrik heein-
flnsst. Man darf diesen fortschritt daher nur als individneUe emmgenschaft be-
Eeichnen. Die kleineren ahd. denkmäler stehen dem ursprünglichen weit näher.
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBÜRG. 193
rhythmiker von versuchen zu halten hat, wie sie immer und
immer wider gemacht werden, von versuchen nämlich, im Homer,
Beowulf, Hildebrandslied, Muspilli u.s.w. Strophen nachzuweisen.
Den Satz, dass die älteste giiechische und germanische epische
kunst sich des strophischen liedes bediente, kann man als sehr
walirscheinlich zugeben, obwol er kaum mit Sicherheit zu be-
weisen ist. Man wird das auftreten immer neuer Strophen für
das epische gedieht (Ludwigslied, Nibelungenlied, Gudrun u. a. m.)
als eine nachwirkung älterer gewohnheiten ansehen können. So-
bald nun die melodie in solchen liedem angegeben wird, sie und
ihre nachbildungen nicht mehr gesungen, sondern gesagt werden,
aus vokaltexten also wirkliche gedichte werden, ist die strophen-
form, ein spezifisches produkt der melodieentwickelung, nicht mehr
nötig und wird der ausbreitung des Inhalts bald geradezu hinder-
lich. Die poetische technik sprengt daher diesen rahmen und
ein episches werk besteht schliesslich nicht mehi* aus Strophen,
sondern aus perioden, d. i. langzeilen. Otfrids werk lehrt, dass
die vollkommene beseitigung des Strophenschemas nur allmählich
gelingt, dass es langer entwickelung bedarf, um die stichische
form so rein herauszuarbeiten, wie sie z. b. im Homer vorliegt.
Je nach dem, wie weit sich ein gedieht von seiner musikalischen
Urform entfernt hat, überwiegt daher das stichische oder finden
sich zahlreichere reste der alten einteilung, sei es auch nur in
gewohnheiten der interpunktion. Die frage: *ist der Beowulf
strophisch, bezw. einmal strophisch gewesen?' ist darum ein-
fach falsch. Man darf nui' fragen: * welches war die strophen-
form derjenigen gattung von alten epischen liedem, auf welche
der Beo\\ailf notwendigen^^eise zurückdeutet, und wie weit
hat sie sich in dem vorliegenden epos noch erhalten?' Es
können darin — theoretisch betrachtet — wirklich ältere reste
weitergesclileppt werden, es kann wie bei Otfrid die praxis der
geraden langzeilenschlüsse wenigstens eine erinnerung an den
Urzustand bewahren, es kann aber auch das alte Schema voll-
ständig vei-sch\\Tinden sein — kurz, der möglichkeiten sind viele.
Es ist darum durchaus unzulässig, um Strophen in einem
gesagten gedieht herauszubringen, irgend welche sachlich nicht
notwendigen änderungen an dem beglaubigten text vor-
zunehmen: das Messe, die technik des dichters historisch
zurückschiauben. Will man die fi-age z. b. füi- den Beowulf
unt€i*suchen, so bringe man sich die grösseren und kleineren
Vettgab« (ttr Sivrwrs. 13
194 SARAN
Sinnesabschnitte unbefangen zum bewusstsein und kontroliere
dann, ob sich dabei wirklich eine regelmässigkeit entdecken
lässt. Ist dies nicht der fall, so ist anzuerkennen, dass sich das
alte Schema der Strophe völlig verflüchtigt hat und also aus
dem gedieht nicht mehr zu rekonstruieren ist. Letzteres dürfte
sich in diesem falle als resultat der betrachtung ergeben.
Man \\ird also den noch immer beliebten Strophenforschungen
ihre berechtigung nicht abstreiten und zugestehen, dass ihr
prinzip einen kern von Wahrheit enthält; sie sind aber verwerf-
lich, wenn man darin zum * herstellen' von Strophen übergeht.
Fünftens zeigt die vergleichung epischer gedichte, dass die
zen*üttung der musikalischen urform bei der periode keineswegs
halt macht, sondern dass schliesslich auch die einheit dieses
gebildes aufgegeben wird, so dass in gewissen dichtungen endlich
die rhythmische reihe in der form des reimverses das grösste
noch anzuerkennende metrische System bleibt. Eine zweigliedrige
musikalische periode hat ja, wie oben schon erwähnt worden
ist, zwei rhythmische Schlüsse: einen starken (tote pause längerer
dauer oder iirationale dehnung) am ende nach dem zweiten
glied, einen schwachen (atempause) in der mitte nach dem
ersten glied. Letzterer heisst cäsur. Der text schliesst sich
dem gebrauch der musik dadurch an, dass er den stärkei-en
Sinnesabschnitt fast immer auf den periodenschluss , den
schwächeren auf die cäsur legt. Steht dort ein punkt, dann
hier z. b. ein komma, findet sich dort ein komma, so fehlt hier
gern ein Satzzeichen. Dadurch zieht sich natürlich die periode in
sich zusammen und scheidet sich andererseits von der folgenden
ab. Dies alte Verhältnis kann auch in der gesagten poesie
bleiben. Beispiele für diese stufe der technik gibt es genug
(Racine, Corneille u. a.). Da in der Sprechpoesie melodie und
strenger rhji-hmus fehlen, so ist klar, dass hier die einheit der
periode ausschliesslich auf dem sinn und der reim-, bezw. stab-
reimbindung, wo sie vorhanden ist, beruht. Würde etwa die
stärkere intei-punktion auf die ursprüngliche cäsur, die schwächere
auf den periodenschluss gelegt, so fiele der alte Zusammenhang
weg, die perioden (langzeilen) würden gebrochen und damit so
gut wie verschwinden.
So weit geht Otfrid noch nicht. Nach den proben, die ich
genommen habe, ist der regel nach der langzeilenschluss stärker
als der cäsureinschnitt. Schon äusserlich zeigt sich das in der
ZUR METRIK OTFRTOS VON WEISSENBURG. 195
interpunktion. Aber es finden sich doch ausnahmen, z. b. 4, 21, 23;
23, 35. Eine genaue Untersuchung wird gemss eine zunehmende
freiheit in anbringung stärkerer Sinneseinschnitte auf der cäsur
feststellen. Schon eine art enjambement istHai-tmuat 159 f. Jeden-
falls bleibt Otfrid von wirklichem brechen der rime (i)erioden, lang-
zeilen), welches die westgermanische alliterationspoesie bereits
zum prinzip erhoben hatte, noch weit entfernt. Man sieht also:
die auflösung der Strophe in perioden (langzeilen) ist bei ihm
schon ziemlich weit vorgeschritten, die auflösung der periode
in reihen kündigt sich erst leise an.
Somit ist das ergebnis der metrischen betrachtung dasselbe
wie das der s. 180 angeführten Untersuchung: Otfrids verse
sind Sprechverse. —
Die betrachtung der metrischen kunst dieses dichters hat
die von mir früher aufgestellte zahl der kriterien für sprech-
poesie noch vermehrt. Ich stelle hier alle zusammen, da ihre
kenntnis für die metiik von fundamentaler bedeutung ist und
man anderei-seits noch häufig die behauptung hört, es gäbe
keine solchen kennzeichen für Sprechvortrag. Ich lege dabei
Strophenform und das anapästo - spondeische Verhältnis (arsis
: thesis = 1:1 = ^1. oder J | J) zu gründe, weil ich auf
grund von spezialf orschungen , die ich bald mitteilen werde, die
Überzeugung gewonnen habe, dass dies Verhältnis (Xoyog jtoöixog)
das historisch älteste ist, was es gibt, und alle andern sekundär
daraus abgeleitet sind. Jedenfalls hat die weltliche germanische
rhji,hmik noch bis in die blütezeit des minnesangs die proportion
1 : 2 oder 2 : 1 nicht vei'T^- endet, kennt also Jamben und trochäen
nicht. Wenigstens lässt sich nur für 1:1, nicht aber für 1 : 2
die existenz beweisen. Auf alle fälle sind die urmetra der ahd.
und mhd. sprech formen anapästo-spondeisch gewesen.
Die sj'steme der poetischen rhythmik sind nur zu ver-
stehen, wenn man sie als kompromisse zwischen den festen,
zeitlich streng geregelten musikalischen rhythmen und dem
freien numerus, dessen auch die einfache prosa der kunst-
sprache fähig Lst, auffasst. Indem die gesungenen formen die
melodie aufgeben, und in das — theoretisch gesagt — übrig
bleibende mathematische gefüge der aus ganz andern Ursachen
als der musikalische rhythmus entspringende satznumerus ein-
dringt, vollzieht sich eine annäherung der starren musikalischen
formen an die frei beweglichen satzbildungen der prosa, welche
13*
196 SARAN
von der poesie in sehr verschiedenen ttbergangsstufen fest-
gehalten und widergespiegelt werden kann. In den texten
verrät sich der Übergang vom singen zum sagen durch folgende
erscheinungen:*)
1. Zunehmende fülle und dann Überfüllung der Senkungen.
Also statt ±x<i*—- öfters -' x x ^^^ dann — x X X» — X X X X w. s. w.
Sie pfleget sich zunächst in den auftakten einzust^Uen, die oft, wie mau ans
der Heliandmetrik sehen kann, stark anschwellen: xx I — » XXX I —»
X XXX I — ^^- s.w. Bei Otfrid kommt letztere form schon einmal vor. Vgl.
auch Christ, Metrik der Griechen und Römer« §430. 380 flf. 384 flf.
2. Vertretung einer im musikalischen schema notwendigen
sprachlichen länge durch sprachliche kürze und umgekehi-t.
a) >tx <! — X <I *- — oder ♦-^w hei Homer,*) im Satumier^) und hei
den römischen komikem.*) Im germanischen hat dies kriterium keine wirkliche
hedeutung, doch bevorzugt die gesungene poesie im mhd. die bildung -^x
(= -^— ) und beginnt wX zu meiden.
b) -Lw < *-'-- im Homer. Christ« § 214, anm. absatz 3.
c) JL — < *-^ v> bei den röm. komikem und im Satumier. Christ § 385. 430.
d) ^ <C*>L im germanischen überall. Dies ist eins der schlagendsten
kriterien, die es überhaupt gibt. Auch Otfrid hat die erscheinung schon öfters.
Hierher gehören aus dem Nib.-lied die von Lachm. anm. z. US, 2 besprochenen
verse, die man mit den entsprechenden formen der allit^rationspoesie vergleiche
(Sievers, Altgerm, metrik s. 14).
3. Stichischer bau bei vorauszusetzender strophischer Ur-
form, besonders aber streben von der Strophenform zu stichischer
composition (strophenbrechung).
Ersteres wol in den frz. alexandnnerdichtungeu , auch im Homer.
Letzteres bei Otfrid und z. t. im Nib.-lied.
4. Brechen der perioden (langzeilen).
Kunstprinzip ist dies in der afrz.^) und mhd. erzHhlnngspoesie , ebenso
in der westgermanischen aUiterationsdichtung. ^) Auch Homer kennt die manier
(verhalten sich die verschiedenen werke und bücher darin verschieden?).
Selbstverständlich kommen auch combinationen vor. —
*) Ich gebrauche die zeichen der idg. Sprachforschung * und >, bezw. <;
zur bezeichnung der vorauszusetzenden oder zu erschliessenden musika-
lischen Urformen.
•) Westphal, Allgemeine metrik s. 357 fif. (Gleditsch). Christ, Metrik«
§231. 229.
») Christ« § 435.
*) Brix, Ausgewählte komödien des Plautus s. 20.
^) Romania 23, 1.
*) Sievers, Aitgerm. metrik s. 48.
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBURG. 197
Das bis jetzt gewonnene resultat lässt sich kurz in folgende
Sätze zusammenfassen. Otfrids werk gehört zur gattung der
gesagten dichtung, zur poesie. Seine teehnik weist im wesent-
lichen zurück auf eine alte liedform, deren Strophe aus zwei
anapästo-spondeischen tetrametem bestand:
■I r r f f i r f r r
2. -.j:-1_i_i|_i_i_i_i..
Die reihen derselben kannten auflösung der thesis (:^), auch
der arsis (^=1--), zusammenziehung (thesis + arsis = 1.) und
zweizeitige pause für den auftakt (v). Dreisilbigkeit des auf-
taktes war in den nachsätzen der perioden nicht ausgeschlossen.
Nicht unwahrscheinlich ist, dass der umfang eines leseabschnittes
noch die erinnerung an den umfang der alten lieder bewahrt.
Die rekonstruktion der gesetze für die Veränderungen des obigen
Schemas durch auflösung, zusammenziehung (katalexis!) u. a. will
ich unterlassen. Ich bemerke nur, dass für diese noch zu
leistende arbeit die Wilmanns'sche anordnung der formen nach
dem bau der takte aufgegeben werden und die halb-, d. i. reim-
zeile als einheit zu gründe gelegt werden muss. Zweckmässig ist
es, für diese gruppierung der kola die Sievers'sche arbeit über
den Beowulf 1) zum muster zu nehmen.
Dieser musikalischen urfonn steht der Otfridtext noch
relativ nahe, obgleich er schon untrügliche spuren der gesagten
Vortragsart aufweist, nämlich drei- und viersilbige Senkungen
füi- *- bezw. *^^, gebrauch von sprachlich ^ < *JL, streben zu
stichischem bau und hier und da periodenbrechung.
m.
Es bleibt nun die beantwortung der dritten hauptfrage:
Woher nahm Otfrid die muster für sein werk? Denn
davon, dass der Weissenburger mönch seine technik erfunden habe,
kann keine rede sein. Er hätte dies sicher nicht ohne stolz er-
wähnt und andererseits die reimtechnik nicht wie etwas gegebenes
behandelt (Liutbert 76).
Man nahm früher allgemein an, der vierhebige hynmenvers
sei als vorbild benutzt. Reim und metrum seien von dorther
gekommen, vielleicht erst von Otfrid eingeführt. Aber ein histo-
») Beitr. 10, 209 ff,
198 SABAN
rischer Zusammenhang mit diesem römischen vers ist undenkbar.
Das vorotfridische sprechmetrum, welches dem dichter zum muster
diente und welches uns die ältesten stücke des Evangelienbuches
veranschaulichen, ist vom hymnenvers gänzlich verschieden. Die
dem Otfrid- und hymnenvers gemeinsame vierhebigkeit beweist
nicht das geringste, denn die tetrapodie ist zu jeder zeit, in
jeder kunstepoche das häufigste, übrigens auch das historisch
früheste mass gewesen. Es findet sich bei Griechen, Römern,
Romanen, Germanen und Slaven gewöhnlich mit ansteigenden
füssen x-x-x-x-> seltener mit absteigenden Ix-x-x-x
und kann daher als beweismittel für abhängigkeits- oder ver-
wantschaftsverhältnisse nicht benutzt werden. Ebenso wenig die
Strophenform aus zwei perioden, die gleicher weise gemeingut
vieler Völker ist.
Auflösungen und innere zusammenziehung kennt der hynmen-
vers nicht, es bleibt also als einzige grössere ähnlichkeit der
reim. Dieser muss allerdings auf impoit beruhen, denn das ger-
manische hatte ja die alliteration entwickelt. Der reim ist nur
als erzeugnis einer spräche, welche den exspiratorischen accent
auf das ende der worte schiebt, zu verstehen, wie sich um-
gekehrt die alliteration notwendig da bildet, wo der ton auf
den anfang der worte zurücktritt. Wie darum die letztere
kunst vom germanischen und vielleicht auch vom vorhistorischen
latein entwickelt worden ist, so musste die reimkunst in Gallien,
überhaupt in den romanischen ländern entstehen. In der tat be-
kommt der reim als selbständige teclinik auch erst mit der ent-
wickelung der litteratur daselbst in Westeuropa wirkliche be-
deutung. Wenn also, wie anzunehmen ist, der reim nicht aus
Deutschland, sondern aus der fremde stammt, so weist alles auf
Gallien als Ursprungsland, eine ansieht, die auch bereits von
Scherer (Lit. s. 38) aufgestellt ist. Die quelle der neuerung
hat man alsdann ohne zweifei in dem romanisch -germanischen
Frankenreiche zu suchen. Denn wie sich dort Germanen und
Romanen vermischten, so sind auch im ahd. reimvers romanische
und germanische elemente verbunden.
Germanisch ist der reichliche und beliebige gebrauch der
inneren zusammenziehung (katalexe kennt auch das romanische),
weil sie die germanische spräche empfahl. Denn die wort-
komposition und die ableitung neuer Wörter mittelst schwerer
nebensilben erzeugte sehr oft einen zusammenstoss von stark-
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBÜRG. 199
tönen, der im metmm nur beim zusammenrücken zweier thesen
durch zusammenziehung (1_1 = ^1) brauchbar wurde. Ger-
manisch ist femer der beliebige gebrauch der auflösung. Diese
ist auf der thesis viel häufiger als in der arsis, vermutlich auch
aus sprachlichen gründen (häufigkeit der gruppevLxx; vgl. auch
WUmanns 1. c. § 123).
Geimanisch ist femer die eigentümliche sprachliche füllung
der tetrapodie, in der (ähnlich wie im alliterationsvers) nicht
leicht mehr als zwei wirklich inhaltsvolle, starkbetonte silben
aufkommen. Diese füllung ihrerseits ist vermutlich eine folge der
länge und schwere der germanischen end- und ableitungssilben,
welche nicht mehr als etwa zwei hauptworten in dem vier-
füssigen schema Unterkunft erlaubte. Als sich später (im mhd.)
die endungen abschleifen, wird es anders.
Besonders die freie zusammenziehung und auflösung ist schon
darum ganz unromanisch, weil sich durch sie die silbenzahl ein-
und desselben verses beliebig vermehrt oder vermindert; deren
festhaltung gehört aber seit alter zeit zum wesen der romanischen
verskunst.
Eomanisch ist am reimvers der reim. Ausserdem mag tiie
alte urstrophe in melodie und inhalt viel fremdes erhalten haben,
was sich am blossen Otfridtext nicht mehr nachweissen lässt.
Echt germanisch sind dann wider die freilieiten im bau
der füsse, welche der Übergang des urkolons zum sprechvers
nach sich zieht, besonders die veimehrimg der silbenzahl, eine
lizenz, die dem Komanen nie erlaubt wurde.
Um dem unverkeimbar germanischen grundcharakter des
Otfridverses rechnung zu tragen, haben Sievers (Beitr. 13, 121 ff.)
und WUmanns (1. c. s. 140) ansichten aufgestellt, die beifall ge-
funden haben.
Sievers meint, Otfrid habe hymnenmelodien alliterations-
vei-se untergelegt. Sein vers sei also ein kompromiss zwischen
einem germanischen sprechvers und einem lateinischen, musika-
lischen metmm. Daraus seien die engen beziehungen der reim-
zeile zum alliterationsvers zu erklären. Diese ansieht ist schon
darum nicht zu halten, weil Otfrid, wie ich nachgewiesen habe,
nicht für den gesang dichtete. Sie ist auch praktisch nicht
recht durchzuführen, weil die in regelmässigem Wechsel von
thesis und arsis laufenden tetrapodien der hymnen in der silben-
200 SARAN
zahl doch allzuweit von den bald gedrängten, bald wider silben-
reichen gennanischen metren abstehen.
Die Schwierigkeiten, in welche die Sievers'sche ansieht
führt, vermeidet die Wilmanns'sche zum teil. Sie besagt,
Otfrid habe den gleichmässigen, vierhebigen gang der lateinischen
hymnenverse (die er nach Wilmanns' meinung offenbar gelesen
hat) im ohr gehabt und danach seine deutschen verse, aber aus
dem Stoffe, welches ihm der einheimische alliterierende sprech-
vers darbot, gebildet. Dies sei so zu denken, dass er dabei
vorzugsweise diejenigen alliterationsformen benutzte, welche vier-
hebige skansion vertrugen (§ 111). Die hypothese hat zunächst
das für sich, dass sie durch ein beispiel gestützt werden kann.
Denn der Übergang der frühmittelhochdeutschen verse von schein-
bar regellosem bau zu dem glatten vierfüsser der höfischen er-
zähler (Konrad von Würzburg!), der ohne zweifei unter dem
einfluss des viel regelmässigeren altfrz. achtsilbers erfolgt ist,
bietet ein vortreffliches analogon (vgl. verf.'s Hartmann von Aue
als lyriker s. 49 ff.). Dass femer Otfrid als gelehrter mönch mit
lateinischen rhythmen theoretisch und, was nicht zu übersehen
ist> praktisch durch die schuldictamina vertraut und an iliren
klang gewöhnt war, ist selbstverständlich. Dass endlich der
regelmässige gang dei'selben zur nacheiferung reizte, lehrt die
Statistik von Wilmanns. Denn diese beweist, dass Otfrid je
länger er dichtete um so mehr die zusammenziehung vermied
und regelmässigen Wechsel von hebimg und Senkung anstrebte.
Dies bestreben ist aber ein rein individuelles. Einfluss deutscher
Vorbilder in dieser beziehung anzunehmen geht nicht wol an, weil
die übrigen ahd. denkmäler (vgl. Wilmanns § 124) in ihrer
technik altertümlicher sind; anderereeits liegt es ungemein nahe
diesen fortschritt auf beschäftigung mit lateinischen dichtem
zurückzuführen. Otfrid nahm damit vermöge seiner höheren
bildung eine entwickelung des 12. — 13. Jahrhunderts schon im
9. voraus.
Aber trotzdem kann ich auch die Wilmanns'sche ansieht
nicht für richtig halten. Aus einer Jahrhunderte lang gepflegten,
eingelebten sprechpoesie die alliteration zu entfemen und dafüi-
>) Vgl. auch den einfluss der satzbildung lateinischer muster s. 192
anm. 1. Vgl. übrigens oben s. 189: auch die zweisilbigen Senkungen mehren
sich' in den jüngeren büchem des Evangelien werkes. Otfrid arbeitet, wie es
scheint, unter dem eindruck der hymnenyerse und hexameter (pentameter).
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBÜRG. 201
den zunächst doch noch unbehilflichen endreim einzufülu-en,
scheint mir gänzlich unmöglich. Alle die aufgespeicherten
formein, phrasen, epitheta wären übei-flüssig oder geradezu un-
brauchbar geworden. Der vei-sbau hätte von grund aus geändert
werden müssen, denn der reim verlangt betonte silben am ende.
Der satzbau hätte einer eingi-eif enden Umgestaltung bedurft, da
ja Otfrid das brechen der perioden nicht kennt. Kurz, es wäre
eine metrische revolution nötig gewesen, von deren möglichkeit
ich mich nicht überzeugen kann. Und wie käme es, dass Otfrid
fast alle reste der alten stabreimtechnik vertilgt haben sollte?
Ohne zweifei müssten sich zahllose korrekte stabreimverse noch
im Evangelienbuch finden, wäre die ansieht von Wilmanns richtig.
Denn warum hätte der dichter die alliterationen vermeiden
sollen? Es wäre doch entschieden bequemer gewesen mit be-
nutzung der gegebenen spräche und technik weiter zu arbeiten
als dieselbe gänzlich umzustürzen und dem blossen reim zu liebe
eine von grund aus neue zu schaffen. Warum sollte den alt-
deutschen dichtem nicht gelungen sein, was die Skalden ver-
mochten? Wilmanns stellt sich, glaube ich, den Übergang von
einer technik zur andern zu leicht vor. Welche unendliche
mühe hat es den dichtem des vorigen Jahrhunderts gemacht,
fliessende hexameter zu bilden!
Die Sache liegt meines erachtens anders. Folgende an-
nähme scheint mir eine erklärung zu ermöglichen. Die alli-
terierende Sprechpoesie war zur zeit Otfrids als lebendige kunst
im Westen schon ganz abgestorben oder doch im ersterben. Was
weiterlebte war nur das altgermanische lied, von dem sich in
vorhistorischen zelten die alliterationspoesie abgelöst und dann
in selbständiger ent Wickelung immer weiter entfernt hatte. Denn
dass das alte lied, wenn auch in einfachen, noch nicht durch
eifrige kunstpflege litteraturfähig gewordenen formen immer
neben der recitationspoesie weiter gelebt hat, ist selbstverständ-
lich, da die traditionelle liederpoesie nie ausstirbt, mag sie
auch zu zelten noch so spärlich dahinfliesvsen. Wie weit die
technik des Stabreims schon in jenen alten liedern ausgebildet
war, ist unsicher; es wäre jedenfalls falsch alle die gesetze,
welche man aus der hochentwickelten, späten rezitationsdichtung
abstrahiert hat, ohne weiteres in die Urformen zurückzuverlegen,
wenn es auch andererseits nicht zu bezweifeln ist, dass die
reihen jener alten gesänge schon alliterierten.
202 SABAN
Die germanische liedform oder eine besondere gattung von
germanischen liedern (wenn der gattungen, wie zu vermuten
ist, mehrere existierten) erlebte im Frankenreiche infolge der
einwirkung der romanischen technik eine allmähliche Umgestal-
tung, weniger in bezug auf das rhythmische als die text-
behandlung. Die neue form, durch endreim und vielleicht
minder rauhe melodik ausgezeichnet, wurde beliebt, längere zeit
in musikalischer tradition weiter bearbeitet und umgebildet, so
dass allmählich ein ganzes entstand, welches bei äusserer ähn-
lichkeit mit dem germanischen urbild doch innerlich von ihm
wesentlich verschieden war; dies ist die urstrophe der Otfridischen,
nämlich
1. _/__^__J._^|__L-X_ ±__L||4a— 4a
2. __'._±-_?._.'_ |_.'._^_±__^ ||4b— 4b,
wobei nicht ausgeschlossen ist, dass daneben auch noch foimen
mit refrain oder geschlossene Strophen von drei perioden existierten.
Modifiziert wurden die reihen durch auflösung, zusammenziehung
und pause für den auftakt. Der Inhalt dieser lieder war wol
erzählend.
Die weitere entwickelung dieser historischen liedgattung war,
wie sie überall gewesen ist: allmählich überwog die bedeutung
des inhalts den wert der melodie, dieselbe verlor an mannig-
faltigkeit und färbe (wie man das heutzutage an couplets und
bänkelsäugerliedem studieren kann; auch die auszählreime der
kinder folgen demselben gesetz), imd verschwand zuletzt völlig.
Die Strophe ging aus der reihe der gesungenen dichtungen in
die der gesagten über, der musikalische rhythmus wurde durch
den poetischen abgelöst.
Nun begann der inlialt sich freier zu entfalten und die
engen fesseln der alten Strophe zu sprengen, die spräche führte
die ihr eigentümlichen ausdrucksmittel mehr und mehr ein und
so entfernte sich das neue sprechmetrum immer weiter von der
musikalischen urform. Die Senkungen wurden unbedenklich ver-
mehi-t, wo es dem ästhetischen ausdruck dient« oder wo es
bequem war, die alten, zunächst noch traditionell weiter be-
achteten quantitätsgesetze wurden gelegentlich verletzt, und dem
einförmigen gedankenparallelismus, den die melodieführung einst
bedingt hatte, wirkte man durch mannigfache Verschiebung der
sinneseinschnitte entgegen.
So fand Otfrid das neue metrum vor. Er lernte deutsche
ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBURG. 203
muster kennen, zu einer zeit, wo die kunstübung der rezitatoren
die sonderentwickelung in lebhaften fluss gebracht hatte, ohne
dass dieselbe doch schon weit von der urform abgebogen wäre.
Er bildete seine vorlagen nach und hat uns so ein geistliches
abbild der gleichzeitigen, ursprünglich wol weltlichen poesie
gegeben und zwar im allgemeinen auf der stufe, die sie um die
mitte des 9. jh. erreicht hatte. Aber nur die älteren teile seines
Werkes darf man neben den kleineren denkmälem, wie Ludwigs-
lied und Samariterin, zur veranschaulichung jener dichtungsart
verwenden. Denn im lauf seiner arbeit lenkte der kenner
lateinischer autoren und antiker theorie in eine bahn ein, welche
die deutsche dichtung zu jener zeit noch nicht einschlagen konnte
und die erst das 12. — 13. jh. betrat. Ich sehe also in den lese-
absclmitten Otfrids und den übrigen kleinen ahd. reimdichtungen
von geistlichem Charakter nachbildungen ursprünglich wol rein
weltlicher formen,») welch letztere mit der lateinischen dichtung
nichts zu schaffen haben, während freilich die speziell Otfridische
technik in der oben angedeuteten weise stark von ihr be-
einflusst ist. —
Demnach hat sich der Vorgang, der in der vorzeit zur ab-
trennung der alliterationspoesie vom altgermanischen lied führte,
in historischer zeit zum andern mal vollzogen. Zweimal ist aus
der gleichen wurzel eine gesagte poesie er^^achsen. Direkte ver-
wantschaft des ahd. reimverses und des geimanischen alliterations-
verses ist also unmöglich.
Es ist klar, dass die wol vorauszusetzende weltliche sprech-
poesie, welche ja nach den bekannten Zeugnissen nicht ausstarb,
wenn sie lebenskräftig war, immer weiter nach der metiischen
freiheit des sprechverses streben rausste. Sie musste auf dem
einmal betretenen wege, der vom urmetrum mehr und mehr ab-
führte, vorwärts schreiten und von den alten fesseln des musi-
kalischen rhythmus eine nach der andern abstreifen. Diesen
historischen prozess können wir in den denkmälem nicht ge-
nügend verfolgen. Im 10. und bis zur mitte des 11. jh. fliesst
der Strom der deutschen poesie gleichsam unterirdisch, seine
^) Diese annähme ist mir wider zweifelhaft geworden. Es wäre keines-
wegs unmöglich, dass sich die neue sprechpoesie gerade durch und für die
behandlung geistlicher stofFe entwickelt hätte. Der Charakter der erhaltenen
denkmäler lässt darauf schliessen. Für unsere Untersuchung hat die frage
keine bedeutung.
204 SARAN, ZUR METRIK OTFRIDS VON WEISSENBÜRG.
existenz nur gelegentlich kund gebend. Dann aber ist wider
eine kontrole möglich: denn die frtthmittelhochdeutsche
dichtung mit ihrer angeblichen Verwilderung ist nichts anderes
als die ahd. reimpoesie, welche sich in der während des 9. jh.
eingeschlagenen richtung folgerecht weiterentwickelt hat.
Die oben aufgeführten eigenheiten des ahd. sprechverses
finden sich alle wider, nur entsprechend der langen kunstübung
sehr gesteigert: übei-fülle der auf takte und binnensenkungen,
gebrauch von ^ < *!. und völlige Verflüchtigung des alten
Strophenrahmens, also stichische komposition. Nur eine freiheit
der Sprechpoesie, die letzte und einschneidenste, ist noch nicht
durchgeführt, das brechen und beseitigen der alten perioden.
Den historischen fortschritt dieser erscheinung, können wir viel-
mehr im mhd. beobachten, denn die ältesten fi-ühmhd. dichtungen
lieben noch immer, wie Otfrid, hinter den geradzahligen reim-
zeilen, d. i. am periodenschluss des urmetrums, stärkere sinnes-
einschnitte als hinter den ungeradzahligen, d. i. auf der alten
cäsur. Erst im 1 2. jh. wird auch dieser schritt getan und werden
die rime gebrochen — eine kunst, die die westgermanische
alliterationspoesie schon um 800 völlig ausgebildet besass!
Eben dieses beweist — verbunden mit den erwägungen
von s. 200 f. — , dass jene frühmhd. reimpoesie nicht die direkte
fortsetzung der alliterationspoesie ist, wie Wilmanns § 114
zweifelnd vermutet und andere nach ihm als wirklich behauptet
haben, sondern dass die zweite von Wilmanns ebendaselbst offen
gelassene möglichkeit die richtige ist, nämlich die, dass die * un-
geregelten Zeilen, die wir im 11. jh. in gebrauch finden, auf
Otfrids Versen beruhen' oder vielmehr — wie jetzt richtiger zu
sagen wäre — auf der poesie, aus welcher auch Otfrid seine
technik entlehnte.
Während der alliterationsvers uns nur in seiner letzten,
freiesten form überliefert ist und aus dieser die ursprüngliche
musikalisch - rhythmische nur mit grosser Schwierigkeit rekon-
struiert werden kann, sind wir bei der altdeutschen reimpoesie
in der glücklichen läge, ende der entwickelung im 12. und eine
relativ junge stufe derselben im 9. jh. betrachten und vergleichen
zu können. Darin, dass Otfrids Evangelienbuch dies ermöglicht,
liegt sein grösster wert für die historische deutsche metrik.
PERSONENNAMEN
AUS DEM HÖFISCHEN EPOS IN BAIERN.
Von Fr. Panzer
(München).
Es war früh und gerne geübter deutscher brauch, die kinder
nach den berühmtesten gliedern der heimischen heidenweit zu
nennen. Abgesehen von den rein poetischen beweggründen, die
dabei im spiele waren, mag man wol den stillen wünsch gehegt
haben, es möchte mit dem namen zugleich etwas von dem wesen
dieser idealgestalten auf die nach ihnen benannten übergehen —
war es doch alter glaube dass das kind dem paten nachgerate — ,
wollte jene wenigstens auf solche weise zur nacheiferung em-
pfehlen: der täglich gehörte klang des namens musste seinen
träger unaufhörlich an das vorbild, dem er nachzueifern hatte,
erinnern.
Wol hatte das cluistentum menschlichem streben neue wege
und ziele gewiesen, seine wundertätigen apostel, domengekrönten
märtjTer und streitgewaltigen heiligen dem altverehrten kreise
der heimischen götter und beiden als gefährliche rivalen gegen-
über gestellt. Aber es dauerte lange, bis diese neuen gestalten
für die namengebung in anspruch genommen wuiden; fast nur
geistliche nannten sich hier und da nach ihnen, kaum dass der
name * Johannes' sich öfter in laienkreise veiirrte.*) Erst mit
dem 14. und 15. jh. einsticken die Caspar, Melchior, Balthasar
und genossen die deutschen namen,*) deren edle bedeutsamkeit
länger schon verloren gegangen.
1) Vgl. StemhauBen, Zs. f. d. Unterricht 7, 022.
>) Für Baiem vgl. F. LeiBt, Zs. f. allgem. gesch. 3, 305 ff.
206 PANZER
Freilich hatte auch die vorangegangene zeit ihre ideale
nicht dauernd und ausschliesslich in der nationalen heidenweit
gefunden. Der im 12. jh. rasch zu fester gesellschaftlicher ge-
schlossenheit emporgewachsene stand des rittertums suchte seine
Vorbilder in allem auf romanischem boden. Dort flössen ihm
auch die quellen, aus denen er seine lebhaften litterarischen be-
dürfnisse befriedigte. Bald schössen in Deutschland die * höfischen
epen' nach romanischem muster allenthalben lustig empor und
könig Artus und seine tafeirunde, von geschäftiger sagenbildung
und vielfacher poetischer tätigkeit mit allem erträumbaren glänze
des rittertumes umgeben, mussten binnen kurzem die heimischen
recken, denen dieser überfeinen höfischen weit gegenüber etwas
bäuerisch eckiges anhaften blieb, für die beteiligten kreise in
schatten stellen.
Juncherren snln von Gawem
hoeren Clies, Erec, Iwein
und Buln rihten sin jngAit
gar nach Gaweins reiner tngent.
Tolgt Artus dem künege h§r,
der treit iu Tor vil gnote l§r,
nnd habt ouch in inwerm muot
künic Karin den helt gnot.
l&t niht verderben inwer jugent :
gedenket an Alexanders tugent,
an gevuoc volgt ir Trist^nde,
Seigrimors, £alogriande n. s. w.
Diese Vorbilder stellt ein mann der neuen zeit, Thomasin
von Zirclaere, ums jähr 1216 in seiner grossen tugendlehre für
die ritterliche gesellschaft auf (1041 ff.); kein wunder denn, dass
man ihnen nach altem brauch auch häufig die geistige patensteile
bei den jungen herrn von stände überliess, dass man auch das
zartere geschlecht nicht ungern durch einen feingewählten namen
auf eine mustergestalt aus dem gleichen fabelkreise verwiesen
haben wollte.
Hat die geschichte der deutschen heldensage aus einer
musterung jener eingangs erwähnten namen einen nicht un-
wesentlichen gewinn gezogen, so kann es ebenso nicht ohne
interesse sein, in diesen aus dem höfischen epos genommenen
Personennamen das fortleben bestimmter sagen- und dichtungs-
kreise bezeugt zu finden.
So viel ich sehe, hat zuerst Schmeller auf diese er-
PERSONENNAMEN AUS DEM HOF. EPOS IN BAIERN. 207
scheinung aufmerksam gemacht (Bayer. Wb.* disp.), J. Grimm
sie dann in seinem 1851 in der Berliner academie gehaltenen
vortrage * lieber eine Urkunde des 12. jh.' (= Kl. Sehr. 2, 333 ff.)
ausführlicher besprochen. Zingerle hat den gleichen brauch in
Tirol verfolgt (Germ. 1, 290 ff.), Birlinger einiges hierher ge-
hörige vom Mittelrhein (Zs. fda. 32, 128), mehr J. Meier (Beitr.
16, 86 anm.) aus den Kheinlanden überhaupt beigebracht, während
V. Zahn für Steiermark wenigstens das vorkommen der namen
Luneta und Tristan constatiert (Mitteil. d. bist. Vereins f. Steierm.
29, 45. 51), Bauer (Germ. 18, 214) aus Schwaben zwei Tiistan
und einen Parcival aufgewiesen hat. Auf die beliebtheit dieser
namen in Baiern machte Eiezler (Gesch. Baiems 2, 553) unter
anführung einiger belege aufmerksam. (Vgl. jetzt auch E. Jacobs,
Parzival und Parzivalsbreite in der grafschaft Wernigerode, Zs.
des Harzver. 28, 371 ff.)
Im folgenden ist nun der versuch einer systematischeren
Zusammenstellung der aus dem höfischen epos genommenen, ur-
kundlich belegten personennamen für Baiern gemacht, ein gebiet,
das wie überhaupt in der deutschen litteratur des mittelalters,
so auch in der pflege der hier in betracht kommenden dichtungs-
gattung bedeutsam und charakteristisch hervortritt. Da diese
namen, wie an sich zu erwarten steht und durch die nach-
folgenden ausführungen bestätigt wird, wesentlich auf die ritter-
liche gesellschaft beschränkt sein mussten, bot Hunds Bayrisches
stammenbuch die ergiebigste quelle. Doch ist neben ihm möglichst
ein urkundlicher beleg beizubringen, überhaupt die urkundliche
litteratur nach kräften auszunützen gesucht; auf Vollzähligkeit
dürfen freilich auch diese anführungen keinen anspruch erheben.
Für die zwecke dieser abhandlung schien es genügend, den
urkundlichen beleg immer nur für das älteste datum, das mir
begegnet ist, zu geben. Zui- bezeichnung der hauptsächlichsten
quellen bediene ich mich dabei der nachstehenden abkürzungen:
Hund = Dr. Wig. Hund, Bayrisch Btaminenbnch 1. und 2. teil Ingolstadt
1598, 3. teil bei Freyberg, Sammlung bist, scbriften 3, 159 ff.
Krenner = Bairiscbe landtagsbandlungen in den jähren 1429 — 1513,
hrsg. Ton F. v. Krenner, München 1803 ff.
MB = Monumenta Boica.
NB = Verhandl. d. bist. Vereins für Niederbayem.
OA = Oberbayerisches archiv.
Beg, = Regesta sive Rerum Boicamm Autographa ed. C. H. de Lang
et alii, Mon. 1822 ff.
208 PANZER
Mied = Codex chronologico-diplomaticns episcopatos Batisponensis hrsg.
Ton Th. Ried, Ratisp. 1816.
Von den gestalten, die die epen Hartmanns von Ane be-
kannt gemacht hatten, wurden nur herr Iwein und frau Lunete
öfters zu gevatter gebeten, wie ja der Iwein auch in seiner
litterarischen nachwirkung als das weitaus beliebteste werk
dieses dichters erscheint.
Der erstere name erscheint nun in Baiem sonderbar früh,
lange vor Hartmann. Wie schon Müllenhoff (Zs. fda. 12, 357)
nachgewiesen hat, begegnet bereits in einer unter Aribo, also
zwischen 764 und 784 ausgestellten Freisinger Urkunde (Meichel-
beck, Hist. Fris. 1 nr. 93) zweimal ein Iwan. Der Ybantis (Itmn)
de Chamer, der c. 1160 im cod. trad. des klosters Neustift vor
Freising MB 9, 546, c. 1190 im cod. trad. des klosters Scheiem
MB 10, 403, c. 1200 bei Hund 1, 239 bezeugt ist, fällt ebenso vor
Hartmann und auch Ywan de Tuwern, der c. 1214 im Ensdorfer
traditionscodex (bei Freyberg 2, 348) begegnet, kann nicht auf
ihn zurückgehen. Dazu böte der Eyhanus servtis des abtes
von Keichenbach c. 1249 MB 27, 58 das einzige beispiel, dass ein
hierher gehörender name von einem hörigen geführt würde. Man
wird daher besser tun, mit Müllenhoff für diese deutschen Iwane
eine beziehung auf den artusritter abzulehnen. Betreffs jenes
Freisinger Iwan aus dem 8. jh. könnte allerdings darauf hin-
gewiesen werden, dass (worauf neuerdings Hertz [Trist, u. Is.^ 481]
aufmerksam gemacht hat), in einer 807 zu Langenargen am
Bodensee ausgestellten Urkunde (SGaller ui'kundenb. 1, 187, nr. 197)
ähnlich mitten unter den zeugen mit deutschen namen ein Tristan
auftritt. Und für die Iwane des 12. jh. dürfte man auf die analoge
erscheinung in Italien verweisen, wo der bretonische sagenkieis
ebenso merkwürdig fiiih für die lebendige namengebung in an-
spruch genommen wurde (vgl. P. Rajna, Gli eroi Brettoni nel-
r onomastica ital. Rom. 17, 161 ff.; 355 ff.).*)
So bleibt auch für die später so benannten ritter die be-
ziehung auf das höfische epos nicht zweifellos. Der name ei-scheint
immer in der form Iwan, bez. Yban oder häufiger diphthongiert
*) Vor das höfische epos fiele auch ein Walwan im cod. trad. des klosters
Priflingen MB 13, 125; ein ungläubiger könnte in ihm freilich anch einen
BMtoin erkennen wollen, wofür in Baiern die Schreibung Walwan nicht un-
möglich wäre (später gewöhnlich Palbetn, Palwein z. b. MB 21, 110. 191).
PERSONENNAMEN AUS DEM HÖF. EPOS IN BAIERN. 209
JEyban, ein einziges mal ist mir Eyhein begegnet (in einer Inders-
dorfer Urkunde von 1384 OA 24, 127 neben Eyhan in derselben
Urkunde für dieselbe person). Das ist also die nämliche form, die
Wolfram gebraucht, wie ja auch Füetrer, der doch Hartmann
gekannt und verarbeitet hat (Zs. fda. 34, 170 ff.), den beiden Yhan
nennt. ») Dass Hartmanns Iwein in Baiem noch im 16. jh. ge-
lesen wui-de, ist uns überdies ausdrücklich bezeugt durch einen
eintrag in die Londoner Iweinhandschrift von dr. Hund, der, da
er mit dem pferde gestürzt in Aschau darniederlag, her Iheyn
durchaus 1<jls (OA 31, 339).
Häufig ist der name im 14. jh.: Eihan der richter von
Wetiernuelt 1301 MB 27, 77 (zu trennen von dem Eiban von Peil-
stein, der seit 1312 MB 27, 85, von 1342—49 als richter zu Wetiern-
uelt MB 27, 139 erscheint und dem Eyhan vitztum zu Lengenveit
1308—24 Eeg. 5, 142?), Eyhan von Togn 1313 MB 12, 160, Eiban
richter ze Chamh 1336 MB 27, 119, Yhan von Waul 1366—69
Reg. 9, 144, Graf Yhan vofi Pemstain 1377 MB 4, 479, Eyhan
(Eyhein) von Küpach 1384 OA 24, 127; nur einer im 15. jh.:
Eyhan de Wall 1457—79 MB 6, 632. 2) Der name hat sich auch
frühzeitig zum familiennamen entwckelt: ein Eckhert Eyhan ist
1343 — 48 hausmeister des spitals zum h. geist in München OA
21, 48; zui' oilsnamenbildung scheint er verwandt in dem Hein-
ricus de Yhanstal in einem Passauer zinsregister MB 28, 455.
Seltener fand ich den frauennamen Lunete, wobei hier wie
immer zu bedenken ist, dass frauennamen überhaupt viel seltener
urkundlich ei*scheinen. Nui- einmal im 14. jh.: Loneta tochter des
Walther von Taufkirchen 1310 Hund 2, 314, öfter im 15. jh.:
Lunet (jattin des Stephan Fraunherger vofn Hag 1419 ebd. 1, 58,
Lunettu (Lanet) von Freyher g 1435—41 Eeg. 13, 332, Hund 3,
327, die geliebte Ludwigs im hart (bei Riezler3, 336 Canetta
genannt), Luneta Wis2)eckin tochter des Heinrich von Gumpefiherg
1517 Hund 1, 173 und endlich Länetta tochter des 1582 ver-
storhenen Adam Gereuter Hund 3, 329.
Nach der bekannten legende desselben dichters trugen
vielleicht der a^-ni Hainrich genannt keiner von Pihra 1335 Eeg.
7, 108 (mit dem jedenfalls identisch der arm Heinrich von Pyhradi
^) Mau könnte an mundartliche einflttsse denken O^'^einhold BG. § 39),
doch vgl. Oawein.
») Yban de Kortenbach 1424—27 Reg. 13, 43 war aus HoUand nach
Baiem gekommen.
Fwtgab« für 8i«T«rt. 14
210 PANZER
1341 ebd. 7, 311) und der arm Heinrich richtet zu Chulm 1352
ebd. 8, 234 ihren namen; kaum aber war Hartman der Äuer
1398 — 1411 Reg. 11, 142 in erinnerung an den dichter benannt.
Eines weit verbreiteten ansehens ei-freute sich die dichtung
Wirnts von Grafenberg und kein hierher gehöriger name ist
häufiger verwandt als der seines haupthelden. Er erscheint
niemals als Wigalois, zumeist als Wiguhus oder Wigelais, Wige-
leis, *) daneben noch in den buntesten formen {Wigules, Wigolaus,
Wigolas, Wigleis, Weigles, Wigulejus u. s. w.). Im 13. jh. ist er
mir nicht begegnet; der erste wäre der bewahrer Friedrichs des
schönen Wiguleus a Trausnit, Als: Weigl, gemainlich nur Weigl
Vitetum genannt Hund 3, 715 wenn der überhaupt Wiguleiis ge-
heissen hätte und nicht vielmehr Wigar^d oder dgl. Sonst Wigeleis
von Nordholz 1360—88 Reg. 9, 2. Von dieser zeit wird der
name ausserordentlich häufig; ich habe mir aus dem 14. jh. noch
vier, aus dem 15. zwanzig, aus dem 16. jh. sechszehn Wigulmse
aus bairischen Urkunden angemerkt und noch im 17. und 18. jh.
ist der name nicht selten, wie denn der bekannte gesetzgeber
Baierns, Freih. v, Kreittfnayr (f 1790), noch die vomamen Alois
Wiguleus führte. Die vielgelesene prosaauflösung des alten ge-
dichtes, die ja noch 1664 in Nürnberg neu aufgelegt wurde, mag
den ohnehin beliebten namen dauernd lebendig erhalten haben.
Er war bei einzelnen familien besonders bevorzugt, so bei den
Hunden, den Ahaimern, Rorbecken, Weichsern und Zengem;
ein Wiguleus (aus dem geschlechte der Fröschl) sass auch
1500 — 16 auf dem bischofsstuhle von Passau. Der name ist
auch familienname geworden: 1478 finden wir einen Ulrich
Wigeleys als kaplan bei ULFrau zu München MB 20, 651 , 1489
einen Ulrich Wygeleys burger zu Aichach ebd. 22, 596.
Sonstige namen scheinen aus Wirnts dichtung nicht ent-
lehnt. Nur ein Jörel Mair zu Sigolfing 1384 MB 20, 18 er-
innert an Lariens vater, den könig Jorel von Korntin, ist aber
gewiss ebensowenig nach ihm genannt als Buel, die tochter des
grafen von Fürsteneck 1396 Hund 2, 255 nach der starken, aber
grundhässlichen Ruel im selben epos.
In ungleich höherem grade als Hailmann und Wimt sind
^) So schreibt anch das sicher bairische erste Münchener fragment des
gedichtes (Q) den namen Wigolays 7i%. fda. 22, 352. — Dr. Hund schrieb sich
selbst Wigelas CA 31, 339.
PERSONENNAMEN AUS DEM HOF. EPOS IN BAIERN. 211
nun die werke Wolframs von Eschenbach (den j. Titurel
nach der anschaunng der zeit mit eingerechnet) für den in frage
stehenden zweck ausgenutzt. Dabei erfreute sich, wie mr das
ja auch aus sonstigen Zeugnissen zur genüge wissen, der Wille-
halm, unserem heutigen geschmacke vielleicht nicht ganz ent-
sprechend, derselben beliebtheit wie der Parzival und Titurel.
Gleich der titelheld des Parz. ward häufig zur namengebung
ver^'andt. Nach Bucelini Geim. sacra et prof. 3, 203 erscheint
schon 1282 ein Parcefal de Weineck, dem im 14. — 15. jh. noch
drei gleichbenannte mitglieder in derselben familie nachfolgen,
von denen wenigstens der zweite und dritte häufiger in bairischen
Urkunden erscheinen (MB 7, 197, Reg. 13, 320). Besonders im
schwang war der name in der familie der Zenger, wo mindestens
sechs Parzivale bezeugt sind: 1334 der erste Hund 2, 383, dessen
söhn, \dder Parzival genannt, der streitbare gegner der bairischen
fürsten, zwischen 1382 und 1430 überaus häufig in den Urkunden
erecheint, daneben ein Parzival Zenger söhn Heinrichs des Z.
von Schwarzeneci 1376 Reg. 9, 340 und drei Parzivale in der
linie der Zenger zu Lichtenivald, von denen der jüngste 1584
gestorben Hund 2, 200. Sehi» gewöhnlich ist der name im 15. jh.
Bei den Fraunbergern heisst der söhn des vor 1405 verstorbenen
Hans und des 1469 verstorbenen Wilhelm (Hund 2, 75. 83), bei
den Aichpergem ein söhn und ein enkel des nach 1413 ge-
storbenen Georg Parzival Hund 1, 161, Krenner 7, 223. — 1400 er-
scheint P. der Stauffer Hund 2, 304, 1410—20 P. Schilwatz Reg. 12,
335, 1426—35 P. (Barczifal) Marschdlh Reg. 13, 74, 1435—46
P Marschall: zu Dornsperg MB 16, 479, P der Ur fahr er ist
1506 gestorben Hund 3, 754; im 16. jh. ist mir sonst nur P
Birclchaimer 1522 — 40 Hund 3, 254 begegnet, i) — An dem Regens-
buiger bürger Volkmar deni Parzifal 1342 Reg. 7, 338 sehen wir
den namen fi'ülizeitig zum geschlechtsnamen geworden.
Interessant ist das verhalten des namens Gahmuret. Schon
1237 begegnet ein Gameridus (de Veldenau?) MB 13, 207 in
einer zu Munhusen propre liatisponam ausgestellten Urkunde^
ein Gamriht Schulihaitz ist für 1247 im cod. trad. von Nieder-
Altaich bezeugt MB 11, 34. Der name hat sich noch im 13. jh.
zum geschlechtsnamen entwickelt: das Regensburger geschlecht
der Kahmoret, Gameredus, Camerit, Camuret, Gamurat, Camerodus,
In Franken Parzival von Seckendorf 1505 Mon. CasteU. 299.
212 PANZER
Gamaret oder Gaumrit, wie es in buntem Wechsel genannt wird,
ist bei Ried seit 1255 urkundlich belegt. Sonst ist der name,
gewöhnlich Gam(e)ret oder Gamerit geschiieben, häufig aber arg
entstellt zu Bamereth, Mambrecht, selbst Bernhard und dergl.
(vgl. OA 41, 74) im 14. und 15. jh. als personenname häufig:
Gamerit von Sarching 1311 — 51 Reg. 5, 204 und ein jüngerer
seit 13S0 oft bezeugt Ried 10, Reg. 11, 322, Kamuret vor Purch
1328 Reg. 6, 254, Gamret von Rorbach 1380—1427 Hund 2, 269,
Reg. 10, 284, Gamrit der Zeller 1389 bei Freyberg 2, 93, Gambreth
söhn des nach 1394 verstorbenen Ott von Pientzenaw und Gam-
breth söhn des nach 1477 verstorbenen Ulrich von Pientzenaw
Hund 2, 224; 3, 197, MB 6, 318, Gamreth Pucher zu Otzing 1443
Krenner 4, 117; der Verfasser des Ehrenbriefes nannte gleichfalls
einen söhn Gamuret OA 41, 74. Wenn für diese späteren Gah-
murete die beziehung auf Wolfram nicht abgewiesen werden
kann, so ist sie doch für jene erstaufgeführten und besonders
für das Regensburger geschlecht unmöglich. Der name ist eben
ein deutscher — er ist bereits im 8. jh. in einer Lorscher Ur-
kunde belegt, Förstemann 1, 46G — und floss so füi' jene persön-
lichkeiten wie für Wolfram aus der gleichen quelle.
Auch frau Herzeloydens treue mütterliche blieb unvergessen.
Nach Lieb bei Hund 3, 367 erscheint schon vor 1286 eine Herze-
line von Wildenwart. Besser bezeugt sind Hertzenlut {Hertzi-
lam), gattin des Wilhalm Gerütter zu Strass 1421 Hund 3, 327,
*) Freilich könnte diese queUe für beide statt der lebendigen Wirklich-
keit auch ein älteres epos von könig Tirol gewesen sein, über den es ja
sicher ältere, auch Wolfram bekannte epische Überlieferung gab. Jedenfalls
zeigen gerade auch die namen in Parz. buch 1. 2 sehr deutlich, wie übel an-
gebracht es ist, für diese Vorgeschichte entlehnung aus einer französischen quelle
anzunehmen. Wie heissen doch die vorfahren des beiden? Gandin — Galoes—
Gahmuret. Dass Galois jemals in einer französischen dichtung so schlechthin
als eigenname hätte gebraucht werden können, ist ganz unglaublich, zumal
die entlehnung des namens aus Hartmanns Erec in die äugen fallt; woher er
aber den namen Gandin genommen hat, sagt Wolfram selbst deutlich genug
(P. 498, 25 f.) — nur mit umkehrung des wirklichen Verhältnisses. Und, was
man gar nicht beachtet hat, wie schön die namen alliterieren, so recht
wie es das deutsche epos verlangte, zufällig mit demselben laute wie das
Wonnser königsgeschlecht ! — Kyot ist ja neuerdings wider sehr zu ehren
gekommen, ganz mit unrecht, wie ich meine. Die vortrefflichen arbeiten von
Heinzel legen ziemlich alles material bereit, nur scheint es mir zwingend
eine andere auslegung zu fordern. Es ist mir hoffentlich bald vergönnt,
darauf ausführlich zurückzukommen.
PERSONENNAMEN AUS DEM HÖF. EPOS IN BAIERN. 213
Eeg. 12,372, Hertzmlmith^) {Hertzelaw) von Äliaim 1434—44
NB 20, 345 , Herzeslane Georgen Glabspergers tochter verheiratet
an den 1472—78 (OA 26, 147) bezeugten Stephan Losnitzer
Hund 3, 461, endlich HeHzelaw, tochter des 1516 verstorbenen
Ilieromjnms von Stau ff Hund 2, 306.2)
Neben Parzival schien der Vertreter der rein weltlichen
Seite des rittertums nicht minder würdig, zur nacheiferung em-
pfohlen zu werden. Der name zeigt sich nie in der Wolfram-
schen form Gawan, sondern stets als Gawein wie in der Krone, so
dass man wol annehmen darf, er sei aus dem letzteren gedichte
wo ja der held der aventiure herre ist, entnommen. Er begegnet
zuerst 1334 in einem Gabein Huetter in einer in Landshut aus-
gestellten Urkunde MB 4, 361 ; seine blütezeit fällt erst ins 1 5. jh.
Er war besonders beliebt bei den Traunern: Gabein der Trauner
1403—19 MB 22, 376, und ein jüngerer 1476—1516 Hund 2, 341,
Krenner 12, 210 von dem wol wder zu trennen Gabein der söhn
des 1543 verstorbenen Giristof Trauner Hund 1,374;^) femer
Gawein {Gabin, Jabein) von Frendenberg 1417 — 50 Hund 2, 102,
MB 24, 209, Gabein Fewer tmv Pfetrach 1439—41 Hund 3, 308,
MB 21, 503, Gabein Laiminger 1461 Krenner 7, 98, Gabin Ptiech-
beck nach 1457 Hund 3, 549 und endlich Gabein Wartter 1514 — 54
Hund 2, 206, dessen söhn abermals Gabein genannt ist ebd. 2, 355.
Herrn Gawans ritterlicher gegner dünkte gleichfalls eines
ehrenvollen gedächt nisses wert: Bemhardin Stauffer zu Ertifels,
seit 1486 mit Catharina von Tihring verheiratet, nannte nach
ihm einen söhn Gramaflantz, wie derselbe vater auch herm
Parzivals zweifarbigem bruder und seiner heidnischen geliebten
*) Auch mehrere hss. der gruppe g sclireiben den nameu herzelaude,
herzcnlaudc 8. zu Parz. 84, 9. 13 und zu Tit. 10, 3.
*) Nach dem Sundgau gehört die Berzelaude, tochter des grafen Thiebald
von Fhirt 1310 Reg. 5, 171; sie war wol nach der Schwester ihrer mutter,
Herzelaude von Lichtetibcrg , tochter des minnesingers Walther von Klingen
(Zs. f. gesch. d. Oberrheins 1 , 469) so genannt worden. Bekannt ist Herczelaude
(Hcrczelawede) von Fürstenberg j gattin des Ulrich von Mappoltstcin, f bald
nach 1362 (Fürst^nbg. urkb. 2, nr. 370), auch Lowelinf Löwelin genannt, welche
form aber nicht als die * verwälschte * jener gegenübergestellt werden darf
(Riezler 1. c. 2, 248; 4, 519; Gesch. des hauses Fttrstenbg. 259), denn es ist die
deutsche koseform Lauelin oder Lauwdin zu lesen.
3) Gabwein der Trauner 1319 pfleger zu Halmberg OA 26, 64 ist wol
nur fehlerhafte abschrift aus Hund 2, 339, wonach 1419 ein G. Tr. pfleger zu
H. war.
214 PANZER
ein liebevolles andenken bewahrte: Ferafis und Secundilla taufte
er einen zweiten söhn und eine tochter Hund 2, 308. *)
Schliesslich hat noch der söhn des Gumemanz, von dessen
frtthzeitigem tode dem vater das herz dürkel als ein zun ge-
worden, einem bairischen rittersprössling seinen namen geliehen:
Gentiflor (Gentefior) Pfäffinger 1461—1503 Krenner 7, 98 ist
offenbar nach dem Schenteflurs Parz. 177, 29 genannt, wo
wenigstens eine hs. der gruppe g gentaflurs schreibt.')
Ob Gebhart der Gral 1301 MB 16, 155 nach dem heiltume
den namen getragen habe, mag dahin gestellt bleiben.
Es war vorauszusetzen, dass der j. Titurel als das meist
bewunderte, unverstandene und wenigstens in den schlechten
handschriften, der Iceine nit was rechte, unverständliche haupt-
werk Wolfiams auch in den personennamen eine spur dieser
Verehrung hinterlassen haben müsste. Das bestätigt sich in der
tat. Selbst der name des haupthelden, gewiss ungeheuerlich für
den täglichen gebrauch, wurde nicht verschmäht. Geiss zählt
in seinem aufsatze *• Geschichte des Schlosses Herzheim und seiner
bewohner' OA 7, 180 ff. unter den kindem Georgs des Herz-
haimers auf (s. 201) 'b) Sigmund und c) Zienachtalander (der
name üt sicher obwohl auffallend) y zwilltngsbrüder, die in ihrer
kindheit starben\ Der name ist natürlich nichts anderes als
Schionatulander und das wird bestätigt durch einen eintrag, den
der bruder des genannten, der berühmte Hans (HI.) Herzhaimer
in die einst von ihm besessene, jetzt auf der Münchener hof-
und Staatsbibliothek bewahrte hs. des Friedrich von Schwaben
zu dem bekannten verse 4797 bl. 97 a Schinatulander durch
Sygan die fry gemacht hat: Schynatulander Jiab ich Hans Herz-
hamer auch des namens ein bruder gehabt dem gott genade vnd
allen glaubigen seien. Von einem zweiten Sienachtalander, einem
söhne Kaspar Pfeffingers berichtet Hund 3, 533, doch so, dass man
wenigstens in dem schlechten abdrucke bei Freyberg nicht recht
sieht, ob dies wirklich eine besondere persönlichkeit, ein bruder
des obengenannten Gentiflor ist und nicht etwa Gentiflor beide
namen erhalten hatte, was für diese zeit bereits denkbar wäre.
Für eine zweite tochter mnsste der roman von Loher und MaUer
den namen geben: er nannte sie Zormarina nach der schönen tochter des
kOnigs von Konstantinopel.
>) Oenteflur ist auch franeuname; Erec 7786 heisst so die Schwester des
Gniyreiz.
PERSONENNAMEN AUS DEM HÖF. EPOS IN BAIERN. 215
Gefälliger war der name Sigunens und man mochte den
weiblichen nachwuchs gerne auf dies urbild rührender treue hin-
gewesen haben. Die zahl der Sigunen ist denn auch eine recht
stattliche; als erste ist mir Sigaun Thorerin, gattin Liidmg
Püteridis 1830 Hund 2, 328, MB 8, 225 begegnet, in deren ge-
schlechte dieser name überhaupt besonders beliebt war. Iih
14. jh. zeigen sich noch Sygawn die Waldeckerin 1359 — 1408
Reg. 12, 8 (ihre tochter heisst wider Sigaun), Sigaun gattin
Arnolds F. von Massenhausen, der vor 1380 verstarb OA 4, 404,
Sigauna Gransin f 1380 Hund 2, 345, Sygaun domini Georgii de
Aw uücor 1383 Verhandl. d. hist. Vereins v. Obei-pfalz u. Regensb.
25, 288, Sigauna de Puchperg 1383 Hist. abhandl. d. bair. akad.
5 (1823), 332, Syguna {Syawe Reg. 11,149) gattin des Hans
Paulstor ffer 1387—99 Hund 2, 211, Sigaun gattin des Ulrich
Judmann von Rorenfels, der 1389 — 1425 bezeugt ist Hund 1, 236.
Aus dem 15. und 16. jh. habe ich mir noch achtzehn bairische
Sigunen angemerkt, die aufzuzählen überflüssig ist. Darunter
befinden sich auch zwei gräfinnen: Siguna gattin des grafen
Etzel von Ortenhur g 1426—28 Hund 2, 38, Reg. 13, 73 (sie war
aber eine geborene Rorbeckin) und Siguna tochter des grafen
Heinrich VL von Ortenhur g, deren mutter eine Törringerin,
Hund 2, 40.
Von sonstigen namen aus dem Titurel ist keiner mit Sicher-
heit zu belegen, man wollte denn hinter dem Urel von Reychcn-
berch 1345 Reg. 8, 30, der aber gemss eher den erzengel üriel
zum paten gehabt, einen Titurel oder hinter der gattin Jacob
Piiterichs Bolcia f 1396 Hund 2, 112 Pelaie, Loherangrins zweite
geliebte suchen. Den Früniül^^) vor Zeiten zu Mosach gesessen
1427 Reg. 13, 110 für einen Fiimutel erklären zu wollen, möchte
doch allzu gewagt sein.
Noch einen namen könnte der j. Tituiel eingegeben haben.
Erasmus von Seiboltstorff (f 1512) nannte einen söhn Cahamc,
Diser lumi ist von den ersten silhen der Iwiligen drey könig z^i-
sammen gesetzt erzählt Hund 2, 294; sollte den unglücklichen
vater der j. Tit. auf den tollen einfall gebracht haben, da dort ja
ähnlich der söhn des Titurison seinen namen aus den buchstaben
der elterlichen namen zusammen gesetzt bekommt (j. Tit. 164)?
>) Dem dichter des j. Tit. schwebt« vieUeicht der für die altgermanische
zeit wolbezeugte brauch vor, dem kinde ans den beiden eltemnamen einen
neuen zusammen zu fügen.
216 PANZER
Eine genie ausgeschöpfte quelle bot dann ferner der Wille-
halm. Für den namen des titelhelden freilich ist es unmöglich,
eine entlehnung aus unserem gedichte zu konstatieren, da er
schon vor Wolfram auch in Baiem häufig genug erklang. Aber
er war nicht der einzige, der seinen namen hergeben musste.
So lebte sein neffe, dessen frühen tod Wolfram in so innigen
tönen beklagen lässt, in jüngeren Vivianzen fort. Viviantz der
Ähaimer zu Rätzenhoven erscheint 1412 — 40 NB 17, 323, Vivianz
von Fraunberg 1422 — 30 Reg. 12, 400, er nannte seinen söhn
wider Vivianz Hund 2, 78 (davon verschieden Viuiantz der Fraun-
berger Tumbherr zu Freysing 1424 Reg. 13, 45?). — Her Eueger
der viuiantz in einer Wiener Urkunde MB 30 2, 37 und Viviantz
der Sunnberger 1398 ebd. 482 gehören nach Niederösterreich.
Nicht aus Wolframs gedieht stammt hingegen der Vivianus
Anhänger 1432 Hund 3, 213, wie die namensform err^^eist. Dass
die von Grinun in der citierten abhandlung geäusserte ansieht,
die namen der Kerlingischen beiden seien in der ritterweit un-
beliebt gewesen und nicht urkundlich zu belegen, durch die tat-
sachen nicht gerechtfertigt wird, hat schon Müllenhoff erwiesen
(Zs. fda. 12, 356 ff.). Speziell aus Baiem ist dort ein Marsilie
de Geh^nstorf 1185 MB 9, 552 beigebracht, aber auch die Rolande
sind nicht selten: Rulandus canon, Eatisp. 1284 MB 24, 56, Bulant
(Ruetland) von Dorfrich 1318—43 MB 26, 95.97, Buland von
Freyberg 1425 Hund 2, 97, Buland söhn des nach 1441 f Wil-
helm von Laiming Hund 2, 146, Bueland von Trugenhofen 1490 —
1508 OA 26, 62; nach Schwaben gehört Buolant de Sriderichingen
c. 1150 MB 22, 68, an den Untermain Boland von Altheim 1392
Burgermeister, Cod. dipl. eqest. 1, 5. Zum beinamen geworden an
dem Freisinger bürger Jacob Buland f vor 1484 MB 18, 594
und Veit dem Bueland 1494 — 1507 OA 26, 141, zur ortsnamen-
bildung verwandt in Builandsriet 1299 Reg. 4, 696. Häufiger ist
die form mit inlautendem t z. b. Butland de Lengenveit 1136
*
Ried 200, dessen benennung vor das Rolandslied des pf äffen
Konrad fällt, Butland de Puhse 1204—16 ebd. 329, Butland de
SauJberch 1268 Ried 501 u. 0.
Den starken Rennewart habe ich nur zweimal wider-
gefunden: Bennwert von Uautzenberg 1319 Reg. 5, 420 und
Benwart in der Dartzchssen (?) 1421 ebd. 12, 368. Es erscheint
aber schon c. 1180 im traditionscodex des klosters Ranshofen
ein Benwardus de Haimingen MB 3, 267, so dass die be-
PERSONENNAMEN AUS DEM HÖF. EPOS IN BAIERN. 217
Ziehung auf den Willelialm auch für die ei-stgenannten nicht
zweifellos ist.
Willehalms gattin lebte unter ihrem heidnischen wie ihrem
christlichen namen fort: Ardbell von Fraunhoven gattin des
Hans Strasser, starb 1468 Hund 2, 92; herr Hans von Fraunberg
aber (f vor 1405) nannte ein tochter Kyburc ebd. 2, 75.
Anderen eitern hatte es die liebenswürdige Alice angetan:
Äleys Gumpenbergerin 1359, zu unterscheiden von Aleys gattin
des 1426 — 47 bezeugten Ulrich von Weichs Hund 2, 357. Dass
Äloys die Sintzenhoferin, Jdosterfrau zu Geysenfelt 1403 Eeg. 11,
302 hierher gehört, zeigt Reg. 11, 409 (1407), wo dieselbe ^?ey5
genannt mv^. Ebenso dürfte Elleis dev Glcessinne monialis in
Swligental MB 15, 542 hierher zu rechnen sein, da an die Eleise,
die in des Albrecht von Scharfenberg Seifrid de Ardemont als
eine der vier von Seifrid befreiten Jungfrauen vorgeführt wird
(Spiller s. 14) doch kaum zu denken ist.
Auch die traurige mär von Tristan und Isolden fand in
Baiern ein dankbares publikum und das andenken des unglück-
lichen liebespaares lebte lange in den namen fort.
Die Urkunden weisen durchgehends nur die namensform
Trisiram auf. Es wäre zu weit gegangen, wenn man daraus
schliessen wollte, dass der Gottfiied'sche Tristan in Baiem mehr
oder weniger unbekannt gewesen sei und nur die ältere Version
der sage hier i)flege gefunden habe. Denn der anklang an die
heimischen namen auf -ram, der, we schon Licht^nstein be-
merkte (QF 19, CXCIX anm.), die form Tristram in Deutsch-
land überhaupt bevorzugen Hess, musste sie natüi'lich für den
hier in frage stehenden zweck doi)pelt empfehlen. Allerdings
ist nicht zu übersehen, dass auch nach dem Zeugnisse anderer
quellen (vgl. die Zusammenstellungen QF 19, CXCII ff. und Hertz,
Trist, u. Is.2 477 ff.) Eilhards Version sich in Baiem einer aus-
gedehnteren bekanntschaft und beliebtheit erfi'eute als die Gott-
fiieds : Wolfram spielt im Parz. naturgemäss nur auf Eilhard an
(Bartsch, Germ. stud. 2, 126), Heinrich von dem Türlin, der schliess-
lich ebenso gut oder ebenso schlecht für Baiern in anspruch ge-
nommen w^erden kann als für Steiermark oder Kärnten, nennt
Tristram und Isolde (daneben einmal Isaldc), ebenso der Tanhuser
(MSH 2, 85 b, 86 a) Tristram und Isalde und Des minners klage (ed.
Schmeller 646, 2) Tristram und der Kegensburger teppich gibt die
scene des Stelldicheins gleichfalls im anschlusse an Eilhard, nicht
218 PANZER
an Gottfried (vgl. Germ. 18, 276). Aber die namensformen allein
vermögen, wo nicht andere kriterien dazu kommen wie z. b. bei
Heinrich von dem Tiirlin, nicht unbedingt zu entscheiden. Die
Münchner Gottfriedhs. schreibt durchweg Tristrant und der j.
Titurel, der 5706 Isolden (: walden) und 1993 Tristram nennt,
hat gleich wol Gottfried gekannt, wie der zusatz von Parmanie
1993 zeigt; auch Jakob Püterich kennt Gottfried (Ehrenbr. 101
von Straszhxirg Gotfridt Tristram hat besachet) und Füetrer
spendet ihm in seinem Lanzelot, wie im Buch der abenteuer
reichUches lob (MSH 4, 886).
Als erster erscheint 1337 in Niederbaiem ein Tristram
richter datz Zaitzchoven Reg. 7, 184, drei stellen wider die Zenger:
Tristram {Brisdram) Z, von SchwarzenecJc 1393—1432 Reg. 10,
342, sein gleichnamiger söhn Hund 2, 387 und Tristram Z, eu
Erlbach ebd. 2, 395; femer Tristram der Watzemstorffer zu
Leuprechting 1407 — 16 Reg. 11, 401, Tr. (von Hohenreichen?) zu
Biberbach 1436 ebd. 13, 376, Tr. Nusperger f 1477 Hund 1, 277,
Tristra([) von Teuffenbach 1449 Hund 2, 91, Tr. der Scherenegker
1473 OA 26, 32, Tr. Fröschel f 1508 Hund 3, 319 und endlich
Tr. der Gözengreiner 1560—72 OA 26, 156.
Als familiennamen fand ich den namen im 15. und 16. jh.
Ein Augustin Tristram führte im markgrafenkriege von 1462
einen teil des bairischen heeres (Riezler 3, 418), Christoph Tristran
ist 1555 Stadtrichter zu Laufen (OA 26, 84) und Christian der
Tristan 1560 landrichter zu Haag (ebd. 26, 63). Ausscliliesslich
an diesem letzten beispiele zeigt sich der name in der bei Gott-
fried gebrauchten form.')
Nicht so häufig sind die Isolden. 1317 erscheint Reg. 5, 357
eine Eysol unter den kindem Gewolfs des Eschelbechen , die
übrigen sind spät: Isoida Freyerin 1480 Lieb bei Hund 3, 314,
Isoida von Wolfstain f 1559 Hund 2, 376, Isoida Hoholtingerin
gattin des 1559 verstorbenen Sebastian Moroltinger ebd. 3, 482
und Isoida von Thein 1600 ebd. 3, 246. — Dagegen gehört der
bairische ort«name Eisolzried nicht hierher, wie Steub, Obd.
familiennamen 160 meinte, sondern zu dem deutschen mannes-
*) Nach Oesterreich gehört Tristam burger von Stayn vnd von Chrema
1300 MB 3, 568, nach Schwaben Tristan von Scharenatetten (TrUtram von
SchoTnsietten) 1379—1409 Reg. 10, 33, Hund 3, 563. -- Peter von Tristans in
Ainer Bamberger nrkonde 1384 Beg. 10, 144.
PERSONENNAMEN AUS DEM HÖF. EPOS IN BAIERN. 219
namen Isolt < Iswalt (vgl. Hertz, Trist, u. Is.- 485), wie ja
schon die grammatische form zeigt.
Mit geringerer Sicherheit sind andere namen aus dem kreise
der Artusepen zu belegen. Nach Tandarois möchte der Tcendiras
de Sigefibtirch, der 1292 im rechnungsbuche des oberen vice-
domamtes Ludwigs des strengen (OA 26, 284) erscheint, genannt
sein, aber Konrad der Kaya zu Wernberg 1403 Reg. 11, 285
nennt sich nach einem gehet (DWb. 4, 2388 f.) und hat nichts
mit dem truchsessen zu tun. Eine Vbiles ErnfeUerin 1410
Hund 2, 353 und VhiUs des Khräjsels Haufsfrau 1364 ebd. 3, 446
erinnern an die Iblis des Lanzelot (Parz. 656, 27 Iblis, Ibilis Ggg).
Wie viele von den besonders im 15. jh. häufigen Ameleien etwa
auf die schöne geliebte herni Wilhelms von Orlens zurückgehen,
entzieht sich einer entecheidung.
Ebenso ist kaum auszumachen, wie weit namen aus der
antike aus dem höfischen epos genommen sein könnten. Ein
Ektor Lichtenberger begegnet beispielsweise 1338 — 43 Ried 845,
Hektor von Parsperg 1400 Hund 2, 203, HeJctor von Schönstet
1408—61 Hund 2, 331, MB 2, 61, Hektor Beer 1470 Hund 3, 249;
ein her Pareys war 1321 probst von Rebdorf Reg. 6, 43; Pente-
silea Fraunbergerin , 1427 bezeugt Hund 1, 58, mag leicht nach
der beherrscherin Asiens in dem vielgelesenen Willehalm des
Ulrich von Türheim genannt sein. Mit dem ausgehenden 15. jh.
werden diese namen unter anderen einflüssen naturgemäss weit
häufiger.
Ueberblicken wir nun noch einmal die namenreihen, die
wir an uns haben vorübergehen lassen. Am häufigsten fanden
wir den namen Wiguleus; was aber die ausnützung dei* einzelnen
dichtungen anbelangt, so standen die werke Wolfi-ams weitaus
in erster reihe. So bestätigte uns unsere untersuchimg in will-
kommener weise, was auch die litteraturgeschichte lehrt, dass
in Baiem Wolfram sich einer beinahe ausschliesslichen beliebt-
heit erfreute.
In ihrer Verbreitung sind die namen naturgemäss auf den
adel beschränkt, und zwar hat der niedere adel dem brauche
anscheinend in ausgedehnterem masse gehuldigt als der höhere;
gräfliche familien sind uns nur zweimal begegnet. Allerdings
war z. b. gerade jener Stauffer, der seine kinder Gramaflantz,
Ferafis, Secundilla und Zon/narina nannte, ein freiherr, freilich
220 PANZER, PERSONENNAMEN AUS DEM HOF. EPOS IN BAIERN.
ein ziemlich neugebackener. Einzelne geschlechter wie die
Aliaimer, Frauenberger, Stauffer und Zenger treten in der
häufigen Verwendung der hier behandelten namen besondei-s
hervor.
Chronologisch zeigt sich zuei-st der name Iwan zur lebendigen
namengebung verwandt und zwar anscheinend lange bevor ihn
Hartmanns dichtung in Deutschland in weitere kreise getragen
hatte; aber die beziehung auf den bretonischen Sagenkreis bleibt
bei ihm höchst problematisch. In seiner blute stand der brauch
nach den beigebrachten Zeugnissen erst im 15. jh., für welche zeit
die grosse zahl der belege nicht allein aus dem nun reichlicher
strömenden quellenmaterial oder der häufiger werdenden Ver-
wendung von fremdnamen überhaupt erklärt werden kann.*)
Mögen auch tradition und mode für die erhaltung und ausbreitung
dieser besonderen namenklasse mit das ihre getan haben, die er-
scheinung ist doch zu häufig als dass man nicht glauben müsste,
sie sei ständig aufs neue aus der ursprünglichen quelle angeregt und
lebendig erhalten worden. So darf man sie auch litterarhistorisch
ausnützen und findet sich dabei mit den bekannten litterar-
geschichtlichen tatsachen im besten einvernehmen, gewinnt füi-
diese wol eine nicht unwillkommene neue beleuchtung. Denn
erkennen wir so in den personennamen die ausgezeichnete be-
liebtheit, deren sich die hauptwerke der ritterlichen epik noch
in dieser zeit in den weitesten kreisen des bairischen adels
ei'fc'euten, so sind uns auch die bairischen fürsten dieses Jahr-
hunderts, die den alten rittermären ein geneigtes ohr liehen, so
wenig eine befremdliche, un verknüpfbare erscheinung, als der
maier und dichter Ulrich Füetrer, der in seinem Buch der aben-
teuer die bunte märchenweit der Artusepen noch einmal in der
alten zauberpracht erstehen liess und auch der alte Püterich
erscheint uns in diesem zusammenhange nicht so ganz als 'ein
irrender geist aus der untergegangenen ritterweit' und nicht so
ganz vergessen die dichter, um deren gräber er wandelte.
*) Die Stauffer zu Emfels waren 1465 gefreit worden, Riezler 3, 472.
') Zingerle 1. c. gibt seine belege hauptsächlich ans dem 13. nnd 14. jh.
ZUR SPRACHE VELDEKES.
Von J. H. Kern
(Rotterdam).
Die einzige zusammenfassende dai-stellung der spräche
Henrics') van Veldeke verdanken wir Otto Behäghel.^) Schon
früher habe ich jedoch zu bemerken anlass genommen, dass nach
meiner meinung die rekonstruktion der urform der Eneide ihm
nicht gelungen ist, und auch aus verschiedenen gi'ünden nicht
gelingen konnte. 3) Es will mich bedünken, dass in der hoch-
deutschen Überlieferung der Eneide viel mehr differenzen an-
zunehmen seien, als der herausgeber zugesteht. Sogar in prosa-
übei'setzungen aus jener zeit änderten die übei*setzer vielfach
die f assung des orginals ; um wie viel eher in poetischen werken,
wo das metrum und auch der reim manche modiflzierung er-
heischten.
lieber die dem metrum zu liebe erfolgten änderungen will
ich mich. hier nicht verbreiten: es genüge die bemerkung, dass
für Veldeke jedenfalls nicht das mlid., sondern das mndl. metnim
im allgemeinen massgebend gewesen ist. Schon dadurch gab es
in dieser beziehung einen gi-ossen untei-schied zwschen Veldeke
und den mhd. dichtem, dass in des ei-steren mundait die dehnung
der kurzen vokale erheblich weiter vorgeschritten war als
im mhd.
Der reim wurde bei der Übertragung ins mhd. meistens
gewahrt, was sich leicht aus der bequemlichkeitsliebe des Über-
setzers erkläi-t, der selbstverständlich eher einen reim der vor-
*) Die form Hewic ist verbürgt durch das Mttnchener bruclistück des
Sen-atius v. 2075.
«) Heinrichs von Veldeke Eneide (HeUbronn 1S82) einl. s. XXXVII— CXI.
") Verf., De Limburgsche Sermoenen (Groningen 1895) s. 12 fussnote.
222 KERN
läge übernahm, als dass er einen neuen erfand, und sich sogar
nicht scheute jenen auch da beizubehalten, wo sich im hd. eine
unreine bindung ergab. Die reime der Eneide sind also, wenn
nicht besondere gründe dagegen sprechen, durchgängig als alt-
ererbte zu betrachten, während im versinnem soviel geändert
sein kann, dass eine rückübersetzung ins limburgische höchst
bedenklich, eine sichere sogar meistens unmöglich ist. Jedoch
auch im reime begegnen zuweilen auffallende erscheinungen. So
ist es doch sonderbar, dass, während das wort niet (nichts, nicht)
im Servatius (und ähnlich in den Liedern) nur mit diet, riet, be-
s^iet u. ä. gebunden erscheint (Serv. 1, 1425, 1452, 2842, 3060; 2, 740,
879, 1223, 1976; Lieder MF. 56, 6; 58, 4; 60, 8), in der Eneide
neben massenhaften reimen auf beriet, gesiet, stet u. ä. (En. 532,
548, 628, 1558, 1971, 2082, 2197, 2227, 2408, 2533, 2858 u. ö.)
fünf reime vorkommen, welche eine form nieht voraussetzen,
nl. nicht : licht En. 3179, 3409, 8143, 8289, 8387. Befremden er-
regt z. b. auch der reim gesegen : liggen En. 12161.
Der überlieferte text der Servatiuslegende ist gleichfalls
stark umgearbeitet aus den bänden des späteren Schreibers
hervorgegangen, nicht nur in bezug auf die mundart, sondern
auch im Wortschatz. Ein schlagender beweis stehe hier für
viele: Serv. 2, 2839 ff. lautet in der einzigen, in Leiden befind-
lichen handschrift: Waeromme queenistu her weder In dit eilende
hier neder In deser groter eilenden ende armoede Hij antwerde
Lieue suster goede Sprach der t^erloeste gheyste Doer dijnen wille
alre meyste. Schon Bor maus, der herausgeber des Servatius,
hat gesehen, dass v. 2841 und 2842 interpoliert sind, und dass
V. 2844 nach 2843 zu stellen ist. eilende wurde vom bearbeiter
nicht mehr richtig verstanden und mit dem späteren synonymon
armoede commentiert, was die übrigen änderungen zur folge
haben musste. Der Schreiber sah nicht einmal, dass eilende in
Veldekes text sächlichen geschlechts war, und schrieb getrost:
In dit eilende . . . In deser groter eilenden ende armoede. Nach
der lektüre der Untersuchung von Felix Leviticus über die
mundart des bearbeiters ») kann es übrigens niemanden mehr
zweifelhaft sein, dass die Umarbeitung des Veldeke'schen ge-
dichtes eine ziemlich eingreifende war.
^) De Klank- en Vormleer van het Mndl. dialect der St. Servatiuslegende
yan Heynryck van Veldeken, Gent 1892.
ZUR SPRACHE VELDEKES. 223
An den Liedern ist naturgemäss am wenigsten geändert,
namentlich im reime nicht.
Die resultate älterer forschungen über Henrics miindaii;
hat Behaghel in der einleitung zur Eneide erschöpfend verwertet.
Bei der eigentümlichen form in der Veldekes Schriften auf uns
gekommen sind, ist es erklärlich, dass auch jetzt das letzte woi-t
über seine spräche nicht gesagt worden ist. In manchen punkten
lässt sich Sicherheit kaum gewinnen, bis nicht ein glücklicher
Zufall uns giössere fragmente alter handschriften in die bände
spielt. Allerdings ist in dieser hinsieht schon etwas eireicht,
nachdem vor einigen jähren Wilhelm Meyer in München das
bruchstück einer nach seiner angäbe noch dem 12. jh. zuzuweisenden
Servatius-handschrift entdeckte (Serv. 2, 2064 — 2117), und bald
nach ihm Berthold Schulze ähnliche biiichstücke in Leipzig auf-
zufinden das glück hatte (verse aus Serv. 1, 453 — 657). Ersteres
ist veröffentlicht Zs. fda. 27, 146 ff., letztere Zs. fda. 34, 218 ff.
Leider sind alle diese fragmente nur ganz winzige perga-
mentstreifen, aber immerhin geben sie über manchen bisher
zweifelhaften punkt aufschluss. Man weiss nicht ob sie einer
und derselben handschrift entstammen; möglich ist es aber, denn
die Übereinstimmung im alter und im äusseren erlauben die an-
nähme, und von inneren gründen spricht keiner dagegen. Jeden-
falls sind es sehr alte dokumente, die den urtext genau, oder
doch ziemlich genau repräsentieren.*)
In vorliegendem artikel wrd der versuch gemacht, zu
zeigen, welcher gei;\T[nn für die kenntnis der personalpronomina
Heni'ics aus den neuen bruchstücken gezogen werden kann; und
es wird sich dann zugleich die gelegenheit ergeben, nebenbei
einiges andere zu ervs'ähnen was die streifen uns lehren, und zu
eröiiern in welchen sonstigen pimkten meine meinung betreffs
jener pronomina von der BehagheFschen abweicht.
Pronomen personale der 1. und 2. person.
Hier haben wii' gleich wenig glück mit den fragmenten:
es begegnet in ihnen keine einzige form. Sowieso kennen wir
*) Die fragmente sind hier folgendermassen bezeichnet: das Münchener
mit M, die Leipziger mit Lz,, während Serv, nur die Leidener handschrift
meint. Weil M nur verse ans dem zweiten bnche, Lz. nnr solche aus dem
ersten buche hat, sind die nummem 1 nnd 2 vor den aus ihnen entnommenen
citateu weggelassen.
224 KERN
im limb. diese personen weniger gut als die dritte, und nament-
lich die 2. person ist in älterer zeit spärlich überliefert, was
sich aus dem Charakter der Überlieferung, meistenteils Urkunden,
erklärt. Dennoch lässt sich manche form der 1. und 2. person
für Veldekes mundart mit ziemlicher Sicherheit bestimmen.
N. sg. 1. pers. war jedenfalls *icli, wie durchgehend limburgisch;
die Schreibung mag abwechselnd *ig und *ich gewesen sein, vgl.
ligt M 2093, -trigt 2094, neben Mcht 2114.
N. sg. 2. pers. *du (wol mit ü und Ü) geht hervor aus den
reimen, vgl. du : nu En. 4197, nu : du 6573, femer toe^) : bistü
Serv. 2, 101, hus : dus, d. h. dt« + -s En. 2601, duys : Lupu>s
Serv. 2, 109.
Für den gen. sg. sind zu vermuten *mins, *dins, geschrieben
*mins, *dins. Der reim sin (esse) : min En. 2031 könnte gegen
den ansatz "^mins angeführt werden, wenn nicht die erstere der
beiden reimzeilen in der form die gode enlän (doch wol: enläten;
die mhd. form lun ist für das limb. vollkommen unerwiesen) mich
hie niet sin duixhaus unwahrscheinlich wäre, obgleich sich eine
evidente besserung mir nicht ergibt. Ist das reimwort nicht
geändert, so kann eine assonanz, deren Veldeke so manche hat,
angenommen werden.
Acc. sg. *mich (: sich MF. 58, 33), *dich, beide allgemein
limburgisch.
Die feststellung der dative macht Schwierigkeiten. Behaghel
(En. LXXXin) entscheidet sich für *mir, *dir wegen des reimes
dir : wir (nos) En. 13057. Nun ist aber die form des nom. pl.
1. pers. selber unsicher. Zwar haben wir aus benachbarten
mundai-ten und aus späterer zeit belege: Serv. hat wij, nur 1, 33
wijr, eine Maastrichter Urkunde aus dem jähre 1349 wer (Publi-
cations de la societe historique et archöologique dans le duche
de Limbourg 3, 426, 427), das Statutenboek van Maastricht aus
dem jähre 1380 (abschrift in den Publications 3, 260 — 335) wir,
tcier (s. 271); während alle jetzigen limburgischen mundarten
ver, v9r, vf, bezw. aus ver entstandene bildungen aufweisen; 2) —
diese formen zwingen jedoch noch nicht zur annähme, dass
*) Veldeke schrieb ü aus genn. ö nicht oe sondern u, wie aus den frag-
menten zur genüge hervorgeht, in Übereinstimmung mit der sonstigen ge-
pflogenheit in älteren limb. hss.
*) Eine Vermutung über die entstehung des v aus älterem w ist aus-
sprechen Limb. Serm. § 157.
ZUR SPRACHE VELDEKES. 225
Veldeke *ivir, resp. enklitisches *w9r oder *w?r gehabt habe. Es
entzieht sich unserer beobachtung in wieweit im limb. wir eine
altererbte oder eine analogiebildung nach der enklitischen form
ist; de (iUe), he (is) neben der (nom. sg. masc. des artikels),
'her machen letztere annähme wahrscheinlich. Aber Veldeke
wird doch vielleicht *wir, nicht *wi gehabt haben. (Die Aonfrk.
Ps. haben überwiegend uuir neben uui,)
Wenn ich dessen ungeachtet anstand nehme, die dative
*mir, *dir Veldeke zuzuschreiben, so geschieht dies aus drei er-
wägungen. 1. kennt Statutenboek nur migh s. 329, micJi s. 269,
329, das Bemer glossar (herausgegeben von dr. F. Buitenrust
Hettema, Groningen 1889) hat dig, und alle jetzigen limb. (auch
einige brabanter) mundarten weisen mich, dich auf. 2. darf bei
der eigentümlichen Überlieferung der Eneide 6in reim nicht ab-
solut entscheidend genannt werden. 3. ist eine Verdrängung
der foimen *mi, *di durch *mich, *dicli begreiflicher als eine
solche der formen *tnir, *dir, Dass die verdi'ängung des dativs
durch die accusativform vom plural angefangen habe, ist von
Behaghel (En. LXXXm) a posteriori angenommen; eher ist der
anfang bei der 1. und 2. pers. zu suchen, und zwar war ein an-
hält geboten dui*ch das reflexivum, welches in allen deutschen
mundarten von alters her den dativ durch den accusativ *5ti
ersetzt hatte; in der 1. pers. mag auch der nom. ich mitgewirkt
haben. Es treten aber gerade bei der vertauschung von dativ
und accusativ beim pronomen personale in deutschen mundarten
die verschiedensten fälle zu tage (s. u. a. Behaghel in Pauls
Grundriss 1, 628), und es lässt sich die bewegung für das limb.
wegen des fehlens alter denkmäler nicht kontrolieren.
Können wir jetzt, nachdem *w/r, *dir unstatthaft erscheinen,
*mi, *di Veldeke zuschreiben? Ich glaube nein, denn der reim
by : mij Serv. 1, 1270 scheint mir aus den gleichen gründen wie
Behaghel (En. LXXXIII) nicht beweiskräftig, und die einwände
dieses gelehrten gegen eine solche dati^iorm bei Veldeke völlig
zutreffend zu sein. Man merkt, dass ich die möglichkeit in be-
tracht gezogen haben will, dass schon in Veldekes mundart die
alten dati^^ormen *mi, *di von den accusativformen *mich, *di<:h
(Veldeke auch *mig, *dig) verdrängt gewesen seien. ^ Dass der
Leidener Serv. mich, dich hat, besitzt hier für ims keinen wert.
*) Aufl he (iUe) braucht nicht *me (mihi), *de (tibi) für Veldeke er-
schlossen zu werden: auch die Aonfrk. Ps. haben he (und hie) neben mi, thi.
FMtgab« fOr SieT«n. 15
226 KERN
Ueber den nom. pl. 1. pers. ist schon geredet. Der nom. pl.
2. pers. war wol *ge oder *flfi (Aonfrk. Ps. gi), enklitisch -er (in
den Limburgischen Sermonen gi, -er, s. femer die einl. s. 113).
Der dat. pl. 1. pei-s. war sicher "^uns, *ons. Beide Schreibungen,
u und 0, begegnen für den w- ähnlichen laut, welcher sich im
germ. vor nasalen entwickelt hat, vgl. heuonden M 2069 : stunde
2070, und femer sungen Lz. 616 : drungen 617, endlich unse
(noster) Lz. 456.
Gen. pl. 1. pers. war *unser, "^onser ohne angehängtes -s.
Die 5 -lose form erhielt sich hier nachweislich noch lange nach-
dem *min, *dtn, *s%n schon durch *mins, *dtns, *stns ersetzt
waren, wol dadui'ch dass -er sonst als genitivendung bekannt
war, und so auch in diesem falle irriger weise als solche em-
pfunden wurde.
Dat. pl. 2. pers. war wol noch m; dazu stimmt u : nu En. 8989.
Nur fragt es sich wie das u ausgesprochen wurde :^ ü oder ü?
Anfrk. iu war in Veldekes mundart regelrecht zu ü geworden,
wie wmndl. (Limb. Serm. § 54). nu hat jedenfalls nicht ü, sondern
ü, und so miiss wol entweder u : nu ein reim fürs äuge sein, oder
man hat eine abweichende ausspräche des aus iu entstandenen
Vokals am wortschluss (und vor w) anzunehmen. Letztere an-
nähme hat nichts befi-emdendes. Ein analogen erbietet sich
in der diphthongischen ausspräche ou im auslaut und vor w in
stidhoUändischen (vielleicht auch anderen ndl.) mundarten, welche
vor r die ausspräche ü behalten haben, z. b. jou, aus ju (euch,
äic\i)j jouwen, douwen, aber duren, muren, vuur, mit ü.^)
Acc. pl. wird gewesen sein *ucJi, *ug, d. h. *üdi oder *üch,
und gen, pl. *uwer, vielleicht schon *ur, oder sogar *urs.
t.
Pronomen reflexivum.
Auch hier in den fragmenten keine belege, aber im reime
begegnet der accusativ *ä«cä, "^sig, und zwar MF. 58, 32 sich :
mich. Der reim sich : lierlic En. 12803 ist, wenn überhaupt alt-
ererbt, als ein ungenauer zu betrachten. Aus zwei gründen:
1. ist herKc statt herlic für Veldeke bedenklich. Zwar
1) Bekanntlich ist im nndl. (von den mundarten abgesehen) jedes aus
ü oder tu entstandene Üf ausser vor r, %d und im auslaut, zu einem diphthong
geworden, den die Schriftsprache durch ui ausdrückt.
ZUR SPRACHE VELDEKES. 227
reimt der dichter im Serv, (M) cfostre (d. h. clöstre) : costre 2097,
aber das kann lediglich ein augenreim sein.
2. ist der auslautende konsonant nicht gleich: -cA und -c,
denn es kann kein zweifei darüber bestehen, dass Veldekes mund-
art nicht *sik, wie in ndl. sächs. mundarten, hatte, sondern *sich,
wie "^mich, *dich, "^ich, *uch(?) und wol auch *oitch, Andrereeits
hatte herlic auslautendes -c, d. h. -k, vgl. M 2076 herlic, Dass
Wörter auf -c und -ch reimen, ist bei Yeldeke nicht ungewöhnlich,
und es ist schon der falsche schluss daraus gezogen worden,
dass in einer gewissen periode im limb. auslautendes k zu ch
verschoben sei (Behaghel, Eneide s. LXVIIIff.; Leviticus I.e.
§ 60). Zur Widerlegung s. Limb. Senn. § 91 und Literaturbl. 13
(1892), 404. Es muss streng unterschieden werden zwischen
den soeben genannten *^/cä u. s. w. einereeits, die bei Henric
jedenfalls -ch statt -k (resp. -c) hatten und es noch in allen limb.
mundarten haben; und den sonstigen Wörtern auf -k, welche ihr
-k immer behalten haben und in denen es sich in den meisten
limb. mundarten, von einzelheiten abgesehen, behauptet hat.*)
Gegen diuchgehendes -ch aus -k spricht positiv, ausser dem
eben genannten herlic, henric Serv. M 2075. Reime von Spirans
mit verschlusslaut sind bei Veldeke auch lof : biscop Serv. Lz.
614; Busscopp : to/f Serv. 1, 1493; hoff: Busseoff eM. 2, 458. Aber
für *sich und die drei (resp. fünf) andern aufgezählten formen
lässt sich in den meisten (vielleicht nicht in den westlichen)
limb. mundarten -eh von sehr alter zeit an voraussetzen, und
später drangen die cA- formen sogar über das limb. hinaus nach
Westen vor.
Der dativ des reflexivpronomens war sicher dem accusativ
gleich (s. oben s. 225), und der genitiv war vermutlich *sins
(geschrieben *sins), nicht *sin, was sich aus dem über *mins,
*dins gesagten von selbst ergibt
Pronomen personale der 3. person.
Von vornherein liess es sich erwarten, dass wir in den
alten fragmenten des Serv. eher belege der 3. als der beiden
andeni personen finden würden. Und so ist es in der tat. Be-
legt ist einmal der nom. sg. masc: he Serv. Lz. 481, 649, M 2078,
*) Auch die Aonfrk. Ps. haben sig; andererseits aber Gl. Lips. ne ok
neque, hoc quoque. Im acc. sg. mt, thi weichen dieselben gänzUch vom limb. ab.
16*
228 KERN
2090, 2114, 2116; He 2107; -he 2071; -er 2080 (ded^), 2094
(sander), 2110 (wolder), 2111 (dater), -r 2068 (dar, d.h. da-r);
-Ä€r 2074 (stigtedeher). -er, -r und -Äcr sind nur enklitisch; es
lässt sich jedoch nicht entscheiden, ob -er (-r) und -her promis-
cue oder jedes in bestimmten fällen zur Verwendung kamen;
und auch -he war enklitisch möglich: Serv.Lz. 481, 649, M 2071.
(So auch Behaghel 1. c. LXXXIV.) Teilweise stand wol aus
metrischen gründen he statt -er, -r, -her. Jedenfalls ist -her für
Veldeke vindiciert, und man dürfte es jetzt als eine alte bildung,
die ihr -r behalten hatte, in anspruch nehmen, -er ist wol älterem
*ig, nicht *hiz entsprungen. Im reime begegnet noch erkander
: Evander En. 6123. Die sonst (Limb. Serm.) vorkommende form
-re hat Veldeke wahrscheinlich nicht gekannt: er schreibt ja
sogar gd. sg. fem. des possessivs der 3. pers. masc. siner (Serv.
Lz. 486, M2068), während doch eine alte synkope *sinre eher
möglich ist als eine neue metathese *-re statt -er.
he + -t ergibt *het : duhet (als er es) Serv. M 2113, he + -ne
hene (er ihn) Lz. 623, M 2067, 2092. Das e war jedenfalls lang,
also he, het u. s. w. Bemerkenwert ist das e gegen wmndl. i
(nach Franck, Mndl. gr. § 217, aus t). Die sonstigen limb. formen
s. Limb. Serm. § 161. Die Aonfrk. Ps. haben hie und Jie. Die
mlimb. mundarten unterscheiden sich hier von den wmndl. da-
durch, dass sie he, nicht hi, haben, und dass -r aus -z sich in
den enklitischen formen behauptet hat. iTas e von -her war bei
Veldeke wol noch kurz; her im neumaastrichter dialekt und
sonst dürfte als eine neubildung zu betrachten sein.
Als gen. sg. masc. ntr. ist *sins zu vermuten, vom reflexivum
(s. dort) übernommen. Belegt ist nur der eigentliche genitiv -s,
als enklitikon ntr.: M 2112 (dur^^en^), wol got. is entsprechend.
Während beim masc. im ahd. *is schon verschwunden war, hat
es sich im mlimb., wie im mndd., noch spärlich erhalten (s. Limb.
Serm. § 161), und ist also auch für Veldeke möglich. Ein gen.
*his, "^hes ist nachweislich nie gebraucht.
Dat. sg. masc. ntr. ist henie: Lz. 485, 609, 617,») 618, 620,
M 2112, 2113. Die von Behaghel angesetzte enklitische form
*-em ist im ganzen mndl., auch im limb., unerhört.
^) Die Präpositionen bitf te (und mity tüte oder töte, üt) hatten im
älteren limburgisch nur den dativ bei sich; die übrigen den dativ oder
accusativ.
I.
ZUR SPRACHE VELDEKES. 229
Umgekehrt gibt es im mndl. (das mlimb. angeschlossen),
im acc. sg. masc. nur eine enklitische form, während statt der
betonten *henc die dativform heme zur anwendung kommt.
Aehnlich haben die Aonfrk. Ps. statt *ino im acc. nur mo. So
auch Serv. acc. sg. masc. -ne Lz. 619 (sine), 623, M 2067, 2092 (hefie,
er ihn); -n Lz. 622 (Den); aber betont Jwfne M 2072. Unent-
schieden ob dativ oder accusativ, hltihthente M2091 (Anelietne);
übrigens st^nd nach präpositionen in älterer zeit immer die be-
tonte form (Limb. Serm. 1. c).
Nicht belegt ist der na. sg. ntr. *Ac<, wol aber der enkli-
tische acc. -et, 4, in woldet Serv. M 2107, haddent Lz. 530,
widefnent (weihte man es) M 2087, duJwt (als er es) 2113.
Der weibliche Singular fehlt in den bruchstücken gänzlich.
Nach dem plural und dem sonsther über das femininum bekannten
ist als na. *si sicher anzusetzen; daneben vielleicht, namentlich
im acc, mit abgeschwächtem vokal *se. Aus dem reim lässt sich
bestimmen der enklitische dat. *-er (-r) und der gleichlautende
gen.; der reim Serv. 1,3239 luste huer : Custenaer hat nämlich
im original sicher gelautet luster (loster) : coster (cu^ter), vgl.
den dat. sg. costre M 2098.
Als vokal des betonten dat. (resp. des betonten gen.) sg.
ist von Behaghel angenommen e, sodass die form gelautet haben
würde *h€re (resp. *hers)\ und wirklich kommen in den alten
Servatius-fragmenten, wenn auch nicht diese form des pei-sonal-
pronomens, so doch einige völlig beweiskräftige formen des
possessiv« mit e vor. Es braucht nicht erst erörtert zu werden,
dass die Stammvokale des dat. sg. fem. des pron. pers. und der
weiblichen singularformen und gemeingeschlechtigen pluralformen
des pron. poss. der 3. pei*son sich vollständig decken, dass also
das Vorhandensein eines bestimmten vokals im plui-alischen
possessiv der 3. pei's. einen absolut sicheren schluss gestattet
auf den vokal des dat. sg. fem. des pei-sonalpronomens der
gleichen pei-son.
In einem fragmente ist nun von jenem possessiv belegt der
acc. sg. masc. heren Lz. 626, here 615; in M begegnet jedoch eine
form hören : in hören name(n) 2088, und in Lz. ein nom. sg. Kere
608. Es dürfte sich demnach die annähme nicht umgehen lassen,
dass in der mundart Veldekes schon formen, welche etwa *Äörc
u. s. w. lauteten, gebräuchlich gewesen seien, ohne dass die älteren
Viere u. s. w. dem gedächtnisse der schreibenden entschwunden
230 KEEN, ZUR SPRACHE VELDEKES.
wären. Das e in here hat ursprünglich wol einen zwischenlaut
zum ausdruck bringen sollen. Und so hätten wir auch für den
dat. sg. fem. des pron. pers. *h€re, *here, *höre (geschrieben *hore),
und für den gen. *hers, *h€rs, *hörs (geschrieben *hors).
Der einzige unterschied zwischen geschlossenem e und ö
und zwischen den entsprechenden offenen vokalen liegt in der
lippenrundung bei dem ö-laut, und jene rundung hat sich dem
e und gleichfalls dem offenen e in vielen ndl. mundarten zu-
gesellt, namentlich auch im pron. pers. und poss. sg. fem. und
plur. comm.; siehe u. a. van Helten, Mndl. sprkk. § 52; Jellinghaus,
Ndl. volksma. § 18. Die annähme eines ö, resp. ö im fem. und
pl. erheischt noch nicht gleichen Übergang im dat. sg. h^me:
die formen *höre und heme sind nebeneinander statthaft.
Das wmndl. hare ist wol gar nicht auch limburgisch, ob-
gleich es in den Limb. Senn, regel ist.
Im plural ist belegt der nom. comm.: si Lz. 555(?), 613,
614, 616, 617, 620, 621, 625, M 2117; Si Lz. 618; mit -m Mne
(sie ihn) 619. Der acc. war jedenfalls gleichlautend. Vielleicht
kam auch schon, wol zunächst im acc, die abgeschwächte form
*se vor.
Der dat. war hen Lz. 622, 626; im reime mit sen Serv. 1,
896, mit ben 1, 3177. Diese form hen hat jedenfalls auch schon,
namentlich nach präpositionen, für den acc. pl. gegolten. Eine
enklitische form hat so wenig der dat. pl. wie der dat. sg. masc.
ntr. je besessen.
Obgleich die ergebnisse unserer Untersuchung alles in allem
nur recht dürftig sind, hat sie doch einiges sicher gestellt,
anderes wenigstens wahrscheinlich gemacht, was geeignet sein
dürfte, zur lösung der schwierigen Überlieferungsfrage der werke
Veldekes beizutragen.
DIE EPISODE VOM RAUBE DER KÖNIGIN
IN HARTMANNS IWEIN.
Von G. Rosenhagen
(Hamburg).
Zu Iwein v. 21 bemerkt Lach mann, der plural huochen
sei richtig, weil Hartmann die erzählung vom raube der königin
(Iw. 4526 — 4726) anderswoher als aus dem Chevalier au lyon
genommen habe. Anderswoher vielleicht — aber nicht unmittel-
bar aiLs einem *buch'. Das ergibt sich aus einer genaueren
Untersuchung jener stelle. Bekanntlich ist dort Hartmann viel
ausführlicher als seine vorläge. Nicht schwer ist zu erkennen,
was die Veranlassung dafür gewesen ist. Crestien deutet an
der betreffenden stelle seines Löwenritters auf die erzählung
vom raube der königin im anfang seines Chevalier de la
ChaiTete in einer weise hin, dass seine worte ohne kenntnis
dieses romans schwer verständlich sind. Hart mann konnte diese
bei seinen zuhörern imd lesern nicht voraussetzen, danim gab
er einen zusammenhängenden bericht an stelle der anspielungen
Crestiens. So einfach, wie dies ist, so schwierig ist zu sagen,
worauf er seinen bericht gründet. Denn mit der erzählung
des Conte de la Charrete stimmt Hartmann nicht weiter über-
ein, als in den punkten die sich schon aus dem Chevalier
au lyon ergeben. Gärtner*) meinte. Hartmann habe die
episode nicht erfunden, dagegen bleibe noch auszumachen, ob
er den Conte de la Charrete gekannt habe. Auch Schönbach
in seinem neuen buche über Hartmann (Graz 1894) hält es
auf grund dieser einschaltung für wahrscheinlich, dass Hart-
') üeber das Verhältnis von Hartmanns Iwein zu Crestiens Chevalier
au lyon. Diss. Breslau 1875, s. 5H.
232 ROSENHAGEN
mann noch andere französische romane als die von ihm über-
setzten gekannt habe (s. 227). Beide sind, wie es scheint, nicht
in der läge gewesen, die schwer zugängliche ausgäbe Jonckbloets *)
einzusehen. W. Hollands analyse in seinem Crestien von Troies
(s. 106) ist gerade für diese stelle nicht ausführlich und genau
genug. Sonst würde ihnen nicht entgangen sein, was W. Förster
in der einleitimg zu Crestiens Löwenritter s. XVII feststellt,
dass nämlich Hartmann den Karrenritter (oder Lancelot) gar
nicht gekannt liat. Aber ebenso wie das wegwerfende urteil
über den deutschen dichter, das der romanist hier anknüpft,
einer bedeutenden einschränkung bedarf, so muss auch in die
erste these das wort * unmittelbar ' eingefügt werden. Eine
genauere vergleichung der betreffenden stellen in den drei
romanen ergibt nämlich interessante einblicke sowol in Hart-
manns arbeitsweise als auch in die wege, durch welche die
französischen höfischen erzählungen, in erster linie diejenigen
Crestiens, den deutschen dichtem bekannt wurden.
Der episode in Hartmanns Iwein 4526 — 4726, welche man
sich vergegenwärtigen möge, gegenüber erzählt bei Crestien der
Gawein verwandte ritter, welcher vom riesen Harpin zu leiden
hat:/* Aber des königs frau entführte ein ritter aus fremdem
lande, welcher an den hof kam und ihre herausgäbe verlangte
(Qui a la cort Vala requerre). Gleich wol hätte er sie nicht davon-
gefühi-t, hätte Keii nicht den könig so gedrängt, bis er die
königin ihm anvertraute und seiner obhut übergab. Töricht
war er, dass er seinem geleit veilraute. Ich selbst habe allzu-
grossen schaden davon. 0)enn Gawein wäre uns zu hilfe ge-
kommen, wenn er von unsenn Unglück gewusst hätte. Aber er
weiss es nicht, weil er hinter dem her ausgezogen ist, dem gotj^
schände gebe, da er die königin entfülirt hat' (v. 3917 — 3989). j
Alles was unmittelbar verständlich ist, findet sich bei Hartmann
wider: Der ritter, welcher die königin verlangt, und auch tat-
sächlich entführt; Gawein, welcher auf seine Verfolgung auszieht.
Schwer verständlich ist dagegen Keiis beteiligung bei der saclie,
und ein misverständnis darin möglich, wessen geleit die königin
fibergeben wird. Crestien meint Keii. Denn der anfang des Conte
de la Charrete erzählt: *Am hofe des königs Artus erscheint
>».. — -s
^) Le roman de la charrette d'apr^s Ganthier Map et Chrestien de Troies.
La Haye 1850. 4^
t"
RAUB DER KÖNIGIN IM IWEIN. 233
ein ritter in voller waffenrüstung, er geht vor den könig und
sagt, ohne erst zu grüssen, er habe als gefangene bei sich ritter,
damen und mädchen aus des königs lande und hause. Er wolle
ihm aber weiter nichts davon erzählen, als dass der könig eher
sterben würde, ehe er ihnen zu hilfe kommen könne. Dann wendet
er sich um, verlässt den sehr bestürzten könig, bleibt aber an der
tür des saales stehen und teilt die bedingung mit, unter welcher
die gefangenen wider herausgegeben würden. Er müsse einen
ritter finden, dem er die köuigin in einen nahen wald zu führen
anvertrauen würde. Dort werde er diesen erwarten; könne der
ritter ihm gegenüber die königin im kämpfe behaupten, so werde
er auch alle die gefangenen freigeben. Keii, der als seneschall
mit dem gesinde isst, hört davon, kommt zum könig und bittet
ihn mit grosser heftigkeit, er solle ihn aus seinem dienste ent-
lassen. Da des königs vorstelhmgen umsonst sind, muss die
königin Keii bitten zu bleiben. Er verharrt in seiner hart-
näckigkeit, bis sie ihm gar zu füssen fällt. Da verspricht er / ,^. ^
endlich zu bleiben, wenn ihm der könig einen wünsch gewähren / V
würde. Die königin vermittelt dies, und nach der gäbe gefragt,
bittet er sich aus, dass er die königin in den wald geleiten
dürfe, wo der fremde ritter warte. Mit grosser sorge leistet
der könig sein versprechen' (v. 80 — 196).
Dass bei Hartmann die königin dem fremden ritter und
nicht Keii übergeben wird, Hesse sich, wie oben angedeutet, aus
einem misvei-ständnis seiner vorläge erklären. Wenn aber bei
ihm dies von dem ritter ganz genau so wie im Lancelot von
Keii durch die bindende zusage einer noch auszusprechenden
bitte erzwungen wird, so kann er auf irgend eine weise etwas
von jener scene gehört haben, aber nur diese einzelheit. *)
Denn er weiss nichts von den gefangenen, die im ganzen Lancelot
eine so grosse rolle spielen. Mithin hätte er die bindende zu-
sage des Artus leicht begründen können, wälu-end sie völlig un-
motiviert ist. Es erinnert bei ihm wirklich daran, wie ein
geschwister oder ein freund beim andern vorsichtig anzufragen
pflegt: 'Willst du mir einen gefallen tun?'
Eine weitere beobachtung kommt dazu. Wie bei Hartmann,
wird im Conte de la Charrete Keii von dem fremden ritter ab-
\
*) Möglicherweise stammt das don, wie G. Paris dies öfter widerholte
motiy kurz nennt, hier ans einer andern quelle; Tgl. Bomania 12, 583.
234 BOSEMHAGEN
gestochen; darauf führt dieser die königin fort. Keine andeutung
ist dafür im Chevalier au lyon. Oder sollte es daraus gewisser-
massen erschlossen worden sein, dass dort dem Keii offenbar ein
verhängnisvoller anteil an dem ereignis zugewiesen wird? Es
dürfte doch auch dies so zu beurteilen sein wie jene * zusage'.
In allen übrigen punkten aber gehen beide erzählungen
auseinander. Im Conte de la Charrete werden Artus und Gawein
besorgt und reiten den beiden nach. Sie finden nur noch Keiis
lediges und blutbeflecktes ross. Der fremde ritter ist mit der
königin und dem verwundeten seneschall fortgeritten. Zu den
beiden kommt dann Lancelot, der mit Gawein die verfolgungs-
fahrt beginnt.
Woher Hartmann die burleske form hat, in der er den un-
glücklichen streit Keiis erzählt, ist nicht festzustellen. Die
darauf folgenden kämpfe der Artusritter, die einer nach dem
andern von dem fremden besiegt werden, entsprechen einem
motiv, welches sich in dieser art von litteratur häufig findet.
Von den namen hat er drei dem anfange des Iwein (v. 87. 88)
entnommen, zwei aus dem Erec (vgl. Lachmann z. Iw. 4703. 4705),
nur den sechsten hat er aus unbekannter quelle. Die beiden
zuerst besprochenen motive hat er auch nicht erfunden, sondern
sie stehen in einer, nicht aufzuklärenden beziehung zu Crestiens
Lancelot. Diesen roman selbst hat er aber nicht gekannt. Auch
von ungenauer erinnerung aus einer früheren lektüre kann nicht
die rede sein. Sonst müsste er von den gefangenen etwas wissen.
Er scheint auch gar nicht gewusst zu haben, in welcher be-
ziehung Lancelot zur befreiung der königin gestanden hat.
Das zeigt sich bei einer späteren anspielung auf den Conte de
la Charrete.
Chev. au lyon 4740 : S'avoit tierz jors que la reine
Estoit de la prison venue
Ou Meleaganz Tot tenue
Et trestuit li autre prison,
Et Lanceloz, par tra'ison
E8toit remes dedanz la tor.
Iwein 5678 : nu was in den selben tagen
diu küneginne widerkomen
die Me\jaganz hete genomen
mit michelre manheit.
Mit den gefangenen und mit Lancelot weiss er nichts anzufangen;
darum lässt er sie weg. Man bemerke auch noch, dass der
RAUB DER KÖNIGIN IM IWEIN. 235
name ^Meljaganz' erst jetzt erscheint, wo er auch im Chevalier
au lyon zuerst genannt wirä.
Aehnlich ist vielleicht zu erklären, dass eine frühere an-
spielung auf die gleiche sache von Hartmann mit stillschweigen
übergangen wird. Bei Crestien erklärt auch Lunete dadurch,
weshalb sie an Artus hofe keine hilfe gefunden. Man vgl.
Hartm. Iw. 4165 ft mit Chev. au lyon 3693—3713. Dann hätte
Hartmann inzwischen einiges material gewonnen, um seine episode
zu konstruieren. Wir werden aber gleich sehen, wodurch sich
dieses verschweigen besser erklärt.
Halten wir uns an die tatsache, dass Hartmann von dem-
selben Crestien, dessen Iwein und Erec er nach französischen
handschriften mit guter kenntnis der spräche übersetzt hat, den
Conte de la Charrete nicht nur nicht gelesen hat, sondern von
seinem Inhalt eine so verworrene Vorstellung hat, dass man
recht hat zu zweifeln, ob er überhaupt von der existenz dieses
romans etwas gewusst hat. Das ist das schlagendste beispiel,
vne beschränkt die unmittelbare kenntnis der französischen
litteratur zu Hartmanns zeiten in Deutschland war, wie selt^in
originalwerke über die grenze kamen. Nicht nur das übersetzen,
sondern auch dem Übersetzer das buch zu verschaffen, war jedesmal
ein litterarhistorisches ereignis. Einen um so grösseren umfang
berechtigen uns die gleichen beobachtungen der indirekten Über-
mittelung französischer epischer Stoffe zuzuschreiben. Nur da-
durch lässt sich der hier vorliegende tatbestand erklären. Es
sind nicht nur analysen ganzer gedichte, sondern einzelne scenen
und motive in form von anekdoten und schnurren mitgeteilt,
dann wider von den deutschen dichtem aufgenommen und ver-
arbeitet worden. Bei Hartmann ist der fall dadurch so auf-
fallend, dass eine doppelte vergleichung hier möglich ist. Das-
selbe gilt, wenn es auch weniger deutlich nachzuweisen ist,
für seine Zeitgenossen, wie für seine nachfolgen
Die verschweigung, von der oben die rede war, erklärt
sich vielleicht daraus, dass er damals diese ausfühiiiche episode
schon im äuge hatte. Unter allen umständen ist in dieser
ausführlichkeit die absieht nicht zu verkennen. Weitaus der
grösste teil dient nur dazu die tugend des guten könig Artus,
seine treue gegenüber dem gegebenen versprechen, seine Voll-
kommenheit ins licht zu setzen. In derselben absieht behandelt
er auch den eingang des Iwein ausführlicher als seine vor-
236 ROSENHAGEN, RAUB DER KONIGIN IM IWEIN.
läge. Er will sein publikiim mit Artus bekannt machen; er tut
es aber nicht, indem er tatsächliches über ihn mitteilt, sondern
indem er seinen Charakter interessant macht, und ihn als ideal
hinstellt. Ebenso wie auf diese stelle passt auch auf unsere
Schönbachs bemerkung (s. 474): *er ist genau genommen weder
epiker noch lyriker, seine gaben sind die der didaktischen
dichtung'. Die teile der episode, welche tatsächliches bringen,
haben wenig reiz — ganz dem entsprechend, denn er ist hier
ja einigermassen originell im zusammenstellen, wenn es kein er-
finden ist. Er hat sie auch wol nur so breit behandelt aus dem
bedtirfnis für quantitatives gleichmass (vgl. Schönbach s. 427 ff.). ^•^^-^'^
Die hauptsache ist für ihn der erste teil, die etwas übertriebene
und verstiegene tugendprobe. Sie verliert aber doch viel von
ihrer Seltsamkeit, wenn man sich nur der art und weise er-
innert, wie im Iwein und im Erec oft die treibenden inneren
motive der handlung zum ausdruck gebracht werden. Die ideale
der ritterromane sind nun einmal wenig natürlich, sind unvolks-
t timlich, unnational, künstlich, — aber für einen engeren kreis
der damaligen gesellschaft doch auch lebendig. Dies einmal
zugegeben, ist die ganze episode wolgeordnet und, im spiegel
jener zeit gesehen, interessant erzählt. Nur darf man nicht
ihren tatsächlichen Inhalt mit der vorläge und deren vorläge,
wie wir den Lancelot hier nennen dürfen, vergleichen. Dann kann
man allerdings zu W. Försters urteil von * zusammengestoppeltem
zeuge' kommen. Das ist aber keine gerechte art zu luleilen.
Uns geht nur an, was der dichter in seiner absieht, in seinem
zusammenhange und mit seinen mittein gemacht hat. Da darf
man sich weder auf den Standpunkt von heute, noch auf den
Crestiens stellen. Deshalb scheint mir die art, wie bei Schön-
bach (1. c. s. 423) W. Förstei-s bemerkung mehr entschuldigt als
zurückgewiesen wird, allzu sanft. In andrer beziehung muss aber
Hartmann ein ihm sonst zugesprochenes verdienst geschmälert
werden. Da er den Lancelot nicht gekannt, so wird es immer
unwahrecheinlicher, dass er sich die aufgaben seiner Übertragungs-
kunst aus einem grösseren kreise französischer romane ausgewählt
hat (Schönbach s. 438 f.). Es wird wol nur der freundliche zufall
gewesen sein, der ihm gerade diese beiden werke Crestiens zu-
geführt hat.
ZUR BEANTWORTUNG DER FRAGE NACH DI:N
QUELLEN VON WOLFRAMS PARZIVAL.
Von Eduard Wechssler
(Halle a. S.).
Die frage nach den quellen von Wolframs Parzival gehört
ohne zweifei zu den wichtigsten und anziehendsten der älteren
deutschen litteraturgeschichte, da wir erst nach ihrer befiiedigenden
beantwortung in der läge sein werden, das meisterwerk unseres
grössten höfischen epikers nach allen Seiten gebührend zu würdigen.
Wir haben es aber hier mit einem überaus schwierigen problem
zu tun, dessen endgiltige lösung trotz zahlreicher eindringender
und verdienstlicher Untersuchungen noch nicht völlig geglückt
ist, ja, me es scheinen könnte, wenigstens auf grund des bisher
zugänglichen materials überhaupt nicht mehr zu erwarten steht.
Ueberblicken wir die bisherige forschung,^) so fällt uns sofort
ins äuge, dass sie sich stets nur um die frage gedreht hat, ob
Wolfi-ams angaben über den Provenzalen Kyot, dem er den Vor-
zug vor Crestien zu geben behauptet, auf Wahrheit beruhen
oder nicht. *Für oder wider Kyot' war das losungswoit der
Parteien.
Dabei machte sich aber in empfindlichster w^eise immer
wider der übelstand fühlbar, dass diese mitteilungen, mögen sie
nun glaubwürdig sein oder nicht, jedenfalls durchaus unklare
und zweideutige sind. Auch die Verteidiger des Kyot können
Vgl. die neueste und daher vollständigste bibUographie in Pipers
Wolframansgabe, Kttrschners Nat. litt. 5 (Stuttgart 1891), einleitung s. 109 ff.
und femer Böttichers Parzivalübersetznng* (Berlin 1893) in der einleitung,
desselben Wolframlitteratur seit Lachmann (Berlin 1880) und endlich Nutt,
Studies on the legend of the holy grail (London 1888, s. 261).
238 WECHSSLER
nicht umhin dies einzuräumen. So erkennt Martin *) an: * Freilich
eine bestimmte Vorstellung über das mit Kyots namen bezeichnete
werk gewinnen wir nicht. Hat es bereits Crestien vorgelegen
und dieser auch daraus geschöpft? . . . Doch die Schlussworte
des Parzival sprechen allerdings mehr für das umgekehi-te Ver-
hältnis zwischen Crestien und Kyot'. So ergab sich denn, in-
folge des unsicheren ausgangspunktes, eine reihe verschiedener
möglichkeiten für das Verhältnis Wolframs zu Crestien und Kyot
wie für dasjenige dieser beiden zu einander. Rochat, Simrock
(nur in der ersten aufläge seiner Übersetzung), und mit ge-
wichtigeren gründen Zarncke und Birch-Hirschfeld, denen
sich auch der beste kenner der Artusromane, Gaston Paris,*)
und mit einem gewissen vorbehält Vogt*) anschloss, nahmen
an, dass Wolfram einzig und allein den uns erhaltenen aber
vom Verfasser unvollendet hinterlassenen Conte del graal des
Crestien benutzt, den Kyot aber nur vorgeschoben hätte, um die
selbständigen erweiterungen zu decken, zu denen ihn die un-
voUständigkeit seiner quelle nötigte. Ungleich zahlreicher sind
die Vertreter der andern ansieht, gehen aber ihi^erseits wider
auseinander, ürbach, Golther, Kupp, Piper und neuerdings
Heinzel*) sprechen sich für den Kyot als ausschliessliche vor-
läge aus, während San Marte, Wackernagel, Simrock (in
der zweiten aufläge), Bartsch und in besonders bemerkens-
werter weise Hertz gleichzeitige benutzung beider werke an-
nehmen.
Den Verteidigern des Kyot standen, was das Verhältnis
dieses Verfassers zu Crestien betraf, wider drei möglichkeiten
offen: 1. Crestien ist älter als Kyot und von diesem überarbeitet
worden. Dafür entschieden sich Martin (s. 19), San Marte ^) und
Golther, während dagegen Haupt und Bartsch Kyot als die von
Crestien in seinem vorwort erwähnte vorläge ansahen. Endlich
trat für eine gemeinsame grundlage der beiden werke im anschluss
an Zachers mündliche ausführungen Kupp ein. Und in derselben
1) Zur gralsage, QF 42 (Strassburg 1880), 19.
») Born. 22, 166.
«) PaulB Gnindriss 2, 1, 278.
^) Ueber Wolframs von Eschenbach Parcival,- Sitzungsberichte der
kaiserl. akademie, phil.-hist. klasse 130. Wien 1893.
B) Zs. fdph. 15, 409; früher in Leben und dichten Wolframs 2, 404 hatte
er Kyot für den älteren gehalten.
DIE QUELLEN VON WOLFRAMS PARZIVAL. 239
richtung hat die lösung neuerdings Richard Heinzel mit der ge-
nannten Schrift versucht, die den ausgangspunkt vorliegender
erört€rungen bilden soll.
Schon der name des gelehrten Verfassers bürgt dafür, dass
wir es in Heinzeis werk mit einer wertvollen und mannig-
fach fördernden Untersuchung zu tun haben. Doch wird man
sich mit ihrem gang und ihren ergebnissen nicht völlig ein-
verstanden erklären können. Dieser jüngste beitrag hat aber
jedenfalls das gi^osse verdienst, dass es hier zum ersten male
unteiTiommen wird, die frage auf grund einer genauen kenntnis
der französischen graalromane zu beantworten. Um so mehr ist
es daher zu bedauem, dass nicht von dieser festen gnindlage
ausgegangen, sondern wader an Wolframs zweifelhafte angaben
angeknüpft wird. Heinzel sagt gleich zu beginn seiner arbeit
(s. 1): *0b wir grund haben, die mitteilungen, welche er uns
über seine quellen macht, für wahr zu halten oder nicht,
wird sich, wie ich glaube, herausstellen, wenn wir bei der
Untersuchung zunächst annehmen, er habe die walu'heit gesagt'.
Er sucht den Kyot, den er, wie gesagt, füi' die allein benützte
Vorlage hält, widerherzustellen, indem er (s. 1 — 28) alles was
sicher Wolfram angehört ausscheidet und den so gewonnenen
text um den inhalt des Titurel und einige andere von Wolfram
angeblich ausgelassene abschnitte vennehi^. Durch eine ver-
gleichung dieses Kyot mit Crestien (s. 28 — 47) gelangt er zu
deren gemeinsamer gi-undlage, welche *im wesentlichen gleich
C^restien ist' (s. 51). Hierauf bespricht er diesen uilext (s. 47
bis 77) und endlich das, was Kyot (s. 78 — 108) und das wenige
was Crestien (s. 108 — 109) eigentümlich ist.
Heinzeis buch zeigt uns aufe neue, dass sich aus Wolframs
angaben keine sicheren ergebnisse gewinnen lassen. Den weg,
der allein zum ziele fühlten kann, hat der Verfasser selbst ge-
wiesen, ohne ihn jedoch einzuschlagen; er gibt s. 78 — 95 eine
höchst wertvolle Übersicht von einer menge Übereinstimmungen,
die sich zwischen Wolfram und andern französischen graal-
romanen als dem Crestiens beobachten lassen.
Nicht die existenz oder nonexistenz des Kyot ist die zu-
nächst aufzuwerfende und wichtigste frage, sondern die: Hat
Wolfram neben Crestien einen oder mehrere weitere graal-
romane benützt?
240 WECHSSLER
Zwei ergebnisse sind es, welche durch die bisherigen Unter-
suchungen gesichert erscheinen. Wolfram folgt in zwei dritteln
seines Werkes Crestien im grossen ganzen wie in einzelheiten,
derart, dass zahlreiche misverständnisse sich nur aus diesem
erklären. Beweisend sind, worauf hier nicht eingegangen werden
kann,0 manche lücken und Widersprüche, die sich nur aus der
unVollständigkeit dieser vorläge verstehen lassen. Liegt erst
einmal die ersehnte kritische ausgäbe des Conte del graal vor,
die wir von Gottfried Baist erwarten dürfen, so wird es möglich
sein, sogar die handschriftenklasse zu bestimmen, welcher der
von Wolfram benützte text angehört hat. Dass Crestiens
graalroman * wie schon längst beobachtet, mit dem Wolframschen
werk entschiedene verwantschaft zeigt ',2) ist auch von den Ver-
teidigern des Kyot nie in frage gezogen worden. *Den oft sehr
ins einzelne gehenden Übereinstimmungen Kyots mit Crestien'
suchten diese gelehrten dadurch gerecht zu werden, dass sie
sehr enge beziehungen der beiden werke annahmen. Von den
drei möglichkeiten, die sich dabei ergaben, scheint jedenfalls
die letzte, die annähme einer gemeinsamen Urquelle, hinter die
andern zurücktreten zu müssen. Denn Kupp und Heinzel wurden
beide genötigt, diese im wesentlichen Crestien gleichzusetzen.
Doch wie immer das Verhältnis des angeblichen Kyot zu Crestien
sein möge, der beweis, dass dieser letztere, den Wolfram über-
dies erwähnt, von ihm nicht benutzt worden sei, lässt sich nicht
erbringen. Allerdings sind uns von manchem Artusroman, so
von der geschichte des Schönen Unbekannten, zahlreiche unter-
einander nicht sehr verschiedene Versionen erhalten. Aber ein
fall, wie er hier angenommen werden müsste, lässt sich nicht
nachweisen, und ist als durchaus unwahrscheinlich zu bezeichnen.
So sind wir denn berechtigt auf grund des vorhin erwähnten
an diesem ersten ergebnis festzuhalten: mit hilfe der zu er-
wartenden ausgäbe wird es sich gegen jeden zweifei erhärten
lassen.
Das andere resultat ist dieses. Es steht fest, dass Wolfi'am
ausser Ci*estien noch andere französische quellen benutzt hat,^)
und zwar wie am anfang (buch 1 und 2) und schluss (buch 13
Vgl. Birch-Hinchfeld, Gralsage 8. 284.
^ Heinzel 2, 28.
") Vgl. besondere Bötticher, Zs. fdph. 13, 420.
DIE QUELLEN VON WOLFRAMS PARZIVAL. 241
zweite liälfte und 14 — 16) so auch im mittelstück, wo sonst in
der hauptsache Crestien übersetzt ist. Wenn wii* auch, wovon
nachher noch die rede sein soll, Wolfram eine gewisse Selb-
ständigkeit nicht absprechen dürfen, so wii'd das gesagte doch
mehrfach bezeugt durch die vielen französischen eigennamen
und lehnwörter, ja durch herübergenommene längere französische
Satzteile in den genannten paitieen. Auch die zahlreichen mis-
verständnisse und manches andere, was hier nicht erwähnt werden
kann, erheben es für uns zur gewissheit, dass auch da, wo Crestien
nicht vorgelegen hat, schriftliche französische quellen benutzt
worden sind. Damit wird eine möglichkeit beseitigt, die immerhin
zu erwägen war, ob vielleicht mündliche Überlieferung anzunehmen
ist. Es kommen hier besondere die teilweise eigentümlichen an-
schauungen ^^'olframs über den graal und die zu diesem in be-
ziehung gesetzten personen in betracht. Ein persönlicher verkehr
mit französischen dichtem war damals, wo das arelatische reich
mit Deutschland vereinigt war und nachweislich beziehungen
deutscher und französisch - provenzalischer troubadoure statt-
fanden, *) nicht ausgeschlossen. Dass ein solcher aber in unserem
falle nicht anzunehmen ist, ergibt sich eben aus der eigenartig-
keit der Wolf ramschen voretellungen: auf mündlichem wege
hätte er sicher über die legendarische Vorgeschichte etwas er-
fahren müssen, die allen französischen gi-aaldichtungen, soweit
sie uns erhalten sind, zu gi'unde liegt, wenn sie auch nicht überall
klar ausgesprochen wird.^)
Auf grund dieser beiden ergebnisse haben wir den kem-
punkt der ganzen frage offenbar darin zu erblicken, wie die
form, welche die graalsage bei Wolfram angenommen hat, zu
verstehen ist, ob wir sie nämlich in die entwickelungsreihe der
französischen graalromane einzufügen oder als deutsche neu-
schöpfung aufzufassen haben. Mit andern Worten, wir haben zu
untersuchen, ob das, was Wolfram über Crestien hinaus von
dem giaal und den damit verknüpften pereonen zu berichten
weiss, aus französischen quellen stammt, oder ob es als seine freie
ei^ndung betrachtet werden kann, oder aber, um alle möglich-
keiten zu erwägen, ob es teils der einen teils der andern herkunf t
>) Man (lenke an das berühmte hoffest in Mainz 1184.
*) Mit Birch- Hirschfeld und Heinzel halte ich daran fest, dass die
älteste uns erreichbare form der sage die der Josephslegende ist und dass
diese auch von Crestien vorausgesetzt wird.
FMtgab« Ar BieTes«. 16
242 WECHSSLER
ist So stellen wir denn unsere frage dahin: Hat Wolfram
ausser Crestiens Conte del graal einen, bezw. mehrere
französische graalromane benutzt?
Wir wissen, dass Wolfram ausser diesem werk keinen der
uns überlieferten graalromane gekannt hat. Wol aber berührt
er sich in dem, was er über Crestien hinausgehend vom graal
und den graalhfitem erzählt, fast überall mehr oder weniger
eng mit jenen werken. Richard Heinzel hat — und vorzüglich
darin liegt nach meiner ansieht der wert seiner schrift — zum
ersten male diese wichtigen Übereinstimmungen zusammengestellt
(s. 78 — 95). Doch hätte diese liste durch eine sachliche an-
ordnung an Übersichtlichkeit wesentlich gewonnen. Auch bleibt
noch einiges von bedeutung nachzutragen, und umgekehrt können
wir von manchem absehen, was er selbst nur als * entfernt
ähnlich' bezeichnet hat. So ist es denn vielleicht am platz,
hier eine neue Übersicht zu geben, bei der natürlich für das
schon von Heinzel beigebrachte einfach auf ihn verwiesen wird.
Auch wird nur das berücksichtigt, was den kempunkt unserer
frage, die graalsage, betrifft.
1. Speisengebende kraft des graals.
(Heinzel 2, 80; Birch-Hirschfeld s. 244 und 277.)
Hier sind vier stellen aus dem Prosalancelot nachzutragen. 2)
Bei den besuchen Gauvains, Lancelots und dem zweimaligen besuch
Boorts auf der graalburg Corbenic findet jedesmal eine Speisung
durch den graal statt. Die Schilderung wird stets wortgetreu
widerholt. Da die analyse von P. Paris in seinen Romans de
la table ronde von der zweiten hälfte des Lancelot nur einen
kurzen abriss bietet, dürfte es sich empfehlen, diese scene teil-
weise im Wortlaut hier anzuführen (ffr. 344, fol. 363 b). Gauvain
wii'd in Corbenic von könig Pelles aufs freundlichste empfangen.
Indes er sich mit seinem wii't unterhält, sieht er durch ein
fenster des saales eine weisse taube hereinfliegen, mit einem
goldenen rauchfass (encensier) im Schnabel. Und alsbald er-
füllen köstliche wolgerüche den palast. Jedermann verstummt
und kniet vor der tÄube nieder. Diese fliegt in ein nahes
Zimmer, worauf man sofort herbeieilt die tische zu decken.
1) Mit Heinzd 2 bezeichne ich Beine Wolframstndie, mit Heinzel 1 seine
Fn. gralromane, Wien 1891, denkschr. d. Wiener akad., phil.-hist. kl. 40.
^) Ffr. 344, 363a— 364d, 392a— 304a, 399d— 400d, 441c— 444b.
DIE QUELLEN VON WOLFRAMS PARZIVAL. 24^
Lautlos setzt man sich nieder, und zu seinem staunen sieht
Gauvain alles in gebete versunken. Da tritt aus dem zimmer,
in das die taube geflogen ist, die allerschönste Jungfrau, die
Gauvain je gesehen. Sie trägt in den händen le plus riche
veissely qui onques par home^ tenrien fust veujg, et fu fes en
samblance de galice, et U tint plus haut que son chief, si que
totes voies Venclinoit Mes sire Gauvains regarde le veissel, si
le prise moult, mes ne seit, de qoi il est: car de fust fCestoit il
mie ne de nulle maniere de metal, ne de pierre ne rest il mie,
ne de cor ne d^os. Et de ce est il toz eshaJiie, noch mehr aber
wundert er sich über die Schönheit des fräuleins. Einsi com la
damoisele passa, devant le saint vaissel s^agenoiUe chascunz; et
tantost furent Us tables raemplies de toz les bons mengiers que
Ten seust deviser , et U pales fu raempliz de totes les hones odors,
Quant la dainoisele fu une fois alee devant les dois, si s'en re-
tome en la chambre, dont ele estoit issue ... An der letzten
der vier bezeichneten stellen wird noch ausdrucklich hinzugefügt,
die weisse taube komme acoustumeement allabendlich geflogen,
worauf das mahl stattfinde.
Von einer allgemeinen Speisung durch den graal ist bei
Crestien nichts zu finden. Nur der alte könig wird daraus mit
einer hostie am leben erhalten. Bei dem mahle, an welchem
Perceval teilnimmt, wird allerdings der graal herumgetragen,
ganz wie in der eben ausgezogenen erzählung des Prosalancelot,
doch konnte Wolfram aus Crestiens Worten unmöglich schliessen,
dass dadurch die Speisung bewirkt worden wäre. Es war dies
vielleicht Crestiens meinung, doch drückt er sich nach seiner
gewohnten art nur andeutend aus. Nimmermehr konnte Wolfram
aus der erwähnung, dass der graal beim essen erschienen sei,
seine ausführlichen und so anschaulichen und mit behaglicher
breite vorgetragenen Schilderungen von dieser wunderkraft des
graales schöpfen. Wenn Birch- Hirschfeld bemerkt, der unter-
schied sei hier nur ein quantitativer, nicht qualitativer, so kann
ich mich dieser ansieht nicht anschliessen. Wolfram muss hier,
um so genaue kenntnis vom wirken des graals zu erlangen,
eine weitere Überlieferung benützt haben.
2. Die weisse graaltaube.
(Heinzel 1, 177 und 2, 85; Birch-Hirschfeld s. 246 u. 277.)
Bei Wolfram spielt eine grosse rolle die weisse taube,
16*
244 WECHSSLER
welche alljährlicli am karfreitag mit einer liostie zum graal ge-
flogen kommt und so dessen kräfte erneut. Eine weisse taube
ist auch das Wappentier der graalritter und der graalbotin. An
der vorhin ausgehobenen stelle des prosalancelot sahen wir
ebenfalls eine taube die kraft des gi-aals erneuen. Ob auch
sonst ein unterschied besteht, ilire bestimmung ist dieselbe, und
wir werden also bedenken tragen, Bii'ch-Hirsclifeld zuzustimmen,
der nicht zögert, * diese erfindung Wolfram zuzutrauen'.
3. Die heilkraft des graals.
(Heinzel 2, 80; Birch-Hirschfeld s. 247.)
Auch hier ist eine stelle des Prosalancelot nachzutragen
(ffr. 344, fol. 471 a). Perceval und Estor haben sich, weil sie
einander nicht erkannt haben, bis zum abend bekämpft und
sind dem tode nahe. Da schwebt, von unsichtbarer band, d. h.
von engein getragen, der graal vorüber, en seniblance de galice,
und vom und hinten je zwei encensier. Der graal befindet sich
auf dem wege nach Corbenic, um dort könig Pelles zu speisen.
Als er vorüber ist, fühlen sich die beiden ritter heil und gesund.
4. Engel als hüter des graals.
(Heinzel 2, 16; Birch-Hirschfeld s. 250.)
Wenn sich auch die nachher zu besprechenden, Wolfi*am
eigentümlichen Vorstellungen nicht finden, so treten engel als
hüter des graals widerholt auf, besondei'S bei Gerbeit : auch die
eben angefülirte stelle haben wir, wie ich denke, dahin zu deuten.
5. Der graal den ungläubigen unsichtbar.
(Birch-Hii-schfeld s. 246.)
AMe Feirefiz den gi-aal ei*st nach der taufe erblickt, so
sieht ihn im Livre d' Artus (ffr. 337) *) zwar der sittenreine
Nasciens, nicht aber die andern ihn begleitenden ritter, die ge-
tauft, aber der weltlust ergeben sind. Die stelle mag hier im
Wortlaut folgen (ffi-. 337, fol. 250 b): Mais ce par quoi ü ne le
conurent, ce fu par les pechie^, dont il estoient entechic: car nus
ne pooit estre verais conoisserres , se il n'estoit mondes et nez de
toz pechiesSy et por ce ne porent onques U compaignon de la table
roonde reconoistre le Saint graal . . .
») Vgl. Freymond, Zs. f. frz. spr. 1895, s. 102.
DIE QUELLEN VON WOLFRAMS PARZIVAL. 245
6. Aufschriften am graal.
(Heinzel 2, 92; Birch-Hirschfeld s. 259.)
Mit recht zieht Heinzel die aufschriften an den sitzen des
graal und der taf eirunde, die in ganz ähnlicher weise kommen
und verschwinden, zum vergleiche herbei.
7. Zwei teller statt einem.
(Heinzel 2, 81; Birch-Hirschfeld s. 258 u. 278.)
Die annähme Birch-Hirschfelds, dass die messer bei Wolfram
auf einem sprachlichen misverständnis benihen, ist schwerlich
in zweifei zu ziehen. Wol aber dürfen wir fragen, ob er wirk-
lich die zweizahl gegenüber der einzahl bei Crestien der Sym-
metrie wegen eingeführt hat: die von Heinzel beigebrachte
stelle spricht dagegen.
8. Der könig durch die heilige lanze verwundet
und geheilt.
(Heinzel 2, 82; Birch-Hirschfeld s. 274.)
Nachzutragen bleibt eine besonders wichtige stelle aus der
Suite Merlin des Robert von Borron zugeschriebenen Graal-
Lancelot-cyklus,*) avo erzählt ist, wie der könig Pellehan von
Balaain mit der heiligen lanze verwundet wird.'^) Der passus
ist in der einzigen frz. hs. ausgefallen und nur in Malorys Über-
setzung erhalten. — Entfernter steht der von Heinzel (2, 82)
angefülirte fall aus Malory: dort heilt Lancelot den ritter Meliot
mit dem schwert von dessen gegner Gilbert.
9. Sünde des verwundeten königs.
(Heinzel 2, 82.)
Die Übereinstimmung, auf welche Heinzel hinweist, stammt
aus dem zweifellos jüngsten der ims noch zugänglichen grossen
romancyklen vom graal. Dieses werk scheint in der hauptsache
dem Graal-Lancelot-cyklus nachgebildet zu sein. Vollständig ist
es uns nicht erhalten geblieben, doch finden sich grosse bruch-
st ticke davon in einigen Tristanhss., besonders ffr. 99. 3) In er-
*) Vgl. über dieses werk meine abhandlnng 'Ueber die verschiedenen
redaktionen des Robert von Borron zugeschriebenen Graal-Lancelot-cyklus'
(HaUe 1895).
«) G. Paris, Merlin (Paris 1886; soc. d. anc. textes) 2, 27.
*) Löseth, Le roman en prose de Tristan, Paris 1801.
46 WECHSSLER
mangelung eines überlieferten namens können wir es vielleicht
nach der belle pelerine betiteln, die darin eine hauptrolle spielt. *)
10. Der geheilte könig stirbt nicht.
(Heinzel 2, 83 und 1, 186.)
Heinzel hebt richtig hervor, dass es die absieht Crestiens
gewesen sein wird, den kranken könig nach der erlösung sterben
zu lassen. Davon weichen ausser Wolfram auch die beiden
graalquesten ab (Robert- und Mapcyklus).^)
11. Die frage als mitleidsfrage.
(Heinzel 2, 85; Birch-Hirschfeld s. 256.)
12. Die familie der graalkönige.
(Birch-Hirschfeld s. 280.)
Von den aufstellungen Birch- Hirschfelds hat von je die
meisten bedenken die erregt, wonach Wolfram den ganzen
Stammbaum des graalgeschlechtes frei erfunden haben sollte.
Da ist es denn beachtenswert, dass die neigimg, eine solche
familie herauszubilden, in den cyklischen romanen überall hervor-
tritt, im Graal-Lancelot-cyklus wie im Perlesvaus, und besonders,
wie ich hier nachtragen möchte, in der Suite Merlin der hs.
ffr. 337.3)
13. Die ritterschaft vom graal.
(Heinzel 1, 177 und 2, 85; Birch-Hirschfeld s. 281.)
Der mönchsstaat des Perlesvaus erinnert in der tat an die
templeisen Wolframs. Noch näher aber steht diesen die ritter-
schaft in jenem cyklischen roman, den wir oben mit La helle
pelerine bezeichnet haben.
14. Die graalburg unwizeende gefunden.
(Heinzel 2, 84 und 1, 77; Birch-Hirschfeld s. 263.)
15. Die graalburg verteidigt.
(Heinzel 2, 84; Birch-Hirschfeld s. 260.)
Mit dem eben genannten motiv steht dieses in offenbarem
Eine nntennchnng über dieses werk hoffe ich bald veröffentlichen
zn können.
*) Darüber vgl. meine Redaktionen des Graal-Lancelot-cyklus.
•) Vgl. Freymond, Zs. f. fr«, spr. 1895, s. 1 ff.
DIE QUELLEN VON WOLFRAMS PAEZIVAL. 24?
Widerspruch, ist übrigens ohne zweifei das jüngere: bei Crestien
findet Parzival die bürg in der tat unwieeende, wenn es auch
nicht ausdrücklich hervorgehoben wird. Von einer abwehr der
graalsucher dagegen findet sich bei Crestien nichts. Wälirend
in den französischen romanen die beiden Vorstellungen nie bei-
sammen stehen, sind sie bei Wolfram vereinigt und deuten wie
manches andere auf quellenmischung.
16. Ein beide als graalfinder.
(Heinzel 2, 89.)
Dem beiden Feirefiz lässt sich der edle Babylonier Pala-
medes zur seite stellen, der in der Eobertqueste ^ ebenbürtig
neben Galaad tritt und an ritterlichkeit die Christen weit über-
trifft. Man wird angesichts dessen nicht mehr so leicht geneigt
sein, in der hervorhebung dieses heidnischen bruders Parzivals
ein zeichen religiöser duldsamkeit Wolframs zu erblicken.
17. Perceval und seine gattin.
(Heinzel 2, 80.)
Auffallend ist die Übereinstimmung mit Gerberts Perceval
in allem, was die ehe des beiden betrifft. Diese wird hier
ebenso wie bei Wolfram zu einem angelpunkt der handlung.
Es war demnach wol ein irrtum, wenn man die betonung der
heiligkeit der ehe als etwas Wolfram dem Deutschen eigen-
tümliches auffasste.
18. Lohengrinsage.
(Heinzel 1, 78; Birch-Hirschfeld s. 281; Martin s. 18.)
Ebenfalls bei Gerbert finden wir die schwanrittersage an-
geknüpft. Die erzählung von Lohengrin wird übrigens bei
Wolfiam so auffallend kurz und nur abrissweise widergegeben,
dass schon dadurch der gedanke nahe gelegt wird, er habe
diese Verbindung schon in einer seiner quellen vorgefunden: wo
immer er von sich aus etwas hinzufügt, liebt er eine gewisse
breite und pflegt zu unterstreichen. So wirken hier zwei er-
wägungen zusammen und berexjhtigen uns, Wolfram diese Ver-
knüpfung abzusprechen.
Man ist überrascht, so vieles, was man früher ohne be-
Vgl. meinen Graal-Lancelot-cyklns.
248 WECHSSLER
denken unserem deutschen dichter zugeschrieben hat, wenn nicht
bei Crestien, so doch bei seinen landsleuten und Zeitgenossen an-
zutreffen. Zwar soll hier zugegeben werden, dass die angeführten
fibereinstimmungen nicht alle gleichwertig sind. Jedenfalls
aber wird dadurch, dass sich fast alles, was Wolfram,
über Crestien hinaus von graal und graalfamilie erzählt
ebenso bei den Franzosen findet, die benutzung weiterer
quellen wenn nicht erwiesen, so doch sehr wahrschein-
lich gemacht.
Begegnen wir noch dem hauptargument, welches von Birch-
Hirschfeld^) für die ausschliessliche benutzung Crestiens vorge-
bracht und auch von G. Paris als ausschlaggebend gebilligt worden
ist, 2) dass nämlich Wolframs mangelhafte kenntnis vom wesen
und von der bedeutung des graals sich nur aus der unvollständig-
keit dieser seiner einzigen quelle erklären lasse. In der tat ist
zuzugeben, dass er von der den Franzosen in dieser oder jener
form bekannten oder von ihnen vorausgesetzten legendarischen
Vorgeschichte, deren hauptrolle Joseph von Arimathia spielt,
offenbar nichts gewusst hat. Dies beweist aber noch nichts:
denn es kann sehr wol ein graalroman existiert haben, in dem
diese Vorgeschichte fehlte und der graal, ähnlich A\ie bei Crestien,
einfach seinen namen trug, ohne dass eine erklärung gefolgt
wäre. Dies ist zum beispiel der fall bei Pseudo- Gautier, dem
ersten fortsetzer Crestiens: 3) Ein späterer französischer dichter
konnte, anders als Wolfram, bei seinen lesern einige kenntnisse
von diesem sagenstoff voraussetzen. So ist also dieser wichtigste
und scheinbar schlagendste beweisgrund nicht geeignet, uns die
annähme weiterer quellen verwerfen zu lassen.
Und es ist durchaus nicht zu gewagt, einen verlorenen
graalroman anzunehmen. Es gelang Heinzel in zwei fällen
nachzuweisen, dass diese fast unübersehbare litteratur, so
reich überliefert sie uns vorliegt, doch nicht vollständig auf uns
gekommen ist. Denn einmal haben wir den Perlesvaus als an-
fang eines grösseren cyklischen Werkes,*) und ausserdem die
Pseudo-Crestiensche einleitung als beginn eines, wie es scheint.
Gralsage s. 274.
«) Rom. 22, 166.
^ Hemzel 1, 25 ff.
*) Heinzel 1, 177.
DIE QUELLEN VON WOLFRAMS PARZIVAL. 249
sehr umfangreichen poetischen cyklus aufzufassen, dessen inhalt
uns nur die fiberlieferten titel ahnen lassen.*)
So hat sich denn keiner der einwände, welche man gegen
die benutzung weiterer französischer graalromane ausser Crestien
geltend machen kann, als zwingend erwiesen. Vielmehr haben
wir tatsachen gefunden, welche diese möglichkeit sehr wahr-
scheinlich machen. Damit ist, wie ich denke, die gi*undlage ge-
schaffen für eine eingehende quellenuntersuchung ober den Par-
zival sowol wie ober den naheverwanten Titurel. Diese wird
aber erst versucht werden können, wenn einmal Baists ausgäbe
von Crestiens werk vorliegt.
Versäumen wir jedoch nicht, anzuerkennen, dass einiges
Wolfram eigentümlich ist, und sprechen wir zuerst von seinen
sonst nicht nachweisbaren Vorstellungen vom graal. Wenn er
allein nicht weiss, dass dieser ein gefäss ist — gleichgiltig ob
Schüssel oder kelch') — so kann sich dies, wie oben zu zeigen
versucht wurde, aus dem schweigen seiner quellen erklären.
Das übrige beschränkt sich auf das, was er über die herkunft
des graals mitteilt. Es handelt sich um Luzifers angeblichen
kämpf mit der dreieinigkeit und um die Übergabe des graals in
die hut der neutral gebliebenen engel. Seltsamer weise wird
dieser bericht von Trevrezent, dem derselbe in den mund gelegt
ist, nachher zum teil widerrufen: der dichter bekundet hier eine
auffallende Unsicherheit. Daher hat vielleicht Birch-Hirschfeld
(s. 277) mit seiner auch von Heinzel (2, 16) gebilligten annähme
recht, dass Wolfram dies von sich aus hinzugefügt habe, um die
ihm unbekannte Vorgeschichte des graals zu ersetzen.
Dass Wolfram auch sonst seinen quellen selbständig gegen-
über gestanden hat, wird von Heinzel (2, 28) ohne weiteres ein-
geräumt. Allerlei persönliche bemerkungen (2,4), theoretische
und lyrische exkurse (2, 7), litterarische anspielungen, wenigstens
soweit sie deutsche werke betreffen, und mancherlei zeit-
genössisches beweist seine verhältnismässige Unabhängigkeit.
Wir finden also bei der annähme weiterer vorlagen neben
Crestien eine ähnliche behandlung der quellen, wie sie uns für
«) Heinzel 1, 78.
*) Birch-Hirschfeld macht hier keine scharfe trennnng : nachdem er den
graal als abendmahls s c h ü s s e 1 nachgewiesen hat (s. 219), spricht er am
Schlüsse (s. 287) von einem abendmahlskelch.
250 WECHSSLER
den Willehalm, wo wir klar zu sehen vermögen, bezeugt ist
(Heinzel 2, 28).
Abweichungen des deutschen dichters liegen auch in fällen
vor, die von den Verteidigern Kyots bisher als beweise gegen
Crestien verwendet wurden. Greifen wir zwei von den bei
Martin (s. 15) angeführten heraus. Wenn Gaherjet Gäwäns
muomen suon genannt wird, so kann dies aus keiner französischen
quelle stammen. Denn in sämtlichen Artusromanen, wo dieser
angesehenste bruder Gauvains eine rolle spielt, finden wir ihn
als dessen lieblingsbruder. Es scheint hier ein misverständnis
irgend welcher art vorzuliegen, ähnlich wie bei Gauvains bruder
Beäcurs, von dem die französische epik nichts weiss. Wolfram
hat hier, wie oft, ein appellativum zu einem eigennamen um-
geschaffen.
Was femer den namen der geliebten Parzivals, Condwträ'
mür, betrifft, so haben wir es wol mit einer neuerung Wolframs
zu tun.^ Zunächst ist zu sagen, dass Albrecht, der in seinem
jüngeren Titurel sich sonst mannigfach mit seinem vorbild Wolfram
berührt, zu Blancheflour zurückkehrt, wie die heldin fast aller
französischer Parzivalromane heisst. Dass der name KondT^iramur
keine echt französische bildung ist, wird allgemein anerkannt. Ich
möchte nun aber nicht etwa mit Martin (s. 8) an Umformung
eines französischen namens denken, sondern an freie neuschöpfung.
Zu der von Martin angeführten stelle ir minne condwierte mir
freude in das herze min (Parz. 495, 22) wären aus dem gleichen
gedieht hinzuzufügen: unt do frou Enite siner freude was ein
condewier (401, 12) oder diu minne cmidwierte in sin manlich
herze höhen muot (736, 6) und durch der minne condwier
Eddemon dae reine tier (741, 15). Der name wird auch
getrennt gebraucht, so dass über die von Wolfram gewollte
etymologie kein zweifei bestehen kann: äne Condwirn amürs
wart nie gehorn so schcener lip (Parz. 508, 22). Wie aber
kam Wolfram dazu, den überlieferten namen gegen diesen
selbstersonnenen zu vertauschen? Darauf brauchen Avir die
antwort nicht schuldig zu bleiben. Der name Blancheflour war
durch die versclüedenen Versionen des gleichnamigen gedichtes
wie in Frankreich so auch in Deutschland sprichwörtlich ge-
worden. Wolfram mochte sich sträuben, seiner heldin diesen
Vgl. Bartsch, Genn. Studien 2, 146.
DIE QUELLEN VON WOLFRAMS PARZIVAL. 251
verbrauchten namen beizulegen *) und bildete daher nach seinem
geschmack diesen neuen klang- und bedeutungsvolleren. Er
tut sich auf seine erfindung offenbar etwas zu gut«, da er nicht
vei^säumt, dem leser den sinn des namens zum bewusstsein zu
bringen, den er übrigens aus allgemein 'gebräucldichen und den
höfisch-ritterlichen kreisen wolvertraut^n Wörtern bildete.
Auf diese wenigen andeutungen musste ich mich hier be-
schränken. In einer grösseren abhandlung hoffe ich auf die
frage, welche uns beschäftigt hat, zurückkonmien zu können.
Man vergleiche die einfühmng 187, 12, wo sie der berühmten Enlte
und den beiden Isolden gegenübergesteUt wird: hier konnte Wolfram einen
namen nicht anwenden, an den sich bereit« eine weitverbreitete erzählnng
knüpfte.
DAS VERHÄLTNIS
DES LORENGEL ZUM LOHENGRIN.
Von Ernst Elster
(Leipzig).
In meinen Beiträgen zur kritik des Lohengrin*) habe ich
darzulegen versucht, dass die 767 Strophen (= 7670 verse) um-
fassende mhd. dichtung dieses namens von zwei Verfassern her-
rühre, deren erster bis str. 67, 2 gedichtet habe. Die von 67, 3
bis 767, 10 reichende hauptpartie des gedichtes weicht durch
grobe sachliche Widersprüche, durch eigenheiten der inneren wie
äusseren form und endlich durch den dialekt in auffälligster
weise von dem ersten teile ab; die beweise hierfür Hessen sich
derart häufen, wie ich es zu anfang meiner arbeit selbst nicht
erwartet hatte. Das ergebnis der Untersuchung ist denn auch,
so viel mir bekannt, von den facligenossen in allem wesentlichen
gebilligt worden, wenigstens weiss ich dies von forschem wie
Zaincke, Scherer, Steinmeyer, Vogt, Golther u. a., und auch in
der neuesten arbeit über den Lohengrin von Friedrich Panzer 2)
heisst es (s. 12): *Die annähme zweier dichter im Lohengrin
wird dabei als durch Elster erwiesen vorausgesetzt'. So weit
herrscht also eintracht und fiiede.
Aber ich ging in meiner Untersuchung weiter. Ein blick
auf den Lorengel ») (W, handschrift des Wiener Piaristen-
koUegiums) zeigt nämlich, dass diese von einem meistersinger
des 15. jhs. herrülirende bearbeitung ziemlich genau mit dem
ersten teil des Lohengrin (LI, d. h. bis 67, 2) übereinstimmt,
^) HaUe 1884 (Sonderabdrnck ans Paul u. Braunes Beiträgen 10, 81 ff.).
*) Lohengrinstndien, das. 1804.
') Herausgegeben y. Steinmeyer, Zs. fda. 15, 181—244.
LORENGEL UND LOHENGRIN. 253
während sie von dem zweiten teil (L2; str. 67,3— 767, 10) ganz
abweicht. Diese tatsache, welche die Scheidung von L 1 und L 2
aufs beste bestätigte, legte natürlich zunächst die annähme
nahe, dass der erste dichter seine erzählung nur bis 67,2 fort-
geführt habe, und dass nun in W2 (zweiter teil des Lorengel
von Str. 59, 3 — 207,10) und L2 zwei selbständige fortsetzungen
seines werkes vorlägen.*) Indessen es wäre ja auch recht wol
der fall möglich, dass der Verfasser von Z nicht bei 67,2 ge-
schlossen, sondern weiter gedichtet hätte, und dass diese fort-
setzung von Z in W2 als grundlage benutzt worden wäre.
Viele einzelheiten des Inhaltes von W 2 (die form ist so entstellt,
dass sie nur wenig in betracht kommt) machten und machen
mii' diese annähme in der tat sehr wahrscheinlich: die vorläge
von W2 war Z2.2) Gestützt wird diese h3T)0these durch eine
angäbe der Kolmarer liederhandschrift (K, cod. germ. monac. 4997).
In dieser sind auf blatt 701 v — 705 v (der modernen paginierung)
41 Strophen des Lorengel erhalten, die allerdings auffallender
weise fast genau an der stelle schliessen, wo LI schliesst,
nämlich nach str. 66, 10 des Lohengrin: dieser umstand legte
natürlich die ansieht nahe, dass der dichter von Z nur bis
L 67, 2 gekommen sei. Aber dem widerspricht die Vorbemerkung
von K: Difs ist ein teile an dem Lorengel dez mit einander 350'*)
') Ich bezeichne im folgenden dieses werk des ersten dichters, dessen
anfang in Li erhalten and in Wl (= Lorengel, bis str. 59, 2) stark über-
arbeitet ist, mit Z, nnd diesen, LI nnd Wl entsprechenden anfang mit Zl:
denn es darf nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden, dass der eingang des
gedichtes (bis 67,2) in L ganz unverändert geblieben sei, als der Verfasser
von L 2 an ihn seine umfangreiche fortsetzung anschloss. — In meiner schrift
(Beitr.) habe ich Zl und Li gleichgesetzt und einfach durch LI bezeichnet,
da beide in der tat fast ganz übereinstimmen; es ist aber richtiger, die sigle
L bloss auf das abgeschlossen vorliegende Lohengrin-gedicht zu beschränken,
vor allem aber erleichtert auch diese Scheidung von LI und Zl die weiteren
auseiuandersetznngen. L 1 ist der in L hinübergenommeue (und etwas redigierte)
anfang des verlorenen gedichtes Z.
') Z2 ist die hypothetische fortsetzung von Zl, also der teil des ver-
lorenen ursprttngUchen gedichtes, der über die analoge darstellung von LI
und Wl hinausgegangen sein dürfte.
•) Ich habe früher (I.e. s. 90) angegeben: '400 (1111c) lieder*, ebenso
Panzer (s. 20); aber schon in seiner besprechung meiner abhandluug im Litt.
Centralbl. vom 25. okt. 1884, sp. 1529, schrieb Zamcke: '400 (oder 350?)
Strophen*, und seine Vermutung, dass 350 zu lesen sei, wurde durch eine
nachprüfung der handschrift bestätigt : das j in der zahl iig hat einen nach
oben durchgezogenen strich und bedeutet Vii die ganze zahl also 3Vi centum, 350.
254 ELSTER
lieder sint jm swartzen tone. Also K bezeichnet den gesamt-
umfang des gedichtes auf 350 Strophen, und diese angäbe passt
schlechterdings nicht zu den 767 Strophen von L, sie muss sich
vielmelir auf eine andere fortsetzung von ZI beziehen, die wir
in unverfälschter form nicht mehr besitzen. Da sich in W2
unverkennbare ähnlichkeiten mit ZI zeigen, so folgerte ich
(s. 87 — 108 meiner schrift), dass ein teil des 350 Strophen um-
fassenden älteren Lohengringedichtes, wovon K berichtet, in W 2
überarbeitet vorliege. Auch Panzer ist der ansieht, dass der
Verfasser von W das gedieht des Thüringers, d. h. des dichters
von Z, gekannt haben müsse (s. 17) und zwar nicht nur ZI,
d. h. bis stroplie L 67, sondern auch eine von demselben er-
zähler heiTührende fortsetzung. Der tatbestand ist also immer
noch sehr einfach: der dichter von Z schrieb ein längeres werk,
bestehend aus ZI plus einer fortsetzung Z2. ZI nahm der
Verfasser von L, ein Bayer, auf imd gab ihm eine selbständige
fortsetzung; ZI + Z2 ist die vorläge von W.
Aber nun beginnen die Schwierigkeiten und bei diesen setzt
Panzers widersprach gegen meine darstellung ein.
Bevor ich auf diesen entgegne, muss ich kurz widerholen,
was ich über das Verhältnis von W und K einerseits und LI
anderseits ermittelt zu haben glaube. W und K sind keinesfalls
aus einer der Lohengiin-handscliriften abgeleitet: im Loliengrin
sind zu anf ang gegen 30 stroplien vom 2. teil des ' Wartburg-
kriegs', dem sog. rätselstreit, mit aufgenommen worden, in WK
nicht; auf der andern seite enthalten WK mehrere Strophen
gemeinsam, die in L fehlen und doch sicherlich Z, dem ui'sprüng-
lichen gedieht des Thüiingers, 9 angehört haben müssen : *^) daraus
folgt, dass W und K mit L unmittelbar nichts zu tun haben,
sondern aus einer mit L gemeinsamen vorläge, dem original des
Thüringers (Z), selbständig abgeleitet sind. Aber auch W und
K sind nicht unmittelbar von einander abhängig, W kann nicht
von K, und K nicht von W abstammen; auch sie weisen wider
auf eine gemeinsame vorläge hin (X), die sich von Z bereits
durch zahlreiche züge (so schon durch den namen Lorengel)
') Ich halte es für zweifeUos, dass dieser mit dem Verfasser vom 2. teil
des Wartburgkrieges identisch ist (vgl. meine Beitr. s. 109 ff., Zamcke, 1. c.
sp. 1530).
«) Vgl. meine Beitr. s. 46—50.
LORENGEL UND L0HEN6RIN. 255
unterscheidet. Hieraus ergibt sich folgender Stammbaum (vgl.
Beitr. s. 42):
Ich muss diese tatsachen (natürlich hier ohne erneute begründung)
widerholen, um zu zeigen, dass in Wl sich nicht ein schatten
eines unmittelbaren einflusses von L, sondern nur derjenige von
Z offenbart.
Dasselbe, glaubte ich, gelte für W2; auch hier sei keine
spur von L zu erkennen, und hier wird diese Unabhängigkeit
von einschneidender bedeutung: denn während LI und Wl
durch vermittelung von Z doch noch recht ähnlich bleiben,
gehen L2 und W2 ganz auseinander. *Es ist keine frage', so
schrieb ich (s. 87), *dass dem bearbeiter des Lorengel die foi-t-
setzung des Lohengrin von dem zweiten dichter (L 2) nicht vor-
gelegen hat.' Im Lorengel seien nach v. 59, 2 (= L 67, 2)
gedankengang und reimgewand im ganzen völlig abweichend.
*Dies ausfühi-licher darzulegen wäre zeit Verschwendung. '
Panzer ist gleich wol der ansieht, dass L2 (ausser Z, das
er mir zugibt) auf W2 eingewirkt habe; er schreibt: es * bleibt
niu* die annähme, dass der Überarbeiter des Lorengel beide ge-
dichte [d. h. also Z und L] gekannt und teile des bayrischen
[L2] in die alte erzählung [Z2] hinein gearbeitet habe' (8.18
unten). Diese hypothese sucht er im einzelnen genau zu be-
giünden.
Gegen sie spricht von vornherein ei-stens, dass sie höclist
künstlich ist: ein dichter des 15. jhs. soll zu einer zeit, als die
alte ritterpoesie nicht mehr lebendig nachwirkte, sowol das ver-
loren gegangene gedieht Z als das uns nur in drei handschriften
erhaltene gedieht L gekannt und sich an dieses, während er in
allem wesentlichen abwich, in kleinigkeiten angeschlossen haben.
Unwahrscheinlich ist, dass ihm zufälliger weise beide denselben
Stoff behandelnde gedichte zugänglich geworden seien, unwahr-
scheinlicher, dass er das eine derart benutzt habe. Zweitens
256 ELSTER
aber spricht von vornherein gegen Panzers hypothese der um-
stand, dass auch für W 1 nicht die bekanntschaft von L, sondern
nur diejenige von Z vorausgesetzt werden darf. Ich habe
darüber genauer in dem abschnitt * Die handschrift X ' (s. 42 — 63)
gehandelt. Panzer erwähnt diese darstellung mit keinem worte.
Sie berührt aber seine beweisführung ganz unmittelbar: denn
während ich erwiesen zu haben glaube, dass für Wl nur Z,
nicht L, als vorläge gedient hat, soll sich nun nach Panzer das
wunderbare ereignen, dass für W 2 plötzlich aucli L als sekundäre
quelle in betracht komme.
Seine annähme erklärt sich dadurch, dass zwischen L2
und W 2, trotz aller abweichungen im ganzen, im einzelnen doch
gewisse beziehungen zu erkennen sind, auf die ich bereits s. 87
bis 90 hingewiesen hatte, und die Panzer s. 12 — 20, 42 ff. ge-
nauer erörtert. Diese beziehungen lassen die Sachlage auf den
ersten blick so sehr verwickelt erscheinen. Ich hatte (s. 89)
geschrieben: *Also mehr als genug des beweises, dass L2 auf
W2 nicht eingewirkt haben kann. Wenn aber dennoch eine
beziehung hergestellt werden muss, so bleibt nichts übrig, als
das Verhältnis umzukehren und eine einwirkung der vorläge von
W2 auf L2 anzunehmen.'
Panzer behauptet: in W2 liegt eine zugleich auf Z2 und
L2 beruhende darstellung vor; ich behaupte: Z2 ist die alleinige
gi^undlage. Panzer sagt: L2 ist unabhängig von Z2 (und schöpft
nur aus Wolfram, dem * jüngeren Titurel', der Sächsischen welt-
chronik u. s. w.); ich sage: L2 ist nicht ganz unabhängig von
Z2 zu denken.
Da bleibt nichts anderes übrig als den von Panzer be-
haupteten einfluss von L2 auf W2 im einzelnen zu erörtern.
Dass er ausserordentlich gering sein müsse, geht schon aus
einer beobachtung der reime hervor. Der Lorengel-bearbeiter
war so hiinsU leere, dass er auch dort, wo er den Inhalt von
ZI auf das kläglichste entstellte, doch die reime seiner vorläge
meist ängstlich beibehielt. Ich habe in meinen Beiträgen s. 43
eine tabelle über die LKW gemeinsamen Strophen gegeben.
Hieraus ersieht man, dass Wl 30 Strophen und 2 verse enthält,
die auch in L 1 vorhanden sind. ') Da jede Strophe 5 reime auf-
1) Ich lasse dabei W Strophe 14 ausser betracht, die nur teilweise L 37
paraUel geht (reim W 14,4—5 : L37,8— 9 und Inhalt W 14, 6 : L 37, 10,
W 14, 9 : L 87, 7).
LORENGEL UND LOHENGRIN. 257
weist, so sind im ganzen 151 reime zu vergleichen. Von diesen
sind in W gegenüber L abweichend 27 reime, nämlich W 1, 3 : 6,
12,3:6, 23,7:10, 23,8:9, 24,3:6, 25,1:2, 27,4:5, 27,8:9, 28,
1:2, 34,4:5, 35,4:5, 42,8:9, 44,4:5, 45,3:6, 46,1:2, 47,8:9,
49,4:5, 50,1:2, 50,3:6, 50,8:9, 53,1:2, 54,1:2, 54,3:6, 54,
4:5, 55, 7 : 10, 56, 4 : 5, 56, 8 : 9. Ausserdem sind in W verändert,
aber den alten sehr ähnlich und ihnen augenscheinlich nach-
gebildet 6 reime, nämlich: 22,3:6, 25,7:10, 46,3:6, 48,7:10,
53, 7 : 10, 55, 4 : 5. Gar nicht in betracht zu ziehen sind folgende
ab weichungen : W 35, 1 : 2 sagt : magt L, seit : meit W; W 35, 3 : 6
minne : getvinnen L (bei Rückert steht minnen, aber die Münchener
hs. c enthält das gew^s alte mynnej wodurch die thüringische
reimbindung, die für Z charakteristisch ist, zum Vorschein kommt),
herzoginne : gewinne W; W 42, 3 : 6 stumtgiten : gestrtten L, pitten
: gcstriten W ; W 44, 3 : 6 herte : werten L (thüringer reim) , ferte
: werte W. — Da nur die 27 neuen reime für uns von belang
sind, nicht aber die 6 nui* ganz wenig abweichenden, die sich
aufs engste an die vorläge ansclüiessen, so gewinnen wir für
die behandlung der reime in W das ergebnis: dass von 151
reimen nur 27 geändert sind. Dieses Verhältnis lässt sich auch
so ausdrücken: dass 18^0 der reime neu, 82^Iq aber alt sind. 9
Fügen wir hinzu, dass sehr oft gerade auch an den stellen, wo
der reim abweicht, der Inhalt die zweifellose abhängigkeit
von der vorläge verrät, so erscheint die bedeutung jener 18 ^/^
neuer reimbindungen noch viel geringer.
Wenn sich nun der Lorengel -bearbeiter nachweislich so
sklamch an die reime seiner vorläge anschliesst, so sollte man
erwarten, dass, wenn er für W2 auch L2 mit benutzt hätte,
sich doch in den reimen irgend welche abhängigkeit erkennen
lassen müsse. Aber hiervon zeigt sich nicht die geringste spur.
Ich habe mir sowol von L wie von W ein vollständiges reim-
register angelegt und habe alle inhaltlich verwanten partien von
W2 und L2 genau verglichen, ohne aber auch nur an einer
einzigen stelle eine Übereinstimmung zwischen beiden gedichten
anzutreffen. Daraus ergibt sich, dass der Lorengel-bearbeiter,
wenn er L 2 gekannt hätte, sich im entschiedensten Widerspruch
zu seinem verfahren gegenüber ZI die reime von L2 nicht im
^) Nicht alle reimworte sind bei diesen 82% alt, nur die reime; es
ist z. b. bringen fUr dingen oder dergl. in W eingesetzt worden.
FMtgabe für Sie Yen. 17
258 ELSTER
mindesten zu nutze gemacht hätte. Und da.s ist in hohem grade
unwahrscheinlich.
Panzer geht jedoch auf die reime gar nicht ein, obwol sich
die Untersuchung vor allem auf sie zu stützen hätte; denn mit
recht sagt Steinmeyer (s. 244), dass wir es im Lorengel * nicht
nur mit erweiterungen , sondern mit einer völligen Umarbeitung
und zwar einer der schlimmsten art' zu tun haben, 'die
nämlich die reime beibehält und in den körper der
Strophen einen andern inhalt giesst' Warum sollte nun
der Verfasser A'on W2, wenn er zwei im selben ton gedichtete
vorlagen benutzte, aus der einen auch nicht die reime nur einer
einzigen Strophe entlehnt haben?
Doch Panzer weist auf die inhaltlichen beziehimgen und
angeblich wörtlichen Übereinstimmungen von W2 und L2 hin,
und so ist es unsere pflicht, diese genauer ins äuge zu fassen.
Er erzählt kurz den inhalt in W2 und L2 bis zum em-
pfange Lohengrins durch Elsam und schreibt (s. 13): 'Hier fällt
zunächst besonders der unsinn einer doppelten landung des schwan-
ritters im Lorengel auf. Elster suchte das s. 181 ff. [101 ff.]
aus einer verv\irrung in der vorläge von LI. [d. h. W] zu er-
klären; ich glaube aber, der L. bietet eine näher liegende und
weniger mechanische lösung.' Ich muss hierzu bemerken, dass
ich zu dieser lösung nicht allein diu'ch die doppelte landung
Lorengels, sondern auch dmxh die unpassende stelle der Ursula-
geschichte (str. 74 — 86) bestimmt wurde: zwei Schwierigkeiten
erschienen mir durch meine hjT)othese zugleich gehoben, und eine
hypothese, die das leistet, möchte ich nicht als mechanisch be-
trachten. Doch hören wir dagegen Panzer. 'Hier [in L] wird
725 ausdrücklich erzählt, dass das schiff, nachdem es von Albian
und der menge begrüsst worden war, sich wider vom gestade
entfernte (vgl. auch 751. 754); erst beim nahen der prozession
schwimmt es heran. Diese angäbe scheint mir nun der Über-
arbeiter im LI. [W] misverstanden und dahin übertrieben zu
haben, dass er Lohengrin gleich bei der begrüssung durch Calle-
brant ans land steigen Hess. So ergab sich von selbst die duich
nichts sonst im gedichte motivierte notwendigkeit, den ritter
noch ein zweites mal für die begrüssung durch die herzogin
landen zu lassen.' Die drei verse, auf die sich Panzer bezieht,
lauten :
725. der swan vnor ein teil hin von dem gestade baz.
LORENGEL UND LOHENGRIN. 259
751. Do er den swan sns halden sach . . .
754. er wil her zem gestade niht.
Die Sache ist sehr einfach: der schwan bringt den schlafenden
ritter an den Strand, wo ihn der kaplan und die menge erblicken
und durch ihr staunendes geschrei erwecken (von einer eigent-
lichen begrüssung ist noch nicht die rede); als aber der schwan
in der nähe des gestades heranzukommen zaudert, so begi'üsst
man ihn unter glockengeläut mit dem heiltum, mit f ahnen und
gesang, und darauf heisst es (77,1):
Swan unde schef sich gein in reit.
Das ist alles sehr klar und einfach, und man begreift nicht,
was den Verfasser von W2 hätte bestimmen können, aus dieser
so natürlichen darstellung zwei landungen des Lorengel zu
machen! Wenn noch des schwans zögerung lange andauerte,
wenn etwa zwischen dem ankömmling und der staunenden
menge erst aus der entfernung irgend welche reden ausgetauscht
würden! Nein, nichts von dem! Der schwan wartet nur auf
die feierliche begrüssung, und als ihm diese zuteil wird, kommt
er sofort herbei. Wenn sich nun der verf. von W2 wirklich
das von Panzer behauptete, aber nach meiner ansieht ganz un-
glaubliche misverständnis hätte zu schulden kommen lassen, die
zögerung zu landen doch als eine landung aufzufassen, so könnte
man dadurch trotz alledem den wiiTwarr in W2 noch lange
nicht erklären: denn die wirkliche landung folgt ja in L2 un-
mittelbar darauf, in str. 79. So ungeheuerlich jenes misver-
ständnis gewesen wäre, so hätte es doch die von Panzer be-
haupteten folgen nicht haben können, es sei denn, dass wir an-
nähmen, der Lorengel-bearbeiter habe, nachdem er str. 76 falsch
verstanden , den * Lohengrin ', ohne bis str. 79 weiter zu lesen,
beiseite gelegt, um hierauf nun wider der anderen vorläge Z
zu folgen. Ist das nicht eine recht gekünstelte annähme? Ge-
setzt aber auch sie sei haltbar: wie erklärt sich dann die un-
passende stelle der Ursula -legende in W? Sollte sie wirklich
da, wo sie jetzt steht, im alten gedichte angebracht gewesen sein?
Doch das können wir nicht wissen; unsere rekonstruktion
des gedichtes Z muss notwendiger weise ein hjT)Othetisches ge-
bilde bleiben. Indessen man kann doch im einzelnen schlacke
und echtes metall scheiden. So sagen wii- beide: die doppelte
landung Lohengrins ist gewiss nicht dem alten gedichte Z
17*
260 ELSTER
eigentümlich gewesen. Panzer erklärt sich die Verwirrung durch
die darstellung in L2; ich kann mir seine erklärung nicht zu
eigen machen, und kann folglich auch nicht zugeben, dass an
der fraglichen stelle in \V sich auch nur der schatten eines ein-
flusses von L2 verrate. Panzer sagt übrigens selbst, dass
schliesslich das angenommene misverständnis gar nicht aus L2,
sondern aus der gemeinsamen vorläge von L2 und W2 (also
Z2) herrühren könne; doch lehnt er später jeden einfluss von
Z 2 auf L 2 ab, und folglich müsste man, wenn man die von ihm
behauptete beziehung zugäbe, auch eingestehen, dass dadurch
eine abhängigkeit des Lorengel von L2 erwiesen wäre.
Nach einer kurzen notiz über die in W vorkommenden
eigennamen (aus denen nicht die geringste abhängigkeit von L 2
gefolgert werden darf), fährt Panzer fort: 'Neben dem iden-
tischen verlaufe der handlung finden sich nun eine ziemliche
reihe ganz wörtlicher entsprechungen zwschen LI. [W] und
L . . .' Oben auf derselben seite 13, wo jetzt von dem iden-
tischen verlaufe der handlung die rede ist, werden von Panzer
selbst die eingi^eifendsten ab weichungen genannt: es ist eine
inige, eine geradezu verwirrende behauptung, dass die handlung
beider werke identisch sei. Lorengels begegnung mit Callebrant,
die Verflechtung der mit Parzival in beziehung gebrachten
Ursula-legende in das gedieht, später die art, wie sich die zwei-
kämpfer begrüssen, den kämpf in Antwerpen (nicht in Mainz)
hat der 'Lorengel' allein; anderseits felilen in diesem werke die
überaus umständlichen beratungen und Vorbereitungen zu dem
grossen tage in Mainz, durch die uns der *Lohengiin' so sehr
ermüdet. Damit ist aber die weitaus grössere partie von
L2 und W2 als ganz von einander abweichend bezeichnet:
die an umfang weit geringeren Übereinstimmungen werden A\ir
sogleich kennen lernen.
Nun findet aber Panzer zahlreiche * wörtliche entsprechungen '.
Leider vermag ich jedoch den meisten der hier angeführten stellen
(s. 14 f.) gar keine bedeutung beizumessen. Was will es heissen,
wenn beim anblick des vom schwan gezogenen ritters die leute
sowol im 'Lohengiin' me im 'Lorengel' ausrufen: wie wunder-
bar! W 59,10: Der purger sprach: wunder wil hie geschehen.
dazu L 72, 7: er (der kaplan) sprach: . . . ich läz iuch wunder
schouwen; oder W 61,5: der purger . . , sprach: ^hört, frau, das
sein gar wunderliche niere', dazu L 73, 1: Sie wären deni gestade
LORENGEL UND LOHENGRIN. 261
bi und riefen, ob diz niht ein wunder st. Ich meine, es ist
selbstverständlich, dass man bei einem solchen anblick, wie
dem hier gegebenen, auf das wunderbare hinweist. Heisst es
doch auch an der entsprechenden stelle in dem Schwanritter
des Konrad von Würzburg, v. 152 ff.: ein vogel ziuhet s6 gerade
üf dem waZiSer dort her dan ein schiffelin und einen man, daz
man daz umnder nie bevant; und v. 166: so wunderlicher dinge
wart selten ie gesdiouwet iht Die parallele besagt also gar
nichts.
W 60, 7 lesen T\ir: ich (der bürger) wil euch helfen an dus
lant, ir edler degen reiche . nu piet mir, Jielt, eur werde hant, und
Lorengel weigert sich nicht: er springt aus dem schiffe. Dazu
soll als 'wörtliche entsprechung ' in betracht kommen L78,9:
der pischof und der abbet gein dem ritter greif, da wolt er sich
entwedern läzen reichen, hier weigert sich Lohengrin, und erst
als Elsam ihm die band bietet, verlässt er sein Meinez perkel
Wie, das wäre Übereinstimmung? Und soll verwertet werden
können, um eine abhängigkeit des 'Lorengel' von L2 zu er-
weisen?
Noch weniger bedeutung messe ich den worten bei W 60, 10:
ich sach kein wapen nie so lobeleiche, die zu L 77, 7 parallel
gehen sollen: dö was sin icäpenltch gevert (besser nach c mit
Panzer: gewcet) so rehte keiserlichen — das sind ja bekannte
stehende redensarten! — Weiter: W 64, 1 : Der purger spradi: 'ich
pit euch fast, dasz ir seit heint bei mir selber wirt unde gast . . .,
darauf sollen worte der Eis am im * Lohengrin' eingewirkt haben,
nämlich L 92,2 — 3: ir sit hie heim: swaz ir gebietet, daz geschiht,
ir Sit niht gast, des schaffet swa^z ir welkt. Auch diese worte,
die einer ganz anderen scene angehören (im 'Lorengel' ist des
beiden erster empfang beim bürger geschildert), besagen meines
erachtens nichts; sie sind durch die analoge Situation von selbst
gegeben, so wie unsereins tagtäglich zu einem gaste sagen
könnte: *Nun tun Sie ganz, als ob Sie hier zu hause wären'. —
Vollends unerwartet kommt Panzei-s nächste parallele W 68, 7
sein heim leucht als ein spigelglas zu L 208, 9 schilt unde heim
luter (hs. c, von Panzer M genannt: glais) als ein Spiegelglas,
Freilich klingt das ja wirklich ähnlich; aber wie merkwürdig
wäre doch hier die einwrkung von L2 auf W2 gewesen! Der
Verfasser des * Lorengel ' hätte nämlich für eine Schilderung, die
er gleich nach des beiden ankunft gibt, sich diesen ausdruck
262 ELSTER
aus einer stelle des 'Lohengrin' ergantet, die erst in einer ^iel
späteren Situation gebraucht wird und in dem gedichte um etwa
1000 — 1200 verse später folgt. Und dabei ist die Wendung lüter
als ein Spiegelglas widerum solch eine stehende redensart! Heisst
es doch gleich L33,l: Diu magt in grözen sorgen was, vor
missewende lüter als ein Spiegelglas. Da diese stalle aus Z ent-
nommen ist, so könnte man auch sagen: der dichter von Z habe
den vergleich lüter als ein Spiegelglas geliebt und folglich sei
die ähnlichkeit in W 68, 7 und L 208, 9 durch die gemeinsame
vorläge von Z zu erklären. Aber ich werde mich wol hüten,
das zu behaupten!
Eher kann ich der nächsten parallele zustimmen. W 113, 2:
si spraclwn all: 'gnedige fr au, seit freuden reich . . . uns kumet
gar ein liber gast . . . ich trau got diser helt helfuns aus schwere'.
Dazu L 69, 5: der caplän sprach: 'gehabt iuch wol, liep juncfrou
min ... er hilfet von den noeten iuch , , , tu kumt ein kentpfe
von siner gebe . . . Von * wörtlicher entsprechung' ist hier
freilich, wie jedermann sieht, nicht die rede; aber die Situation
ist hüben und drüben ähnlich, und hierdurch ist auch ein ähn-
licher, doch keineswegs übereinstimmender ausdruck veranlasst
worden. Aber nimmermehr kann ich mir denken, dass dem verf.
von W2 bei seiner darstellung in str. 113, 2ff. L2 vorgelegen
habe: warum denn hätte dieser stümper die worte und reime
der vorläge so ganz verändert? Das war doch sonst nicht seine
art! Wenn er an dieser stelle wirklich von L2 abhängig ge-
wesen wäre, so müsste seine abhängigkeit in andrer art zum
Vorschein gekommen sein. Es ist nicht notwendig, aus der ähnlich-
keit jener beiden stellen in L 2 und W 2 überhaupt auf eine be-
ziehung beider darstellungen zu schliessen, denn die Situation ist
durch ZI gegeben, und es war sehr wol möglich, dass beide
dichter ganz unabhängig von einander der in dieser bedrängten
läge sich befindenden herzogin trostworte spenden Hessen. Doch
die beziehung ist immerhin recht wol möglich; nur ist es durch
nichts gerechtfertigt, diese beziehung als eine abhängigkeit
des * Lorenger von L2 zu deuten; vielmehr läge es viel näher,
widerum die berührung beider gedichte durch die vermittelung
von Z zu erklären. Darüber später genaueres.
Es würde ermüdend sein, alle weiteren von Panzer an-
geführten parallelstellen im einzelnen zu besprechen. Sie scheinen
mir, kurz gesagt, zum teil überhaupt auf keine innere beziehung,
LORENGEL UND LOHENGRIN. 263
zum teil nur auf eine mittelbare hinzuweisen. So erscheinen
mir belanglos die entsprechungen zwischen W 61,7 und L 80,4,
W 118, 3 und L 82, 7; dagegen nicht belanglos W 119, 7 = L 79, 7,
sowie mehrere einzelheiten bei der tafel W 131, 3 = L 92, 4,
W 133, 1 = L 93, 6, W 136, 4 = L 98, 1, W 137, 3 = L 97, 7, ob-
wol sie sich samt und sonders nur auf die allergewölmlichsten
dinge beziehen. Desgleichen ist nicht zu verkennen, dass in den
bei Panzer s. 14 unten (bis s. 1 5 oben) angeführten stellen beider
gedichte trotz grosser abweichungen auch ähnlichkeiten hervor-
treten, die wol kaum der zufall geschaffen haben kann. Aber
alle die ähnlichkeiten in diesen kleinen scenen nach Lohengrins
ankunft sind doch sonderbarer art: wörtliche Übereinstimmungen
fehlen so gut vde ganz, und an den wenigen stellen, wo der
Wortlaut sich nähert, da besteht er in abgegriffenen Wendungen.
Am meisten übereinstimmend sind noch die worte:
W 136,4 da pflag man hübscher kurz weil vil
mit süssem singen nnd mit mangem seitenspil
und L 98, 1 Man pflac da knrzewlle vil.
Singen, harpfen und mit maneger hande spil,
indessen dieser reim von nil : spil ist ja so gewöhnlich, dass er
sich bei darstellung der vorliegenden Situation ganz von selbst
einfinden musste, und die Situation, — das ergibt die häufung
der beziehungen — ist in beiden fällen nicht unabhängig von
einander zu denken. Aber wie merkwürdig verfährt doch (nach
Panzers deutung) dieser Lorengel -bearbeiter: wenn er z. b. die
tatsache, da^ es essenszeit sei, aus dem ^Lohengi*in* abschreibt,
so ändert er ausdruck und reim:
L 92, 4—5 nü was onch ezzens worden zeit.
diu tischelachen wurden alle üf geleit.
W 131,3—4 dar nach hiesz man die tisch gar schon bereiten,
sie worden wol bedeckt all gleich.
Und ebenso W 133, 1 = L 93, 6, W 137, 3 = L 97, 7. Ich denke,
wenn unser Lorengel -bearbeiter ein so kläglicher stümper war,
dass er solche dinge, wie die hier in frage stehenden, aus einer
vorläge, der er in der hauptsache zweifelsohne nicht folgt, ent-
lehnen musste, so hätte er doch sicherlich auch die fassung mit
übernommen.
Hiernach kann in allen bisher besprochenen fällen die be-
ziehung von W2 zu L2 nicht durch eine entlehnung aus L2
erklärt werden.
264 ELSTER
In der dai^stellung dessen, was auf Lohengrins empfang
folgt, gehen die beiden gedichte weit auseinander, sie nähern
sich aber wider in der Schilderung des Zweikampfes und in den
scenen, die diesem unmittelbar vorausgehen und unmittelbar
folgen. Es ist unerlässlich , diese partieen beider werke in eine
innere beziehung zu bringen. Es fehlt in ihnen auch nicht an
ähnlichkeiten im einzelnen (W169,2 = L 202,2, W177,3 =
L 210,1, W 179,4 = L 209, 3), die sich jedoch nicht auf die
fassung und den reim erstrecken, und daher ebenso wenig wie
die früher erwähnten als unmittelbare entlehnung aus L2 ge-
deutet werden können.
Nur zwei stellen entsprechen sich genauer als andere, die wir
in betracht gezogen haben, und sie scheinen auf den ersten blick
besser zu Panzers als zu meiner erklärung zu stimmen. Die
erste dieser stellen finden wir L 224, 4, wo es mit bezug auf
Telramund heisst:
het er daz einec dinc bewart
gein der edelen kiuschen klären megde zart,
80 waer ze klagen wol siner jngende vrtiete.
Dem entspricht W 145,8:
het er die ein sach nit getan
kein laster ich von im snst me vernnmen han.
Das klingt doch sehr ähnlich! Aber zunächst beachte man, dass
der reim widerum abweichend ist, und sodann, dass beide
Wendungen in ganz verscliiedenen scenen vorkommen: in L
nämlich nach dem Zweikampfe, als Telramund seine * Sicherheit'
gegeben hat, in W dagegen längere zeit vor dem kämpfe, dort,
wo erzählt wird, dass Telramund als ein mann von höfisch vor-
nehmer Sitte seinem gegner geschenke sendet. Wir ständen also
widerum vor der höchst merkwürdigen erscheinung, dass der
Verfasser von W einen solchen bettel wie diese zwei vei-se aus
einer stelle seiner angeblichen vorläge L 2 entnommen hätte, die
von dem, was er augenblicklich darstellte, sehr weit entfernt
lag. Vollends wertlos wird aber die parallele, wenn wir
schliesslich erkennen, dass dieselbe Wendung bereits in ZI vor-
gekommen, und also sowol in L2 wie in W2 nur widerholt ist;
wir lesen in L 39,4 über Telramund:
het er des einen niht get&n,
so mOhte er in höher vUrsten wirde stUn . . .
LORENGEL UND LOHENGRIN. 265
und weiter L 39, 8 :
in prlsten yronwen nnde man.
wandeis man im h&res breit niht vinden kan,
het er die einen missetÄt verlazen.
So ist also diese parallele vollends belanglos.
Wichtiger scheint die zweit« zu sein, L 158, 7 = W 153, 8.
L : iedoch so sprach er [Telramnnd] offenlich : ' ich wil in gerne schouwen
nnder slnen ongen an,
wer er si der mich mit kämpfe weUe best&n:
ich slah in, nmbe des wil ich got getronwen.
W: ... Kein helt mir nie gesiget an.
ich wil in gern anschanen, der mich tür bestan
mit kämpf hie für die herzogin so reiche.'
In W ist diese Strophe, die keinesfalls nui* dem bearbeiter an-
gehören kann, offenbar an falscher stelle erhalten, wie denn
überhaupt vieles dafür spricht, dass die vorläge von W in Un-
ordnung geraten war. Die Strophe ist nämlich in einer scene
angebracht, die ein Zwiegespräch der beiden gegner schildert,
und wenn Lohengrin vor ihm steht, kann sich doch Telramund
unmöglich so, wie es hier geschehen ist, äussern. Dieser Wider-
sinn muss sicher dem bearbeiter zur last gelegt werden. Die
ursprüngliche Stellung der Strophe können wir uns schwerlich
anders denken als in L; und so würde sie sich an W 142 recht
gut anreihen. Dies eine dürfte jedesfalls höchst wahi-scheinlich
sein: in Z wird der eindruck, den Lohengrins ankunft auf
Telramund machte, nicht verschwiegen worden sein, und sicher-
lich wird der graf, der gefürchtete drachentöter (L 40), auf die
meidung ruhmredig erwidert haben: ich fürchte mich nicht.
Dass dieser moment der handlung in Z ganz übergangen worden
sei, dünkt mich unglaublich. Die darstellung dieses momentes
liegt nun in L 158 — 160, 4, W 153 vor: beide stellen inhaltlich
nahe ven^^ant, aber in der fassung abweichend bis auf die an-
geführten Worte. Nun muss es dem kenner des * Lohengrin'
sofort auffallen, dass diese stellen recht sehr an die aus Z ent-
lehnten Strophen L 52 — 58 erinnern, wo Artus und seine ritter
ruhmredig ihre kraft und ihre taten preisen. Es wäre also der
inhalt jener Strophen Telramunds dem Verfasser von Z ganz
gemäss, man kann ilim die deutlichsten parallelen zm- seite
stellen; der inhalt wird in der einen, auch von Panzer nicht
angezweifelten vorläge in Z nicht gefehlt haben. Der angebliche
266 ELSTER
einfluss von L2 auf W2 würde sich also auf jene eben aus-
gehobene stelle W 153,8 = L 158,7 beschränken. Und nun
frage ich: ist eine solch unbedeutende Übereinstimmung im
mindesten auffällig, wenn der Verfasser von L2, was ich für
ganz zweifellos halte, die fortsetzung von Z, Z2, hat vortragen
hören? Nein, sie ist höchst natürlich. Die hauptsache, der
gang der handlung war dem bayrischen dichter (von L2) aus
dem stropliischen gedieht, auf das er sich ausdrücklich beruft
(Z), in erinnerung geblieben, und liier und da auch wol ein
dunkler nachklang des ausdrucks; so hier. Auf diese weise er-
klärt sich auch die in fi-age stehende parallele zwischen W 2 und
L2 auf das natürlicliste. Es erscheint mir unzulässig, durch sie eine
unmittelbare abhängigkeit des ' Lorengel ' von L 2 zu begründen.
Damit sind alle von Panzer für seine hypothese ausdrück-
lich hervorgehobenen stellen besprochen und, wie ich denke,
zurückgewiesen.
Aber er macht, s. 19, noch auf eine allgemeine Überein-
stimmung zwischen L2 und W2 aufmerksam, die schwerer ins
gewicht zu fallen scheint, als alle die kleinen parallelen, denen
er eine so gi'osse bedeutung beimisst. Er schreibt: *Nur so er-
klärt sich auch der ständige Widerspruch, dem wir im Lorengel
in der auffassung der Verhältnisse, unter denen Elsam lebt, be-
gegnen. Einmal erscheint sie, ganz entsprechend dem alten
gedichte [Z], in tiefster bedrängnis, wie sie sich in dem fussfalle
vor Lohengrin (117, 10), der öfteren betonung, dass ihr nur zwei
dienstmannen treu geblieben sind, auch diese schon das land
verlassen wollten (72,3), dass Friedrich ihr land und leute ge-
nommen habe (127, 7),- äussert, und dann wider sehen wir sie
als den mittelpunkt einer prunkvollen hofhaltung, umgeben von
treuen vasallen, bedacht auf die ängstliche pflege höfischen
ceremoniells und gesellschaftliclier fi'euden ganz wie in L2.'
Ehe wir diesen einwürfen näher treten, möchte ich darauf
hinweisen, dass wir andere, nicht minder grosse Widersprüche
in W2 antreffen, denen in L2 nichts entsprechendes zur seite
steht. So namentlich in der Schilderung Telramunds. Einerseits
erscheint er als ein ungefüger held, so wie in ZI, wo er als
drachentöter gefeiert ist, anderseits als ein sanfter hofmann von
feinen sitten. So heisst es W 139,4 — 5:
in eines grimmen leben mut
kam er hin an des keisers hof der degen gut
LORENGEL UND LOHENGRIN. 267
aber dieser selbe grimme lebe sagt zu Lorengel W 150,5 — 7:
* traut herre mein,
habt guten mut, dasz sein got selber walde
und laszt euch sein <lie weil nit lank : uns kumt vil fremder ge«te . . /
Statt von dem ernsten Zweikampfe wird widerholt nm- von einem
gewöhnlichen ritterlichen speerbrechen, von einer tjost, ge-
sprochen (164, 7 u. ö.), in der sich die beiden ritter begegnen
sollen, und zwar ist der grund des kämpf es plötzlich gar nicht
mehr die bedrängnis der herzogin, sondern die boten Friedrichs
sagen zu Lorengel (167,8—9):
durch aUer frauen er
woU er mit euch zuprechen, edler herr, ein sper . . .
Zu alledem finden sich in L2 keine parallelen, und man sieht
daraus: wenn in W2 widerspruchsvolle konfusion vorliegt, so
braucht sie durchaus nicht durch die abweichungen zweier ver-
schiedener quellen begründet zu werden.
Nun ist es richtig: in L 2 ist die läge der herzogin ganz
anders geschildert als in LI. In L2 stehen ihr die grafen und
landesherren hilfreich zur seite, während ihr in LI nur zwei
dienstmannen treu geblieben, alle anderen aber zu Telramund
übergetreten sind. Diesen Widerspruch habe ich für die
Scheidung von L 1 und L 2 mit verwertet (meine Beitr. s. 7 ff.).
Nun sagt Panzer: derselbe Widerspruch liegt auch in W2 vor,
und eine solche zugleich in W2 und L2 zu tage tretende ab-
weichung von Z ist nur dadui-ch zu erklären, dass L2 auf W2
eingewirkt hat.
Die Sachlage ist jedoch in W2 und L2 ganz verschieden.
Im * Lorengel ' rüstet man sich, in Übereinstimmung mit der dar-
stellung von Z, sogleich zum kämpfe, im *• Lohengrin ' hat Elsam
vor Lohengiins ankunft in Antwerpen eine fürstenversammlung
einberufen, auf der sie ihre angelegenheit beraten will. Im
gegensatz zu LI stehen ihi^ jetzt der Lothringer, der bischof
von Lüttich, der abt Gundemar u.a., bald auch die städte des
landes hilfreich bei. Es folgen umständliche beratungen u. s. w.,
auf deren Schilderung der dichter etliche hundert verse ver-
schwendet, und endlich erfolgt der Zweikampf in Mainz. Von
alledem zeigt sich in W2 keine spur. Vielmehr tritt uns die
herzogin zunächst in entschiedenem Widerspruch zu L2, aber in
bester Übereinstimmung mit Z, demütig und in bedrängnis
entgegen.
268 ELSTER
W117, 9 — 10: die herzogin trat fftr den fUrsten auserwelt,
si vil für in auf ire knie besunder.
W 120,7—10: die herzogin sprach: * edler her, merkt eben was ich meine.
ich han zwen treue dinestman,
die heissen Waldemar und sein euch undertan.
zu aller zeit si sein ganz frum und reine.
Und liierauf folgen widerspruchsvoll die worte:
W 121, 1—3: Dar zu grafen und freien gut,
die ich noch han, die halten euch, her, wol in hut,
sie dienen euch und mir zu allen zeiten'.
Diesen widerepruch aber durch eine einwirkung von L 2 zu er-
klären, scheint mir unzulässig: warum denn hätte der bearbeiter,
wenn ihm der prunk in L 2 so sehr gefiel, nur einen solch
schwachen nachhall davon vernehmen lassen? Alle hauptpunkte
der Schilderung von L2 hätte er unberücksichtigt gelassen, und
die eine tatsache, dass der Elsam noch grafen und fi-eie treu
geblieben seien, übernommen! Das ist sehr unwahrscheinlich.
Viel näher liegt es doch, den Widerspruch zwischen W 120, 7 — 10
und 121,1 — 3, ebenso wie die erwähnten Widersprüche in der
Schilderung Telramunds und des Zweikampfes, allein durch den
Stumpfsinn des bearbeiters zu erklären.
Wenn nun nach Lohengrins ankunft die demütige
haltung der herzogin schwindet, wenn sie sich in festgewänder
kleidet, und den retter gastlich bewirtet, wenn, den wundermann
zu schauen, jetzt zahlreiche herren heraneilen, so sind das alles
Züge, die recht wol dem alten gedichte Z angehört haben können.
In den worten W 123, 1—3
Die edel fürstin aus Prafant
die legt an sich geschmeid und kosperlich gewant
als ie ir fater pflag zu hohen festen.
und in ähnlichen kann recht wol altes gut vergi-aben liegen.
Und diese annähme, dass auch in Z durch Loheugrins an-
kunft für Elsam * nach dem winter ihres misbehagens glorreicher
sommer' gefolgt sei, diese annähme erklärt uns auch leicht den
Widerspruch, der sich in L2 und LI in bezug auf die läge der
herzogin offenbart. Wenn vnv zugeben, dass Z2 dem Verfasser
von L2 bekannt geworden ist, — und ich halte dies Zugeständ-
nis für unerlässlich — so wäre seine darstellung von dem ansehen
und der macht der heldin befremdlich bei der Voraussetzung, dass
in Z 2 das gerade gegenteil davon gestanden hätte. Glauben
LORENGEL UND I^HENGRIN. 269
wir dagegen, dass auch in Z 2 ein Umschwung erfolgt sei, sobald
sich der retter nahte, so hätte der Bayer (L 2) nui- die intentionen
von Z in etwas übertreibender darstellung ausgeführt. Da der
Verfasser von L2 zwar ein schwacher dichter, aber ein er-
fahrener, kenntnisreicher mann, durchaus kein dummkopf war,
so dürfen wir schwerlich annehmen, dass er eine LI wider-
sprechende Schilderung von Elsams läge gegeben hätte, wenn
nicht bereits in Z ein keim hierzu vorhanden gewesen wäre.
Ueberdies ist es aber doch a priori zu vermuten, dass der dichter
von Z einen starken eindruck von Lohengrins ankunft ge-
schildert habe, dass eine feierliche begrüssung erfolgt sei, dass
alle herren, die sich zu dem gottesgericht eingefunden hatten,
herbeigeeilt seien, den seltsamen ritter zu begrüssen, u. dgl. m.
Kurz, die entwickelung einer gewissen pracht in dieser partie
von W2 ist durchaus kein beweis für eine beeinflussung dui-ch
L2, sie ist vielmehr wie alles andere allein durch die eine vor-
läge zu erklären, die auch Panzer zugibt, durch Z.
So gilt mir die von vornherein unwahrscheinliche hypo-
these, dass sich in W2 nicht nur Z2, sondern zugleich L2
spiegele, auch durch die erörterung aller einzelheiten für wider-
legt,, und ich erblicke im ^Lorengel' nichts anderes als eine
entstellende bearbeitung des alten thüringischen gedichtes Z.
Damit ist aber Panzers behauptung, dass der Verfasser von L2
den zweiten teil von Z gar nicht gekannt habe, gleichzeitig als
irrig erwiesen: denn eine beziehung von L2 und W2 ist un-
leugbar, und wenn sie nicht als abhängigkeit gedeutet werden
kann, so bleibt keine andere als meine frühere erklärung übrig:
dass der Lohengrindichter den inhalt von Z2 gekannt habe.
Ich darf nach dem gesagten die beweisführung, die Panzer
s. 42 f. gegen mich vorbringt, übergehen, bis auf einen punkt.
Ich glaube nämlich nach wie vor, dass der verf. von L2 an
einer stelle ein ausdrückliches Zugeständnis gibt, ein fremdes
strophisches gedieht benutzt zu haben, nämlich in L70, 5 — 6,
wo er schreibt:
z'Antwerf was diu spräche, als ich h&n vemomen
und uus diu äventiur seit in den lieden.
* Dagegen ist nur einzuwenden', schreibt Panzer (s. 43) unter
anlelmung an Rückert (Ausg. des Lohengiin, s. 243), *dass sich
der dichter, wie schon eingangs bemerkt, duixhgehends nui* dort
auf die äventiure beruft, wo er seine eigene erflndung so i-echt-
270 ELSTER
fertigen zu müssen glaubt, niemals z. b. da, wo er aus Wolfram
oder dem jüngeren Titurel schöpft.' Auf das wort äventiure
(vgl. meine Beitr. s. 21) kommt es mir selbstverständlich in
obigen versen gar nicht an, sondern nur auf das folgende;
Panzer wird keinesfalls behaupten wollen: das wort äventiure
müsse auf des dichters eigne erflndung bezogen werden; wenn
dieser bei den anlehnungen an Wolfram und den jüngeren Titurel
schweigt, so folgt daraus durchaus nicht, dass er bei erwähnung
einer anderen quelle, den Heden, nicht doch das wort äventiure
gebraucht haben könne. Die hauptsache und das, worum es mir
allein bei meinem hinweis auf die stelle (meine Beitr. s. 88) zu tun
war, liegt in dem ausdruck in den Heden, Aber me findet sich
Panzer hiermit ab! Er schreibt: * Weiter, dass der zusatz in
den lieden im reime steht, also leicht nur diesem imd dem in
einem strophischen gedichte erhöhten zwange der versfüllung
sein dasein verdankt.' Ich halte diese äusserung Panzers für
die bedenklichste von allen, die er in bezug auf unsere frage
kundgibt. Der dichter sagt klipp und klar: ^ich weiss das aus
dem in Strophen verfassten gedichte', und solche worte sollen
aus der weit geschafft werden, sollen nichts bedeuten, weil sie
im reime stehen! Wie viel kopfzerbrechens hatte sich Lachmann
wegen dieser stelle gemacht ! Man vergleiche die von mir s. 2 1
angeführten worte von ihm! Bald glaubte er, die stelle bezöge
sich auf 'den älteren Loherangi-in ', bald auf eine französische
Urschrift in singbaren Strophen. Aber sie über bord zu werfen,
als null und nichtig zu bezeichnen, das fiel ihm niemals ein,
und das sollte auch uns nicht einfallen. Und da ich Panzers
Worten (s. 42 anm.): * Bekanntschaft mit einer andern, etwa
französischen schwanrittererzählung ist für diesen mann so un-
wahrscheinlich, dass sie hier gar nicht diskutiert wird' — da
ich diesen Worten durchaus zustimme, so bleibt nur ein deutsches
strophisches gedieht übrig. Selbstverständlich kann dies aber
kein anderes sein als Z. Durch dieses eine Zeugnis des dichters
von L2 fällt aber schon der ganze bau von Panzers beweis-
führung in sich zusammen. Denn durch dieses eine zeugnis ist
authentisch er\siesen, dass der Lohengrin-dichter Z2 gekannt
hat, und hat er Z2 gekannt, so ist auch nach den obigen dar-
legungen nicht der geringste anlass mehr vorhanden, die be-
ziehungen von L2 und W2 anders als durch die vermittelung
von Z zu erklären.
LORENGEL UND LOHENGRIN. 271
Doch Panzer bringt noch einen dritten einwand gegen
meine deutung der stelle vor. Er schreibt: * drittens endlich,
dass das alte gedieht gerade für die stelle, für die es hier an-
genifen wird, unmöglich die quelle gewesen sein kann. Der
Lohengrin erzählt, wie die ministerialen von Limburg und
Brabant zur sprmhe zusammenströmen: das war aber für das
alte gedieht schon dadurch vollkommen ausgeschlossen, dass dort
der aufs äusserste bedrängten herzogin nur zwei dienstmannen
treu geblieben sind, ganz abgesehen davon, dass die Vorführung
einer solchen scene dem geiste des ersten dichters direkt zuwider
liefe.' Gewiss, die spräche, von der L2 erzählt, kann nicht in
Z geschildert worden sein; aber es kommt nur darauf an, dass
in Z 2 überhaupt von einer Versammlung in Antwerpen die rede
gewesen ist, auf der eine gerichtliche entscheidung geti-offen
werden sollte; spräcJie ist ja nicht nur beratung, sondern gerichts-
versammlung. Und diese gerichtsversammlung findet ja eben
nach der darstellung von W (und Z) in Antwerpen statt. Wie
es in L 35,9 — 10 hiess:
da von tet man der vil edelen megde bekant,
ir müeste ein kempfe vor gerihte dingen^
SO geschieht es nun; der kaiser zieht herbei nach Antwerpen
und hier wird die sache durch das gottesgericht ausgetragen,
auf grund dessen dann der kaiser recht spricht. Das ist die
spräche, von der in den Heden die rede gewesen sein mag. Der
dichter von L hat dann freilich unter selbständiger abweichung
von seiner vorläge aus dieser spräche eine blosse beratimg ge-
macht, wo diu vürstinne rätes pfluc, wie sie woU gebären ufden
selben tac, nämlich den gerichtstag, den er im gegensatz zu Z
um Wochen hinaus verlegt und in Mainz stattfinden lässt (vgl.
über den grund dieser änderung Panzers treffende darlegung
s. 16, oben). — Indessen auch dann, wenn in Z nicht ausdrück-
lich von einer spräche die rede gewesen wäre, sondern nur von
dem Zweikampf, so würde doch die lokalität Antwerpen die be-
ziehung des * Lohengrin' zu Z erweisen: denn aus Wolfram hat
der Verfasser diese lokalität nicht entnommen, da er sich auf
ein strophisches gedieht beruft. Nach ausweis von W fand aber
in Z der kämpf zu Antwerpen statt (Konrad von Würzbuig hat
Niumägen), Können wir bei solcher Sachlage die Ortsangabe in
L unabhängig von Z denken? Gewiss nicht. So sehen wir, dass
das, worauf sich L2 beruft, zwar nicht im einzelnen, aber in
272 ELSTER
dem wichtigsten hauptpunkt tatsächlich so, wie der dichter es
angibt, in dem strophischen gedichte gestanden hat. Und damit
ist auch Panzers letztes bedenken gegen diese für die kritik
wichtigste stelle des ^Lohengrin' als nicht stichhaltig erwiesen.
So ist also das ergebnis unserer betrachtung, dass W 2 un-
abhängig von L2 zu denken ist. Die gründe sind; 1. Es ist
von vornherein unwahrscheinlich, dass der Verfasser von W zwei
Lohengrin-gedichte benutzt habe; bei der bearbeitung von Wl
ist er nachweislich nicht LI, sondern nur ZI (in der fassung
X) gefolgt. 2. Es fehlen alle formalen anzeichen, die für die
benutzung von L2 sprächen. 3. Die inhaltlichen beziehungen
von L2 und W2 erklären sich ausschliesslich durch die beiden
dichtem gemeinsame kenntnis von Z. 4. Diese kenntnis von Z
bezeugt der Verfasser von L2 mit ausdrücklichen Worten. Ich
halte also meine frühere deutung des Verhältnisses von L2 und
W2 aufrecht und fühle mich durch die erneute Untersuchung
des tatbestandes nur in meiner früheren ansieht bestärkt.
Jedoch in einer hinsieht bedarf diese frühere Untersuchung
einer korrektur: der inlialt von Z2, der vorläge von W2, dem
Vorbild von L2, kann nicht ganz so knapp gewesen sein, wie
ich in meinen Beiträgen s. 96 — 108 dargelegt habe. Aus furcht,
dem alten dichter etwas zuzuweisen, was ihm nicht angehörte,
verfiel ich in den fehler, seinen anteil an W2 zu unterschätzen.
Ich entsinne mich deutlich, dass ich damals das gefühl hatte, in
der Schilderung des Zweikampfes (in L2) müsse ein nachklang
des alten gedichtes Z enthalten sein, aber ich wagte es nicht,
bloss dunkel geahntes überhaupt zu äussern. Diu*ch Panzers
darlegung der beziehungen von L2 und W2 ist uns — wider
seinen willen — der Inhalt von Z2 etwas deutlicher geworden;
mv dürfen einige partien von W2 als einen Widerhall von Z2
bezeichnen, die ich früher preisgegeben hatte.
Es ist unmöglicli, diesen älteren kern aus W in allen teilen
sicher herauszuschälen. Aber teilweise kann ihn die philologische
kritik mit Sicherheit biossiegen. Ich unterdrücke die regung,
einen neuen versuch in dieser richtung zu machen, da ich über
manche einzelheiten zweifei hege, die im laufe der zeit vielleicht
doch noch gehoben werden können. Insbesondere glaube ich,
dass die reihenfolge der Strophen in Z oder X nicht nur an der
einen stelle, von der wir gesprochen haben (Ursula -legende),
sondern noch an mehreren andern in Unordnung geraten war,
LORENGEL UND LOHENGRIN. 273
und dass sich hierdurch die grössere Verwirrung und reichere
zudichtung in W2 erklärt. Hierzu passt aufs beste, um das zu
widerholen, die tatsache, dass der Schreiber von K vor Z 2 (X 2)
abbrach, obwol ihm 350 Strophen vorlagen. *) Vielleicht wird
es nützlich sein, die frage, ob die reihenfolge der Strophen in
W verwiiTt sei, mit besonderer aufmerksamkeit zu verfolgen.
Wichtig und erfreulich ist der umstand, dass meine an-
nähme, der Verfasser von W habe das hypothetische Z 2 benutzt,
durch Panzers Untersuchungen bestätigt worden ist. Denn das
war einer der schwierigsten und heikelsten punkte; ich wagte
zu sagen: in diesem schutt von W2 steckt eine fortsetzung von
Z, von der uns sonst nicht eine zeile erhalten ist. Zarncke und
Steinmeyer äusserten bedenken gegen solche külmheit, und gewiss
dachten andere wie sie. Nun hat Panzer dieses Z2, obwol es
ihm wie ein klotz im wege lag, unbedingt zugegeben. Seine
darlegung, sowie erneutes Studium von W2 erheben mir das
postulat von Z2 zur subjektiven gewissheit. Es würde nicht
schwer sein, die thüringischen reime, die Z 2 wie Z 1 aufgewiesen
haben muss, an mehreren stellen von W2 herauszugraben; ja,
sie liegen beinahe zu tage. Und noch eine kleinigkeit mag er-
wähnt werden: Der verf. von ZI beruft sich widerholt als quelle
auf die schriß (Brandan),^)
*) In der anmerkung auf 8.20 schreibt Panzer hierzu: 'Auch dieser
umfang erklärt sich leicht, wenn man filr das folgende die anszügliche be-
nntzung des " Lohengrin " annimmt, während er für die erzählung der reinen
schwanrittersage als viel zu gross erscheint'. Panzer übersieht hierbei die
wichtige tatsache, dass K mit VT unmittelbar nichts zu tun hat (vgl. oben
s. 254 f.), und dass sich die angäbe von K, das gedieht betrage 350 Strophen,
auf dessen vorläge X bezieht. Folglich müsste die auszügliche benutzung
von L2 schon in X, nicht erst in W2 eingetreten sein, und das wäre eine
geradezu ungeheuerliche hypothese: wir hätten nämlich 1. einen einfluss von
L 2 auf X 2 , während X 1 nachweislich ganz unabhängig von L ist ; 2. aber
eine bearbeitung dieses (durch L2 erweiterten) X2 durch W2. Denn dass
der verf. von W seine vorläge X überarbeitet hat, beweist der vergleich von
W 1 mit K (meine Beitr. s. 63 — 80). V^^er könnte aber bei solchen hypothesen
noch atem schöpfen ? — Uebrigens nehme ich an den 350 Strophen von Z gar
keinen anstoss: dürfte doch die darsteUung bis zur Vermählung Lohengrins
mit Elsam nicht erheblich weniger als die hälfte dieses umfangs betragen
haben. In W sind es 207 Strophen: wären hiervon auch über 50 vom be-
arbeiter hinzugedichtet, so sind doch vermutlich anderseits auch echte Strophen
verloren gegangen (so fehlt das verbot der frage nach Lohengrins herkunft).
*) Vgl. Emil Oldenburg, Zum Wartburgkriege, Rostocker diss. 1892,
8« 56 f.
F«ftg»be Ar SiaTen. 13
274 ELSTER
L 30^ 5 uns seit diu schrift, er waer geheizen Albi&n
L 41; 3 dar zuo gap uns ein wort diu schrift ze stiure
in dem mehr als 7000 verse umfassenden zweiten teile des
Lohengrin findet sich diese berufung auf eine wahrscheinlich
nur erdichtete quelle nicht ein einziges mal; nur ähnlich lautet
L 198, 10 swer sin niht weiz, der suoche ez an den Schriften.
womit auf den Schwabenspiegel verwiesen wird; sonst spricht
der Bayer nur von der koronic und ganz überwiegend von der
äveniiure. Nun finden sich in W2 an einer stelle, die nach
Panzers darlegungen für Z in anspruch zu nehmen ist, obwol
er selbst sie aus L2 ableitet, die worte:
W 205, 1 — 2 Das weret wol vir wochen gar
der selbig hof, als uns befint die schrift fiirwar
Auch diese auffällige Übereinstimmung zwischen W2 und Z
wird man beachten müssen.
So ist das Verhältnis des ^LorengeP zu Z sehr einfach: W
ist eine blosse bearbeitung von Z; L war dem Verfasser nicht
bekannt. Es kann keine natürlichere und bequemere deutung
geben. Aber recht sonderbar bleibt doch immer noch das Ver-
hältnis des * Lohengrin' zu Z; zumal der einschnitt mitten in
einer Strophe, ja mitten im satz nach L 67, 2, den ich anzunehmen
wagte, ist zunächst selu- befremdlich. Aber ich muss ihn unter
der alten begi'ündung (meine Beitr. s. 40f., s. 89 t) durchaus
aufrecht erhalten. Ausschlaggebend ist dabei, dass L nur bis
Str. 67, 2 mit W übereinstimmt, doch kommen formale gründe
hinzu, die ich nicht widerhole. — Wenn nun ein ergebnis trotz
des Zwanges der Schlussfolgerungen sich so wenig durch *eleganz'
empfiehlt wie dieses, so muss man wol fragen, ob sich dieser
mangel nicht doch ganz einfach erklären lasse. Da liegt es nun
sehr nahe, das auffallende jener trennung nach 67,2 mit einer
anderen nicht minder auffälligen tatsache in beziehung zu setzen,
die ich fiüher zu diesem zwecke zu verwerten versäumt habe,
nämlich mit der tatsache, dass am anfang von L 1 ca. 30 Strophen
aus dem Wartburgkrieg aufgenommen sind, die mit der Lohengrin-
geschichte gar nichts zu tun haben. Diese verquickung beider
werke hat bisher noch jeden leser vor den köpf gestossen; sie
gilt als ein unlösbares rätsei. Jene 30 Strophen des Wartburg-
kriegs sind zweifellos von dem älteren Lohengrin-dichter ver-
LORENGEL UND LOHENGRIN. 275
fasst, sie gehören dem Verfasser von Z; die ganze erste partie
L 1 — 67, 2 ist eine einheitliche masse, trägt das gepräge ein und
desselben geistes, ein und derselben dialektischen färbung. Als
Schöpfung eines dichters, v^drd sie in ein und demselben lieder-
büchlein niedergeschrieben gewesen sein.
Dieses liederbüchlein des Verfassers von Z, zweifellos eines
fahrenden aus Thüringen, hat der Verfasser von L2, ein
ministeriale des herzogs von Bayern, aiif irgend eine weise —
durch Schenkung, durch zufall, wer weiss es? — zu eigen erlangt;
an dieses büchlein knüpfte er seine fortsetzung des Lohengrin
an. Hätte er den inlialt des heftes erweitert und umgeschrieben,
hätte er irgend welche änderungen vorgenommen, ausser etwa
solchen, die sich bequem in dem manuskript selbst anbringen
Hessen, so wäre es schlechterdings unbegreiflich, dass er die
Strophen des Wartburgkriegs, die ausser allem Zusammenhang
mit seiner erzählung stehen, wider abgeschrieben hätte. Es
muss daher das heft LI von dem Bayer einfach als anfang
seiner erzählung übemonmien worden sein. Man wird das nicht
auffällig finden, wenn man bedenkt, dass das heft LI etwa 20
Seiten gefüllt haben dürfte, und dass man mit dem teuren
Pergament nicht verschwenderisch umging.
So erklärt sich das rätsei dieser verquickung des Wart-
burgkiiegs mit dem Lohengrin sehr einfach; die lösung ist viel-
leicht wider mechanisch, aber doch auch recht natürlich. Mit
ihr hängt nun die erklärung des einschnittes nach L 67, 2 aufs
engste zusammen. War der anfang der handschrift unpassend,
wie viel weniger dürfen wir uns wundem, wenn das ende keinen
abschluss aufweist, sondern vielmehr mitten in einer Strophe
eintritt? Das heft LI ist nichts anderes als ein bruchstück
aus dem repeitoire des fahrenden dichters aus Thüringen, des
Verfassers von Z. Bei dieser lösung ist alles befremdliche und
störende der Scheidung nach L 67, 2 mit einem schlage ver-
schwunden. Man kann keine saubere, den inhalt berück-
sichtigende trennung von LI und L2 erwarten, wenn die Ur-
sache dieser trennung in letzter linie auf dem zufall beruht,
dass das heft LI bei 67,2 abbrach.
Die alte fortsetzung von ZI (LI) lernte der Bayer nur
durch mündlichen Vortrag kennen, und er verweist auf sie in
Vgl. meine Beitr. s. 89 f. ; Panzer s. 54 f.
18*
276 ELSTER, LORENGEL UND LOHENGRIN.
den Worten L 70,4 — 5: als ich hän vernomen und uns diu anen-
tiur seit in den Heden.
Erhalten ist diese fortsetzung in der gi'oben Überarbeitung
von W2.
Fraglich bleibt es immerhin, ob Z wirklich bis zu ende
geführt worden ist. Dafür spricht nur die bemerkung von K,
dass das Lorengel-gedicht insgesamt 350 Strophen umfasse. Diese
angäbe wäre an sich nicht unglaubwürdig (vgl. s. 273 anm.). Aber
auffallend bleibt es doch, dass W2 mit der Vermählung des
beiden schliesst, und dass in L2 die nachweisbar selbständigen
zutaten des bayerischen dichters an derselben stelle ei'st recht
beginnen (vgl. Panzer s. 19 f.). So ist es auch möglich, dass der
dichter von Z nicht bis zum ende gelangt war. Doch in dieser
hinsieht wird es für alle zeit bei einem non liquet bleiben.
DIE ÄLTESTEN DEUTSCHEN PILGERLIEDER.
Von W. Mettin
(Waldenburg in Schlesien).
Die altkirchliche sitte des wallfahrens oder pilgerns wurde
von den wanderlustigen Deutschen gern als ein bestandteil der
religionsübung herübergenommen und eifrig ausgeübt, indem man
etwa bis zum 9. jh. den sitz der apostelfürsten Petrus und Paulus,
das grab des heiligen Martin von Tours oder das des Jacobus
in Spanien, seit dem 10. besonders Palaestina zum ziele der
Pilgerfahrt nahm. Durch das herannahen des jahres 1000 erhielt
das pilgern einen besondem aufschwung, obgleich es schon längst
auch von der kirche selbst wegen seines entsittlichenden ein-
flusses bekämpft worden war. Viele wünschten den damals ge-
fürchteten Weltuntergang an heiliger statte zu erwarten, aber
auch später fanden sich neue wallende scharen, bis endlich durch
die reformation ein sichtbarer rückgang eintrat.
Offenbar bewegten die pilgerfahrt-en gewaltig das herz der
Deutschen, da mann und weib die gewohnten Verhältnisse preis-
gaben einer idee zu liebe, für die sie nicht einmal bei den geist-
lichen allgemeine begeisterung fanden: sollte eine so tief greifende
innere erregung nicht auch litterarisch produktiv gewirkt und
lieder hervorgerufen haben, die wie alle volkspoesie der nieder-
schlag des empfundenen waren? In der tat hat es schon früh-
zeitig solche gesänge gegeben, wenn man sie auch im mittel-
alter nicht als eine besondere klasse der lyrik betrachtet hat,
wie dies aus dem fehlen des namens in der aufzählung Reinmars
des videlaeres hervorgeht (Bartsch, Deutsche liederdichter » s. 129).
278 METTIN
Der grund für diese übergehung scheint der zu sein, dass man
das pilgerlied mit dem bei Reinmar erwähnten kreuzlied iden-
tifizierte. Beide arten der religiösen lyrik sind zwar miteinander
verwant, aber nicht identisch, da das kreuzlied nur eine be-
sondere species des pilgerliedes darstellt. Hier wie dort finden
sich die gemeinsamen grundgedanken, die zuerst Wolfram für
die kreuzlieder nachgelesen hat (Zs. fda. 30, 89 ff.): die Sehn-
sucht nach den heiligen statten, die anrufung gottes und der
heiligen um schütz, der gedanke an die in der erlösung be-
wiesene gnade des herrn und die notwendigkeit einer Vergeltung
für dieselbe, endlich die hoffnung auf belohnung für das fromme
unternehmen durch die dereinstige aufnähme ins himmelreich.
In den kreuzliedem tritt zu diesen gemeinsamen gedanken noch
der besondere, dass die Sänger einen kämpf bestehen wollen, um
die heiligen statten den ungläubigen zu entreissen: dieses moment
bildet das einzige kriterium für die Unterscheidung zwischen
kreuz- und pilgerlied. Daher werden wir auch öfters den fall
finden, dass frühere gesänge der pilger ohne weiteres als lieder
der kreuzfahrer benutzt wurden, während echte kreuzlieder
schon durch die kampfesfrohe Stimmung von dem gebrauch bei
blossen Pilgerfahrten ausgeschlossen sind. — Wie die kreuzzüge
die blütezeit des wallfahrens darstellen, so übertreffen auch die
meisten kreuzlieder die pilgergesänge an poetischem werte: da-
her ist jenen auch schon öfters eine zusammenfassende dar-
stellimg zuteil geworden, z. b. durch Schindler (Die kreuzzüge
in der aprov. u. mhd. IjTik, Dresdn. prog. 1889), wie sie das
pilgerlied noch nicht gefunden hat. Einer grundlegimg dazu
sollen die folgenden bemerkungen dienen.
Vor allem kommt es darauf an, aus der grossen menge der
geistlichen lieder überhaupt die bei den wallfahrten gebrauchten
abzusondern, besonders sie von den verwanten kreuzliedern zu
trennen, um allgemeine urteile zu gewinnen.
Die vollständig oder nui' in ihren anfangen erhaltenen
lieder dieser art erweisen sich als solche teils dui'ch ihren Inhalt,
teils dui-ch direkte Zeugnisse über ihre entstehung und an-
wendung. Sie sind nicht immer nur bei Pilgerfahrten, sondern
oft auch bei andern gelegenheiten gesungen worden, besonders
als Schlacht- und siegesgesänge (vgl. Wackernagel, Litg.^ 1, 338,
anm. 20 f.). Das älteste erwähnte scheint die auf dem zuge
Günthers von Bamberg nach Palaestina 1065 entstandene cantu
DIE ÄLTESTEN DEUTSCHEN PILGERLIEDER. 279
lena Ezzonis de mvraculis Christi zu sein, die uns leider nicht
erhalten ist, von deren wunderbaren Wirkungen aber noch ein
späteres dem Ezzo untergeschobenes gedieht zu berichten weiss
(vgl. John Meier, Beitr. 16, 70 und meine dissertation über die
composition des Ezzoleichs, Halle 1892, s. 15ff.). Im 12. und
13. jh. haben wir einige datierungen solcher lieder nach den
betreffenden historischen ereignissen, bei denen sie gesungen
wurden, wie in der Schlacht bei Tusculum 1167 Krist der du
gchom bist, am berge Turon 1189 Des helfe uns duz heilig grap,
auf dem Marchfeld 1278 Sant Marja muoter unde meit, dasselbe
vor Acca 1291 und am Hasenbühel 1298. Aus dem jähre 1189
werden uns femer als lieder der kreuzfahrer genannt Nii helfe
uns da^ heilige grap und Nu helfe uns das gotes grap, sowie
Hiute ist, herre, din tae (vgl. Hoffmann, Gesch. d. kirchenliedes
passim). Die genannten kampflieder sind offenbar nicht eigens
für diesen zweck gedichtet: einige sind Übersetzungen lateinischer
hymnen, so Krist der du geborn bist und Hiute ist, herre, dtn tac,
andere müssen wir als ursprüngliche pilgerlieder in anspruch
nehmen. So das mit zwei Varianten erwähnte Des helfe uns daz
heilige grap (Hzg. Ernst 2287 bietet Nu helfe u. s. w.; als gesang
der kreuzfahrer wird aus dem jähre 1189 angeführt Nu helfe
ufhs dag gotes grap). Hier beweist schon die angäbe des Zieles,
dass das lied für Palaestinafahrten bestimmt war, während nichts
im texte auf einen kämpf mit den ungläubigen, also auf den
Charakter des kreuzliedes schliessen lässt. — Das öfters citierte
Sant Marja muoter unde meit lässt keinen schluss auf seine ur-
sprüngliche bestimmung zu, um so mehr aber das vollständig er-
haltene, sehr oft gesungene lied: In gotes namen vare wir
(vgl. Hoffm. 1. c. s. 72). Hier haben wir es mit einem echten
pilgerlied zu tun, dafür sprechen einmal die von Hoffmann ge-
sammelten Zeugnisse für seine häufige anwendung, sodann die
noch im 15. und 16. jh. gesungenen Umarbeitungen und er-
weiterungen des liedes, endlich die mannigfachen andeutungen
im texte selbst. Dahin gehört das mehrmalige vorkommen des
ausdrucks vare wir, die anrufung des heiligen grabes, dem der
pilger sich nalien will, die in str. 3 und 4 erbetene erlösung von
den Sünden und aufnähme ins himmelreich, alles züge, wie wir
sie oben als kreuz- und pügerliedem gemeinsam erkannten.
Dabei ist von kämpf nicht die rede, so dass an ein eigentliches
kreuzlied nicht gedacht werden darf. Von den aus dem Herzog
280 METTIN
Ernst genommenen texten ist das erwähnte Nu helfe u. s. w.
durch anderweitige Zeugnisse als volkstümlich gesichert, wir
dürfen also wol auch für die übrigen stücke annehmen, dass sie
nicht vom Verfasser frei erfunden, sondern aus den gesungenen
liedem herübergenommen wurden, oder — was sich bei der
schwierigen frage nach der entstehung des Hzg. E. nicht leicht
entscheiden lässt — dass sie aus dem epos genommen und später
volkstümlich geworden sind. Für unsem zweck ist dies auch
gleichgiltig: jedenfalls trägt das lied Wir läzen alliu unser dinc
(3166 ff.) den Stempel eines pilgerliedes an sich, aber auch das
andere Krist herre du bist guot (4544 ff.) wird als solches ver-
wendet. Mistrauisch muss den leser jedoch der umstand machen,
dass die erste zeile von Wir läzen . . . dinc mit der vorhergehenden
textzeile reimt : Selbe huop an der jungelinc. Auch bei diesen
liedem ist übrigens von dem moment des kampfes nicht das
geringste zu spüren. Das bei Hoffmann s. 71 erwähnte lied
Wolüf ir töten alle scheint zwar durch den zusatz reht in der
wise als wirklich gesungen erwiesen zu werden, doch lässt sich
sein Charakter als pilgerlied nicht feststellen. Offenbar ist vom
jüngsten gericht die rede, und Jesus wird das wort in den mund
gelegt, wenn er nach 1. Thess. 4, 15 die toten erweckt: ipse
Dominus in iussu et in voce Archangeli et in tuba Dei descendet
de ccelo, et mortui, qui in Christo sunt, resurgent primi Sollten
wir es wirklich mit einem pilgerlied zu tun haben, so wüi'de
diese anspielung auf das jüngste gericht vielleicht wie bei Walther
13, 5 ff. als Schreckmittel füi' die säumigen oder wie in str. 4
von In gotes namen vare wir als hinweis auf die belohnung für
die wallfalirt zu nehmen sein.
Als Verfasser aller dieser lieder lassen sich mit Sicherheit
geistliche nachweisen: dii-ekt bezeugt wird dies bei dem Hede
de miraculis Christi, das von Ezzo, einem scholasticus aus der
Umgebung des bischofs von Bamberg, gedichtet ist (vita Alt-
manni c. 3). Bei den übrigen liedem können wir es aus der
diktion erschliessen, deren häufige anlehnung an lateinische
hymnen und bibelstellen an einigen beispielen gezeigt werden
soll. In einem der wenigen erhaltenen texte In gotes namen
vare wir findet sich die Wendung sanctus Petrus der ist guot,
die ich mit dem anfange des hymnus lam bone pastor (Mone 3,
684, 9) vergleichen möchte, mache uns aller Sünden fri = crimina
DIE ALTESTEN DEUTSCHEN PILGERLIEDER. 281
nostra solvas (Mone 3, 704, 22), diu gotes stimme = evg.
Joh. 1, 1 ff., das oft in den hyninen Verwendung findet^
z. b. Mone 1, 30, 11 verhum dei factum est caro; die bezeichnung
der Maria als reine fneit entspricht lateinischem intacta virgo,
wie Mone 1, 40, 4 u. ö., won uns bt = adesto nobis (vgl. Mone
1, 70, 24).
Die Worte der aller werlte ein vater ist lassen sich in Ver-
bindung mit dem hymnusanfang bringen pater amcta qui gubernas
(Mone 1, 235). Auf das ganze scheint mir ausserdem das trisa-
gium Mone 1, 238 von einfluss gewesen zu sein, man vergleiche
die stellen: gotes Jcraft, vor dem tiuvel uns betiar, viier uns an
der enget scliar mit der Strophe
Pater in potentia
tua noB dementia
simnl et amore
ab hostium fnrore
digneris liberare
et sanctis sociare.
Der zweite der erhaltenen texte, der im Herzog Ernst 2287 ff.
tiberlief eil ist, beginnt mit den Worten nü helfe uns dae heilige
grap, deren Varianten oben aufgezählt sind. Auch hier finden
sich mannigfache anklänge an die hymnen, so ist here wunden
eine Übersetzung des lateinischen alma vulnera (Kehrein, Kirchen-
und relig. lieder, nr. 62, 2), wie sonst almo germine durch mit
hcren gesldhte (Kehrein 83, 7), genetrix alma durch muoier here
gegeben wird (K. 95 , 3). Der gedanke von der allgemeinen
fi'öhlichkeit im himmel geht zurück auf Apocal. 21, 4: et ahsterget
Deus omnes lacrymas ab oculis eorum, et mors ultra non erit
neque luctiis neque dolor u. s. w., er findet sich auch in den
hymnen, wie Kehrein nr. 101, 6:
omnis lila Deo sacra et dilecta civitas
plena modnlis in laude et canore jubilo.
In demselben hymnus bemerken wir auch die im pilgerlied an-
gewandte Zusammenstellung Jerusalems mit dem himmelreich
nach Apocal. 21, 2: et ego Joannes vidi sanctam civitatem Jeru-
salem noram. Der en^^erb des himmels wird öfters in der hymnen-
poesie, so wie im vorliegenden mhd. gedieht, als lohn für fi'ömmig-
keit hingestellt, z. b. Kehrein 9, 4 und 35, 1; dort entspricht
lateinisches prcemium, wählend in der wol zu gründe liegenden
282 METTIN
bibelstelle Matth. 6, 2 mercedem steht: rec^erunt mercedem
suam, —
Auch in den beiden andern dem gedieht vom Herzog Ernst
entnommenen pilgerliedem finden sich fortwährend anklänge an
die hymnenpoesie, so in Krist herre du bist guot mit den eben
behandelten fast wörtlich fibereinstimmend: Mre wunden, vrö-
licJien, in dtme riche; ausserdem sind beachtenswert die ausdrücke
reineg bluot, (vgl. innocens Kehrein nr. 17, 3 und 1. Petr. 2, 22
qui peccatum non fecit u. s. w.), und da süeze ist der engel ton
(vgl. Kehrein 101, 6; 103, 2). In dem andern liede Wir lazen alliu
unser dinc möchte ich den anfang mit Luc. 5, 11 vergleichen,
wo von den Jüngern erzählt wird reliquerunt omnia (dazu
Kehrein s. 152 u. ö.). Der ausdruck kint wird in den hymnen
(z. b. Kehrein s. 221) häufig für Christus gebraucht (vgl Wacker-
nagel, Gesch. d. kirchenliedes 2, vorr. XVII); zu des erde und himel
alle sint möchte ich Matth. 28, 18 stellen: Data est mihi omnis
potestas in coelo et in terra, zu dem seltenen worte unvolhbte
vgl. Kehrein s. 129, 85, 86, 88, wo sich entsprechende ausdrücke
sechsmal vorfinden. Fassen wir alle diese entlehnungen aus der
bibel oder den hymnen zusammen, so bleibt wol kein zweifei
bestehen, dass die pilgerlieder durchweg geistliche zu Verfassern
hatten. Zwar finden wir bei Walther, der doch laie war,
auch hin und wider anklänge an lateinische hymnen (vgl.
PBrBeitr. 18, 536 ff.), doch ist die gesamtbildung dieses dichters
eine viel höhere als sie denjenigen laien zuzutrauen wäre, auf
deren urheberscliaft der poetische wert der pilgerlieder hinwiese.
Dieser ist einerseits so gering, dass man keinem der berühmteren
dicliter die verfassei-schaft zumuten kann: einem manne aber aus
der menge, einem Wallfahrer selbst sie zuzuschreiben verbietet
die oben erwiesene bekanntschaft mit bibel und kirchenlied: so
bleiben nur geistliche als Verfasser übrig (vgl. Wackemagel,
Gesch. d. d. lit.^ 1, 80).
Eine andere, noch schwerer zu lösende frage ist die, für
wen diese lieder bestimmt gewesen sind, wer sie also gesungen
hat. Dass dies überall die pilger insgesamt getan hätten, wird
durch ganz bestimmte Zeugnisse in abrede gestellt. So wird im
Hzg. Ernst 3166 nur von dem vorsingenden Jüngling, bei Hoffmann
1. c. s. 42; 68 von vorsingenden bischöfen berichtet. Ueberall be-
teiligt sich die menge nur durch nachsingen eines refrains oder
DIE ÄLTESTEN DEUTSCHEN PILGERLIEDER. 283
ausstossen eines zurufe (vgl. Wackeraagel, Gesch. d. d. lit.*
1, 338, anm. 23). Daneben finden wir allerdings an vielen stellen
einfach das absingen eines liedes durch den ganzen pilgerchor er-
zählt. — Die ältere der beiden arten des Vortrags ist der gesang
des einzelnen, der von der menge mit einem rufe oder liypo-
phonisch begleitet wird, diese art ist in der entstehung des
geistlichen volksgesanges begründet. Die menge wurde nämlich
durch die einführung des von Gregor gestifteten ordo romanus,
der lateinischen liturgie, vollständig vom kirchengesange aus-
geschlossen, nicht etwa absichtlich, sondern durch die unbekannt-
schaft mit der spräche und der musikalischen beschaffenheit der
gesänge (vgl. Mendel-Eeissmann, Musik. convers.-lexicon 7, 260).
Im gegenteil, die geistlichkeit bemühte sich, wo es irgend an-
ging, d. h. ausserhalb der kirche, die von natur sangeslustigen
Deutschen geistliche lieder zu lehren (Hoffm. 1. c. s. 68), ja man
versuchte die stimmen nach dem hallelujah oder kyrie durch die
menge aussingen zu lassen, damit das volk auch beim kirchen-
gesange tätig sein könnte. So haben wir jedenfalls gewisse
voretufen zum geistlichen volksgesange anzunehmen und zwar
mit Hoffmann (1. c. s. 8) in der anwendung des kyrieeleison, das
ausserordentlich oft im 9. und 10. jh. dem volke empfohlen wird.
Hoffmann will dies jedoch nur als ruf, nicht als hypophonischen
bestandteil der melodie gelten lassen. Auf die anwendung als
letzteren scheinen mir die ausdrücke canere und caniare liin-
zuweisen, die sich sehr oft neben dicere in den von Hoffmann
gesammelten urkundlichen Zeugnissen finden, ausserdem die notiz,
dass bestimmte chöre der betenden erwähnt sind (Hoffm. s. 15,
anm. 21; s. 17, anm. 27). Wir haben also in der entwickelung
des geistlichen volksgesanges drei perioden zu unterecheiden, die
zeitlich auf einander folgen: 1. den gesang eines einzelnen mit
zuruf der menge; 2. den gesang eines einzelnen mit hypo-
phonischer begleitung der menge; 3. den gesang des ganzen
liedes durch die menge. —
Nach dem bisher gesagten würden wir zwar formal die
entstehung des geistlichen volksgesangs aus allerlei indii'ekt^n
Zeugnissen erschliessen können, die ältesten spuren aber der er-
haltenen oder nach ihren anfangen citierten pilgerlieder würden
sich bis höchstens zum 11. jh. hinauf erstrecken. Und doch hat
es jedenfalls schon früher deutsche pilgerlieder gegeben, da wir
aus andern geistlichen gedichten ersehen, dass die kirche ausser-
284 METTIN
halb des gottesdienstes gern dem volke solche nahrung fürs herz
in seiner muttersprache zuführte.
Ich glaube nun, dass uns eins dieser ältesten pilgerlieder
erhalten ist in dem aus dem 9. jh. stammenden bittgesang an den
heiligen Petrus; sehen wii* im folgenden, welche gründe für diese
auffassung sprechen.
Zunächst können wir als Verfasser dieses gesanges wie bei
den übrigen pilgerliedem mit Sicherheit einen geistlichen ver-
muten, die Übereinstimmungen mit der hymnenpoesie liegen
meines erachtens klar zu tage. Und zwar scheint es, als ob
der dichter eine bestimmte Strophe vor äugen gehabt habe, die
dritte des aus dem 5. jh. stammenden hymnus Äurea luce et
decore roseo, der der Elpis, der gattin des Boethius, zugeschrieben
wird (Wackemagel, Kirchenlied 1, nr. 75). Die strophe lautet:
iam bone pastor, Petre, Clemens accipe
Vota precantum et peccati vincula
resolve tibi potestate tradita,
qua CTinctis c«him verbo clandis, aperis.
Fast zu jedem worte findet sich im Petruslied eine parallele,
so dass man dieses fast als glossierung der lateinischen strophe
auffassen könnte: Petr. 1 unsar trohtin hat farsalt sancte Petre
gimialt = Elp. 3 tibi potestate tradita, Petr. 2 js^e imo dingenten
man = Elp. 2 vota precantum, Petr. 4 er hapet ouh mit vuortun
= Elp. 4 verho, P. 4 himilriches portün = Elp. 4 ccelum claudis,
aperis, P. 7 alla samant = Elp. 4 ctinctis, P. 8 ffiuuerdo ffinäden
= Elp. 1 Clemens accipe. Der er^^ähnte hymnus wurde nun von
den geistlichen bei der Eomfahrt gesungen, die Heimich IV. behufs
seiner krönung unternahm (Hoffm. 1. c. s. 28 f.), wobei die menge
in die üblichen rufe kyrieeleison nach beendigung jeder strophe
ausbrach. Gerade die dritte strophe eignete sich besonders für
den gesang auf einer reise nach Rom, dem legendarischen
bischofssitze des angerufenen heiligen. Dieser umstand legt den
schluss nahe, dass der deutsche bittgesang zu demselben zwecke
bestimmt gewesen sei. Auch die sonst vorhandenen merkmale
eines pilgerlieds finden sich: der name der wallfahrtstätte
wird hier durch den des heiligen ersetzt, und das lied ist offen-
bar für eine mehrzahl von menschen bestimmt, wie die 1. pers.
plur. beweist. Zum gebrauche in der kirche konnte es nicht
dienen, da die deutsche spräche aus ihr verbannt war, es bliebe
DIE ÄLTESTEN DEUTSCHEN PILGERLIEDER. 285
also höchstens die möglichkeit, dass man es anf dem wege zur
kirche etwa am tage des heiligen angestimmt hätte. Letzteres
würde noch nicht eine ursprüngliche bestimmung für Rompilger
ausschliessen, der Charakter als pilgerlied bliebe trotzdem er-
halten. —
Schwieriger erscheint die frage, ob das lied auch für laien
bestimmt gewesen sei, was man bisher mit ausnähme Hoffmanns
(1. c. s. 22) bestritten hat. Besonders hat sich 0. Schade (Wiss.
Monatsbl. 4, 55 — 60) gegen den vertrag durch die menge er-
klärt, ihn vielmehr den geistlichen mit antiphonischer teilung
zugewiesen. Bedenkt man das, was oben über die entstehung
des geistlichen volksgesanges gesagt ist, so muss die frage doch
wol darnach entschieden werden, ob die laien überhaupt des
gesanges genügend kundig waren, um das lied vorzutragen.
Dies erscheint ohne weiteres ausgeschlossen, wenn jede der
Strophen eine andere melodie hatte. Seit der zweiten aufläge
haben nun zwar die herausgeber der Denkmäler behauptet, die
vorhandenen neumen ergäben in allen drei Strophen die wesent-
lich gleiche melodie, während man früher nur den refrain für
gleichartig hielt. Nun sind erstens die neumen überhaupt nur
unsichere anlialtspunkte, da sie zwar das steigen und fallen der
melodie angeben, aber nicht die bestimmtheit der modernen ton-
zeichen besitzen (vgl. Riemann, Gesch. d. notenschrift passim),
sodann sind in der tat eine reihe von unterschieden in der
neumierung vorhanden, die Scherer selbst mit den Worten
* wesentlich gleich ' anerkannt hat. Doch auch dies zugestanden,
so ist es doch nicht wahrscheinlich, dass die menge schon im
9. jh. ein derartiges lied habe singen können, während sie noch
ende des 8. ermahnt werden musste, die einfachen rufe einiger-
massen wolklingend vorzutragen (stat. Salisb. a. 779 ut , . . et
(h'scant hyrieleyson clamare; ut non tarn rustice ut nunc usque
sed melius discant).
Wir würden also den Vortrag des Petrusliedes den geist-
lichen zuweisen müssen, so wie es auch bei dem Elpishymnus
geschah: die beteiligung des Volkes könnte nur so stattgefunden
haben, dass die menge entweder den refrain hypophonisch auf-
nahm oder ihn einfach ausrief. Das letztere ist mir deshalb un-
wahrscheinlich, weil die worte ja mit componiert waren, die
neumen dafür sind mit Sicherheit in allen drei Strophen gleich,
die melodie war also bei öfterem gesange des liedes leicht zu
286 METTIN, DIE ÄLTESTEN DEUTSCHEN PILGERLIEDER.
behalten. Wir werden daher anzunehmen haben, dass bei diesem
liede sich die zweite der oben erwähnten stufen findet: die be-
teiligung der menge an dem gesange durch hypophonische an-
fügung des refrains.
Ob die hypothese von dem antiphonischen Vortrag der
Strophen selbst durch zwei halbchöre richtig ist, wii-d sich kaum
entscheiden lassen; vielleicht könnte man das aUa scmant in
Str. 3 dafür anführen, obgleich auch dieser beweis nicht zwingend
ist. Unwahrscheinlich ist die annähme auf keinen fall.
NOTIZ ÜBER EINIGE ELSÄSSISCHE BILDER-
HANDSCHRIFTEN AUS DEM ERSTEN VIERTEL
DES 15. JAHRHUNDERTS.
Von R. Kaützsch
(Halle a. S.).
Bei meinen Untersuchungen über Diebolt Lauber stiess ich
auf einige bilderhandschriften, die ich zunächst den erzeug-
nissen der Werkstatt jenes schreibmeisters glaubte einreihen zu
dürfen. Im weitem verlauf der arbeit ergab sich indessen, dass
jene handschriften zwar eine zusammenhängende gruppe bilden,
dass sie aber mit den werken aus Hagenau — wenigstens vor-
erst noch — nicht zusammengebracht werden können. So müssen
wir sie denn einstweilen als arbeiten einer unbekannten Schreib-
stube betrachten, bis auf grund reichlicheren matmals ein be-
stimmterer nachweis gelingt.
Aus einer Schreibstube sind sie hervorgegangen. Wir
finden drei handschriften, die von einem und demselben Zeichner
A, zwei weitere, die von einem zweiten Zeichner B illustriert
worden sind. Nun nennt sich in einer handschrift mit bildem
des Zeichners A der Schreiber Hans Coler mit der jahres-
angabe 1419. Derselbe Schreiber Hans Coler hat aber in dem-
selben jähr 1419 nach seiner eigenhändigen Unterschrift auch
eine handschrift mit bildem B's vollendet: es ist kaum anders
möglich, er arbeitete mit den beiden zeichnem in einer Werk-
statt, ist vielleicht mit einem der beiden identisch.
Eine andere handschrift mit illustrationen A's bringt einen
weiteren schreibemamen: Johannes Ziegler, ebenfalls zum
jähr 1419. Wir werden ihn darnach wol als einen werkstatt-
genossen des Hans Coler betrachten müssen.
288 KAÜTZSCH
Diese Schlüsse, die wir aus den Schreibernotizen ziehen, er-
halten ihre bestätigung durch die nahe verwantschaft der hand-
schriften selbst. Ihre anläge und ausstattung ist fast durchweg
gleich. Das gilt ebenso von der art der rubrikationen, dem
Schriftcharakter, wie von der technik, dem stil, der kunstweise
der bilder. Alles deutet auf die festen Überlieferungen einer
Schreibstube, die allen ihren erzeugnissen ein einheitliches ge-
präge gibt.
Dasselbe gepräge findet sich wider bei einigen weiteren
bilderhandschriften , die sich mit jenen sonst nicht verbinden
lassen. Da aber namentlich ilire Illustrationen denen der Zeichner
A und B oft zum verwechseln ähnlich sind, trage ich kein be-
denken, auch diese handschriften als werke unserer Schreib-
stube ZU betrachten.
So ergibt sich eine gruppe von 10 — 11 handschriften gleicher
herkunft. Sechs unter ihnen tun uns im explicit die zeit ihrer
entstehung kund: wir werden in die jähre 1418 — 1420 geführt.
Lassen wir für die undatierten werke einigen Spielraum, so
werden wir nicht irren, wenn wir den bestand unserer Schreib-
stube in die jähre 1415 — 1425 verlegen. Ausser den oben an-
geführten schreibeni Hans Coler und Johannes Ziegler nennt
sich noch ein dritter: Thoma Vogel de Valesia, aber in einer
handschrift, die nicht ganz sicher für unsere gruppe in anspruch
genommen werden kann. Ueber die Zeichner erfahren wir gar
nichts. Ebensowenig findet sich irgend eine angäbe über den
Oll ihrer tätigkeit.
Die handschriften sind mit einer ausnähme papierhand-
schriften. Sie sind in einer kräftigen deutlichen cursive ohne
wesentliche abkürzungen geschrieben und verraten schon durch
ihr aussehen ihre entstehung in der Schreibstube gewerbsmässiger
Schreiber. Vielfach finden sich rote und blaue initialen, auch
die kapitelaufschriften sind rot. Da allermeist vor jedes kapitel
ein bild zu stehen kommt, dient die kapitelüberschrift zugleich
als text zum bilde.
Es bleibt noch etwas über die art dieser bilder zu sagen.
Es sind sehr kunstlose, oft rohe federzeichnungen. Der Illustrator
beschränkt sich darauf, den umriss und die notwendigste innen-
zeichnung zu geben. Schraffierung kommt nie vor. Die umrisse
werden dann in der weise bemalt, dass meist nur die schatten
färbe erhalten, während die lichter ausgespart bleiben. Doch
ELSÄSSISCHE BILDERHANDSCHRIFTEN DES 15. JHS. 289
findet sich häufig auch die flächenhafte kolorierung des ganzen
Umrisses.
Die kunstweise entspricht genau dem brauch in Hagenau,
wie wir ihn namentlich aus den ältesten handschriften *) der
Werkstatt Diebolt Laubers kennen lernen. Wie dort spiegelt
auch hier die Illustration nie den realen Vorgang im räum genau
wider. Vielmehr agieren die menschen, farbigen Schattenbildern
gleich, auf einer schmalen bühne ihr spiel: die scene wird
höchstens durch ein paar kulissen, Stadt oder türm, wald oder
berg angedeutet. Es findet sich weder landschaft noch indi-
viduelle, körperhafte behandlung der personen, und wirklichkeits-
sinn prägt sich nur in der widergabe von tracht und gerät aus.
Diese befangenheit der Illustration in der mittelalterlichen Über-
lieferung ist aber vielen späteren erzeugnissen desselben kunst-
gebiets gegenüber ein vorzug: sie ist durchaus einheitlich. Und
soweit nicht mangelndes können und schluderei sich bemerkbar
machen, erreicht sie völlig was sie will: ein deutliches bild des
Vorgangs, der handlung zu geben, ohne durch die genaue (rea-
listische) ausführung alles einzelnen unser Interesse von dem
*was' auf das *wie' abzulenken.
Wii- haben unsere Untersuchung damit begonnen, dass wii'
die handschriften zusammenstellten, die bilder eines und des-
selben Zeichners enthalten. In der tat wird ein einigermassen
geschultes äuge die hand eines Illustrators mit viel grösserer
Sicherheit überall widererkennen, als etwa die hand eines
Schreibers. Darum legen wir auch der aufzählung aller der er-
zeugnisse unserer Werkstatt die Illustration zu gründe und
scheiden die handschriften nach den verschiedenen Zeichnern in
drei gruppen.
A.
Der erste Zeichner, dem wir uns darnach zuzuwenden
haben, ist ein frischer, im ganzen gleichmässiger gesell, der
hunderte von bildeni mühelos und nicht sehr bedenklich im
einzelnen fabriziert. Er formt den umriss aus flotten, ziemlich
kräftigen strichen, nicht zeichnerisch absetzend oder widerholend.
>) Vgl. verf., Diebolt Lauber, 3. kapitel, Centralbl. f. Bibliothekswesen
1895. Besonders die sseichner A nnd D dort sind unseren arbeitem mannigfach
verwant.
F«rtg»be (ttr Siernt. 19
290 KAÜTZSCH
(Ein besonderes merkmal fiii- ihn wäre etwa die art, wie er
haar und äugen entwirft.)
Unter unendlich \delen ganz handwerkmässigen bildem
begegnet auch manche reclit lebendig und charakteristisch ge-
fasste darstellung. Im ganzen ist aber der eindruck seiner er-
zeugnisse nicht gerade sehr ei-freulich, in den beiden papier-
handsclu'iften indessen besser als in der giossen pergament-
handschrift.
1. Kgl. bibliothek zu Dresden, Ms. geim. A 49: Historien-
bibel.
Vgl. Schnorr v. Carolsfeld, Katalog der hss. der kgl. öifentl. bibl. zn
Dresden 1 , s. 10 und Merzdorf, Deutsche historienbibeln des m. a. (Lit. ver.
100—101) s. 46: G.
Die starke pergamenthandschrift ist durchweg von unserem Zeichner
iUustriert.
2. Universitätsbibliothek zu Heidelberg, cod. palat. germ. 144:
Heiligenleben (sonimer- und wint^rteil).
Bartsch, Die altdeutschen hss. in Heidelberg nr. 86.
fol. 4 1 2': Anno domini niillesimo quadragentesimo XIX°. Johannes Ziegler.
3. Ebenda cod. palat. germ. 403: H. v. Veldeke, Eneide.
Bartsch 1. c. nr. 224.
fol. 255: Diss buch wart uss geschriben von hans coler uif mittwuch
vor sant gallen tage In dem jor do man zalt von xpus gebürt dusent vier-
hundert und Nunczehen Jor.
B.
Von dem illustrator der drei eben genannten handschriften
scheidet sich der Zeichner, dessen werke wir nun folgen lassen,
sehr deutlich. So verwant sich die beiden in der ganzen art
der illustration sind, so vei-schieden führen sie die feder. Und
zwar fällt ein vergleich durchaus zu gimsten von A aus. Doit
waren menschen und dinge wenigstens nach einem gewissen
gleichmass behandelt, liier begegnen die krassesten mis Verhält-
nisse zwischen den einzelnen bestandteilen eines und desselben
bildes. Es sind z. b. mensclüiche gliedmassen auf das ungeheuer-
lichste verzeichnet. Die wenigen striche, die den umriss für
Personen und architektur, tiere, bäume und erdboden abgeben,
sind ganz roh neben einander gesetzt. Für die bemalung ist
bezeichnend, dass man mit möglichst wenig färbe auszukommen
sucht. In verschiedenen färben gestreifte gewänder sind häufig.
Ueberhaupt ist auf die darstellung der höchst seltsamen trachten
ELSÄSSISCHE BILDERHANDSCHRIFTEN DES 15. JHS. 291
verhältnismässig grosse Sorgfalt verwendet. Von der abenteuer-
lichen stofffülle dieser gewandungen, aber auch von der ganz
handwerksmässigen roheit der Zeichnung geben die zahlreichen
abbildungen bei A. Schultz (Deutsches leben im 14. und 15. jh.,
figg. 335 ff.) beredtes Zeugnis. Sie entstammen der ersten der
beiden handschriften B's.
1. Kgl. privatbibliothek in Stuttgart, cod. poöt. germ. 2 (fol.):
Rudolf v. Ems, Wilhelm v. Orlens.»)
Goedeke, Gmiidriss 1 •, s. 125, nr. 13.
fol. 299: ffactnm per me johannem coler in die Sabato antte festnm
beati philiphi et jacobi Sub Anno domini m . cccc . decimo Nono in bora octava
poBt yespra.
2. Stadtbibliothek ZU Leipzig, cod. nr.lll, Schaukasten nr.38:
Hugo V. Trimberg, Renner.
Nanmann, Malereien in den hss. der stadtbibliotbek zu Leipzig. Archiv
f. d. zeichnenden künste 1, 298.
fol. 182: Dia buch wart nsgeschriben also die glocke v^ sl&g vor mittage
am nehsten samstage vor sant panlns dez bekerers tag in dem Jore do man
zalte von cristns geburte Tnsint vierhundert und nuntzehen jor.
Es würde an dieser stelle zu weit führen, wollte ich ver-
mittelst eingehender stilkritik die Identität der Zeichner in den
beiden eben angeführten handschriften nachweisen. Ich begnüge
mich daher mit der versichening, dass die zeichenweise hier wie
dort vollständig dieselbe ist.
C.
Der dritte Zeichner, den wir unserer Werkstatt zuweisen,
ist wie oben bemerkt mit den beiden andern nur auf grund der
ähnlichkeit seiner arbeitsweise zu verbinden. Diese ähnlichkeit
ist in der tat so gi'oss, dass man einzelne seiner bilder z. b. mit
denen B's recht wol verwechseln kann. Wo wir aber eine ganze
reihe seiner Illustrationen vor uns haben, da erkennen wir bald
einen von den beiden andern leicht zu scheidenden besonderen
arbeiter. Er ist sauberer, gleiclimässiger. Seine gestalten halten
1) Vogt (Salman u. Morolf [Halle 1880] s. I) scheint geneigt, die mit dem
Wilhelm v. Orlens zusammengebundene Sahnan-Morolf-hs. annähernd in die-
selbe zeit wie jenen (1419) zu verlegen. Das geht keinenfalls an : der Charakter
der bilder gestattet nicht, den Salman-Morolf über 1460 hinaufzurücken. Viel-
leicht ist die hs. sogar erst nach dem druck entstanden. Der schriftcharakter
lässt das vermuten.
19*
292 KAÜTZSCH
ein gewisses durchschnittsmass ein. Die Zeichnung der einzel-
heiten, z. b. der äugen, weicht charakteristisch von der formen-
gebung seiner genossen ab. Er verwendet die denkbar ein-
faclisten mittel, möglichst wenig striche, die er — zeiclinerischer
als die beiden andern — nur kui-z führt. Gilt es längere linien
zu zeichnen, so setzt er die feder mehrmals an, w^as die beiden
andern so nie tun. Ebenso trennt ihn seine malweise von seinen
mitarbeitern: er füllt die umiisse allermeist gleichmässig mit
färbe an, ohne irgend zu modellieren, während A und B strich-
weise nur die schatten malen. Wir sehen: einzelne merkmale
teilt er mit A, andere mit B, und doch scheidet er sich wider
von beiden duixh allerlei eigenheiten. Er muss als besonderes
glied ihrem kreise angehören.
1. Universitätsbibliothek zu Heidelberg, cod.palat. gemL27:
Otto V. Passau, die XXIV Alten.
Bartsch 1. c. nr. 19.
fol. 166': Anno domini millesimo qnadringentesimo decimo octavo finitns
est ofF Sant Valentiuns tag.
2. Ebenda cod. palat. germ. 323: Rudolf v. Ems, Wilhelm
V. Orlens.
Bartsch 1. c. nr. 155.
Bemerkt mag werden, dass der bilderkreis dieser handschrift
nach umfang und inhalt ein ganz anderer ist, als der des Stutt-
garter Wilhelm (s. o. B 1). Das scheint auf Verschiedenheit der
vorlagen hinzuweisen.
3. Ebenda cod. palat. germ. 365 : Ortnit. Wolfdietrich (D).
Bartsch 1. c. nr. 192.
4. Germanisches museum zu Nürnberg, pap.-hs. nr. 973:
Trojanischer krieg, deutsche prosabearbeitung nach Guido de
Columna.
Bibliothek des germ. Nat.-Mus. zu Nürnberg (Nürnberg und Leipzig
1855) 8. 20. Hier findet sich auch die bemerkung: *Die hs. stimmt mit dem
Münchener cod. germ. 570 vom jalir 1467 überein.'
Vgl. Essenwein im Anz. f. künde d. d. vorzeit 27 (1880) sp. 37. 73. 271 fif.
mit abbildungen.
Da die handschrift noch nirgends genügend beschiieben ist,
sind wol ein paar angaben gestattet:
Hs. in folio. Pap. Noch 96 bll. (vorn und hinten unvoll-
ständig). Zweispaltig in grober grosser cui'sive geschiieben.
Rote kapitelaufschiiften, initialen und rot dui'chstrichene anfangs-
buchstaben.
ELSASSISCHE BILDERHANDSCHRIFTEN DES 15. JHS. 293
Beginn: din leben kosten wan enginge dir dise stunde
(erste erhaltene kapitelaufechrift: als tröye wider gchuwen wart
mit muren u. s. w.).
Schluss: erlobete zu yme jsü faren wan er seJie in gerne,
dojsf det sy.
Anhangsweise mögen noch zwei weitere handschriften hier
erwähnt werden, die sicherlich unserer Werkstatt ebenfalls an-
gehören. Da sie aber nuj ein ungenügendes Vergleichsmaterial
an bildern bieten, so können sie nicht mit vollkommener Sicher-
heit dem einen oder andern der genannten arbeiter zugewiesen
werden. Doch zweifle ich nicht, dass beide auf den anteil B's
oder C's — oder auch eines vierten den genannten sehi- nahe
verwanten Zeichners kommen. Es sind widerum zwei Heidel-
berger handschriften:
1. cod. palat. germ. 371 : Ulrich v. Zatzichofen, Lanzelet.
Bartsch 1. c. nr. 198.
fol. 177: Finitns est iste liber . . . Anno domini M^cccc^xx» jor.
2. cod. palat. germ. 359: Rosengarten. Lucidarius.
Bartsch 1. c. nr. 186.
fol. 65': Qnis hoc scribebat thoma vogel devalesia nomen habebat.
Für uns ist hier hauptsächlich die federzeichnung auf
fol. 66 wichtig, welche durchaus mit den bildern unserer Werk-
statt übereinstimmt. Die 20 weiteren Illustrationen zeigen eine
andere technik: sie sind ganz mit dem pinsel ausgeführt (Ab-
bildung bei Könnecke, Bilderatlas > s. 29).
Damit sei diese bescheidene notiz geschlossen. Sie erfüllt
ihren zweck, wenn sie einen ersten anhaltspunkt gibt, um den
sich weitere bilderhandschriften derselben lierkimft gruppieren
lassen, bis endlich die genauere lokalisierung der ganzen Werk-
statt gelingt. Wer auch deren leiter gewesen sein mag: immer
verdient dieser Vorläufer Diebolt Laubers unser reges interesse.
FAUSTSTUÜIEN.
Von Gustaf E. Karsten
(Bloomington, Indiana, U. S. A.).
1. Das Vorspiel auf dem theater.
Es wird allgemein angenommen, dass das Vorspiel auf dem
theater im jiini 1797, oder doch vor der dritten Schweizerreise
des dichters entstanden sei. So neuerdings von Thomas in
seiner trefflichen Faustausgabe, so wol auch von Pniower in
der Viertel Jahrschrift für literaturgeschichte 5, 413, in Überein-
stimmung mit Erich Schmidt, Urfaust ^ XVI anm., und so ausser
vielen andern schon von Düntzer in der ersten aufläge seines
commentars. In den *erläuterungen' spricht sich allerdings Düntzer
jetzt vorsichtig darüber aus; während man in der vierten aufläge
(s. 32) noch liest: * Am 24. juni dichtete er die Zueignung, an den
folgenden den prolog und das Vorspiel im himmeP (so!), und weiter
(s. 68): 'Grösstenteils zu derselben zeit mit der Zueignung ent-
standen', heisst es in der fünften aufläge (s. 34): 'wenn das tage-
buch am 26. und 27. des Faust gedenkt, so wird er damals den
prolog im himmel und das Vorspiel auf dem theater entworfen
haben', und weiter (s. 61): 'Fast gleichzeitig, wenigstens grössten-
teils, mit der Zueignung entworfen, am 26. und 27. juni 1797'.
In der tat weisen verschiedene umstände auf eine etwas
spätere entstehungszeit hin. Nach ausweis des tagebuches widmete
der dichter im juni 1797 vier tage der arbeit am Faust, ab-
gesehen natürlich von der 'goldenen hochzeit'. Die eintrage
lauten, wie bekannt: 'Juni 23. Ausführliches schema zum Faust.
24. Zueignung an Faust . . . nachmittag weiter an Faust; 26.
An Faust; 27. An Faust.' Dazu mag, als fünfter tag, der 22. juni
zu rechnen sein, über den das tagebuch völlig schweigt. Unter
diesem datum schreibt ja Goethe an Schiller: '. . . so habe ich
FAÜSTSTÜDEEN. 295
mich entschlossen, an meinen Faust zu gehen . . . Nun habe ich
diese idee und deren darstellung wieder vorgenommen'. Nach
dem 27. juni aber dürfen vdr die lücken im tagebuche nicht in
älinlicher weise ergänzen; von da ab ruht das Faustprojekt in
der tat wider, wie wir aus den briefen an Schiller vom 1. und
5. juli ersehen. Da hat ' die deutliche baukunst die luftphantome
bald wieder vei-scheucht ', und * Faust ist die zeit zurückgelegt
worden; die nordischen phantome sind durch die südlichen re-
miniscenzen auf einige zeit zurückgedrängt worden '. Das deutet
natürlich auf die Unterhaltungen mit Hirt; dieser aber erschien
bei Goethe bereits am 28. juni.
Weiter hören wir dann vor der endlichen abreise des
dichters nichts mehr von Faust. Dass aber zu einer arbeit wie
dem Vorspiel auf dem theater während jener fünf junitage weder
Stimmung, noch absieht, noch zeit vorhanden war, ergibt sich
deutlich genug aus der Zueignung und aus dem angeführten
und anderen briefen an Schiller. Allerdings erinnern einzelne
stellen des Vorspiels an die Zueignung, und eine ist sogar in
dei-selben stanzenform geschrieben. Allein das versmass beweist
hier nichts, da es auch sonst bei unserem dichter beliebt ist,
und im übrigen haben jene stellen eben nur das elegische mit
der Zueignung gemeinsam, ein eigentlicher einklang in den
motiven ist nicht vorhanden. Wenn von Loeper meint, das
voi-spiel sei einer ähnlichen reflexion entspnmgen wie die Zu-
eignung, so düi'fte sich die grundlage füi- diese ansieht auf die
verse 59 u. 60 beschi'änken:
sprich mir nicht von jeuer bunten menge,
Bei deren anblick uns der geist entflieht —
ZU denen auch Fischer bemerkt: * Wii- hören den dichter der zu-
eignimg, den der beifall der unbekannten menge eher schreckt
als anlockt'.
Mein leid ertönt der unbekannten menge,
Ihr beifall selbst macht meinem herzen bang.
Die ähnlichkeit beider stellen ist allerdings evident, und es wird
anzunehmen sein, dass dem dichter bei der einen halb unbewusst
die andere mit voi'schwebte. Indessen ist doch trotz des for-
malen anklanges die grundstimmung in beiden eine recht ver-
schiedene. Hier ist es die unbekannte menge, gegenüber den
gefährten seiner Jugend, dort ist es die menge, der grosse häufe
überhaupt, wovor der dichter sich scheut; hier fühlt er sich mit
296 KARSTEN
seinen jugenderiiinerungen dem jetzigen publikum entfremdet,
dort kehrt jener allgemeine gedanke wider, dem Goethe auch
sonst widerholt ausdruck verliehen hat, dass echte poesie nicht
im gewühle des weltlebens gedeihen kann. Die folgende Strophe
des Vorspiels (*Ach was in tiefer brüst uns da entsprungen')
wird verschiedentlich erklärt; wie wir aber die verse auch auf-
fassen, sie stimmen mit der Zueignung schlecht überein. Deuten
sie auf den geringen eindruck, den das fragment auf die menge
gemacht hatte, und auf die vollere anerkennung, die dem voll-
endeten drama zu teil werden soll, so steht die stelle in offen-
barem Widerspruch zu Zueignung 19 — 24:
Zerstoben ist das fretindliche gedränge,
Verklungen, ach, der erste widerklang
Ihr beifall selbst macht meinem herzen bang.
Verstehen wir aber die worte des Vorspiels anders und, wie ich
glaube richtiger, so, dass der dichter den wert ruhiger durch-
arbeitung imd bedächtiger Vollendung eines Werkes hervorhebt
gegenüber spontanen, dem augenblicke entsprungenen und leicht
ihm anheimfallenden, poetischen träumereien, so ist doch der
dichter der Zueignung in wesentlich anderer Stimmung wie der
des Vorspiels: dort fühlt er sich ganz von dem geiste seiner
Jugenddichtung ergriffen, hier findet er, dass die fruchte jener
dumpfen tage noch langer pflege bedürfen, um zur reife zu ge-
langen. Am wenigsten aber können wir mit Fischer überein-
stimmen, wenn er sagt, den dichter des voi-spiels 'überwältigt
die erinnerung an die eigene Jugend, wie den der zueignung ihr
zauberhauch mit sich fortriss'. In wii'klichkeit fühlt sich ja
dieser in seine Jugend zurück versetzt, während jener den Ver-
lust derselben beklagt und von der lustigen person mit dem
gedanken getröstet wird, dass er ihrer zu poetischem schaffen
nicht bedarf. Wii- sehen also, auf der psychologischen grund-
lage der zueignung kann das verspiel nicht entstanden sein. Zu
einem hiermit übereinstimmenden resultate führt eine prüfung
der damaligen briefe an Schiller. Da ist es immer wider *der
plan, die idee, das Schema, die übersieht', wovon der dichter
spricht; daneben kann er je nach Stimmung in einzelnen momenten
an verschiedenen teilen des gedichtes arbeiten, und vorerst will
er nur *die grossen, erfundenen imd halbbearbeiteten massen zu
enden und mit dem, was gedruckt ist, zusammen zu stellen
FAÜSTSTUDIEN. 297
suchen und so lange treiben, bis sich der ki-eis selbst schliesst'.
Seine phantasie ist erfüllt von nordischen luftphantomen, und
eiinnerungen aus vergaügener zeit bewegen seine seele. So
dichtet er die Zueignung und den prolog im himmel, diese
poetische 'darstellung der idee' von der er am 22. spricht; aber
das ernste Interesse an dem inneren gang und an der förderung
der tragödie lässt den gedanken an eine Produktion wie das
Vorspiel gewiss nicht aufkommen.
Ausser diesen allgemeinen erwägungen gibt es aber, me
mir scheint, besondere gründe, die mit bestimmtheit auf eine
spätere entstehung des Vorspiels hindeuten. Um jedoch die be-
weiskraft der einzelnen Zeugnisse richtig zu würdigen, müssen
wir die, ich möchte sagen, humane Ironie im äuge behalten, die
in unserem Vorspiel, wie in so vielen partien besonders der
späteren dichtimg waltet, jenen naturgetreuen humor, der soviel
dazu beiträgt, selbst den relativ typischen Charakteren des
Stückes eine reale Individualität zu verleihen. Wie Wagner
durchaus nicht nur ein einseitiger, verknöcherter bücherwiirm
ist, wie Mephisto gar manches vortreffliche sagt, so sind auch
die Personen unseres Vorspiels nicht als einseitige Vertreter ver-
schiedener gesichtspunkte einander mechanisch schroff gegen-
über gestellt, sondern es pulsiert in ihnen allen volles leben,
und es waltet in ihnen allen ein teil von Goethes eigenem geist;
sie verstehen einander völlig und scheinen zu wissen, dass im
gi'unde keiner von ihnen ganz recht oder ganz unrecht hat, die
wahi'heit wird dem leser erst aus dem ganzen, aus der wechsel-
rede fülilbar. Der dii-ektor ist, wie Düntzer sagt, ein ^kassen-
direktor we Melina', und als solcher ist er so verschieden wie
möglich von unserem dichter; doch ist er nicht, wie Melina,
tückisch kalt, sondern gutmütig schwach. Er ist den gefahren
seines gewerbes anheim gefallen; der impresar zu W^eimar unterlag
ihnen natürlich nicht, aber er erkennt sie doch als real an. An
sich selbst hatte er erfahren, dass die pflichten eines vei-waltungs-
beamten sich nur schwer mit dem wesen imd den anfordenmgen
der poesie in einklang bringen lassen. Am 9. dezember 1 797
bedauert er, dass das Weimarer theater für den winter nicht
die pei-sönliche anregung Schillers gemessen werde — 'sehr
nöthig thut unserm theater ein solcher neuer anstoss, den ich ge-
wissermassen selbst nicht geben kann. Zwischen dem der zu
befehlen hat und dem der einem solchen institute eine ästhetische
298 KARSTEN
leitung geben soll, ist ein gar zu grosser unterschied. Dieser
soll aufs gemüth wirken und muss also auch gemüth zeigen,
jener muss sich verschliessen um die politische und ökonomische
form zusammenzuhalten. Ob es möglich ist freye wechselwii'kung
und mechanische causalität zu verbinden weiss ich nicht, mir
wenigstens hat das kunststück noch nicht gelingen wollen'. —
Aelinlich verschieden wie zur dichtkunst verhalten sich der
theaterdirektor und Goethe selbst auch gegenüber dem publikum.
Goethe spricht es widerholt aus, dass sich das publikum zwar
durch unverständiges verwirren lasse, dass es aber doch lieber
nach dem verständigen, besseren greife, wenn es ihm geboten
werde. Indessen, die Tsirklichen schwächen des tlieaterpublikums
musste auch er bemerken. Von Wichtigkeit ist hier der brief,
den er am 9. august 1797 von Frankfurt aus an Schiller schreibt.
Da heisst es: *Selir merkwürdig ist mir aufgefallen wie es
eigentlich mit dem publico einer grossen Stadt beschaffen ist.
Es lebt in einem beständigen taumel von erwerben und ver-
zehren, und das was wir Stimmung nennen, lässt sich weder
herv^orbringen noch mittheilen, alle Vergnügungen, selbst das
theater, sollen nur zerstreuen und die grosse neigung des lesenden
publicums zu Journalen und romanen entsteht eben daher, weil
jene immer und diese meist Zerstreuung in die zei-streuung
bringen. — ... die poesie verlangt, ja sie gebietet Sammlung,
sie isoliert den menschen wider seinen willen, sie drängt sich
wiederholt auf und ist in der breiten weit (um nicht zu sagen
in der grossen) so unbequem wie eine treue liebliaberinn '.
Im Vorspiel hören wir über das theaterpublikum und über
dessen Verhältnis zur poesie:
Zwar an das beste sind sie nicht gewöhnt,
AUein sie haben schrecklich viel gelesen.
Und, was das allerschlimmste bleibt,
Gar mancher kommt vom lesen der jonmale.
Man eilt zerstreut zu uns, u. s. w.
Wird vieles vor den äugen abgesponnen
So dass die ftienge staunend gaffen kann.
Da habt ihr in der breite gleich gewonnen —
Diese stellen sind allerdings, einzeln genommen, von geringer
beweiskraft. Von Journalen und blättern spricht (Toethe in der-
selben weise gar häufig, in briefen, gesprächen, Sprüchen; auch
FAÜSTSTÜDIEN. 299
der ausdruck * breite' (* empirische weltbreite') lässt sich sonst
noch nachweisen: in ihrer gesamtheit aber scheinen mir die an-
geführten verse ein unverkennbarer reflex jener Stimmung zu
sein, welcher der dichter in dem Frankfurter briefe ausdruck
gab. Das umgekehrte nämlich dürfen wii' nicht annehmen; wir
dürfen nicht in den brieflichen äusserungen einen nachhall des
Vorspiels vermuten. Der schluss desselben briefes macht eine solche
auffassung unmöglich. Unmittelbar nach der eben citierten stelle
heisst es nämlich: *Ich gewöhne mich nun alles wie mir die
gegenstände vorkommen und was ich über sie denke aufzu-
schreiben, ohne die genauste beobachtung und das reifste urtheil
von mir zu fordern, oder auch an einen künftigen gebrauch zu
denken. Wenn man den weg einmal ganz zurückgelegt hat, so
kann man mit besserer übereicht das vorräthige immer wieder
als Stoff gebrauchen. — Das theater habe ich einigemal besucht
und zu dessen beurtheilung mir auch einen methodischen ent-
wui'f gemacht'. Dann findet er, dass man nur die Verhältnisse
in fremden ländem richtig und offen beschreiben könne; bei
allem, was uns noch einigermassen nah ist, fühlt man, *dass es
eine impietät wäre, wenn man auch sein gerechtestes, massigstes
urtheil über die dinge öffentlich aussprechen wollte'. Aus dem
vergleiche des Frankfurter und des Stuttgarter theaters mit dem
Weimarischen, glaubt er, werde sich vielleicht etwas ergeben,
'das sich allenfalls öffentlich produciren lässt'. Dazu kommt,
dass er seine vorherigen äusserungen über das Frankfurter
theater mit den Worten einleitet: 'Sehr merkwürdig ist mir
aufgefallen, wie es eigentlich mit dem publico einer grossen
Stadt beschaffen ist'. Mir scheint, das alles konnte Goethe un-
möglich schreiben, wenn er nur wenige wochen vorher die näm-
lichen gedanken schon im Vorspiel verarbeitet hatte.
Die bedeutsamkeit der angeführten briefstellen wird erhöht
durch die tatsache, dass der dichter sich am 8. august in anderem
ziLsammenhange auch an den herzog über die genusssucht und
den leichtsinn des Frankfurter publikums äussert, und dass der
ganze hier zuletzt mitgeteilte passus des briefes an Schiller sich
wörtlich auch in dem briefe vom 10. august an Meyer wider-
findet (s. Weimarer ausgäbe 4, bd. 12, 226).
Auch ist wol erwähnenswert, dass Goethe trotz mancher
ärgerlichen einzelerfahrung doch gerade das Weimarer und das
Lauchstädter theaterpublikum oft lobend erwähnt; in briefen.
s
300 KAKSTEN
annalen und gesprächen zollt er dem guten geschmacke desselben
seine anerkennung und rühmt das vertrauen, das es seiner leitong
entgegenbrachte.
Verfolgen wir nun die in dem Frankfurter briefe in aus-
sieht gestellten beobachtungen über das theater, so finden wir
dass sich dem dichter noch weitere und mehi- spezielle anregung
ffii- seinen kassendirektor bieten mochte. In Stuttgait findet er
das theater in elendestem zustande, und er, der als leiter der
Weimarer bühne so \iele mühe auf die ausbildung seiner Schau-
spieler veii^andte, fand leicht den grund für die Wertlosigkeit
des Stuttgarter Personals in den Verhältnissen der dortigen
dii'ektion. Er spricht sich darüber des näheren aus in seinem
bericht an den herzog, vom 12. September 1797; auch in dem
tagebuche ist es klar genug angedeutet. Nachdem er die mängel
der Schauspieler im einzelnen hervorgehoben, fälirt er fort —
unterm 31. august: *Der entrepreneur Mihole mrd abgehen und
ein neuer antreten, ... Da er nun zugleich seinen vortheil
sucht und sich durch abschaffung untauglicher subjecte nicht
luft machen kann, so ist nicht zu denken, dass dieses theater
leicht verbessert werden könnte. Doch wird es besucht, ge-
tadelt, gelobt und ertragen. — Italiänisches Sprichwort: Geld ist
das zweyte blut des menschen'. Also ein direktor tritt zurück,
ein anderer kommt, der es auch nicht wii'd besser machen
können; denn materielle rücksichten drängen das kunstinteresse
in den hintergiund. — Hiermit will ich natürlich nicht ein neues
modeil fiu* einen Goetheschen Charakter entdeckt haben; eines
besonderen Vorbildes für seinen direktor bedurfte der Verfasser
des Wilhelm Meister, der mit dem theater so iiuiig verti-aute
dichter nicht. Es handelt sich \ielmelu' hier, wie in anderen
der von uns besprochenen fälle lediglich um äussere anregungen,
um ein wachrufen schon bekannter Vorstellungen.
Seit seinem zusammentreffen mit Meyer und nach seiner
rückkehr verhandelt Goethe mit Meyer und Schiller widemm
vorzugsweise über technische fragen: über die wähl des Stoffes,
die art der behandlung, den unterechied zwischen epischer und
dramatischer dichtung; auch nimmt er im besonderen den regsten
anteil am Wallenstein. Schiller findet es schwer, den gewaltigen
Stoff in dramatische form zu giessen, Goethe ist offenbar mit
seinem Faust auf die gleiche schmerigkeit gestossen und fragt
den freund, ob der gegenständ ihn nicht zu einem cyclus von
I
FAÜSTSTUDIEN. 301
stücken nötigen werde, eine idee, die ursprünglich Schiller selbst
geäussert hatte. Diese Stimmung nun, bei welcher allgemeine
technische fragen mit mehr oder minder bewusstem hinblick auf
Faust vorwalten, konnte eher als die der junitage das Vorspiel
vorbereiten. Auch stossen wii- noch auf manche äusserung, sei
es in Schillers oder Goethes briefen, die sich im Vorspiel wider-
findet. Am 25. november schreibt Goethe an Schiller: 'Alles
poetische sollte rhythmisch behandelt werden . . . Poetische
prosa sei nur für liebhaber imd pfuscher . . . jetzt aber bleibt
dem theaterdichter fast nichts übrig als sich zu accomodieren
. . . Auf alle fälle sind wir genöthigt unser Jahrhundert zu ver-
gessen wenn wir nach unserer Überzeugung arbeiten wollen.
Denn so eine saalbaderey in principien, wie sie im allgemeinen
jetzt gelten, ist wol noch nicht auf der weit gewesen'. Das ist
genau der ton des Unwillens, in dem der dichter im Vorspiel das
ansinnen des direktors zurückweist:
Der sauberen herren pfoscherei
Ist, merk' ich, schon bei euch maxime.
Der dichter soUt« wohl das höchste recht,
Das menscheurecht, das ihm natnr vergönnt,
Um deinetwillen freventlich verscherzen!
Während in unserem voi-spiel der dichter das poetische an sich
betont, vertritt die lustige person, der schaiLspieler, offenbar das
spezifisch dramatische; sie steht gewissermassen in der mitte
zwischen dem direktor und dem dichter, indem sie das poetische,
gemütliche des einen so wol wie das unpoetische, auf bühnen-
erfolg berechnete des andern anerkennt und beide zu versöhnen
strebt. Ganz unverkennbar ist die ähnlichheit des Standpunktes,
den Schiller der dramatiker gegenüber Goethe dem dichter
einei*seits und den anforderungen der bühne andererseits ein-
nimmt. Am 12. dezember schreibt er an Goethe: 4ch glaube,
dass bloss die strenge gerade linie, nach welcher der tragische
poet fortschreiten muss, Ihrer natur nicht zusagt, die sich überall
mit einer freieren gemüthlichkeit äussern will. Alsdann glaube
ich auch, eine gewisse berechnung auf den Zuschauer, von der
sich der tragische poet nicht dispensiren kann, der hinblick auf
einen zweck, den äusseren eindruck, der bei dieser dichtungsart
nicht ganz erlassen wird, genirt Sie, und vielleicht sind Sie
gerade nur deswegen weniger zum tragödiendichter geeignet,
302 KARSTEN
weil Sie so ganz zum dichter in seiner generischen bedeutung
erschaffen sind. Wenigstens finde ich in Ihnen alle poetischen
eigenschaften des tragödiendichters im reichlichsten mass, und
wenn Sie wirklich dennoch keine ganz wahre tragödie sollten
schreiben können, so müsste der grund in den nicht-poetischen
erfodemissen liegen'. Auf Goethes aufeatz über dramatische
und epische dichtung antwortet er: *ich wttsste nicht, was einen
bei einer dramatischen ausarbeitung so streng in den grenzen
der dichtart hielte, und wenn man daraus getreten, so sicher
darein zurückführte, als eine möglichst lebhafte Vorstellung der
wiiklichen repräsentation der bretter, eines angefüllten und bunt
gemischten hauses, wodurch die affectvoUe unruhige erwartung,
mithin das gesetz des intensiven und rastlosen fortschreitens
und bewegens einem so nahe gebracht wird'.
Gerade dieser gedanke an die erwartungsvoll dasitzende,
lauschende menge ist es ja, der auch dem mimen in unserem
voi*spiel ani'egend und ermutigend erscheint: Den echten dra-
matiker
. . . Wird des Volkes laune nicht erbittern;
£r wünscht sich einen grossen kreis,
Um ihn gewisser zn erschüttern.
Noch eine briefliche äusserung Goethes mag liier platz
finden, die an ein motiv des Vorspiels erinnert, v. 95 — 99:
Die masse könnt ihr nur dnrch masse zwingen,
Ein jetler sucht sich endlich selbst was ans.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem haus.
und V. 197:
Ein jeder sieht was er im herzen trägt.
Am 6. Januar 1798 nämlich schreibt der dichter an Schiller:
* Man soll nur seine arbeiten so gut und so mannichf ach machen
als man kann, damit sich jeder etwas auslese und auf seine
weise daran theil nehme'. Hiermit schliessen vdr ab, um allzu
unsicheres zu vermeiden. Wir leugnen natürlich nicht, dass
einzelne keime zum Vorspiel in eine frühere zeit gehören. So
besonders die bekanntschaft mit ^akuntala und die arbeit an
Wilhelm Meister; auch mögen die gast Vorstellungen in dem
primitiven, hölzernen Lauchstädter hüttentheater den gedanken
an die besondere örtlichkeit des Vorspiels, den wandernden
Thespiskarren mitangeregt haben, obwol hier freilich die volks-
FAÜSTSTÜDIEN. 303
tümlichen Vorstellungen des Puppenspiels ein ausreichendes motiv
lieferten. — Soviel aber geht aus dem herangezogenen materiale
mit bestimmtheit heiTor, dass ein beträchtlicher teil der im Vor-
spiel verarbeiteten gedanken den dichter gerade wähi-end der
zweiten hälfte des Jahres 1797 und zu anfang 1798 beschäftigten,
und dass die meisten belegstellen nicht auf eine frühere, sondern
auf eine spätere poetische gestaltung deuten. Die frage, wann
denn das Vorspiel entstand, lässt sich bei alledem nur mutmass-
lich entscheiden. Man würde zunächst an april 1798 denken;
doch erzeugte ja nach des dichters bericht jene frühlingszeit bei
ihm vorwiegend IjTische Stimmung, und das würde nur zu
wenigen partien unseres Vorspiels passen. Andererseits dürfen
wir uns nicht zu weit von der zeit entfernen, aus welcher die
hier besprochenen Zeugnisse stammen. Nun müssen wir be-
denken, dass im gi'unde das Vorspiel nicht im mindesten zu der
tragödie gehört, sondern sich höchstens darauf bezieht. Es liegt
daher nahe, anzunehmen, dass Groethe dasselbe ursprünglich
überhaupt nicht als * arbeit an Faust' ansah, oder doch nicht
als solche in seinem tagebuche oder sonst erwähnte. Der um-
stand also, dass wir aus dieser zeit nichts von Faust hören,
verbietet nicht, unseren sonstigen indizien zu folgen, und das
ende der hier behandelten periode, etwa dezember 1797 und
Januar 1798 für die entstehungszeit des Vorspiels zu halten.
Möglicherweise hat die am 1 3. dezember eiivähnte * sonderbare
veranlassung, über das deutsche theater im allgemeinen nach-
zudenken ', etwas mit unserem Vorspiel zu tun. Am 9. august
1799 heisst es dann im tagebuche mitten unter verschieden-
ailigsten geschäften 'die prologen wurden abgeschrieben'. Da-
mals also war dem Vorspiel schon seine Verbindung mit dem
drama gesichert.
2. Bemerkungen zu einzelnen stellen.
y. 67 — 74. Ach ! was in tiefer brußt uns da cntspningeu,
Was sich die lippe schüchtern vorgelallt,
Missratheu jetzt und jetzt vieUeicht gelungen,
Verschlingt des Tiilden augenblicks gewalt.
Oft wenn es erst durch jähre durchgedrungen
Erscheint es in voUendeter gestalt.
Was glänzt ist für den augenblick geboren;
Das echte bleibt der nachweit unverloNB.
304 KARSTEN
Wie wir schon oben bemerkten, herrscht auch unter den
neuesten Fausterklärem noch meinungsverschiedenheit in bezug
auf den sinn dieser stelle. Valentin bezieht sie, wie schon
Fischer, auf das langsame heranreifen poetischer meisterwerke,
Thomas dagegen findet darin, in Übereinstimmung mit Düntzer
und Schröer*, eine hindeutung auf die oft späte anerkennung
seitens des publikums, und warnt ausdrücklich vor der anderen
auffassung. Diese andere ansieht aber erweist sich aus ver-
schiedenen gründen als die richtige. Zunächst ist von bedeutung,
dass Groethe selbst sich gar wenig um die aufnähme kümmerte,
die seine werke bei dem publikum fanden. Unsere stelle würde
also, nach der erklärung Düntzers und seiner gruppe, einen
dem dichter fremden gedanken enthalten, und dieser gedanke
liesse sich auch innerhalb des dramatischen dialogs weder aus
der logik des Zusammenhanges, noch aus dem Charakter des
*dichters' erklären. Der direktor hat an diesen eine doppelte
bitte gerichtet: er will ein stück füi* die menge, und er will es
sofort. Dieses ansinnen weist der dichter in zwei Strophen
zurück. In der ersten lehnt er es ab für die menge zu dichten,
und nun kann er doch unmöglich mit dem gedanken fortfahren,
dass diese bisweilen ein werk nicht sofort anerkenne. Es bleibt
vielmehr der zweite teil der bitte des direktors zu beantworten
übrig: *mein freund, o! thu' es heute!'. Und die antwört lautet:
das kann ich nicht ; denn zu einem echten kunstwerk gehört
zeit. Der dichter erwidert also mit zwei gedanken, die schon
im Tasso ihren klassischen ausdruck gefunden hatten: — *die
menge macht den künstler irr' und scheu' — und in unserer
Strophe — *wenn die nachweit mit gemessen soll, so muss des
künstlers mitwelt sich vergessen'. — Wie dort, so handelt es
sich in unserer stelle allerdings auch um nachruhm, um an-
erkennung, aber nicht in dem Düntzerschen sinne. Das fort-
leben einer dichtung (bleibt der nachweit un verloren), sowie
das vergessenwerden derselben (verschlingt des wilden augen-
blicks gewalt, ist für den augenblick geboren) wird als natür-
liche, gerechte folge betrachtet, es charakterisiert den wert des
Werkes selbst und nicht, wie nach Düntzer, die Urteilsfähigkeit
des Publikums. — Im einzelnen bleiben noch einige Schwierig-
keiten zu beseitigen. Den vers 70: * Verschlingt des wilden
augenblicks gewalt ' erklärt Fischer, wie aus seiner besprechung
der stelle auf seite 148 seines * Faust' hervorzugehen scheint,
FAÜSTSTÜDIEN. 305
mit: es wird 'vom jubel der weit begrüsst'. Ob dieser gedanke
überhaupt in dem ausdrucke mitangedeutet ist, lassen wir dahin
gestellt, jedenfalls steht im Vordergründe die idee des augen-
blicksdaseins; es fällt dem augenblick anheim, lebt nur kurze
zeit. Wir dürfen also dabei nicht, mit Fischer, an die * genialen
jugendwerke' Goethes, an seinen 'Werther und Faust' denken;
denn, wenn auch der jubel der weit, der diese begrüsst hatte,
sich später bedeutend dämpfte, so bleibt es doch undenk-
bar, dass der dichter von ihnen als ephemeren erscheinungen
sprechen sollte. Vielmehr bezieht sich der anfang unserer Strophe
(*Ach! was in tiefer brüst uns da entsprungen') auf rein spon-
tane poetische einfalle im allgemeinen, auf vorläufige plane,
einzelgedanken, scenen und scenenfragmente; diese gehen leicht
wider zu gründe, wie sie im augenblicke auftauchten; von
fieunden und anderen, denen sie mitgeteilt wurden, nur vorüber-
gehend beachtet, vom dichter selbst halbfertig bei seite gelegt,
durch immer neues verdrängt, erweisen sie sich später als un-
brauchbar, oder weiterer bearbeitung bedürftig. Endlich aber,
nach jahrelanger Sorgfalt, gelangt wol manches davon zu völliger
reife (* erscheint es in vollendeter gestalt '). Der ausdruck * durch
jähre durchgedrungen' ist eine widergabe des Horazischen nonum
prematur in annum, wie sie genauer nicht sein könnte, ohne
unpoetisch zu werden. Schliesslich sei zu vei*s 73 (* was glänzt '
im gegensatz zu *das echte') der brief Goethes an frau von
Stein vom 14. februar 1779 erwähnt, in welchem der dichter
über seine arbeit an Iphigenie sagt: *So ganz ohne Sammlung,
nur den einen fuss im steigriemen des dichter-hippogryphs, will's
sehr schwer sein, etwas zu bringen das nicht in glanzleinwand-
lumpen gekleidet sei'.
T* 193. Den drang nach Wahrheit nnd die Inst am tmg.
Calvin Thomas sagt zu dieser stelle: *the contradiction is
only apparent. Truth is here used in the sense of fiddity to
nattire, while illtision refers especially to the counterfeit present-
ments of tJie boards that signify the worW. Soviel ich weiss,
steht Thomas mit dieser auffassung allein. Offenbar kann der
dichter nicht sagen wollen, dass er die freude an der btUinen-
illusion verloren habe. Er schildert in wehmütiger rückerinnerung
die eigentümlich prägnante Stimmung, die widerspruchsvolle
mischung von trieben, wie sie dem gefühlsieben der Jugend eigen
Featgabe fttr SieTen. 20
306 KARSTEN
ist, jenes 'tiefe schmerzenvolle glück' das Goethe selbst ge-
nossen, und das er dann wider bei Karl August beobachtet hatte.
Noch ist bei tiefer neigung für das wahre
Ihm irrthnin eine leidenschaft.
T. 447 — 458. Wie alles sich znm ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen eimer reichen!
Mit segendnftenden schwingen
Vom himmel durch die erde dringen,
Harmonisch aU' das all dnrchklingen !
In offenbarem zusammenhange mit diesen versen steht eine
stelle im Uhrmacher Bogs von Brentano und Görres. Da spricht
der Uhrmacher in seinen Selbstbekenntnissen von seiner neigung
zur musik, und indem er die alte kirchenmusik preist gegenüber
der neueren verweltlichten, nennt er die erstere den gipfel und
abgrund der töne, in und auf welchem der mensch vor seinem
gott sich demütigen, zu seinem gott sich erheben mag. Diese
musik hat uns nun verlassen; der abgi^und und gipfel sind durch
einander ausgefüllt, der boden ist geebnet, auf ihm gedeihen
nun tanzmusik, arie, oper *und all ihi' andern weltlichen ton-
gebilde . . . würzconfekte von tugend und teufel, Karl Moor u. s. w.
habt leider grossen räum gewonnen vor den engein gottes, die
sonst auf der tonleiter gottes Schöpfeimer auf- und nieden^eichten
und sie in der brüst des schlummernden Jacob's füllten und
leerten'. Und weiterhin vergleicht er die töne der weltlichen
musik mit engelsköpfen und heiligen, lebendig in irdische lust-
wände eingemauert. Die gegensätzliche erwähnung des Karl
Moor lässt den hier wörtlich mitgeteilten passus von den engein
gottes fast als eine beabsichtigte anspielung auf Faust erscheinen.
Jedenfalls ist der anklang so deutlich, dass an bewusster re-
miniscenz nicht gezweifelt werden kann. Andererseits aber
bietet Brentanos vergleich einen zug, der in der Fauststelle
nicht zum ausdruck gekommen ist, der sich aber in der von
Graffunder (Preussische jahi-bücher 1891, s. 705) nachgewiesenen
quelle Goethes findet. Bei Helmont nämlich wird die bewegung
der himmlischen kräfte ausdrücklich mit dem auf- und nieder-
steigen der engel auf der Jakobsleiter verglichen. Hat nun
Brentano, wie später Vilmar, diese idee aus der Fauststelle
selbst herausgelesen, oder ist sie von ihm aus eigener phantasie
FAÜSTSTÜDIEN. 307
hinzugefügt worden, oder war Goethes quelle auch ihm bekannt?
Das letztere ist bei Brentanos 'Kramerei in Seltenheiten' nahe-
liegend genug. Gelehrte und ungelehrte träumereien und tradi-
tionen waren ja Brentanos lieblingselement; aus ihnen hat seine
Phantasie reichlich nahrung geschöpft.») Was jedoch der hier
in frage stehenden stelle ihre bedeutung für uns verleiht, ist
die erwähnung der Schöpfeimer gottes. Der entsprechende aus-
druck bei Goethe (*die goldnen eimer') ist aus der Fauststelle,
für sich genommen, nicht verständlich; seine provenienz ist noch
dunkel; die von Graffunder aufgedeckten quellen scheinen das
motiv dazu nicht zu liefern; Schröer citiert aus den wölken des
Aristophanes eine stelle, die zwar dem Wortlaut nach als parallele
interessant ist:
Ihr (wölken) mögt an der mündnng des Nils
die Wasser mit goldnen eimem fassen — ,
die aber zui* aufhellung des Sinnes nichts beiträgt; Düntzer denkt
an die Manichaergefässe, andererseits haben Scherer und nach
ihm andere veimutet, dass der ganzen beschreibung des makro-
kosmos eine bildliche darstellung zu gründe gelegen habe, eine
annähme, die jetzt, nachdem Graffunder die litteräre quelle
nachgewiesen, weniger nahe liegt, jedoch nicht zur Unmöglich-
keit geworden ist. Brentano nun gibt uns, wie in bezug auf
die Jakobsleiter, so auch hier die richtige Interpretation der
Goetheschen verse an die band: die Jakobsleiter wird zur ton-
leiter, die engel stellen die töne dar, und unter den Schöpf-
eimern, die sie einander zureichen, können wir nun kaum etwas
anderes verstehen als die graphischen Symbole der töne. Dass
die gestalt dieser zeichen in der tat leicht den gedanken an
Schöpfeimer erwecken kann, liegt auf der band. So erscheint
das bild bei Brentano mit malerischer deutlichkeit, und ohne
zweifei, das reich der töne, die * Harmonisch all' das all durch-
klingen ', die musik der Sphären ist es auch, worin unser dichter,
wie zum teil schon die alchymisten, das schöne Sinnbild für die
Ordnung des Weltalls findet. Nun fragt es sich widerum, hat
hier der dichter Brentano den dichter Goethe verständnisvoll
interpretiert, oder sollte Scherers Vermutung doch zu recht be-
*) Anch das ' Geheimniss , einen lebendigen menschen auf chemischem
wege in einem glase heraus in destillirw' verwertet er in seiner geschichte
'Die drei nttsse'.
10*
308 KARSTEN
stehen, und sollte ein altes bild, etwa eine verherrlichmig der
kirchenmusik, oder eine mystische darstellung des makrokosmos
als musik der Sphären gar beiden dichtem bekannt gewesen
sein? Die Heidelberger romantiker, und besonders Brentano,
hatten ein offenes äuge für alten bilderschmuck. Auf älteren
vorlagen beruhen ja auch vielfach die zum teü recht phan-
tastischen abbildungen, mit denen sie ihre eigenen Schriften aus-
zustatten liebten; so in Des knaben wunderhorn und in der
Zeitschrift für einsiedler, wie F. Pfaff in der Ruperto-
Carola s. 157 ff. und in seiner ausgäbe der Trösteinsamkeit
nachgewiesen hat. Ich muss mich darauf beschränken, diese
möglichkeiten hervorzuheben, da mir das material zu näherer
Untersuchung hier nicht zugänglich ist. — In anderer weise er-
scheint im zweiten teil des Faust das musikalische mit dem realen
vereint, das eine entwickelt sich dort aus dem andern (v. 6445 ff.):
Aus luft'gen tönen qniUt ein weissnichtwie,
Indem sie ziehn wird aUes melodie.
Der säulenschaft, auch die triglyphe klingt,
Ich glaube gar der ganze tempel singt.
Zu dieser stelle erinnert Schröer daran, was Goethe am 21. märz
1829 zu Eckermann sagt: *Ich habe unter meinen papieren
ein blatt gefunden, wo ich die baukunst eine erstarrte musik
nenne. Und wrklich, es hat etwas; die Stimmung, die von der
baukunst ausgeht, kommt dem effect der musik nahe'. Auch
hier berührt sich Goethe mit den Heidelberger romantikem,
und zwar dieses mal besonders mit Görres. Schon 1808 hiess
es im morgenblatt, dass man in Heidelberg von baukunst als
gefrorener musik spreche, und Görres schrieb im maiheft der
trösteinsamkeit eine witzige satire, in der er sich zu dem ver-
gleiche bekennt und ihn in seiner weise ausführt. Auch gab er
seiner er widerung eine kupfertafel bei, welche Heidelberg dar-
stellt, hervorgehend aus den tönen einer musik, die teils von
menschen, teils von engein, teils vom teufel produciert wird.
T* 1742 — 8. Das streben meiner ganzen kraft
Ist g'rade das was ich verspreche.
Die neuesten commentatoren dieser stelle erklären dieselbe
als eine Zusicherung Fausts, dass er aufrichtig und ohne rück-
halt sich in das neue leben stürzen werde. Indessen, der Zu-
sammenhang weist auf einen andern sinn. Ohne zweifei liegt
FAÜSTSTÜDIEN. 309
die technische Schwierigkeit dieser scene hauptsächlich darin, es
dem Zuschauer glaubhaft und natürlich erscheinen zu lassen,
dass Faust mit offenen äugen einen vertrag mit dem teufel ein-
geht. Dazu ist einerseits erforderlich, dass Mephisto gerade
hier seine dämonische natur völlig unter der maske des leicht-
lebigen Weltmannes verbirgt, und andererseits, dass Faust diesen
schritt nicht nur in seiner Verzweiflung füi- notwendig und in
überlegenem höhn für ungefährlich hält, sondern auch für etwas
seiner eigenen natur entsprechendes. Mit diesem letzten ge-
danken rechtfertigt er vor sich selbst die eben formulierte wette
schon mit den Worten: *Ich habe mich nicht freventlich ver-
messen, wie ich beharre, bin ich knecht ', wenn ich mich irgend-
wie fesseln lasse, bin ich ohnehin knecht; sodann in dem spott
über die formalität der wette und widerum in der stelle, von
der wir ausgingen: meine ganze kraft strebt ja von selber
gerade nach dem, was ich dir verspreche.
T« 1744— 7« Ich habe mich zn hoch gebläht ;
In deinen rang gehör^ ich nnr.
Der grosse geist hat mich verschmäht —
Die bedeutung dieser stelle für die frage nach der künst-
lerischen einheit des dramas ist meines erachtens noch nicht
nach gebühr gewürdigt worden. Hier verbindet sich die neue
dichtung organisch mit der alten, indem sie eine wichtige
Voraussetzung derselben begründen hilft. Der erdgeist hat Faust
zugerufen: *Du gleichst dem geist, den du begreifst, nicht mir!'
— und wenn nun Faust in seinen späteren anrufungen des
geistes von ihm seinen gefährten erhalten zu haben meint, so
erscheint dieser gedanke um so natürlicher, wenn wir bedenken,
dass er auch schon hier, während des Vertrags, sich an jene
Worte erinnert, sie auf Mephisto bezieht und mit ihnen seinen
schritt vor seinem eignen verstände rechtfertigt, wenn er schon
hier in Mephisto denjenigen geist erblickt, an den ihn der grosse
geist verwiesen, den er ihm zugedacht hat. Es fragt sich nun,
wie sind jene worte des geistes, auf die in der technik der
fertigen tragödie so viel ankommt, in Wirklichkeit zu verstehen?
Offenbar kann nicht Mephisto gemeint sein. Das wäre zwar
für die erste dichtung nicht unmöglich, wenn dort, ähnlich wie
Fischer will, Mephisto ein böte des erdgeistes, ein teil von
dessen kraft und nicht ein teufel wäre. Die unhaltbarkeit von
^
310 KABSTEN
Fischers theorie ist aber schon widerholt und gründlich erwiesen
worden. Es ist klar, dass Mephisto von vorne herein ein geist
des bösen, ein teufel ist, der den mnndus infemalis der mystiker
vertritt, wie der erdgeist den mundus elementaris, ein teufel,
dem allerdings der dichter charakteristische züge verliehen hat^
wie er auch den Arclietis Terrce zu dem igelst als weit und
thaten genius' entwickelte, und wie er den Faust der sage in
eignem sinne gestaltete. Die worte des erdgeistes deuten also
in keiner weise auf Mephisto; in der vollendeten dichtung können
sie überhaupt auf niemand im besonderen bezogen werden; sie
dienen zunächst nur dazu, Faust in seine schranken zurück-
zuweisen, ihm die grenzen seiner menschlichen natur zum be-
wusstsein zu bringen. Bei Faust aber rufen sie sofort die frage
hervor: Nicht dir? Wem denn? — und später deutet er sie in
seiner Verzweiflung und verirrung auf Mephisto. Es liegt natür-
lich nicht im plane des lügengeistes ihn eines besseren zu be-
lehren; wir aber, die wir durch den prolog erfahren haben, dass
der teufel vom heiTn die erlaubnis erhalten hat, Faust zu ver-
suchen, empfinden es als einen zug dramatischer Ironie, dass
Faust, der in dem erdgeist seinen herrn verehrt, von ihm den
gefährten erhalten zu haben glaubt. Allerdings ruht ja die
eigentliche, innere begründung des Vertrags in der charakter-
entwicklung Fausts selbst, und auch für die späteren anrufungen
des geistes als desjenigen, der ihm Mephisto gesandt, wird nach
wie vor die ansieht bestehen bleiben, dass Faust dem erdgeist
als dem lenker seines erdenlebens eben alles zusclireibt, was er
erlebt, also auch die gesellschaft Mephistos, und das von uns
hinzugefügte motiv kann nui* als ein untergeordnetes gelten.
Dem entsprechend ist es in der schliesslichen fassung nur vorüber-
gehend erwähnt, nachdem der vertrag schon ohnehin beschlossen
ist. Anfänglich aber sollte der gedanke wol weiter ausgeführt
werden: wie Graffunder mit guten gründen annimmt, war ur-
sprünglich eine nächtliche scene geplant, in welcher Faust be-
absichtigt, geringere, ihm selber näherstehende geister zu be-
schwören; an ihrer stelle gesellt sich dann Mephisto zu ihm,
und im laufe der Unterredung sucht er ihn über seine höllische
herkunft zu beruhigen und sicher zu machen (Graffunder 1. c.
s. 718):
Sie meynen, wenn sie teufel sagen,
So sagen sie was rechts. —
FAÜSTSTÜDIEN. 311
Paralipomenon 54.
Ey was ich weis das branch ich nicht zn glanben
Der mensch ist gar erbärmlich dran
Und es steht nnr dem tenfel an
Dun noch das bischen Sicherheit zn ranben.
Ericli Schmidt hat dieses paralipomenon als vorweimarisch
erkannt, und Pniower nimmt an, es sei anfänglich für die ver-
tragsscene bestimmt gewesen, später aber sei das motiv, das
darin anklinge — das eintreten Fansts für sein wissen — aus
dieser scene geschwunden, da Faust vielmehr ausrufe *mir ekelt
lange vor allem wissen' (Pniower, Einige Faustparalipomena
Goethes, Viertel jahrschrift für literaturgeschichte 5, 428). Ich
kann unserem paralipomenon den sinn, den Pniower ihm beilegt,
nicht abgewinnen. Dass Faust für sein wissen eintritt, scheint
mir nicht darin zu liegen. Der erste vers knüpft an eine auf-
f orderung, etwas zu glauben, an, und der zweite scheint die
Sache anzugeben, um die es sich handelt, er sagt aus, was der
sprechende, dem ersten verse gemäss, schon weiss, also nicht zu
glauben braucht. So reiht sich das paralipomenon ungezwungen
liinter v. 1784 ein; es enthält die antwort Fausts auf die worte
Mephistos:
glanbe mir, der manche tausend jähre —
Glanb* nnser einem, dieses glänze
Ist nur für einen gott gemacht ! n. s. w.
Darauf erwidert Faust: Das brauche ich dir nicht erst zu
glauben; ich weiss es selber nur zu wol, dass des menschen loos
in der tat ein erbärmliches ist, und es sieht dir teufel ganz
ähnlich, ihm noch den rest von vertrauen, das bischen Sicherheit,
zu rauben. — In der tat ist das Zugeständnis, dass Mephisto
nicht unrecht habe, auch in der schliesslichen fassung der scene
enthalten: * allein' — das heisst trotzdem, wenn auch — 4ch will'.
Nur ist es nicht mit trotziger Ungeduld ausgesprochen, sondern
mehr kleinlaut beiläufig zugegeben, und das steht offenbar in
besserem einklang mit der Situation. Die scene soll ja mit
Fausts zeitweiser niederlage enden. In unserer stelle gesteht
er, dass der teufel wol in bezug auf die menschen im allgemeinen
recht habe, aber für sich selbst lässt er es nicht gelten. Bald
aber — v. 1803 und 1810 ff. — muss er verzagt erkennen, dass
auch er sich vergebens abgemüht, und dann — v. 1834 — folgt
er Mephisto. Es ist also gerade an unserer stelle die an^be
312 KARSTEN
der scene, Faust aus dem patlios des verzweifelten trotzes, den
er während der yerschreibung noch zeigen musste, in die apathie
hilfloser nachgiebigkeit hinüberzuführen, mit der er Mephistos
Vorschlag und führung annimmt. Das Interesse am dialog hatte
dem jugendlichen dichter die ungeduldige entgegnung entlockt,
wie sie das paralipomenon enthält; das höhere künstlerische
Interesse gebot ihm später, sie der technik der scene zu opfern.
Ist nun unsere erörterung richtig, so muss auch das vorher-
gehende, Mephistos * glaube mir ' nicht nur dem inhalte sondern
wesentlich auch der spräche nach vorw^eimarisch sein; denn
unser paralipomenon steht ja damit in engem formalem sowol
wie sachlichem Zusammenhang. Wir werden also noch einen
schritt weiter gehen müssen als Pniower, und annehmen, dass
dieses paralipomenon und mit ihm die übrigen derselben gruppe,
nicht sowol, wie Pniower sagt, das material darstellen, aus
welchem der dichter das scenenfragment formte, nicht die Vor-
arbeit für die scene, sondern vielmehr die nebenarbeit, die eine
schon werdende scene begleitete.
T« 5441 ff« Zwei der grössten menschenfeinde,
Furcht und hoffanng angekettet,
Halt' ich ab von der gemeinde; —
Die hoffnung als menschenfeind, das ist eine Vorstellung,
an die wir in der poesie nicht gewohnt sind. Die erklärer sagen
daher, es handle sich nur um blinde unbegründete hoffnung.
Dabei bleibt aber auffällig, dass der dichter hierauf nicht niit
einem beiworte oder in der rede der hoffnung hinweist. Auch
lässt sich, streng genommen, das dement des unzuverlässigen
aus dem begi^iff des hoffens überhaupt nicht ganz ausscheiden.
Ich glaube deshalb, wir haben zu der erwähnten einschiänkung
kein recht; es ist nicht sowol blinde hoffnung, als besondere art,
gemeint als vielmehr das leicht in-eführende, das aller erregung,
der fui'cht wie der hoffnung, innewohnt. Es ist ja die Staats-
klugheit, die hier spricht, und furcht und hoffnung vertreten etw^a
den igcjg des Thucydides gegenüber der nüchternen politik (vgl.
Shorey, On the implicit ethics and psychology of Thucydides,
Transactions of the American philological association 1893, s. 66 ff.).
Auch Thucydides stellt gerade die hoffnung \\iderholt als schäd-
lich und gefahrbringend hin; so 3, 45 nach Classens ausgäbe:
i] T£ iXjtlg xal 6 t(f(og ijtl Jtavzl, 6 fihp tjyovfitvog // ö'e^6Jto(iepfi,
FAÜST8TÜDIEN. 313
xal 6 (UV rfpf htißovX^v bapQOPxl^mv , t] 6h r^v evjtoglav rijq
Tvxn^ vjtOTid'eTöa jtXeTöra ßXajtrovöi, xal ovra ouparnj xqbIcod
toxi Tcjv OQtDfiivov öeivcSv, und 4, 108: alcod-oreg ol avd'Qcojtot
ov (ihv ixid^vfiovöiv iXxlöt ajcBQt6xijtr<p öcöovai o 6h (if^ jtQO-
öUvtai Xoyiöficp avzoxQatoQi 6ia^6löd-ai; und 5, 103: iXjclg 6h
xiv6vvcp xagafAvd'iov ovöa rovg fihv cbto xegcovölag xt'o/ieVov^
avt^ xavßXatpij ov xad'etXe' xolq 6^ ig ojtav ro vjtaQxop avaggcx-
rovöc {6ajtavog yag gwöei) cifia re ytyvcoCxBtat agnxXivTCQV xal iv
otq^ ixt q)vXä§exal ng avrrjv yvo^giöd-etöav ovx iXXsljtsi.
Bekanntlich war Goethe mit Thucydides gründlich vertraut.
Am 16. dezember 1797 schreibt er an Schiller: *Ich . . . lese
nur indessen, um mich im guten zu erhalten, den Herodot und
Thucydides, an denen ich zum erstenmal eine ganz reine freude
habe, weil ich sie nur ihrer form und nicht ihres inhalts wegen
lese'. Ein psychologischer zusammenliang zwischen Thucydides
und unserer Fauststelle steht also fest. Natürlich haben wir es
nicht mit entlehnung oder auch nur bewusster reminiscenz zu
tun, wol aber mit einem Goetheschen gedanken, zu dessen ent-
wickelung und befestigung die widerholte lektüre des Thucydides
das ihrige beigetragen hatte.
DIE WIDMUNG VON GEORG FORSTERS
'ANSICHTEN VOM NIEDERRHEIN'.
Von A. Leitzmann
(Weimar).
Mit einer ganz andersartigen litterarischen gäbe, als die
vorliegende ist, mein hochverehrter lehrer, hatte ich gehofft
mich in den grossen kreis derer einordnen zu können, die bei
dieser festlichen gelegenheit sich glückwünschend Urnen nahen.
Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr mannigfacher, für mich
unvergesslicher gespräche, die wir in Halle im früh jähr 1890
über meinen damals schon jährigen plan einer kritischen gesamt-
ausgabe der kleineren gedichte des Strickers führten; es handelte
sich vor allem um die kriterien der echtheit und darum, was
wol aus dem damals eben von ßosenhagen angekündigten Daniel
vom blülienden tal für meine absiebten zu gewinnen sei. Diesen
weitausschauenden lieblingsplan habe ich seitdem, wenn auch
meine litterarische tätigkeit, besonders in meinem hiesigen berufe,
auf ganz anderen gebieten der deutschen philologie sich seither
vorzugsweise bewegte, doch immer mit eifer gepflegt und nie
ganz aus den äugen verloren, stetig im stillen dafür gesammelt
und manchen, wie ich glaube, gut fundierten Standpunkt zur be-
uiteilung gefunden. Eine erste kritisch-methodologische probe
dieser Untersuchungen sollte Ihnen jetzt dargebracht werden.
Nun haben mir leider äussere und innere veranlassungen die
letzten monate nicht die konzentration verstattet, die dafüi* er-
forderlich und wünschenswert ist. Darum bringe ich Ihnen für
diesmal nur ein paar bescheidene blätter, deren stoff, aus nicht
so entlegener zeit, mii* mehr am wege lag: ein paar erläuternde
Worte zu der rätselhaften widmung, die Georg Forster an die
WIDMUNG VON FORSTERS ANSICHTEN V. NIEDERRHEIN. 315
spitze seines hauptwerks, der Ansichten vom Nieden'hein, ge-
stellt hat.
Der erste, im jähre 1791 im verlage von Voss in Berlin
erschienene band dieses Werkes zeigt auf einem besondem vor-
satzblatte unter einer Vignette, über die nachher zu reden sein
wird, folgende worte:
'In des Wanderers busen wirktest du seiner empfindungen
schöneres gesetz. Ihre Schöpfung sei dir geweiht! Lass die
weihe den wert erhöhen, damit etwas an der gäbe dem geber
eigen sei.
Ist der priester nur ktthn, der seinem guten genius vor
allem volk die opferschale leert? Oder wer ahndet in 6inem
lohnenden blick die grosse reine stille wonne seiner Vollendung?'
Die neueren ausgaben der Ansichten, selbst die von Gervinus,
lassen samt und sonders diese widmung fort, als wenn sie weder
sinn noch wert hätte. Vor dem text der briefe Forsters von
seiner reise nach dem Niederrhein an seine frau Therese, die
tochter Heynes, die ich nach den originalen herausgegeben habe
(Halle 1893), sind die worte widerholt. Mir schienen sie vor
diesen briefen an ihrer eigentlichen stelle, da sie, sonst schwer
verständlich, durch erwägung der gesinnung eben jener kor-
respondenz, gewissermassen des geistigen grundtones, auf den
diese gestimmt ist, ihre ungezwungene erklärung finden, ja an
einer stelle sogar erwähnt werden ('eine dedikation an jemand
habe ich schon fertig' s. 47). Schon die Zeitgenossen, ja intime
freunde Forsters standen davor wie vor einem rätsei. So schrieb
Wilhelm von Humboldt gleich nach erscheinen des buches an
Forster (dessen Briefwechsel 2, 818; Humboldt, Gesammelte werke
1, 290): *nur eins, lieber freund, lassen Sie mich Ihnen aufiichtig
gestehen: die dedikation habe ich ganz und gar nicht verstanden;
Alexander sagte mir, sie sei an Ihre frau. Können Sie mir nicht
ein paar worte erläuterung geben?' Forsters antwort fehlt, wie
leider alle seine briefe an die brüder Humboldt, deren Ver-
nichtung wii' aufs schmerzlichste bedauern müssen.
Aber wii- besitzen doch noch eine vollständige authentische
beleuchtimg der eigenartigen Zueignung von seiner eignen hand
in einem briefe an Voss, den Verleger des buches, vom 18. dezember
1790 (ungedruckt, Dresdener bibliothek; vgl. Archiv für literatur-
geschichte 12, 570): *die Zueignung ist allerdings ein wenig
dunkel; allein es war mir nicht möglich mehr hinzuzusetzen,
316 LEITZMANN
um nicht durch grössere deutlichkeit etwas an delikatesse anf-
zuopfem. Ich lege ein blatt bei, welches eine erläuterung ent-
hält, und glaube, wenn Sie dieses blatt gelesen haben, wird es
auch Ihnen scheinen, dass sich alles so auslegen lässt, ohne den
Worten zwang anzutun. Die kürze, die Simplizität und eleganz
im ausdruck, das sind die eigenschaften, die uns die Griechen,
unsere muster, für solche blumen des geistes vorgeschrieben
haben; ich habe gesucht ihre Vorschrift im sinne zu behalten.
Ich danke Ihnen recht aufrichtig, dass Sie so gütig sind mir den
anstoss, den Sie bei der lesung dieser kleinigkeit fanden, nicht
vorzuenthalten; denn es ist leicht möglich, dass einem ein solches
spiel des geistes misglückt, und dann ist es immer angenehmer
es von einem freunde als von einem tadler zu hören.' Das bei-
liegende erläuternde blatt lautet: 'der Verfasser dediziert sein
werk einer ihm sehr werten person, die er seinen guten genius
nennt und vermutlich auch durch das darüberstehende bild einer
Psyche allegorisch vorstellt; ihr verdankt er, wie er sagt, die
vollkomnmere richtschnur seiner empflndungen. Die Schöpfung
dieser empflndungen, nämlich sein werk, weiht er also derjenigen,
der er es gewissermassen, wenigstens was die empfänglichkeit
betrifft, schuldig zu sein glaubt; es ist ilir eigentum und erhält
nur dadurch einen neuen wert für sie, dass es ihr zugeeignet
und gewidmet wird. Er entschuldigt die kühnlieit dieses opfers,
welches so öffentlich dargebracht wird, damit, dass er ahnden
lässt, 6in blick werde ihn belohnen und vollkommen glücklich
machen. Daraus Hesse sich allenfalls schliessen, der gute genius
müsse jemand sein, der ihn sehr nahe angeht, ihn stets um-
schwebt und beglückt. Wahrscheinlich ist es dieselbe person,
an welche die anrede in den Ansichten selbst an mehreren
stellen gerichtet ist. Der Stoff des ganzen werks soll in den
briefen, welche der Verfasser während seiner reise an seine
gattin schrieb, wörtlich enthalten sein. Bei der menge von Zu-
eignungen, die man sich heutiges tages erlaubt, mochte es ihm
bedenklich und unfein scheinen näher, als diese leise anspielung
es tut, das von ihm verehrte wesen, dem er öffentlich ein so
grosses verdienst um ihn selbst zuschreibt, zu designieren.' Was
Forster mit seinen Widmungsworten hat sagen wollen, ist da-
nach so klar als nur möglich: freilich * Simplizität ' nach dem
muster griechischer epigramme, auf die er sich beruft, wird
niemand denselben zuschreiben mögen.
WTOMUNa VON FORSTERS ANSICHTEN V. NIEDERRHEIN. 317
Noch einige worte über die künstlerischen beigaben des
ersten bandes der Ansichten, von denen die eine, eine Psyche,
mit der dedikation selbst schon durch ihren Standort aufs engste
zusammengehört. Es ist ein medaillon auf schwarzem grund:
auf einem stuhl sitzt eine frauengestalt in antiker gewandung,
eine schlanke giaziöse flgur; man sieht sie im profil, wodurch
die feinen zarten linien des gesichts besonders hervortreten;
füsse und arme sowie die linke brüst und Schulter, dem be-
schauer zugewandt, sind un verhüllt; aus ihrem rücken, über den
die reichen locken zwanglos fallen, erwachsen schmetterlings-
flügel ; der liebliche köpf ist sanft nach vom gebeugt und etwas
gesenkt; der blick ruht mit freundlicher teilnehmender sorge
auf einem Schmetterling, der in die empfangend ausgestreckte
rechte eben wie von langem flug ermattet hineinschwebt, während
die linke nachlässig im schösse ruht. Das bildchen drückt in
feiner zarter allegorie den tieferen sinn der widmungsworte aus,
wie ihn Forster oben auseinandersetzt, der wol selbst dem
künstler die genaueren Weisungen gab. Entworfen und ge-
stochen wui'de die Vignette von Forsters altem Düsseldorfer
freunde Karl Ernst Christoph Hess (vgl. über ihn Schmidt All-
gemeine deutsche biographie 12, 295); da jedoch sein stich für
das projektierte format des buches zu gross war, musste in
Berlin eine verkleinerte nachbildung angefertigt werden (vgl.
Forsters brief an Jacobi vom 22. märz 1791 in der Zeitschrift
für vergleichende literaturgeschichte neue folge 5, 401), welche
Johann Friedrich Bolt (vgl. über ihn Schmidt Allgemeine
deutsche biographie 3, 113), der schüler Daniel Bergers, ge-
stochen hat, der später auch für Forsters 'Erinnerungen aus
dem jähre 1790' (Sämtliche Schriften 6, 160) stiche lieferte. —
Ohne Forsters wissen und bestellung erschien dann im ersten
bände noch ein grösseres titelkupfer, dessen beschreibung ich
mir ersparen kann, da es Forster entschieden misbilligte (vgl.
an Jacobi 1. c). Er schreibt darüber am 25. märz 1791 an den
Verleger Voss (ungedruckt, Dresdener bibliothek): *Ilire gute
absieht damit erkenne ich gewiss: Sie wollten mich durch eine
neue Verzierung überraschen; und desto schmerzlicher wird es
mir, dass ich sagen muss: nach meinem geffihl passt dieses
kupfer nicht zu der übrigen ganz einfachen eleganz des so schön
gedruckten buchs, passt nicht zum inhalt eines werks, wo ein
geläuterter kunstgeschmack durchgehends empfohlen wird, in
318 LEITZMANN, WIDMUNG VON FORSTERS ANSICHTEN.
dessen geiste dieses blatt nicht gearbeitet ist. Ich sehe wol,
dass die idee sehr gut war: es sollte der natur und den grazien
zugleich geopfert werden; allein Ihr künstler hat in der aus-
führung unendlich gefehlt. Die natur, um doch nur von vielen
dingen eins zu erwähnen, fordert und lehrt kein knieen vor
ihrem altar, sie hat mit einem bauemkleid und einem bund
Schlüssel so wenig wie mit einem königsmantel und szepter zu
tun. Herr professor Carstens und herr professor Moritz hätten
Ihnen leicht sagen können, wie etwa ein künstler, der mit
griechischem geiste getauft wäre, die schöne einfache idee aus-
geführt hätte. Darf ich nun auch die bitte wagen, dass euer
wolgeboren dieses blatt supprimieren und mein bändchen lieber
ohne dasselbe in die weit schicken wollen? Das kupfer können
Sie leicht als verzieiamg irgend eines romans oder sonst brauchen,
so dass es Ihnen nicht verloren geht. Wenn Ihnen mein urteil
nicht genügt, so befi*agen Sie die herren Kamler, Kode, Moiitz,
Mylius, Meil u. s. w.' Voss willfahrte Forsters wünsche nicht;
vielmehr ging der ei-ste band der Ansichten mit diesem von
Mal vieux gestochenen, * unerhört geschmacklosen ' titelkupfer aus.
Ja er befand sich mit dem geschmacksui-teil der Berliner kunst-
verständigen, das er voll entrüstung dagegen aufgerufen, in
vollem Widerspruch: Moritz hatte das kupfer approbiert, Caretens
selbst es ei-funden und gezeichnet.
DIE DEMINÜTIVA IN DER BERNER MÜNDART.
Von H. Stickelberqeb
(Burgdorf in der Schweiz).
Stalder sagt s. 252 seiner Dialektologie: 'Von allen
Schweizern zeichnen sich die gebii'gsbewohner in der häufigen
redeweise der Wortverkleinerungen aus. Wenn z. b. ein hoch-
stämmiger hirt aus dem Entlibuch oder Emmenthale von seinem
arm oder bein redet, wird er immer seinen arm ärmli, sein bein
beinli oder gewöhnlicher beindli nennen'. Diese litotes könnte
noch durch eine reihe von beispielen bestätigt werden, wie z. b.
durch die bevorzugung von buechli und fandli (buche und tanne)
oder durch die Vorliebe für fränkli statt Franken, auch wo es
sich um hunderte und tausende handelt. Offenbar liegt eine
stärke der dialekte in den deminutiven, da sie mit besonderer
liebe das kleinleben, das leben des hauses pflegen.
Obwol nun schon Stalder 1. c. und Weinhold in seiner
Alemannischen grammatik den deminutiven eine betrachtung ge-
widmet haben, so ist es doch eine verlockende aufgäbe, die
Sache genauer zu untersuchen und eine an Verkleinerungsformen
äusserst reiche mundart darauf zu pilifen. So bildet meine
arbeit eine ergänzung zu der Bemer dissertation meines ehe-
maligen Schülers und jetzigen freundes Hans Wissler, Das
Suffix 'i in der Bemer, resp. Schweizer mundart (Frauenfeld
1891). Bei einer Zusammenstellung bot sich mir eine solche
überfülle dar, dass ich aus raumrücksichten einen grossen teil
des schon ausgearbeiten materials unterdrücken und mich auf
das interessanteste beschränken musste. Die personennamen
konnte ich nicht weglassen, da gerade sie viel charakteristisches
enthalten, weshalb auch P.Schild in seiner Brienzer mund-
art Vok. s. 84 eine Zusammenstellung solcher gemacht hat.
320 STICKELBERGER
Mein beobachtungsfeld ist das, was gewöhnlich kurzweg
Berndeutsch genannt wird mit ausschluss des Oberlandes und
des Seelandes, die ganz andern dialektgruppen angehören; also
vor allem das Emmenthal, aber auch der Oberaargau und das
Ißttelland. Die lautform, die vielfach variiert, ist die von
Tannen -Utzigen an der grenze von Emmenthal und Mittelland
(vgl. Foi-schungen zur deutschen philologie, Festgabe für Rud,
Hüdebrand s. 87). ») Lokale abweichungen werden im texte an-
gegeben. Das material habe ich grösstenteils selbst gesammelt
und mit zuverlässigen gewährsleuten besprochen. Manchmal
musste ich mich auf J. Gotthelf und das Wörterbuch zu seinen
Schriften von Alb. von Rütte stützen. Für *Uli den knecht'
benutzte ich die Reclam'sche ausgäbe mit anmerkungen von
Prof. Ferd. Vetter. Obwol ungern, musste ich mich doch
einiger ungewöhnlichen abkürzungen bedienen, deren Verzeichnis
unten folgt.
In der transskription beschränkte ich mich hier, wo es sich
nicht um phonetische dinge handelt, auf das wichtigste nach
dem vorgange von Winteler, Beitr. 14, 455 ff. Auch das tonlose
e habe ich nicht durch den druck hervorgehoben, da es sich
von selbst ergibt, ob der vokal einer stamm- oder ableitungs-
silbe angehört. Dagegen musste die vokallänge bezeichnet
werden, schon weil sich diese nicht durch die etymologie fest-
stellen lässt; denn die Bemer mundart hat viele dehnungen und
kürzungen, wobei die ursprüngliche klangfarbe bestehen bleibt^
auch bei i, u, ü, i, u, iL Streng genommen musste ich hier
offene und geschlossene vokale unterscheiden. Das doppelzeichen
gg dient nach hergebrachter schweizerdeutscher Orthographie für
die reine fortis Z% dagegen k, ck für die affricata i^^; st, sp be-
deuten in jeder Stellung seht, schp. Ein besonderes zeichen ist
nur X für das sonantische l, das silbenbildend auftritt in der
endsilbe -el und sich mit vorhergehenden vokalen zu diphthongen
verschmelzt. Auf dem lande ist es ein vollständiges u und wird
auch als solches empfunden; hier in Burgdorf schwankt es
zwischen vokal und liquida (eine beschreibung des lautes s.
Brandstetter, Zischlaute s. 12, dem ich auch das zeichen ver-
danke).
*) Alle lautlichen feiuheiten konnte ich allerdings hier nicht wider-
geben; z. b. musste ich darauf verzichten, die auf dem lande allgemein übliche
zerdehnung von ei, ou öü in offenes i, ü ü zum ausdruck zu bringen.
DEMINUTIVA IN DER BERNER MÜNDART. 321
Abkttrsnngen.
BM = Bemer mnndart — Bgd. = mnndart von Bnrgdorf. — Bach-
mann = Beiträge zur geschichte der Schweiz, gattorallante, Zürich 1886. —
Brandstetter = Die Zischlaute der mnndart von Bero-Münster, Einsiedeln
1883. — Das Brot = Das brot im Spiegel schweizerischer Volkssprache und
Sitte (von F. Stanb), Leipzig 1868. — Hebel = Hebels alemann, gedichte
hrsg. n. erlänt. von E. Götzinger, Aaran 1873. — Hunziker = Aarganer
Wörterbuch in der lautform der Leerauer mnndart, Aarau 1877. — Id. =
Schweiz. Idiotikon, Frauenfeld 1881 ff. — Kuhn = Volkslieder von G. J. Kuhn,
2. ausg., Bern 1819. — O.-A. = Oberaargau. — Bütte = Erklärung der
schwierigem dialektischen ausdrücke in Jeremias Gotthelfs gesammelten
Schriften, Berlin 1858. — Schild, Vok. = Brienzer mnndart, 1. teil, Vokalis-
mus, Basel 1891. — Schild, Beitr. 18, 301 = Brienzer mnndart, 2. teil, Con-
sonantismns. — Seiler, Die Basler mnndart, Basel 1879. — T = mnndart
von Tannen -Utzigen im Emmenthal. — Waiden, Kollegen = Die beiden
kollegen. Eine erzählung von Marie Waiden (tochter von Jeremias Gotthelf ).
Bemer volksschriften nr. 33. — Wiedmer = Vermischte gedichte. 2. aufl.
Langnau 1874. — Winteler, KM = Kerenzer mnndart, Leipzig und Heidel-
berg 1876. — Wissler = Das suffix -i in der Bemer resp. Schweizer mnnd-
art, Frauenfeld 1891. — Uli = Uli der knecht von J. Gotthelf. In der
ursprünglichen gestalt und n|it worterklämngen hrsg. u. eingel. von Ferd.
Vetter. Leipzig, Beclam (citiert nach der zahl der seite und der anmerkung).
Deminutiv - sulflxe.
Die Berner mundart kennt 1. neutra auf -t, -li, -eli, 'tsch{t)j
;er(t). Die auf diese suffixe ausgehenden männlichen namen sind
masculina, die weiblichen neutra (vgl. § 10); 2. masculina auf
'Z, 'tsch, 'Z, -gZ, -ggh; 3. feminina auf -le, -ele.
§ 1. Reine deminutiva.
Oemäss der Vorliebe für die verkleinening kommt von vielen
Wörtern ausschliesslich oder doch fast ausschliesslich das demi-
nutiv vor. Um die Zusammengehörigkeit gewisser begriffe zu
veranschaulichen, stelle ich zunächst eine sehr lehrreiche gruppe
zusammen, wobei ich von dem worte puppe ausgehe.
1. Dieses selbst findet sich in hüpi (Rütte schreibt hühhi)
weibliche brustwarze (wie kämt, pupille, Seb. Münster milch'
puplin, mlat. pupula, vgl. Grimm, DWb. 'püpplein'). In der
Stadt Bern und auch bei Gotthelf (s. Rütte) heisst die puppe
mämmi (mhd. mamme, memme weibliche brüst, s. Kluge 'memme');
mämmeli bedeutet saugfläschchen. — Eine andere bezeichnung
der puppe kommt vom namen Barbara (vgl. Rütte babi ein-
fältiges weib, 'nicht mehr babi sagen können', in Bgd. auch
Fwtgabe fttr Sierez«. 21
322 STICKELBERGER
habe). In T heisst puppe titi-habe (in Basel diti), in Bern und
Bgd. häU (deminutiv von habe), — Das mhd. wort für puppe,
tocke, setzt sich fort in Rütte ioggel 'schlechtgemachte puppe,
unförmliche weibsperson ' (mhd. tockel, töckel püppchen), fasnadhis-
toggX fastnachtsmaske, Bgd. toggl und töggi dumme person (vgL
habt), wähi-end toggeli (Rütte doggelt) das aipdrücken, 'als ge-
spenstiges weib gedacht/, bezeichnet (vgl. Vetter zu Uli 97, 10).
Demnach wäre es also das deminutiv des mhd. wortes, obschon
es an und für sich auch von toggX abgeleitet sein könnte; das
letztere ist vielleicht der fall in Rüttes mannetoggeli *ein leicht
zu beherrschender, nicht imponierender, gutmütiger mann'. In
Bgd. ist toggeli auch eine schlecht gezeichnete figur, was sonst
manoggX (s. § 9) heisst. Wie übrigens büpi, mämmi, so kommt
auch nhd. docke im sinne von 'zitze' vor (s. Grimm, DWb.
'docke' 31.).
2. Ausser dieser wortgruppe sind es hauptsächlich einige
tiere, die nur in der Verkleinerung, und zwar mit t, auftreten:
gitjsfi Zicklein (nach Id. 2, 578 zu ahd. chujsi, mhd. küf, kit^e, nach
Schlüter 9 s. 188 zu got. gaits, nach Winteler, Beitr. 14, 457
metathesis von nhd. ziegc] vgl. aber Kluge, Et. Wb. 'kitze'), fUli
(ahd. fuli, fulin zu folo). Von lockrufen herzuleiten sind büssi
'mieze', anderwärts hüsi, busi (vgl. Weinhold, Alem. gr. §268),
gusi schweinchen (Id. 2, 472), ersteres mit, letzteres ohne umlaut
Ebenso haben ihn nicht gusti junges rind (vom adj. gust,
s. Id. 2, 494) und moli molch (ahd. mhd. mol m.). Die andern
hierher gehörigen tiernamen sind: gämschi gemse, möüsi meise,
sptri spierschwalbe (Weigand), heiji biene (ahd. hia, mhd. iWc),
güegi käferchen, auch laune, grille (zu gt^g Id. 2, 160), wäspi
wespe.
3. Andere reine deminutiva auf 4 sind: äri ähre (ahd. ahir,
mhd. eher n.), brämi russfleck (s. Stalder 1, 215 bram, was Grimm
D\\T)2,292 auf mhd. räm zurückführt, 'dem hier ein b vor-
schlägt '). Wissler § 24 zählt brämi ohne ersichtlichen grund zu
den von verben abgeleiteten neutralen concretis), bürjH burzel,
bücki bottich, p'scJiüti'bocki handkarren mit bottich zum jauche-
fahren (Rütte gibt für bücki beide bedeutungen an) neben büti
f. bütte (ahd. putina), tschudi liederliches oder zerlumptes
Weibsbild (nach L. Tobler, K. Z. 22, 138 zu wurzel tschu), Dunkel
^) Die mit dem suffixe ja gebildeten deutschen nomina. GK)ttingen 1875.
DEMINUTIYA IN DER BEBNEB MUNDABT. 323
sind: näggi (Bfltte näggis 'schade, üble folge, meist ein sicht-
bares mal', vgl. Das Brot 119 niggel und 121 näggel)^ dingge-
läri n. 'dings', m. 'dingsda' (vgl. Schild Vok. § 127 anm.), chrotm'
mousi mischmasch (der erste teil zu 'kraus', vgl. Id. 3, 863
chrtm-müsi unter chrusi, Grimm DWb. 'krause mause' und
'krauserlein mauserlein').
§ 2. Deminutiva auf -i.
Weinhold (Alem.gr. §269) sagt: 'Am einfachsten ist der
antritt von i (ja) an das zu verkleinernde wort'. Fälschlich
führt er unter den beispielen auch bäsi, götti aus Th. Platter
an. Diese können schon deshalb nicht als deminutiva betrachtet
werden, weil sie weiblich und männlich sind; in dem gemein-
schweiz. göti ist vielmehr mhd. -e zu -i erhöht (vgl. Wissler § 16).
bäsi ist vielleicht analogiebildung nach göti, was um so eher mög-
lich ist, als es viele feminina auf -t gibt (vgl. Wissler kap. 1, 4); in
T lautet das wort base. — Nicht hierher gehören auch die
neutralen concreta wie lüti u. s. w. (Wissler kap. 1, 3), die reste
alter t-bildungen (ebenda kap. 2, 3) und die lehn- und fremd-
wörter auf -i (kap. 3. 4).
Von den deminutiven auf -i, die in BM im gegensatz zu
manchen andern Schweizerdialekten häufig sind, tragen die um-
lautsfähigen den Umlaut. Eine ausnähme machen einige tier-
namen und die personennamen, wenigstens die männlichen, wol
deshalb, weil nicht umlautende formen freundlicher klingen
(vgl. § 10). Manchmal tritt dasselbe wort ohne umlaut als Vor-
name, mit umlaut als familienname auf (vgl. Ludi und Lüdy,
Buedi und Rüedi),
1. Ausser den § 1 aufgezählten und § 7 aufzuzählenden
Wörtern gehören noch hierher: cfnüssi genüsschen, hüsi häus6hen,
pfänni pfännchen, tüpfi kochtopf. Obscön ist müsi cunnus (vgL
skr. muSka, s. Kluge 'maus').
2. Manche appellativa, besonders verwantschaftsnamen,
bilden abkürzungen ganz nach art von eigennamen durch
ausstossung der ableitungssilbe oder des zweiten bestandteils:
fatiy müeti, selten mueti, dökii (Bemer volksfreund 1893, nr. 239)
doktor, arzt; sodann heiti heidelbeere (der gewöhnliche name ist
höühen), himpi himbeere; obscön ist schnäbi penis (von schnob X
Schnabel).
3. Reiche bluten hat das deminutivsuffix -t bei personen-
21*
324 STICKELBEBGEB
namen getrieben; hier wird sehr häufig der zweite bestandteil
vor dem deminutivsuffix ausgestossen, ähnlich wie bei den vor-
genannten appellativa, und das wort mitunter bis zur Unkennt-
lichkeit verstümmelt; wer würde z. b. in Stüdi ein Christinchen
suchen? Eher zu erkennen ist Modi Magdalena.
4. Männliche namen ohne weitere Verkürzungen, als die
auch in der Schriftsprache üblichen, sind: Hansi, Haust (mit
vokalisierung des n), Fritei, Otti, Mit Verkürzung: Gusti Gustav
und August, Kari Karl, Ludi Ludwig, Mani Emanuel, auch
kosename für männliche baren (bare mani, vgl. § 10 anm.), Btiedi
Rudolf, Ueli Ulrich. Mit umlaut: Nöhdi Arnold. Für Baschi
(Sebastian) gibtRütte an: * gutmütiger, nicht sonderlich begabter
mensch'; auch ist es der name eines apfels.
5. Familiennamen, die sich auf männliche taufnamen
zurückfühien lassen, sind: Äebi (Abraham), Lüdy (Ludwig),
Lüihy (Leuthold, Leopold oder Lütolf?), Büedi (Rudolf), WälH
(Walther). Hähni und Hänni bedeuten wol Johann, wie Wein-
hold, Alem. gr. § 269 Hennin.
Zu den männlichen namen sind auch zu zählen: Bari name
grösserer hunde (von bär), Fidi name kleinerer hunde (von it.
fido, s. Id. 1, 681), Pudi dasselbe (eigentlich pudel), Spitjn spitz.
6. Die weiblichen namen ohne abwerfung des zweiten
teils sind meist ohne umlaut: Freni Verena, Lini Lina, Marü
Martha, Trudi Gertrud. Den umlaut haben: Bäbi Barbara (vgL
s. 321), Klärt Klara. Die gekürzten tragen den umlaut, so die
genannten Mädi, Stüdi, woneben auch Stini, ferner Bösi Rosine,
und Ürsi Ursula. Das deminutiv davon, ürseli, bedeutet ein
gerstenkom am äuge.
7. Die meisten deminutiva auf -i können noch eine weitere
Verkleinerung mit -eli annehmen, da sie kaum mehr als demi-
nutiva empfunden werden, z. b. büsseli, guseli, beijeli, giUelL
Bemerkenswert ist, dass die Weiterbildung nicht auf -ili aus-
geht, während Schaffhausen nur das letztere kennt, sogar bei
ableitung von Wörtern auf -?, z. b. engili, fögili. Auch die de-
minutiva von andern Wörtern auf i endigen auf -eli, z. b. muneli
(von muni zuchtstier), techeli (von techX deckel und techi decke).
§ 3. Deminutiva auf -li.
Weinhold (Alem.gr. §270) sagt: 'Von gewöhnlichen Sub-
stantiven bildet 'il- fast ohne ausnähme nur neutra in ^a . . .
DEMINUTIVA IN DER BERNEB MUNDABT. 325
Nach Yokalischem stamme fällt der bindevokal aus (chuolt) ' u. s. f.
und weiter § 271 : ' Von der deminutivbildung auf -K ist die in
'lin zu trennen. Beide stehen selbständig neben einander und
scheinen gleich alt'. Wissler § 22 nun meint, dass unser
jetziges Schweiz, -i und dessen compositum -li 'nicht auf das
erweiterte ahd. mhd. suffix -in, -lin, sondern das einfache -t, -li
(rja, 4-ja) zurückgehe'. Die formen ohne -n bei Schild, Vok.
s. 84, also in der Brienzer mundart, die sonst auslautendes n er-
halten hat, scheinen für Wissler zu sprechen. Ein bedenken
freilich erhebt sich dagegen, der nom. pL auf -eni und der dat
pl. auf 'ine. Aber wie Schlüter s. 187. 189 das erweiterte suffix
'in, 'lin aus dem einschieben eines n in den obliquen casus her-
leitet, so könnte man auch die pluralformen mit n in der mund-
art darauf zurückführen, sagt man doch auch z. b. diüe, dat
Chilene; flüe, dat. flüene. Kluge, Nominale Stammbildungslehre
§ 57 erklärt allerdings das germ. deminutivsuffix -ina für iden-
tisch mit der endung der abstammungs- oder stoffadjektiva, was
mit Schlüters annähme nicht stimmen würde.
1. Das suffix il-ja tritt in der mundart als -eli und in ab-
gekürzter form als -li auf; oft bildet dasselbe wort beide formen
mit einer gewissen bedeutungsschattierung, z. b. böüniU, kind-
licher höümeli (vgl. § 10). Nach stammen, die auf -e ausgehen,
fällt der endvokal zum teil weg, zum teil bleibt er, z. b. rüebli
zu rüehe, wägeli zu tcage. Wir hätten demnach eigentlich 4
klassen: 1. 'li an substantiva ohne endung, z. b. chörbli. 2. -li
an substantiva mit endung, z. b. tübell 3. 'li an substantiva
mit endung, aber mit wegwerfung derselben, z. b. stübli. 4. -eli
an substantiva ohne endung, z. b. wörteli. Weinhold (Alem. gr.
§ 270) bemerkt nur: 'Nach vokalischem stamm fällt der binde-
vokal aus (€huoli)j ebenso nach liquidem suffix'. Ueber stamm-
auslautendes l s. unten. Nach vokalen_ tritt -li ausser in dem
von Weinhold genannten chueli an in chläili (von chläuwe klaue).
2. Charakteristisch sind für die Bemer mundart die vielen
umlautslosen deminutiva auf -li, während die auf -eli seltener
sind. Mit konsonantischem stammauslaut haben wir: affU äffchen,
hog-spatzli grasmücke, x^o/Zt kosenamen für ein kind (von x^o^
kröte), Rütte tanntschupli * grösseres tannlein' (eig. wol wipfel,
zu tschup m. schöpf). Mit ausstossung des endungs-e: ammli
saugfläschchen (vgl. mämmeli § 1), chörli kleiner karren, chnufli
(von chnufe enges gemach, s. Id. 3, 937), hammU (von komme,
326 STIGKELBEBGER
ahd. ha/nima), laffli Schulterstück eines Schweins (s. Id. 3, 1107
laff), ladli (von lade brett), latli kleine latte, spangU kleine
eiserne spange (Wiedmer 155), stangli kleine Stange, aber auch
kleine stände (s. Weigand), tassU tässchen, truckli schächteichen
(von trucke, ahd. trucha),
3. Umlautslose männliche personennamen auf -U (weibliche
weiss ich nicht zu nennen) sind: Hansli als name von kanarien-
vögeln, Bär tu Bartholomäus (^Barthli der korber' Gotthelf
10, 143), Turschli Urs ('Dursli, der branntweinsäuf er ' Grotthelf
12, 1).
Eine besondere Stellung nehmen die deminutiva auf -K ein,
das an einen mit l oder n auslautenden stamm antritt.
1. Deminutiva mit stammauslautendem -l
Weinhold (Alem. gr. § 270) bemerkt, nach liquidem suffix
falle der bindevokal aus, und führt unter andern beispielen
fögili an, wähi'end er § 269 ahd. fugüi zu den deminutiven auf
i (ja) rechnet. Demnach bin ich berechtigt, bei den folgenden
wörtein suffix -U anzunehmen trotz des einfachen l Auch
Winteler sagt KM 212, 1: 'Bei stammen, welche auf l ausgehen,
. . . geht ein l verloren '. ^ Anders Schild, Vok. s. 84 mit namens-
formen wie JäkelU, die sich dem mhd. eselUn (neben eseltn) an
die Seite stellen, während bem. eseli sich mit dem nhd. eselein
vergleicht. Wie suffix -Z verhält sich stammauslautendes l\ nur
T hat siuweli (vgl. s. 320 anm.) seilchen, gegenüber dem sonst
üblichen seilL
Analog verhält sich T bei stammauslautendem II, Während
Bgd. (und zu ihm stimmt auch Gotthelf) den bindevokal hier
fallen lassen, behält ihn T bei oder kann ihn wenigstens bei-
behalten; so steht Bgd. hallt (s. unten) T h^XXeli gegenüber.
Wir haben also a) ? + Z = Z, b) K + Z = R. Im unterschied zu den
oben angeführten Wörtern haben alle umlautsfähigen den umlaut.
a) Deminutiva auf -li von stammen auf 4: sali sälchen,
schäli kleine schale, späli von spale Schulterstück von rindern,
Schafen (jedenfalls zu lat. spatula, mlat. spaUa\ vgl. basl. schifeli
Schulterstück des Schweins, was bem. laffli heisst), tvili weilchen,
schöm-hüeli lokalname (zu mhd. bühel), stüeli stühlchen. Natür-
lich gehört füll als schon ahd. i-bildung nicht hierher.
^) Elnge, Nominale stammbildungslehre § 59 dagegen nimmt antritt
von 'ja an den ansgang l und entstehnng des snfftxes -üt^n) auf diesem wege an.
DEMINUTIVA IN DER BERNER MÜNDART. 327
b) Deminutiva auf 4i von stammen auf Ih bäXXi (von
baXXe, ahd. bdlla, ballo), chräXXi (von chraXXe glaskoralle, Uli
303, 48 chrällene dat. pL), fäXXi kleine falle, verschluss, büXXi piDe.
2. Deminutiva mit stammauslautendem -n.
Sie schieben zwischen auslautendes n und -li ein d ein, um
den dentalen nasal mit der liquida zu verbinden, wie dies bei
nhd. fäkndrich der fall ist. Dieselbe erscheinung berührt Stalder,
Dial. s. 252, anm. 138, Winteler KM 212, 1. In unserer mundart
lauten die fälle ohne umlaut: mandli männlein (aber d's mändli
mache das männchen machen), tandli tännchen. Mit umlaut
(nach Stammvokalen geordnet): fändli fähnchen, stämdli stem-
lein, beindli beinchen, wmdli (von wl wein), rosindli korinthen,
ziperlndli (nach Vetter, Uli 41, 33 von 'ziparten', schlechte
pflaumen; ich möchte aber dazu bemerken, dass ziberli, das
freilich vom gleichen stamme kommt, schiebe heisst. Vgl. übrigens
Hebel 22, 98 tnhbertli), böndli böhnchen, fiöndli levkoje (dagegen
fäeli Veilchen), chörndli kömchen, ßmdli forelle (ahd. forhand)^
hörndli hömchen (eihömli eichhömchen), sündli söhnlein (zu sün,
mhd. sun), käendli hühnchen.
§ 5. Männliche deminutiva auf -x.
Weinhold (Alem. gr. § 270) sagt: 'Aus dem suffix i + l iat
auch die im alemannischen nicht häufige Verkürzung -el hervor-
gegangen '. Stalder, Dial. erwähnt sie gar nicht. In BM kommt
diese im bair. dialekt so verbreitete Verkleinerungsform zwar
nicht bei fielen, aber doch bei einer ziemlichen anzahl von
wörtein vor, während sie in der Ost- und Nordschweiz wenig
bekannt ist; nur die der bemischen nahe verwante mundart von
Leerau (vgl. meine beispiele mit Hunzikers Aargauer Wörter-
buch) weist eine reihe auf, und Basel hat dribl (Seiler, Basler
mundart drübel) und mannoggel (Seiler 199); sehr verbreitet
ist höüwel (s. Id. 2, 1824 hüwel). Allgemein Schweiz, sind güggel
und die auch nhd. bendel (mhd. n.), emiX und sechel, welch
letztere schon im Mhd. ihre deminutive bedeutung verloren
haben und darum nicht neutra sind wie die andern mhd. demi-
nutiva auf -el. Ueber das geschlecht s. § 10. Die betreffenden
Wörter drücken in BM keine oder eine sehr geringe Verkleinerung
aus, und das Stammwort wird bei der mehrzahl nicht mehr ge-
braucht. Fast alle umlautsfähigen haben den umlaut.
328 STICEELBERGEB
1. Alte deminutiva auf -2, die aber fast alle das ge-
schlecht verändert haben, sind: bängX (mhd. bendel n.), dagegen
T pänggX bengel (nomen agentis), trühX traube, trämX (mhd.
tremel n.) von iram n. (mhd. tram m.), wo also das geschlecht
des stamm- und des abgeleiteten wortes gerade umgekehrt ist;
g^ggX gockelhahn (im 16. jh. gückel, s. Weigand, zu ags. coc\
höüwX nachteule (ahd. üwila, hütcela t, nach Schade deminutiv
zu ahd. hüwo eule, uhu). Ohne umlaut ist toggX (bedeutnngen
vgl. s. 322, mhd. tockel, töckel pttppchen).
2. Neuere deminutiva auf -X sind: büebX (von bueb
knabe), pürstX bttrschchen (davon das eigentliche deminutiv
pürsteli, das aber ebenso gut direkt von purst abgeleitet sein
kann (vgl. toggX und toggeli § 1)^ Uli 387, 90 gäuchel närrchen
(zu mhd. gouch), T sifnsX sims, mürggX, mürggeli knorriger aus-
wuchs am brot (zu murgg, Das Brot 32, von ahd. murg? Vgl.
Bachmann s. 22). Ohne umlaut ist tanggX teigiges gebäck (Das
Brot 32, wol zu Stalder 1, 258 täggelen, vgl. Winteler, Beitr. 14^
470 tatsche).
3. Nur scheinbare deminutive ableitungen auf -X sind:
T bäggX schaf in der kindersprache (das vielmehr nomen agentis
zu bägge blöken ist, vgl. Rütte bäägg schrei, xmibääggeli * länmi-
lein in der kindersprache', das deminutiv zu bäggX), söü-niggX
Schweinehund (ursp. ferkel, vgl. Das Brot 129; in dem worte
steckt der name Nikolaus, vgl. Grimm DWb. * nickel '), T märmX,
Bgd. märmX und, wahrscheinlich durch Sandhi, wärmX marmor-
kügelchen, schusser (auch thür. mermel, s. Schade wiarmu/).
4. Den Übergang zu den personennamen bietet fidX name
kleinerer hunde (von it. fido, vgl. s. 324 fidt) mit artikel ver-
sehen als appellativ gebraucht. Männer-, z. t. auch knaben-
namen sind: KöbX Jakob, HänsX Hans, FredX Alfred, GödX
Gottfried, BärfX Albert. ChrigX Christian und GüggX August
haben noch gutturale Verkleinerung. SämX Samuel wird als
hierher gehörig empfunden, obschon -X stammhaft ist. Namen
auf -gX, -ggX s. § 9.
§ 6. Feminine deminutiva auf -le, -ele.
Schlüter nimmt mit unrecht s. 188 alle ahd. deminutiva
als ungeschlechtig an; Weinhold Alem. gr. § 270 betrachtet aichila,
buochila als versteckte Verkleinerungen. Auch nach dieser
DEMINUTIVA IN DER BERNEB MUNDART. 329
■
richtung ist die mundart weiter tätig gewesen, wobei die demi-
nutive bedeutung ganz verblasst ist. Etwa die hälfte der bei-
spiele bezeichnen:
1. Tiere: gaXele kastriertes weibliches schwein (ahd. gfatera,
geha * sucula ', altn. göltr verschnittener eber. Vgl. Id. 2, 296),
chätzle weibliche katze (Id. 3, 594 chätzle und chätzlere, vgl.
Schaffh. husle)y hätzk häher (Id. 2, 1831. Grimm DWb. 'hetze'
und 'atzel', eigentl. elster), tvikle steineule (vgl. alts. wigg n.
pferd, zu wegan, und emmenthaL wtggele d. L weikele hin- und
herbewegen, das Bachmann s. 21 mit kurzem i schreibt), Rütte
surrmummele * hummel, brachfliege ', wäntek wanze (Schild, Beitr.
18, 327 aus *u;andüja), spinnele spinne (dagegen ahd. spinniki
Spindel) und damit zusammenhängend spinn-hupele Spinngewebe
(ahd. wuppi n. gewebe; hupele entstand wol durch contamination
mit hupi büschel, Id. 2, 1486).
2. Frfichte (gleichsam als junge der pflanze gedacht):
eichte eichel ^ (ahd. eichila\ butle-mues eingemachtes aus hambutten
(s. Weigand; aus mnl. botte knospe, zu frz. bouton)^ chrösle
Stachelbeere (Id. 3, 861 — 862 chrüsel, zu mhd. krüse t wegen der
kruggestalt).
3. Ausserdem: chrüsle locke, krauses haar (Id. 2, 862), treichle
kuhschelle (nach Schild, Vok. s. 65 zu älterm trirüde d. L tringgle;
dazu stimmt wirklich tringek in Schmidts Id. Bemense aus dem
18. Jh., Frommanns Ma. 4, 19), T wagk, Bgd. vielleicht durch
contamination wiegk wiege (ahd. waga und wiga, Hebel 3, 15
wagk), zotk zottel (ahd. zota, zata, mhd. zote), — Auf -ek:
cMungek knäuel (mhd. Jclüngelin, ahd. clunga), tschupek häufe,
schar (Brandstetter s. 77 X stellt tschopek zu mhd. schöpf, BM
tschup vgl. s. 325).
4. Unechte fem. deminutiva auf -k sind: lamek messer-
klinge (mhd. lämel, lömel n., aus lat. kmeUd), die analogie-
bildungen ärpsek sauerdom (nach Id. 1, 433 entstellt aus lat.
berberis, tw. mit anlehnung an 'erbse') und chestek kastanie
(anderwärts chestene, s. Id. 3, 541). Eine anlehnung an die weib-
lichen deminutiva wird auch den lehnwörtem fimek männlicher
hanf (lat. femeUa) und mäschek weiblicher hanf (lat. masculus)
zu gründe liegen (über die verkehrung der bedeutungen vgl
Id. 1, 826 fimmeT).
Vgl. Kluge, Nominale Btammbildungalehre § 56.
330 STICKELBERGER
§ 7. Deminutiva auf -tschi und -tsch.
Weinhold sagt Alem. gr. § 272 : * Verkleinerndes -j? hat seine
stelle an verkürzten eigennamen wie Benzo ' u. s. w. * In jüngerer
zeit vergröbert es sich nach vokalen und liquiden gern zu tscki:
Dietschi, . . . Rütschi, Bertschi, Aus diesem gesichtspunkte sind
die Bemer und Entlibucher tsch, seh zu beurteilen'.^) Ausser
'tsch tritt oft noch i an den stamm, so dass ein doppelsuffix
entsteht; über dessen Charakter vgl. § 9. Stammauslautendes d,
t verschmilzt selbstverständlich mit dem folgenden -tsch zu einem
laute. Die umlautsfähigen haben meist den umlaut.
1. Die deminutiva auf -tschi, die von Weinhold 1. c. und
von Stalder, Dial. 255 aufgezählt werden, sind in z. t. genauerer
Schreibung: meitschi mädchen (dagegen Bgd. meitli dienstmädchen),
Jämtschi lämmchen, hier in Bgd. ein gebäck (aber lämeli hasel-
nusskätzchen, wogegen mde-büsseli Weidenkätzchen), fUXtschi
kleines füllen, hüentschi hühnchen, küchlein (von Stadler in
seiner weise richtig Hühntschi geschrieben, von Weinhold in
hüntschi verschlimmbessert, wie leider auch Rütte schreibt; diese
form könnte höchstens deminutiv von hund sein, der aber auf
dem lande allgemein hung heisst). — Zum teil ohne umlaut:
chaZptschi, chäXptschi, chaXptscheli Kälbchen, chutschi weibliches
kalb (Winteler KM 178 chüetschi; nach Id. 3, 580 wäre ableitung
von chue nicht unbedingt sicher).
2. Ausser den von Stalder und Weinhold angezählten
Wörtern habe ich noch zu erwähnen: müntschi küsschen, *mäul-
chen ' (das Stammwort mund kommt nicht vor, sondern ist durch
müX ersetzt), mütschi, mütschli weissbrötchen (zu bern. mute ab-
gestumpft, kurz, das nach Winteler, Beitr. 14, 464, zur wurzel
mug, mit ausstossung des gutturals, gehört), wlXtschi weilchen
(Rütte wyltschi).
3. Schwerer abzuleiten, weil das tsch in den stamm hinein-
gewachsen ist, sind: tütschi (Rütte dütschi * kleiner holzbock',
vgl. Winteler, Beitr. 14, 462. 465. 470 tütsche, putsche anstossen),
gigertschi und gröüptschi, gröütschi kemgehäuse des obstes (Id.
2, 153 und 2, 697 grübsch, letzteres zu mhd. grobUs, grubiz; vor
tsch wäre also js ausgefallen oder mit dem folgenden palatal
verschmolzen).
^) Anders Id. 3, 580, wo -tschi, -achi auf waUis. -ji zurückgeführt wird.
DEMINUTiyA IN DEB BEBNEB MUNDABT. 331
Von namen auf -tschi sind einige z. t von Weinhold Alem.
gr. § 272 erwähnte taufnamen anzuführen, die aber nur noch
als geschlechtsnamen gebraucht werden, nämlich Bärtschi (Albert),
Dietschi, Büetschi (Eudolf), auch Ruetsch und Butschmann (sprich
Buetschme), dazu BütscheUgass gasse in Burgdorf?
4. Substantiva auf -tsch und -tsche ohne deminutives -i
werden hier einige erwähnt, die z. t. entschieden ursprünglich
deminutiv, z. t. wenigstens intensivbildungen sind; da auch
letztere oft mit -s gebildet werden, so ist die grenze schwer
zu finden«
Ganz klar ist das von Weinhold L c. erwähnte hrüdsch^
richtiger brüetsch, nicht zärtliche bezeichnung für brüeder
(umlaut schon im sg., wie bei frösch, öpß u. a.); in diesem
falle hätte das suffix -tsch also eher eine herabsetzende be-
deutung. Deminutiv zu sehne, vielleicht ursprünglich als kind
des Schnees gedacht, ist schnetsch m. schneelawine (im gebiete
des Nap^ des Emmenthaler Rigis, vgl. Bemer volksfreund 1890,
nr. 61). täntsch m. (wie hier die als fusswege benutzten doppelten
dämme längs der Emme allgemein heissen) ist nicht deminutiv
zu ^damm' sondern gehört zu tatsch m. leichter, klatschender
schlag' und totsch m. 'unbehilfliche weibsperson' (vgl. Das Brot
34, 2 und Winteler, Beitr. 14, 470, der Stalder 1, 258 täggelen als
grundwort zu tatsche annimmt; dazu würde Staubs erklärung
gut stimmen: 'Der täntsch ist teils die aus gestampftem lehm
bereitete dreschtenne, teils der aus lehm und steinen errichtete
wasserdamm').
Eine ähnliche intensivbildung ist hötsch f. schlampiges weib
(nach Id. 2, 1798 vielleicht zu 'haken', was nach Wintelers as-
regel gut möglich wäre. Das genus hindert nicht, weil das
wort, obschon es ein weib bezeichnet, hier masc. ist; andere bei-
spiele derart s. Id.). Vielleicht können wir hier auch das
femininum flugetsche märzen- auch Schneeglöckchen, beiziehen
(vgl. Id. 1, 1176 flüderste und 1, 1181 flugertschlt). TütschX euphe-
mismus für teufel, ist wenigstens mit anlehnung an deminutiva
auf 'tsch gebildet.
§ 8. Deminutiva auf -z u. s. w.
Nicht nur das palatisierte, sondern auch das ursprüngliche
'B hat sich übrigens als deminutivsuffix erhalten, jedoch nur
vereinzelt und in Wörtern, die z. t schwer abzuleiten sind. Sie
332 STIGKELBEBGEB
treten teils mit, teils ohne weitere verkleineningssilben auf; die
damit versehenen haben den umlant.
1. Auf '£fi geht aus: güeai bonbon (vgl Id. 2, 554 gueteU).
Auf 'Zli: mätzli hundeweibchen (von nhd. meUe, das nach Elnge
koseform von Mechthild ist). Auf 'Zeli: Bärzelis-täg tag nach
neujahr (nach Staub, Frommanns Ma. 7, 382 Berchtoldstag, Das
Brot 165; 2 fest der göttin Berchta, vgl. meinen Consonantismus
von Schaffhausen, Beitr. 14, 391).
2. Ohne weitere deminutive suffixe ist vor allen dingen zu
erwähnen der Bemer mute bär, vom adj. mute abgestumpft^
kurz {mute grüesse kurz angebunden grüssen), nach Winteler,
Beitr. 14, 464 zur wurzel mug\ sodann spateg spatz, das freilich
von Winteler 1. c. s. 460 nicht als koseform aufeefasst wird
(warum eigentlich nicht? Das -e ist doch deminutiv). Eigen-
tümlich ist spare m. spargel (Basel spWrse pl.), wo also nach
Wintelers cjer-regel der guttural ausfiel. Hierher gehört wol auch
das von Schild, Vok. s. 71 als dunkel bezeichnete hüe m. kleines
kind, das schon wegen der vokallänge nicht von mhd. hutee
kommen kann; offenbar ist es das von Winteler, Beitr. 14, 464
angeführte mhd. püee apfelbutzen; eine ähnliche gedanken-
verbindung zeigt sich ja in O.-A. schoreniggeli junge frucht nach
abfall der blütenblätter (zu ^nickel', s. Grimm DWb., das ur-
sprünglich einen kleinen menschen bezeichnete).
3. Von namen auf -e und -ei erwähne ich die taufnamen
Frite (in Langenthai ist der Fritzentag ein grosses fest), Banz
und Bänei Benedikt, im kt. Bern Bendicht geschrieben (mhd.
Bene dagegen heisst wahrsch. Bernhard, s. Wackemagel, Altd.
handwörterbuch) und die geschlechtsnamen Bietet (Dietrich),
Kuene, Küenei (Konrad), üee (Ulrich).
§ 9. Gutturale deminutivbildung.
Diese von Weinhold Alem. gr. § 273 flüchtig erwähnte er-
scheinung findet sich in BM nur sporadisch; sie vergleicht sich
den Walliser Verkleinerungen in -ji, -je. Wie vielfach e, so ist
auch gg wol ursprünglich intensiv (vgl. Winteler, Beitr. 14, 457
sugge suckeln, zu saugen). Es zeigt sich nur in eigennamen
(wie denn Weinhold 1. c. den flussnamen Birsig als kleine Birs
bezeichnet), man müsste denn manoggZ männchen, schlecht ge-
zeichnete figur, hierher rechnen. Dies ist nicht ganz von der
band zu weisen, denn Hunziker gibt an: mano ^mann, als an-
DEMINUnVA IN DER BERNER MÜNDART. 333
rede in etwas burleskem tone'. Es wäre also die mhd. Inter-
jektion ä an den stamm gehängt (wie z. b. BM Hansiö^!)^ und
daran würden die deminutivsuffixe -gg und -X treten.
Die männlichen namen mit -g, -gg nehmen noch -X an, die
weiblichen auf -gg ein -t; erstere haben den umlaut, letztere nicht,
weil sie mehr den Charakter von kosenamen haben, weshalb sie
meist jungen mädchen gegeben werden, während ChrigX auch
für männer gebraucht wird. Der wortstamm erfährt verschieden-
artige Verstümmelung.
Mit g wird gebildet ChrigX Christian, mit gg QüggX August
(knabenname, darum die intensivere Verkleinerung). Mädchen-
namen sind: MaJci Alma (neueren Ursprungs), lAggi Emilie,
Miggi Marie (vgl. dagegen basl. Luggt, Liggi Luise, Miggi
Emilie), aber auch Mdrunggeli, Bunggi.
§ 10. Bedeutung, geschlecht und deklination
der deminutiva.
1. Stalder sagt Dial. 253: 'Sie [die kleinformen] werden
gebildet von dem zarten und lieblichen li, wenn der begiiff
kleinheit, und wider mit dem noch zartem und lieblicheren eli,
wenn der begriff Zärtlichkeit vorherrschend ist'. Ich füge hinzu:
-eli bezeichnet oft ammensprache, z. b. lue, das hüngeU hei es
näts täXpelil Ferner: die umlautslosen formen sind die kind-
licheren, also zärtlicheren; die kindlichsten, also zärtlichsten,
sind demnach die nicht umlautenden auf -eli. Doch ist z. b. von
bueh hüehi der zärtlichste kosename, während in den meisten
Wörtern auf -i das sufflx gar nicht mehr als deminutiv empfunden
wird. Einen ziemlich hohen grad von Zärtlichkeit drückt -tschi
aus; aber in meitschi hat es ihn verloren, weil das der gewöhn-
liche name von mädchen ist.
2. Dem geschlechte nach sind alle deminutiva neutral
ausser dem masc. auf -X und dem fem. auf -le, -ele\ die mhd.
Wörter auf -el sind in der mundart alle männlich (vgl. s. 327).
Masculina sind femer alle männlichen namen, auch die kose-
formen, z. b. Christeli, Joggeli; die weiblichen namen dagegen
sind alle sächlich.
Auf dem lande wird der artikel bei namen nicht gesetzt,
was einen Schweizer aus andem kantonen sehr fremdartig be-
rührt, z. b. wo isch MichX ? ' Mareüi cha mit nir cho ' (Waiden,
EoUegen 87). Infolge dessen hat sich bei männlichen und weib-
334 STICKELBEBQER
liehen namen eine bei appellativen nicht vorkommende schwache
datiyform erhalten oder herausgebildet, die bei deminutiven auf
-in ausgeht, z. b. U Hansin war es g'rathe (Kuhn 41). 27
Lycht chumen i mit Bäbelin (Waiden, Kollegen 44). Analog
wird äti oder durch zusammenschweissung mit dem artikel iräti
behandelt, z. b. i ha's du trätin g'seit ich habe es dann dem
vater gesagt.*)
3. Den plural der deminutiva auf -t und -li bespricht
Weinhold Alem. gr. s. 233. 235. Stalder bildet 254, b den nom.
acc. pl. äugini oder äugeni; die erstere form beruht wol auf
irrtum. Dagegen nehmen die masc. und fem. auf -i, die nicht
deminutiv sind, in der mehrzahl -ine, also das umgekehrte -eni,
an, z. b. löli, löline einfaltspinsel, bürdi, burdine (ahd. burd().
Der dat. plur. aber geht von deminutiven und andern Wörtern
gleich aus, nämlich auf -ine, auch auf -ene, z. b. tannline, tann-
lene. Doch ist die pluralbildung von Verkleinerungswörtern sehr
im rückgang begriffen; viele Wörter können die casusendungen,
wenigstens im nom. acc. pl., gar nicht mehr bilden, oder es fällt
wenigstens nicht auf, wenn er gleich lautet wie der sg. Grott-
helf hat neben einander pflugsrädleni (Uli 392) und pfiugsrädli
(393). Am wenigsten können noch dreisilbige die pluralendung
annehmen; z. b. wird das von Stalder, Dial. 253 angeführte
büöbeleni kaum mehr vorkommen. Nie scheinen in der mehrzahl
auf -eni auszugehen die deminutiva von -2 -Stämmen, z. b. ßgeUy
wol aber dat. pl. ßgeline; so hat auch Gotthelf den acc. pl.
Küngeli (Uli 21), aber den dat. pL Küngelenen (Uli 21, 58). Am
meisten haben lebende wesen, auch bäume standgehalten, z. b.
büebleni, büebline, meitscheni, meitschine, femer die Wörter: gitm,
gämschi, gusii (vgl. s. 322), chalptschi, hüentschi (vgl. s. 330),
böümli^ tandli; ausserdem: fändli, hörndli] /rd'nA^t nur, wenn kein
bestinmites zahlwort davor steht, z. b. zwöü fränkli, aber: die
fränkleni st nume so g' flöge,
4. Die deminutiva auf -X bilden ihren plural wie die meisten
andern masculina dieser ableitungssilbe (meist nomina agentis)
^) äti selbst ist nach Id. 1, 585 ans dem ahd. cas. obl. ctttin gebildet,
also kein deminutiv. Sollten die yon VTissler § 35 erwähnten bezeichnnngen
spezifisch männlicher tiere (z. b. muni) nach der analogie von äti gehen?
Oder gehen sie nach männlichen namen anf -i? Die brücke dazn wäre bäre-
tnani männlicher bär (vgl. Mani Emannel s. 324 nnd hnndenamen anf -i
ebenda).
DEMINUTIVA IN DER BERNER MÜNDART. 335
nach der schwachen deklination; das sonantische X wird zu dem
konsonantischen l, und das e (= en) der endung tritt an den so
veränderten singularstamm, z. b. pürstX, pürsfle, höüwX, höüwle
(vgl. s. 328). Von büebX wird der plural durch buebe ersetzt;
trübX bildet die mehrzahl trübk nur in dem sinn von blüten-
stand, z. b. es hange ganz trüble drä, dagegen: i ha trübX g' gösse;
bängX (mhd. bendel) bleibt unverändert.
Gern hätte ich mich noch über einige punkte verbreitet,
so über die deminutiva von w^örtern mit -Z-suffix (vgl. s. 328 die
koseformen von deminutiven [vgl. büsseli s. 322]), die deminutiven
doppelformen (vgl. s. 333); doch musste ich von diesen ab-
schnitten, wie auch von einer besprechung der deminutiva in
bildlichem sinne und der deminutiven Zeitwörter absehen, da
dies mich hier zu weit geführt hätte. Möchte dieses wenige
nicht nur dem dialektforscher, sondern auch dem Sprachforscher
überhaupt, vor allem aber dem verehrten herm Jubilar einiges
interesse abgewinnen!
DIE SIEBENBÜRGISCHE VOKALKÜRZUNa.
Von A. SCHEINEB V
(Hermannstadt).
In einer abhandlung über *Die Vertreter des alten stamm-
haften u und i und die mouillierung der konsonanten im Sieben-
bürgischen ' gibt der für die siebenbürgische volks- und diaJekt-
kunde zu früh verstorbene J. Wolff dem gedanken ausdruck,
dass eine Untersuchung der siebenbürgischen mouillierungsgesetze
auf wichtige lautveränderungen nicht allein im Siebenbürgischen
(sb.) sondern im Deutschen überhaupt licht werfen müsse. Was
Wolff im hinblick auf gewisse besonders charakteristische er-
scheinungen des (Süd-)Siebenbürgischen (ssb.) sagt, lässt sich
unschwer auf die gesamtuntersuchung der sb. mundarten aus-
dehnen.
Schon durch die giundlegende arbeit Fr. Marienburgs*)
ist die Zugehörigkeit des sb. zu einer verhältnismässig leicht ab-
grenzbaren deutschen mundartengrup})e, dem später sogenannten
Mittelfränkischen, festgestellt. An der band Braunes hat
G. Keintzel**) den mfr. Charakter aller sb. mundarten nach-
gewiesen. Die siebenbürgische geschichtsforschung kann zwar
nicht das jähr, wol aber die Jahrzehnte angeben, in denen
deutsche kolonisten die neue heimat besiedelten: es ist das die
zeit um die mitte des 12. jh. Durch fremde idiome nicht nur
von andern deutschen mundarten, vor allem den stammverwanten
fränkischen dialekten getrennt, sondern gruppenweise auch
unter einander fast völlig isoliert, sind die sb. mundarten von
1) Korresp.-blatt d. t. f. sb. landesk. 1879, s. 3.
') Arch. d. T. f. sb. landesk., a. f., 1, 3, s. 45 fif.
^ Ueber die herkunft der Siebenb. Sachsen, Bistritzer gjnm.-prog. 1S87.
SIEBENBÜRGISGHE VOKALKÜBZUNG. 337
hervorragendem sprachgeschichtlichen, ja allgemein sprach-
wissenschaftlichem Interesse und die erwartimg Wolffs auch in
weiterem umfange methodisch vollkommen gerechtfertigt.
Von dem gedanken ausgehend, dass eine vergleichende
Untersuchung der auch unter einander isolierten, jedoch er-
wiesenermassen nahe verwanten sb. mundartengruppen zur
datierung sowol als zur erklärung gewisser sprachlicher er-
scheinungen zunächst im Mittelfränkischen brauchbares material
liefern müsse, soll im folgenden eine darstellung der sb. vokal-
kürzungen versucht werden.
Mit rücksicht auf die in betracht kommenden erscheinungen
ist es notwendig, zwischen Nord- und Sfidsiebenbürgisch zu unter-
scheiden. Nur der kleinere teil der sb. vokalkärzungen kommt
auch dem Nordsiebenbürgischen (nsb.), d. L der Bistritzer (Nösner)
mundartengruppe zu; der grössere teil bildet, wenigstens gegen-
wärtig, wichtige kennzeichen des ssb., d. L der Hermannstädter
und Kronstädter (Burzenländer) gruppe. Wenn sich nun auch
die beiden hauptgruppen des sb. wol kaum wie moselfränkisch
und ripuarisch zu einander verhalten, vielmehr entgegen den
von G. Kisch in seiner abhandlung über die Bistritzer mund-
art^) öfter gemachten andeutungen auch das ssb. dem Mosel-
fränkischen weit näher stehen dürfte als dem Ripuarischen,*)
so sind die beiden hauptzweige des sb. doch so scharf von ein-
ander gesondert, dass ihre gegenwärtige Verschiedenheit zweifel-
los auf vorsiebenbürgischen differenzen beruht. Uebereinstimmung
zwischen den beiden dialekten erweckt die Vermutung, dass man
es mit vorsiebenbürgischen erscheinungen zu tun habe; was blos
einer der beiden mundartengruppen eigentümlich ist, braucht
jedoch darum nicht sb. neuerung zu sein.
I.
1. Wol hauptsächlich unter dem einfluss irgendwelcher
accentverschiebung durch Silbenvermehrung ist ursprünglich
langer (doppel-)vokal in folgenden formen gekürzt worden: allg.
sb. Mlix (heilag) gegenüber ssb. Ml-, nsb. hei- in Min, Min
(heilen); ssb. Juffdix, nsb. Mmlix (mhd. hetmelich), femer nsb.
PBBeitr. 17, 347 fif.
') Vgl. meinen beitrag 'Die mnndart der Siebenb. Sachsen', Kirch hoff,
Fonchnngen zur deutschen landes- nnd Tolksknnde 0, 171.
Festgabe flkr SieTen» 22
338 SCHEINER
Ä^fwa (heimina) gegenüber ssb. drhim, nsb. drhhn (där-heime);
allg. sb. ^(9)r (einer) und nsb. ^f {eina;) gegenüber ssb. i(»),
nsb. e (ein); ssb. h^lhfh(d)r, nsb. Jc'Un(9)r, comp, von ssb. h^lt{n\
nsb. i'Zf (cÄZeiwi); ssb. grt^^ nsb. j^fer, comp, von grius, gruis,
Aus dem ssb. können noch angeführt werden: d^lr, a^,
pl. von dil, eil (teil, seil), aber jsilr (mhd. seiler); ferner b^nr,
Stenr, pl. von W«, stin (bein, stein), ebenso feredr, comp, von brtf
(breit) und ¥lMr, pl. von Ä;7lf (mhd. kleit); ähnlich S^r, comp,
von sin (scont), h^r [im Burzenland, wie nsb., hixi^], comp, von
hiu, hui, hü (höh), h^, comp, von hiS (mhd. hübesch). Dagegen
ssb. himd(n) Qieimina), inf {eina;).
Dass die angemerkten vokalkürzungen aber nicht aus-
schliesslich unter dem einfluss des accentes stehen, vielmehr
dieser einfluss nur unter gewissen umständen wirksam wurde,
wird wahrscheinlich gemacht durch den umstand, dass vor allem
westgerm. ai > f , e oder der sb. damit zusammengefallene um-
laut von westgerm. au gekürzt worden ist, und dass die kürzung
nicht vor allen konsonanten, sondern hauptsächlich vor dentalen
eingetreten ist. Von hierhergehörigen kürzungserscheinungen
kenne ich unter andern umständen nur kürzung und gleich-
zeitige Verbreiterung des i in ssb. Svärdr, comp, von sver (stoärt).
Der mitbestimmende einfluss des dentals erhellt ferner aus allg.
sb. rMl, rhrl bezw. hrMl, hrhrl (mhd. reitel), vh%ix, vXnix (toinag),
ferner nsb. und burzenländisch — aber auch sonst ssb. — ^tr,
Utr (eitar, leitara) u. ä., denen keine als verwant empfundenen
formen mit langem vokal gegenüber stehen. Bei nsb. k^lef, pl.
k^Udr und dem (wegen seines t der entlehnung verdächtigen?)
nsb. und burzenländischen z^f pl. zHn (seita) könnte man wie
bei nsb. Mxr, comp, von htlx (höh), und Mär, comp, von Ä^i
(hühesdi) — vgl. oben — an ausgleichung zwischen mehr- und
einsilbigen formen denken. Dass aber der dental nicht an sich
schon vokalkürzung bewirkt, ergibt sich aus nsb. hedr (heitar),
edn (eidum), bref (breit) u. v. a.
2. Ganz unter dem einfluss der folgenden konsonanz stehen
aber die kürzungen vor ht [hs]. Allgemein sb. und gewiss schon
vorsiebenbürgisch ist a in brähta, dahta, täht, anadaht, i in Iffiti,
ü in dühta wie der entsprechende kurze vokal behandelt worden:
bru9xf, du9xf, duaxf, undu9xf, Ui^f, düxf wie nudxf (naht),
fr^X^ (rtÄten), fruxf (fruht). Allgemein sb. femer ßx^ (fuhti)
siebenbObgisghe vokalkübzung. 33d
und VCx^n (liuhten), welche formen überdies für sehr frühen zu-
sammenfall von tu und umgelantetem ü mit t sprechen. Zu
Rx^n stellt sich noch Ks (mhd. liuhse)y vgl. Ks (buhsa). Für
frühzeitigen zusammenfall dieser ä, ü, t mit ä, ü und if spricht
auch der umstand, dass das gekürzte mit dem ursprünglichen ä
zusammen die allgemein sb., vor ht lautgesetzliche dehnung zu
u9 mitgemacht hat.
Anm. 1. Eis ch, der der künong yor ht kein hohes alter zuzuschreiben
scheint, führt 1. c. s. 369 für mhd. bäht bistritzisch pöxi' an. Dies wort ist
aber schon wegen des anlautenden p der entlehnung verdächtig. Ich finde
mhd. bäht vielmehr im koUektivum g9bu9xt8l wider, dass ich zunächst nur
ssb. kenne, aber in der form g9bu9x auch nsb. gehört habe. Fr. Krämer^)
denkt an entlehnung des ihm nicht ganz verbürgten nsb. pdxf aus dem ssb.
Das von J. Haltrich^) mitgeteilte boxt fügt sich genau der oben ent-
wickelten regel; denn in der gegend, aus welcher H. das wort angemerkt hat,
tritt für den spaltvokal %ia ein ö auf, vgl. Eirchhoff, Forschungen 9, s. 146
anm. 2, s. 147, 4 und s. 167 § 28. Nsb. kenne ich 6 nur als entsprechung von d.
Anm. 2. Dass nur monophthonge, nicht aber auch diphthonge der
kürzung vor ht unterliegen, zeigt nsb. Idext^ {Höht) gegenüber Hxin {livhJten).
ssb. Ukxt'' weist aUerdings kürzung des eo auf; sie gehört aber einer späteren
schiebt ssb. kürzungen an, vgl. unten anm. 7. Ueber tu— eo im sb. vgl.
Eirchhoff, Forschungen 9, s. 161 und 157.
Anm. 3. In diesem Zusammenhang mögen noch angeführt werden allg.
sb. mu»x{t) und mvat (mägo und mhd. mäde swf.). Das U9 beider Wörter
weist notwendig auf primäres oder sekundäres ä zurück.
3. Allgemein sb. ist altes ü gekürzt worden in ruppa, mhd.
stüpe, dümo, chümo, also vor folgendem labial: ssb. röp, nsb.
rup\ st^ — Stip; dömon — düntdn; k^öm — ¥üm; grhnl — griml,
gegenüber hoßos — haos (hüs), eoßodr — eaodr {sur)y he^ear — JuiCJ^
(pl. von hüs), fe^edr — fae9r (füir). Wie alt die neigung ist, ü
vor labialen zu kürzen, zeigt allgemein sb. 3f, äf (üf), dessen
ursprüngliches ü noch vor der Verschiebung ies p > f gekürzt
worden ist, wie daraus erhellt, dass das wort allgemein sb. wie
huf, mlat. cuper, Itift — häf, h^f] Mfr, mfr\ Uff, hff behandelt
wird und nicht wie sufan, scüvala — ssb. jsöfn, ^i^fn; Söfl, §^fl\
nsb. eaofm, eaeff; saofl, äaefl, vgl. unten 4, a.
Die annähme, dass die kürzung des ü vor labial eine allg.
sb. erscheinung sei, kann durch die gegenüberstellung von nsb.
plaom, raom, Saom, ssb. pl8m, röm, Söm (pflüma, rüm, scüm) nicht
wol umgestossen werden, da in einer ganzen reihe echter dialekt-
1) Idiotismen des Bistritzer dialektes 2, Bistritz. gjmn.-progr. 1877, s. 103.
*) Plan zu vorarbeiten für ein Idiotikon, 1865, s. 9.
22*
340 SGHEINEB
Wörter die kürzung eines älteren oder jüngeren ü vor labial
allgemein sb., wenn auch schwer nachweisbar, so doch sehr
wahrscheinlich ist, da die gegenwärtige vokalqualität am besten
durch diese annähme erklärt werden kann. Hierher gehören
folgende formen: ssb. nöpn, nsb. nüptsn (einnicken, schlummern),
der bedeutung nach passend zu dem Schmeller, B. Wb.* 1, 1751
angeführten naupen, vgl. Grimm, Gr. 1, 347 und 956, nüben,
mhd. WB. 2, 1, 422, D. WB. 7, 474. Dazu ssb. g9n^, nsb. g9nip
(ssb. ein wackliges und darum untaugliches ding, nsb. — vgl.
Kramer 1. c. s. 96 — * Scheltwort für unruhige, im wege stehende
kinder'). Zu ahd. scuoppa ausser ssb. s^ts&jl (schuppenförmiger
dachziegel) ssb. eix söpn, nsb. jsix süpm. Wol zu ahd. scioban
ssb. S^l, nsb. S^pl (rolle) und zu ahd. sliofan ssb. SUp, nsb. St(p
(eine art kleister zum gummieren der federbetten). Zu ahd.
ziohan ssb. tsöprn und frts^pm, nsb. tsupm,
Anm. 4. Altes it, an das in den obigen beispielen allein noch zu denken
wäre, entwickelt sich vor altem doppelyerschlnsslant zunächst aUgemein sb.
zu 9 oder Ä, vgl. Eirchhoff, Forschungen 9, 142, z. b. Ä?n5pt', Jcnäpf,
praet. mit rückumlaut von Jcnäptij Jcndtpn (knüpfen). In ein paar — ent-
lehnten? — Wörtern, mhd. slupf und strupfe findet sich allg. sb. u, Hup,
itrup. Wollte man die in frage stehenden beispiele auch auf formen mit ü
zurückführen, so müsste noch eine weitere entwickelung des alten ü nach
ssb. d, nsb. ü angesetzt werden. Nun gehört aber die entwickelung der west-
germ. kurzen vokale vor altem doppelverschlusslaut zu den konsequentesten
erscheinungen im sb. , indem sich in jeder einzelmundart an diesem ort nur
je eine vokalstufe festgesetzt hat. Es ist nicht wahrscheinlich, dass ü aUein
mehrere stufen entwickelt habe, während sich unter andern auch das mit ü
in seltener weise parallel gehende i mit einer stufe ä, ä begnügt, der die
it-stufe 3, ä mit ihrem umlaut a, * vollkommen entspricht: rap, räp (rippt),
tsäpn, tsäpn (mhd. zip fei) — Jcn'^pt^, linapt (Jcnufta\ Unäpn, Unäpn (knüpfen),
ts^pn, tsäpn (nhd. zupfen), häpn, iäpn (mhd. schupfen). Dass ssb. ö, nsb. ü
(umlaut ^-i) vor mundartlichem p auf westgerm. ü oder 6 zurückgehe, macht
andrerseits die entwickelung der oben notierten mehr gesicherten formen,
dann aber auch die entwickelung des alten ü und 6 im ssb. wahrscheinlich,
vgl. unten 4 , a. Ich nehme deshalb keinen anstand , auch Wörter wie ssb.
ilöpn, nsb. ilüpm (begrüflich slupf en), Möpn—Uupm (begrifflich mhd. stupfen),
höpn — hüpm (= hüpfen machen) auf formen mit langem Stammvokal und
zwar mit ö zurückzuführen. Vgl. neben ssb. Uöpn = einen gegenständ hastig
und unbesorgt an einen (ungehörigen) platz hinsetzen, ssb. itopn, itapn =
nhd. stopfen; femer neben ssb. höpn, nsb. hüpm = hüpfen machen allg. sb.
hoptsn, haptsn = hüpfen; aber auch den gegensatz von itöpl — it^pl, itäpl
(*st6pfila — stupfUa?) wenigstens im ssb.
4. Die kürzung des alten ü und 6 erfolgt nun im ssb. in
weit grösserem umfang. Altes ü hat sich im ssb. nur vor r, s,
SIEBENBÜRÖISCHE VOKALKÜBZÜNG. 341
t und, doch weniger allgemein, vor b als länge (diphthong) er-
halten, während das kürzungsgebiet des alten ö allerdings be-
schränkter ist und seine ausdehnung überdies nach den einzelnen
mondarten sehr schwankt. Die hauptmasse dieser, gegenwärtig
wenigstens, eigentümlich ssb. kürzungserscheinungen ist nun in
soweit verwickelter natur, als es sich dabei nicht nur um eine
kürzung des vokals (bezw. diphthongs), sondern auch um eine
eigentümliche modiflzierung der konsonanz handelt. Fr. Marien-
burg, der hauptsächlich mit hilfe dieser ssb. kürzungs-
erscheinungen den (mittel-)fränkischen Charakter der mundart
erkannt hat, spricht ganz passend von einer ^Verstärkung' des
konsonanten. Diese ^Verstärkung' besteht nun entweder darin,
dass sich ursprünglich wol stets vor, gegenwärtig aber auch
nach dem alten konsonanten ein sekundärer konsonant ent-
wickelt, oder aber die artikulationssteile des konsonanten im
Verhältnis zu der des gegenwärtigen vokals verschoben erscheint
und unter umständen verbreitert wird, oder beides geschieht und
sich zur veränderten artikulationsweise des konsonanten noch
jene additive Verstärkung gesellt.
Diese ssb. vokalkürzung erstreckt sich aber nicht nur auf
ü und 6, sondern auch auf I und e, iu und eo.
Anm. 5. AUg. sb. lässt sich znsammenfall yon {, tu und mngelantetem
ü einerseits und von i und eo anderseits ansetzen.
a) Vor westgerm. p> f ist ü allg. ssb. zu ö, umlaut ^ ge-
kürzt worden: zöfn, js^fn (süfan), k'öf, dem. k'^fk'n (mlat. cüpa,
ndl. kuip)] ebenso auch vor altem f in äöfl, s^fl (scüvdla). Vgl.
noch röftix (nhd. rauJiUch, rauchlich, D. WB. 8, 262 und 274).
Weniger allgemein, mir nur aus dem Burzenland und
der Kepser gegend bekannt, ist die kürzung des ü vor altem b:
höf—h^f, döf—d^f {hüba, tüba) gegenüber Mediascherisch hceof,
dceof, dem. he^efk'n, de^efk'n mit regulärem diphthong.
Altes ist in röfn, r^fn, räfn {ruofan) und stöfl (zu ahd.
stuofa, nicht zu mhd. Staffel)^ weniger allgemein in r^ {ruoppd)
gekürzt. Gerade im Burzenland und in der Repser gegend —
vgl. oben — erscheint der reguläre diphthong: rdeip, roip, roap,
rocep. Etwa in denselben mundarten, wo tu>, bezw. sein umlaut
in ruoppa gekürzt erscheint, wird auch westgerm. eo (nicht w!)
in stiof-, Hof gekürzt: St^f, d^f gegenüber sonstigem ätdif,
stäif u. s. w. Vgl. noch Uf {liaf), SUf (ßiaf).
Anm. 6. In den oben notierten formen r^fn^ räfn scheint im gegensatz
342 SCHEINEB
ZQ r^fn das ö ähnlich dem ü in üf noch yor der yerschiebong dea p<Cf ge-
kürzt worden zn sein, und zwar müsste es mit altem ü zusammengefallen sein.
b) Vor altem t > s iai ö etwa in denselben mundarten
gekürzt worden, in denen ruoppa als r^ erscheint: bös (ftwoj'a),
ßs (fuog), bisn (buog^en), ßs (pl. von fuof), w&n (muogan), jer&
{stiegt) gegenüber sonstigem baos, betis, maosn, moisn, mocesn xl s. w.
In der Repser gegend allerdings neben feas, pL foces, bös (buoga);
doch habe ich aus dieser gegend daneben bocesn (puoggen) notiert.
Hierher gehört auch Mst (huosto) gegenüber sonstigem haosf,
heusf Vl s. w., femer auch vös^ t;& (wuohs, tvuohst), vöS, v^
{tOfWSC, tütMSCl).
Von ungefähr derselben ausdehnung ist das kürzungsgebiet
des alten eo in fl^sn, g^n, äp^ (fliogan, gtogan, spiog) und des
alten e in Us, Ms, Stls (liag, hiag, stiag). Vgl. h^, praet. von
eiskön.
c) Allgemein ssb. ist die kürzung der alten ö, ü, i, iu und e,
vor folgendem gutturalen Spiranten, d. i. vor westgerm. k> x
eo und x ^^^ vor g > ^ und ;. Hier zeigen sich nun unter um-
ständen auch die erwähnten 'Verstärkungen' in der form von
gleitlauten vor dem Spiranten oder von artikulationsverschiebungen,
richtiger artikulationsschwierigkeiten, indem nämlich der spirant
an einer andern stelle artikuliert wird, als es der vokal zu er-
fordern scheint, die artikulationssteile nicht von ihm, sondern
vom gegenwärtig noch vorhandenen oder früher vorhanden
gewesenen gleitlaut bestimmt wird.
«) 9^^j ^^ ^^'^j Sl^n, g^, St^n^ Sv^n {güth, rihhi, wthhan,
slihhan, mhd. gige, sttgan, swtgen).
ß) k^r^, r^j fl^, l^, oder, wo iu dem i gegenüber eine
gewisse rundung bewahrt hat, k'röx, röx, flöx, löx (imp. von
chriohhan, riohhan, fliogan, liogan). Dieselbe vokalstufe erscheint
in der 2. 3. sing. ind. praes. Vgl. femer b^n — böxn, g^ — göx
Xmhd. buchen und jüche).
Y) tsd^y k^rd^, Späjl, tsäjl {jsiahha, chreg, spiagai, jriagal)
und die Infinitive k'rd^n, rd^n, fläjn, Id^n.
Anm. 7. Hierher gehört anch ssb. Htxf^ (licJU).
9 9 9 9 U
(J) 6&P, br&vn, d^n, z^n, oder b&c u. s. w. oder b^x XL s. w.
oder bo^x u. s. w. (buh, brukhan, mhd. duge, sugan).
9 9 u a a
Anm. 8. x, ^y ^i ^» ^ *= ^i J in 9, u^ a-steUong.
SIEBENBÜBGISCHE VOKALEÜRZUNG. 343
a a a
fj) bäx, ddfec, k^ld^, oder 6«^"a; u. s. w., oder b<^x u. s. w.
a
{btwh, tuoh, mhd. kluoc). Hierher gehört auch Sd^ (scuoh), dessen
pl. i^n (allg. sb.) auf eine form mit g zurückgeht; hierher auch
a
das in einem teil des ssb. übliche masc. kräx (hruog), gegenüber
burzenländischem und repserischem fem. k^r&c (as. hrüka, ndl.
krutk).
Der Umlaut wird wie S — eo behandelt: dd^r (pl. von tuoh)j
fäjn (fuogen); doch zeigt sich auch — vgl unter ß) — rundung:
döxr, pfjn.
Eine vergleichung der eben angemerkten kürzungen mit
den regulären vokalen (diphthongen) lehrt, dass die kürzung erst
nach erfolgter diphthongierung der {, ü und 6 stattfand; sie
zeigt aber auch, dass sich die qualität der regulären längen seit
stattgefundener kürzung vor gutturaler spirans höchstens ganz
unmerklich geändert haben kann. Dieselben komponenten, welche
der diphthong in ve'^ef (tvip), fre^esf — frois{f) (friusis), fnÜjm
(friosan), h&i (Mar), eeur {sur), Stceai (stuol) bilden, finden sich
auch in den oben angeführten kürzen wider; allerdings steckt
der zweite komponent bisweilen derart im konsonanten drinnen,
dass nur die artikulationsweise des konsonanten sein Vorhanden-
sein verrät.
d) Kann schon beim kürzungsprozess vor gutturaler spirans
auch gegenwärtig noch von einer entschiedenen quantitäts-
vermehrung des folgenden konsonanten gesprochen werden, so
noch vielmehr bei den kürzungserscheinungen vor folgenden n,
d, ]> und l, ja auch m. Dies ist das gebiet der 'palatinalen
Verstärkungen und des nasalen n\ wie Fr. Marienburg die
erscheinungen nannte, die ihn die heimat der Siebenbürger am
Niederrhein finden liessen. Es kann nicht stark genug betont
werden, dass diese erscheinungen, die dem ssb., als ganzes be-
trachtet, ein so buntes aussehen verleihen, nichtsdestoweniger,
wenn man die einzelmundart ins äuge fasst, von ganz einzig-
artiger regelmässigkeit sind.
a) in wird zu M, sporadisch (in städtischen mundarten?)
zu hf: Sven, svht {swtn)\ Sen^n, SSndn {siAnan)\
tun > Äi, ^ oder — vgl. oben unter c, /J — Äi: nW, nht,
nSA {niun)',
eon wird, soweit ich sehe jedoch nur im Burzenland, zu
844 SGHEINER
M: ddhisn (dionön)y tsän {eiohan) gegenüber Repserisch da(Bn9n,
Mediascherisch däm;9n\
ün > ao». öv, Sm, 81» : ts(^Vj tsöv, tsöm, ts^ (^wn); umlaut:
in, hi, öHn, ^m : tsM9n, ts^dn, tsöHnan, ts^Hnan {zünen);
ön bleibt im allgemeinen ungekürzt. Burzenländisch dd^
(tuon) geht wol — vgl. ddhüBn (dionön) — auf eine umgelautete
form zurück.
Anm. 9. Allg. sb. ist fritmi wie chind behandelt, das iu demnach
wol schon Yorsiebenbürgisch gekürzt worden: ssb. frMt, nsb. frdbnt. Ebenso
allgemein sb. /"&», gto^ hto — ssb. auch /^, gM^ Ktn — {fiang, giang, hiang).
ß) ip, td > ^d, igd, ^j, auslautend iff, m, iix : Sn^dn,
Snigdn, SnMjn (sntdan); n^^f, nWcf, nU'x (ntd) u. s. w. Es gibt
aber auch mundarten, in denen die 'Verstärkung^ inlautend ganz
schwindet und sich nur im auslaut unbedeutend bemerklich
macht, z. b. Grossschenk SnHn, nef — Y = eingangs schwach
mouilliertes, ausgangs aspiriertes t
iud wird wie i]^, (d behandelt, nur dass anstatt ^ in ge-
wissen mundarten — vgl. oben unter c,ß — ö erscheint: dMdn —
d>ödjn {diuten)\ bU'f — bö^x (biutl).
eod wird, soweit ich sehe, nur im Burzenland zu d^d^j:
bä^jn (biotan) gegenüber Mediascherisch bädn.
üd wird wie i]), id, iud allgemein sb. gekürzt und zumeist
auch verstärkt; der vokal ist ö, <^, ^, die konsonanz dj, gd,
auslautend fxf ^^y ^^ die umgelautete gruppe kann man wol
dieselbe entwickelung als für iud ansetzen, doch lässt sich meist
schwer zwischen umgelauteten und nicht umgelauteten formen
unterscheiden: Mt'x, hU'x, hSkf, hm, h«okf (hüt); SdCjr, n^jr,
i^dr, igdr (üiiro). In Honigberg (Burzenland) steht dem sing.
bri^f der pl. bröfx (6^0 gegenüber. — Wie bei i}>, id, iud
findet sich auch zuweilen blos kürzung ohne Verstärkung,
wenigstens im inlaut, z. b. Grossschenk h^f— Mr.
ö]>, öd wird nur im Burzenland konsequent gekürzt und
meist auch verstärkt: brMjr, fädjr, mät'xr, hä^Xi hl^^X oder
(Kronstadt, innere Stadt) mäktr, häJcf, bläkf (bruoder, fuodar,
muoter, huot, bluot). In der Repser gegend, jedoch mit aus-
nähme von Reps selbst, wo — unter fremdem einfluss? — mötr
erscheint, herrscht länge (diphthong), in andern mundarten
widerum, z. b. in Mediasch, steht neben brceadr, fdbdr (umgelautet),
blceaf (blut), bUf (blute) mötr, hSf, ßtr (fuotar = unterfutter),
SI£B£NBÜBGISGH£ VOKALKÜBZUNQ. 345
neben fötr aber widerum fceaär (fuoUxr = futter), neben höf
(der hut) hceaf (die hnt), neben gceaf (guot) — die richtigkeit
der von Wolff vertretenen etymologie vorausgesetzt — gUr
(das vieh) wie mUr, pl. von mötr.
7) Vor { ist etwa in demselben umfang vokalkürzung ein-
getreten als vor n, p, d. In zahlreichen einzelmundarten ist
aber die 'Verstärkung' kaum mehr in anderer form als in einer
quantitätsvermehrung des (allg. sb. stark vokalischen) l kennt-
lich. In andern mundarten aber, am konsequentesten im Burzen-
land und in der Bepser gegend, besteht sie in der mouillierung
des l
il > IX, «: ßX9T, fiOar (pfildri); mi\ VU {(M).
ül > öT, ^T, (M, el — wobei sich umgelautete und nicht-
umgelautete formen wol schwer unterscheiden lassen (vgl. oben
unter d, ß) — ßX, ßt, fm, fU (fül); UT \l s. w. (}mlla)\
möX u. s. w. (müla) — jedoch stets mit ^ ^X, il (uwila).
öl wird nur im Burzenland^ (und in der Eepser gegend?),
und auch da nicht überall, im umgelauteten faolen — ßX9n
gekfirzt.
6) Vor m ist — von u abgesehen, vgl oben unter 3 —
gekürzt worden I in ISnn, löHn, Um {Um); iu in rim^n (riumö)
— rSm9n, r^eman XL s. w. ist wol auf ein vorauszusetzendes
*riomo zurfickzuführen; 6 in hlöm, bl(Bm {bluoma), auch ausser-
halb des Burzenlands und der Kepser gegend, z. b. in Hermann-
stadt blöm. Es mag gewagt erscheinen, von einem mouillierten
m zu sprechen : in löim, liim muss aber doch wol eine mouillierung
in dem sinne angesetzt werden, dass die artikulationsstelle des
m nicht auf die lippen beschränkt ist, sondern auch zahne und
zunge mit artikulieren: es findet eine, ähnlich der zum saugen
erforderlichen, zusammenziehung der lippen und Verengerung des
mundkanals statt, blöm widerum habe ich in Honigberg (Burzen-
land) blöi^m artikulieren hören.
Anm. 10. AUgemem sb. ivrriimln--ibrrimln (zu altn. Ari^, Tgl. DWb.
8, 622) deutet an, dass die kürzung des { yor m, wie die des ü in derselben
steUung auch dem nsb. nicht ganz fremd ist. Vgl. noch allg. sb. b996mm —
b9Mm9m (zu ahd. akimo).
. n.
Damit mag das gebiet der sb. und ssb. vokalkflrzungen im
grossen ganzen erschöpft sein. Soweit das ohne rücksicht auf
346 SCHEINER
die verwanten deutschländischen mondarten zulässig ist, möchte
ich das ergebnis der Untersuchung in folgenden Sätzen zusammen-
ziehen:
1. Allgemein sb. tritt unter dem einfluss einer accent-
modifizierung durch silbenvermehrung hauptsächlich vor dentalen
kürzung des ai und des umgelauteten au ein nach erfolgter
monophthongierung jener diphthonge.
2. Allgemein sb. wird langer einfacher vokal vor ht [und
hs] gekürzt noch vor diphthongierung des I und des ü, aber
nach monophthongierung des iu,
3. Allgemein sb. wird ü [bisweilen 6] vor pp (bb) und m
gekürzt vor diphthongierung des ü und wol vor Verschiebung
des inlautenden p > f.
4. Allgemein ssb. tritt kürzung des ü vor f und p> fein
noch vor diphthongieiung des ü, aber im allgemeinen nach der
Verschiebung ies p > f.
5. Allgemein ssb. werden 6, ü, i, iu, e, eo vor Jc> x, x
und g > ^, j gekürzt nach erfolgter diphthongierung der ein-
fachen und nach sekundärer diphthongierung der zusammen-
gesetzten längen.
6. Allgemein ssb. werden ü, i, iu vor n, Ji, d gekürzt.
Zeitbestinmiung wie unter 5.
7. Allgemein ssb. werden i und iu vor l und m gekürzt
nach diphthongierung des i und des monophthongischen iu.
8. Weniger allgemein, jedoch zum teil gewiss zu den
ältesten gehörig, sind folgende ssb. kürzungen:
a) des ü \0T b > V im Burzenland und der Repser gegend;
b) des 6 vor bb (pp) ausserhalb des Burzenlandes und der
Repser gegend, ebenda auch
c) des eo und e vor p > f und des ö, eo, i vor t> s und
vor st, sk, hs;
d) des eo und des umgelauteten ö vor n, ]>, d, l im
Burzenland;
e) des vor Ji, d, m — sporadisch? — auch ausserhalb
des Burzenlandes.
Diese Übersicht lehrt zunächst, dass dem nsb. unter den
genauer datierbaren vokalkürzungen nur die ältesten zukommen;
sie lehrt aber auch, dass wol zweifellos die allgemein sb., dann
aber auch mindestens ein teil der ssb. kürzungen vorsieben-
bürgisch ist. Alle jüngeren kürzungen sind dadurch zustande
SIEBENBÜBGISGHE VOKALKÜRZUNG. 347
gekommen, dass der zweite komponent eines aus primärem oder
sekundärem engen monophthong entwickelten diphthongs sich
am ort seiner ursprünglichen engebildung ganz oder fast ganz
verengte und nun entweder mit dem folgenden konsonanten ver-
schmolz, oder diesen als sekundärer konsonant verstärkte, oder
nach der Verschmelzung (mouillierung) zu einer konsonantischen
neubildung hinter dem konsonanten führte. Ausser zweifei wird
dieser Vorgang gestellt durch die bisher unbemerkt gebliebene
mundart der Eronstädter altstadt Bartholomä. Sie entwickelt
nicht nur nach altem i und ü auch vor s, sondern auch nach
jüngerem f und u welchen Ursprungs immer vor d, t, v, f, s, jb,
einen konsonanten, der zumeist als g bezw. g, aber auch als
velares ^, x, ja fast als h gehört wird, und ^ürzt { und ü zu
i und ü (richtiger ä, d. i. entrundetes Ü), die aus älterem i und
ü entwickelten ei, o^ aber zu ^ und ö (richtiger zu fast ganz
entrundetem ö). Vgl. meine darstellung der sb. mundart L c.
S.175.
Aehnlich dem bei diesen jüngsten kürzungen beobachteten
Vorgang wird man sich auch den Vorgang bei den älteren und
ältesten sb. vokalkürzungen vorstellen dürfen. Auch den ältesten
kürzungen, die oben vor die diphthongierung der f und ü ver-
legt wurden, ist wol eine Spaltung des langen vokals voraus-
gegangen, aber der art, dass der erste komponent die qualität
des vokals besass und festhielt, während sich der zweite kom-
ponent dem konsonanten assimilierte.
Anm. 11. Bezüglich der kürzimg vor pp (66) möge ein junges beispiel
ans einer ssb. mnndart erwähnt werden. Allg. sb. erscheint ^ nnd B vor altem
doppelyerschlnsslaut gedehnt als ä—öt: 2fp2, äpl pl. äpl^ (Stpl (apfut). In
Bekokten lautet nun der pl. von ^l popl und pömpl — 00 = fast Töllig
entrundetes 4- c. Die nasalierung deutet hier offenbar dasselbe Unvermögen,
einen langen vokal in gewissen Stellungen zu artikulieren, an, das in den
oben behandelten beispielen zu tage tritt: die enge wird hier mit hilfe des
gaumensegels gebildet. Aus der nasalierung entwickelt sich, indem auch das
p davon erfiasst wird, ein tu. In derselben mundart ^oU und ö^k* (ekka)
u. a. m. Ueber ähnliche, nur umfangreichere Vorgänge im nsb. vergleiche
meine abhandlung L c. s. 178.
Wie eingangs bemerkt, erwartete J. Wolf f von einer Unter-
suchung der für das (süd-)Siebenbürgische geltenden mouillierungs-
gesetze aufschlüsse über wichtige lautveränderungen in der
deutschen spräche überhaupt. Aus dem Zusammenhang seiner
348 SCHEINEB, SIEBENBÜRGISCHE YOKALKÜBZÜNG.
ausführungen ergibt sich, dass er an den umlaut und seine
lautphysiologische erklärung dachte. Die obige skizze zeigt
aber wol zur gentige, dass die ssb. mouillierung wesentlich
anderer natur ist, als die man zur erklärung des umlauts an-
zusetzen pflegt. Allerdings ist hier nur ein teil der ssb.
mouillierungserscheinungen, nämlich in gruppen mit ursprünglich
langem vokal behandelt worden, während das ssb. von ähnlichen
erscheinungen auch nach ursprünglich kurzem vokal strotzt.
Es ist aber keine frage, dass auch diese ^ mouillierungen ' erst
nach vorhergegangener vokaldehnung erfolgten. 'Mouillierung'
findet im ssb. stets nur nach langem vokal statt und kann zur
erklärung des umlauts aus dem einfachen gründe nichts bei-
tragen, weil sie progressiv ist, und — was allerdings erst bei
betrachtung der ursprünglich kurzen gruppen ganz deutlich
wird — ihrerseits den umlaut voraussetzt. Man kommt überdies
mit dem begriff mouillierung, auch wenn man den der palata-
lisierung und gutturalisierung zu hilfe ninmit, nicht aus: alle
diese konsonantenverstärkungen sind nur begleiterscheinungen
der kürzung eines ursprünglich langen oder gedehnten, jedenfalls
diphthongischen vokals. Der beitrag, den eine Untersuchung der
sb. ' mouillierungsgesetze ' der deutschen Sprachgeschichte liefern
kann, kommt demnach nicht dem kapitel über den umlaut,
sondern dem über die vokalkürzung zu gute. In ähnlicher
weise, als aus dem isolierten und in mancher beziehung gewiss
petrafaktischen Siebenbürgischen noch heute ersichtlich, mögen
auch in verwanten deutschländischen mundarten vokale gekürzt
worden sein.
ÜBER DEN
SCHWERTTANZ DER SIEBENBÜRGER SACHSEN.
Von 0. Wittstock
(Hermannstadt).
Als im jähre 1586 Sigismund Bathori den thron Sieben-
bürgens bestieg, machte sich unter dem magyarischen adel eine
bewegung geltend, die sich gegen die bevorzugte rechtsstellung
des sächsischen Volkes richtete. Um derselben die spitze ab-
zubrechen, sandte di-ei jähre darauf die nationsuniversität der
Sachsen den königsrichter von Hermannstadt, Albert Huet, mit
grossem gefolge nach Weissenburg an den hof, damit er vor
dem fürsten einen ausführlichen *sermon von der Sachsen Ur-
sprung, leben, handel und wandel' halte und die vorwürfe, dass
sie 'hosteSy adventici, inquilini, der Unger peculium' seien, zurück-
weise. Die rede, mit welcher Huet seinem auftrage nachkam,
enthält folgende stelle: 'Saxo a petra oh fartitudinem dictus,
unde derivatum PetracuU in usu fuit Vel vero secundum alias,
quia gladins anceps, vel hipennis, Sachs, appellatus fuit olim, sie
ab illo gladio, Sachsen, dicti sunt Cui rei etiam adstipulatur
usus talium gladiorum: plerumque enim Saxones talibus accincti
sunt et fuerunt, quaUs et hodie apud nos visuntur et Celsitudo
quoque Vestra nujper Cibinii evaginatos in ludo conspexit gladio-
torio.'^)
Seit M. Miles in einer Übersetzung dieser rede 2) ludus
gladiatorius mit schwerdtanz widergab, gilt die stelle als
>) Johann Seiverta nachrichten Ton Siebenbürgischen gelehrten und ihren
Schriften, Pressbnrg 1785, s. 192.
*) Siebenbttrgischer Würg -Engel von Mathias Miles, Hermannstadt
1670, 8. 153.
350 WITTSTOCK
ältester beleg über die existenz jenes brauches unter den
Sachsen. ^
Ausführlichere nachrichten von demselben tauchen aber erst
um die mitte des vorigen Jahrhunderts auf. Eine 1745 in säch-
sischer mundart geschriebene abhandlung des Honigberger pf arrers
Joseph Teutsch^) enthält eine Zusammenstellung jener volks-
bräuche, welche in Kronstadt früher üblich, zu seiner zeit schon
verschwunden oder doch im schwinden begriffen waren. In
diesem bericht finden wir die mitteilung: ^Nach diesen folgte
was bei handwerks- und andern gesellen abgekommen ist. Dahin
gehört der kürschnergesellen schwerttanz, welchen sie unter
andern spielen fast jährlich getrieben, um ihren leib geschickt
zu machen oder viel geld zu überkommen. Sie waren angezogen
mit hosen von einerlei färbe, kurzröhrigen schuhen oder schriten(?),
über dem hemde mit fransen (bändem) kreuzweise umgeben und
machten mit den Schwertern allerlei geschwinde sprünge und
bewegungen, schwangen das schwert bald über dem haupte, bald
unter den füssen, wobei aber mancher tölpel verletzte bände
und füsse zum lohn seiner langsamen bewegung davontragen
musste. Ein solcher tanz ist zwar nicht gänzlich abgekonmien,
dass er nicht zuweilen nach verlauf einiger jähre sollte wider
vorgenonmien werden, wie z. e. 1744 geschah; was aber den jähr-
lichen gebrauch belangt, hat solcher schon im vorigen säculo
aufgehört.'
Je seltener nun in der folge die aufführungen des tanzes
werden, desto erwähnenswerter erscheint er den Zeitgenossen,
die notizen über denselben werden häufiger, begnügen sich
jedoch meistens mit einer kurzen erwähnung. Etwas aus-
führlicher verbreitet sich darüber ein in Wien im jähre 1792
erschienenes werkchen: *Ueber den national -Charakter der in
Siebenbürgen befindlichen nationen'.
*Noch ein zug von den sächsischen kriegem, der merk-
würdig ist, ist der schwerdtanz, und das schneiderpferd, womit
die kirschner- und schneiderzunft, die installation eines königs-
richters verherrlichen. Zehn bis eilf geübte und geschickte
kirschner sprangen nach einer naiven und leichten musik,
zwischen scharf geschliffenen schwerdtem, womit sie aUerhand
Seiverty Die Stadt Hermannstadt s. 29.
*) Blätter für geist, gemüth und Tateriandsknnde, 1839, s. 86.
SCHWERTTANZ DER SIEBENßÜRGER SACHSEN. 351
künstliche und gefährliche teuren machten. Wie mir ein sehr
verehrungswürdiger mann gesagt hat, ist dieser tanz in Dressden
auch bekannt, und meiner muthmassung nach, mag es wohl ein
Überbleibsel jener oben berührten lanzenspiele sein, die unter
den alten Gk)then gewöhnlich waren. In unserm lande gehörte
die kirschnerzunft zur Infanterie und focht in der nähe. Die
schneiderzunft , so zur kavallerie gehörte, produzierte das
schneiderpferd, ein hölzernes hohles ross, in dem ein vermummter
Schneider Stack und gleichfaUs auf eine eigene musik allerhand
Wendungen und sprünge machte, die lächerlich ausfielen und
dem ernsten seh werdtanz folgten.'
Eine eingehende beschreibung der feierlichkeiten, welche
bei gelegenheit der einführung des Sachengrafen in sein amt
veranstaltet wurden, berichtet uns folgendes: *Die ganze in-
stallazions feyerlichkeit wird mit einem ball beschlossen. Es
ist ein sehr alter gebrauch, dass bey dieser gelegenheit die
Schneider und kirschnerburschen ihre besondem au&üge machen,
die anwesende herrschaft zu belustigen. Die erstem führen ein
prächtig angerüstetes pferd auf, welches lediglich zwey burschen,
die darinnen geübt sind, sehr geschickt vorzustellen wissen, die
letztem aber machen den schwerdtanz, welcher ebenfalls Übung
erfordert und den zuschauem schaudem verursacht' Dazu die
anmerkung: ^ Eines ähnlichen gebrauchs unter den alten Teutschen
gedenkt Tacitus, de Moribus Genn. cap. 8. Nudi juvenes (unsre
Jünglinge sind mit weissen Jäckchen, rothen ungrischen bein-
kleidem und gelben ledemen schuhen, welche kleidungsstücke
alle ganz genau an den körper anschliessen, angezogen) quibus
id ludtcrum est, u. s. w.'
Abgesehen von einer kurzen bemerkung in Marienburgs
Geographie des grossfürstenthums Siebenbürgen, 1813, s. 97 finde
ich einen weitem bericht über den schwerttanz in einer hand-
schrift der baron Bmckenthal'schen bibliothek zu Hermannstadt.
Der Hermannstädter prediger Joseph Leonhardt beschreibt
uns denselben in seinem werke 'Die bewohner Siebenbürgens'
in holprigem Deutsch, aber mit der lebendigkeit des augenzeugen:
'Der eigentliche nationaltanz der Sachsen, der aber *nur bei
gewissen feierlichkeiten, wie z. b. bei der instaUation ihres comes,
>) Siebenbfirgische qoartalschrift 1793, beschreibmig einiger der vor-
züglichsten gebrauche der Bichsischen nation in Siebenbürgen, i. 38.
352 WITTSTOCK
meistens von den kürschnergesellen getanzt wird, ist der schwert-
tanz. Es ist beinahe derselbe, den Tacitus de moribus Qerma-
norum cap. 24 beschreibt. Dreizehn bis fünfzehn Jünglinge, oder
in ermangelung derselben auch junge männer erscheinen in einer
eigends dazu verfertigten leichten kleidung auf dem tanzboden.
Einer von ihnen, der auch an seiner kleidung etwas aus-
zeichnendes hat, ist der vortänzer, und zwei von ihnen, welche
sich ebenfalls durch ihre kleidung, ihre fuchsschwänze, narren-
kappen und hölzerne klatsche auszeichnen, sind die spassmacher,
und machen manche figur mit in den tanz hinein, oder hält
auch einer von ihnen beim anfang oder am schluss des tanzes
eine kleine rede, gewöhnlich in knittelversen. Die übrigen
tänzer erscheinen ebenfalls mit schellen an den füssen, wie die
spassmacher, in der rechten hand halten sie aber ein entblösstes
Schwert, wodurch ein kränz von Wintergrün gestochen ist(!)
Nun werden auf eine musik im ^^tskt mehrere taktmässige
Sprünge in einem kreis einigemal herum gemacht, darauf stellen
sich die tänzer in eine reihe, der vortänzer macht eine figur,
wo der kränz vom schwert abgeworfen wird, und die übrigen
machen diese figur nach. Mehrere, oft sehr künstliche figuren,
wobei immer gehüpft, oft über die Schwerter gesprungen wird,
oder sie in einander verschränkt oder zusammengeschlagen
werden, füllen dann das übrige dieses tanzes, der meist gegen
eine stunde lang währt, aus.'
Noch um die mitte dieses Jahrhunderts, — zum letzten
male bei einem besuche Franz Joseph I. im jähre 1852 — ist
der schwerttanz in Hermannstadt aufgeführt worden. Ein
küi'schnermeister , der selbst dabei als tänzer beteiligt war, ent-
wirft folgende Schilderung desselben:') *Der schwerttanz wird
von 13 tänzern ausgeführt, deren einer indessen nicht unmittel-
bar am tanze betheiligt, als sogenannter hanswurst bemüht ist,
die Zuschauer namentlich durch parodirende nachahmung der
eigentlichen tänzer zu belustigen. Die kleidung der tänzer ist
folgende: halbstiefel mit goldfransen, woran kleine glöckchen
hangen, enge weisse beinkleider, darüber schwarzsammtene, mit
gold völ^utzte, bis zur hälfte der Schenkel reichende Pluder-
hosen, schwarzsammtener, enganschliessender rock mit schmalem
gürtel um die lenden, blauseidener schärpe um die brüst, weissem
*) ArchiT des Vereins für siebenbttrgische landeskunde, n. f. 9, 487.
SCHWERTTANZ DER SIEBENBÜRGER SACHSEN. 853
halskragen, blausammtnem barett mit weisser feder auf dem
haupt. Der zwölfte tänzer ist reicher als die andere eilf mit
glöckchen behangen. Der hanswurst hat die gewöhnliche bunt-
scheckige harlekinkleidung. Alle tänzer tragen scharfe Schwerter
in der hand — der hanswurst dafür die unvermeidliche pritsche.
Die figuren des tanzes sind:
1. Alle tänzer schreiten reihenweise nach dem takt der
musik einmal in der runde herum, jeder auf der spitze des
Schwertes ein kränzchen von lebenden blumen tragend, steUen
sich sodann in einer linie auf und neigen ihre Schwerter.
2. Das " kappel machen ". Die tänzer folgen einander reih-
weis tanzend. Plötzlich fallen die drei ersten ab, tanzen in
einem kleinen kreise herum, während die andern an ihn vorüber-
tanzen; dann bilden die drei nächstfolgenden einen gleichen
kreis und das setzt sich so fort, bis 4 kleine kreise zu je drei
tänzem gebildet sind; den anschein der kreisform bringt dabei
vorzüglich die schnelle bewegung der tänzer hervor. Die 4
kreise gruppiren sich um den in der mitte stehenden harlekin.
3. Der "kettengang", bestehend in schlangenförmigen
Windungen, wonach die tänzer an die betreffende person, der
zu ehren der tanz aufgeführt wird, die kränze abzugeben pflegen.
4. Das Stadtwappen (von Hermannstadt). Je zwei tänzer
bilden durch untereinanderlegen der Schwerter etwa in der höhe
des kniees das Hermannstädter Stadtwappen, (zwei gekreuzte
Schwerter) tanzen, die Schwerter in dieser läge haltend, fort
und erheben dann plötzlich alle das wappen über ihre köpfe.
5. Einer des andern schwert an der spitze fassend, tanzen
die tänzer in 6 paaren hinter einander her.
6. Das doppelte Stadtwappen tanzend gebildet durch
kreuzung von je 4 Schwertern.
7. Fussabschneiden und aufschlagen. Während des tanzes
wendet der erste tänzer sich plötzlich um und tanzt den übrigen
mit gegen den fussboden gehaltenem schwert entgegen. Vor
jedem tänzer schlägt er mit dem schwert auf den fussboden auf,
während dieser darüber springen und sich sodann sogleich um-
wenden und dem vortänzer folgen muss, so dass der letzte
tänzer über 11 Schwerter nacheinander zu springen hat (diese
schöne figur wird oft wiederholt).
8. Die doppelte brücke, gebildet durch kreuzung aller
Schwerter. .
Veitgabe fttr Sieren. 23
354 WITTSTOCK
9. Wiederholung der siebenten flgur.
10. Das radschlagen, gebildet durch eine schnelle, kreis-
förmige bewegung zu gleicher zeit von allen tänzem ausgeführt
11. Wiederholung der siebenten figur.
12. Der letzte tänzer gibt sein schwert während eines
rundtanzes ab.
13. Dem letzten tänzer werden die Schwerter rings um
den hals gelegt.
14. Wiederholung der siebenten figur.
15. Der stern. Die Schwerter werden in form eines Sternes
gekreuzt, der hanswurst kriecht unter den stern und verleiht
ihm durch seinen rücken eine stütze, der zwölfte tänzer springt
auf den stern und hält eine rede. Nach gehaltener rede wird
der Stern aufgelöst, in der runde herumgetanzt und dann folgt
16. Das doppelte radschlagen. Je zwei neben einander
hinschwebende tänzer machen mit dem schwert eine radbewegung,
so dass es für den Zuschauer den eindruck macht, als befänden
sich zwei räder einer achse in bewegung.
17. Fuss- und kopfabschneiden. Die beiden vorderen tänzer
fassen gegenseitig ihre Schwerter bei der spitze, halten eines
nach unten in der nähe der füsse, das andere nach oben in der
nähe des halses, wenden sich nun um und tanzen gegen die
andern, die alle zwischen den beiden Schwertern hindurch-
springen müssen.
18. Durch die mitte gehen. Die tänzer stellen sich zu je
6 gegenüber auf und tanzen dann nach der entgegengesetzten
Seite (mit vorgehaltenen Schwertern?) zwischen einander durch.
19. Wiederholung der siebenten figur.
20. Die tänzer stellen sich paarweise gegenüber (je 6 auf
jeder seite) und wetzen ihre Schwerter.
21. Zum schluss tanzen alle noch einmal in der runde
herum und neigen beim abgehen ihre Schwerter.'
Ich habe diesen anschaulichen bericht vollständig herüber-
genommen, da er ganz trefflich folgende kurze anweisung er-
läutert, welche ich in der zunftlade der füheren Hermannstädter
kürschnerzunft gefunden habe:^
*) Nach einer anmerknng auf dem manuskripte ist dasselbe im jähre
1883 nach einer abschrift angefertigft, die ans dem jähre 1846 datierte. Manche
ausdrücke, wie z. b. Kordisan in der veralteten bedentnng hanswurst oder
pickelhering deuten aber auf eine weit Mhere abfassung hin.
SCHWERTTANZ DER SIEBENBÜRGER SACHSEN. 355
*Der schwerdtanz wird auf folgende art getanzt:
1. Gehen alle einmal auf den takt um die runde herum,
stellen sich in eine linie und salutieren mit den Schwertern.
2. Der nattemgang. Worauf sie die kränze abgeben.
3. Gibt einer dem andern das schwert an der spitze zu
fassen y worauf der letzte das schwert abgibt und der dekla-
mationsstem gemacht wird.
4. Werden die Schwerter wieder freigelassen und der letzte
erhält auch sein schwert, worauf das kappel gemacht wird.
5. Das Stadtwappen.
6. Gibt der letzte wieder das schwert ab.
7. Gibt einer dem andern nochmals das schwert an der
spitze zu fassen.
8. Das doppelte Stadtwappen.
9. Fussabschneiden und au&chlagen.
10. Die doppelte brücke.
11. Das radschlagen.
12. Dem vordem die Schwerter um den hals legen.
13. Fussabschneiden und aufschlagen.
14. Nochmals das radschlagen.
15. Kopf und fussabschneiden.
16. Durch die mitte gehen.
17. Fussabschneiden und au&chlagen.
18. Werden die Schwerter freigelassen, auch bekommt der
letzte sein schwert und der zweite kordisan muss auch mit dem
Schwerte eintreten, worauf dann die wellen gemacht werden.
19. Stellen sich zwei zu zwei in zwei linien mit dem schwert
in der seite und auf den 3ten takt werden die Schwerter zu-
sammengeschlagen und der festtanz wird begonnen.
20. In die linie sich stellen und die Schwerter wetzen.
21. Wird noch einmal um die runde auf den takt getanzt
und beim abgehen werden die Schwerter geneigt.'
ünsem schwerttanz hält Schuster >) für den zeugen eines
germanischen schwertkultus, den er, fussend auf Grimms be-
merkung (Myth. s. 187) dem Zio zuweist. Ohne uns auf eine
mythische deutung desselben einzulassen, wollen wir ihn nur so-
weit zum gegenstände unserer Untersuchung machen, als die
>) Deutsche mythen aus siebenbürg^sch-s&chsischen queUen, Arch. d.
Ter. f. sieb, landesk., n. f. 9, 403.
23*
856 WITTSTOCK
schriftlichen nachrichten über ihn nns ermöglichen, ein sicheres
bild za entwerfen.
Diesen daten nach haben wir es mit einem yolksbraache
zu tun, der schon im 16. jh. beglaubigt ist. Auff&hrungen des-
selben haben alljährlich bis zum anfange des vorigen, vereinzelt
bis um die mitte dieses Jahrhunderts stattgefunden. Eine notiz
Schusters: ^Noch jetzt halten die kürschner in Mühlbach einen
grossen zwei nachte währenden ball, wobei früher auch der
schwerttanz aufgeführt wurden ist,' die bemerkung Teutschs^
die gesellen hätten ihn jährlich getrieben, 'um viel geld zu
überkommen', die gleichstellung mit der fastnachtsaufführong
der Schneider, dem rösschentanz, einzelne züge des tanzes, der
hanswurst mit der klatsche, die rede in knittelversen, die
schellenbesetzte kleidung der tänzer lassen uns vermuten, dass
es sich bei unserm schwerttunze ursprünglich um einen fast^
nachtsbrauch der kürschnerzunft handelte, obwol es mir nicht
gelungen ist, einen direkten hinweis darüber aufzufinden. Es
entspricht dieses genau jener entwickelung, die der schwerttanz
auch sonst genommen hat,») wie ja derselbe sowol unter den
Sachsen, als in Oesterreich und Deutschland 2) nicht nur einer-
seits als fastnachtsbrauch, sondern andrerseits als festaufführung
bei feierlichen gelegenheiten vorkommt. Während er aber ausser-
halb Siebenbürgens von verschiedenen Zünften dargestellt wurde,
gebührte diese ehre hier blos den kürschnem. Es hängt dieses
wol mit der bedeutung zusammen, welche sich jene zunft im
laufe des mittelalters errungen und die sie bis in die letzte zeit
sich zu bewahren vermocht hatte. Die kürschner haben in dem
leben unserer sächsischen Städte eine her^'orragende rolle gespielt
und standen an wolhabenheit, ansehen und einfluss unter den
handwerkem lange zeit obenan. Solange die wehrfähige bürger-
schaft die haupt^tärke der kriegsmacht unserer Städte bildete,
war dieser zunft bewachung und Verteidigung eines thores und
turmes anvertraut.*) Ueberhaupt ist die ganze wehrverfassung
>) MttUenhoff , Ueber den schwerttans s. 109. Mittheilnngen d. Teram
für geschichte der Deutschen in Böhmen 26. 36. Sepp, Die reli^on der
alten Deutschen und ihr fortbestand in volkssagen. aufzügen nnd festgebranchez
bis zur gegenwart s. 91.
*) Sepp L c,
^ Bistiitx um die mitte des 16. jhs. von Fr. Kramer, Arch. d. Ter. t
sieb, landesk., n. 1 29, 52.
N
SCH1¥£RTTANZ DER SIEBENBÜRGER SACHSEN. 357
jener zeit zum grossen teile auf die ziinfte aufgebaut, ^ denen
anch die Übung in den waffen während des friedens zufällt.
Zu diesem letztem zwecke waren besondere schiessplätze be-
stimmt, namentlich für die Übungen mit bogen und armbrust
Häufig finden daselbst preisschiessen statt, ^) die sich, auch lange
nachdem die zünfte ihre frühere bedeutung verloren, als Volks-
belustigungen noch erhalten haben. In Kronstadt wurden bis
zum jähre 1689 allsonntäglich von den verschiedenen bruder-
schaften abwechselnd schiessübungen vorgenommen. 3) ^Von den
kürschnergesellen ist zu merken, dass sie das zielschiessen auf
dem St. Martinsberg getrieben, vielleicht aber nur zu der zeit,
da sie die erde daselbst (wie man vorgibt) im eigenen besitz
gehabt, bis sie sich auch den übrigen bruderschaften zugesellt.'
Wenn wir unter uns auch nicht eigene schützengilden und fecht-
schulen zur ausbildung des städtischen fussvolkes nachweisen
können, wie sie in Deutschland existierten,^) ist soviel doch
gewiss, dass sich in den sächsischen Städten bürger und gesellen
in der friedenszeit für die Verteidigung der mauern und das
gefecht übten und die kunst des schiessens und fechtens schul-
mässige behandlung erfuhr. Eeisten doch damals in Deutsch-
land fechtmeister von Stadt zu Stadt und bereiteten den bürger
zum fusskampfe vor, die fechtschulen blühten, das handwerk
wurde vielfach gegen die tägliche waffenübung hintangesetzt.
Man darf wol die Vermutung aussprechen, dass die heutige
form unseres schwerttanzes auf diese im 14. und 15. jh. üblichen
fechtübungen der bürger zurückgeht, an denen gerade die
kürschner vermöge ihrer numerischen und sonstigen bedeutung
kein geringer anteil zufallen mochte. Wäre mir die betreffende
litteratur zugänglich, so würden sich vielleicht in unserer an-
weisung, wie der schwerttanz getanzt werden soll, noch reste
jener kunstausdrücke nachweisen lassen, wie sie die fechtbücher
des 15. jhs. enthalten.^)
*) lieber gewerbe imd handel der Sachsen im 14. n. 15. jh. Ton 0. v.
Meltzl 8. 17.
*) Dr. Fr. Tentsch, Ans dem si&chsischen leben vornehmlich Hermann-
stadts am ende des 15. jhs., Arch. d. Ter. f. sieb, landesk., n. f. 14, 194.
•) Blätter f. geist u.s. w. 1839, s. 87.
*) Jahns, Handbuch der geschichte des kriegswesens s. 925.
*) Selbst die Hermannstadter beschreibnng des tanzes scheint ausdrück-
lich zwischen fechtübnng und dem reigen zu scheiden, denn in pnnkt 19 be-
merkt sie, dass dann erst der festtanz beginne.
358 WITTSTOCK, SCHWEETTANZ D. SIEBENBÜRGER SACHSEN.
Meine annähme, dass unser schwerttanz in seiner heutigen
form auf die fechtübungen des mittelalters zurückgehe, wird
auch noch durch die zahl der tänzer gestützt, ünsem nach-
richten nach schwankt dieselbe zwischen 10 — 15 teilnehment
Ursprünglich scheint die ganze gruppe aus den 10 tänzem, dem
vortänzer und einem oder zwei harlekins zu bestehen. Die
'zehnschaft' ist aber die taktisch -administrative einheit des
mittelalters. Als administrative abteilung der hundertschaft hat
sie sich auf unsern dörfern noch bis in die letzte zeit erhalten,
als taktische einheit finden wir sie noch in einer heerfahrts-
ordnung des sächsischen dorfes Bodendorf aus dem ende des
17. jhs.^) Aus dieser waffenübung der kürschnerzunft ist im
laufe der zeit ein fastnachtsbrauch geworden und schliesslich —
hier setzt nun spezifisch sächsische entwickelung jenes volks-
brauches ein — ein wesentlicher bestandteil jener festlichkeiten,
welche die amtseinführung des höchsten sächsischen beamten,
des Sachsengrafen verherrlichten. Die sage war rasch zur hand,
beides zu verbinden, indem sie erklärend und motivierend dazu-
tritt mit dem berichte, die kürschner von Hermannstadt hätten
einst bei Talmesch eine heldentat gegen die Türken verrichtet
und einen comes herausgehauen. Dafür erhielten sie die ehre
bei feierlichen gelegenheiten, besonders bei der einführung eines
neuen comes, den schwerttanz aufzuführen. 2) Die datierung
dieser sage, Verlegung in die schwere zeit der Türkennot, welche
in dem gedächtnis des Volkes bis zum heutigen tage haften
blieb, die lokalisierung, Talmesch am Rotenturmpasse, durch
welchen der einbruch der Türken so oft erfolgte, lag nahe.
Die folge jener Verbindung zwischen der aufführung des
Schwerttanzes und der comesinstallation war aber die, dass
Hermannstadt, der amtssitz des Sachsengrafen, jenen volksbrauch
bis zur mitte dieses Jahrhunderts lebendig erhielt, während er
in den meisten andern sächsischen Städten, wo diese Vereinigung
nicht eintreten konnte, schon weit früher schwand.
>) Korrespondenzblatt des ver. f. sieb. Landeskunde 18, 94.
*) Fr. MüUer, Siebenbttrgische sagen s. 296.
zu DEN FLURNAMEN.
Von K BOHNENBEBOEB
(Tübingen).
Ein persönlicher grund g^bt mir anlass, gerade an dieser
stelle die flumamen zu behandeln. E. Sievers hat mich vor
einem Jahrzehnt durch eine Preisfrage über die schwäbischen
Ortsnamen auf die unter letzteren zahlreich vertretenen flur-
namen hingeführt. Und wenn früher die flumamen wenig zu-
gänglich waren, weil man sie erst im einzelnen an ort und stelle
zu sammeln hatte oder ortskarten entnehmen musste, welche schwer
erreichbar und auch vielfach für unsere zwecke unzulänglich
sind, so erhalten wir nun seit einem Jahrzehnt im Südwesten des
deutschen gebietes in kurvenkarten im massstab 1 : 25 000 niit
eingetragenen flumamen eine ganz vorzügliche quelle. Die grosse
mehrzahl der flumamen ist in diesen jedermann zugänglichen
kartenwerken verzeichnet, und dank den höhenkurven und dem
grossen massstabe der kartenblätter ist der Charakter des ge-
ländes, welchem die bezeichnung zukommt, deutlich zu erkennen.
Es liegt nahe, eine noch einigermassen durchsichtig appellative
flurbezeichnung, die auf einer derartigen karte eingetragen ist,
neben Wörter zu stellen, welche litterarische quellen im Zu-
sammenhang des Satzes und gedankens überliefern.
^) Topographischer atlas des ght. Baden im massstab 1 : 25 000 bearbeitet
1875—1886, citiert mit B. — Atlas des kr. Württemberg i. m. 1 : 25000, im
beginn des erscheinens, citiert mit W. — Topographischer atlas der Schweiz,
Siegfried-^laSf i. m. 1 : 25000 nnd im hochgebirge 1 : 50000, znm grössten
teil erschienen. — Die karte der HohenzoUerschen lande 1 : 50000, Berlin
1863, gibt entsprechend dem kleineren massstabe nur wenige flumamen. Ganz
unbrauchbar ist für unsere zwecke trotz ihres grossen massstabes und ihrer
höhenkurven die geologische karte von Preussen und den thüringischen Staaten,
1 : 25 000.
360 BOHNENBERGEB
Man hat bis heute den Ortsnamen und flurnamen an ernster
Untersuchung weniger zuteil werden lassen, als sie verdienen.
Bei den flurnamen mag dies bisher mit ihrer geringen zugänglich-
keit entschuldigt sein. Für die Ortsnamen gilt diese ent-
schuldigung aber nicht, und dazuhin haben wir hier für die
älteren formen der namen in weiten gebieten genügend gute
Urkundenpublikationen. Die fragen, welche W. Arnold in fluss
gebracht hat, haben grosse teile deutschen gebietes gar nie
ernstlich bewegt und sind auch in den übrigen rasch wider ins
stocken geraten. Ueber die Ortsnamen im dienste der geschichte
habe ich in der Allgemeinen zeitung, beilage 1888, s. 4177 er-
wägungen allgemeinen Charakters gegeben. Heute wären auch
diejenigen flurbezeichnungen beizuziehen, welche nicht nach-
träglich zu Ortsnamen geworden sind. An dieser stelle möchte
ich entsprechend auf die bedeutung der flurnamen für sprach-
liche zwecke hinweisen und daran anschliessend einige belege
aus B und W geben.
Wie schon gesagt: karten mit deutlicher geländebezeichnung
sind im gründe mit ihren flurnamen, wenn deren appellative be-
deutung noch einigermassen klar zu tage tritt, so gut als quellen
des Sprachschatzes auszunützen wie litterarische denkmäler. Sie
stehen wohl unstreitig in vielen beziehungen hinter letzteren
zurück, aber sie haben auch wider ihre eigenen Vorzüge. Die
flurnamen treten in den karten stets in genauer örtlicher
fixierung auf, wie wir sie in litterarischen denkmälem nur in
seltenen fällen haben. Wenn Paul (Sitzungsberichte der bayr.
akad. d. w., phil. cl. 1894, s. 90) als wünschenswert bezeichnet,
* dass die räumlichen, zeitlichen und sonstigen grenzen des Sprach-
gebrauches im Wörterbuche mit ausdrücklichen Worten angegeben
werden', so ist unbedingt zu fordern, dass der redaktor des
Wörterbuches sich selbst über diese grenzen möglichst genau
orientiert. Nun gehen unter den flurnamen wol viele mehr dem
sprachgute parallel, welches idiotiken aufzuzeichnen haben, als
demjenigen, welches gemeindeutsche Wörterbücher geben. Be-
kanntlich pflegt aber kein fester kanon darüber eingehalten zu
werden, wie weit ein gemeindeutsches Wörterbuch auch auf
mundartliches sprachgut einzugehen hat, naturgemäss ist auch
nur eine entscheidung nach den praktischen bedürfnissen möglich,
und immer ist manches mundartliche als parallele und ergänzung
zu Wörtern, welche in der Schriftsprache vereinzelt stehen, bei-
zu DEN FLUBNAMEN. 361
zuziehen. Den grösseren gewinn werden idiotiken aus der be-
achtung der flumamen ziehen, aber auch für ein 'deutsches
Wörterbuch' wird derselbe nicht unbeträchtlich sein. Unter den
mundartlichen Wörterbüchern ist es einer der grossen Vorzüge
des Schweizerischen idiotikons (Schw. id.), dass es grundsätzlich
flumamen herbeizieht — Weiter haben die flumamen manches
sonst verlorene oder arg zurückgedrängte sprachgut bewahrt.
In diesem falle rücken sie in die Stellung eines Sprachdenkmales
älterer zeit ein. Man darf also nicht ohne weiteres all das
sprachgut, welches in flumamen auftritt, der lebenden mund-
art zuweisen. Letzterer sind die betreffenden Wörter nur dann
zuzurechnen, wenn die flumamen noch in ihrer appellativen
bedeutung verstanden werden. Ist letzteres heute nicht mehr
der fall, so sind die hier auftretenden bezeichnungen tote reste
eines früheren Sprachbestandes. Welcher zeit sie freilich an-
gehören, wird sich auch nur in den seltensten fällen annähernd
bestimmen lassen. — Endlich flnden wir auch in flumamen Wort-
bedeutungen bestimmter und concreter gefasst, als wir sie sonst
kennen, oder eigentümliche nuancen, welche sonst fehlen.
Fällt der hauptgewinn aus der beiziehung der flumamen
dem Wörterbuche zu, so erhält doch auch die grammatik ihr teil.
Für die lautlehre ist es in manchen fällen schon von beträcht-
lichem werte, wenn die zahl der sonst recht spärlichen belege
für einen lautwandel durch flumamen ergänzt wii*d. Dann ist
es von prinzipieller bedeutung, wenn namen, deren appellative
herkunft vergessen ist, doch dem lautgesetze folgen. In assimi-
lationen und abschleifungen gehen die ungeschützten namen oft
beträchtlich weiter als die besser gedeckten appellativa. Für
die flexion werden die flumamen meist nur wenig bieten, aber
ich kann nachher unter den beispielen auch solche aufführen,
welche die flexion betreffen. Die wortbüdungslehre zeigt wider
mancherlei beachtenswertes. Zunächst fragt sich, welche sufflxe
zu flumamen besonders geme verwendet werden. Dann ist die
klasse der composita hier sehr reich vertreten und zum teil in
recht eigentümlichen bildungen.
Für das verfahren bei der ausnützung der flumamen für
sprachliche zwecke ergibt sich in praxi ein doppeltes. Ein teil
des materials ist bei einiger kenntnis der mundart auch an
einem beliebigen orte allein schon auf grund der karten zu ver-
arbeiten, zu anderem bedarf es erst der bekanntschaft mit der
862 BOHNENBERGEB
volkstümlichen gesprochenen form des namens. Es ist eine be-
kannte Sache, welch weitgehende und wunderliche misverständ-
nisse oft der üblichen amtlichen Schreibung von flumamen zu
gründe liegen, und man kann fast aus jedem dorfe ergötzliche
beispiele beibringen. Mannigfach, aber durchaus nicht immer,
wird man auch aus der ferne die mundartliche form aus der
geschriebenen erschliessen und die Verwechslung berichtigen
können. In anderen fällen hat die geschriebene namensform
sprachlich interessante eigentümlichkeiten ganz entfernt, so dass
man überhaupt erst durch die gesprochene form auf das problem
aufmerksam gemacht wird. Oft auch muss man von der ge-
schriebenen form aus wenigstens bei einem non liquet stehen
bleiben, wo die gesprochene form sicher entscheidet. Damach
ist für eine erschöpfende ausnützung der flumamen eine an ort
und stelle gemachte aufzeichnung der gesprochenen namensform
nicht zu umgehen, und es wird freudig zu begrüssen sein, wenn
diese arbeit an möglichst vielen orten angefasst wird. Haben
wir Schulprogrammen und dissertationen für beschreibung der
mundart bestinmiter orte viel zu danken, so wäre es sehr
wünschenswert, wenn derartige abhandlungen auch die flumamen
bestimmter bezirke nach unseren heutigen anforderungen sprach-
lich behandeln wollten. Dilettantisches haben wir schon in
ziemlicher zahl, wissenschaftlich brauchbares wenig. Wenn die
sprachlichen kenntnisse zur beschreibung einer ortsmundart aus-
reichen, so muss auch in erklärung der flumamen befriedigendes
zu leisten sein. Andererseits ist aber zugleich mit hilfe der
karten vorzugehen. Ein teil des materials ist auch auf diesem
leichter begehbaren wege zu gewinnen und es wird lange genug
dauern, bis wir eine grössere anzahl Untersuchungen auf grund
der gesprochenen form besitzen. Beide methoden haben einander
in die bände zu arbeiten. Auch der lokalforscher ist auf die
ergebnisse angewiesen, welche auf dem anderen wege gewonnen
werden. In diesem sinne werde ich unten versuchen einige
belege aus B. und W. zu geben. Des näheren fallen natur-
gemäss die fragen der grammatik mehr der ortsbehandlung zu,
hier bedarf es genauer bestimmung des namens auch bezüglich
der an ort und stelle geltenden mundart. Für die behandlung
auf grund der karten kommt in ausgedehnterem masse das
Wörterbuch in betracht. Dies wird sich auch an meinen be-
legen zeigen.
zu DEN FLÜENAMEN. 363
Habe ich bisher nur die bedeutnng der flomamen fär die
strikte wissenhaft in betracht gezogen, so läuft daneben meines
erachtens heutigen tages noch ein anderer gesichtspnnkt her.
Wir haben in praxi anch die aufgäbe, auf die bedflrfnisse
weitei*er kreise in sprachlichen dingen rftcksicht zu nehmen,
nicht allein um der letzteren willen, sondern zugleich auch
wider im Interesse unserer Wissenschaft. Die menge der vor-
liegenden dilettantischen litteratur beweist hinlänglich, wie sehr
weite kreise darauf aus sind, die Ortsnamen und flumamen ihrer
Umgebung sich auszulegen oder auslegen zu lassen, und der
germanist kann täglich durch fragen, welche an ihn persönlich
gerichtet werden, diese erfahrung machen. Vielleicht trifft dies
uns hier zu lande im S. W., wo wir dem gebirge mit seinen
hervortretenden flumamen nahe sind, und wo neben den Sektionen
und mitteilungen des deutsch -österreichischen alpenvereins noch
unsere Alb- Schwarzwald -Vogesenvereine mit ihren zum teil recht
ausgedehnten Organen auftreten, in besonderem masse, aber auch
sonst wird man diese beobachtung machen können. Mag man
nun die nützliche und schädliche seite dilettantischen treibens
auf sprachlichem gebiete gegen einander abwägen wie man will,
und ich für meine person und nach den erfahrungen, die man
in Württemberg zu machen hat, bin gewiss nicht in gefahr
erstere zu hoch anzuschlagen oder letztere zu verkennen, immer
werden wir es als gewinn anzusehen haben, wenn es gelingt,
dieses Interesse weiterer kreise einigermassen in richtige bahnen
zu lenken. Wir sind diesem bestreben gewisse rücksicht schuldig,
und andererseits hat die Wissenschaft den vorteil davon, wenn
nun auch solche kräfte in ihrem dienste arbeiten, die bisher
nutzlos verbraucht wurden oder ihr gar den boden verderbten.
Hierzu ist aber das beste mittel, wenn wir die Ortsnamen und
besonders die flumamen in unser arbeitsgebiet aufnehmen.
Dilettantische behandlung derselben wird dann immer noch neben
der wissenschaftlichen hergehen, aber sie ist dann nicht mehr
die einzige. Wie Kluges Etymologisches Wörterbuch weite leser-
kreise gefunden hat, so wird auch wissenschaftliche behandlung
der namen ihre stelle flnden, und mancher, welcher bisher durch
das disziplinlose verfahren der dilettanten selbst zu solchem
verführt wurde, wird durch besseres beispiel Verständnis für
richtigere behandlung gewinnen. Sieht man ältere schweizerische
arbeiten über sprachliche fragen aus der zeit vor 20—40 jähren
364 BOHNENBERGER
an, so wundert man sich, wie besonnen und richtig methode
und ergebnis dort sind. Der grund hierfür liegt doch zum teil
auch darin, dass in der Schweiz die Wissenschaft mehr in be-
rührung blieb mit den populären Strömungen und dadurch letztere
mehr in ihren schranken hielt, dass sie die populären Strömungen
mehr zu beeinflussen und zu heben wusste. Bei uns in Württem-
berg hat sich lange und bis in die letzte zeit herein arger
dilettantismus in sprachlichen dingen breit gemacht, er ist auch
in amtlichen Publikationen aufgetreten, und hat so einen ge-
wissen schein von Sanktion erhalten. Und doch lässt sich auch
hier mancher für ein wissenschaftlicheres verfahren gewinnen,
wenn man ihm nur an die hand geht und ihn nicht allzurasch
in strenge bahnen zu bringen sucht. So wird es möglich sein,
auch weitere kreise anzuleiten, für fragliche namen die ge-
sprochene foim genau zu bestimmen, singulare bezeichnungen
zu sammeln, nachzufragen, wie weit die einzelnen benennungen
noch in appellativer bedeutung verstanden werden. Es wird
da viel dem individuellen geschmack und der individuellen
neigung überlassen bleiben, aber alles in allem wird es von ge-
winn sein, wenn wir in berücksichtigung der flurnamen auch
den anschauungen weiterer kreise rechnung tragen.
Soll ich an diese allgemeinen ausführungen einige belege
anreihen, so greife ich zunächst aus den in B und W ver-
zeichneten flurnamen solche heraus, welche für das Wörterbuch
von Interesse sind. Unter den bezeichnungen für berge und
höhen im weitesten sinn stehen buhl und berg voran. Eine
Scheidung beider, sofern buhl auf schwäbisch - alemannischem
boden das ältere und ursprünglichere sein soll, wird nach B
kaum gelingen. Manchmal scheint wol ein kartenblatt hiezu
zu stimmen, ein nächstes wirft aber wider alles um. Neben
diesen gemeinen bezeichnungen finden sich dann eine ganze reihe
solcher mit beschränkterer Verwendung. Ich nenne hübel = hügel
(vgl. besonders Schweiz, id. 2, 948) in Lüshübel, Hübel B 165, dann
in dem vielfach vertretenen Gieshübel, Gisshübel, Gifsibel B 74.
91 — 93. 99. 166, W 80. Die bedeutung des bestimmungswortes
in letzterer bezeichnung bleibt noch fraglich. Schon Buck^
s. 84 nimmt mit recht an der ableitung von giege = strömendes
Wasser anstand. Wenn als vokal i vorkommt, worauf Gisshubd
^) M. B. Back, Oberdeutsches flomamenbach, 1880.
zu DEN FLURNAMEN. 365
und Gissendobel B 148 hinweisen, ist mhd. ie ausgeschlossen.
Schweiz, id. 2, 949 nimmt mhd. Ms an und beruft sich auf
sonstige parallelen g :k, bez. x. In Oesterr. weistümer 5, 859
wird gissengefdhr = wassergefahr gedeutet, Zahn kennt einen
CHissgraben und gibt für heutiges Giessenberg ältere formen mit
t*. Zunächst wäre zu bestimmen, welchen vokal die einzelnen
mundarten heute sprechen. — kapf, Jcäpfle. In den nördlichen
teilen von Baden vereinzelt, von B 92 an auf den meisten
blättern vertreten, sowol im innem Schwarzwald als an dessen
rändern und in dem östlich anschliessenden gebiete. Nur die
eigentliche Kheinebene hat keine Verwendung für kapf. Ganz
selten in composition, offenbar nicht so häufig verwendet, dass
unterscheidende bezeichnung nötig ist, vielleicht liegt solche
auch nicht nahe. Der kapf mag stark ausgeprägt« hauptmerk-
male haben, neben welchen unterscheidende nebenmerkmale
zurücktreten, auch ist er kein besitzstück, welches man nach
dem besitzer nennt. Als bedeutung gibt Schw. id. 3, 407: rund-
liche kuppe, bergvorsprung, hügel, meist zugleich aussichtspunkt,
ahd. chapf ort, wo man ausschaut, gipfel, mhd. kapf (nur aus
Schweiz, quellen) und J. L. Brandstetter (Geschichtsfreund 44,
238) nennt kapf unter den benennungen für signalpunkte. Das
wort ist jedenfalls gemein schwäbisch -alemannisch, und ob die
bedeutung nicht ursprünglich vielmehr ist: ort, welcher aus-
schaut, emporragt? — köpf überall in B, W und HohenzoUem
vertreten, fast immer in composition. köpf heissen boden-
erhebungen der verschiedensten form, spezielle Verwendung hat
die bezeichnung aber in zwei bedeutungen. köpf ist der höchste
teil einer ausgedehnteren bergmasse, eines bergzuges und dann
im breiten flussthal ein geschiebehauf en. In ersterer Verwendung
mag eine beziehung auf den entsprechenden menschlichen körper-
teil vorliegen, aber diese vergleichung geht nicht soweit, dass
die zahlreichen bezeichnungen mit einem tiemamen als be-
stimmungswort alle den betreffenden berg mit dem köpfe des
entsprechenden tieres vergleichen wollen. Letzteres ist wol
möglich, aber nicht immer der fall, so wenig als bei compositis
mit 'buckel immer an den buckel, rücken des betreffenden tieres
zu denken ist. Ochsenkopf, Eselskopf, KaUsenkopf ist nicht immer
ein berg, welcher dem köpfe eines ochsen, eines esels, einer katze
1) Joseph y. Zahn, Ortsnamenbach der Steiennark im mittelalter, 1893.
366 BOHNENBERGER
gleicht, sondern häufig nur der köpf, der höchste teil einer höhe,
die in irgendwelcher beziehung zu ochsen, eseln, katzen steht
Sicher ist letztere deutung da, wo andere flumamen mit dem-
selben tiemamen daneben auftreten und diese flumamen nicht
erst von der bezeichnung des berges abgeleitet sein können, so
Ochsenkopf B 23 neben Odisenlager, Eselskopf B 78 neben Esels-
brunnen. Als bezeichnung angeschobener kieshaufen am fluss-
ufer ist köpf am Rhein von B 45 an sehr häufig eingetragen. —
In verwanter bedeutung geht grün (grien), daneben her, als
gegensatz grund. Vgl. auch Schw. id. 3, 411 unter d). — grind
würde sich nach der gewöhnlichen deutung direkt an köpf an-
schliessen, sofern es diesem völlig synonym genommen wird.
B gibt neben den bekannten Hornisgrinden auch Langengrinde,
an welchen der Langenbach hinfliesst. Die bezeichnung *lang'
wird hier nach läge der sache vom berg ausgehen. Aber woher
der plural? warum hier (B 73. 78) neben den zahlreichen -köpf
in ganz gleicher bedeutung zweimal -grind? Schw. id. 2, 166
gibt neben der gemeinen fassung aus Graubünden die bedeutung
* abschüssige berghalde ' und den ausdruck in die Grinde uf mäje^.
Auch die Homisgrinde haben oben eine breite fiäche mit spär-
licher grasdecke. Zu beachten bleibt auch immer, dass im
innern Schwarzwald -grund in menge als fiurname an bergen
angeschrieben ist. — huckel hat zu wenig charakteristische be-
deutung, als dass es im simplex als flumame verwendbar wäre,
erscheint daher regelmässig in composition. Das wort gibt wie
köpf bodenerhebungen der verschiedensten art den namen, streng
genommen bezeichnet es rasch ansteigende, aber immer noch
gangbare, wol auch etwas gerundete höhen. In den zahlreichen
Katzenbuckel wird zum teil beziehung auf den buckel des tieres
vorliegen entsprechend den ebenso zahlreichen Hundsrücken,
aber diese composita mit tiemamen können hier so gut wie bei
köpf auch nur einen bergbuckel meinen, der irgendwie mit dem
betreffenden tiere etwas zu tun hat. So haben wir z. b. auch
neben einander: Katzenbuckel, Waldkatzenbach, Katzenberg B 25.
Besonders häufig erscheinen in B flumamen mit buckel vom
Neckar bei Heidelberg zum Katzenbuckel im Odenwald (B 32.
22. 23. 16). — rücken ist in flumamen viel gebraucht, so Esels-
rücken B 46, Gaisrücken B 88, Bossrücken W 79 und sehr
häufig Hundsrücken. Die mundart hat heute zum teil
wenigstens das wort verloren. — bück. Die bedeutung bestimmt
zu DEN FLURNAMEN. 367
Stalder*) 1, 237: 'eine kleine anhöhe, vorzüglich ein httgel, der
nicht zugespitzt ist, sondern in cylindrischer gestalt sich erhebt '.
Was Stalder meint, ist deutlich, wenn er auch statt von cylin-
drischer gestalt besser von abgestumpftem kegel reden würde. Auch
Schmeller' 1, 206 kennt bucJc = hügel. In flumamen ist bück
in der regel in composition verwendet. Belege gibt B besonders
zahlreich im südwestlichen Schwarzwald in den vorbergen und
den ersten höhen des geschlossenen gebirges (B 105. 106 oft,
107. 115. 116. 127. 128 mehrfach, weiterhin auch noch auf der
mehrzahl der blätter vertreten). — buss. Bück s. 41 : erhöhung,
buckel; buss wird noch jetzt jeder buckelartige körper genannt.
Schmidt) zieht den namen des Bussen bei Riedlingen an, die
übrigen Wörterbücher kennen nichts entsprechendes. In B er-
scheint buss teils als simplex (B 98), teils als bestimmungswort
in composition {Busskopf B 24 94, Botenbusswald B 99), buss ist
also ein flurteü, welcher nicht erst des unterscheidenden Zu-
satzes bedurfte. — bohl, boll Meist als simplex (B 114. 132.
134. 135. 146. 147. 149. 153. 157, böllen B 141, bohle B 147),
oder in composition als bestimmungswort {Bohlkopf B 133), selten
als grundwort {Bebenböhle B 146). Bück s. 32: bohl m. = hügel,
Stalder 1, 199: bol, bohl f. = anhöhe. — noü, mhd. nol, nolles,
ahd. hnol Stalder 2, 243: Nollen m., eine starke böschung am
äussersten ende eines hochgebirges (Bemer oberl.) oder dessen
oberster gipfel. In B sind damit benannt aus dem felde auf-
steigende freistehende hügel von massigem umfang und massiger
höhe, in länge und breite annähernd gleich, oben auf eine
ziemlich kleine ebene fläche zusammenlaufend. Häufig ver-
wendet als Simplex (B 129. 133. 140. 143. 158), auch als be-
stimmungswort in composition {Nollenberg B 89, Nollenkopf
B 141). — staufen erscheint häufig {S taufen B 89. 143, S taufen-
berg B 67. 77, Staufenkopf B 88). — scharen. Lexer, Mhd. Wb.:
schar, scharre swm. schroffer fels, felszacke. Schmeller 2, 460.
In B meist an recht massig und langsam ansteigenden punkten
eingezeichnet. Scharen selbst häufig genannt, besonders im s.
(B 101. 107. 134. 135. 136. 157), auch in composition verwendet:
Schambach B 82, Schamwald B 89, Schar enkopf B 94, Scharen-
weg B 152. — schrofen, Lexer, Mhd. wb.: schraf stm., schroffe
Franz Joseph Stalder, Versuch eines schweizerischen idiotikon, 1812.
') Johann Ghiistoph Schmid, Schwäbisches Wörterbuch, 1831.
368 BOHNENBERGER
swm., zerklüfteter fels. Aus den Alpen bekannt, aber auch im
Schwarzwald vertreten. Zwar nicht über viele blätter ver-
breitet, aber auf einzelnen blättern recht zahlreich vertreten
(B 78 sehr oft, B 77. 87 mehrfach, sonst auch B 162). Dass
gerade bei Allerheiligen die bezeichnung häufig auftritt, bringt
dieselbe in verdacht, nicht volkstümlich zu sein. Es sind aber
einzelne benennungen darunter, welche den verdacht wider aus-
schliessen. Das gruppenweise auftreten ist nach der karte durch
die bodenverhältnisse begünstigt. Wo die bezeichnung so häufig
auftritt wie in B 78 oder auch B 87, bedarf dieselbe näherer
bestimmung in composition, wo keine Verwechslung möglich wie
in B 162, erscheint einfaches Schrofen. — stutjs. Bück s. 273:
abschüssige stelle, ebenso Hunziker*) 264, Schmeller 2, 800.
Dem entsprechend B 142 benennung einer steil ansteigenden
höhe. — fluh, Mhd. vluo, Schade, Ad. Wb.^ 208: vluoh stt 2,
Lexer, Mhd. wb.: hervorstehende und jäh abfallende f eiswand,
vgl. auch Schweiz, id. 1, 1184. Danach ist sehr charakteristisch
die benennung Flüche B 133, Uieenfluh B 129, felsiger absturz
ins enge Wutachthal, bez. Wiesenthal, einigermassen auch Flüh-
holde B 157, eine berghalde mit f eisen. Nicht zu erkennen ist
der spezielle Charakter von ftuh nach der karte bei Heidflüh
B 141, Hundsflühe B 142, Fluh B 153. — Unter den sonstigen,
zum teil entgegengesetzten bodenbezeichnungen ist bei grund
interessant die spezielle Verwendung im schwemmgebiete des
Rheins, bezeichnend im gegensatz zu Jcopf die tiefer liegenden
teile, im gegensatz zu feld, esch, au u. s. w., die nicht mit frucht
oder gras bewachsenen, sondern in der regel mit wald bestockten
striche. Sowol fränkisch als alemannisch, von B 45 an häufiger
verwendet als weiter nördlich, da weiter nach norden die ent-
sprechenden bodenverhältnisse seltener. — tesche (< tasche, vgl.
Germania 34, 196) taschenartige Senkung im boden von massiger
tiefe und massigem umfang, bei nassem wetter stelle einer
Wasserlache. Verzeichnet als Teschen B 107, Taschen B 159,
Tesch W 80, Besehen B 144. — klamme neben klinge in B häufig,
mehrfach in composition. B 57. 58. 59. 61. 63. 67. 81, zahlreicher
fränkisch als alemannisch? — moos (n.), miss (fem., mussea),
muhr (n. muor) = moor, begrifflich verwant mit ried, aber wie
von diesem zu scheiden? miss ist einem ganz bestimmten be-
*) J. Honziker, Aarganer Wörterbuch, 1877.
Zu DEN FLURNAMEN. 369
zirke eingetragen: vom quellgebiet und Oberlauf der Murg nach
Osten bis zur Nagold, so B 78. 74. 68, W 66. 79 oft vertreten,
meist in composition, moos dazwischen nur selten, muhr scheint
besonders im westlichen Schwarzwald und der Rheinebene ver-
wendet zu werden (B 66. 71. 72. 73. 76), aber auch sonst (B 134.
157). Dazu das adjektiv mührig {mührig Ällmend B 71. 76. 77).
Sonst hen-scht moos. Dass aber auch da, wo moos geschrieben ist,
z. t. miss vorliegt, geht aus Todt-moos, gesprochen -miss hervor. —
tegcr. In B und W mehrfach als bestimmungswort in comi)Osition:
Degersee W 180, Tägerhau B 167, Degermoos B 167. 168, Täger-
uil B 161. Das woit spielt eine grosse rolle in unseren flui'-
namen. Eine menge weiterer belege sowie die beste bis heute
vei-suchte erklärung gibt J. L. Brandstetter, Geschichtsfreund
42, 153. Mit tcger wird zum mindesten auch ein teil der zahl-
reichen iiger- zusammengehören, und weiter mancher flurname,
welcher mit degen- eingetragen ist. — gumme f. B 93. 94. 100,
Gummcnhof B 108. Schweiz, id. 3, 290: * wellenförmig gekrümmte
bodenfläche, besonders enge, niulden- oder kesseiförmige, ge-
schützte, mit pflanzenwuchs bedeckte ausbuchtung im gebirge,
entweder im hintergrund von tälem oder an abhängen.' — plan
ebene stelle, wol auch künstlich geebnet, in nähe von Siedlungen
gerne tanz- und Spielplatz. Das fi-emdwort ist ganz volkstümlich
geworden, wii*d auch lautlich in der ma. behandelt wie mhd.
mäne. In B sowol im fi*änkischen als alemannischen gebiete
eingezeichnet: Plan B 19. 31, Flönlein B 19, Plönle B 127, Bluhn
B 78 (auf der höhe des Schwarzwaldes, rings von wald umgeben,
die stelle selbst nach B wenig bestockt, im Verhältnis zur Um-
gebung auffallend geringes gefalle). Ich kenne den flurnamen
auch aus Wüittemberg. — zwiesel, mhd. ztvisele = gabel.
Schmeller^ 2, 1183 zahkeiche belege, auch solche für o. n.
Mehrfach in B, so Zwiesel B 67, Zwieselberg B 84, Zwiesel Eck
B 78, letzterer an einer gabelung im Langenbachthal. Synonym
weiter unten in demselben thal Zwickgabel = ^wi- gabel —
grün =^ mhd. grien, kies. In B am Kheinufer in grosser menge,
stets Grün geschrieben. Vgl. Schweiz, id. 2, 747. — rams, als
bestimmungswort in composition häufig, so Itamsbach B 58. 94.
149, Ramstal B 97, Ramsau B 170, Ramisberg B 155, Harnstein
B 95. 101, Remsbach B 95. 101. Vgl. auch die zahlreichen Rams-
bei Zahn. Die Wörterbücher gaben keine passende bedeutung.
Das so häufig verwendete wort muss germanisch sein. Vgl.
Festgabe für Sierert. 24
370 B0HNENBEB6ER
Ganghof er, Die Martinsklaiise 1, 29 (1895): *wenn viel regen
fällt, treibt der bach allen rams (schutt) mit her, der von
bergen herunterbröselt.' — waay = mhd. uäc, wäges, in B häufig,
Schreibung meist oo, so Schwarze Waay B 154, Wooy B 21,
Kleine Woog B 155, Woogbach B 30. — türm, tüitiiel = T^irbel,
vielleicht in Bürmel B 88, vgl. auch Dimn-enz an der Enz. —
staad = mhd. stat, Stades in B und W am Bodensee mehrfach. —
An Waldbezeichnungen nenne ich la%ib = laubwald, wald,
parallel huochy tan. In B häufig, z. b. Weislauh B 53, Breittauh,
Sperherslaub , Ewhenlauh B 59, Itotlaub B 156, Laubegg B 136,
Laubberg B 167. Hierher auch Rotlauben B 133? — Als be-
zeichnung der lagerstätte von vieh oder wild ist schwäbiscli
l^ger, n., häufig auftretender flumame. Auch in B \ielfach ein-
getragen: Läger B 62. 75, Viehläger B 73, Buhlbachläger B 78,
Kuhläger B 81, Sauläger B 86, Fohrenlä'gcr B 131, Ochsenläger
B 23. — Aus einer zeit ausgedehnterer Weidewirtschaft stammen
die zahlreichen aucht, auchtert, alemann, uchtert = morgenweide.
Auch die bezeichnung Morgenweidc tritt auf (B 114. 143) und
»ehr häufig ist das torv^Xdii Nachtudde (B 12. 31. 114. 132. 134.
137. 143. 144. 152. 159), auch Abendweide (B 143). Ahd. nht,
bei Notker gesetzmässig uoht (Braune, Ahd. gi\^ § 154, anm. 7b),
aus gleichem ginmde heute schweizerisch Ikcht (Schweiz, id. 1, 84).
Ein gemeinahd. uoht gibt es nicht. Birlinger in Alemannia 1,
167 ff. gibt reiches, aber sehr der Sichtung bedüi'ftiges material.
In die karten ist eingetragen Auchte W 80, Auchtwaid B 31,
Vchiweid B 61, Uechiächr B 144, Auchtert W 79 (letzteres auf
der Alb häufig). — Als bezeichnung einer gereuteten stelle hat
B neben reute, rüte auch die Schreibung rütte und ritt, so Bütte
B 129. 130, Hohrütt B 99, Hochritti B 108, Bitt B 72. 76. —
Wehre am wasser sind mit der alten form als Wuhr, Wiihre
(mhd. wuor) bezeichnet, so Untei-u-uhr B 111, Seltenwuhr B 155,
Hintere Wiihre, Wiihrenbäehle B 155. — Mag in den ungeheuer
zahlreichen lehen verschiedenerlei stecken, das zum teil mit hilfe
der gesprochenen form zu bestimmen sein wird, so meint jeden-
falls ein gut teil der formen mhd. lehen, — streit, sehr häufig
als bestimmungswort , bezeichnet orte, an welchen es zum streit
irgend welcher art, von prügeleien einzelner bis zur schlacht
zwischen heeresabt eilungen, kam. So Streitwald, Streit<icJc/r
W 79, Streitberg B 20. 92, Streitwald B 29. 47, Streitkopf B 71,
Streitplatz B 104, Streitbühl B 155, Strittwald B 133. Seltener
zu DEN FLURNAMEN. 371
in demselben sinne: krieg, so Kriegwört B 65, Kriegshalde B 130. —
Zum schluss dieser sanmilung ein exempel füi- Unsicherheit der
bedeutung bei völliger klarheit der etymologie, und ein solches
für unsichere herkunft trotz häufiger Verwendung. Aeusserst
zahlreich erscheint der flurname Hungerberg, Hungerbühl Manche
Hungerberge mögen ihren namen von zugehörigen Hungerbrunnen
haben. Die bedeutung der letzteren steht fest: brunnen, welche
in hungerjaliren, d. i. nassen jähren, fliessen. Aber was ist der
Hungerberg sonst? Schweiz, id. 2, 1448 meint hunger- in flur-
namen bezeichne unfruchtbare, unwiitliche gegenden. Dies müsste
erst aus der lebenden spräche erwiesen werden. Ganz anders
erklärt Bück (Flumamenbuch s. 119 und Germania 17, 451),
viehstelle, auf der man nachtüber das vieh zusammentreibt und
ohne futter lässt, daher hungen)latz genannt. Fluren auf welchen
sich ein solcher hungerplatz befindet, heissen Hungerbühl, Hunger-
berg, Hungerlocli, Hungergasse. Bück beruft sich hierfür aus-
drücklich auf seine genaue kenntnis der oberschwäbischen hirten-
sprache. — aiter, eiter, euter in flussnamen sehr häufig, in B und
und W mehrfach eingezeichnet: Aiterbächle, Aiiergrund W 66,
Auerbach B 33. 129, Aiterbächle B 155, Eiterbach B 14, Euter-
bach, Eutergrund, Euterberg B 16. Nach diesen belegen sowol
fränkisch als schwäbisch - alemannisch. Der vokal der tonsilbe
ist geiTU. ai, nicht mhd. ei < egi, vgl. Eitarhaha St. Gall. U. B.
1, 180. Lautlich liegt mhd. eiier = gift am nächsten. Dieses
erscheint in composition in der mannigfachsten Verwendung.
Eiterbach brauchte auch bei dieser ableitung nicht direkt ein
für giftig gehaltener bach, ein bach mit giftigem wasser (welches
geschwtire und eitemngen bringt?) zu sein, sondern könnte auch
ein bach sein, an welchem sich giftige pflanzen, giftiges gewürm
finden. Doch habe ich bedenken gegen diese ableitung. Soll
es so viele giftbäche geben? Dann wäre auch heute noch mehr
von ihnen zu hören. Noch weniger weiss ich mit ahd. dt an-
zufangen. Die mundartlichen Wörterbücher geben keine ander-
weitige brauchbare erklärung. Bück und Kiieger (Topo-
graphisches Wörterbuch von Baden, 1893) verfallen auf ab-
leitungen aus dem keltischen, welche schon lautlich unmöglich
sind. Auch muss eine so zahlreich verwendete bezeichnung
germanisch sein.
Lassen sich die fragen des Wörterbuchs in ihrer mehrheit
aus der ferne behandeln, so müssen die fragen der grammatik,
24*
372 BOHNENBERGER
wie schon oben betont, in ihrer grossen mehrzahl der lokal-
forschung überlassen bleiben. Hier bedarf es meist einer laut
um laut treffenden bestimmung der gesprochenen namensform
und genauer kenntnis des an oit und stelle geltenden laut-
bestandes im allgemeinen. Einiges lässt sich aber immer nach
der karte allein ohne zuliilfenahme der gesprochenen namens-
fonn aufstellen bezw. anschneiden.
Unter den neutralen plui-alen mit suffix -er sind einige in
B und W vertretene formen interessant. Mit Avechsel e : i in
der tonsilbe erscheint zu feld gehörig filder : Filderhach, Filder-
hard B 73, dazu die Fudern bei Stuttgait. Mit e: Feldern B 99.
100, ob aber genau? Auf eine bildung, welche durchweg i in
der tonsilbe hat, weisen hin: FiWcn W 179, Fildenmoos W 180.
Ueber die heute herausgegebenen blätter von W hinausgi'eifend
füge ich den plural mehder bei, wie ihn die Schwäbische Alb in
menge gibt (== nur einmal mähbares grasstück). mehder hat
f und setzt mhd. meder voraus, somit Singular mat, mades.
Letzterer kann vorliegen in Mahd B 101. Nicht selten er-
scheint in flui*namen auch ein plui'al Mahde^i. Am häufigsten
hat B die formen -matt, -matten = mhd. mate, matte, fem. Als
selten im plui^al ei^scheinend vermerke ich Biedern, z. b. auf
Riedern W 179. Im femininum ei-scheint plural auf -e^icn
zu Singular auf p (s. Kauffmann, Schwab, ma. § 108 a. 3) in
Längenen W 179, daneben ist aber W 180 auch Lehenen ver-
zeichnet, kaum zu einem Singular auf (? gehörig, sondern über-
tragen. Umlaut im dat. sing.: m de^- Bach B 88. Unter den
bildungen mit auslaut -ch, -hes = germ. h erscheint ausgleichung
zu gunsten von ch in Rauchen Eck B 99, Ruchenfelsen B 143.
Dagegen ist mir nicht walirscheinlich, dass die zahlreichen -loch,
wie gewöhnlich angenommen, zu loch, lohes gehören. Ich rechne
die flurbezeichnungen auf -loch zu mhd. loch. Mhd. loch, löhes
erscheint als luh und, wo ö zu au (ao) diphthongiert ist, als lau,
so Ilohloh B 68, Breitloh B 74, im oberen Loh B 101, und auf
der Alb häufig lau z. b. Papx>ellau, Attenlau bei Blaubeuren.
Auffallend sind bildungen wie Schwärisenhach B 84, Lengenhiüd
bei Leonberg. Sollte hier umgelautetes adjektiv vorliegen? Vgl.
auch Güter stein bei Urach. Man könnte versuchen zu erklären:
bach in der schwärze, berg an der länge, aber die abstrakta
auf mhd. tn haben in der mundart auch in den casus obliqui
nicht -9 = Schreibung -en, sondern ^. Das particip zu brennen
zu DEN FLÜRNABIEN. 373
erscheint in der mundart weithin umgelautet als brmt, daher
die flumamen Brcndcberg AV 66, Brmtenwald W 62. 66, Brende-
busch B 5S. Manches Brand- der karte mri in der mundart e
haben, echt scheint a zu sein in den namen aus dem westlichen
wald: BrandJcopf B 73. 83, Brandbach B 73, Brandenkopf B 87.
In den beiden ersteren bezeichnungen wird, in der dritten kann
das substantiA^ brant vorliegen.
Sehr häufig ist zur bildung von flurnamen das suffix -et
verwendet, z. b. Ebnet B 132. 141. 143, Hindert, Eichelt B 48,
Eickert B 135. 145, meist masc, so auf deni Ebnet Ö 145, aber
auch fem. auf der Eilet B 93. Die mundart verwendet auch
sonst dieses suffix in der form -dt sehr häufig, teils als masc,
teils als fem. Zu letzterem vgl. Weinliold , AI. gr. § 247. Das
suffix ist auch in schweizerischen flurnamen und Ortsnamen sehr
häufig und daher von J. L. Brandstetter, Geschichtsfi-eund 27,
271 ff. behandelt. Eigentümlich sind die vielfach und zum teil
in stark besetzten gnippen auftretenden bildungen mit -ing, so
Kälblifig W 66, Dolching, Neidlingy Grünling, S diu är ding W 80,
Ebing (neben Ebene), Steinling B 32, Flössling B 62, Henkling
B 57, Schöftling, Erling, Leisling, Iläsling (neben Häslich, auch
viele bildungen mit -ig und -ung) B 66, SchndUng, Breitling
B 128. Ehe man eine erklärung versucht, ist erst die genaue
gesprochene form und das genus dieser beziehungen zu eruieren.
Vgl. einstweilen Förstemann, Ortsnamen s. 143. l'nter den
compositis fallen eigentümliche bildungen mit s auf. Es sind
besonders flussnamen, so Goldersbach neben Goldbach B 130,
Kammersbach neben Kammerhart, Sommersbach neben Sommer-
berg B 83, Grangersbächle neben Grangert B 92, Sondersbach
B 82, Emersbach, Wolfsbach B 87, doch auch bergnamen: Alt-
steigersJiopf (neben der alten Steige) B 78, Ueberslopf B 83
(ebenso ein Uebersberg bei Reutlingen). Es gibt eine grosse
zahl von flussnamen auf -s, somit in composition mit -bach auf
-sbach. Nach deren analogie werden unsere formen mit -s ge-
bildet sein. Auch bei UebersJcopf wird das s auf irgendwelcher
analogie bei-uhen. Ob die bezeichnung Ältsteigershopf volks-
tümlich ist? Dann wird zunächst der berg an der alten Steige
Altsteiger geheissen und nach diesem der köpf darauf die be-
nennung Altsteigerskopf erhalten haben.
DEUTSCHE SPRACHE UND LITTERATUR
AM PHn^ANTHROPIN IN DESSAU (1775— 17Ü3).
Von Kabl Kehrbach
(Berlin).
Es ist bekannt, dass die phüanthropinisten den Unterricht
in den sprachen reformierten. Ihre reformen erstreckten sich
auch auf den Unterricht in deutscher spräche und litte-
ratur. Das Deutsche war bis dahin mit geringen ausnahmen
in den höheren schulen Stiefkind. Wenn öfter und sogar noch
neuerdings behauptet worden ist, dass *seit Luthers auftreten'
für pflege und ausübung der deutschen muttersprache in der
schule eine warme Sorgfalt entmckelt worden sei,') so ist das
nicht zutreffend. Denn in den untenichtsplänen des humanisten-
und refoiTiiationszeitalters ist fast nirgends von der deutschen
spräche als unt^iTichtsfach die rede. Wenn ja in lektionsplänen
für höhere schulen Deutsch erw^ähnt wird, so erstreckt sich
das auf den elementaren lese- und schreibunt^iricht, oder in den
mittleren und oberen klassen auf übersetzen aus einer fi-emden
spräche ins Deutsche und umgekehrt. Im mittelpimkte ies
gesamten untenichts stand die lateinische spräche und litteratm-,
die zu behen'schen das obei'ste ziel der schule war. Ist doch
allgemein bekannt, dass die schüler im verkehr mit den lehrern
und unter sich ausschliesslich lateinisch reden mussten, und dass
die Unterhaltung in der muttersprache oder der gebrauch von
deutschen Worten hart bestraft \Mirde. So sehr galt das Latei-
nische als das wesentlichste, dass sogar daran gedacht wurde,
die deutschen schulen in den kleinen Städten, die übrigens
») Rieh. Hodorraann, Universitätsvorlesungcn in deutscher spräche um
die wende des 17. Jahrhunderts, Diss. Jena 1891.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 375
meistens privatontemelimangen waren, ganz und gar abzuschaffen,
da durch sie die * lateinischen verderbt würden und viele schttler,
die zum lateinunterricht und also zur ehre gottes und zur Ver-
waltung eines gemeinen nutzens geschickt sind, versäumt werden.' >)
Diese bevorzugung des Lateinischen vor dem Deutschen blieb
auch in den darauf folgenden Jahrhunderten im Unterricht der
höheren schulen bestehen.
Freilich darf nicht unerwähnt bleiben, dass es nicht an
versuchen gefehlt hat, der vernachlässigten deutschen spräche
im unterrichte der höheren bildungsanstalten einen würdigeren
platz zu verschaffen. Bekannt sind die versuche von Heverlingh
bis auf Thomasius, der deutschen spräche beim vortrage auf den
Universitäten gleiche rechte wie der lateinischen zu erringen. 2)
Auch für die einführung und grössere berücksichtigung der
deutschen spräche in dem untenichte der lateinschulen erhoben
sich bereits im 16. jh. einzelne stimmen. Es sei an Paracelsus
erinnert und an einen seiner anhänger, über den neuerdings
Sudhoff ^) einige nachrichten gegeben hat. Zu praktischen
resultaten jedoch haben anscheinend die vorschlage dieser männer
an den lateinschulen nicht geführt. Im 17. jh. aber, selbst
während des 30 jährigen krieges, mehren sich die stimmen: hier
ist in erster linie der bestrebungen des Eatichius und Comenius
zu gedenken, deren praktische durchfülirung in einer anzahl von
schulen versucht wurde. Es sei hier besonders an die schulen
in Weimar und Gotha, um deren reform sich die Eatichianer
Kromayer und Reyher verdient gemacht haben, erinnert. Kro-
mayer war es auch, der für den schulgebrauch die erste
deutsche grammatik in deutscher spräche schrieb. ^) Neben diesen
männem seien genannt Veit Ludwig von Seckendorf , der ' teutsche
redekunst und teutschen Stylus' forderte, Balthasar Schupp, der
Verfasser des teutschen lehrmeisters, August Hermann Francke,
der in der lateinschule deutsche oratoria und Übungen im Stylus
germanicus verlangte, aber die Übungen erst wünschte, wenn der
') lustruktioii herzog Ulrichs v. Württemberg an die visitatiousräte 1516.
») Vgl. Hodermann 1. c.
3) Mitteilungen der gesellschaft f. dtsch. erz.- u. schulgesch., 5. jahrg.
(1895), 8. 83—90.
*) Deutsche grammatica. Zum nevven methodo der Jugend zum
besten zugerichtet. Für die weymarische schnei. Auflf sonderbaren
fürstl. gn. befehl. Gedruckt zu Weymar durch Johann Weidnern. Im jar 1618.
376 KEHRBACH
Schüler recht viel realien im köpfe habe. Geschickte rede, brief-
sclireiben und ein gutes Carmen sind sein ziel, ja er verwendet
wöchentlich eine stunde auf die poesie. *) Auch Flattich verlangt
Übungen in der muttersprache und rechnet dazu das deutsche
versemachen.2)
Aber nicht nur für den Unterricht in den lateinschulen
hatten sich diese einzelnen stimmen erhoben, auch in den der
kavalierbildung gewidmeten werken des 17. jhs. von Tschimhauss,
Kemmerich und dem pseudonymischen Talander •*) wird kenntnis
der (deutschen) muttersprache und Übung in derselben verlangt.
Talander fordert sogar 'professores der deutschen eloquenz' auf
den akademien. Aber es scheint doch bei der theorie geblieben
zu sein, und Avenn man an die damalige beschaffenheit der einen
traurigen mischmasch von Französisch, Deutsch und Lateinisch
darstellenden spräche der vornehmen kreise dieser zeit denkt,
kann man nicht einmal bedauern, dass die wolgemeinten vor-
schlage nicht allgemein in praxis umgesetzt worden sind. Bei-
läufig sei hier bemerkt, dass in der deutschen fürstenerziehung
schon frühzeitig untemcht in deutsclien sprach- und stilübungen
auftritt.^)
Ueberblickt man aber die zalilreichen dokumente, die uns
über den faktischen bestand von Unterricht und erziehung in
den höheren schulen des 17. jhs. aufschluss geben, so muss
bemerkt werden, dass das dadurch gebotene gesamtbild eine
gi'osse Vernachlässigung der deutschen spräche im unterrichte
zeigt, das durcli einzelne versuche, der deutschen spräche zu
ilirem reclite zu verhelfen, kaum verändert wii'd und wol auch
durch zukünftige foi-schungen, die nocli eine reihe von einzel-
fällen zu tage fördern können, nicht verändert werden wird.
Im 18. jh. mehren sich die zeichen der Wertschätzung unserer
muttei^sprache , und als das morgenrot der klassisclien periode
unserer litteratur aufgeht, nehmen auch die bestrebungen, der
deutschen spraclie eingang in die scliule zu verschaffen, zu; und
>) Vgl u. a. K. A. Schmid, Gesch. d. Erz., 4. bd., 1. abteil. (Stuttg. 1S9(»).
*) Ebenda s. 310.
3) Siehe Georg Steinhauseil, Die idealerziehiing im Zeitalter der perileke
(Mitteilungen der gesellsch. f. dtsch. erz. u. schulgesch., 4. Jahrg., 1S94, 8.224).
*) Geschichte d. erzieh, d. bayr. Witteisbacher von prof. dr. Fr. Schmidt
(Monum. G. Paedag. bd. 14). Im register werden unter den stichworten Deutsch
und Briefe die betreffenden steUen verzeichnet.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 377
nicht nur in Norddeutschland, dem gebiete der Luthersprache,
sondern auch in Oesterreich, wo mit der regierungszeit Karls YL.
das nationale empfinden und mit ihm die Schätzung der deutschen
spräche sich steigerte. Im jähre 1747 erscheint dort die erste
deutsche Sprachlehre, 'die kaiserlich deutsche grammatik von
Johann Balthasar von Antesperg'») und zwar im anschluss an
die obersächsisch - lutherische form des Neuhochdeutschen. Um
dieselbe zeit und noch vorher hatte Ignaz Würz angefangen
seine schüler in deutschen aufsätzen zu üben.
Bald folgte der jesuit Denis, der 1766 eine Sammlung kurzer
gedichte aus den neueren dichtem Deutschlands, das erste lese-
buch in Oesterreich, herausgab. 2)
In Norddeutschland gruppieren sich alle bestrebungen für
deutsche spräche und litteratur um Gottsched, dessen gram-
matikalische arbeiten weithin gewaltigen eindnick machten und
zu zahlreichen bearbeitungen führten, unter denen sich auch
ein lehrbuch prosaischer und poetischer wolredenheit befindet,
das der spätere begilinder des Dessauer Philanthropins, Johann
Bernhard Basedow, 1756 in Kopenhagen herausgab.
Sein interesse an deutscher spräche und litteratui* betätigte
Basedow auch noch später und mit ihm eine anzahl von männem,
die an jener grossen, auf eine völlige Umgestaltung von erziehung
und Unterricht abzielenden bewegung teil hatten und durch die
Schaffung des Philanthropins zu Dessau die äugen der
gesamten gebildeten weit auf sich richteten. Mit gi'össerem
nachdrucke, als es bisher geschehen war, forderten sie die ein-
fügung des unterrichte in deutscher spräche und litteratur in
den lehrplan der höheren schulen.
') Vgl. K. Kehrbach, Jaliresbcricht über die litteratur zur dtsoh. orz.-
u. schulgesch. des jähren 189,*^ (Jahresberichte f. neuere dtsch. litteraturge^ch.,
bd. 4, abt. 1, iir. 225), Stuttgart, Cföscheu 1895.
'^) Ueber die venlieiiste der Jesuiten um den deutschen Sprachunterricht
vgl. die ausgäbe der Ratio studiorum etc. von P. Pachtler nnd P. Duhr (Monu-
menta Gennaniae paedagogicÄ, bd. 2, 5, 9, 15), worin das Stichwort Deutsch
im register die nötigen anhalte bietet. Fenier P. Duhr, Die Studienordnung
der gesellschaft Jesu (Freiburg i. B. 1890, Herder) im kapitel 'Muttersprache'
8. 107 — llß. — Im entgegengesetzten sinne äussert sich Fr. Kluge, Von Luther
bis Lessing, 2. aufl., kap. 9 ' Oberdentschland und die katholiken' s. 128 — 144.
378 KEHRBACH
L
Eine befriedigende darstellung der phüanthropinistischen
bestrebungen auf diesem gebiete felilt bis jetzt. Die grösseren
geschichtswerke über Unterricht und erziehung bringen nur
spärliche nachrichten, die im wesentlichen dem Basedow'schen
methodenbuche *) oder dem philanthropinischen erziehungsplane
für Marschlins, '^) der zwar von Bahrdt verfasst, aber doch nicht
ohne Basedows einfluss und wahrscheinlich auch nicht ohne seine
einwilligung erschienen ist, oder der Trapp'schen pädagogik ent-
nommen sind. Auch die zahlreichen monographien, deren auf-
zählung im einzelnen ich mir A^ersage, gehen hierüber nicht
hinaus, selbst nicht das neueste und umfangreichste werk über
den philanthropinismus, das verdienstliche werk von A. Pinloche.*)
Durch die folgenden Untersuchungen sollen alle bis jetzt
vorhandenen Schriften und werke, von denen einzelne vielleicht
aus ökonomischen gi'ünden sich ein näheres eingehen auf dieses
thema versagen mussten, ergänzt werden.*)
Die Schüler des Philanthropins sollen zuerst und vor
anderm die muttersprache erlernen, damit sie sich deutlich und
bestimmt ausdrücken können. Vor allen dingen müsse dafür
gesorgt werden, dass die kinder von den ersten jähren an
meistenteils nur mit solchen personen umgehen, die die landes-
sprache in gewissem grade richtig sprächen. Die Unsitte, kinder
vor dem 6. jähre, wie es damals in den vornehmen kreisen
üblich war, schon mit Latein oder Französisch zu plagen, wird
getadelt. 8ie sollen rein und gut sprechen, sollen sich wie münd-
lich so auch schriftlich gut ausdrücken, sollen zur lektüre der
muster der gebundenen und ungebundenen rede angeleitet werden
und die deutsche grammatik, besonders die Orthographie, gründlich
erlernen, aber erst, nachdem die Zöglinge schon einige fertigkeit
*) Das methodenbuch für väter und mütter der familien iind Völker von
Johann Bernhard Basedow,* P. P. in Altona und Bremen 1770.
*) Philanthropinischer erziehungsplan oder vollständige nachricht von
dem ersten wirklichen Philanthropin zu Marschlins. Frankf. a. M. 1776.
^) A. Pinloche, (leschichte des philanthropinismus. Deutsche bcarbeitung
von J. RauBchenfels und A, Pinloche. Leipzig, Fr. Brandstetter, 1896.
*) Den liebenswürdigen förderem meiner kleinen abhandlung, den Vor-
stehern der von mir während meines aufenthalts in Dessau benutzten biblio-
theken, den herren geheimer hofrat dr. Hos aus, oberschulrat prof. dr. Krttger,
hofrat Kulpe sei hier nochmals herzlichst gedankt.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 379
im korrekten gebrauche der spräche erlangt haben. ') In einem
höheren kursus soll darauf noch eine anweisung zur woh'eden-
heit^) gegeben werden.
Während der Emile Rousseaus in seinem 12. jähre kaum
wissen soll, was ein buch ist und also bis zu diesem Zeitpunkte
auch noch keine leseübungen gemacht haben soll, ist Basedow
bis in sein alter darauf bedacht, methoden zu erfinden, die ein
früheres und rasches lesenlemen möglich machen. 3) Noch in
seinem 62. lebensjahre, * nach vielen theologischen, philosophischen
und pädagogischen schweren arbeiten ' drängt ihn * sein gewissen '
dazu, von neuem der Verbesserung der lesemethode sich zu
widmen, praktisch als lehrer in dem Institute der frau Kalisky
in Magdeburg, theoretisch durch sein ^ Neues Werkzeug zum
lesen lehren' (2. aufl, Leipzig 1787). Bereits in seinen ersten,
das lesenlemen betreffenden Veröffentlichungen hat er hervor-
gehoben, dass die kunst lesen zu lehren von ihrer leicht erreich-
baren Vollkommenheit weit über die hälfte entfenit sei. Verderbt
sei diese kunst nicht, sie sei niemals gut gewesen. Eine jede
selbst auch * kleine annäherung zur Vollkommenheit dieser kunst '
sei i;\ichtig. Er weist, wie viele andere das vor und neben ihm
auch getan hatten, auf die grosse plage hin, die das lesenlemen
den kindem verarsache, auf das dabei ausgestandene leiden der
Schüler, das einfluss auf ihr ganzes leben habe. Es käme darauf
an, dass die kinder mit der mindesten unlust das lesen lemten.
Trotz aller dieser während seines ganzen lebens foilges(itzten
*) *I)ie grammatik der laudessprache mnsa einem jeden die ewte
seyn; in todten oder fremden b«larf er dann keiner andern regeln, alH dnrch
welche die ab weichungen derselben von jener schon l^ekannten gelehret werden;
denn da8 Ül>erein8timniende darf man als l)ekannt vorauhsetzen.* (Hahedows
methodenhnch, Altona 1770, s. 2«!».)
-) Poetik nnd rhetorik (schöne kiinste).
') Im vorigen Jahrhunderte hielten es auch hervorragende gelehrte nicht
unter ihrer würde, auf Verbesserungen der lesemethrKle zu denken, ja diew^r
frage des elementarunterrichts öffneten 8*>gar die hervorragenden Zeitschriften
der damaligen zeit ihre spalten. Fr. Ge<like (Aristoteles und Hasedow o^ler
fragmentc über erziehungs* und Schulwesen \m den alten und neuen, I^-rlin
und Leipzig 1S79. s. 125; ist der meinung, 'dass zur Verfertigung eines
abc- oder lesebuches mehr Scharfsinn und lienrteilungskraft als zur koni-
pilation eines dicken quartanten gehöre'. Auch Henler hat sich mit der k-se-
methode l)cschäftigt nnd im jähre 17%3 eine lesefil>el herauKgegelien. (Vgl.
Mitteilungen der gewrllschaft für deutwhe erziehungs- nnd schulg^-w-hichte,
Jahrg. 1, heft 1, ». 03.;
380 KEHRBACH
bemtiliungen ist Basedow doch nicht über die buchstabier-
methode hinausgekommen. Das ist um so auffallender, als zwei
Zeitgenossen von ihm, Amand Schindler und F. X. Hofmann,
bereits für die einführung der lautier-methode tätig waren,
und es wol kaum denkbar ist, dass Basedow, der ausdrücklich
behauptet, die litteratur des elementar-leseunterrichtes, 'die merk-
würdigsten der Schriften dieser art', durchstudiert zu haben,')
beide autoren nicht kennen gelernt haben soll.
Auch die beiden philanthropinisten Campe und Vogel
haben erleicht erungen im lesenlernen geschaffen, sind aber
ebenfalls nicht über das buchstabieren hinausgekommen. Ob
Schweighäuser und Simon, die von 1775 — 1777 als lehrer
am Philanthropin tätig waren, mit den von ihnen verfassten
fibeln über Basedow und Campe hinausgegangen sind, kann
ich nicht feststellen, da von ihren fibeln kein exemplar aufzu-
finden war.
Was Olivier, der als Vertreter der lautiermethode an-
gesehen werden kann, anbelangt, so habe ich nirgends einen beleg
gefunden, dass er während seiner 15 jährigen lehi-tätigkeit am
Philanthropin seine grundsätze im unterrichte selbst verwertet
habe oder durch andere habe verwerten lassen. Dagegen ist
wol anzunehmen, dass er in seinem eigentlichen Unterrichts-
gebiete, dem Französischen, seine methode zur ausführung ge-
bracht hat. Seine erste schrift über die anwendung seiner
methode im deutschen Unterricht erschien erst nach der auf-
lösung des Philanthropins.'^) Das ist auch der fall mit den
arbeiten Salzmauns ■) und Wolkes *) über den elementaren sprach-
') Neues Werkzeug s. 1—2, und Uuer^artlich grosse Verbesserung der
kunst lesen zu lehren, Leipzig u. Hamburg 1785, s. 3.
*) Die kunst lesen und rechtschreiben zu lehren auf ihr einzig- wahres,
höchst einfaches und untrügliches grundprincip zurückgeführt. Erster theore-
tischer theil. 1. bd. Dessau 1801. — Ucber Olivier vgl. auch Ileinr. Fe ebner,
Die methoden des ersten leseunterrichts , Berlin 1882, s. 134 ff. und C. Kehr,
Gesch. d. niethodik, 1. bd. (Ge^ch. d. dtsch. unterr. in der Volksschule, Gotha
1889), s. (lü fif. Nach Fechuer s. 140 hat Olivier bereits auf dem Philanthropin
einige hilfsmittel auch für das Deutsch-lesen ausgearbeitet.
^) Konrad Kiefers abc- und lesebüchlein, oder anweisung auf eine leichte
und angenehme weise das lesen zu lehren.
*) Erstes lesebuch für sechs- bis zweliQarige kinder und für ire fibel-
lerenden und erzihenden freunde. Berlin und Leipzig 1820.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 381
Unterricht. Allerdings wird bereits aus dem jalire 1776 berichtet,
dass Wolke *init zweien kleinen pensionisten eine probe seiner
neuen erflndung zur erleichterung des lesens gemacht habe.'»)
Worin jedoch diese erleichtemng bestand, wird nicht mitgeteilt.
Auch in seinem berichte an den fürsten Franz von Dessau vom
märz 1782 spricht Wolke von einer für die unterste klasse des
Philanthropins bestimmten arbeit, in der er das lesenlernen
^befördern' will.^) Ob diese arbeit aber gedi-uckt worden ist,
konnte nicht festgestellt werden.
Das lesen sollen die kinder, wie alles andere im Pliilan-
thropin, spielend erlernen. Den leseübungen an der lesemaschine,
an der tafel oder im buche gingen dreierlei spiele voraus: das
spiel der ausspräche,^) wobei dem kinde zuerst vokale und
konsonanten vorgesprochen werden und dann aus einzelnen Worten
die lippenbuchstaben (w, t), die zungenbuchstaben (d, l, w), die
kehlbuchstaben (/*, <j) und die zalmbuchstaben (s, seh) von den
kindern herausgefunden werden müssen. Darauf folgt das buch-
stabenspiel (Kleines buch für eitern und lehrer, s. 09): dem
kinde werden 32 weisse karten in die bände gegeben, auf denen
vokale und konsonanten aufgezeichnet sind. Zuerst wird die
karte mit dem a ausgegeben, dann die mit den folgenden buch-
staben. Darauf müssen die kinder aus dem kartenhaufen die
einzelnen buchst aben, die ihnen vorgesagt worden sind und deren
gestalt sie sich eingeprägt haben, aussuchen. Das buchstabier-
spiel, das auf das buchstabenspiel folgt, soll die Zusammen-
setzung der buchstaben, das syllabieren, üben. Die kinder, die
sich bei diesen spielen auszeichneten, wurden belohnt, sei es,
dass sie rosinen, birnen oder äpfel zu essen bekamen, ein bild
ansehen, auf einem Instrumente spielen, einen besonders verzierten
hut aufsetzen durften oder von den anderen kindern eine ehr-
erbietige Verbeugung erhielten.
Zur erleichterung fordert Basedow eine buchstabiertabelle,
*) Ferd. Lentz, Beitr. z. gesch. der philantbropine in Dessau u. Marscblins,
8. 39. Beilage znin 29. jahresber. des evang. scbuUebrerseminars iu Karlsrube
(Karlsnibe, Cb. Tb. Groos 1875).
*-') F. F. Nietzold, Wolke am Pbilautbropin zu Dessau, Leipziger diss.
1890, 8. 112.
*) In der gescbicbte Franzens (Basedow, Elementarwerk, bd. 1, s. 22 fF.)
wird eine entwickelnng; der Sprechübungen vom frühesten kindesalter an
gegeben.
382 KEHRBACn
'in der die lippen-, zungen-, kehl-, zahne buchstaben u. s. w.
zusammengestellt sind. >)
Um den kindern die leseübungen angenehm zu machen,
wählt er in seinen Übungsbüchern vorzugsweise worte und sätze,
deren Inhalt den kindern lieb ist, meistens beziehen sie sich auf
speisen und getränke, im gegensatz zu den sonst üblichen büchem
des elementarunterrichts, die fast ausschliesslich biblische Stoffe
und moralische Sprüche enthielten.
Eingeübt wird zunächst nur das kleine deutsche aiphabet,*)
dessen figuren die kinder nach Basedow am leichtesten an ge-
backenen buchstaben kennen lernten, was Wolke schon früher
befürwortet hatte. 3) Basedow schlägt allen ernstes vor, dass in
jeder grossen stadt ein eigener schulbäcker oder bei jedem
bäcker ein eigener korb mit schulwaare sei. Nach seinen er-
fahrungen bedürfe ein kind 4 wochen des buchstabenessens, um
das ganze aiphabet sich eingeprägt zu haben. Der Schwer-
punkt wird bei allen diesen leseübungen auf die gute aus-
spräche gelegt.
Mit welcher Sorgfalt das lesen am Philanthropin geübt
wurde, geht aus den erörterungen Jaspersons^) hervor. Zum
guten lesen geliöre nicht nur reine, deutliche ausspräche einzelner
buchstaben, silben und Wörter, nicht nui* die mechanische fertig-
^) Band 1, s. Sl von Basedow, Das elementarwerk, ein vorrath der besten
erkenn tnisse zum lenien, lehren, wiederholen und nachdenken, 4 bände,
Dessau 1774.
*) Vgl. J. B. Basedow, Kleines buch für kinder aller stände. Erst€s
stück. Mit drey kupfertafeln 1771 ('die vemunft hätte uns nur ein aiphabet
empfohlen'), Neues Werkzeug s. 91. — Merkwürdigerweise will Basedow im
plane des wahren philanthropinums das elementare lesen an dem kleinen
lateinischen alphabete lernen lassen (Plan des wahren philanthr. = 3. stück
des philanthr. archivs, Dessau 1776, s. 65). In dem kinderbuch, das er be-
absichtigte herauszugeben, sollte der erste teil ' mit lauter lettem des kleinen
teutschen alphabets gednickt', der zweite und stärkste teil sollte 'teutsche
kleine und grosse lettem' und der dritte 'lauter lateinischen druck mit
untermischten grossen imd kleinen lettem' enthalten. Er macht dabei in
einer anmerkung den verschlag 'teutsche bücher nur mit lateinischen lettem
drucken zu lassen', die kinder brauchten dann nur die zwei lateinischen
alphabete lesen und schreiben zu lernen.
3) Pädagog. unterhandl. 1777.
*) Etwas über die deutschen lesestunden im Institut (Philanthr. Journal
für die erziehung und das publicum. Viertes Vierteljahr des fünften Jahrganges.
Dessau. Im Wonnemond 1784, s. 547 — 605) s. 549.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 383
keit im fliessenden Vortrag ganzer sätze und perioden, sondern
auch eine richtige abmessung des tones und die geschickteste
modulation der stimme. Von allen lehrem wird verlangt, dass
sie durch ihr vorlesen den schülem ein nachahmungswertes bei-
spiel geben. Da, wo das nicht der fall ist, wird es getadelt,
so an dem lehrer Lenz, an dem bei der prüfung am 19. Oktober
1785 die sächsische provinzialaussprache bemerkt wurde. 2)
Zur förderung im mündlichen korrekten gebrauch der
deutschen spräche waren am Philanthropin in den ersten jaliren
seines bestehens für die Zöglinge der mittleren und unteren
klassen noch besondere konversationsstunden eingerichtet,
die vom Januar bis johannis 1778^) von Neuendorf mit der
2. klasse der kleinen philanthropisten in wöchentlich 6 stunden
abgehalten wui-den. Von johannis 1778 bis ostem 1779 hat die
1. und 2. klasse der kleinen philanthropisten wöchentlich 2 kon-
versationsstunden (mittwoch und Sonnabend von 2 — 3 ulir), die
3. klasse jedoch täglich von 6 — 8 uhr und zwar mit der 1. und
2. vereint,^) so dass die 1. und 2. klasse wöchentlich 14 kon-
versationsstunden hatten.
Bei der ausbildung im mündlichen ausdruck hat Basedow
auch einmal an das komö dienspielen gedacht. Auch von
Bahrdt wird in dem philanthi-opischen erziehungsplane als schluss
der deklamationsübungen das komödienspiel, für das in Marschlins
ein eigenes theater eingerichtet worden war, aufgestellt. Es
sollten aber nur besondere kinderkomödien zur aufführung ge-
langen.^) In seinem Elementarwerk (bd. 4 [1774], s. 246) dagegen
erklärt Basedow sowol das komödienspiel als aucli die öffent-
lichen redeübungen für ein schädliches spielwerk und schlägt
statt dessen vor: Vorlesungen im hause oder in der schule vor
einer gi'össeren gesellschaft mit darauffolgenden diskussionen,
ferner memorieren und vortrage erst kleinerer dann grösserer
1) Ebenda s. 552.
*) ProtokoUbiich der pädagogischen geseUschaft, s. 73.
3) Pädag. unterhandl. 1778.
*) 0. Franke, Beiträge zur gesch. des Philantliropins zu Dessan (K. Kehr-
bacb , Mitteilungen der geseUscb. f. dtsoh. erziebungs- u. scbulgescb., jabrg. 2
(1892) 8. 40).
*) Pbilantbropistiscber erziebungsplan oder vollständige nacbricht von
dem ersten wirklieben Pbilantbropin zu Marscblins, Frankfurt a. M. 177G,
B. G6 u. 371.
384 KEHRBACH
reden, zuletzt kurze ^ extemporalreden '. Trotzdem sind auch
späterhin (nacli 1774) komödien aufgefülirt worden, so nach dem
gi'ossen examen am 15. mai 1776.0 Am 24, november desselben
Jahres führen die * kleinen pensionisten ' ein von ihnen selbst ge-
fertigtes lustspiel auf. 2) Auch Neuendorf ^) berichtet von * kinder-
schauspielen ' und am 27. dezember 1782 wird ein von Sander,
einem lehrer am Philanthropin, abgefasstes Schauspiel aufgeführt.^
Mit den Übungen im sprechen und lesen wurden, nachdem
das schreiben in der untersten klasse in besonderen schreib-
stunden erlernt worden war,*) Übungen im schriftlichen
ausdruck verbunden. Hierbei traten auch schon grammatika-
lische belehrungen ein, ohne dass jedoch den Schülern zunächst
eine wirkliche grammatik in die bände gegeben wurde. Denn
man könne, sagt Neuendorf ß) und zwar in Übereinstimmung mit
Basedow, Campe, Trapp, Wolke u.a., auch ohne nur das wort
grammatik zu nennen, schon fi*ülizeitig Sprachrichtigkeit üben
und beim fortschritt die meisten grammatikalischen regeln in
dem übrigen Sprachunterricht erwerben, so dass die Zöglinge,
wenn sie später, nach absolvierung der mittleren klassen, die
grammatik in die bände bekommen, die hauptsache derselben
schon ziemlich wissen. Diesen weg habe das Philanthropin ge-
wählt und die Jugend auf demselben gleich vom anfange des
deutschen Sprachunterrichtes geführt. — Tritt nachher der
eigentliche grammatische Unterricht ein, so verlangt Basedow*)
deklinations- und konjugationsübungen, die lehre vom satze und
kenntnis der gianmiatischen kunstwörter. Er fordert, dass viel
*) J. (t. Schummel, Fritzens reise nach Dessan u. s. w. und F. E. von
Rochow, Authentische nachricht u. s. w. (=: Neudrucke pädagogischer Schriften
von A. Richter, G, s. 54 u. 71).
*) V^^l. F. Leutz 1. c. s. 38.
3) Nachricht von der gegenwärtigen Verfassung des erziehungsinstituts
zu Dessau. Dessau, im mai 1785, s. Ol.
^) Sander, (•. F., Pusillana, ein Schauspiel in 4 aufzUgen, im Dessauischeu
erziehungsinstitute aufgeführt d. 27. decemher 1782. Dessau 1783.
®) Auffällig ist, dass im Philanthropin die schreib- lese -methode nicht
zur an Wendung gekommen ist, obwol ein ehemaliger hervorragender lehrer
des Philanthropius , Ernst Chrn. Trapp, sie vertritt (Versuch einer pädagogik
V. E. Chr. Trapp, Berlin 1780, s. 3H 1—362). Vgl. auch: Allgemeine revision
des gesamten schul- und erziehungswesens hrsg. v. J. H. Campe, 15. teil, Wien
und Braunschweig 1791.
') Nachricht s. 25.
*) Elementar werk bd. 4, s. 210.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHEOPIN ZU DESSAU. 385
diktiert und von zeit zu zeit nach dem nominativ des nomens ^)
und dem infinitiv der verben gefragt werde. Später werde die
Syntax ihnen erklärt und jede regel durch mehrere beispiele
erläutert. Den psychologischen grundsätzen des Unterrichts
zuwiderlaufend ist Basedows Vorschlag, dass der lehrer ein
grammatikalisch sehr fehlerhaftes buch mit bekanntem Inhalt
zusammentragen möge. Die schtiler sollten sodann alle fehler
' sowol wider die regeln der endigungen als wider den Wortlaut '
verbessern. Basedow hält es für nützlich, ein solches buch,
worin die fehler in klassen gebracht werden, für jede spräche
drucken zu lassen.
n.
Grosse aufmerksamkeit wurde der Orthographie zugewandt.
Die hervorragenden philanthropinisten des Dessauer Philanthro-
pins, Basedow, Campe, Trapp, Wolke, haben sich mehrfach damit
beschäftigt, ohne jedoch in den einzelheiten übereinzustimmen.
Dieser gegenständ hatte in der damaligen zeit allgemein die
geister erregt, unter ihnen auch Klopstock,^) dessen partei das
Philanthfopin (Wolke) nahm, wenn es auch nicht völlig sich
ihm anschloss. Durch diese teilnähme aber wurde eine derb-
satyrische Schrift hervorgerufen.-^)
Die Veröffentlichungen des Philanthropins sind zum teil in
einer von der damals allgemein üblichen Schreibweise ab-
weichenden, aber nicht konsequent durchgeführten Orthographie
gedruckt. Der grundgedanke bei diesen reformbestrebungen war
der, es solle nichts tiberflüssiges getan, nicht buchstaben ge-
schrieben werden, die gar nicht ausgesprochen würden. Wenn
die vielen überflüssigen buchstaben ausgelassen wüi'den, so werde
das lesenlernen erleichtert; denn je kürzer die worte geschiieben
>) Basedow glaubte den bekannten lateinischen kunstwörtem durch ab-
kUrzung der endsilben ein deutsches ansehen geben zu können. Statt singu-
laris sagte er singular, statt masculiuum masculin, statt verbum ein verbe,
statt die nomina die nomens. (Basedow, Lelirbuch prosaischer und poetischer
wohlredenheit in verschiedenen Schreibarten u. s. w., Kopenhagen 1756.)
') Ueber spräche und dichtkunst. fragmente fon Klopstock, Hamburg 1779.
') Die allemeueste deutsche Orthographie des 18. jalirhunderts, erfanden
Ton Klopstock, nachgeahmt Ton dem Dessauischen erziehungsinstitute , aus-
gezischt von der gelehrten weit, und übergegangen in die Vergessenheit.
Herausgegeben von einem memioniten. Frankfürt und Leipzig 1779.
Vwtgftbe fttr Sieven. 25
386 KEHRBACH
würden, um so schneller könnte man sie übersehen. Den
schreibenden aber würde viel zeit und viel papier erspart Be-
rechnete doch Wolke, dass die * S)eut§c^cn ' durch annähme seiner
* schreibregellehre ' (d. i. Orthographie) jäli^lich 10000 jähre arbeit
oder 5 millionen thaler für ^unütse staben' (buchstaben) er-
sparen würden.«) Das e als dehnungszeichen soll von nun an
wegbleiben: di statt die, si statt sie, dinen statt dienen XL a. m.
Ebenso geht es mit dem h, also fielen statt fühUn, leren statt
lehren, oren statt ohren, feit statt fehlt ek wird in A um-
gewandelt, daher stüh statt stüclc\ te in z: nuzen statt nutzen.
Die doppelkonsonanz mm, nn, U wird vereinfacht, also gewin,
stimt, schal, hei, ivil statt gewinn^ stimmt, schall, hell, will] ss
wird zu einfachem s: fleis für fleiss. — Wolke will auch die
erste gestalt der worte widerherstellen und schreibt daher eure
(weil lateinisch axis), fux (engl, fox)^ oxe (engl, ox) statt achse,
fuchs, ochset) Er weist darauf hin, 'dass bisher, wenn eine
Silbe lang oder gedehnt ausgesprochen wird, gewönlich bald
diser, bald jener buchstabe, der sonst nicht nötig wäre, zum
zeichen diser dehnung gebraucht, imd bald so, bald anders ein-
geschoben oder angesetzt werde, . . . ferner, dass viele silben
gedehnt ausgesprochen werden, one dass man ein dehnungs-
zeichen setzt.' 3) Die ^A\'ildfiemden buchstaben' ph und c dürfen
nach seiner meinung nicht beibehalten werden, ebensowenig der
gebrauch dreier zeichen (j^h, f, v) für einen laut.*) Gleichwol
will er mit seiner neuen Orthographie nicht so weit gehen, * dass
man die spräche ganz nach der ausspräche bigen müsse'. Er
hat sogar einige h, die später allerdings noch getilgt werden
müssten, zunächst stehen lassen, damit sich *nur erst das äuge
an di auslassung desselben in den silben, di mit einem Selbst-
laute enden, einigermassen gewöhne.'^) Basedow schreibt ck
Anleit znr deutschen gesamtsprache oder zu erkennung nnd berichtignng
einiger (zu wenigst 20) tausend sprachfeliler in der hochdeutschen mundart.
Von Christian Heinrich Wolke, Dresden 1812, 8. U fF. Von dem gesichtspunkte
der erspaning aus betrachtet auch der philanthropinist ViUaume in seinem
'Praktischen handbuch für lehrer in bürger- und landschulen (Dessau 1781.
Im Verlage der institutsbuchhandlung) ' die orthographische reform.
*) Wi die recht Schreibung der deutschen spräche bestimter, im ganzen
gleichfönuiger und leichter werden kann (Philanthrop. Journal, 4. qnartal des
2. jarganges, Dessau, juli 1779, s. 611).
«) Ebenda s. 609. <) Ebenda s. 619.
^) Ebenda s. 617.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 387
(kJc) in den fällen, in denen nach seiner meinung beide k gehört
werden, also wecken-, ebenso tz: setzen.
Bei anderen lautverbindungen gehen die philanthropinisten
nicht soweit wie Klopstock, der die regel aufstellte, die worte
so zu schreiben, wie man sie nach einer guten ausspräche hörte,
also: fir färde zin di ärdepfel samt den hlettem statt vier pf erde
zihn di erdäpfel samt den blättern (so Wolke) oder: ef fält fil
statt es fehlt vil (Wolke). Auch Trapp*) hat die regel auf-
gestellt: ^schreibe, was du hörst!' fügt aber hinzu: ^ siehe auf
die abstammung der Wörter! Siehe auf Verlängerung der Wörter!
Eichte dich nach der mode!' und bemerkt zugleich, dass diese
regeln oft einander aufheben.
Die schwerigkeiten, bestimmte regeln aufzustellen, haben
die philanthropinisten auch wol eingesehen, und sie kommen dann
immer zu dem einzigen auswege, durch vieles lesen, diktieren
und korrigieren die nötige Sicherheit im orthographischen schreiben
bei allen Schülern zu erzielen. Auch Trapp sieht das bedenkliche
in der regel: * schreibe was du höi-st' ein und verlangt daher
mehr Übung im abschreiben als im diktatschreiben, da die ortho-
gi-apliie mehr eine sache der äugen als der obren sei. Dabei
werden im einzelnen folgende Vorschriften gegeben: ^ wenn einem
etwas korrigiert wird, so sollen alle anteil nehmen. Es sollen
den kindern oft Wörter mit Verstössen gegen die Orthographie an
die tafel geschrieben werden und man soll sie dann sagen lassen,
wie es recht geschrieben werde'. Auch in dem bericht von 1778
(Pädag. Unterhandlungen 7. stück) wird von Trapp erzählt, dass
er, um die schüler des Philantlu'opins in der orthogi^aphie und
im rechten gebrauch der untei^scheidungszeichen zu befestigen,
bisweilen nach anleitung der Basedowschen Teutschen grammatik
etwas fehlerhaftes berichtigen lasse, ^welches eine sehr gute
Übung sei'.
Dass liierbei die belohnungen und strafen eine gi-osse rolle
spielten, ist ganz im geiste der philanthi'opinist^n.^) Basedow
^) Versuch einer pädagogik, Berlin 1780.
•) 'Wenn es in der kirschenzeit ist, bekömmt jeder des morgens ein oder
zwei dutzend kirschen, die ihm aber nicht in die bände gegeben werden,
sondern vor seinen angen in schächteichen oder andern gefässen stellen, die
mit dem uameu der schüler bezeichnet sind, so dass ein jeder das seinige
kennen kann. Wenn nun der lehrer die bücher durchsieht, nimmt er für
jeden fehler aus dem schächteichen desjenigen, der ihn gemacht hat, eine
25*
388 KEHRBACH
verlanget, dass die kinder fehlerhaft geschriebenes verbessert
kopieren sollen, wobei vorher die orthogi'aphischen regeln, ' wenn
die kinder sie verstehen können', vorgeführt werden J)
Fehler in der rechtschreibnng solcher Wörter, die selten
vorkommen, müsse die Jugend selbst in ein schreibbuch eintragen
und das verbesserte nebst dem fehlerhaften hinschreiben.
Jasperson in seinen noch ungednickten und bisher nicht
benutzten berichten über seine französischen und deutschen
stunden teilt unterm 23. September 1782 mit, dass er, *um die
orthographischen Übungen auf mehr als eine ait lelirreich und
allgemein interessant zu machen ', die geschichte des misstrauischen
und furchtsamen Dionys zu Syrakus ausgewählt habe, sie dann
von einem schüler periodenweise an die tafel schreiben und darauf
die fehler von den übrigen der reihe nach habe verbessern lassen.
Er habe dabei die allgemein brauchbaren regeln der deutschen
Orthographie angebracht.
Wenn trotz aller dieser bemühungen es sich bei den
Prüfungen herausstellte, dass die schüler selbst in der obersten
klasse noch Verstösse gegen die Orthographie machten, so lässt
sich das nur aus dem umstände erklären, dass eine bestimmte
orthogi^aphie nicht konsequent dmxhgeführt war. Die im Philan-
thropin benutzten bücher zeigen die verschiedenartigste Schreib-
weise, ebenso wie die Veröffentlichungen des Pliilanthropins selbst.
Nicht einmal im philanthropischen lesebuche sind die regeln, die
Wolke für dasselbe aufgestellt hatte, 2) befolgt worden. Dazu
kam, dass die im Philanthropin angewandte methode, wonach die
schüler verbesserte worte mit den fehlerhaften in einem hefte
nebeneinander eintragen mussten, und wonach femer der lehrer
Worte und sätze absichtlich falsch an die Wandtafel aufechrieb,
kirsche und legt sie in ein besonderes gefäss. Soviel einer nun fehler macht,
soviel kirschen isst er des mittags weniger, und die verlohrenen werden an
die bedienten aiisgetheilt. Weiterhin im jähr macht man es mit andern obst
ebenso, nur dass ein apfel oder eine bim nur durch vier fehler ganz verlohren
gehen kann. Hat man kein obst mehr, so thue man dasselbe mit andern
essbaren oder nicht essbaren dingen, die den kindem lieb sind. Man wird in
kurzer zeit es dahin bringen, dass sie gut buchstabieren und richtig schreiben
lernen.' Trapp, Pädagogik s. 109—110.
*) Basedow, Teutsche grammatik (elementarwerk 4, 217).
*) Wolke, Von der deutschen rechtschreibung (philanthropisches lesebuch
für die Jugend und ire freunde. Das virte virteljar des 2ten jargangs.
Dessau im Julius 1779.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 389
damit die schüler sie nachher verbesserten, eine Sicherheit im
orthographisch richtig schreiben nicht aufkommen lassen konnte,
da auf diese weise das richtige mit dem falschen dem äuge
und gedächtnis sich gleichwertig einprägte.
Bei den schriftlichen arbeiten, die sich an die zahl-
reichen Übungen im mündlichen ausdrucke anschliessen oder mit
ihnen einherlaufen, verlangt Basedow mit der beschreibung an-
zufangen. Wie bei den lese- und Sprechübungen nur Stoffe ver-
wendet wui'den, die den kindem in Wirklichkeit, im bilde oder
modell vorgeführt werden konnten, so sollten auch die ersten
schriftlichen Übungen sich mit dem beschäftigen, was die kinder
mit den sinnen wahrnehmen können.
Die schüler sollen zunächst ein zimmer, ein haus, einen
garten, eine gegend, eine Stadt beschreiben; sie sollen sodann
erzählen, was sie erlebt oder gelesen und was andere ihnen
erzählt haben. Daran sollen sich lebensbeschreibungen und
Charakteristiken anschliessen, wozu Nepos und Plutarch benutzt
werden können oder besser pereonen des familien- und bekaimten-
kreises. Die schriftlichen arbeiten erstreckten sich weiterhin auf
buchhalten, auf abfassung von kontrakten, testamenten, Zeugnissen,
kurz auf alles, was Basedow * rechtsgängige Schriften' nannte. >)
Die schüler sollen angehalten werden, eine * weitläuf tige '
Schrift in einen tabellarisch geschriebenen auszug zu bringen.
Diese ausarbeitungen wurden, wie der bericht über den unter-
richtsbetrieb am Philanthropin vom Januar bis johannis 1778^)
mitteilt, teils dem schüler von dem lehrer aufgegeben, teils der
wähl des schülers überlassen, ebenso die form der darstellung,
nur teilt der schüler dem lehrer mit, * was er die künftige woche
liefern will'. Für diejenigen schüler der oberen abteilung des
Philanthropins, die zum Studium bestimmt sind, bedarf es noch
umfangreicher schriftlicher und grammatischer Übungen.
Sie müssen einen gegebenen Vortrag verkürzen, verlängern
und auf andere art bearbeiten, sie müssen rezitierte reden in
referierende und referierte in rezitierende form verwandeln, sie
müssen eine rede oder abhandlung in eine 'tabellarische vor-
*) Basedow, Elementarwerk bd. 4, s. 244 und Basedow, Die durch wähl
des nützlichsten elementarische teutsche Grammatik der philanthropischen
Seminare in Anhalt, Dessau und zu Marschlins in Bündten und anderer, die
ihnen gleichförmig werden wollen. Leipzig, Crusius, 1775. S. 120 ff.
*) Pädagog. Unterhandlungen, 7. stück, s. 606.
390 KEHRBACH
Stellung bringen und die hauptsachen verkürzt vortragen ', Denn
nichts bilde, wie Neuendorf ') in seinem berichte über den Unter-
richt im Philanthropin mitteilt, gedanken und spräche mehr, als
die mannigfaltigen Übungen in schriftlichen arbeiten und auf-
sätzen. Man habe daher im Philanthropin grossen wert auf diese
Übungen gelegt und die Jugend, sobald es sich tun lasse, dazu
angehalten. Solche stilistischen Übungen sollen aber nur an-
gestellt werden an materien, die der schüler bereits kennt und
erfasst hat oder die seinem interessenkreis angehören. Sonst
werde weiter nichts als wortkrämerei ausgebildet.*-) Die einzelnen
schriftlichen arbeiten liest der lehrer vor und ^beurteilt sie in
rücksicht auf gedanken, ausdruck und grammatik'. Die dabei
gegebenen ^regeln werden jedesmal laut wiederholt, von dem
lehrer sowohl als von den schülern und mit vielen beispielen
erläutert '. Auch für diese stilistischen arbeiten wurden, wie für
die orthographischen (siehe oben s. 387 f.), ^nach Verhältnis ilu'es
wertes' belohnungen erteilt, die in ^billeten des fleisses' be-
standen, wodurch der schüler sich * goldene punkte auf der
weissen meritentafel' erwerben konnte.
m.
Wie im vorigen Jahrhundert überhaupt, so wurde auch am
Dessauer Philanthropin dem brief schreiben grosser wert bei-
gelegt und von Basedow eingehende Vorschriften dafür auf-
gestellt.^) Bereits vom zehnten jähre an sollte der zögliug unter
anführung seines lelirers wöchentlich wenigstens einen brief
schreiben, *) und zwar zunächst an solche personen, die er duzen
konnte; *denn jede Übung müsse durch elemente anfangen'.
*Man muss ihr (der Jugend) anfangs nicht zu gleicher zeit die
Sorgfalt für ein ceremoniell auftragen, welches wider den rat der
gesunden veniunft von der mode ei-funden worden ist.' Dem
*) Nachricht s. 25.
*) Basedow, Teutsche grammatik (elemeutarwerk bd. 4, s. 212).
3) Elemeutarwerk bd. 4 , 8. 236 fF. und Teutsche grammatik der philau-
thropinischen seminare in Anhalt - Dessau und zu Marschlins in Bttndten und
anderer, die ihnen gleichförmig werden wollen. Leipzig 1775, s. 114 — 119.
*) Im Jahre 1777—78 berichtet Trapp, dass er am ersten und fünfzehnten
tage jedes monats eine stunde zum briefschreiben benutze (Pädagog. unter-
handl. 1778, 7. stück, nr.2G).
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 391
Zöglinge müsse, ehe er sich selbst tiberlassen werde, ein gutes
^titularbuch wegen der äusserlichen einrichtung der briefe nach
der mode ' bekannt gemacht werden ; auch werde er hingewiesen
auf eine anweisung zum briefschreiben (briefsteller). Dabei wird
das buch von Stockhausen empfohlen,*) ferner Sammlungen von
gedruckten briefen; auch werden die briefe der frau von Sevigne,
V. Maintenon, die Sammlungen von Büssy und Geliert genannt.
Diese soll der schüler freilich nicht ausschreiben, aber sie lesen,
besonders 'kurz vorher; seine seele vari dadurch zu dem tone
des briefstiles etwas gestimmt'. Das brief schreiben wurde aber
nicht nur in bestimmten dafür angesetzten Unterrichtsstunden
geübt, die Zöglinge waren auch verpflichtet an bestimmten tagen,
den ' brieftagen ' wirkliche briefe an ihre angehörigen und freunde
zu schreiben. Für die grösseren philanthropinisten fiel seit dem
16. november 1777 *'') der bestimmte brieftag weg, doch wurde
jeder * privataufseher ' der grösseren vei-pflichtet, seine unter-
gebenen anzuhalten, *die nötigen briefe zu schreiben (welches
am bequemsten sonntags nachmittag geschehen kann)' sie selbst
zu versiegeln und auf die post zu schicken. Für die kleinen
blieb jedoch der brieftag bestehen.
Das ideal des Dessauer Philanthropins im unterrichte
deutscher spräche und litteratur ist die fertigkeit der lehrer
und Zöglinge im guten mündlichen und schriftlichen aus-
drucke. Dieses ziel wird nicht durch grammatik erreicht —
denn es könne einer in einer spräche ein meisterhafter schrift-
steiler werden, ohne jemals etwas von der gi'ammatik derselben
ZU lesen^) — , sondern durch 'Übung des geschmackes an
guten Schriftstellern'.^) Solche Übungen begannen, wie
oben (s. 884) erwähnt worden ist, schon frühzeitig. Nachdem
das mechanische lesen erlernt war, ging es an die lektüre von
lesestücken der damals üblichen, für diesen zweck veriassten
lehrmittel. Für die mittleren und unteren klassen wurden benutzt
*) Joh. Christoph Stockhausens gnindsätze wohleiugerichteter briefe,
nach den besten mustern der Deutschen und ausländer, nebst beigefügten er-
läuterungen und exempeln. Wien, verlegt bey Joh. Thomas Edlen v. Trattnem,
kaiserl. königl. hofbuchdruckem und buchhändlem. 1700.
•^) Protokollbuch der pädagogischen gesellschaft s. 15. — Das protokoU-
buch der gesellschaft, deren ordentliche mitglieder die lehrer des Philanthropins
waren, befindet sich in der herzoglichen bibliothek zu Dessau.
«) Methodenbuch s. 243. *) Ebd.
392 KEHEBACH
Rochows und Weisses Kinderfreund, das sittenbüchlein für kinder
in gesitteten ständen, Beispiele der Weisheit und tugend von
Feddersen, Kleine beschäftigung für kinder von Funk, das phi-
lanthropische lesebuch (auch für die obere klasse), die dessauische
Jugendzeitung und der Jugendbeobachter.
Es wird danach gestrebt, dem vortrage des lesenden ' nach-
druck und gi*azie mitzuteilen und in seine stimme geist und leben
zu bringen.' Dies ist natürlich nur denkbar unter der Voraus-
setzung einer genauen kenntnis des gelesenen Stückes, daher mit
der lektüi'e *die genaueste Zergliederung des autors' verbunden
wdrd. Es gehen da die leseübungen nach und nach in 'eigent-
liche Übungen des Verstandes über und führen uns zu kritischer
beurteilung sowohl der Schreibart als der gedanken unseres Ver-
fassers '. Neben der sprachlichen betrachtungsart laufen moralische
und sachliche nebenher. In welcher weise das geschah, geht aus
Jaspersons bericht 'Etwas über die deutschen lesestunden im
institut'9 hervor. Es werden nicht nur 'die bedeutungen der
ausdrücke, der richtige sinn der redensallen aufgesucht \ sondern
wir 'nehmen nun auch die Sachen selbst vor und holen von
seinen (des Verfassers) erzälungen und behauptungen den stof
her die kräfte unsers nachdenkens zu schärfen, indem wir die
uns bekannten Wahrheiten mit den von ihm vorgetragenen un-
bekantem vergleichen, und daraus für die möglich- und Un-
möglichkeit, Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit, gewisheit oder
ungewisheit derselben Schlüsse zu ziehen lernen'.
In der lehrprobe, die er dabei mitteilt (16. stück der
dessaiiischen Jugendzeitung von 1782) finden sich übrigens keine
sprachlichen bemerkungen. Auch in seinen noch nicht ver-
öffentlichten berichten ist nur einmal von orthographischen
Übungen die rede (vgl. oben s. 388) ; hier überwiegt vielmelir die
moralische und sachliche betrachtungsart. In manchen stunden
dagegen wird, wie Jasperson selbst mitteilt, hauptsächlich auf
ausdruck und spräche gesehen und alles gesammelt, was zur
bildung des Stiles zu wissen erforderlich sei. 2) Bei der lektüre
von Forstei^s reisen hat Jasperson die schüler belehrt, dass die
menschen ui'sprünglich nicht zur bosheit, falschheit und Un-
gerechtigkeit u. s. w., wie allgemein angenommen werde, geneigt
^) Philanthrop. Journal, 5. Jahrgang (1784), 4. heft, 8.555.
') Jasperson, Etwas über die deutschen lesestunden im institut, s. 604.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 393
gewesen seien, sondern dass sie erst dazu gekommen sind durch
den einfluss der * gesitteten Völker'. Ein anderes mal hat er
ihnen begreiflich gemacht, dass der götzendienst eine erflndung
einiger schlauer köpfe gewesen. *) Er liest ihnen das AVeissesche
drama vom Windspiel vor, um zu zeigen, dass die rachsucht sehr
verabscheuungswürdig macht, und weist darauf hin, wie edel das
vergeben sei Eine reisebeschreibung aus dem Jugendbeobachter
veranlasst ihn, mit seinen schillern elementargeographie zu treiben,
über den handel in der Levante, über Wechsel, assignationen,
Obligationen, banknoten, postverkehr u. s. w. zu sprechen. Bei
der geschichte von Columbus wird geographie getrieben, der globus
und die karte erklärt und werden schliesslich arithmetische
Übungen angeschlossen, als es gilt, den wert des goldes zur zeit
des Columbus in die ^derzeitigen' wert« umzusetzen. 2) Dass mit
der wähl der lesestücke trotz der geringen scliülerzahl fehlgi-iffe
vorkamen, gesteht Jasperson selbst zu, indem er erklärt, er habe
Göckingks epist^l gelesen, aber bemerken müssen, dass wegen
ihrer Schwierigkeiten die schüler kein Interesse dafür gezeigt
hätten. 3)
Von den damaligen dichtem werden nach den überlieferten
authentischen mitteDungen über den untemchtsbetrieb im Philan-
thropin namentlich aufgefühi-t: Geliert, Gessner, Göckingk,
E. V. Kleist, Klopstock, Weisse. In den mittleren (2. und 3.)
Massen scheint Geliert besondere beliebt gewesen zu sein;
wenigstens geht aus dem protokollbuche hervor, dass in den
Prüfungen der 2. klasse vom 6. mai 1791 und vom 22. april 1793
Gellertsche fabeln und gedichte deklamiert wurden. In einer
früheren prüfung, am 22. mai 1786, wui'de 'ein vei-such gemacht,
den ersten gesang des todes Abels (von Gessner) zu lesen', und
es wird im protokollbuch (s. 84) bemerkt, dass die schüler
grösstenteils mit empfindung der poetischen stellen gelesen hätten
und dass man daraus schliessen dui'fte, dass sie ein prosaisches
stück erst recht gut und fertig lesen wüi'den.
Sowol in der obereten klasse der ersten hauptubteilung des
Philanthropins , die die schüler vom 6. bis etwa zum 15. lebens-
jalire umfasste, und für alle bürgerlichen berufsarten, ausser für
*) Jasperson, Bericht vom juni 1781.
«) Bericht vom 25. februar 1782.
') Bericht vom juni 1781.
394 KEHRBACH
die, welche eine akademische Vorbildung verlangen, vorbereitet,
als auch in der 2. hauptabteilung, der die schüler vom 15. bis
zum 18. lebens jähre angehören, um für die Universität sich vor-
zubereiten, werden die * besten klassischen Schriftsteller
unserer nation' teils stellen- teils auszugsweise gelesen, nach
den regeln des geschmackes beurteilt und grössere ausarbeitungen
geliefert.') Auch werden * viele Übungen der gemeinnützigen
wolredenheit ' angestellt. 2)
Für die akademische abteilung wird als ein gegensatz zu
der * überhand nehmenden lesesucht solcher bücher, welche die
Unschuld keineswegs befördern, das Studium der besten vater-
ländischen Schriftsteller als eine hauptsache bezeichnet^
wozu die eleven des Philanthropins angehalten' würden. Von
den * besten dichtem' tritt uns in der ersten klasse zunächst
E. v. Kleist entgegen, dessen ode an die preussische armee nach
einigen vorangeschickten fragen über den Charakter der ode in
der Prüfung am 17. Oktober 1785 gelesen wurde. *Die meisten
lasen mit einer traurigen stimme*. Nur ein Zögling las 'mit
der richtigen tonsetzung'.'*) Aus der prüfung vom 25. Oktober
1787 wird berichtet, dass ein teil von Klopstocks Messias von
Schülern vorgelesen wurde. Die erste klasse wird in den Proto-
kollen über die Prüfungen, die vom jähre 1786 — 1793 statt-
gefunden haben, nur noch einmal ei'w^ähnt, nämlich in dem
berichte über die prüfung vom 6. mai 1791, in der der schüler
Rheinfarth eine von ihm angefertigte rede, * worin er viele
historische keuntnisse gezeigt hatte', vorliest. Mit welchen dichtem
aber die schüler noch bekannt gemacht wurden, können wir
indirekt aus den werken schliessen, die die lehrer beim Unter-
richt gebrauchten. Von Trapp wird mitgeteilt,^) dass er sich
der Vorübungen Sulzei's bedient habe. In diesem lange zeit
hindurch mit recht beliebt gewesenen werke, das in seinen 3
ersten teilen musterstücke der prosa und poesie enthält, sind
von deutschen dichtem vertreten: Bodmer, Claudius, v. Creuz,
Geliert, Gessner, Hagedorn, Haller, E. v. Kleist, KlopstocR,
*) Jaspersoll, Etwas über die deutschen lesestuuden im institiit, s. 605.
*) Neueiidorf, Nachricht von der gegenwärtigen Verfassung, Dessau
17b5, s. 12.
*) ProtokoUbuch s. 72.
*) Pädagogische unterhandl. 1778, s. 000 ff.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHßOPIN ZU DESSAU. 395
Lichtwer, Nicolai, Wieland. Auch Ramlers Batteux, «) der nebst
Breitinger (Kritische dichtkunst, Zürich 1740) zui' benutzung
im unterrichte der schönen Wissenschaften (wolredenheit) em-
pfohlen wird/0 u^id der von Trapp benutzt worden ist, enthält
proben aus deutschen dichtem, die bei den erörterungen über
die einzelnen dichtungsarten vorgelesen und besprochen wurden.
Beim idyll handelt es sich hauptsächlich um Gessner, dessen
Menalkas nebst E. v. Kleists Irin schon 1775 von DuToit,
einem lehrer am Philanthropin, in dem plane einer erziehungs-
anstalt') als gute lektüre und geeignet für den Unterricht be-
zeichnet worden war. Ausserdem werden einige anonyme auf-
geführt, die wol Ramler zum Verfasser haben. Für die epische
und dramatische dichtung fehlen belege aus der deutschen litte-
ratur, dagegen sind bei der fabel Geliert, Gessner, Hagedom,
Lichtwer; bei der lyrik Gleim, Hagedorn, Klopstock, Lange,
Weisse; bei der satjTe Canitz, Haller, Ramler und beim epigi'amm
Ewald, Gleim, Götz, Hagedoni, Lessing, Logau, Opitz, Wernike
vertreten. Wenn Spazier*) berichtet, dass er die Zöglinge des
Philanthropins in der rhetorik und poetik nach Eschenburg unter-
richtet habe, so ist anzunehmen, dass auch er seine lehren an
das vorlesen und besprechen dichterischer Produktionen anknüpfte,
da Eschenburg ausdrücklich erklärt, dass mehr als alle regeln
die lesungen, erklärungen und an Wendungen der besten muster
wirken,*) ebenso wie es bei Schütz «) der fall war, dessen werk
*) Einleitung in die schönen Wissenschaften. Nach dem Französischen
des heim Batteux mit Zusätzen vermehrt von C. W. Ramler. — Diese zusätze
haben sich von aufläge zu aufläge besonders durch belege aus deutschen
dichtem vermehrt.
*) Basedow verlangt, dass Ramlers Batteux stückweise erklärt werde
unter lesung einiger epigramme und fabeln, lehrgedichte und satyren, Idyllen,
elegien, öden, eines heldeugedichtes und einiger dramen (Elenientarwerk,
4. bd. , zehntes buch: das nöthigste der grammatik und von der wohlreden-
heit, s. 251.
3) Pädagog. unterhandl., 12. stück, 1778.
*) Carl Pilger, Roman seines lebens, 3. teil, Berlin 1790, s. 169.
*) Joach. Eschenburg, Entwurf einer theorie und litteratur der schönen
Wissenschaften, Berlin u. Stettin, Friedr. Nicolai, 1783, vorre<le. Eschenburg
gab später 1788 eine beispielsamralnng zur theorie und litteratur der schönen
Wissenschaften, bd. 1— S, heraus (Berlin u. Stettin), die aber Spazier, obwol
sie sich in der bibliothek des Philanthropins befand, nicht mehr benutzt
haben kann, da er bereits 1784 Dessau verlassen hat.
®) Lehrbuch zur bilduug des Verstandes und des . geschmacks. Zum
396 KEHRBACH
Trapp 1778 seinem unterrichte in der ersten klasse des Philan-
thropins in der bildung des geschmackes und des deutschen
Stiles zu gründe legte J)
Trai^p^) gibt auch an, wie die autoren behandelt wurden-
Der lehrer liest zunächst ein poetisches oder prosaisches stück
laut vor imd gibt es darauf einem schüler, der es ^nachmachen'
muss; gedanken, Wendungen und ausdrücke des autors werden
beurteilt, seine absieht aufgesucht, sein plan vorgelegt und ge-
zeigt, wie die gedanken hieraus entstehen, wie einer den andern
erzeugt, wie sie unter sich mit dem ganzen zusammenhängen. —
Auch das auswendiglemen schöner stellen wird empfohlen, doch
dürfe der Zögling nur das lernen, was er völlig verstehe und
sehr gut gelesen habe. Diese methode Trapps deckt sich mit
den vorschlagen, die Sulzer in dem allein zum gebrauche der
lehrer geschriebenen 4. teile seines Werkes (Von dem zwecke
und dem gebrauch dieses buches) ausgesprochen hat, und die
heutigen tages noch befolgt zu werden verdienen.
An die lektüre und erläuterungen der prosaiker und
dichter schloss sich, wie Jasperson^) mitteilt, in der obersten
klasse eine kiu'ze Übersicht der deutschen litteratur nebst
erörterungen einiger allgemeiner grundsätze der schönen
Wissenschaften; letztere allerdings nur mit schülem, die sich
für die Universität vorbereiteten. 4) In dem stundenplane des
Philanthropins, der vom januar bis johannis 1778 befolgt worden
ist, sind für die 1. und 2. klasse der gi'össeren pensionisten
wöchentlich 3 stunden zur bildung des geschmackes und des
deutschen Stiles bestimmt. Für die 1. klasse der kleineren phi-
lanthropinisten sind 6 stunden wöchentlich für leseübungen an-
gesetzt; die 2. klasse der kleineren philanthropinisten hat in
behufe des öffentlichen schul- und Privatunterrichts verfasset von Christian
(^ttfried Schütz. Erster band, Halle ITTC). Zweyter band, Haue 1778. Schüta
wünscht ausdrücklich, dass niemals eine bloss trockene theorie an die stelle
des lebendigen Studiums der erhabensten denkmäler des Verstandes und witzes
gesetzt werde. Ausser den oben bei Sulzer und Bamler erwähnten dichtem
treten bei Schütz noch auf: Blum, Bürger, Gramer, Funk, Goethe (W^>^^<^r),
Götter, Schiebeier, Schlegel, Willamov. Von prosaikem sind Raphael Meng»
und Winkelmann mit aiiszügen aus ihren scliriften berücksichtigt.
») Pädagog. Unterhandlungen, 1778, s. 625.
«) Pädagog. Unterhandlungen, 1778, s. 608.
>) Etwas über die deutschen lesestunden im institut, s. 605.
*) Neueudorf, Nachricht, s. 12.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 397
wöchentlich 6 stunden rechtschreibung und freie stunde zum
umgange abwechselnd mit der 1. klasse, ausserdem 6 stunden
Übungen im lesen lehrreicher bücher. Für die klasse der famu-
lanten sind 6 stunden wöchentlich für Übungen im stil und in
der rechtschreibung angesetzt. —
In dem lehrplane für die zeit von johannis 1778 bis ostern
1779 sind für Trapps * philosophische und poetische lektionen,
auch Stilübungen in deutscher und lateinischer spräche' 12 stunden
in der woche bestimmt. Für die damals existierende kauf-
männische klasse fanden täglich von 9 — 11 uhr, also 12 stunden
wöchentlich, kaufmännische lektionen statt, die in der haupt-
sache in schriftlichen arbeiten bestanden. Die 3 klassen der
kleineren philanthropinisten haben wöchentlich je 6 ' lesestunden '.
Die famulanten haben täglich von 9 — 11 uhr Übungen in schrift-
lichen arbeiten und im rechnen.
Von ostern 1779 bis ostern 1780 bestehen drei deutsche
klassen, auf die wöchentlich je 6 stunden entfielen. In dem
studienplane Neuendorfs wird mitgeteilt, dass 4 deutsche klassen
bestanden haben, von denen die 4. wöchentlich 8, die 3. 6 und
die beiden oberen je 4 stunden hatten.
Als lehrer für den deutschen Unterricht werden genannt:
Andreae, Basedow, Hermann, Jahn, Jasperson, Kolbe, Lippoldt,
Mochel, Peters, Richter, Sander, Schütz, Schulze, Spazier, Trapp,
Vogel.
IV.
Wer der vorstehenden darstellung mit aufmerksamkeit
gefolgt und in der geschichte des deutschen erziehungs- und
Unterrichtswesens nicht unbewandert ist, wird zugestehen, dass
niemals vorher weder theoretisch noch praktisch mit solchem
nachdruck die einführung des Unterrichts in deutscher spräche
und litteratur in den lehri)lan einer höheren lehranstalt gefordert
und aufgenommen worden ist. Und wenn Basedow und Trapp
auch weiter nichts getan hätten, als ihre theoretischen
forderungen für den deutschen Unterricht aufzustellen, so würden
sie sich doch wenigstens ein verdienst um die entwickelung des
Systems der pädagogik erworben haben, es sei denn, dass man
systematische erörterungen ohne ihre Umsetzung in die praxis
für akademische betrachtungen ohne wert erachte, ein stand-
398 KEÜRBACH
punkt der beurteilung, durch den mancher berühmte pädagogische
systematiker aus den tabellen der gescliichte der erziehung und
des Unterrichts beseitigt werden mtisste. Wenn mehrfach und
aucli von Spazier, einem lehrer des Philanthropins, der ein sehr
ungünstiges urteil über das Institut gefällt hat, behauptet worden
ist, dass es nur zwei lobenswerte dinge am Philanthropin gegeben
habe, nämlich den religionsunterricht und die körperliche er-
ziehung, so wird nun wol niemandem zweifelhaft sein, dass auch
der Unterricht in der deutschen spräche und litteratur nicht
allzu fern von jenen ' lobens weiten dingen' stehen düi'fte, und
Pinloche, der im übrigen sich dem urteile Spaziers anschliesst,
hat ganz recht, wenn er erklärt, es sei lobend anzuerkennen,
dass die i)hilanthropinisten die notwendigkeit nachgewiesen hätten,
'in die erziehungsprogiamme eine menge in der tat nützlicher
dinge aufzunehmen, welchen die scholastische pädagogik die auf-
nähme verweigert habe', und wenn er in erster linie zu diesen
nützlichen dingen das Studium der muttersprache rechnet. Nie-
mals vorher und noch lange nachher sind in höheren schulen
so, wie im Philanthropin die deutschen lehrstunden als die
wichtigsten, das Studium unserer besten vaterländischen schrift-
steiler als die liauptsache bezeichnet worden.')
Wenn in vielen büchern über den philanthropinismus bis
in die neueste zeit hinein immer und immer wider betont wird,
dass die philanthropinisten nur als Vertreter des nützlichkeits-
prinzips anzusehen seien, wonach der Zögling nur das zu wissen
brauche, was er in seinem zukünftigen praktischen berufe nötig
habe, so beweisen doch plane und ausführung, theorie und praxis
des deutschen Unterrichts am Philanthropin das gegenteil. Wie
hätte sonst im Unterricht der ersten abteilung, die für alle
höheren berufsarten mit ausnähme derer, die ein akademisches
Studium erfordern, vorbereitete, kenntuis der deutschen litteratur
und eine encydopädie oder kiu'ze historische übemcht der
Wissenschaften verlangt und dargeboten werden können? Wie
hätte in der zweiten abteilung die theorie der schönen Wissen-
schaften nach den werken von Eschenbiu'g, nach Ramlers Batteux,
nach Schütz und Sulzer getrieben werden können? Gewiss wird
Spazier in vielen dingen recht haben, und es werden die Ver-
hältnisse, die er schildert, vor allem die vielköpfigkeit der
*) Neuendorf, Nachricht, s. 21 und 12.
DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN ZU DESSAU. 399
direktion, der mangel an ineinander eingreifenden lehridänen
trotz widerholter versuche hier abhilfe zu schaffen,*) fehlgriffe
in der wähl der lehrer, der mangel an zweckmässigen lelir-
büchem (die indes im deutschen unterrichte nicht gefehlt haben)
dem gedeihlichen fortgange des Unterrichts oftmals entgegen
gewirkt haben. Doch will es mir scheinen, dass hierdurch in
erster linie der Unterricht in den klassischen sprachen gelitten
hat; aber auch nicht zu allen Zeiten. Gibt doch Spazier selbst
zu, dass in der letzten zeit — er ist anfangs 1785 abgegangen
— auch auf diesem unterrichtsgebiete zuweilen besseres geleistet
wurde. Man darf nur die von Pinloche nicht gekannten lehr-
berichte des magisters Friedrich Wilhelm Götze') von 1780—81
nachlesen, um über gewisse, fi-eilich kurze perioden des Instituts
auch hinsichtlich des altsprachlichen Unterrichts eine bessere
meinung zu gewinnen. Es scheint mir überhaupt, dass man
gewölmlich das Philantliropin zu sehr in bausch und bogen be-
urteilt und niclit beachtet, dass es zu verscliiedenen zelten ein
vei'schiedenes gewesen ist. Hätte der deutsche Unterricht nichts
getaugt, so würde Spazier siclier keine schüler gefunden liaben,
die seinem unterrichte in der theorie der dichtkunst und bered-
samkeit nach Eschenbm-g hätten folgen können? Würde sich
in seinen unentgeltlichen privatstunden, in denen er allgemeine
encyclopädie nach Sulzer leinte, alsdann eine 'auserlesene' zahl
von Zöglingen eingefunden haben, von denen er selbst sagt, dass
sie seine ausserordentliche mühe reichlich durch fleiss und liebe
belohnten?
Wenn von den ärgsten feinden der philanthropinistischen
bestrebungen, den Vertretern des humanismus, Jahrzehnte hindurch
in oft weitschweifigen aufsätzen und büchern die härtesten an-
schuldigungen gegen das Philanthropin erhoben worden sind, so
kann man nur bedauern, dass diese gegner nicht zeit gefunden
haben, das zu prüfen, was die philanthropinisten für den Unter-
richt in deutscher spräche und litteratur theoretisch und praktisch
gutes gewirkt haben. Es hätten dann sicher so beschämende
zustände nicht eintreten können, wie im anfange dieses Jahr-
hunderts in Schulpforta, einer anstalt, die lange zeit hindurch
als das prototyp eines gymnasiums, dessen einrichtungen weithin
') Vgl. 0. Franke 1. c. s. 30—48 und Nietzold 1. c. s. 107.
«) 0. Franke 1. c. s. 181—201.
400 KEHRBACH, DEUTSCHE SPRACHE AM PHILANTHROPIN.
nachgeahmt wurden, galt. Nicht nur, dass deutsche litteratur
im lehiT)lane dieser anstalt nicht aufgenommen war, man tadelte
und verbot sogar die privatbeschäftigung der schüler mit den
deutschen klassikern, wie denn auch zu jener zeit der berühmt«
rektor der schule und hervorragende Vertreter der klassischen
Philologie, Illgen, entsetzt war, als man 1817 die im Philan-
thropin so beliebt gewesenen und allgemein gerühmten leibes-
übungen auch in Schulpforta einführte und die regierung aus
Berlin ihm für den turnunterricht ein Springpferd schickte, das
er nach der meinung des ebenfalls berühmten philologen Gottfried
Hermann nicht hätte annehmen dürfen, da der rektor einer litte-
rärischen schule nicht auch Stallmeister eines hölzernen pferdes
sein könne.*) Wenn ausbildung der körperkräfte und erziehung
zu nationalem denken und fühlen das kennzeichen des gymna-
siiuns der Griechen gewesen war, so ist das Philanthropin durch
seine pflege nationaler litteratui* und seine pflege der leibes-
übungen dem uitj^us des gymnasiums näher gekommen, als jene
anstalten, die mit den griechischen weiter nichts als den namen
gemeinsam hatten und die wol auch bei der abfassung ihrer
lehrpläne das klassische altertum nicht im perikleischen, sondern
im grammatistischen Zeitalter der Alexandriner zu finden glaubten.
Den philanthropinisten aber sei ihr wollen und wirken für
die einführung deutscher spräche und litteratur in den unt^r-
richtsplan der höheren schulen unvergessen!
*) K. Euler, Schulpforta (= Vossische zeitung 1893, nr. 21) und K. Kehr-
bach, Jahresberichte f. neuere deutsche litteratur, bd. 4, abteilung 1,6, nr. 185.
EINE POPULÄRE
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS.
Von John Meebb
(Halle a. S.).
Vor ein paar Jahren wurde ich auf ein kleines bttchlein
aufmerksam, das ein katalog des Frankfurter antiquariats von
Joseph Baer & Co. als *Der Leyen Disputa' verzeichnete. Die
genannte firma sandte es mir bereitwillig nach Halle, und ich
vermochte hier seine gi-osse Seltenheit, >) wie seinen wert für die
geschichte von dialekt und Schriftsprache in Deutschland zu
constatieren.
Nach einer mitteilung des herm Joseph Baer war seine
firma im besitze von zwei exemplaren des genannten Werkes
gewiesen, von denen das eine bereits, und zwar seines erinnems
nach Amerika, verkauft war, das andere sich noch auf dem lager
befand. Auf meine bitte erw^arb die Königliche bibliothek zu
Berlin 2) das interessante büchlein, mit dem die nachfolgenden
Seiten sich etwas näher beschäftigen sollen.
Die Schrift ist in dem üblichen kleinoktav des 16. jhs.
gedruckt und umfasst nur zwei bogen, von denen auch noch
das letzte blatt, sowie die rückseite des vorletzten leer ist. Das
papier trägt kein Wasserzeichen. Der druck ist signiert (%, 93),
weist aber keine custoden auf. Aus äussern, wie inneren gi'ünden
möchte ich glauben, dass der druck in der ersten hälfte des
1(5. jhs., vielleicht in den dreissiger jähren, angefertigt ist.
») Nach einer gütigen mitteilung der betreffenden bibliotheksverwaltungen
besassen die nachfolgenden bibliotheken das werk nicht : Berlin (Königl. bibl.),
Dresden , Erlangen , Göttingen , Halle a. S. , Heidelberg , Karlsruhe , München
(Hof- und Staatsbibl.), Strassbnrg, Stuttgart, Tübingen, Weimar.
«) Signatur: Ya 5401.
Festgabe für Bieven. 26
402 MEIER
Unser exemplar hat viele Wurmlöcher und zeigte starke
beschmutzungen durch leim, ehe es in Berlin etwas gereinigt
wurde. Die art der verleimung und der Wurmlöcher scheint
darauf zu deuten, dass es an der Innenseite eines foliobandes
eingeklebt war. Es ist, nach einer bleistiftnotiz auf blatt B viij b
zu schliessen, aus der Lexer'schen bibliothek in den besitz des
Baer'schen antiquariats übergegangen.
Der Leyen Disputa.
Zu dem Leser.
Ich bin der Leien Disputa:
Vnd leer dar durch Synonjrma,
Ist ein dingk: durch vil wort versteen.
Das wirt durch das A. B. C. geen
Vnd wie wol das kyndisch geacht,
So wirt es dannoch nit verschmacht.
Die es versteen / vnd reden soln
Vor Recht/ Vnd auch die Predig woln
Den offt viel wort gepresten ist
Den kompt zu hilff diß büchleins list. [Ajb]
Ich reuff mich vmb das Disputa:
Die alt hfir sagt gygkgack heiß ia.
Das kan ich gantz nit geleiden
Vnd laß michs nit überstreiden,
Die weyl ich har hab auff meim haubt.
Zusehen ist euch allen erlaubt.
[Holzschnitt : Zwei frauen die sich raufen
nnd einander in die haare fahren. Die
rechts stehende schlägt mit einem rocken
auf die andere ein.] [A ij b]
ICH hab den Jungen Teutschen Schülern / Etliche Wörter /
mangerlei Verstandes / schympflich / züsamen gereimpt / sich
darinn zu üben / vnd lernen lesen / Dar durch sie ein dinck /
mit mere dan einem namen vßzüsprechen verstendig werden /
dyweil nit durch aller land Teutsch die dinge / mit geleichenn
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 403
Worten geredt werden. Vnd wie wol ich das den iungen ge-
macht / vnd deshalb zum ersten nit mit der menig vnd scherpff
gesetzt So wil ich doch hie mit vrsach geben den synreichen
Teutschen Rednern / vor den Eichtem / Auch den andechtigen
Predigern / vor dez volck / dem fleissiger noch zutrachten /
Vnd yre rede / durch geleichnis der wörter vnd geplömpte wort
vnd Sinne ziren vnd ferwen / Den ich auch / noch dem / vß
den Synonyma / vnd geferwten kunstlichen Plfimen vnd Leren
Marci Tulij Ciceronis / vß seim Prunnen wolredens / vil dapffe-
rer lere schöpften Teutschen vnd zusamen [Aijb] orden / durch
den Truck manigfaltigen / vnd inn die Land vßspreitten lassen.
Vnd hebe diß werck / bei den iungen also ane:
[Holzschnitt: Männliche figur in halber
gestalt, nur Oberkörper, ein buch nnter
dem rechten arm, ein scriptional nm den
gürtel, ein aufgeschlagenes buch in
beiden bänden, offenbar lehrend.]*)
') Die nachstehenden werke sind in abgekürzter form citiert: Erasmus
Alberus, Novum dictionnarii Genus . . . Francoforti 1540 (Alb.), Incipit vari-
loquus . . . Compilatud per venerabilem magistrum Johannem Melber de
Goroltzhofen, Hayn 11027 (Melber); Petrus Daaypodius, Dictionarium. Argen-
torati 1535 Rihel (Dasyp.); Jacob Schöpper, Synonyma, Dortmund 1550
(Schöpper); Schweizerisches Idiotikon (Id.); Stalder, Versuch eines Schweiz.
Idiotikon (Stalder); Tobler, Appenzellischer Sprachschatz (Tobler); Hunziker,
Aargauer Wörterbuch (Hunziker); Seiler, Die Basler mundart (Seiler);
Schmid, Schwab. Wörterbuch, 2. aufl. (Schmid); Birlinger, Schwäbisch- Augs-
burgisches Wörterbuch (Birlinger); Charles Schmidt, Wörterbuch derStrass-
burger mundart (Strassburg); Schöpf, Tirolisches Idiotikon (Schöpf); Rein-
wald, Henneberg. Idiotikon (Reinwald); Spiess, Beitr. zu einem Henneberg.
Idiotikon (Spiess); Kehrein, Volkssprache und yolksaitte in Nassau (Kehr ein);
Schmidt, Westerwäld. Idiotikon (Westerwald); Vilmar, Idiotikon von Kur-
hessen (Vil mar); Pfister, Mundartl. und stammheitl. nachtrage zu Vilmars
Idiotikon (Pfister), die dazu erschienenen ergänzungshefte 1 und 2 (Pfister
EH 1. 2); W. Crecelius, Oberhessisches Wörterbuch (Cr ece lins); Die£fenbach
und Wülcker, Hoch- und niederd. Wörterbuch (Dieffenbach- Wülcker);
Dieffenbach, Aus archivalien der Stadt Friedberg in der Wetterau aus dem
15. u. 16. Jahrb., Archiv d. bist. Vereins für Hessen 11, 491 fif. (Dieffenbach;
nach Zeilen citiert); Müller und Weitz, Die Aachener mundart (Mü Her-
Weit z); Grangler, Lexikon der Luxemburger Umgangssprache (Gangler);
Lenz, Der Handschuhsheimer dialekt, Gymn.-progr. Konstanz 1887 (Lenz);
Kluge, Von Luther bis Lessing, 2. aufl. (Kluge). — Die übrigen gebrauchten
abkürzungen werden ohne weiteres klar sein.
Ich bemerke noch, dass es mir keineswegs darauf ankam, Vollständigkeit
in den nachweisen zu erzielen. Die anmerkungen sollen neben anderem die
beziehungen zu dem mat«rial del* vocabularien aufweisen.
26*
404
MEIER
10
15
20
Disputa
Was heißt
A.
mLT / Heißt /
Gelebt
II Gewerdt
Wyderstrebt
"Ngst
Not
Gestorben
Dot
Atzel
ein
Hetz
Magrt
ein
Metz
Alle
Gare
Napff
ein
Kare
AuBkem
Fegen
Dolch
ein
Degen
Atlaß
Seyd
Kaick
B.
Kreyd
Bltunn
Wasser
Schlemmer
Brasser
Bardt
Hoer
Zw&lff monat
eyn
Joer
B5hel
ein
Bergk
Grob flachs
Wergk
[Aiqbl
3. Vgl. 407. 5. Angustia angst, not, nottigong, die eng, zwingnuB
Melber. Vgl. auch 110. 6. Vgl. 522 und 79. 7. FicOy ein atzel, ägerst
Dasyp., ein atzel, elster Alb. zi^'b. Atzel: Crecelius 52, Westerwald 9,
Kehrein 50, Vilmar 18, Lenz 9, Strassburg 10, Id. 1,625, Schmeller« 1,180,
DWb. 1, 590. Hetz: Kehrein 195, Id. 2, 1831, Schmid 277, Schmeller« 1, 1193 f.,
DWb. 4, 2, 1270. 8. Vgl. 290. 9. = fertig? Crecelius 23, DWb. 1, 211;
4, 1, 1318. 9. Tympanum Nap£f Alb. aija, Caiinus .... tief Schüssel, ein
kar Alb. Bbij a, Alttetis .... einn gefees, oben weit, ein narten, boll, mulen,
kar Alb. ddiijb, Ahieus Ein kar oder napf Dasyp., Catinus^ Ein kaar,
napf, dieflfe schüssel Dasyp.; ebenso Sdiöpper dva. Während napf oberd.
und md. ist, scheint kar oberd. und rhein.-hessisch zu sein (D'VM). 5, 203;
Vilmar 193 [Oberhessen], Crecelius 198 [Vogelsberg], Kehrein 1, 216).
12. Alb. aaiüj b, Dasypodius (Gladius Ein seh wert, dägen. Gladiohis Ein
däglin, dolch; femer snh Enchiridium und Sied). Luther ändert Richter 3, 16
^stossdegen' in 'schwert' (DWb. 2, 896); 'dolch* kennt er noch nicht. Teg
Alb. giiija. Vgl. auch 114 14. QypsuSt Gypß, weysser kalch, oder kreyde
Dasyp. 16. Hess.-nassauisch : Born Vilmar 48, Crecelius 189 f.. Kehrein 1, 89.
17. ein brasser, schlemmer .... Alb. eeiiijb, Maaler 356a, Dasyp. sub popina:
brasse, schlemme. Vgl. auch 459. 20. berg, hügel Alb. yb. Petri glossiert
das lutherische 'hügel' mit 'gipflfel, bühel' (Kluge* 87), gegenüber Luthers
*hüger bieten Eck, die Wormser Propheten und die Züricher Bibel ^BüheP
(Kluge' 79). Vgl. Maaler 81 b und Dasyp. sub cliuuua und coUia. Aber bühel
ist nicht nur oberd., sondern auch rhein.-hess. ; vgl. Vilmar 59, Crecelius 220,
Kehrein 1, 100. 21. werck, das grob am fladis Alb. ui^b. Dagegen: flachs
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 405
Banck ein Drum
Lame Emm [A üj b]
Banck eyn Schrann
Laster Schann 25
Betler Ann
Hytz Warm
Buttern Schmaltz
Roll eyn Waltz
Bort ein Dyel 30
Zwegk eyn Zyel
Bengel eyn Dremmel
Clein st&l ein Schemmel
Beyn ein Schenckel
Eynds kynder Enckel 35
Blattheysen Scholn
Yerbrent holtz Köln
BytBchafft ein Sygel
oder werck, es sei rho, odder gearbeyt, so heysts Linum Alb. hh y a, Linum
Flaschß, werck Dasyp. *Werg, Werch heißt man in Deutschland den Abgang
oder Auswurf des Hanfes nach dem Hecheln; zu Basel aber den reinen
Hanf Selbsten' Spreng Alem. 15, 227. Ebenso Tobler 446. Vgl. auch 543.
22. Trumm Tympanum, crepitaculum , bauck Alb. Hhjb, Dasyp. sub Tym-
panum. 23. Alb. 11 ^b, Das^-p. sub Pes. Vgl. auch 61. 24. Banck:
Schmid 478, Birlinger 47, Schmeller» 2, 602if. Schrann: DWb. 1, 1105 ff.,
Hunziker 21, Seiler 23, Birlinger 47, Schmeller« 1, 250, Schöpf 29, Spiess 20,
Crecelius 89 f. 25. Schand vnnd laster Scelus et crimen M aal er 347 a,
Conuicium lesterung, laster, schendung . . . schände M eiber. 27. Ist
*Hytzig' zu lesen? Warm, hitzig, heyß . . ., ardor hitz Alb. Eeivja, Aestua
Hitz, werme Dasyp.; ebenso sub caleo. 28. Schmaltz oberd. und fränk. =
Butter (DWb. 9, 926). schmaltz , das fett damit mann die kost gut macht
Alb. ppiiijb, Butter, Butyrum Alb. bbii^a. Vgl. 454. — Crecelius 230
bemerkt zu der Form 'Buttern': * Bisweilen tritt im Vogelsberg auch n an*.
30. Bort, Marge, Asser, ein bort, requ. bret. Alb. BBi^a, tiel, tafifel
Alb. qqiijb. Asser Ein bret, oder dile Dasyp. Bord: Schraeller" 1,272
(Aschalfenburg), Pfister 29 (Südhesseu, Darmstadt), Crecelius 191 (besonders
Vogelsberg), Westerwald 32, Kehrein 1,89. Dyel: oberd. und md. Vgl. auch
86 und 94. 31. Scopus, finis, meta der zweck, darnach man scheust ... ich
fei des Zweckes Alb. ffiyb. Oberd. und md. 32. Bengel: verber ...
bengel, steck, geyssel Alb. ci^a, DWb. 1, 1471, Hunziker 25, Strassburg 15,
Crecelius 149. Dremmel: Dasyp. sub Longus, DWb. 2, 1399 (Schweiz.,
Schwab., Bayr., Oestr., Schles.) und Spiess 256, Vilmar 416, Kehrein 1,409.
33. Schemmel oberd. und md. 34. Be^n Crus Alb. Kk ij b. Oberd. und md.
Schenkel oberd. und md. Vgl. 456 und auch 32. 35. diechter, enckel
Alb. bbjb, JYepo« Ein kinds s&n, ein dichter, ein änckcl Dasyp. — Das
lutherische 'Neffe' ersetzt Eck durch 'Kindskind, Enklin', die Wormser Pro-
pheten und die Züricher Bibel durch 'Kindskind' (Kluge* 80). 37. Vilmar 217,
Kehrein 1, 239, DWb. 5, 1583. 38. Sigel SigUlum . . . Annulus signatorius
406 M£I£R
Bausch eyn Rygel
40 Bänder ein Fan
Cran ein Han
Breyaen Loben
Roßen Doben
Borck eyn Schloß
45 Gepeck ein Droß
Busann eyn Dmmpt
Zukün£ftig;er Kumpt [A ii\j a]
Beinhaus ein Kemer
Weiter Femer
50 Bender ein Kü£fer
Weynschreyher Rüffer
Bandt ein Wydt
Flehe ein Bydt
bitechierring Alb. y iij a; DWb. 2,51; 7, 1579. 39. Bausch = *Gebund Stroh'
Yilmar 29 (Nur in Oberhessen, hauptsächlich in früher Mainzischen Ortschaften),
Crecelius 103, Westerwald 16, Kehrein 1, 64. Rygel: Schmeller« 2, 74 (kl. Bund
Stroh, Flachs, Strohwisch). 40. ein fan, f^nlin, panier Alb. fi^a. Petri
glossiert Luthers * Panier' mit ^baner, venle' (Kluge' 89). Vgl. auch 287.
41. Cran: wol ursprtingl. rheinisch DWb. 5,2018, Gangler 256, Müller -W^eitz
126. Han: ein zapff, zwickel, han Alb. a^ a, vor eyn waßerhanen Dieffenbach
900, Hahne, Faßkran, epistomium Spreng Alem. 15, 204, DWb. 4, 2, 164 (oberd.
Belege). 42. ich lob, erheb, überheb, erhöh, rhüm, preiß Alb. D i^ a, Commen-
dare loben, loblich machen, brisen ... M eiber, Laus . . . Ich lobe, preyse
Dasyp., Maaler 320a. Petri glossiert Luthers *P*rei8' mit *lob, rhäm'
(Kluge* 89). Vgl. auch 279. 43. Rasen, ein ursprüngl. nd.-md. wort, das
Petri durch 'toben, unsinnig, fast zürnen' glossiert (Kluge* 89). Wohl nicht
hessisch. 45. das gepeck A 1 b. R iiy a, DWb. 4,1,2, 3525 f. Drofz : Fes . . . Im-
pedimenta exercitus. Der troß, kriegßtroß Dasyp., Maaler 409 b. 48. Ossarium
Gämer, Beinhauß Onomasticon 1590 s. 20. Beinhaus: DWb. 1, 1386 f., Id. 2,
1720. Kern er: DWb. 5, 605 f.; 4, 1, 2, 3727 f. (gemer), Scherz 1, 473, Zamcke
z. Narrenschiff 30, 14, Schmid 311 (Ulm), Schmeller* 1,937; 1292 f., Vilmar 199f.
49. Longe wyt vnd verr Melber; vgl. sub Elongare und ElongatiOy ferr . . ferr,
weit . . femer, weiter Alb. Ttja, Frotinus . . . Ferr, weit oder bald Dasyp.
50. ein bender Alb. Oii\ja, Dolium ... Doliarius, Ein küffer, faßmacher,
Vieo . . . Victor, Ein faßbinder, kuffer Dasyp. Bender: Vilmar 31 (Oberhessen),
Crecelius 149, Kehrein 1, 70 (rhein.-hess.). Nach DWb. 1, 1466 in Hessen und
Wetterau volksausdmck. Küffer: DWb. 5, 2532 f. Cfaßbender zu Cöln, kieffer
zu Freiburg ' Fischart), Id. 3, 178 f., Hunziker 158, Westerwald 94. Vgl. auch 68.
51. Rüffer oberd. form. 52. Band = Wid scheint oberd. zu sein : * Bande hauen
d. i. Wide schneiden . . . banden heißt die Reben mit Widen an ein Geländer
heften. Wenn aber diese Arbeit mit Stroh an den Rebstecken geschiht, so
heißt man es binden' Spreng Alem. 15, 192, Stalder 1, 129, Tobler 34, Seiler
315, Schöpf 28; vgl. aber Lenz 34; 54. Alb. Oii^b hat dagegen: ein band,
bendel, strick, riem. Wid ist oberd. sowol als md.; für das letztere vgl. Spiess
282, Vilmar 452, Kehrein 1, 447, Weigand DWb. 2, 1 1 1 1 (Wetterau). 53. Petri
STNONTIOK DES 16. JAHRHUNDERTS. 4U7
55
Byr
KbU
Vnchlechten
R5tt
Boltz
ein PfeU
Zeit
Weü
Becker
ein Pfyster
Schreiner
ein Kister
Balck
ein Dram
Emmp
Lam
Befellen
Heiflsen
Blatten
Schweißhen
Bmntjsen
Hamen
Trenwen
Warnen
c.
Clsioian
Kalender
Kftffer
Bender
D.
Dorffman
eyn Bnwer
Want
Manwer
60
65
[Aii^b]
70
glossiert Luthers 'flehen' mit 'bitten, ernstlich begeren* (Kluge '86), Suppli-
care bitten mit gebogen knnwen, fleehen, hitziglich, hart anligen, Supplicatio
. . . fleehung Melber. 54. Köt, Kett ist schweizerisch = Bier, DWb. 5,
1882; 629 f. Vgl. auch 131. 55. Yari, uarioli, yrschlechten Alb.cc^a,
Vari, uel Varioli, Die kinds platem, pnrpnlns, dnrchschlecht Dasyp. DWb.
8, 1304 (rote oder nrslacht Voc. 1482), Schmeller * 2, 400 , SchOpf 785f., Rcin-
wald 1,179; 2,131, Lenz 33, yi]mar427 (nur im Schmalkald. und Hananischen) ;
vgl. Unschlichter (= Blattern in Lisberger Gregend) Ffister EH. 1, 26. 56. cinn
pfeil, boltz Alb. £fiuija, Ärundo ... pro sagitta, Ein l)oltz o<ler pfeil Dasyp.
Vgl. zu boltz DWb. 2, 234, Schmeller« 1, 238, Crecelius 188, Vilmar 47.
Vgl. auch 329 und 341. 57. Vgl. 547. 58. Panis . . . I'anifex, Ein
brotbacker, beck, Pinso . . . Pistor . ., ein brotbecker . . . Pistrix, Ein brot-
beckerin Dasyp., Pistor Beck, becker, brotbacher, pfister SclWipper f vjj a.
Pfister: DWb. 7, 1707, Stalder 1, 162, Tobler 46, Hchmeller« 1, 443, Schmid
62, Schöpf 498. — Becker wol hauptsächlich md. (ol)enl. Beck). Vgl. auch
337. 59. Kister, tischer, schreiner Alb. Gj b (einziger beleg). Kistner:
DWb. 5, 859 (oberd. und rhein.-hess. belege. Vgl. auch 72. 6o. Trab« . . .
ein balck, Trabes die trem Alb. kkiuijb, Trcibs balck vel tram Melber,
Trabs . . Ein balck, trome Dasyp. (siehe auch sub Docos). Tram : olierd. und
Pflster 54, Westerwald 262, Kehrein 1, 407. Vgl. auch 483. 61. Vgl. 23.
62. Das DWl). (1, 1254) fflhrt formen mit ü aus Keisersberg an. 63. die naB
blftt, oder schweyst Alb. GGi^a, cruor schweyss, blüt Dasyp., Alb. Iljb.
VgL auch 168. 64. Dasyp., Alb., Sch6pper. Bruntzen auch Vilmar 58,
Crecelius 215, Kehrein 1, 98 f., während harnen hier nicht belegt ist.
67. Calender, Calendarium Alb. Ssiiija. 'Cisiojanus' finde ich nicht belegt
Vgl. Elsäss. Litt, denkm. 1, 19 ff. 68. Vgl. 50. 70. ein dorffman,
bawerßman Alb. mmüga, DWb. 2, 1283. 71. mawer and wand werden
408 MEIEB
Dyschmacher Schreiner
Zorniger ein Greyner
Dappart ein Rock
75 Zopff eyn Lock
Dyener eyn Knecht
Geleich Schlecht
Damm eyn Deych
Dot mensch eyn Leych
80 Deych eyn Damm
Sultz eyn Wamm
Da Hye
Weych Flye
Dasten Greyifen
85 Wetzen Schleyffen
Dyel ein Bort
Dor ein Pfort
Dantz eyn Hey
Schyifersteyn Ley
90 Deg eyn Doli
Dmncken Voll
Dantzen Reyen
Spatzyren Meyen [At a]
von Alb. Llyh synonj-m gebraucht. Vgl. auch 125. 72. ArciUarius, Ein
dischmacher oder schreiner Dasyp., Maaler 402b. Tischmacher: DWb.
11, 517 f. (Schweiz, belege), Id. 4, 54 f. Vgl. auch 59. 73. Greyner:
Heyne DWb. 1, 1243, Schmeller« 1, 999f., Vilmar 136, Kehrein 1, 173. Vgl.
560. 74. Dappart oberd. und rhein.-hess.? DWb. 11, 143. Vgl. 344
und 388. 77. Planus ein schlechter, ebenner, glatter Melber, gleich,
flach, eben Alb. ojb. Vgl. 499. 78. Agger ein tham vel were für des
Wassers lauflf Melber. Zwei aus dem Niederdeutschen entlehnte Wörter; ygl.
Kluge, Etym. Wb. sub verbo. Deich ist hier wol zuerst hochd. belegt. Vgl.
80. 81. Sultz: Birlinger 388 f., Schmid 521, Schmeller« 2, 274. Wamm:
Vilmar 440, Westerwald 320, Kehrein 1,437, Birlinger 425, Schmeller« 2,914,
dagegen Wamm Vulua Alb. Dd iy a. 83. Fugio .... Ich fliehe,
weich bald hinweg Dasyp., ich flieg fugio, geflogen Alb. eüja, Secessio
das weichen Alb. V iiy b. Vgl. 553. 84. Dasten: 'Die oberd. maa.
kennen das wort nicht' DWb. 11, 156. Palpare .... thast«n, betasten,
krauwen, angriffen Melber, palpo ich tast, taugo ich greiif, rühr an
Alb. Yiiya; Schöpper c vy a. Vgl. auch 181. 85. Vgl. Dasyp. sub
acies und teroj Maaler 356 a. Vgl. auch 348. 86. Vgl. 30. 87. ein
port, thor Alb. ddy b, Porto . . . Porta, Ein thor, pfort Dasyi). Begia porta
Kuniglicg tore vel port Melber. *Den oberd. maa. ist Pforte nicht geläufig*
m\h. 7, 1787 f. Vgl. 479. 88. Vgl. 92 und 435. 89. Ley ist auf hochd.
bodeu nur rheinisch, nassauisch und oberhessisch bekannt. DWb. 6, 681,
Vilmar 244, Kehrein 1,261. 90. Dolle, eine Waffe, DWb. 2,1228 (nur
zwei belege aus Fischart). Vgl. 12. 92. Vgl. 88. 93. Meyen wol
= rhein.-pftilz. m<ye Kehrein 1, 270 (Coblenz, Hundsrück, Oberpfalz), Klein
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS.
409
Dyel
ein Bort
Eck
ein Ort
Dremmel
ein Bengel
Stand
eyn Stengel
Dürr
Welck
Weich
Delck
E. .
Essen
Zeem
Ynderweisen
Leem
Erden
Leymen
Schwemmen
Abfeimen
Eehalt
Gesynn
Nfttz
Gewynn
Essel
eyn Maul
Dr&g
Fanl
Erwürgen
D6tten
Zwyngen
N6tten
Eyß
ein Ge8ch>ver
Grafif
eyn Her
Eyn Ambt
eyn Pfleg
95
100
105
110
Provinzialwb. 2, 5 (Saarw. Unterpf.), D'VM). ß, 1475 (Eifel, Saargemüud).
94. Vgl. 30. 96. Vgl. 32. 97. Ferula, Ein stand, oder stab, der
vil gleich, oder knoden, Tnd inwendig groß marck hat, daranß man stecken
vnd rüten macht Dasyp., Frutex ... ein husch, heck, stand, Strauch, Planta,
ein stamm, Stengel, Vnicanlis, das nur ein Stengel oder blat hat Alb. Eeiiijb
und CCjb, Stand, Arbuftcula, Frutex Maaler 385 b, Stengel Maaler 387 a.
98. Für Luthers 'welk, verwelken' hat Eck 'schwelck werden etc.', die
Wormser Propheten 'welck etc.', die Ztlricher Bibel 'welck werden und er-
dorren' (Kluge* 82). Vgl. M eiber sub aridti8 und marcidus, Dasyp. sub
languor und marceo und femer DiefiPenbach-Wti loker 899. Vgl. auch 423.
99. Zu Delck vgl. Vilmar «5, Kehrein 1,401, Spiess 251, Schmeller* 1,505,
Schöpf 74 u.a.; femer DWb. 2, 91«; 11, 100 imd 238. Vgl. auch 271 und
306. 101. Vgl. 445. 102. ich 1er, vnderweiß Alb. Yyjb, Erudirc
gmntlich vnderwissen, leren, lere geben M eiber, Docco, Ich lere, vnder weise
Dasyp. Vgl. auch 281 und 495. 103. Vgl. Kluge« 81 , Alb. AAija,
Dasyp. sub argilla und lutuw. Zwei adjektive! Erden: DWT). 3, 754, DiefiPen-
bach-Wtilcker 463 (erden als wetterauisch bezeichnet). Leymen: DWT). 6, r>98.
Id. 3, 1268. 104. Vgl. Schivumm, Schaum, Schaumkelle, verschwummeti, den
Schaum oben abnehmen Stalder 2, 366, Schtcimaj Schaimi Schmeller' 2, 634.
Abfeimen: oberd. und md. 105. Vgl. Melber sub Familia. Eehalt:
DWb. 3, 43, Id. 2, 1224. Oberd. und mittelrhein.- hessisch. 106. Vgl. Melber
sub cowodum und Dasyp. sub commodiis. 107. Vgl. Alb. Aaj a. 108. Vgl.
Alb. giij b und Dasyp. sub cingo, cor, lassus und nnirctis. 111. VlcuSj
Ein eysse, ein geschwär Dasyp., Schöpper dvja. Eyß ist wol oberd.
113. Ampt Alb. AAiy a. Pfleg ist wol bayr.-östr. Es fehlt, wie es scheint,
den Schwab. -alem. maa., in denen Ambt die stelle vertritt. Gleich wol
410
MEIER
115
120
125
130
Dolch
eyn Deg
Ein pfleg
ein Ambt
Verlorn
Yerdampt
F.
Feii
eyn Handt
Cappas
Graudt
Fenster
eyn Glas
Hew
Gras
Fraw
eyn Weyp
C^rper
eyn Leip
Faust
eyn Handt
Mawer
ein Wandt
Fnrstentnmb
ein Landt
Wyd
ein Bandt
Faleisen
ein Schlinck
LortBch
Linck
Farr
ein Styer
Köt
Byer
Fynster
Dnnckel
Spinrock
ein Eunckel
[ATbj
besitzen sie Pfleger. Vgl. 115 und 542. 118. Vgl. Dasyp. sab
cutis j peüis und byrsa. 119. Gaules capitati kappes heupter . . . canlifl
capitatus kappes kraut Alb. CC^a, composicio Kappes haubt (beispiel eines
compositums) Melber. Cappas: Yilmar 193, Crecelins 232f., Eehrein 1,216,
Strassburg 57, DWb. 5, 9 (oberd. und rhein.). Kraut: DWb. 5, 2106 (oberd.
und md.). 120. Li gegenden des Yogelsberges ist 'Glas' die fast aus-
schliessliche beneunung ftlr 'Fenster', welcher ausdmck kaum vorkommt.
An der Schwalm dagegen heissen die fensterscheiben 'Spiegel', Shpäggel
(Pfister EH. 2, 14). 121. Heu ist Schweiz, auch Gras, das nicht grttn ver-
futtert wird, sondern zum Heuen bestimmt ist (Id. 3, 1816, DWb. 4, 2, 1275).
Ebenso ist Schweiz, auch ein Unterschied zwischen Grasen und Mähen.
Vgl. 298. 122. Mulier .... fraw vel wib Melber, Fcemina Ein weyb,
fraw Dasyp. 123. Schöpper avya,hva. 125. Vgl. 71. 127. Vgl. 52.
128. Faleisen: Lexer 3, 9, Dieffenbach-Wülcker 539 (Beide: Frankf. und DfGL).
Schlinck: Schling Clausula Alb. K iy b, Voc. 1482 (DWb. 9, 743), Schmeller«
2, 529 (Aschaffenburg), West^rwald 190, Pfister 254 (Südhessen), Len« 44.
129. Lortsch: DWb. 6, 1314 (bayr., md., siebenbürg.), Schmeller« 1, 1502,
Frommann D. Maa. 6, 30, West^rwald 106, Kehrein 1, 268, Pfister 169 (lurz),
130. Bos ein Kind, stier Alb. Oijb, Initor hos, taurus, ein farr, steig fear
Alb. iij a, Taurus Ein stier, dem uit verschnitten ist, ein farr, hoden stier
Dasyp. (vgl. auch sub eo), Melber sub Thaurus, In Oberhessen und Ziegen-
hain stier = pflugochse, ochse = zuchtochse (Vilmar 289). 131. Vgl. 54.
132. Vgl. 284. 133. colus ... der rocken Alb. Oojb, colus ein rocken,
keck vel kuuckel Melber, colus Ein kunckel Dasyp. Nach DWb. 5, 2653
Kuuckel hauptsächl.: Schweiz, Schwaben, Elsass, strich im Rheinland (z. b.
Saar), teilweise Bayern. Bocken daneben und vorwiegend in Bayern; auch
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 411
Form ein Model
L&mpp ein Hodel 135
Frucht Gedreyd
Onglanbiger Heyd
Fydel eyn Geyg
Ast eyn Zweyg [A ^ a]
Flyeg ein Mück 140
Loch eyn Lück
Flßdt eyn Pfeifif
Morgendaw ein Reyff
Flad ein Eäch
Schwftr ein Fläch 145
Flecht eyn Zeyn
Flannen Weyn
Fechter ein Eempffer
Sttoer eyn StempfiPer
Fledig Reinlich 150
Deglich Gemeinlich
Eehrein 1, 330. Ennckel: Pfister 151, Eehrein 1,251. 134. Model: DWb.
6, 2438 (Westdeutschland), Dasyp. sub Plastes. 135. L&mpp: Saccus . . .
Sacconia, Ein wüschlumpen Dasyp. (vgl. suhpannas)', DWb. 6, 1292; 1293if.,
Id. 3, 1278. Hodel: DWb. 4, 2, 109, Vilmar 177 (Oberhessen); vgl. Id. 2, 995 flf.
136. Petri glossiert Luthers * Getreide' durch *kom, f nicht' (Kluge« 87).
frucht, getreyd Alb. ssii^b, ador kom, frucht Dasyp., bladum getreide,
kom gewechs M eiber. Vgl. auch 191. 138. ein fiddel, geyg, laut Alb.
tt i\j b. Luther schwankt zwischen Fiddel und Geig, und setzt dann das
letztere ein (DWb. 4, 1, 2, 2568). 139. ramus ein ast . . . frons ein gn\ner
ast odder zweig Alb. Eeii^ja. Zweig scheint Schweiz., schwäb. (bayr.?
Schmeller' 2, 1174) fast nur in der bedeutung ^pfropfreis, schoss' vorzukommen.
Hessisch ist es dem volksmunde fremd (Vilmar 475 sub Zwick). Vgl. 566.
140. Luthers * Fliegen' ersetzen Eck, die Wormser Propheten und die Züricher
Bibel durch * Mucken' (Kluge' 79). Culex ein schnack, mück, musca ein flieg,
mück Alb. Xx y a, Musca Ein muck, flüg Dasyp. Oberd. mücke = md. fliege,
md. mücke = oberd. schnake. Vgl. auch 158 und 290. 141. Vgl. 175 und 283.
143. Morgenthau = reif (pruiua) ist nicht belegt. 144. Placenta eynn
käch, blatz, Placenta, laganum ein flad Alb. R j b. ^Fladen ist in der
bedeutung kuchen in Hessen vollständig unbekannt' (Vilmar 104). Flad:
Id. 1, 1167, Strassburg 35, DWb. 3, 1707. 146. Flechte, ein Wagenkorb
Weigand DWb. 1,539 (1469 voc. ex quo), Heyne 1,928, Kehrein 1,451,
Schmeller* 2, 1128. Zeyn, das gleiche: Reinwald 2, 146, Kehrein 1, 451, Pfister
341 (Main, Rhein, Westerwald), Lenz 50. 147. ich weyn fleo, gemo . . . Ich flenn,
Exero linguam Alb. Nnjb und lii^b; Schöpper cjb. Flannen (mit a):
DWb. 3, 1723 ; 1768, Schmid 194. Weyn = Weyuen. 148. Gladiator ein fechter
oder fechtmeyster, athleta ... ein kempffer, fechter Alb. eiiija. Vgl. 440.
149. FistucA ein stösser Alb. kk^a, pistillum der Stempel, odder st^er
Alb. (; ij a. 150. Fledig fehlt nach DWT). 3, 1728 bei Dasyp., Frisius, Maaler
412
MEIER
155
160
165
Feyßt
Fedt
Sauber
Nedt
Forcht
Graw
Eber
Saw
Faul
Dreg
Nyder
Leg
Füeg
ein Mück
Theil
ein Stück
Fyst
ein Ffirtz
Schleiher
ein Sturtz
Frost
Kelt
Gresotten
Gewelt
Fettich
eyn Flügel
Halb reyfiP
eyn Sprügel
G.
||Erdt
eyn Rädt
1. Schweiß
BlSdt
"Ryntig
Schebig
lA^b]
Id. 1, 1227, Kehrein 1, 140, Westerwald 60, Pfister 320 (Westerwald). 152. Nach
Kluge' 7S hat Luther feit, Eck und die Züricher Bibel fcifzt^ die Wormeer
Propheten fett und fdfzt. Dasyp. hat feyßt (sub crassus und edo), Melber
feißt sub crassusj Spreng (Alem. 15, 198) hat feißt und fett, Alb. ppü^a
fett, feyßt. fett ist niederd. Herkunft und ins Hochd. eingedrungen. Vgl.
auch 571. 153. Sauber wohl oberd. (incl. Elsass und Nürnberg) DWb.
7, 1848fiP. Vgl. 386. 154. Horror der gruwe, forcht mit gruem, der Tnwil
Melber, Sanders 1, 620, Stieler 696, Vilmar 135 (mitunter hört man noch
'der Grau') 155. Vgl. 398. 156. Vgl. 108. 157. Leg: DWT). 6,58
(lag bayr.-östr., incl. Nttniberg und niederd.). 158. Vgl. 140. 159. Portio,
Ein teyl, stück Dasyp. Vgl. 530. 160. Furtz, Crepitus ventris Alb. kk y a.
Vgl. 486 und 178. 1('»1. stauch oder Schleyer, sturtz, stülp Alb. liija,
Velameti mulieris schleier, sturtz vel mantel vel kapp Melber, Calyptra
Ein sturtz, ein bedecknng der weiber Dasyp., Spreng, Alem. 15,222,
Dieffenbach 774 (sturtz). Schleier in fast ganz Oberhessen und der
Schwalm unbekannt (Vilmar 354 und Plister 253), nur im westlichen teil
von Oberhessen erhalten. 162. Frost überwiegt im Md., Kelt im Oberd.
Vgl. 262. 163. gsotten Alb. piijb. geweit mehr in oberd. und rhein.-
hess. maa. (Vilmar 447). Vgl. 195. 164. ala, flügel, fettich Alb. Ssi^a.
Oberd. und westd. Fettich, ostd. Fittich. 165. Sprügel: Weigand DW1>.
2, 779, Frisch 2, 308, Schmeller* 2, 701 (Oberpfalz, = Sprenkel), Schmid 504,
Vilmar 394, Kehrein 1, 385 ; vgl. Spiess 239. 167. einn steck oder gert,
rfit Alb. Aii^a, Scipio, Ein stecke, rut, gerte, Virga, Ein rfit, gerte,
Stab Dasyp. 168. Vgl. 63. — cruor schweyß, blät Alb. Iljb, cruor
schweyß, blut Dasyp. 169. Grindicht, schebicht, reudicht Alb. Pi^'a,
schebig, reüdig Maaler 348 b, Melber sub scabidum captUj acabrosus und
Pruritus f Dasyp. sub Scabies , Schöpperdvja. Vgl. Dieffenbach 439 ff.
Vgl. auch 179. 170. Vgl. Teneo . . . tenax Hebig, zäch, karg Dasyp.
SYNONYMIK DES 16. JAHIIHÜNDEETS.
413
Reicher
Häbig
170
Greber
ein Hecker
Gehertzter
ein Kecker
Gaffel
ein Znnfft
Wytz
Vemunfft
Grub
eyn Loch
175
Syben tag
ein Woch
Geschwer
ein £yß
Fortz
ein Scheyß
Gryntig
Reüdig
Vertünig
Geüdig
180
Greyffen
Tasten
Rügen
Rasten
Gypp
ein Schantz
Schappel
ein Krantz
Gewalt
Macht
185
Stoltz
Bracht
[A vy a]
Geweitig
Mechtig
Klein
Nydertrechtig
Geklepper
Gedengel
Klüpffel
eyn Schwengel
190
DWb. 4,2,94 (oberd. und westmd.) 171. Hecker = Winzer Schmeller*
1, 1048 (Franken), PWb. 4, 2, 749; 105. Bedeutet Greber das gleiche? Vgl.
^Graben nennt man das erste Umgraben des Weinbergs' Kehrein 1, 170.
172. Audere Gedurstig oder gehertz sin, menlich vel kune sin ... Melber,
Änima . . . animosus gehertz t, manlich Dasyp. (vgl. sub anitims)^ Äudeo . . .
audax Freuel, keck, kün Dasyp. Petri glossiert Luthers 'dürstig' mit
*keck, kün' (Kluge* 85). Vgl. 246. 173. Gaffel ist speziell kölnisch
= Zunft. DWb. 4, 1, 1135, Lexer sub verbo, Dieffeubach-Wtilcker 599.
Zunfft Alb. mmiiija, Dasyp. sub tribus. 174. Vgl. 514. 175. ein
grab, hol, loch Alb. ija. Vgl. 283 und 141. 177. Vgl. 111. 178. Vgl.
100 und 486. 179. Vgl. 169. 180. Vertünig: Kehrein 1,432, Schmeller«
1,577 (vertuenlich, vertuenisch), Sanders 2, 2, 1316 (vertunisch). Geüdig:
Maaler 197b, Id. 2, 125 f., Schmeller» 1,873, Vilmar 125 (Oberhessen).
181. Vgl. 84. 182. Rüg quies . . . rugig . . . ich rüg Alb. mijb iya,
Quiescere Rnwen, rügen, rasten ... Schöpper dja. Rasten ist wol oberd.
(DWb. 8, 152ff.). Vgl. 371. 183. Gypp: Lexer 1, 1018; Nachtr. 212
(Elsass, Würzburg), Scherz 1, 553, Schmeller* 1, 928 (hierher?), Dieffen-
bach-Wülcker 626. Schantz: Schmeller* 2, 435 (Keisersberg , Nie. von
Strassburg), Scherz 2, 1376, Strassburg 89, DWl). 8, 2161 (Elsass). 184.
Schappel: Vilmar 346, Pfister EH. 2,32 (Schappel oder Schcppel). Sonst
oberd. D^^^i). 5, 2169 f. Corona ein kröne, krantz, schappel, kronuug
M eiber, Co^-ona Ein krön, oder krantz, schappel Dasyp. 185. Vgl. 302.
186. Petri glossiert Luthers *brachtig' mit * hochmütig, hochfertig', stoltz,
hoffertig, brechtig Alb. II ya. Vgl. 342. 187. Vgl. 304. 188. Nyder-
trechtig ist wol oberd. (DWT). 7, 805 f.). 189. Ist Oedengel oberd. und
westmd.? Vgl. dengeln DWb. 2, 925 f. 190. Klüpffel: voc. theut. 1482
414
MEIER
105
(Jedreyt
Scham
Gebot
Menßhundt
Geweldt
Speyen
Geselschafft
Lauffer
Frucht
Zncht
G^satz
Katz
Gesotten
Spotten
ein Bott
ein Bott
200
205
210
HVbsch
Reynfall
Engst
Messer
Haut
Clein gldcklein
Heucker
Poet
Hencker
Treümer
Hörn
H.
Feyn
Weyn
Pferdt
eyn Schwerdt
ein Fell
Schel
eyn Richter
ein Dichter
ein Straffer
eyn Schlöffer
Loßen
[Avyb]
(D Wh. 5, 1303), DiefiPenbach 780 (Kleppel modern wetterauisch). Vgl. auch
234. 191. Vgl. 136. 192. Pudor schäm . . . zucht Alb. Dd iiy a, Ptidor
und Verecundia Scham, Zucht Dasyp., SchOpper c ij b. Vgl. 561. 193. ein
gepot, gesetz, mandat, befehl, ein recht Alb. qq ja, lex .. Ein gesatz Dasyp.
Luthers 'Gesetz' geben Eck, die Wormser Propheten und die Züricher Bibel
mit 'Gesatz, Gsatz, Gsatzt' wider. Vgl. 230. 194. Menßhundt: Schmeller«
1, 1665 (Buch der Wiener), DWb. 6, 1883 (Kirchhofls Wendunmuth). Vgl. 294.
195. Vgl. 163. 196. Sibilus das selb gespeye . . sibilo . . . treib mein gespöt
Alb. C iiija, Dico . . . Dicacitas Speyung, spottred Dasyp., Schöpper e iy b.
Vgl. Kluge* 81 sub spotten. 197. Numerus, ein rott, ein hauff Alb. AA iy a,
Bott Factio, geselschafPt, honestum ab initio uocabulum erat, nun aber heysts ein
böse rott Alb. AA iij a, Contubemium Botte, burß, geselschafft Schöpper h y a.
198. Diactor^ Ein vnderbott, ein lauffer oder yerkttndiger Dasyp., LOuffer
oder bott Maaler 275 a. 200. fein, hübsch, schön Alb. Ekiya, Puleer
hübsch, schone, zirlich ding Melber, Dasyp. sub beüus und decor. Vgl. 399.
201. Beynfal Bheticum uinum Alb. x iija. 202. Vgl. 339; 381; 335. Pferd,
roß, gaul Alb. B y b, CabaUna Ein roß, pferd, hengst Dasyp. 203. messer,
hackmesser, kurtzer deg, ein Schnitzer Alb. aaiiya, Sica^ Ein kurtzer dägen,
dolch oder messer Dasyp. Vgl. 449. 204. Vgl. 118. 205. Glock Nola ...
campana . . Tintinabulum . . ein schell Alb. u iy a, Campa^ia, Ein glock, campa-
nula. Ein schell, TintinnabtUumf Ein schalle, glöckly Dasyp. 206. Hencker,
bl&trichter, scharpffrichter; des heuckers oder Schinders knecht Alb. k ja,
CamifeXf Ein nachrichter, hencker Dasyp., Camifex, Nachrichter, hencker,
bätteil, scherg, Herren knecht Schöpper e^b. Vgl. 208; 228; 321.
209. Vgl. 206. 210. AuscuUo, Ich merck oder loße aoff, ich höre zä Dasyp.,
STNONTHIK DES 16. JAHRHUNDERTS.
415
Beflecken
Moßen
Helt
ein
Bieß
Matt
ein
Wieß
Hafft
ein
Hock
Weyer
ein
Wock
Heilig
SeUg
Zweifel
Feiig
H&n
ein
Henn
Laoff
Renn
Halßeissen
ein
Branger
Tragend firaw
Schwanger
Hör
ein
Bardt
Wund
ein
Schardt
Hetzen
Jagen
Wiegen
J.
Wagen
JVngschüler
Kinder
Hencker
eyn
i Schinder
Jhesns
Qot
Gesatz
Gebot
215
220
225
230
Andire Hören, horchen, losen, zn obren fassen, zu gehOr nemen, laustem,
lanren SchOpper cya. Losen ist oberd. (incl. Elsass und Nürnberg).
211. Moßen ist wie das subst. Moß ein oberd. wort. Die Bibel von 1493 hat:
'wann das lamb soll sein on masen^ Luther: 'da kein feil an ist* (DWb. 6,
1699). 212. Biß Gigas Alb. ii i^ a, Oigaa ein held . . gigas gemine sub-
stantie ein rieße z weyer nature Melber. Vgl. 373. 213. Wiß Pratum
Alb. ii iy a, Pratum ein matt Alb. 11 üi) b, Pratum^ Ein wise, matt« Dasyp.
Matte ist ein spez. alemannisches wort. 214. Dens ein hack, krapp
Alb. si^'b. Hafft: BWh. 4, 2, 130 (oberd. belege), Strassburg 48, Lenz 14.
Hock: DWb. 4, 2, 177, Strassburg 52, Lenz 17, Vilmar 172; 145 (Hock in
der Schwalm und Hoch). 215. Wock: ein heiter, klawer, wag, see, weiher
Alb. Zz y a, Schmeller» 2, 867 f., Schmid 537, Hunziker 300, Tobler 450, Kehrein
1,336; 448; Anhang 59 (Die letzten drei Werke = * Weiher'), Vilmar 434.
Weyer: Locus ein grübe, hule, ein see . . . wier Melber, Vilmar 444 (nur im
Fuldischen). 216. Vgl. 422. 217. Zweifel a^j. Lexer 3, 1223, Schmeller*
2,1174. Feiig: Id. 1,770, DWb. 3, 1429 f. Schweizerisch! 218. ein hÄn,
hen, henne Alb. Hb ij a, Otülina ein bruthenn . . . vel ein henne siue hone
Melber, Qaüua . . gallina Ein henn, hän Dasyp. 219. Ich lauff, ich renn
Alb. bjb. Md. laufen = oberd. springen. Rennen, starck lauffen Maaler
330 b; ygl. 4afft einer bald, der kompt gerant' Liedersaal 3, 327 (Heyne
DWb. 3, 94). Vgl. 273. 220. das Halßeysen oder Brangen Maaler
208a, Halseisen, Branger, Kack, Staupsäule Spreng Alem. 15, 204, Id.
1, 540. 222. Vgl. 18. 223. Wund ein schramm, narb Alb. Q ü^ a, DWb.
8, 2222. 225. Vgl. 471. 227. Vgl. 268. 228. Vgl. 206. 230. Vgl. 198.
416 MEIER
K'
S. [A Ti^* a]
fNor ein Beyn
Yssel ein Stein
^Lnp£fel eyn Schlegel
235 Schifftuch eyn Segel
Kamp ein Strel
Einengigk Schel
Kapp eyn Kogel
Psiticns ein Fogel
240 Keidel ein Zwegk
Straß ein Wegk
Kül Kalt
Bfisch ein Walt
Eratzen Krawen
245 Sehen Schauwen
Keck Kün
Speicher ein Bün
Kranck Siechen
232. Talus, knod, knorr. knöchel, gleich Schöpperhvb, DWb. 5, 1488.
234. ein Klüpffel (daneben ^Klüppel'), hamer Alb. cyb. schlegel in Hessen
nicht gebräuchlich (Vilmar 351). 235. Schifftuch DWb. 9, 104 (Stieler), CAr-
basus segel Alb. Z\jb. 236. Pecteny Ein sträl, kämm Dasyp., strälen,
kämmen Spreng Alem. 15, 221. Sträl ausschliesslich alemannisch, wie es scheint
Schmid 512, Seiler 281, Hunziker 259, Tobler 413, Stalder 2, 405, Schöpf 717
(alem. Vorarlberg), Schmeller» 2,818 (schwäb. Oberland, Nürnberg), DWb.
5, 102. Vgl. 264; 883; 458. 237. Schel in dieser Bedeutung: DWb. 8, 2486,
Vilmar 340, Kehrein 1,343. 238. Kogel: DWT). 5, 1578, Kehrein 1, 238,
Vilmar 215 f. 240. Keil cuneus Alb. Bb iiij a. Dasyp. sub epischidian,
Keidel: nur dem Südwesten (Schweiz, Elsass, Schwaben) angehörig (DWb.
5,440), Id. 3, 149. 241. weg, straß, landstraß Alb. giiga. Her.,, Ein
straaß, w&g Dasyp. 242. refrigero, ich mach wider kalt^ kül Alb. uu iiy b.
243. Busch: DWb. 2, 557 f., Crecelius 227. Oberd. dialekte kennen diese
bedeutung nicht. 244. ich kraw, kratz, ghipp, fick, ripp, schab Alb HH ja.
Auch Vilmar 224. Vgl. 257. 245. Spectdor schawen, ansehen Melber, Ecce . . .
Schaw, syhe Dasyp., ich sehe an, besehe, sehe eben an, schawe fleissiglich
A 1 b. T j a. In den heutigen maa. ist schauen wol nur oberd. Vgl. 372.
246. Vgl. 172. kun, keck, freydig, frisch, geliertzt, m&tig, großmütig, dürstig,
vnuerzagt, vnerschrocken Alb. Qqija, Schöpper cjb, y a. 247. kornbon,
speycher, komhauß, sehe wer, scheun Alb. ss iiy b, ein bün, leyb Alb. kk iiy b
(vgl. Lliija), Oranum . . . Granarium, Ein kom schütt, käst, Speicher oder
scheür, Horreum Ein scheür, Speicher, oder komhauß Dasyp, Horeum . . .
ein komspicher . . . vel kästen vel schüre Melber, Granarium, Speicher, kom-
hauß, korakast, schewr Schöpper f iiij a. Ist Speicher schwäb.-alem.? In
Altbayera Ist es nach Schmeller ('-'2,655) unvolkstümlich. Bün: DWb. 2, 509,
Schmeller » 1, 246, Schöpf 66, Hunziker 42, Seiler 46, Schmid 106, Kehrein 1, 101,
Crecelius 220. 248. Siechen = Siechende Part. Präs. — schwach, kranck,
krafftloß, siech, matt Alb. n ijb, Firtno . . Infirmus . . . kranck, schwach,
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 417
Necken Riechen
Kranck B15d 250
Wünst 6d
Erantz ein Scheppel
Schwartz Roß ein Reppel
Kleider Heeß
Scharpfoderzänger Reeß fAyiyb]255
Klaffer eyn Schweizer
Krauwer eyn Bjretzer
Kai Gletzigk
Zenckisch Retzigk
Kyrwen eyn Ejromat 260
Fier wochen ein Monat
Kelt Frost
Beul ein Pfost
Kemmen Streln
Rauben Stein 265
L.
Lüfft Windt
Jung mensch Kyndt
Langk küssen ein P^wen
Tnuest) blöd, Morbus . . . morbosns kranck, siech, mit kranckkeit behafft Dasyp.
Vgl. 250 und 414. 249. Necken: ein oberd. Wort (bayr., östr. u. alem.);
vgl. DWT). 7, 514f. 250. Vgl. 248. Krancke vnd blöde glider Maaler
251 a, infirmns . . . swach, plode, verlemt voc. theut. 1482 (DWb. 5, 2023); Cre-
celius 178. 251. öd, wüst Alb. Qiiijb. Melber bietet öfters wunst (snb
desertumj desolari), daneben wüste (sub Heremus). 252. Vgl. 184. 254,
Heeß, ein oberd., spez. wol schwäb.-alem. Wort: D\M). 4, 2, 555, Schmeller' 1,
1175, Id. 2, 1678, Schmid 263. 255. Scharff, scharpff Alb. aiiy b, acer bitter,
snwer, herbe, scharpff Melber. Vgl. Dasyp. sub Sal. Zänger: Schmeller*
2, 11 34 f., Lexer3, 1027, Reinwald 1, 1<J6, Vilmar 470, Pfister 341 (Wetterau).
Reeß: jetzt nur oberd. u. z. T. fränkisch (DWb. 8, 154). 256. ich schwetz,
wesch vnnütze ding, blapper, klapper Alb. Giiijb, garrula est Caritas...
klefferig, schwetzig, die liebe muß geredt hon Melber, verbosum esse kallen,
klaffen, schwetzen, waschen u. s. w. Schöpper cvj b. Vgl. 400. 257. Sculptor,
rasor, ein kretzer, der da schabt Alb. HHja. Vgl. 244. 258. CcUuus Kai,
gletzig Dasyp., Schöpper hva. Vgl. 437. 259. Retzigk: DWb. 8, 210,
Vilmar 317, Pfister EH 2, 29, Kehrein 1, 324. 260. Kyrwen: DWb. 5, 828 ff.
(Wickram, Fischart), Schmeller« 2, 329, Lenz 22; zur Bedeutung vgl. BWb. 5,831
No. 3. Wetterauisch jetzt Kirb (Dieffenbach 548 ff.). Kromat: DWT). 5, 2002;
2353 (Ayrer), Schmelier« 1, 1368, Schmid 325. 261. Vgl. 162. 262. Sewel co-
Inmna Alb. Bbiijb, Coluvieti, Ein seul, stütz, ein aufenthaltung, CoZumna Ein
seul, stüd Dasyp. 264. Vgl. 236. 267. Ventrts, Wind, ein bewegter lufft
Dasyp. In den maa. ist luft jetzt in dieser bedeutung wol oberd. (doch vgl.
Lenz 29). 209. P f ü 1 w e n : Vgl. Kluge » 80. Pfülff Puluinus A 1 b. aj a, ein pfülff,
polster, küssin Alb. ppiy b, pulbe (wetterauisch jetzt |?öZ/) Dieffenbach 617. —
Vestgab« für Sierers. 27
418
270
MEIER
275
280
85
iLeßwDrmleyn
Mülwen
Lynd
Weych
Schlagk
Streych
Laoffen
Rennen
Vmbkern
Wennen
Lyecht
eyn
Eertz
Metal
Ertz
Latent
ein
Lencht
Naß
Feucht
Loben
Preisen
Zeygen
Weisen
Lern
Ynderweisen
Graen
Qreysen
Loch
eyn
Grub
Donckel
Trüb
Leer
Wan
Pander
ein
H.
Fan
MAntel
eyn
H6ck
Narr
ein
G^*
[Bja]
Pfulwen:Maaler318b, Stalder 1,106, Tobler48, DWb. 7,1805, Weigand2,344.
Andere Formen: Schmid 64, Birlinger 94, Schmeller' 1, 425, Spicss 1S3,
Crecelins 90. Wenn die alphabetische Ordnung nicht Langk bestätigte, würde
man Bangk vermuten. 270. Das DWb. 5, 258 belegt käsumrm aus Fischart
271. Vgl. 08 und 306. In nicht übertragener Bedeutung scheint lind oberd.
zu sein. Während die Bibel von 1483 von linden kleidern redet, hat Luther
weiche kleider (DWb. 6, 1026 ff.). 272. ein streych, einn schlag Alb. ci^ a,
Pktga streich, plage, schlack, wund, geisellung Melber. Vgl. 432; 468;
470. 273. Vgl. 219. 274. ich wend vmb, ker vmb, ich verkere Alb.
Oi\jb, ich gehe, ker, oder wend vmb Alb. X ja. Zu wennen ygl. Eehrein
1, 442, Vilmar 448 f. 275. ein liecht, fackel, wusch, kertz, was liecht yon
sich gibt Alb. Kk iij b. Lux . . . lucema, Ein kertz Dasyp. 276. Metall,
Metallum require ertz, gold, silber Alb. xiiy a, MetaU, allerley ertz . . . Maaler
289a, Metallum allerley ertz oder metall Dasyp. 277. Lucema .... ein
latem, lucem Alb. Kkiiy a, Lateo .... latema. Ein latem, lucem Dasyp.,
Lucema, Liechtstarr, leuchter, lucem, latem, leuchte Schöpper fra.
279. Vgl. 42. 280. Weisen: 'Das in ganz Hessen ausschliesslich übliche
Wort für das gemeindeutsche zeigen* (Vilmar 445). Vgl. 558. 281. Vgl.
101. 282. Greiß Canus Alb. hh ii^ a. Greis ein ursprüngl. nd. Wort
(vgl. auch Kluge Etym. Wb.). 283. Vgl. 175. 284. Vgl. 132.
285. leer, geleert Alb. aiija, wan dicitur etiam quod non est repletum, carens,
uacuus, da etwas maugelt Alb. Hhii^ja (vgl. Oo^b), Vacuum Eitel, ledig,
Gde, lär, wüst, wan Schöpper d\jb. Petri glossiert Luthers 'eiter mit
'wan, lär, unnütz' (Kluge* 86). Weigand 2, 1039, Vilmar 441 (Oberhessen).
Vgl. 493 und 549. 286. Vgl. 40. 288. Gewöhnlich Hoik, Schmeller*
1, 1050 (Albr. Dürer) hat Eöck 289. ein narr, narricht, töricht, ein thor,
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 419
290
Mück
Hader
Müntzer
eyn Flyeg
ein Kryeg
ein Wechßler
Troer
Menßhßnt
eyn Trechßler
ein Eatz
Fleck
ein Platz
Magt
Neetz
Mewen
eyn Dym
Zwym
Grasen
Gefrens
ein Zasen
Merretich
Kren
Vßeinander zyhen Den
Macht Gewalt
Heb
Halt
Mechtig
Vilerlei
Mürb
Geweitig
Manigfaltig
Weich
Gewerb
Geleich
Manl
ein Mnndt
Wolmögen
Gesunt
295
300
[Bjb]
305
ynuerstendig, toll . . . Semifatnns, ein halber gheck Alb. Oo iij a, Stiiltua Narre,
alber, thor, geck, düppell, ganch, sott SchÖpper avi^a. Geck: wohl rhein.-
niederd.(D\Vb. 4, 1,1914). Vgl. 324; 405; 517. 290. Vgl. 140. 291. Con-
tentiones kriegung, strite, hader Melber. 292. Zu Müntzer vgl. DWb. 6, 2708.
293. Troer: Tomo . . . Toraarins, Ein drAger Dasyp., Maaler 405b, DWb.
2, 1366, Strassburg 27. Oberd. und Niederd.? 294. Vgl. 194. 295. Plan
. . . platz Alb. Hhiijb. Es kann aber auch = 'Flicken' sein. Vgl. auch 565.
296. Vgl. 8. Vgl. auch Kluge« 76 anm. 2. 297. Füum, ein fade, nätz
Dasyp., DWb. 7, 320 (Elsass), Strassburg 77, Lenz 32, Kehrein 1, 290.
298. Dieffenbach 647 (meice jetzt wetterauische form). Nach Schweiz. Id. 2,
797 f. ist ein kleiner unterschied zwischen beiden wörtem : mähen = schneiden
des grases zum heuen, grasen = schneiden zum grün verfuttern. Vgl. 121.
299. Gefrens: Id. 1, 1310 f., DWb. 4, 1, 2, 2153, Kehrein 1, 155. Zasen: Vgl.
Weigand 2, 1158, Schmid 544, Strassburg 119, Kehrein 1,452, Pfister 341.
300. Kren: jetzt Bayern, Oestreich, Schlesien, Nordfranken (DWb. 5,2168).
301. Laxare vßbreitcn, deeneu, vßeinander teen, vßwerflfen Melber (vgl. auch
8ub extendere). 302. Vgl. 185. 303. ich halt, behalt, erhalt Alb. uuiij b, teneo
ich halt, begreyfiPe, hebe, halt in, ich verstee Dasyp. Heben = halten ist jetzt
alem. und bayr. (DWb. 4, 2, 722); vgl. noch Strassburg 50, Lenz 16, Kehrein
1, 190 (Nassau). Vgl. 563. 304. Vgl. 187. 305. Vilerley Maaler 448b,
manigfaltigklich ibid. 283 b. 306. Vgl. 99. 307. das geleych oben an der
hüfFt, das gewerb Alb. Kky b, Coxa diech, schloß, gewerb, gleich Melber (vgl.
auch sub Clauis colei). Gel eich scheint oberd. und westmd. zu sein (DWb.
4, 1, 2, 2978 f.). Gewerb: Weigand 1, 684, Lexer 1, 985, Lenz 21. 308. Mund
.... Maul Alb. Qjby a, 0«, Maul, mund Dasyp. Nach DWb. 6, 1782 gut
bayr., fränk. henneberg., alem. maul für mund. Vgl. 332. 309. Wolmögen
= uwlmögende. — Yegetus Gesund am leib, vnuersert, wol mügig Dasyp.,
27*
420
310
MEIER
315
320
325
330
Most
Wein
Marter
N.
Pein
^■Idercleidt
Brach
M Register
Buch
■^Ebger
ein
B6rer
Stubenhitzer
ein
Sch6rer
Neygen
Backen
Hinnemmen
Zacken
Nachlassen
Vbersehen
Erfam
Yßspehen
Nachrichter
Hencker
Schlyng
ein
Schlencker
Nebel
eyn
Raach
Geck
ein
0.
Oaach
OKnat
ein
Gewandt
Versetzt gut
Ein Pfandt
P.
nFeyl
ein
Boltz
P Scheydt
ein
Holtz
■ Ferdt
Gaal
[Bya]
Incolamis Gesandt, müglich, frisch, starck, wollmügend SchOpper dvb. Wol-
mögen: Id. 4, 113, Schmeller* 1, 1578. 310. Yinam, Wein. Mastam, most
Alb. Nnijb, Mustunif Most, Ynaergerter wein Dasyp. Vgl. aach Eehrein
1, 283. — Vgl. 551. 314. Diarium ... ein buch oder register, darinn man
täglich handlang yffzeichnet, oder was maa außgibt Alb. r ü^ a, Ephemeris
. . . latin^ diarium . . ., Ein register, oder bäch darin täglich handlang in-
geschryben werden Dasyp. 315. ein bor, b6rlin Alb. A|ja, Terebra . . .
Ein näpper, borer Dasyp., Terebrum, Borer, näpper Schöpperf viy b. Umlaut
zeigt z. t. die heutige hess. form (b^er und berer Crecelius 186). 316. atuben-
heiler Lexer 2, 1258, Dieffenbach-Wülcker 868, -hitzer (DWb. 4, 2, 1583).
Schörer = schorerj zu schor, Schaufel? 317. ich neyg, bück Alb. byb,
deflectere neigen, biegen Melber, flecto Ich biege, neyge Dasyp. 318. Bapio
Ich zucke, reiB behendigklich, nim hinwäg mit yngestümigkeyt, oder gewalt,
.... raptio, Ein hinnemung, hinwegzuckung Dasyp., zucken, hinzucken
Maaler 524a. 319. ich erlaß, laß nach, verlaß, yergeb, verzeihe Alb.
ee \j a, Indulgere . . . nach hengen, nach geben, Verheugen, nach lassen, zu lassen,
gunden, IndtdtiuuSy ein vberseher Melber. 320. Exphrart vszspehen,
erforcheu Melber. 321. Vgl. 206. 322. Funda ein schlencker Melber,
Funda Ein schling, schlencker Dasyp., Schöpper h\ja. Schling Maaler
356 a. Ist schling in dieser bedeutung oberd.? 323. Zu rauch in dieser
bedeutung vgl. DWb. 8, 235; 240 f. 324. Vgl. 289. Zu gauch vgl. DWb.
4, 1, 1525 und Pfister EH. 2, 14. 327. Fignu8 oppignero Ich gib zi
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS,
421
Mond
Pfytz
Clein schifflein
Pferd
Viel bttchssen
Pfiester
Bawfelt
Pferd
Gen6t
Pfeyl
Hoffertig
Pyret
Rock
ein Manl
ein Lach
eyn Nach
ein Roß
ein Geschoß
eyn Becker
Ecker
eyn Hengst
Geengst
ein Boltz
Stoltz
ein Haub
ein Schanb
335
340
Qointem ein Laudt
Yermehelt innfrau Brandt
[B y b] 345
B.
REden
Kirchfarten
Vffen
Grob meel
Raspen
Kallen
Wallen
Schreiben
Kleihen
eyn Feyel
350
pfand, ich versetze Dasyp., oppignorare zu pfandt geben, verpfenden, ver-
setzen, verschreiben Schöpper fvjb. Vgl. 501. 329. Vgl. 56. 330.
ein scheit, span Alb. Ilya. Vgl. 548. 331. Vgl. 202. 332. Vgl. 308.
333. Lacuna .... Ein Kaatlach, pfütze Dasyp. (das gleiche snb lama),
PfÜtz oder lachen Maaler 318a. Alem. undmd. DWT). 6, 13 f. 334. Petri
glossiert Luthers 'Kahn' mit 'weidling, nachen, klein schiff'. Strassborger
und Angsborger dmcke: ^nachen, klein schiff ... ein nach, der ann den
grossen schiffenn hengt' (Kluge > 87). Nach DWb. 5, 33 fehlt Nachen in
Bayern, sowie bei Stalder, Tobler, Hunziker, Seiler, Schmid, in Sachsen,
Thüringen und dem nördl. Franken. Am Rhein: AcheUf auch in der
Wetteran (Crecelius 14) Vgl. Strassburg 77. 335. Vgl. 202. 336.
lacula . . . pfile, geschuß vel geschutz Melber. 337. Vgl. 158. 338.
Ager, Acker, ackerland, bawfeld, seyigs landt SchOpper fiijb. Baw-
felt: DWb. 1, 1185, Sanders 1, 430, Dieffenbach-Wülcker 166, Id. 1,807.
339. Vgl. 202. 341. Vgl. 56. 342. Vgl. 186. 343. byret, haub, hat
Alb. liijb, Haub Pileus Alb. F ^ b, Galerus^ .... Ein hüt, paret Dasyp.;
birrdt Dieffenbach 162. 344. Schawb Pallium Alb. F ij b. Vgl. 388 und
74. 349. Vgl. das Citat aus Schöpper zu 256. Nach DWT). 5, 69 f.
ist kalten bayr.-östr. und rheinisch. Vgl. u.a. Kehrein 1,214, Pfist«r 123.
350. kirchfarten gen, wallen voc. ine. teut. (DWb. 5, 816). Kirchfarten ist
wol ein oberd. wort. 351. ich rfif, ich schrei Alb. b üy b. Vgl. 439. 352.
Appluda Tr&sen, kleien, sprewr, Furfur Grüsch, kleyen Dasyp. 353. Feiel
422 MEIER
m
Axt ein Beyel
355 Rollen Farn
Fadem Gkun
Renner ein Sticher
Gewyß Sicher
Rym ein Nystel
360 Klein truleiu ein Kistel
Rudern Rügen
Gennngthän Yemügen
Runtzel eyn Falten
Verwarn Behalten
365 Ropffen R&uffen
Nachzyehen Schlänfifen
Rachtnng ein Vertragk
Hals Kragk [B iy a]
Rygel eyn Bansch
370 Loß eyn Danach
Rasten R&gen
Sehen Lägen
Ryeß eyn Helt
Z&ber ein Gelt
375 Rauschen Schnarchen
Lima, limnla Alb. ziü^jb, lima ein feyel Melber, litna Ein feyle Dasyp.,
M aal er 134 b. Ist Easpen oberd.? 354. SecuriSj Ein axt, Securicnla Ein
äxtlin, beyel Dasyp. 355. Vgl. 376. 357. Sticher = Stecher, Tumier-
kämpfer. Schmeller« 2, 724. Benner DWb. 8, 813. Vgl. 460. 359. Amen-
tumy Ein riem, oder band Dasyp. Nistel von Pfister (193) als Südhe^sch
belegt. 360. Vgl. 485. 361. Bügen DWb. 8, 1415, Pfister 238, Kehrein
1, 333. 362. Vemügen DWb. 12, 926 f. Vgl. vergnügen Kehrein 1, 423,
vergnungt Dieffenbach 388 ff. 363. Runtzel, ruga, rugo Alb. Bb iiy a, Plica,
ruga ... ein falt, fawl Alb. uu iij a, Bugay Ein runtzel. Rugo uestis, Ein falt
Dasyp. 365. ich reyff, ich reyf flachs Alb. Yllya, ich ropff; yelloAlb.
aiiga. Räuffen: DWb. 8, 258; Vilmar 317 (Oberhessen und Ziegenhain).
Ropffen: DWb. 8, 1529; Kehrein 1, 331, Westerwald 165, Vilmar 334 u.a.
367. Bachtung in dieser bedeutung ist nach N. von Wyle durch rhein. Schreiber
in die kanzleisprache gekommen. Vgl. DWb. 8, 31. Vgl. 512. 368. hal£
Collum Alb. iil^a, Krack coUum Alb. si^b. 369. Vgl. 39. 370. Loß:
DWb. 6, 1186 (oberd., Schweiz., bayr., elsäss., alem.), Schmeller« 1, 1516
(Elsass, Bayern), Scherz 2, 947 (Sueui hodie Zoo«), Dieffenbach -Wülcker 743
(heut« Kl. Bayern, Ulm, Durlach), Id. 3, 1425 f., Schmid 362, Lenz 29. Dausch:
DWb. 2, 855; 11, 208, Schmeller M, 549 (Schwaben, Franken), Schmid 122 (Augs-
burg), Reinwald 1, 6 und 18, Spiess 41, Pfister EH. 1, 11; vgl. Pfist«r 50. 371.
Vgl. 182. 372. Vgl. 245. lügen ist ein oberd. wort. 373. Vgl. 212. 374.
Solium . . . Ein badstauden, badzuber, wäschgelten Dasyp. Gelt: DWb. 4, 1, 2,
3063 f., Vilmar 122 (Niederhessen, Schmalkalden, östl. teil d. Fuldischen); sonst
oberd. und md. Zuber: Vilmar 122 (Oberhessen), Dieffenbach 918 (jetzt wetter-
auisch zuwwer), Lenz 51. 375. Rausch, Strepo, strepito Alb. r iQ a, ich schnarck,.
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 423
Farn Karchen
8.
S Tief fei ein Schach
Leilach ein Dfich
Teck eyn Stab 380
Bäb ein Knab
Schaff ein Lamp
Strel ein Kamp
Schrann ein Banck
Seil eyn Stranck 385
Saaber Reyn
Almen Gemein
Schanb eyn Rock
Bloch ein Stock
Stab eyn Steck 390
Qnodt Dreck [B iy b]
Schalmei eyn Pfeyff
Wetzstein eyn Schleiff
Staffel ein Drapp
das Bchnarcken Alb. X ii\j b, Ronchus, Ein schnarchong, der thon oder ranschen
eins der schlafft Dasyp. (vgl. sub crepo und murmtir). 376. Vgl. 355.
Nach DAM). 5, 208 ist karch anf das westl. Deutschland beschränkt, das mitt-
lere und obere Rheinthal, wie jetzt noch ; es fehlt Schweiz, und bayr. Vgl.
Dasyp. sub auriga und benna. 378. Schftch calceus . . . Alb. r iiy b, ocrea
ein stiffel Alb. s ja. Vgl. auch Vilmar 371. — Vgl. 462. 379. Linteum,
Ein leynlach, Lodix^ Ein leynlach, bethlach, decke Dasyp. Leilach ist in
Oberhessen, Ziegenhain u. s. w. unbekannt (Vilmar 245). 380. ein stab, steck
Alb. A üij b iiy a, baculuSy Ein stab, st«ck Dasyp. Vgl. Vilmar 398. — VgL
390 und 464. 381. ein kind oder knab Alb. Pjb, Bäb Nebulo Alb.
F iyb. Vgl. Crecelius 216 u.a. 382. ouis schaf, agnus ein lamb Alb.
Xi^b, Lamm = Schaf bei Luther; ygl. bayr. die lampen (Mutterschaf)
und Id. 3, 1271. 383. Vgl. 236. 384. Vgl. 24. 385. ein strick,
stranck, seyl Alb. iüjb. Beides oberd. und md. Vgl. noch Seil Schmeller*
2, 354, Vilmar 381, Stranck Schmeller» 2, 816, Westerwald 242, Kehrein 1, 395.
386. Vgl. 153. Mundus . . . Rein, sauber Dasyp., reyn, lauter, vnbefleckt,
sauber , vngeschwecht , vnuersert , gerey niget A 1 b. LI j b. 387 . Almen:
Weigand DWb. 1, 37, Dieffenbach-WtUcker 46 (Frankf., Wetterau u.a.), DWb.
1, 237, Schmeller« 1, 67 (Behaim); 1613 (schwäb., elsäss.). Id. 1, 190 ff., Stalder
1, 96, Kehrein 1, 42. Gemein: DWb. 4, 1, 2, 3223, Schmeller» 1, 1613.
388. Vgl. 344. 390. Vgl. 380. 391. Vgl. Kluge« 79. Kot, dreck, wüst,
Ynflat Alb. AA y a, Stercus Katt, Sterquilinium treck vel kat vaß, mistkorb,
sprachhuß Melber, ccsnum kaat, dreck Dasyp. Nach DWb. 5, 1890 ist die
form qtwt Oberrhein, und westmd. 392. Vgl. 142. Schalmey Lituus Alb. s ^ a,
Buecina, Ein Zinck oder schalmey Dasyp. Vgl. Lenz 43. 393. cos ... ein
wetzsteyn Alb. LI iij b, Maal er 490 a. 394. Luthers 'stufe' ersetzt Eck durch
'Staffel, Stapfei, EerstaffeP, die Wormser Propheten und die Züricher Bibel
424 MEIER
395 Krew ein Rapp
Schornstein eyn Kernet
Pfaten eyn Hemet
Saw ein Schwein
Sch6n Fein
400 Schwetzen Claffen
Priater Paffen
Seckel ein Pentel
Maßsüßlein ein Krentel
Styr ein Farr
405 Dor eyn Narr
Schanck ein Behalter
Langelebter ein Alter
Spieß ein Speer
Fabel ein Meer
durch *Staffer (Kluge« 81), Petri durch ^Staffel, steig' (Kluge« 90). Gradus,
ein trapp, trep, Staffel, stigel, spross an der leyter Alb. hiija, Gh-adior . . .
gradus, Ein Staffel, trappe, tritt, seygel Dasyp., gradus, seigel, stapffei, Staffel,
trapp Schöpper cvija. Staffel wol oberd., Drapp rhein.- westdeutsch (vgl.
Lenz 46 u. 50). Vgl. Drappen (PL, = Treppen) Dieffenbach 825. 395. *ein
krae' und ^ein rab' Alb. z j b, kr&wen specht, ist schwartz wie ein kra und hat
ein maul wie ein specht Alb. z \) b, Rab coruus Alb. A j b, Rapp comix Qq üy b,
coniix, Ein krag, corax . . . Ein rapp Dasyp. Krähe ist hessisch (Kr. Hünfeld,
Yihnar 222) = Rabe. Rapp ist oberd. und heute noch gebräuchlich in Bayern,
Tirol, Schwaben, Schweiz (DWb. 8, 115 f.). 396. Infumibulum schomsteyn Alb.
LI i\) b, camin%k8 . . . kamyn oder Schornstein Melber, Fumu8 . . . Infumibulum,
Ein kemmet, schlat, rauchloch Dasyp. kernet ist elsässisch, schwäbisch,
tirolisch, kämtisch (DWb. 5, 99). 397. Pfaten (Pfeit) ist bayr.-östreichisch.
398. ein schwein, saw Alb. Nniiijb, »u«. Ein saw, schweyn Dasyp. Vgl.
155. 399. Vgl. 200. 400. Vgl. 256. 401. ein pfaff, priester Alb. X iy a,
priester oder prediger Alb. Ttiiyb, Flo . . . Flamen . . . Ein pfaff oder
geweichter Dasyp. 402. desch, seckel, wetschger, beutel Alb. s i^ b, Mar-
supium seckel, beutel Melber, cru/tnena^ Ein seckel, peütt^l, däsch Dasyp.
Seckel: Stalder 2, 367, Tobler418, Schöpf 574, Schmeller« 2, 222 (*nicht eben
volksüblich'), Vilmar 382, Pfister 274. Beutel: DWb. 1, 1750, Schmeller« 1,
304, Crecelius 157. 403. Maßsüßlein DWb. 6, 1751. 404. Vgl. 130.
405. Iforio.-.Ein dor, narr Dasyp. Vgl. auch 289 u. 517. 406. Schanck,
ein schanck in der wand Alb. tiija, bücherschank Alb. riiijb, Dieffenbach
778 {schanck, so wetterauisch). Schank nach DWb. 8, 2160 : Hess., Mnk., nord-
thür., nach Schmeller« 2, 431: Main, Rhein; Vilmar 341, Lenz 43 u. a.,
Behälter ist wol oberd. (DWb. 1, 1324, Id. 2,1222, Schmeller« 1, 1101).
407. Vgl. 3. 408. hasta, hastile ... ein spieß, speer, glaun Alb. gg jb,
lancea ein sper, ein gleen, ein spieß, werffspieß Melber. Vgl. 472.
409. Fabula ... ein gedieht, fabel, darauß manu etwas gäts lernt Alb. gjb,
Fabula mer Alb. Yy iy b, Fabula ein meer, ein vnnutz ding, vppikeit diser
weit Melber, Figmentum Fabel, gedieht, mär, märly, fabeley u. s.w. Schöpper
g ly b. Vgl. 550. 410. Ador . . . dünckel kom, komfirucht, Far elosinum
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDEKTS. 425
Spelteen Dünckel 410
Bygheim ein Winckel
St&l ein Sessel
Stübich eyn Fessel
Schwach Eranck
Infall Gedanck [Bii^a] 415
Scherrer eyn Barbirer
Halb weiß ^ Fierer
Schympffen Gkiaffen
Drincken Saoffen
Schertzen Schympffen 420
Entschuldigen Glympffen
Selig Heilig
Dür Wellig
Stadtknecht ein Püttel
Eolb ein Knüttel 425
Schympff eyn Schertz
Leyden Schmertz
Schein eyn Glantz
Wentel ein Wantz
Statknecht ein Scherg 430
speltz oder dinckel Alb. ssii^b, Frumentum frncht, körn, weiß, dinckel
Melber, Far ... Dinckel kom, Zea Speltz Dasyp. Dünckel scheint oberd.
zu sein. 411. Bygheim? Liegt eine entstellung aus der Biege^ Biegen,
Winkel vor? Vgl. z.B. Crecelius 159. 412. seddel, sessel, st&l, banck
Alb.HHiiijb. Vgl. Dasyp. sub »e<ico und Schöpper d ja. 413. Stübich:
Schöpf 723, Schmid 515, Reinwald 2, 123, Kehrein 1, 393, Vilmar 405, Diefifen-
baoh -Wülcker 869 (Augsburg, Frankfurt). F e s s e 1 = Fäßlein. 4 1 4. Vgl. 248.
416. scherer, barbierer Alb. Vuiyb. Vgl. scherren (schaben, kratzen) in der
Wetterau (Pfister 248). 417. Ein Fierer ist nach Id. 1, 923 = 4 Heller
== V's Kreuzer. Mit dem halben Weisspfennig kann von den in frage kommenden
nur der oberhessische gemeint sein, da dieser 8 Heller galt, während der
niederhessische 12 Heller wert war. Vgl. Vilmar 445, Kehrein 1, 442, Wester-
wald 326. 418. iocor, Indo, ich schimpff, ghauff Alb. aija. Ich gauff ludo
Alb. bjb. DWb. 4, 1, 1547 (Siegerland); 4, 1, 1542 (ürobianus und Büdinger
Akten). Sonst jau/cn etc. Vgl. 420 und 426. 420. Vgl. 418. 422. Vgl. 216.
Es ist natürlich hdig, heilig zu lesen, eine oberd., wie md. nebenform von heilig;
vgl. z. b. DWb. 4, 2, 827, Id. 2, 1148. 423. Vgl. 98. welch, welick, willig
werden, macere DiefTenbach -Wülcker 899. 424. heukerskuecht, scherg, büttel
Alb. k j a, Ligo . . . Lictor, Ein büttel, scherge, hencker ... Dasyp. Vgl. 430
und 497. 425. ein stang oder kolb Alb. k^ b, stipeSj Ein pfal, kolb, stecke
Dasyp. Zu koW vgl. auch Vilmar 216 (Oberhessen). 426. Vgl. 418. 428. schein,
liecht, glantz, klarheyt Alb. Kkiija. 429. ein wandtlauß, wentel, qualster,
wartz (wantz?) Alb. Xx y b, cimeXj Ein wentel Dasyp. Ist wentel schwäbisch -
alem.? Vgl. Stalder 2, 434, Tobler 444, Hunziker 286, Seiler 309, Schmid 516,
Schmeller* 2,962 (schwäb.). Wanz u.a. auch in Hessen; vgl. Vilmar 441,
Pfister 329. 430. Vgl. 424. 431. Nanclerus schiffmann Alb. Ziy a, trans-
426
MEIEB
435
440
445
450
Schyflmaii
ein Ferg
Schlagen
Clopffen
Springen
Hopffen
Stechen
Stüpffen
Dantzen
Hüpffen
StSrtz
ein Fal
Gletzig
Kai
Segen
Weyhen
Kreischen
Schreien
Schirmmeinster
Fechter
Hütter
ein Wechter
Stewer
eyn Bed
RatzMnd
Bed
Schrepffen
K6pffen
Efwen
Kr6pffen
Senen
Verlangen
Hoffweiß
Brangen
Schlencker
eyn Schling
Messer
eyn Kling
Schoffstal
ein Pfferrich
Rechthnn
Eerlich
Schencken
Geben
[Biiybl
fretator ... ein ferg Alb. Ziy b, Dasyp. sub Porto» Ferg ist wohl oberd.
432. ich puff, klopff, schlag, palm, plaw, hoch Alb. c^ b. Vgl. 272; 468; 470.
433. Vgl. 435. 434. Stüpffen ist wol oberd. 435. Vgl. 88 und 92. 436. Vgl.
ich werd gestürtzt, gefeit Alb. kk y b. 437. Vgl. 258. 438. Conaecrare zn-
eigeu, zuheilgen, wihen, segnen, heiligen n. s. w. Melber. 439. ich kreisch
Alb. q ja. Kreischen ist ein md. Wort (nicht bayr.-östr., Schwab., Schweiz.);
heute Mittel- und Niederrhein, Westerwald, Wetterau, Hessen, Westthüringen,
Henneberg (DWb. 5, 2153). Vgl. Vilmar 225, Pfister 146, Kehrein 1, 246; 247,
Lenz 25, Strassburg 63. Vgl. 351. 440. Vgl. 148. 441. cnstos hüter,
uigil, custos, Wächter deß nachts, oder bei tag Alb. Tü^b, cuatoa ein
schütz, ein huter, warter, ein behalter, ein bewarer Melber, Cubo ...
Excubitor, Ein Wächter, häter Dasyp. 442. rent, schoß, zins, beet (daneben
auch bed G \j a) Alb. xx iiij a, beet, st« wer Alb. xx i^j b, tributwn eigen gab,
zinß, gilt, rent, stur, bede, yngelt Melber, tributum St€ür, bet, was man der
oberkeyt muß geben Dasyp. 443. curialis collega ratsfreund Alb. mm ^b.
444. schrepffen: Heyne DWb. 3, 478, Schmeller« 2, 610, Weigand 2, 642
(wetterauisch schaffe)^ Sanders 2, 2, 1015, Kehrein 1, 367, Strassburg 97 u. a.
446. Luthers 'sich sehnen' giebt Eck durch 'begehren, yerlangen*, die Züricher
Bibel mit 'Begierd haben, yerlangen (Kluge* 81), Petri mit 'begem, begird
haben' wieder (Kluge« 90). Vgl. 498. 448. Vgl. 322. 449. Vgl. 203.
450. Septa hürd, ein pferrich Alb. S ja, Pfirch caula, septum Alb. pi^jb,
ouile schafistall Alb. Xiijb iüja, Caula ein pferrich vel 8cha£stall Melber,
Sepea . . . septum . . . Ein pferrich, ouis . . . ouile, Ein schafetal Dasyp.
Pferrich ist wol eine oberd. form des wortes. 452. Dono . . . Ich
schencke, ich gib frey willig, vnuerdient Donum, Ein gab oder schencke
SYNONYMIK DES 16. JAHKHÜNDERTS. 427
Sich sperren
Wyderstreben
SchmaltE
Bntter
Eerich
Entter
455
Schenckel
eyn Bein
Wenigk
Clein
Streel
ein Kamp
Braß
ein Schlamp
Sticher
ein Kenner
460
Schmeher
ein Schejiner
Sch&ch
eyn Styffel
Kinback
ein Kyffel
[Bva]
Stab
ein Steck
Groß
Qneck
465
Schencken
Geben
Anhangen
Cleben
Schlagen
Schmeissen
Zerbrechen
Zerreiflsen
Schmeissen
Schlagen
470
Vnsteet
Wagen
Scheffelein
eyn Spieß
Dasyp. Luthers ' schenken ^ das auch die Wormser Propheten zeigen, giebt
Eck mit * begaben \ die Züricher Bibel mit 'geben, schenken' wieder (Kluge*
80). Vgl. 466 und 490. 453. widerstand, das widderstreben Alb. Vya,
contra dicere wider sprechen, widerstreben Melber. Vgl. Dieffenbach 798 ff.
Vgl. 4. 454. Vgl. 28. . 455. Petri glossiert Luthers *kerich' mit *feget,
staub, kutter (Kluge* 87). Kersel, was man außkert, hinwürfft u. s. w.
Alb. Llij a, Peri . . . Peripsoma . . . Außkereten, außfegeten, hinwürffig ding
Dasyp., Puluis Staub, kutter, kerich, feget Schöpper fiya. Kerich ist
bayr.-fränk. und md., nicht alem. und schwäbisch. Kutter scheint sich auf
das schwäbische zu beschränken (Tgl. DWb. 5, 426 und 2905). 456. Vgl.
34. 457. Kleyn, gering Alb. Kkii\jb, wenig Alb. i ja, Modicimi wenig,
klein Melber, klein oder wenig voc. 1482 (DWb. 5, 1094). Vgl. 188.
458. Vgl. 236. 459. Vgl. 17. 460. Vgl. 357. 461. ich schelt,
sehend, schmehe, lester, verlester, rieht vbel auß, verunehr, verhön, veracht
Alb. XX ja, ein schmeher, sehender, lesterer, der alles zum ergsteu außlegt
Alb. xxija, sehenden vnnd schmähen Maaler 349b. Zu Schenner vgl.
auch Vilmar 341, Pfister 245, Kehrein 1,344, Lenz 43. 462. Vgl. 378.
463. Kyffel scheint oberd. und rhein. zu sein (vgl. BWh. 5, 665). 464. Vgl. 380.
465. grofz = dick, gross. Zu queck vgl. DWb. 5, 376 11, 2, b— d und 7, 2334.
Zur form vgl. die letztere stelle und Pfister 215; Kehrein 1, 315. 466. Vgl.
452. 467. ich hang, kleb, hang an, bleib hangen Alb. Cja, hareo . . .
Ich hangan, ich kläbe Dasyp. 468. Ich schmeiss, Ferio require schlag
A 1 b. hh iiy a. schmeifzen ist oberd. und md. Vgl. u. a. Vilmar 359
(üblichster ausdruck in Hessen für schlagen), Pfister 251. ~ Vgl. 470 und
432. 471. Vgl. 533. Wagen ist part. praes. Vgl. 225. 472. Schäffelein
hastile Alb. Kkii\jb, gg ija, Bolis . . . Ein schafflein oder pfeil, Spiculum
Ein schaflin, kortzer spieß, oder pfeyl Dasyp., laculum, Schaff lein, pfeil,
428
MEIER
475
480
485
490
Sewer
eyn Ließ
Stadel
ein Scheuwer
Heimlich
Geheuwer
Scheuwer
ein Stadel
Gebrech
eyn Dadel
T.
mmRoT
ein Pfort
1 Otschlagk
Mort
■Afel
ein Tisch
Salm
ein Fisch
Tram
ein Balck
Bftßwicht
ein Schalck
Trohen
ein Kist
Forte
ein Fyst
Toffel
ein Sole
Teuchel
eyn Dole
Trachten
G^encken
Freygeben
Schencken
IBvb]
boltZy geschoß Schöpperh^'a. Scheffelein ist ein oberd. wort (tn, javelin).
Vgl. 408. 473. Lies, Tinea rotnnda, ein reidlies Alb. ffiüjb, Schmeller"
2, 322 f., DWb. 6, 1019. Sewer = Sör, Seuer (lat. siro); vgl. Dieffenbach, Novum
Glossarium 341 sub Siro, die Suren Acarus Maaler 395b, Yilmar 250 u.a.
374. Luthers * Scheune' geben Eck und die Wormser Propheten mit *Scheur\
die Züricher Bibel mit *Scheur, Speicher' wider (Kluge* 80). Stadel ist ein
entschieden oberd. wort. Zu Scheuwer vgl. z. b. Dieflfenbach 20 (jetzt wetter-
auisch schauem) j Yilmar 348 (Scheuer im östl. Hessen, Althessen, im westl.
Scheune)j Kehrein 1, 345. Vgl. 476. 476. Vgl. 474. 477. Petri glossiert
Luthers ^ unthadelich ' mit ^ unstrefTlich '. Im Alem. scheint Dadel zu fehlen.
479. Vgl. 87. 482. Salmo ... ein salm Alb. qiiijb, SalmOf Ein Salme
piscis DaHvp. , der Salmen, Salmo, Ein fisch Maaler 342 e. Vgl. 544.
483. Vgl. 60. 484. Improbus, bößwicht, schalck, schelm, verzweifelter
bub, galgvogel Schöpper b iiij a. 485. Vgl. 360. 486. Vgl. 160. 487.
Solea ein sol, pantoffel u. s. w. Alb. s ja, Sandaliunif Ein pantoffel, ein sole
Dasyp. (vgl. auch sub baxecßf calopodiuiUy crepida), Solea, Sole, pantoffel
Schöpper fviyb. Vgl. Sanders 2,2,1114 und Frisch sub Sohle (sohle fUr
pantoffel im Elsass gebräuchlich). Toffel auf hochd. Gebiete jetzt nach
Weigand DWb. 2, 909 schwäbisch, fränkisch, kurhessisch. Vgl. weiter
Schmeller' 1, 590; 587 (Nürnberg), Schmid 130, Vilmar 413. 488. Aqueductua
ein dole, ein wasser duche, wasser rind, ein wasser rore durch das die
Wasser fließen Melber, Aqua . . . aquaginm . . ., Ein wassertoln, wasser
graben Dasyp. (vgl. auch sub cloaca), Fistula, Ein teüchel, ein pfeyff oder
gehölt kenel, SalienteSf Wasser teüchel, brunnen teüchel Dasyp. Vgl. noch
u. a. zu teuchel Kehrein 1, 110, Lenz 48, zu dole Kehrein 1, 113, Pfister 52
(rhein. und main. Land). 489. ich bedenck, erweg, tracht, betracht, hab acht
Alb.tüijb. Vgl. Synonymik von 1522 ailija. 490. Vgl. 452. 492. Kran
SYNONYMIK DES 16. JAHBHUNDERTS.
429
y.
||Ftz&ck
ein Kran
y Lere
Wan
" Erbieten
Wem
Vnderweiaen
Lern
495
Vnderk&uffer
ein H6cker
Statknecht
eyn St^ker
Verlenglich
Senlich
Geleich
Enlich
Vergeben
Vertzeihen
500
Versetzen
Leihen
Verhalten
Bergen
Deppich
eyn Sergen
Verhalten
Verhelen
Nit treffen
Feien
505
Verhalten
Verschweigen
Clebem
Steigen
Vbersehen
Vertragen
Vertzweifeln
Vertzagen
[BTJa]
Viel volcks
eyn Schar
510
Gantz
Gar
Vertragk
Vereinigung
Mynderong
Vercleinignng
Vemnnfft
Wytz
Rysß
ein Schlytz
515
schein vom Rheinland ans in die Schriftsprache eing^edrungen zn sein. Vgl.
DWb. 5, 2017, Müller-Weitz 126. 493. Vgl. 285. 495. Vgl. 102. 496.
Liceo . . . licitator, Ein steyger, ynderkettffer, Froxeneta . . Ein vnderkeüffer,
ein tädinger, vnd fürderer im kaoff Dasyp., ynderkeüffer Maaler456a, den
ynderkanff versperren Dieffenbach 401. Ist underkäuffer oberd. und mittel-
rheiniBch, höckcr md.? 497. Lorum . . . lorarins, Ein scherge oder stöcker,
ein büttel, der die übelthäter gefangen nimpt Dasyp. Vgl. Weigand 2, 823.
Vgl. 424. 498. Vgl. 446. 499. Luthers * ähnlich' ersetzt Petri durch
* gleich* (Kluge* 84; 85). ist im gantz gleich, &ulich Alb. o^a. Vgl.
501. Vgl. 327. 502. Vgl. 504; 506. 503. Petri glossiert Luthers
1 1.
'teppich* durch ^gautter, golter, sergen* (Kluge' 90). einn deck, serg,
vmbhang, fttrhang, teppich, tapet Alb. siiija, Aukce, Ein gewürcket, oder
heydnisch t&ch, decke oder serge, cortina . . . Ein serg oder decke Dasyp.
Zu Sergen vgl. noch Scherz 2, 1489, Schmeller" 2, 325. Sergen ist wol oberd.
504. Vgl. 502. 506. Vgl. 502. 507. klebem, klimmen, klettern
oder steigen voc. theut. 1482 (DWb. 5, 1051). Clebem ist oberd. und rhein.-
hessisch, D\M). 5, 1052, Kehrein 1, 229, Lenz 24. 508. Vgl. 319 und 367.
510. Versandung, ein hauff, die meng, schar; ein volck, schar, hauff Alb. gg
i^a und i^b, caterua. Ein schar, ein menge Dasyp., Schar, Menge,
Volck Synonymik von 1522 c i^ a. 511. gantz, gar Alb. 1 1 \j b. Vgl. 9.
512. Vgl. 867. 514. Vgl. 174. 515. ein loch, riß, schlitz Alb.
\ja. 516. Petri glossiert Luthers 'harre' mit 'ward, beytte' (Kluge* 87),
430
MEIER
520
525
530
535
Vertzyhen
Harren
D5recht menschen
Narren
V beiriechen
Stincken
Gnappen
w.
Hincken
WEck
Brot
Sterben
Dot
Weschentz
Bach
Keel
ein
Bach
Weyb
ein
Fraw
Kargk
Genaw
Weinpreß
ein
Kelter
Betzaler
ein
Gelter
Wolfart
Glnck
Eynichteil
ein
Stuck
Wieß
ein
Madt
Eben
Gladt
Wanckelmütig
Onsteet
Stnmm
Onred
Wünschen
Begeren
[BTJb]
Eck hat statt dessen * warten ', die Wormser Propheten * warten, verziehen \ die
Züricher Bibel * warten, Vertrauen haben' (Kluge* 79). Ich verzig, verzieg
lang, harr, bleib hie, wart, beyd, seume mich, yollstreck, erleng Alb. gijb,
Expectare, Harren, beiten, wartten Schöpper c viijb. Harren scheint alem.
nicht = warten zu sein (Id. 2, 1514). 517. Vgl. 405 und 289. 518. reucht
übel, stinckt übel, Foeteo, ich stinck, bin Tnsauber u. s. w. Alb. n iy b, Fceteo . .
Ich stincke, schmeck übel . . . Foetidus . . . Stinckig, übelriechig Dasyp. (Tgl.
sub putor). Alem. ersetzt im Allg. schmecken das riecJien, 519. Zu gnappen
vgl. Id. 2, 666 ff., Strassburg 43, Schmeller« 1, 979; 1751. 421. Panis Brod,
panis sUigineus, triticeus semel, weck Alb. R ja. Vgl. u.a. Strassburg 115,
Lenz 53, Westerwald 324, Kehrein 1,440, Vilmar 445. 522. Es ist wol
*das Sterben', die epidemie gemeint. Vgl. 6 und 79. 523. Bei Weschenz
darf man wol nicht an die Odenwälder Weschnitz denken. Vielmehr ist es
eine bildnng mit dem snffix -enz (vgl. Grimm Gramm, neudr. 2, 324 f.) zu
waschen, weschen. Vgl. auch (wasser einlassen) in die newe tceschbach Dieffen-
bach 912 f. 524. Schlund faux Alb. Qj b keel guttur Alb. Aaj b, gtUtur
halß, kele, faux der räch vel gumme Melber. 525. Vgl. 122. 526.
karg, ein lauser, geitzig; kärglich, spärlich, genaw Alb. Ija und jb.,
genaw Parcus Alb. GGiiij b, Tenax, Vnmilt, karg, gnaw u. s. w. Schöpper
b YJ a. 527. Nach Kluge f* 79) haben Luther und Eck * Kelter', die Wormser
Propheten 'Trott, Torckel', die Züricher Bibel * Trott'. Kelter Torculum
Alb. bb ij b, torculum .... ein trott, dorkel, kelter Dasyp., kelter, weinpres,
torcular voc. ine. teut. (DWb. 5,524; 525), Torcular, Trott, dorckel, torgkel,
kälter, weinpreß Schöpper fvijb. 528. Gctter ist wol oberd. 530.
Vgl. 159. 531. Vgl. 213. 533. Vgl. 472. 534. Muiua Stumm,
vnredbar Dasyp. 536. Petri glossiert Luthers ^emdten' mit 'schneiden'
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS.
431
Eomschneiden
Wandern
Vaterloß kinder
Wacker
Sonderlich
Weydman
Schaffiier
Werck
Salman
Warm
BUck
WeU
Spelter
Wan
Fabel
Weyn
^yß
Weychen
Krychen
Eren
Reyssen
Weyasen
Munder
Besonder
eyn Jeger
eyn Pfleger
Flachs
Lachs
Hytz
ein Blitz
Zeit
eyn Scheidt
Lere
ein Mere
Most
Kost
Rawmen
Pflaomen
540
545
550
X.
Y.
[6 Yü a] 555
(Kluge' 86) ond nor die Züricher Bibel hat ^emden', während Eck ond die
Wormser Propheten es durch * schneiden' ersetzen (Kluge" 78). Meiere
schneiden in der em M eiber, Meto ich schneyd die frucht ab, haw ab ... .
Messio, Ein schneydung . . Messis, Die emd, die zeyt so man schneydet Dasyp.,
Komschneyden , Metere M aal er 249 b. Ist Eren = em, erne (ernte) oder
= emen (ernten)? Vgl. Id. 1, 462; 464, Dieffenbach-Wülcker 466, Strassburg
31, Lenz 9, Vilmar 94, Pfister 68, Crecelius 47 u. a. m. 537. Iter, nia, profectio,
die reyse, fart Alb. V iiij a. Wandern ist in Hessen un volkstümlich (Vilmar
441, Pfister EH. 2, 45). 538. Pupiüus . . . Ein vatterloser, ein weyse vatterhalb
Dasyp. (Tgl. sub orphantui)j das Vatterloß kind, Weyßling, Vogtkind M aal er
413a. 539. Vigil wacker Alb. n\ja, vigilans wachig, wachafft, ynschläffig,
wackerig Schöpperdyb, Maaler 480 b. Wacker ist wol hauptsächlich rhein.-
hessisch, munder oberd., ndrh. und niedersächs. (DWb. 6, 2699). 543. Cura
. . . . curator. Ein schaffiier, versorger, pfleger Dasyp., Viüicua pfleger,
Schaffner, ponitur sie in ewangelio Melber, Schaffner Oeconomus Alb. aa\)b,
haußhalter, haußvogt, Schaffner, keiner Alb. lljb. Vgl. auch 113. 543.
Vgl. 21. 544. Vgl. 482. 545. Vgl. 27. 546. blitz; blitzen Alb.
aa i^ a, Fidgur, Der blitz, wetterleych Dasyp., Ftdgur dunder, blick,
dunderschlag, wetterleich Melber (vgl. auch sub fubnen). 547. Vgl. 57.
548. Vgl. 330. Zu apelter vgl. u. a. Tobler 378, Schmeller« 2, 668 (Franken),
Lenz 45, Vilmar 389, Pfister 280 (Wetterau), Westerwald 221, Kehrein
1, 381. 549. Vgl. 285. 550. Vgl. 409. 551. Vgl. 310. 553. Vgl. 83.
554. Spina . . . Spinus, Ein pflaumen bäum, kriechen bäum Dasyp.
Krieche: DWb. 5, 2205, Id. 3, 785. Vgl. auch Pfister EH. 2, 15. Ist kriedie
432 MEIER
Z.
ZEiger
Deuter
Beisiger
Beuter
Zornig
Gram 560
Vnzucht
Scham
Zerkloben
Zerspalten
Heben
Halten
Ziel
ein
Zwegk
Moß
Fleck 565
Zweick
ein
Ast
Bttrd
ein
Last
Zerreyssen
Zerbrechen
Wyderdrieß t&n
Bechen
Zügel
Zam 570
Feistmilch
Bam
Diesser Disputa ist
Der ist Fmm der sich
hie volnent
von Sünden went.
oberd. und westmd.? 559. Milea . . . ruter, ritter, knecht, die reisigen
Melber, Equitatus einn reysiger gezeug. Eques, ein reuter, oder edel man
Alb. Bijb; Tro8sulu8 Ein reüter, edelman Dasyp.^ Eques, Beuter, reisiger
SchOpperh^a. 561. Erubeacentia schäm, schentlichkeit Melber. Vgl.
auch DWb. 8, 2109. 562. Vgl. u. a. Schmeller« 1, 1323, Vilmar 208. 563.
Vgl. 303. 564. Vgl. 31. 565. Macula, Ein flecke, masse Dasyp. Vgl.
211. 566. Vgl. 139. 567. ein bttrd, gebund, last Alb. Bü^ a, Onus, Ein
bürde, last oder beschwerd Dasyp. Bei Last ist das femininum md., das
masculinum oberd. (vgl. Kluge* 80). Vgl. auch Crecelius 224. 569. Dia-
plicere widder driß thun vel mißfallen Melber. Vgl. Schmeller' 1, 508; 509.
570. Ich denke nicht an das ac(j. zügel (Schmeller* 2, 1098, Schöpf 832), sondern
an Zügel = habeua. Wir haben dann in zam (= zäum) eine hess.-fränk.
lautgebung zu sehen. Der reim auf ram besagt nichts. Er kann ebensogut
zäum : raumf wie zam : ram sein. Bam ist nicht hessisch (Vilmar 318; 359),
wol aber bayr.-österr. (DWb. 8, 63), schwäbisch (Schmeller* 2, 92), öden wäldisch
(Ijenz 40), wetterauisch (? vgl. Weigand 2,426). 571. rame vaiste der
milich Dief. (DWb. 8, 63).
Die vorstehende Synonymik ') erregt deshalb unser besonderes
interesse, weil sie aus dem rahmen der bisher bekannten werke
und gattungen heraustritt. Durch die Untersuchungen Edward
^) Der abdruck reproduziert genau das original. Qeändert habe ich:
Zwöff in Zwölf 19, Wieter in Weiter 49, Kistner (: Pfyster) in Kister 59,
Rüdig in Beudig 179, Nydertechtig in Nydertrechtig 188, Hferdt in Pferdt 202,
Kreutldn (iPeutel) in Kreutel 403. Bei Spotten (: gesotten) 196 war das -en
nicht mehr zu lesen, ist aber ganz unzweifelhaft zu ergänzen.
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 433
Schröders und vor allem durch die gehaltreiche und scharf-
sinnige Studie Joachimsohns 2) sind wir in den letzten jähren
gerade über die deutsche rhetorik und Synonymik des 15. und
16. Jahrhunderts näher au^eklärt worden. Wir sehen, wie haupt-
sächlich zwei zweige ein kräftiges leben zeigen und sich weiter
und weiter ausdehnen. Die Vocabularii Praedicantium,^) die dem
*) E. Schröder, Jacob Schöpper von Dortmund und seine deutsche Syno-
nymik. Marburg 1890.
«) Zs.fdA. 37(1893), 24 ff.
») E. Schröder (Jacob Schöpper 27; vgl. auch GrGA. 1888, 8.256) hat
zuerst wieder auf den Vocabularius Prsedicantium des Johannes Melber
von Geroltzhofen aufmerksam gemacht (vgl. auch Joachimsohn 1. c. 84
Anm. 4). Die angaben aber, die er in der anmerkung über ihn macht, sind
falsch und lassen sich ergänzen. Melber ist, was sich jetzt übrigens leicht
mit hilfe der register, die Schröder noch nicht vorlagen, constatieren lässt,
am 20. dezember 1453 als Johannes Melber de Oereltzhofen (QeroUzhofen in
dem Verzeichnis der bacc. art.) in Heidelberg immatrikuliert und wird Bacca-
lareus artium via antiquorum am 8. november 1455 (ed. Töpke 1, 277 und anm.).
In der Erfurter matrikel steht sein name nicht, wol aber der eines verwandten
Hefiricus Melber de GerolsJioffen (1465 ed. Weissenbom 312, 33); ein jüngeres
familienglied gleiches namens auch in den Heidelberger matrikeln am aus-
gange des 15. Jahrhunderts (1, 400; 2, 424). Wir haben die lebenszeit Johannes
Melbers also erheblich früher anzusetzen, als Schröder es tut. Wie auch
Joachimsohn an der en^ähnten stelle anführt, besitzt die Königliche öffent-
liche bibliothek zu Dresden ein autographon Melbers (Msc. Dresd. M. 165; vgl.
Schnorr von Carolsfeld, Katalog der handschr. der K. öffentl. bibl. zu Dresden
2, 476 f.). Das zweite der in dem betreffenden bände enthaltenen werke ist eine
Übersetzung der synonymen des Stephanus Fliscus von Soncino (vgl. über ihn
hier nur Joachimsohn 1. c. 87), die, was Joachimsohn wol übersehen hat, den
deutschen und lateinischen text gibt und nach der subscription im jähre 1453
Amber ge (Amberg, reg.-bez. Oberpfalz; in jener zeit war es rheinpfälzisch)
vollendet ist. Im gegensatze zu Schnorr von Carolsfeld scheint es mir der
Schrift nach unzweifelhaft, dass auch das erste der dem bände eingefügten
werke, eine lateinische rhetorik, von Melber geschrieben ist. Der subscription
zufolge wurde dies werk (wol eine abschrift oder nachschrift) vollendet im
jähre 1454 in 3a feria ante valentini (11. februar 1454). Nach Schnorr von
Carolsfeld ist die Ortsangabe In Kdnitz zu lesen. Ich halte dies deshalb
nicht für wahrscheinlich, weil der Schreiber fast ausnahmslos i- punkte setzt
und ein solcher hier fehlt. Es kann Kdmtz heissen, das über dem e stehende,
allgemeine, nicht nur für n oder m geltende abkürzungszeichen mag aber
ebenso gut etwas anderes bedeuten, da der Schreiber die gewaltsamsten ab-
breviaturen liebt. Aus der Ortsangabe ist jedenfalls sicheres nicht zu ent-
nehmen.
Interessant ist es uns, dass Melber schon vor dem besuch der Universität
Heidelberg sich mit rhetorik und Synonymik beschäftigte und dass er diese
Studien während (und nach?) seiner universitätszeit fortsetzte, die er nach
7«tg»be Ar Storen. 28
434 MEIER
Prediger material zur variierung und ausschmückung seiner rede
bieten wollen, und die formulare und deutschen rhetoriken, die
der forensischen und öffentlichen beredsamkeit, wie auch dem
schriftlichen ausdruck dienen. Die führende Stellung der
* Deutschen Schreiber' bei der letzteren kategorie hat uns
Joachimsohns aufsatz wider so recht deutlich und nachdrücklich
erkennen lassen.
Während aber diese beiden arten von werken sich mehr
an ganz- oder halbgelehrte kreise T^nden, werden durch das
unmittelbare und rein praktische bedürfnis bei einzelfällen andere
Unternehmungen ins leben gerufen, die hauptsächlich für die
laien und ungelehrten berechnet sind. Dahin gehört die Petrische
erklärung Lutherscher ausdrücke und ähnliches.*)
Eine neue kategorie wird durch unser werk, dann auch
durch Schöppers Synonymik gebildet. Es soll hier nicht mehr
ausschliesslich dem bedürfnis nach Variation des ausdrucks
rechnung getragen, nicht nur material dem leser an die hand
gegeben werden, sondern die Verfasser wollen andersmundartliche
ausdrücke in den eigenen dialekt aufnehmen oder aber sie er-
klären und dem Verständnis näher bringen. Wie eng diese
gruppe mit den andern zusammenhängt, hat Schröder für
Schöpper erwiesen,*) und auch unsere anmerkungen bieten dazu
noch weiteres material.
Doch auch von *Der Leyen Disputa', so eigenartig sie auf
den ersten blick zu sein scheint, führen allerhand fäden zu den
andern gruppen hinüber. Der Verfasser will mit seinem büchlein
dem Unterricht dienen. Er hat den jungen Schülern die synonyma
seiner subscription in dem ersteren der beiden werke auf kürzere oder längere
zeit unterbrochen haben muss. — Die Ton einer späteren hand geschriebene
notiz auf dem ersten blatt des zweiten werkes : ad librariam in GeroUzhoffen
mag wahrscheinlich machen, dass Melber später wider in seiner Vaterstadt (?)
Geroltzhofen gelebt hat. Die beiden werke verdienten wol gelegentlich einmal
beachtung.
In bezug auf Melbers vocabular will ich noch darauf hinweisen, dass
bereits das bücherverzeichnis des klosters Michelsberg vom jähre 1481 unter
nr. 80 den VocabtdaHus mag. lodoci enthält und dass ein inventar von 1483
die notiz hat : Vocabularius predicancium pro Hfl. III Ib.j Vocabulariua Doctoria
lodoci (Neues archiv 21, 173 und 190). Vgl. auch bei Fischart ((>arg. neudr. 223)
Stephani Flisci Logici copiosi^ & Bah: loannis Vocahularivs reman etymologi-
satus, lodoci de Calue Prcedicatoris in HeideWerga EocpoHtor VoccÄulorum.
>) GQA. 1888, 276.
*) Jacob Schöpper 29 ff.
SYNONYMIK DES 16. JAHBHUNDEETS. 435
zäsamen gereimpt, sich darinn z& üben / vnd Urnen lesen, und
auch der holzschnitt auf bl. A j b deutet auf die behandlung
seitens eines lehrers hin, der anredend und fragend (Disputa:
Was heißt?) gedacht wird. Wie schon der titel sagt ist es ein
Disputa der Leyen und nicht ursprünglich für die gelehrten
bestimmt, die ja in anderer weise und über andere dinge dis-
putieren, wie es der Verfasser auch in der voiTede ausspricht.
Allein er meint dort auch, trotzdem könnten Teutsche redner
und Prediger daraus anregung schöpfen für die färbung und
variierung ihrer rede. Hier knüpft der verf. also wider an die
Rhetoriken und Vocabularii Prsedicantium an, und er will auch
nach diesem elementarwerk, das nit mit der menig vnd scherpff
gesetzt ist, ein anderes grösseres schreiben, das vollständig in
den kreis der von deutschen Schreibern gelieferten arbeiten
hineingehört, wie sie uns Joachimsohns aufsatz schildert. Er will
nocÄ de (wol = noch deni, und nicht = noch defin) vfz den
Synonyma / vnd geferwten künstlichen Plümen vnd Leren Marci
Tulij Ciceronis / vfz seim Prunnen wolredens j vil dupfferer lere
schöpffen, und will sie Teutschen / vnd zusamen orden / durch den
Truck manigfaltigen j vnd inn die Land vfzspreitten lassen.
Es ist hier ein pseudociceronianisches werk, die (alphabetisch
geordneten) Synonyma Ciceronis gemeint, wie wol mit den 'Blumen
und Leren ' die kunstausdrücke, welche sich im vierten buch des
Cicero zugeschriebenen werkes ad Herennium finden. Beide
Schriften sind von grossem einfluss auf die mittelalterliche rhe-
torik gewesen. Wir haben auch Verdeutschungen der Synonyma
Ciceronis erhalten, von denen Joachimsohn (1. c. 85) zwei gruppen
anführt. Ob unser Verfasser seine im vorwort geäusserten ab-
siebten ausgeführt hat, weiss ich allerdings nicht zu sagen.
Dass er kenntnis von den Rhetoriken und Vocabularii
Praedicantium besessen habe, ist sehr wahrscheinlich. Aber
irgendwelchen tiefergehenden einfluss vermögen wir nicht zu
constatieren. Dagegen müssen wir benutzung lateinisch-deutscher
vocabularien annehmen; denn, wie die anmerkungen in vielen
fällen zeigen, handelt es sich bei den synonymen oft um ganz
traditionelle paare, die auch nicht dem wünsche, mundartlich
gefärbtes material zu bringen, ihre aufnähme verdanken können.
Welches der vielen glossarien aber benutzt ist, habe ich hier in
Halle, w^o die bibliothek fast nichts einschlägiges besitzt, nicht
constatieren können,
28*
436 MEIER
Die absieht des Verfassers bei diesem büchlein geht dahin,
wie er es selbst ausspricht, den Jungen Teutschen Schülern
mehrere ausdrücke für eine sache mitzuteilen, weil in dem
Deutsch der verschiedenen landschaften die dinge auch ver-
schieden genannt würden. Auch er also, wie so viele seiner
Zeitgenossen, weiss nichts von einer gemeinsprache, sondern nur
von mehreren, landschaftlich verschiedenen sprachen. Sein material
ist infolge dessen dialektisch stark gefärbt, und wenn daneben
anderes, mehr indifferentes auftritt (siehe s. 435), so ist das
wol in der hauptsache dem bedürfnis nach bequemen reimen zu-
zuschreiben (vgl. aber unten s. 439 anm. 1). Es ist natürlich,
und für uns sehr interessant, dass die ausdrücke für concrete
dinge überwiegen, im gegensatz z. b. zu den synonymensammlungen
der Rhethoriken.
Für die bestimmung der heimat unsres unbekannten Ver-
fassers stehen uns zwei kiiterien zu geböte: die reime und das
Wortmaterial. Die ersteren sind ganz entschieden mitteldeutsch.
Um sofort sicheren boden unter den füssen zu haben, nenne ich
den in den einleitungsversen stehenden reim (s. 402): geleiden :
uberstreiden (geltden : üherstriten). Zu beachten ist femer kün
Qcüene) : hün (büne) 246. Vgl. weiter Sticher (Stecher) : Sicher
357, Nystel : Kistel (nestel : kistel) 359; Schrann : Schann {schände)
24, Gesynn (gesinde) : Gewynn 105, Eennen : Wennen (wenden)
273, Eenner : Schenner (sehender) 460; BergJc (mons) : Wergk
(stuppa) 20, Zwegk (ziel) : Wegk (weg) 240, Banck : Stranck (der
Strang) 384; Bt\gen (ruhen) : Lugen 371, Eye : Flye (flieh) 82.
Diese mitgeteilten reime scheinen auf das gebiet der rhein-
fränkischen mundart zu weisen.*) Charakteristisch ist das
schwanken zwischen e und i, für das ich Archiv f. Frankfurts
gesch. 3, folge 4 (1893), 204 1 beispiele angeführt habe. Vgl. auch
PBrBeitr. 4, 13; 22 und Weinhold, Mhd. gr.« § 46 1 In die gleiche
gegend passen auch die anderen erscheinungen. So führt z. b.
Bahder (Grundlagen des nhd. lautsystems 49) die ganz gleichen
reimbindungen des Wetterauers Erasmus Alberus an : schreiden :
leiden, sadel : adel-^ gangk : kränck, hergk : merck, weg : dreck.
Nach Rheinfranken, genauer nach Frankfurt a. M., Hessen-
Darmstadt, Aschaffenburg, Oberhessen, Wetterau, Nassau, Mainz,
*) Wenn ich richtig annehme, dass Zam : Barn 570 = Zaum : Bäm ist,
so spricht aach der lautwandel au > (2 für meine lokaMerang.
SYNONYMIK DES 16. JAHRHÜNDEETS. 437
weisen die in den angeführten reimen auftretenden laut-
erscheinungen, denen ich noch ein paar weitere für das gebiet
des Mitteldeutschen charakteristische formen anreihe: Strel
(strcel) : SOiel 236, Streln (strcelen) : Stein 264', Speer : Meer
(nuBre) 408, (histeet (unstcete) : Onred 533. Zum teil ist in
diesen reimen dehnung des kurzen vokals eingetreten, die sich
auch in den nachfolgenden zeigt: Zeerti : Leern (jsem : leren) 101,
BacJi : Bach (räcJie) 523, Wem : Leren (wem : leren) 494, Ver-
helen : Feien 504. Verschiedenheit der vokalqualität und -quantität
zeigt: Loßen : Moßen {losen [hören] : mäsen) 210.
Der reim Pfülwen : Mülwen 209 zeigt entrundung des
Ä, der reim Hock (hoike) : Gödc 288 setzt den wandel von ö > e
voraus.
Mit der lautgebung, wie sie in gesicherten reimen auftritt,
befindet sich die sonst vorkommende ganz im einklang. Vgl.
die umgekehrte Schreibung Dünckel (dinkel) : Winckel 410 und
femer Pfyte (pfütze) 333; Troer 293, S troff er : Schlöffer (straf er
: schlaf er) 208 (vgl. z. b. Alberus Fabeln ed. Braune s. 8:
schwdrmcr), Erden (irdin) 103. Zu den reimen stimmt die
Schreibung -gk, -ck für auslautendes -g, z. b. Schlagk 272, Ver-
tragk : Kragk 367, Zweick 566.
Wichtig sind die nasalierten formen wünst (wüst) 251
und Schirmmeinster 440. Auch für diesen Vorgang, der sich
rheinfränkisch, me übrigens auch sonst findet, habe ich im
Frankfurter archiv 4, 208 f. beispiele angeführt, denen ich
noch Lenz 30 hinzuzufügen bitte, auf die ich im übrigen
aber verweisen kann. Ebenso ist im weiten sinne md. die form
genung 862.
In den drucken jener gegend überwiegt e für ä, d und so
finden sich denn auch in dem unsrigen nur ein paar beispiele
davon; vgl. Drdg 108, Hdbig 170. üe ei'scheint als ü, ie im all-
gemeinen als i, y (aber vgl. Lyecht 275). Dieser gegend ist auch
das schwanken zwischen D und T, JB und P im anlaut eigen,
wie es sich in unserem büchlein zeigt: Dot, Drumm, I>renimel,
Doben, Drofz, Bram u. a. neben Treuweviy Troer, Treck fjsler, Tram,
Browser, Bauck, Bausch, Bander, Breysen u. a. neben Gepeck,
Bander, Pyret, Peutel Nicht dagegen spricht die tatsache, dass
pf nicht, wie es dem dialekt zukäme, als p, sondern stets als
pf erecheint, denn das j^f tritt in den drucken dieser gegend
allgemein aut Einmal ist dem Verfasser oder drucker ein p
438 MEIER
entsclilüpft; es steht Paffen 401. Md. sind auch Schreibungen
wie Mauwer (: Buwer) 71, Scheuwer : Geheuwer 474
Erwähnen will ich noch das vorkommen von un- = on-
(önglaubiger 137 onsteet 533), zu dem man Dieffenbach 1. c. s. 520
vergleichen möge. Als Verkleinerungssilben treten -lein und -el
auf, was z. b. E. Wülcker für die ältere zeit von Frankfurt an-
führt (PBrBeitr. 4, 15 anm. 1).
Singular ist bShel (bühel) 20, doch tritt zuweilen in jener
gegend ein 6 für ü auf. Seltsamer erscheinen zwei andere formen:
gepUmpte s. 403 und Pfaten (pfeit) 397. Bei dem ersteren wort
liegt entweder ein druckfehler vor, oder es ist der ausdruck auch
seiner form nach aus einer alemannischen oder bayrischen Rhe-
torik herübergenommen. Bei pfaten darf man deshalb an keinen
druckfehler denken, weil p faxten das einzige ai in unserer
Synonymik sein wüi-de. Wir haben also von der form pfcUen
auszugehen und müssen annehmen, dass das wort dem verfiasser
der Synonymik in dieser gestalt zugekommen ist und er es in
der dialektform aufgenommen hat. Der wandel von altem ei> a
in gewissen fällen ist bayr.-östr.; vgl. Weinhold, Bayr. gr.
§ 39, s. 52.
Diese beiden formen, wie auch das nebeneinander von oberd.
und md. gestalten des gleichen wertes {hüpffen, hopffen 433, 435)
können nicht die annähme erschüttern, dass, wie der Verfasser
der Synonymik ein Rheinfranke ist, auch der druck dort seine
heimat habe. Wenigstens spricht entscheidendes nicht dagegen.
Welchem oit und welchem drucker das werk zuzuweisen ist,
mögen kenner der druckgeschichte bestimmen. Es ist wahr-
scheinlich, dass die initialen eine einreihung erleichtem. Ich
halte Frankfuit a. M. nicht für ausgeschlossen.
Wie hier uns die lautlichen und formalen gründe auf die
annähme fülirten, dass der Verfasser der Synonymik dem rhein-
fränkischen dialektgebiete angehöre, so zeitigt eine musterung
des vorgebrachten wortmaterials das gleiche resultat.
Bei einer betrachtung der herkunft der einzelnen werte
ist es nicht leicht, entscheidende kriterien zu finden. Vielfach
versagen unsere hilfsmittel, vielfach zeigt sich aber auch, dass
das Rheinfränkische und Oberdeutsche einen ähnlichen wort-
bestand hat, dass das Oberdeutsche und Westmitteldeutsche gegen
das Ostmitteldeutsche zusammengeht. Ich kann hier das in den
anmerkungen enthaltene material nicht noch einmal vorfähren,
SYNONYMIK DES 16. JAHRHUNDERTS. 439
sondern muss mich begnügen das wichtigste und entscheidende
kurz hervorzuheben.
Eine ganze anzahl von synonymenpaaren verwerten all-
gemeines material, wie es in den vocabularien vorlag und in
den verschiedenen landschaftlichen Umgangssprachen in gebrauch
sein mochte.*) Der grösste teil des angeführten aber zeigt uns
die contrastierung eines oberdeutschen ausdrucks mit einem rhein-
fränkischen. Diese oberdeutsche Schicht lässt sich meistens nicht
spezieller bestimmen, aber bei einer anzahl von Wörtern können
wir doch die genauere herkunft feststellen. Die meisten der
oberdeutschen worte, die sich nur über ein engeres gebiet ver-
breiten, sind alemannisch, resp. schwäbisch-alemannisch. Hierher
gehören z. b. Köt 54, Dischmacher 72, Schantz 183, Matt 213,
FeUg 217, Sträl 236, Keidel 240, Heeß 254, Kutter 455. Einige
andere beschränken sich, wie es scheint, auf das bayr.-östr.
gebiet: Bygel 39, Tfleg 113, leg 157, kren 300, Pfaten 397.
Gehen wir nun zu dem mitteldeutschen material über, so
zeigen sich hier einige wenige ausdrücke, die entschieden mittel-
fränkisch sind, oder jedenfalls dort ihren ui-sprung gehabt haben,
so z. b. Cran 41; 492, Gaffel 173, Geck 289. Fraglich ist Ley,
ein wort, das auch in das Khein.-Hessische übergreift.
Bei weitem die hauptmasse des mundartlich gefärbten
materials ist aber südhessisch -nassauisch -rheinisch (incl. Mainz
und Aschaffenburg). Und speziell scheinen manche Wörter für
Oberhessen und Wetterau zu sprechen. Ich nenne hier die
folgenden ausdrücke, über die man das einzelne in den an-
merkungen nachsehen möge, ohne indessen jeden für ausschlag-
gebend und ausschliesslich oberhessisch -wetterauisch zu halten.
Ich führe an: Kare 10, Bort 30, Bausch 39, Bender 50, Ley
89(?), Meyen 93, erden. 103, Faleisen, Schlinck 128, Zeyn 146,
Schel (= einäugig) 237 (?), Rügen 361, Züher 374, Krew (= Rabe)
395, ScJuinck 406, Scherrer (mit rr) 416, Gauff 418, Kreischen
*) Vgl. 8. 436. — Eine vennutung will ich hier nicht unterdrücken,
aber doch mit aller reserve widergeben: Sind yielleicht, die richtigkeit der
lokalisiemng in Oberhessen und der Wetterau vorausgesetzt, manche paare
angeführt wegen dialektischer homonymen? Z. b. Leren (= vnderweisen) wegen
lernen = l^ren, Bofzen (= doben) wegen rofzen (faulen), Seül (= Pfost)
wegen Seul (Pfriem), Segen (= weyhen) wegen fenen (= segnen), Senen
(= verlangen) aus dem gleichen gründe?